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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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VI

Die Stunden eilen

In der Festung, wo die verurteilten Terroristen saßen, steht ein Glockenturm mit altertümlichem Uhrwerk. Jede ganze, jede halbe, jede viertel Stunde erklingt das traurige, langgezogene Schlagen der Uhr und erstirbt in der Höhe wie der klagende Ruf der Zugvögel. Tagsüber verlor sich diese eigentümlich wehmütige Musik im Stadtlärm der großen belebten Straßen, die an der Festung vorbeiführen. Tramways spektakelten, Pferdehufe klapperten, schon von weitem hörte man das Tuten der Automobile. Zur Faschingswoche waren aus der Umgegend spezielle Fuhrleute – Bauern – eingefahren, und die Schellen an den Hälsen ihrer kleinrussischen Pferdchen erfüllten die Luft mit lustigem Gebimmel. Und ein Sprechen und Lachen auf der Straße, das vergnügte, nicht ganz nüchterne Sprechen der Butterwoche! Also vielstimmig feierte der junge Frühling mit Tauwetter, schmutzigen Pfützen und unversehens schwarz gewordenen Bäumen an den Squares seinen Einzug. Vom Meer her blies in breiten, feuchten Wellen ein warmer Wind; mit eigenen Augen glaubte man die winzigen Luftpartikelchen zu sehen, die lustig in eiligem Flug in unbekannte Weiten entschwanden.

Nachts verstummten die Straßen, beim alleinigen Licht der großen elektrischen Sonnen. Dann versank die riesige Festung, an deren glatten Mauern kein Lichtchen brannte, in Finsternis und Stille; wie ein Bild des Schweigens, des Todes und des Dunkels lag sie gesondert von der ewig lebendigen, regsamen Stadt. Und das Schlagen der Uhr wurde vernehmbar; erdenfern, langsam und traurig erstand und verklang diese seltsame Melodie in der Höhe, wurde wiedergeboren, lag leise klagend im Ohr, brach ab und begann von neuem. Große, helle Glastropfen, fielen die Stunden und Minuten in eine leise klingende Metallschale. Oder war es der Ruf der Zugvögel? . . .

In den Einzelzellen der Verurteilten vernahm man Tag und Nacht diesen Klang. Durchs Dach, durch die Dicke der Steinmauern drang er, brachte die Stille ins Schwanken und entschwand unmerklich, um ebenso unmerklich wiederzukommen. Manchmal vergaß man ihn, hörte ihn nicht; manchmal wartete man auf ihn, lebte, von Schlag zu Schlag, der Stille mißtrauend. Nur für schwere Verbrecher war dieses Gefängnis bestimmt, besonders harte, strenge und rauhe Gesetze, wie die eckigen Festungsmauern selbst, herrschten darin. Wenn Strenge Adel in sich schließen kann, so war es die taube, tote, majestätische, stumme Stille in ihr, die jedes Geräusch, jedes leichte Atmen auffing.

Und in dieser feierlichen Stille, erschüttert vom traurigen Klang der enteilenden Minuten, erwarteten getrennt von allen Lebenden, fünf Menschen, zwei Frauen und drei Männer, das Anbrechen der Nacht, das Morgengrauen und die Hinrichtung und bereiteten sich jeder auf seine Weise darauf vor.

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