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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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XII

Angekommen

Eifrig hasteten die Waggons.

Ein paar Sommer nach der Reihe hatte Ssergei Golowin mit den Eltern auf einer Villa an dieser Bahnstrecke verlebt, hatte diese Linie häufig tags oder nachts befahren und kannte sie sehr genau. Wenn er jetzt die Augen schloß, konnte er glauben, daß er nach Hause fahre, sich in der Stadt bei Bekannten verspätet habe und mit dem letzten Zuge zurückkehre.

– Jetzt geht's schnell, sagte er, die Augen aufschlagend, und blickte auf das dunkle, vergitterte, nichtssagende Fenster.

Niemand regte sich, niemand antwortete ihm, nur Mischka spuckte ein über das andere Mal den süßlichen Speichel aus und ließ tastend den Blick über Fenster, Türen und die Soldaten gleiten.

– Es ist kalt, sagte Wassilij Kaschirin mit steifen, erfrorenen Lippen.

– Da hast du ein Tuch, sagte Tanja Kowaltschuk; binde es um den Hals. Das Tuch ist sehr warm.

– Um den Hals, fragte Ssergei unwillkürlich und erschrak selbst über die Frage. Da aber alle das gleiche dachten, hörten sie ihn nicht – als hätte niemand etwas gesagt oder alle auf einmal dasselbe.

– Schadet nichts, Waßja, binde es nur um. Du wirst es wärmer haben, riet ihm Werner. Dann wandte er sich an Janson und fragte besorgt:

– Hast du nicht kalt, mein Lieber?

– Vielleicht möchte er rauchen, Werner. Sie wollen bestimmt rauchen, Kamerad? fragte Mußja.

– Ja, ich will.

– Gib ihm eine Zigarette, Sseresha, sagte Werner erfreut. Ssergei hatte ihm bereits eine gereicht. Und alle schauten teilnehmend zu, wie Jansons Finger die Zigarette ergriffen, das Zündhölzchen aufbrannte und Rauch aus Jansons Munde kam.

– Nu danke, sagte er.

– Wie sonderbar, bemerkte Ssergei.

– Was ist sonderbar, wandte sich Werner an ihn, was ist sonderbar?

– Die Zigarette da.

Er hielt eine Zigarette, eine gewöhnliche Zigarette zwischen gewöhnlichen, lebendigen Fingern und schaute blaß und verwundert, wie mit Entsetzen darauf hin. Und alle starrten auf das feine Röhrchen, aus dessen einem Ende streifiger, sich leise kräuselnder Rauch aufstieg, vom menschlichen Atem zur Seite getrieben. Immer dunkler wurde die sich mehrende Asche. Die Zigarette erlosch.

– Aus, sagte Tanja.

– Ja, aus . . .

– Nun, zum Teufel mit dir, sagte Werner stirnrunzelnd und schaute beunruhigt auf Janson, dessen Hand mit der Zigarette leblos herabhing. Plötzlich drehte sich Mischka um und flüsterte ganz dicht zu Werner gebeugt, wobei er wie ein Pferd das Weiße des Auges herauskehrte:

– Herr, wie wär's, wenn wir die Soldaten? . . . Diesen da . . . was? versuchen wir's . . .?

– Es hat keinen Sinn, antwortete Werner ebenso im Flüsterton. Man muß den Becher bis auf die Neige leeren.

– Aber warum? Im Handgemenge ist es lustiger. Ich ihn, er mich, und man weiß selbst nicht, wie es endet. Als ob man gar nicht gestorben wäre.

– Nein, es hat keinen Zweck, sagte Werner und wandte sich an Janson:

– Warum rauchst du nicht, mein Lieber?

Plötzlich wurde Jansons verschrumpftes Gesicht kläglich, weinerlich; wie durch heimliche Fäden in Bewegung gesetzt, verzogen sich alle Runzeln und Fältchen. Und ohne Tränen schluchzte er mit trockener, fast unkenntlicher Stimme:

– Ich will nicht rauchen. Ag-cha – ag-cha, ag-cha. Man soll mich nicht hängen. Ag-cha, ag-cha, ag-cha . . .

