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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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III

Man soll mich nicht hängen!

Zwei Wochen vor dieser Verhandlung hatte dasselbe Kriegsgericht, nur in einer anderen Zusammensetzung, einen Bauern namens Jan Janson zum Tode durch den Strang verurteilt.

Jan Janson war Knecht bei einem wohlhabenden Pächter gewesen und unterschied sich durch nichts Besonderes von dieser Sorte Lohnarbeiter. Este von Geburt, aus Wesenberg stammend, war er im Laufe einiger Jahre von einem Bauernhof zum andern übergegangen und auf diese Weise der Hauptstadt immer näher gekommen. Russisch sprach er sehr schlecht, und da sein Wirt, ein gewisser Lasarew, Russe war und sich in der Nähe keine Esten befanden, hatte Janson fast zwei Jahre lang geschwiegen. Er war überhaupt nicht gesprächiger Natur und schwieg in Gesellschaft von Menschen und Tieren. Schweigend tränkte er sein Pferd, schweigend schirrte er es an, während er langsam und träge mit kleinen, unsicheren Schrittchen herumtappte. Wenn das Pferd, mit diesem Schweigen unzufrieden, nicht mehr stehen wollte, schlug er es schweigend mit der Peitsche. Er schlug es heftig, mit kalter Verbissenheit; war er noch dazu betrunken, so geriet er in blinde Raserei. Dann drang das Klatschen der Peitsche und das stete peinvolle Getrappel auf dem gedielten Fußboden der Scheune bis zum Wohnhause hinüber. Der Wirt prügelte Janson dafür, daß er das Pferd schlug. Das änderte aber nichts, und so ließ er es sein.

Ein- oder zweimal im Monat betrank sich Janson. Meist geschah das an den Tagen, wenn er den Wirt zu der größeren Eisenbahnstation, die ein Büfett hatte, brachte. Nachdem er seinen Herrn abgesetzt hatte, fuhr er eine halbe Werst von der Station fort und erwartete dort mit Pferd und Schlitten, abseits vom Wege, im tiefen Schnee steckend, den Abgang des Zuges. Der Schlitten lag schief auf eine Seite geneigt, das Pferd stand mit gespreizten Beinen bis zum Bauche im Schnee und ließ ab und zu die Schnauze sinken, um den weichen, lockeren Schnee zu lecken. In halb liegender, unbequemer Haltung dämmerte Janson vor sich hin. Die losgebundenen Ohrklappen an seiner schäbigen Pelzmütze hingen schlaff wie die Ohren eines Hühnerhundes herunter, und unter der kleinen roten Nase schimmerte es feucht.

Darauf kehrte Janson wieder zur Station zurück und betrank sich in aller Eile.

Nach Hause fuhr er die zehn Werst in vollem Galopp. Das gehetzte, außer sich gebrachte Pferdchen sprang wie von Sinnen mit allen vieren, der Schlitten flog und schlug gegen alle Pfähle. Janson, der die Leine losgelassen hatte und jeden Moment nahe daran war, aus dem Schlitten zu stürzen, sang oder schrie etwas auf estnisch, kurze, abgerissene Sätze. Noch häufiger sang er nicht und jagte schweigend, die Zähne wie in blinder Wut, Leidenschaft und Ekstase aufeinander gepreßt, dahin. Er sah nicht die Entgegenfahrenden, rief sie nicht an und mäßigte weder beim Einbiegen noch beim Bergabfahren den rasenden Lauf. Wie er auf diesen tollen Fahrten nicht jemand überfuhr oder selbst verunglückte, blieb ein Rätsel.

