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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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II

Zum Tode durch den Strang

Die Polizei hatte richtig prophezeit. Vier Terroristen, drei Männer und eine Frau, wurden mit Bomben und Revolvern bewaffnet am Eingang zum Ministerpalais verhaftet, eine fünfte Person arretierte man im Verschwörungsquartier, von dem sie die Wirtin war. Dabei wurden Dynamitmengen, halb gefüllte Bomben und Waffen konfisziert. Alle Verhafteten waren sehr jung. Der älteste von den Männern zählte achtundzwanzig, die jüngere der Frauen neunzehn Jahre. Man vernahm sie in derselben Festung, wo sie nach der Verhaftung eingesperrt worden waren, vernahm sie schnell und geheim, wie das in dieser schonungslosen Zeit üblich war.

Vor Gericht waren alle fünf ruhig, nur sehr ernst und nachdenklich. So groß war ihre Verachtung für den Richter, daß sie es verschmähten, mit überflüssigem Lächeln oder gemacht fröhlicher Miene ihren Mut zu betonen. Ihre Ruhe genügte gerade, um ihre Seele und die großen Todesschauer vor fremdem, feindlich bösem Blick zu verbergen. Einmal verweigerten sie die Antwort, das andere Mal antworteten sie kurz, einfach und bestimmt, als handele es sich darum, irgendwelche statistischen Tabellen auszufüllen.

Drei, eine Frau und zwei Männer, nannten ihre Namen, die übrigen zwei nicht, und blieben für die Richter Unbekannte. Für alles, was auf dem Gericht geschah, äußerten sie jene gedämpfte, verschleierte Neugier, die man entweder bei Schwerkranken oder Menschen, die von einem großen, alles überragenden Gedanken erfüllt sind, findet. Jäh aufblickend erhaschten sie im Fluge irgendein Wort, das ihnen interessanter als die übrigen erschien – und spannen dann ihren Gedanken von dem Punkt, wo er stehen geblieben, weiter.

Den Richtern zunächst saß einer von denen, die ihren Namen genannt hatten: Ssergei Golowin, der Sohn eines verabschiedeten Obersten, selbst gewesener Offizier, ein noch ganz junger, hochblonder, breitschultriger Bursche; er hatte eine so unverwüstliche Gesundheit, daß weder das Gefängnis, noch die Erwartung des sicheren Todes die Farbe von seinen Wangen und den Ausdruck kindlich glücklicher Naivität aus seinen hellblauen Augen bannen konnten. Die ganze Zeit zupfte er energisch an seinem blonden Bärtchen und blickte fortwährend blinzelnd und zwinkernd zum Fenster.

Es war zu Ende des Winters, und der nahende Frühling hatte mitten in Schneegestöber und trübe Frosttage hinein als Vorläufer einen hellen warmen Sonnentag, vielleicht auch nur eine Stunde, geschickt, aber so frühlingsmäßig, so lebensdurstig und leuchtend, daß die Spatzen auf der Straße den Verstand verloren, und die Menschen wie berauscht einhergingen. Durch die staubigen, seit dem vorigen Sommer nicht gewaschenen oberen Scheiben eines Fensters konnte man den eigenartig schönen Himmel sehen. Auf den ersten Blick erschien er milchig grau, aber wenn man länger hinsah, trat allmählich die Bläue hervor, er wurde immer blauer, tiefer, leuchtender und weiter. Und weil er sich nicht auf einmal offenbarte, sondern sich zart mit dem Dunst durchsichtiger Wolken verhüllte, war er einem so lieb wie das Mädchen, das man gern hat. Ssergei Golowin blickte zum Himmel auf, zupfte an seinem Bärtchen, kniff das eine, dann das andere Auge mit den langen, dichten Wimpern zu und schien angestrengt über etwas nachzudenken. Einmal bewegte er sogar die Finger und runzelte gleichsam erfreut die Stirn. Doch als er sich umsah, erlosch die Freude wie ein Funken, auf den man mit dem Fuß tritt. Und fast im selben Moment schimmerte durch die Wangenröte ohne Übergang bläuliche Leichenfarbe, und zwischen den weiß gewordenen Fingerspitzen saß fest eingeklemmt, wie in einem Schraubstock, ein krauses, mit der Wurzel ausgerupftes Härchen. Allein die Freude am Leben und der Frühling waren stärker, und nach einigen Minuten wandte sich das frühere naive, junge Gesicht dem Frühlingshimmel zu.

