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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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V

Gib ihm einen Kuß und schweig

Das Urteil über die fünf Terroristen war endgültig proklamiert und am selben Tage bestätigt worden. Man hatte ihnen nicht mitgeteilt, wann die Hinrichtung stattfinden sollte, aber aus dem Gebrauch, den sie kannten, schlossen sie, daß sie in dieser oder in der darauffolgenden Nacht gehängt würden. Und als man ihnen am nächsten Tage den Vorschlag machte, Verwandte bei sich zu empfangen, wußten sie, daß die Vollstreckung der Todesstrafe am Freitag in aller Frühe stattfinden würde.

Tanja Kowaltschuk hatte keine nahen Angehörigen, die anderen lebten irgendwo in einem abgelegenen Winkel in Kleinrußland, ahnten wohl kaum etwas von ihrer Inhaftierung und der bevorstehenden Hinrichtung. Bei Mußja und Werner, als den beiden Unbekannten, setzte man keine Verwandten voraus, und nur zweien, Ssergei Golowin und Wassilis Kaschirin, stand ein Wiedersehen mit den Eltern bevor. Und beide dachten mit Angst und Pein an dieses Wiedersehen, konnten sich aber nicht entschließen, den Alten eine letzte Unterredung, einen letzten Kuß zu versagen.

Besonders Ssergei Golowin quälte der Gedanke an das bevorstehende Wiedersehen. Er liebte Vater und Mutter sehr, hatte sie erst kürzlich gesehen und war jetzt voll Sorge, wie es sein würde. Die Hinrichtung selbst in ihrer ganzen Außergewöhnlichkeit und verblüffenden Absurdität erschien ihm weniger schwer und schrecklich wie die paar kurzen unfaßlichen Minuten, die gleichsam außerhalb von Zeit und Leben standen. Wie sollte er sich benehmen, was denken, was sprechen? Darauf hatte das menschliche Hirn keine Antwort. Das Allergewöhnlichste und Natürlichste, die Hand zu fassen, zu küssen und »guten Tag, Vater«, zu sagen, kam ihm so unglaublich grauenvoll vor, in seiner unmenschlichen, witzlosen Lügenhaftigkeit.

Nach Proklamation des Urteils wurden die Terroristen nicht zusammengetan, wie Tanja Kowaltschut geglaubt, sondern blieben in Einzelhaft. Den ganzen Morgen bis elf Uhr, wo seine Eltern kommen sollten, raste Ssergei Golowin wie ein Besessener in seiner Zelle herum, zupfte an seinem Bärtchen, zog die Stirn in Falten und brummte etwas vor sich hin. Dazwischen machte er plötzlich Halt, atmete tief auf und stieß die Luft aus, wie ein Mensch, der zu lange unter Wasser geblieben ist. So gesund war er, so fest saß das junge Leben in ihm, daß sogar in Momenten ärgster Qual ihm das Blut ins Gesicht stieg und die Wangen färbte, seine Augen blau und kindlich hell erstrahlten.

Es ging indessen bedeutend besser, als Ssergei gefürchtet hatte.

Als Erster trat in das Zimmer, wo das Wiedersehen stattfinden sollte, Ssergeis Vater, der Oberst a. D. Nikolai Ssergejewitsch Golowin. Alles war weiß an ihm, Gesicht, Bart, Haare und Hände, als hätte man eine Figur aus Schnee in menschliche Kleider gesteckt; er trug den alten, gut gereinigten, nach Benzin riechenden Rock mit Querepauletten. Mit festen sicheren Schritten trat er wie zur Parade ein, streckte die weiße magere Hand aus und sagte:

– Guten Tag, Ssergei.

Hinter ihm her ging mit kleinen Schritten die Mutter und lächelte eigentümlich. Aber auch sie drückte ihm die Hand und wiederholte laut:

– Guten Tag, Ssergei.

Dann küßte sie ihn auf den Mund und setzte sich schweigend. Glättete sich sogar mit zitternder Hand das schwarze Seidenkleid.

Ssergei ahnte nicht, daß die ganze Nacht vorher, eingeschlossen in seinem Schreibzimmer, sich der Vater, alle Kraft zusammennehmend, diesen Modus ersonnen hatte. – Nicht erschweren, erleichtern müssen wir unserem Jungen die letzten Minuten – hatte der Oberst beschlossen und jeden möglichen Satz des morgigen Gespräches, jede Bewegung wohl erwogen. Aber dazwischen war er ganz konfus geworden, hatte den Faden verloren und bitterlich in der Ecke seiner Wachstuchsofas geweint. Am Morgen hatte er dann seiner Frau erklärt, wie sie sich beim Wiedersehen benehmen sollte.