Schon längst hätte man ihn fortjagen müssen, wie dies auf den anderen Stellen geschehen. Aber Janson arbeitete für ein Geringes, und die anderen Knechte waren nicht besser, so behielt man ihn zwei Jahre. In Jansons Leben gab es keine Ereignisse. Einmal hatte er einen Brief in estnischer Sprache bekommen; er selbst konnte nicht lesen, und die anderen verstanden kein Estnisch. Der Brief blieb ungelesen, und obwohl Janson begriff, daß er eine Kunde aus der Heimat brachte, warf er ihn in wilder, fanatischer Nichtachtung auf den Misthaufen. Eine Zeitlang hatte sich Janson, wohl von Liebesverlangen getrieben, um die Küchenmagd bemüht, hatte aber keinen Erfolg, wurde grob zurückgestoßen und verlacht. Er war klein und schmächtig, mit sommersprossigem, verschrumpftem Gesicht und blödschläfrigen Augen von grünlich unreiner Farbe. Sein Mißgeschick nahm Janson gleichmütig hin und bedrängte die Küchenmagd nicht weiter.

Selbst wortkarg, schien Janson beständig auf etwas zu lauschen.

Er lauschte den öden Schneefeldern mit den gefrorenen Düngerhaufen, die an Reihen kleiner verschneiter Gräber erinnerten, den blauen Fernen, den summenden Telegraphenstangen und den Gesprächen der Leute. Was ihm die Felder und Telegraphenstangen erzählten, wußte nur er allein. Die Gespräche der Leute waren beunruhigend, voll Gerüchten über Totschlag, Raub und Mordbrennereien. Nachts hörte man einmal das klägliche Gebimmel der Glocke von der lutherischen Kirche im nahen Hakelwerk und das Geprassel eines Brandschadens. Hergelaufene hatten einen reichen Bauernhof überfallen, den Wirt und seine Frau erschlagen und das Wohnhaus in Brand gesteckt.

Auch auf ihrem Hof lebte man in steter Unruhe. Die Hunde wurden nicht nur in der Nacht, sondern auch tagsüber losgelassen. Nachts hielt der Wirt die Flinte neben sich. Solch eine Flinte, nur alt und einläufig, hatte er auch Janson angeboten. Dieser drehte die Flinte in den Händen, schüttelte den Kopf und weigerte sich sie zu nehmen. Der Wirt ahnte nicht den Grund der Weigerung und schimpfte Janson. Der Grund aber war der, daß Janson mehr an sein finnisches Messer als an dieses alte verrostete Ding glaubte.

– Sie schießt mich noch selber tot, sagte Janson und sah den Wirt mit seinen schläfrigen, verglasten Augen an. Dieser winkte nur mit der Hand.

– Du bist doch ein richtiger Esel, Jan. Und mit solchen Leuten soll man leben!

Und dieser selbe Jan Janson, der sich vor der Flinte fürchtete, beging eines Winterabends, als man den andern Knecht zur Station geschickt hatte, ein äußerst vielseitiges Verbrechen: bewaffneten Überfall, Mord und Vergewaltigung. Erstaunlich einfach hatte er das zuwege gebracht. Nachdem er die Magd in der Küche eingeschlossen hatte, trat er träge, mit dem Aussehen eines Menschen, der schrecklich gerne schlafen möchte, von hinten auf den Wirt zu und stieß ihm hastig, Mal auf Mal, das Messer in den Rücken. Der Wirt stürzte besinnungslos zusammen, die Wirtin rannte schreiend hin und her, und Janson begann zähnefletschend, mit dem Messer fuchtelnd, Kisten und Kommoden zu durchwühlen. Er fand Geld; dann erst schien er die Wirtin zu bemerken, und ohne Überlegung warf er sich auf sie, um sie zu notzüchtigen. Da er hierbei das Messer verloren hatte, erwies sie sich als die Stärkere, stieß ihn zurück und erwürgte ihn beinahe. Da regte sich der Wirt auf der Diele, in der Küche erdröhnte die Ofenkrücke, mit der die Magd die Küchentür einschlug, und Janson flüchtete ins freie Feld hinaus. Nach einer Stunde fand man ihn hinter der Scheune hockend, wo er, ein verlöschendes Streichhölzchen nach dem andern anzündend, im Begriff war, Brandstiftung zu begehen.