Man bemühte sich um ihn. Tanja Kowaltschuk streichelte ihm weinend den Arm und rückte die hängenden Ohrklappen seiner schäbigen Mütze zurecht.

– Wein' doch nicht, mein Lieber . . . Du bist ja mein liebes, gutes Kind . . . Mein armes Kind . . .

Mußja sah zur Seite. Mischka fing ihren Blick aus und grinste.

– Komischer Kerl, was . . .? Trinkt Tee, aber der Bauch bleibt kalt, sagte er mit kurzem Auflachen. Dabei wurde sein Gesicht blauschwarz wie Gußeisen, und die großen gelben Zähne blitzten.

Plötzlich zuckten die Waggons zusammen und verlangsamten fühlbar den Lauf. Alle außer Janson und Kaschirin waren aufgesprungen und setzten sich gleich wieder.

– Die Station! sagte Ssergei.

Als hätte man auf einmal alle Luft aus dem Waggon herausgelassen, so schwer wurde das Atmen. Das erweiterte Herz drohte die Brust zu sprengen, stieg bis in den Hals, sprang wild umher, schrie laut auf vor Entsetzen mit blutgetränkter Stimme. Das Auge starrte zur erzitternden Diele, das Ohr lauschte, wie die Räder immer langsamer rollten – glitschten – noch eine Umdrehung machten – stillstanden. Der Zug hielt.

Jetzt verwandelte sich alles in einen Traum. Nicht daß es schrecklich gewesen wäre, nur phantastisch, unwirklich, fremd. Der Träumende selbst stand abseits, und nur sein Geist bewegte sich körperlos, sprach lautlos, schritt geräuschlos. litt ohne Qualen. Im Traum traten sie aus dem Waggon, bildeten Paare, atmeten die frische Waldfrühlingsluft ein. Im Traum widersetzte sich Janson stumpf und kraftlos, und schweigend zog man ihn aus dem Waggon.

Sie stiegen die Stufen hinab.

– Zu Fuß? fragte jemand fast heiter.

– Es ist nicht weit – antwortete jemand andres fast ebenso heiter.

Dann ging man in großem, schwarzem, schweigendem Haufen durch den Wald, auf schlecht eingefahrenem, nassem, aufgeweichtem Frühlingswege. Vom Walde, vom Schnee schlug ihnen die frische, kräftige Luft entgegen, die Füße glitten häufig im Schnee aus, und die Hand faßte unwillkürlich nach einer Stütze; keuchend und schwerfällig stapften nebenher die Soldaten durch den tiefen Schnee. Eine Stimme sagte ärgerlich:

– Warum sind die Wege nicht besser gebahnt? Man kann sich ja die Beine brechen.

Jemand rechtfertigte sich schuldbewußt:

– Sie sind gebahnt, Euer Hochwohlgeboren. Es taut, da ist nichts zu machen.

Das Bewußtsein kehrte wieder, nicht mit einem Schlage, langsam, stoßweise. Und eifrig wiederholte der halbwache Sinn: Ja wirklich, warum waren die Wege nicht besser gebahnt?

Bald erlosch alles und nur der Geruch blieb zurück: dieser überwältigend scharfe Geruch des Waldes, des tauenden Schnees; dann wieder wurde alles unheimlich deutlich: der Wald, die Nacht, der Weg und nach ein paar Minuten die Hinrichtung, und Bruchstücke eines Gespräches wurden vernehmbar:

– Es ist bald vier.

– Ich sagte doch, wir sind zu früh hinausgefahren.

– Um fünf wird es hell . . .

– Um ja, um fünf. Da mußte man doch . . .

Auf einer Waldwiese machte man Halt. In einiger Entfernung, hinter den spärlichen, winterlich kahlen Bäumen, schwankten lautlos zwei Laternchen: Dort stand der Galgen.