– Die Hauptsache ist die, du gibst ihm einen Kuß und schweigst, unterwies er sie. – Nachher kannst du auch sprechen, nur etwas später. Wenn du ihn küßt, sei still. Sprich nicht gleich nach dem Kuß, verstehst du mich? Sonst sagst du nicht das, was du sollst.

– Ich verstehe, Nikolai Ssergejewitsch, hatte die Mutter weinend geantwortet. – Und weine nicht! Gott behüte, wenn du weinst, Alte! Du bringst ihn um.

– Aber warum weinst du denn selbst?

– Nur weil du weinst. Du darfst nicht, hörst du?!

– Gut, Nikolai Ssergejewitsch!

In der Droschke hatte er noch einmal seine Instruktionen wiederholen wollen, es aber vergessen, und so fuhren sie beide schweigend, gebeugt, beide alt und grau in tiefen Gedanken, und um sie lärmte heiter und vergnügt die Stadt: Es war Fasching, und in den Straßen herrschte buntes Leben und Treiben.

Sie hatten sich hingesetzt. Der Oberst stand in der vorgenommenen Pose, die rechte Hand hinter dem Rocküberschlag. Ssergei saß einen Augenblick lang, sah dicht neben sich das runzelige Gesicht der Mutter und sprang auf.

– Sitz doch, Ssereshenka, bat die Mutter.

– Setz dich, wiederholte der Vater.

Sie schwiegen. Die Mutter lächelte eigentümlich.

– Wieviel Schritte wir für dich gemacht haben, Ssereshenka! Der Vater . . .

– Das war vergeblich, Mamachen.

Der Oberst sagte fest:

– Wir mußten etwas für dich tun, Ssergei, damit du nicht denkst, die Eltern haben dich im Stich gelassen.

Wieder schwiegen sie. Es war zu entsetzlich, etwas zu sagen, jedes Wort auf der Zunge verlor seinen Sinn und bedeutete nur das eine: Tod! Ssergei sah den sauberen, nach Benzin riechenden Rock des Vaters an und dachte: sie halten jetzt keinen Burschen mehr, also reinigt er selbst seinen Rock. Wie habe ich es früher nicht bemerkt, wann er ihn rein macht? Wahrscheinlich früh am Morgen. Und plötzlich fragte er:

– Und wie geht es Schwester Nina? Ist sie gesund?

– Ninotschka weiß nichts . . . beeilte sich die Mutter zu antworten.

Der Oberst unterbrach sie streng:

– Warum sprichst du die Unwahrheit? Das Mädchen hat es in der Zeitung gelesen. Ssergei soll wissen, daß alle seine Angehörigen in dieser Zeit an ihn gedacht haben und . . .

Weiter kam er nicht. Plötzlich veränderte sich das Gesicht der Mutter, verzog sich, zuckte, wurde naß und unkenntlich. Die farblosen Augen weiteten sich, immer rascher, kürzer und lauter ging der Atem.

– Sse-Sse-Sse-Sse, wiederholte sie, ohne die Lippen zu bewegen. Sse . . .

– Mamachen!

Der Oberst trat vor. Jede Falte seines Rockes, jede Runzel im Gesicht erbebte. Nicht ahnend, wie furchtbar er selbst in seiner Totenblässe, seiner verzweifelten, qualvollen Energie war, sagte er zu seiner Frau:

– Schweig! Quäle ihn nicht. Quäle ihn nicht. Er muß ja sterben. Quäle ihn nicht!

Sie schwieg bereits verschüchtert. Aber er wiederholte noch immer mit verhaltenem Zittern, die geballte Faust gegen die Brust gedrückt:

– Quäle ihn nicht . . .

Dann trat er zurück, schob die Hand hinter den Rocküberschlag und fragte mit erzwungener Ruhe und weißen Lippen:

– Wann?

– Morgen früh, antwortete Ssergei mit ebenso weißen Lippen.

Die Mutter schaute zu Boden, bewegte kauend den Mund und schien nicht zu hören. Dann ließ sie, immer noch kauend, die gewöhnlichen, hier so seltsam klingenden Worte fallen:

– Ninotschka schickt dir einen Kuß, Ssereshenka.