Nach ein paar Tagen starb der Wirt an Blutvergiftung, und Janson wurde, als mit andern Räubern und Mördern zusammen die Reihe an ihn gekommen, verhört und zum Tode verurteilt. Vor Gericht war er immer derselbe: klein, schmächtig, sommersprossig mit verglasten, schläfrigen Augen. Er schien nicht ganz zu verstehen, was mit ihm vorging, und blieb vollständig unbekümmert. Er zwinkerte mit den weißlichen Wimpern, betrachtete stumpfsinnig und interesselos den fremden, feierlichen Saal und bohrte mit dem schwieligen, schmutzigen Finger in der Nase herum. Nur die, welche ihn Sonntags in der Kirche gesehen hatten, hätten bemerkt, daß er sich gewissermaßen schön gemacht hatte: er trug einen unsauberen, roten Wollschal um den Hals und hatte die Haare stellenweise angefeuchtet. An den nassen Stellen waren sie dunkel und lagen glatt an, an den trockenen standen sie in hellen spärlichen Büscheln ab und erinnerten an Strohhalme auf leerem, verhageltem Kornfelde.

Als das Urteil »zum Tode durch den Strang« verlesen wurde, geriet Janson in Aufregung. Er errötete tief und begann den Schal auf- und zuzubinden, als schnüre er ihm die Kehle zu. Dann wandte er sich an einen der Richter und zeigte mit dem Finger auf den, der das Urteil verlesen hatte.

– Sie sagt, man soll mich hängen.

– Was für eine »Sie«? fragte der Vorsitzende, der das Urteil verlesen hatte, mit tiefer Baßstimme. Alle lächelten und suchten das Lächeln unter dem Schnurrbart oder hinter Papieren zu verbergen. Janson wies noch immer mit dem Finger auf den Vorsitzenden und antwortete böse, unter den Brauen hervorblickend:

– Du!

– Nun und . . .?

Janson blickte wieder auf den schweigenden, ein Lächeln verbeißenden Beamten, den er aus irgendeinem Grunde für seinen Freund, einen am Todesurteil Unbeteiligten hielt, und sagte:

– Sie hat gesagt, man soll mich hängen. Man soll mich nicht hängen! . . .

– Führt den Angeklagten hinaus!

Aber Janson hatte gerade Zeit, noch einmal überzeugt und nachdrücklich zu wiederholen:

– Man soll mich nicht hängen! . . .

Er war so einfältig mit seinem kleinen, boshaften Gesicht, dem er vergeblich Würde zu verleihen suchte, daß sogar der eskortierende Soldat ihm gegen die Regel halblaut beim Hinausgehen zuflüsterte:

– Du bist mir ein Dummkopf, Bursche . . .

– Man soll mich nicht hängen! sagte Janson störrisch.

– Du wirst aufgeknüpft, daß du nicht mucksen kannst!

– Sei still, rief ihm der andere Eskortierende zu, konnte sich aber nicht enthalten, hinzuzufügen:

– Du Raubmörder! Was brauchtest du eine Menschenseele umzubringen? Jetzt kannst du dafür hängen!

– Vielleicht wird er begnadigt, sagte der erste Soldat, dem Janson leid tat.

– Begnadigt? So einen und begnadigen! Jetzt ist genug geschwatzt!

Janson schwieg bereits. Man brachte ihn in seine Zelle zurück, in der er einen Monat gesessen hatte und an die er sich, wie an alles in seinem Leben: Prügel, Branntwein und die öden, mit runden Düngerhaufen übersäten Schneefelder, gewöhnt hatte. Und jetzt, als er sein Bett und das vergitterte Fenster wiedersah und man ihm zu essen brachte, wurde ihm sogar fröhlich zumut. Unangenehm war nur das, was auf dem Gericht geschehen, aber daran denken konnte er nicht, er verstand es nicht. Und den Tod durch Hängen konnte er sich absolut nicht vorstellen.