Dahin blickte auch das unbekannte, blasse junge Mädchen mit Vornamen Mußja. Jünger als Golowin, erschien sie älter durch die Strenge ihrer Gesichtszüge, die Schwärze der geraden und stolzen Augen. Nur der sehr dünne, zarte Hals und die ebenso dünnen Mädchenarme redeten von ihrem Alter, sowie jenes undefinierbare Etwas, das die Jugend selbst ist und hell und melodisch, seinen musikalischen Gehalt verratend, aus ihrem reinen, wie ein kostbares Instrument gestimmten Organ, aus jedem Wort, jedem Ausruf erklang. Sie war sehr blaß. Es war aber nicht Totenblässe, sondern jene eigenartige, brennende Weiße, wenn im Menschen ein großes, starkes Feuer entfacht ist und den Körper von innen aus wie seines Sèvresporzellan durchleuchtet. Sie saß fast regungslos, und nur dazwischen befühlte sie mit dem Daumen kaum merklich die kleine Rille am Mittelfinger der rechten Hand, die Spur eines kürzlich abgestreiften Ringes.

Den Himmel sah sie ohne Innigkeit oder freundliche Erinnerung und nur aus dem Grunde an, weil in diesem schmutzigen Gerichtssaal das Stückchen blauer Himmel das einzig Schöne, Reine und Gerechte war.

Für Ssergei Golowin hatten die Richter ein menschliches Rühren, Mußja haßten sie.

Ebenso unbeweglich in etwas gemacht hochmütiger, korrekter Haltung, die Hände zwischen den Knien, saß ihr Nachbar, der Unbekannte, mit Vornamen Werner. Wenn sich ein Gesicht wie eine geheime Tür abschließen läßt, so hatte der Unbekannte sein Gesicht wie eine eiserne Tür verschlossen und ein ehernes Schloß davor gehängt; er blickte starr auf die Bretterdiele vor sich, so daß man nicht erkennen konnte, ob er ruhig oder namenlos aufgeregt war, an etwas dachte oder den Aussagen der Spione lauschte. Er war mittelgroß, mit edlen, feinen Gesichtszügen. Unwillkürlich mußte man bei seinem Anblick an Mondnächte fern im Süden, an einen Meeresstrand mit Zypressen und ihrem schwarzen Schatten denken, während er zugleich das Gefühl enormer Seelenstärke, unerschütterlicher Festigkeit, kalten entschlossenen Mutes erweckte. Selbst die Höflichkeit seiner bündigen und genauen Antworten, die er mit leichten Verbeugungen begleitete, erschien gefahrdrohend in seinem Munde, und wenn der Arrestantenrock die anderen wie eine alberne Maskerade kleidete, so bemerkte man ihn an Werner überhaupt nicht, so wenig paßte dieses Gewand zu seinem Träger. Bei den anderen Terroristen hatten die Richter Bomben und Höllenmaschinen gefunden, bei ihm nur einen kleinen schwarzen Revolver; dessen ungeachtet hielt man ihn für die Hauptperson und wandte sich mit gewissem Respekt, kurz und sachlich, an ihn.

Der Nächstfolgende, Wassilij Kaschirin, war nur aus Todesfurcht und dem verzweifelten Wunsch, diese Furcht zu unterdrücken und vor den Richtern zu verbergen, zusammengesetzt. Vom frühen Morgen an, als man sie in den Gerichtssaal gebracht, wurde er von heftigem Herzklopfen und von Atemnot befallen; kalte Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, die Hände waren naßkalt, das verschwitzte Hemd klebte am Körper und hemmte seine Bewegungen. Mit übernatürlicher Willensanstrengung unterdrückte er das Zittern der Hände, zwang seine Stimme zu Festigkeit, die Augen zu Ruhe. Er sah nichts. Die Stimmen drangen wie durch einen Nebel zu ihm, und in diesen Nebel zurück schickte er mit verzweifelter Anstrengung seine möglichst lauten Antworten. Kaum geantwortet, hatte er bereits Frage und Antwort vergessen und kämpfte furchtbar. So deutlich sprach der Tod aus ihm, daß die Richter es vermieden, ihn anzusehen. Es wäre schwer gewesen, sein Alter zu bestimmen, wie bei einer Leiche, die sich aufzulösen beginnt. Nach seinem Paß zählte er dreiundzwanzig Jahre. Ein paarmal berührte Werner sein Knie, und jedesmal antwortete Wassilij nur:

– Es geht! –

Am schrecklichsten wurde es, als ihn plötzlich der unbezähmbare Wunsch zu schreien überkam – wortlos, verzweifelt zu schreien, wie ein Tier.