– Küsse sie von mir, sagte Ssergei.

– Danke. Und Chwostows lassen dich grüßen.

– Was für Chwostows? ach so, die . . .

Der Oberst unterbrach sie:

– Jetzt müssen wir gehen. Steh auf, Mutter, es muß sein.

Auf beide gestützt, richtete sich die Mutter auf.

– Verabschiede dich, befahl der Oberst, bekreuzige ihn!

Sie tat alles, was man ihr vorschrieb. Als sie aber den Sohn bekreuzigte und mit schnellem Kuß geküßt, schüttelte sie den Kopf und wiederholte immer wieder:

– Nein, so war es nicht. Nicht so – nein – nein – nein. Was sollte ich dann, was muß ich jetzt sagen? Nein, nicht so . . .

– Leb wohl, Ssergei, sagte der Vater. Sie drückten sich fest die Hand und küßten sich schnell.

– Du . . . begann Ssergei.

– Nun? fragte der Vater schroff.

– Nein so nicht. Nein, nein. Was sage ich denn? wiederholte die Mutter. Sie hatte sich wieder gesetzt und wiegte den Oberkörper hin und her.

– Du . . . begann Ssergei von neuem und plötzlich wurde sein Gesicht kläglich, weinerlich wie bei einem Kinde, seine Augen füllten sich mit Tränen, und durch den glitzernden Tränenschleier sah er ganz nahe vor sich das weiße Gesicht des Vaters mit ebensolchen Tränen in den Augen:

– Vater, du bist ein edler Mensch . . .

– Was sagst du da? Was sagst du da? wiederholte der Oberst erschrocken. Und mit einemmal sank er zusammenbrechend an die Schulter des Sohnes. Einst war er größer als Ssergei, jetzt war er ganz klein, und der magere Kopf mit den wirren Haaren lag wie ein weißer Knäuel an der Schulter des Sohnes. Und beide küßten sich schweigend, leidenschaftlich; Ssergei das wirre, weiße Haar, der Alte den Arrestantenrock.

– Und ich? fragte plötzlich eine laute Stimme.

Sie sahen auf. Die Mutter war aufgestanden und blickte sie erhobenen Hauptes neidisch, fast feindlich an.

– Was willst du, Mutter? rief der Oberst.

– Und ich? sagte sie den Kopf schüttelnd, mit einem Ausdruck wilder Entschlossenheit. – Ihr küßt euch, und ich? . . . Ihr Männer küßt euch? . . . Und ich? Wo bleibe ich?

– Mamachen! Ssergei stürzte auf die Mutter zu. Und da geschah etwas, was nicht erzählt werden kann und soll.

Die letzten Worte des Obersten waren:

– Ich segne dich für den Tod, Sseresha! Stirb tapfer wie ein Offizier!

Und sie gingen. Fort waren sie. Sie kamen, standen, sprachen, und plötzlich waren sie gegangen. Hier hatte die Mutter gesessen, hier stand der Vater – und plötzlich waren sie fort. In seine Zelle zurückgekehrt, legte sich Ssergei auf die Pritsche, mit dem Gesicht zur Wand, um sich den Blicken des Soldaten zu entziehen, und weinte lange. Dann schlief er, ermüdet von den Tränen, fest ein.

*

Zu Wassilij Kaschirin kam nur die Mutter. – Der Vater, ein reicher Kaufmann, fühlte sich nicht bewogen. Wassilij empfing die Alte im Zimmer auf- und abgehend, vor Kälte zitternd, obwohl es warm, ja sogar heiß war. Die Unterhaltung war kurz und peinvoll.

– Sie hätten nicht kommen sollen, Mama. Sie quälen nur sich und mich. –

– Ach, warum tatst du das, Wassja! Ach Gott, ach Gott! Die Alte weinte und wischte sich mit einem Zipfel ihres schwarzwollenen Kopftuches die Augen. Wassilij und seine Brüder waren es gewöhnt, die Mutter, die schwer von Begriff war, anzuschreien, und so sagte er auch jetzt unmutig, vor Kälte zitternd:

– Da haben wir's! Das wußte ich ja! Sie verstehen doch auch gar nichts, Mama! – Gar nichts!

– Nun gut, gut . . ;. was ist dir? Ist dir kalt?