Im Gefängnis behandelte man ihn nicht wie einen schweren Verbrecher, obwohl er zum Tode verurteilt war. Gab es doch solcher viele wie er! Man sprach mit ihm ohne Respekt und ohne Vorsichtsmaßregeln wie mit einem, der nicht hingerichtet werden soll. Seinen Tod sah man gewissermaßen nicht als solchen an. Als der Aufseher das Todesurteil erfuhr, sagte er herablassend:

– Nun, Brüderchen, wirst gehängt, was?

– Und wann werde ich gehängt? fragte Janson ungläubig. Der Aufseher dachte nach:

– Da wirst du noch ein Weilchen warten müssen. Erst muß man eine Partie zusammen haben. Für einen allein und noch dazu für solch einen wie dich lohnt es sich nicht. Da braucht man doch einen Galgen . . .

– Aber wann denn? bestürmte ihn Janson. Es kränkte ihn nicht im mindesten, daß es sich nicht lohnte, ihn allein zu hängen, er glaubte es nicht recht und hielt es für einen Vorwand, die Hinrichtung aufzuschieben und schließlich ganz aufzuheben. Er wurde ganz vergnügt; der schrecklich unklare Moment, an den er nicht denken konnte, war in die Ferne gerückt, unwahrscheinlich, sagenhaft geworden, wie der Tod überhaupt.

– Wann, wann? fuhr der Aufseher auf, ein stumpfsinniger, mürrischer, alter Kerl. – Du bist kein Hund, den man hinter die Scheune führt und – ritsch, fertig . . . Das wolltest du wohl, Dummkopf . . .

– Aber ich will ja gar nicht, grinste Janson, plötzlich vergnügt. Sie hat gesagt, daß man mich hängen soll.

Vielleicht zum erstenmal in seinem Leben lachte er, mit knarrendem, blödem, entsetzlich fröhlichem Lachen. Wie Gänsegeschnatter klang es: ga-ga-ga-ga. Der Aufseher betrachtete ihn erst erstaunt; dann setzte er eine strenge Miene auf: diese alberne Fröhlichkeit eines zum Tode Verurteilten verletzte die Heiligkeit des Gefängnisses und der Hinrichtung, machte sie zu etwas Absonderlichem. Und plötzlich, für einen Moment, für einen ganz, ganz kurzen Moment erschien dem alten Aufseher das Gefängnis mit seinen Regeln, die er als Naturgesetze angesehen hatte, sein ganzes Leben hier, wie eine Art Tollhaus, in dem er, der Aufseher, der Verrückteste von allen war.

– Pfui, daß dich der . . . er spuckte aus. Was hast du zu grinsen? Hier ist keine Schenke.

– Aber ich will nicht, ga-ga-ga-ga! lachte Janson.

– Satan, schimpfte der Aufseher und empfand das Bedürfnis sich zu bekreuzigen.

Allem anderen eher als einem Satan glich dieser Mensch mit dem kleinen, verschrumpften Gesichtchen, aber in seinem Gegacker lag etwas, das die Grundfesten des Gefängnisses erschütterte. Noch ein Weilchen länger dieses Lachen – und die Wände stürzten morsch zusammen, die Gitter gaben nach und er der Aufseher führte selbst die Arrestanten vors Tor: Bitte, meine Herren – spazieren Sie gefälligst in die Stadt – oder will vielleicht jemand aufs Land? . . . Satan!

Janson lachte nicht mehr und blinzelte nur verschmitzt.

– Daß du mir . . . drohte ihm der Aufseher und ging, ohne sich umzusehen, hinaus.

Den ganzen Abend war Janson ruhig, sogar heiter. Er wiederholte immer wieder den Satz: Man soll mich nicht hängen! Und der war so überzeugend und unwiderlegbar, daß ihn nichts mehr beunruhigte. Sein Verbrechen hatte er längst vergessen. Nur dann und wann bedauerte er, daß es ihm nicht gelungen war, die Wirtin zu vergewaltigen. Bald hatte er auch das vergessen.