– Ich habe einen Galoschen verloren, sagte Ssergei Golowin.

– Was? – Werner verstand ihn nicht.

– Ich habe einen Galoschen verloren. Es ist kalt.

– Wo ist Wassilij?

– Weiß nicht. Da steht er.

Schwarz und regungslos stand Wassilij.

– Und wo ist Mußja?

– Hier bin ich. Bist du es, Werner?

Sie fanden sich zusammen, schauten sich an und vermieden es, zu der Seite zu sehen, wo sich stumm und entsetzlich vielsagend die Laternchen hin und her bewegten. Weiter nach links wurde der entlaubte Wald lichter, etwas Großes, Weißes, Flaches schimmerte zwischen den Bäumen. Von dort wehte ein feuchter Wind.

– Das Meer! sagte Ssergei Golowin, mit Nase und Mund die feuchte Luft einatmend. – Dort ist das Meer.

Mußja rief hell:

– Weit wie das Meer ist meine Liebe . . .!

– Was machst du, Mußja!?

– Weit wie das Meer ist meine Liebe.
Die Ufer des Lebens umschließen sie nicht! . . .

– Weit wie das Meer ist meine Liebe, sagte Ssergei Golowin gedankenvoll, vom Klang der Stimme und von den Worten mit fortgerissen.

– Weit wie das Meer ist meine Liebe, wiederholte auch Werner; und plötzlich fügte er erstaunt hinzu: Wie jung bist du noch, Mußja!

Da vernahm Werner dicht bei seinem Ohr heiseres, ersticktes Geflüster.

Es war Mischka, der Zigeuner.

– Herr, was Herr, das ist der Wald und da, mein Gott, was ist das! Dort wo die Laternchen – ist das der Galgen? Was, Herr?

Werner sah sich um – Mischka wand sich in tödlicher Qual.

– Wollen wir Abschied nehmen, sagte Tanja Kowaltschuk.

– Wart. Das Todesurteil wird noch einmal verlesen, antwortete Werner.

– Aber wo ist Janson?

Janson lag auf dem Schnee. Einige Gestalten waren um ihn beschäftigt, Und plötzlich roch es scharf nach Salmiak.

– Was fehlt ihm, Doktor? Wird's bald? fragte jemand ungeduldig.

– Nichts, eine gewöhnliche Ohnmacht. Reibt ihm die Ohren mit Schnee. Er kommt schon zu sich. Man kann lesen.

Das Licht einer Blendlaterne fiel auf das Papier und die weißen Hände ohne Handschuhe. Eins sowohl wie das andere zitterte; auch die Stimme zitterte:

– Meine Herren, vielleicht braucht das Todesurteil nicht verlesen zu werden. Sie kennen es ja alle. Was meinen Sie?

– Nicht lesen, antwortete Werner für die anderen und das Laternchen erlosch sofort. Auch den Geistlichen beanspruchte niemand. Eilig trat der dunkle, breite Schatten zurück und verschwand im Hintergrunde.

Der Morgen graute, der Schnee wurde weißer, die Gestalten dunkler, der Wald immer dünner, trauriger, gewöhnlicher.

– Meine Herren, Sie müssen zu zweien gehen. Sie können sich zu Paaren aufstellen, wie Sie wollen. Nur bitte, sich zu beeilen.

Werner zeigte auf Janson, der bereits aufrecht stand, von zwei Gendarmen gestützt.

– Ich gehe mit ihm. Und du, Ssergei, mit Wassilij. Geht voran!

– Gut.

– Wir gehen zusammen, Mussetschka? fragte Tanja Kowaltschuk. Geben wir uns einen Kuß!

Sie küßten sich alle. Mischka küßte fest, daß man die Zähne fühlte, Janson schlaff und träge, mit halb offenem Munde; übrigens schien er nicht zu verstehen, was mit ihm vorging. Als Ssergei Golowin und Kaschirin schon ein paar Schritt gegangen waren, blieb Kaschirin plötzlich stehen und sagte laut und deutlich, aber mit fremder, unkenntlicher Stimme: – Lebt wohl, Kameraden!