– Kalt . . . –? fiel er ihr ins Wort und begann seine Wanderung von neuem, mit scheelem Blick auf die Mutter.

– Vielleicht bist du erkältet?

– Ach, Mama, wo soll man da erkältet sein . . . wenn . . .

Er machte eine desperate Bewegung mit der Hand. Die Alte wollte sagen: Papa läßt seit Montag Blinis für dich backen, . . . erschrak aber und fing an zu klagen:

– Ich sagte ihm: es ist doch dein Sohn. Geh hin und gib ihm deine Verzeihung. Nein, versteift sich der alle Ziegenbock . . .

– Zum Teufel mit ihm! Was für ein Vater ist er mir!? Ein Lump ist er sein Leben lang gewesen und geblieben.

– Wassenka, sprichst du so über deinen Vater? Die Alte richtete sich vorwurfsvoll auf.

– Ja, über meinen Vater.

– Deinen leiblichen Vater?

– Wann war er mir ein leiblicher Vater?

Es war zu läppisch und widersinnig. Vor ihm stand der Tod, und hier erwuchs etwas Nichtiges, Leeres, Witzloses, und Worte krachten, wie Nußschalen unter der Fußsohle. Beinahe weinend vor Qual und gemartert von dem steten Nichtverstehen, das wie eine Wand sein ganzes Leben zwischen ihm und den Seinen gestanden und jetzt in den letzten Minuten vor dem Tode die kleinen blöden Augen wild aufriß, schrie Wassilij:

– So verstehen Sie doch, ich werde gehängt! Gehängt! Begreifen Sie noch nicht? Gehängt!

– Hättest du niemand angerührt, dann würde man . . . schrie die Alte.

– O Gott! Was ist denn das eigentlich? So was gibt es ja nicht einmal bei Tieren. Bin ich Ihr Sohn oder bin ich es nicht?

Er fing an zu weinen, und setzte sich in eine Ecke. Auch die Alte weinte in ihrem Winkel. Unfähig, in sich auch nur für einen Moment verstehende Liebe zu finden und diese dem Entsetzen des nahenden Todes entgegenzustellen, weinten beide mit kalten, das Herz unberührt lassenden Tränen der Einsamkeit. Die Mutter sagte:

– Du fragst, ob ich deine Mutter bin oder nicht, machst mir Vorwürfe. Ich bin in diesen Tagen ganz grau, ein altes Weib geworden. Und du sprichst so und machst mir Vorwürfe . . .

– Schon gut, Mama. Verzeihen Sie mir. Sie müssen jetzt gehen. Küssen Sie die Brüder von mir.

– Bin ich denn nicht deine Mutter? Geht es mir denn nicht nah?

Endlich ging sie. Sie weinte heftig, mit dem Tuchzipfel die Augen wischend und achtete nicht auf den Weg. Und je mehr sie sich vom Gefängnis entfernte, um so reichlicher flossen die Tränen. Sie ging zum Gefängnis zurück und verirrte sich in der Stadt, wo sie geboren und aufgewachsen und alt geworden war. Verirrte sich in ein leeres Gärtchen, mit alten behauenen Bäumen und setzte sich auf eine nasse Bank. Und mit einem Mal hatte sie es begriffen: Morgen würde er gehängt! . . .

Die Alte sprang auf, wollte laufen, aber da erfaßte sie ein Schwindel, und sie fiel hin. Der vereiste Weg war naß und schlüpfrig, und die Alte konnte nicht aufstehen. Sie wälzte sich hin und her, stützte sich mit Ellenbogen und Knien und fiel wieder auf die Seite. Das schwarze Tuch war herabgeglitten und ließ am Hinterkopf eine kahle Stelle, zwischen den schmutzig-grauen Haaren frei. Sie glaubte auf einem Hochzeitsmahl zu sein; der Sohn heiratete, und sie hatte Wein getrunken, sich stark berauscht.

– Ich kann nicht mehr . . . bei Gott, ich kann nicht mehr . . . lehnte sie ab, wackelte mit dem Kopf und kroch über die nasse Eiskruste, und die ganze Zeit goß man ihr Wein ein, immerfort Wein ein . . .

Und das Herz tat ihr weh, vom vielen Lachen, dem Essen und Trinken und dem wilden Tanz . . . und immerfort goß man ihr Wein ein, immerfort goß man ihr Wein ein . . .

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