Jeden Morgen fragte er den Aufseher, wann man ihn hängen würde. Jeden Morgen antwortete der Aufseher ärgerlich:

– Kommst noch zeitig genug dran, Satan! Sitz noch ein Weilchen . . . und zog sich schleunigst zurück, bevor Janson zu lachen anfangen konnte.

Dieses monotone, sich täglich wiederholende Gespräch, sowie der Umstand, daß jeder Tag wie der allergewöhnlichste begann und verstrich, brachten Janson zu der festen Überzeugung, daß die Hinrichtung überhaupt nicht stattfinden würde. Sehr bald hatte er die Gerichtsverhandlung vergessen, räkelte sich den ganzen Tag auf seiner Pritsche und träumte zufrieden und unklar von den öden Schneefeldern mit ihren Düngerhaufen, dem Stationsbüfett und noch von etwas anderem, Fernem, Lichtem. Im Gefängnis wurde er gut ernährt und hatte ziemlich rasch, in ein paar Tagen, zugenommen, worauf er sogar stolz war.

– So hätte sie mich schon genommen, dachte er in Erinnerung an die Wirtin. Jetzt bin ich dick und nicht schlechter als ihr Mann.

Nur Branntwein hätte er gar zu gern gehabt, um sich zu betrinken und dann im Galopp davonzujagen.

Als die Terroristen verhaftet wurden, drang die Nachricht davon bis ins Gefängnis, und auf Jansons übliche Frage antwortete der Aufseher eines Morgens grimmig:

– Jetzt bald.

Ruhig und wichtig sah er ihn an und sagte noch einmal:

– Jetzt bald. Ich denke, so nach einer Woche. Janson erbleichte und fragte wie im Schlaf – so trübe war der Blick seiner verglasten Augen –

– Du machst Spaß!?

– Erst kann er es nicht erwarten und jetzt mit einem Mal: Du machst Spaß. Ihr liebt zu spaßen, aber bei uns wird nicht gespaßt . . . sagte der Aufseher würdevoll und ging hinaus. Gegen Abend desselben Tages hatte Janson bereits abgenommen. Seine schlaffe, für kurze Zeit glatt gewordene Haut schrumpfte plötzlich in tausend kleine Fältchen zusammen und hing sogar an einzelnen Stellen. Die Augen wurden vollständig apathisch, die Bewegungen langsam und träge, als wäre jede Drehung des Kopfes, jedes Ausstrecken der Finger, jeder Schritt ein ungeheuerliches, kompliziertes Unterfangen, das erst gründlich überlegt werden mußte. Abends legte er sich auf die Pritsche, ohne die Augen zu schließen, die schläfrig bis zum Morgen offen blieben.

– Aha, sagte der Aufseher am nächsten Tage befriedigt. Ja ja, mein Freund, hier ist keine Schenke.

Im Gefühle angenehmer Genugtuung, wie ein Gelehrter, dem ein Experiment wieder einmal geglückt ist, betrachtete er den Verurteilten eingehend vom Scheitel bis zur Sohle. Jetzt ging alles seinen normalen Gang.

Der Satan war blamiert, die Heiligkeit des Gefängnisses und der Todesstrafe wiederhergestellt. Und leutselig, sogar mit aufrichtigem Mitleid erkundigte sich der Greis:

– Möchtest du nicht jemand wiedersehen?

– Wiedersehen? wozu?

– Nun, um Abschied zu nehmen. Hast du nicht eine Mutter oder einen Bruder zum Beispiel?

– Man soll mich nicht hängen . . . sagte Janson leise mit scheelem Blick auf den Aufseher. Ich will nicht.

Der Aufseher sah ihn eine Weile an – dann winkte er schweigend mit der Hand.