Da berührte er Werner leicht, und dieser antwortete leise, ohne aufzusehen: Nichts, nichts, Waßja. Es ist bald zu Ende.

Alle mit mütterlich sorgendem Blick umspannend, verging die fünfte von den Terroristen, Tanja Kowaltschuk, vor Unruhe. Sie hatte keine Kinder, war noch sehr jung und rotwangig wie Ssergei Golowin, erschien aber wie die Mutter all dieser jungen Leute: so besorgt, so unendlich liebevoll waren ihre Blicke, ihr Lächeln, ihre Angst. Dem Gericht schenkte sie als etwas gleichsam Indifferentem keine Beachtung und hörte nur auf die Antworten der anderen: Zitterte da nicht eine Stimme? – Fürchtete sich da jemand? Sollte man nicht Wasser reichen?

Waßja konnte sie vor Kummer nicht ansehen und knackte nur ganz leise die runden Finger. Mußja und Werner beobachtete sie mit Stolz und Respekt, wobei ihr Gesicht ernst und verschlossen wurde. Ssergei Golowin versuchte sie zuzulächeln.

– Er sieht den Himmel an, der liebe Junge! Sieh ihn nur an, mein Lieber, dachte sie.

– Aber Waßja! Was ist mit ihm, mein Gott! Was fange ich nur mit ihm an? soll ich ihm etwas sagen? Am Ende wird es noch schlimmer, und er fängt mir plötzlich zu weinen an.

Und wie ein stiller Weiher beim Morgenrot jede dahingleitende Wolke widerspiegelt, so spiegelte ihr rundes, liebes, gutes Gesicht jede schnelle Regung, jeden Gedanken dieser vier wider. Daß man sie auch verurteilen und hängen würde, daran dachte sie gar nicht – das ließ sie vollständig kalt. Bei ihr in der Wohnung hatte man das Dynamit- und Bombenlager entdeckt, und wie seltsam es auch klingen mag, sie hatte die Polizei mit Revolverschüssen empfangen und einen Spion am Kopf verwundet.

Um acht Uhr, als es zu dunkeln begann, war die Gerichtssitzung zu Ende. Unaufhaltsam erlosch der blaue Himmel vor Mußjas und Golowins Augen. Er rötete sich nicht, lächelte nicht leise, wie an Sommerabenden, wurde trübe, kalt, winterlich. Golowin seufzte, reckte sich, blickte noch ein paarmal zum Fenster, aber dort stand bereits das kalte Dunkel der Nacht. Unausgesetzt an seinem Bärtchen zupfend, musterte er mit kindlicher Neugier die Richter und die Soldaten mit den Flinten und lächelte Tanja Kowaltschuk zu.

Als der Himmel verblaßt war, ließ Mußja den Blick nicht zu Boden sinken, sondern richtete ihn auf eine Ecke, wo sich ein Spinngewebe im leisen Luftzuge der Zentralheizung schaukelte, und blieb so bis zur Verlesung des Todesurteils.

Nach Verlesung desselben verabschiedeten sich die Angeklagten von ihren Verteidigern, wobei sie deren kläglich verwirrten Blicken auszuweichen suchten. Darauf drängten sie sich einen Augenblick lang in der Tür zusammen und tauschten ein paar Worte.

– Tut nichts, Waßja. Bald ist es zu Ende, sagte Werner.

– Ich fürchte mich gar nicht. Es geht mir ganz gut, antwortete Kaschirin laut und ruhig, beinahe fröhlich. Sein Gesicht hatte sich in der Tat leicht gerötet und glich nicht mehr dem eines verwesenden Leichnames.

– Teufel noch einmal, gehängt wird man! schimpfte Golowin naiv.

– Das war zu erwarten, erwiderte Werner ruhig.

– Morgen wird das Urteil in endgültiger Form proklamiert, und dann werden wir zusammengetan und bleiben bis zur Hinrichtung zusammen, tröstete Tanja Kowaltschuk.

Mußja schwieg. Dann ging sie entschlossen voran.

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