Am Abend hatte sich Janson ein wenig beruhigt. Der Tag war so gewöhnlich; so gewöhnlich graute der bewölkte Winterhimmel, so gewöhnlich erklangen Schritte und ein dienstliches Gespräch im Korridor, so gewöhnlich und natürlich roch es nach Sauerkohl, daß er nicht mehr an die Hinrichtung glauben konnte. Doch in der Nacht wurde ihm unheimlich zumut. Bisher hatte Janson die Nacht nur für Dunkelheit, eine besondere, dunkle Zeit gehalten, während der man schlafen mußte, jetzt empfand er plötzlich ihr geheimnisvolles, drohendes Sein. Um nicht an den Tod zu glauben, muß man Alltägliches um sich sehen, hören und riechen: Schritte, Stimmen, Licht, Sauerkohl . . . jetzt war alles ungewöhnlich, und die Stille und Finsternis waren an und für sich schon der Tod.

Je länger sich die Nacht dehnte, um so unheimlicher wurde es. Mit der Naivität eines Kindes oder eines Wilden, der alles für möglich hält, hätte er am liebsten der Sonne zugeschrien: so scheine doch! Er bat, flehte, die Sonne möge scheinen, aber die Nacht schleppte unerbittlich ihre schwarzen Stunden über die Erde, und es gab keine Macht, die ihren Schritt gehemmt hätte. Der Gedanke an diese Unmöglichkeit dämmerte zum erstenmal in Jansons schwachem Gehirn auf und erfüllte ihn mit Entsetzen; noch wagte er es nicht, ihn ganz fest zu fassen, aber schon hatte er die Gewißheit des nahen Todes erkannt und betrat ersterbenden Fußes die erste Stufe zum Schafott.

Der Tag beruhigte ihn wieder, und die Nacht ängstigte ihn von neuem. So ging es bis zu dem Tage, als er erfahren und eingesehen hatte, daß der Tod unausbleiblich war und nach drei Tagen, beim Morgengrauen, wenn die Sonne aufging, eintreten würde.

Er hatte nie über den Tod nachgedacht und sich keine Vorstellung von ihm gemacht. Jetzt fühlte er mit einem Mal deutlich, daß er in seine Zelle getreten war und mit tastenden Händen nach ihm suche. Um sich zu retten, begann Janson in der Zelle herumzulaufen.

Die Zelle war so klein, daß die Winkel nicht spitz, sondern stumpf erschienen und ihn gleichsam in die Mitte zurückstießen. Kein Ausweg, keine Rettung, die Tür verschlossen! Und dabei hell! Ein paarmal rannte er mit dem Körper gegen die Wand – einmal stieß er dumpf und hohl an die Tür. Dann stolperte er und fiel aufs Gesicht und da fühlte er, wie der Tod ihn packte. Auf dem Bauche liegend, gegen die Diele gepreßt, das Gesicht am dunkeln, schmutzigen Asphalt bergend, heulte Janson vor Entsetzen laut auf. Er lag und schrie aus vollem Halse, bis man zu ihm kam. Man hob ihn auf, setzte ihn auf das Lager, übergoß seinen Kopf mit kaltem Wasser, aber er wagte noch immer nicht, die fest geschlossenen Augen zu öffnen. Vorsichtig blinzte er durch das eine, und als er die leere, helle Ecke und einen Stiefel in dieser Leere erblickte, begann er von neuem zu schreien.

Allmählich begann das kalte Wasser zu wirken. Auch die Schläge, die ihm der diensttuende Aufseher, derselbe Alte, zu heilsamem Zweck auf den Kopf versetzte, taten das ihrige. Tatsächlich verjagte dieses lebendige Körpergefühl den Tod. Janson öffnete die Augen und verschlief den Rest der Nacht mit benommenem Hirn. Auf dem Rücken liegend, schnarchte er durch den offenen Mund laut und langgezogen, und zwischen den nicht ganz geschlossenen Lidern schimmerte das weiße, tote, flache Auge, ohne Pupille.

Später verband sich für ihn alles auf der Welt: Tag und Nacht, Stimmen und Schritte und Sauerkohl zu einem großen Entsetzen und brachte ihn in einen Zustand blöden, mit nichts zu vergleichenden Staunens. Sein schwaches Gehirn konnte diese zwei Widersprüche nicht fassen: den gewöhnlichen, hellen Tag, den Kohlgeruch und -geschmack und das, daß er nach zwei Tagen sterben sollte. Er dachte an nichts, zählte nicht die Stunden und stand nur in stummem Entsetzen vor diesem Widerspruch, der sein Gehirn in zwei Hälften spaltete; er wurde gleichmäßig blaß, nirgends weißer oder röter und war allem Anscheine nach vollständig ruhig. Er aß nichts und schlief überhaupt nicht mehr; entweder saß er die ganze Nacht, die Füße ängstlich untergezogen auf dem Schemel, oder er schlich leise, verstohlen und schläfrig um sich blickend durch die Zelle. Sein Mund stand die ganze Zeit weit offen, wie vor stetem großem Staunen, und bevor er irgendeinen, auch den gewöhnlichsten Gegenstand anfaßte, betrachtete er ihn lange und stumpfsinnig und nahm ihn dann mißtrauisch in die Hand. Als er so geworden, stellten die Aufseher und der Soldat ihre Beobachtungen durch das Fensterchen in der Tür ein und schenkten ihm weiter keine Beachtung. Dies war der gewöhnliche Zustand der Verurteilten, nach Meinung des Aufsehers, der ihn nie durchgemacht hatte, ähnlich dem eines Rindes auf der Schlachtbank, das man durch einen Schlag mit der stumpfen Beilseite betäubt hat.

– Jetzt ist er ganz benommen und wird bis zur Hinrichtung nichts mehr fühlen, sagte der Aufseher, ihn mit erfahrenem Blick prüfend.

– Jan, hörst du? Jan?

– Man soll mich nicht hängen . . . erwiderte Janson matt und ließ den Unterkiefer hängen.

– Hättest du keinen umgebracht, würde man dich auch nicht hängen, bemerkte weise der Oberaufseher, ein noch junger, aber sehr würdevoller Mann, mit Orden an der Brust. – Stichst einen Menschen ab, aber gehängt willst du nicht werden!

– Du bildest dir wohl ein, daß man für nichts und wieder nichts einen Menschen umbringen kann. Gar nicht so dumm!

– Ich will nicht, sagte Janson.

– Wolle nicht, mein Lieber, das ist deine Sache, sagte der Oberaufseher unbekümmert. – Statt Unsinn zu schwatzen, verfüge lieber über deine Habseligkeiten. Irgend etwas wirst du doch immer haben?

– Er hat nichts. Nur Hemd und Hosen – ja und eine Pelzmütze – der Geck!

So verging die Zeit bis Donnerstag. Und Donnerstag um Mitternacht traten viele Leute in Jansons Zelle, und ein Herr mit Epauletten sagte:

– Nun macht Euch fertig. Wir müssen fahren.

Ebenso langsam und träge wie immer zog Janson alle Kleidungsstücke, die er besaß, an und band sich den schmutzigen, roten Schal um den Hals. Der Herr mit den Epauletten schaute ihm zu und sagte, eine Zigarette anrauchend:

– Wie warm es heute draußen ist. Der reine Frühling.

Jansons Augen fielen zu, er schlief beinahe ein und bewegte sich so steif und langsam, daß der Aufseher ihn anschrie:

– Nun, bißchen fixer! Bist du eingeschlafen?

– Ich will nicht, sagte er träge.

Man nahm ihn unter den Arm und führte ihn hinaus. Janson marschierte gehorsam mit hoch gezogenen Schultern. Draußen schlug ihm die weiche Frühlingsluft entgegen, und unter seiner Nase feuchtete es sich. Obwohl Nacht, taute es immer stärker, und von irgendwo fielen rasche, lustige Tropfen geräuschvoll auf die Steine. Und während die Gendarmen säbelklirrend und gebückt in die schwarze, laternenlose Kutsche stiegen, wischte sich Janson bedächtig mit der Hand die Nase und rückte den schlecht sitzenden Schal zurecht.

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