– Leb' wohl, Kamerad! rief man ihm nach.

Sie waren gegangen. Es wurde still. Die Laternchen hinter den Bäumen standen unbeweglich. Man erwartete einen Aufschrei, einen Laut, irgendein Geräusch – aber es blieb dort ebenso still, wie es überall war, und unbeweglich schimmerten die gelben Laternchen.

– Ach mein Gott, ächzte jemand. Sie sahen sich um: es war Mischka, der sich in Todesqualen wand. – Man hängt sie! Man hängt sie!

Sie wandten sich ab und wieder wurde es still. Mischka krümmte sich, mit den Händen in die Luft greifend.

– Wie denn das, Herrschaften? Ich allein? In Gesellschaft ist es gemütlicher. Was, Herrschaften?

Er faßte, gleichsam spielend, Werners Hand.

– Lieber Herr, geh' doch mit mir, was? Hab' Erbarmen! Sag' nicht nein!

– Ich kann nicht, Lieber, ich gehe mit dem da.

– Ach Du! Mein Gott! Also allein. Wie denn das? O Gott!

Mußja trat vor und sagte leise: Ich gehe mit dir.

Mischka prallte zurück und rollte wild mit den Augäpfeln.

– Du?

– Ja.

– Sieh mal an, diese Kleine! Fürchtest du dich nicht? Sonst geh' ich lieber allein, was ist denn auch dabei!

– Nein, ich fürchte mich nicht.

Mischka grinste.

– Ich bin ein Raubmörder. Ekelt dir nicht? Dann nicht. Ich nehme es dir nicht übel.

Mußja schwieg, und bei dem schwachen Schein der Morgendämmerung sah ihr Gesicht blaß und seltsam verändert aus. Dann trat sie schnell auf Mischka zu, legte den Arm um seinen Hals und küßte ihn fest auf die Lippen. Er packte sie an den Schultern, schob sie von sich, schüttelte sie und küßte sie laut schmatzend auf Lippen, Augen und Nase.

– Komm!

Plötzlich wankte der zunächst stehende Soldat und ließ die Flinte fallen. Er bückte sich nicht, um sie aufzuheben, stand einen Augenblick wie angewurzelt, wandte sich kurz um und schritt wie ein Blinder durch den tiefen Schnee in den Wald.

– Wohin? flüsterte der andere erschrocken. Halt!

Der Soldat stapfte ebenso schweigend und schwerfällig weiter; schien über etwas zu stolpern, schlug mit der Hand durch die Luft und fiel vornüber aufs Gesicht. So blieb er liegen.

– Heb' die Flinte auf, Sauertopf! Sonst nehme ich sie, drohte Mischka. – Kennst nicht mal deinen Dienst.

Wieder tanzten die Laternchen geschäftig hin und her.

Jetzt war die Reihe an Werner und Janson.

– Leb' wohl, Herr, sagte Mischka laut. – In jener Welt werden wir uns kennen. Wenn du mich siehst, wende dich nicht ab. Und bring' mir mal Wasser zu trinken. – Heiß wird's da sein!

– Leb' wohl! –

– Ich will nicht, sagte Janson träge. Aber Werner faßte ihn an der Hand, und ein paar Schritte ging der Este selbst. Dann sah man, wie er stehen blieb und auf den Schnee fiel. Man beugte sich über ihn, hob ihn auf und trug ihn fort. Nur schwach wehrte er sich in den starken Armen. Warum schrie er nicht? Er hatte wohl vergessen, daß er eine Stimme besaß.

Und wieder standen die gelben Laternchen still.

– Und ich allein, Mussetschka, sagte Tanja Kowaltschuk traurig. – Zusammen haben wir gelebt und jetzt . . .

– Tanjetschka, Liebste . . .

Aber energisch trat Mischka dazwischen und Mußjas Hand ergreifend, als fürchte er, man könne sie ihm doch noch entreißen, sagte er schnell und geschäftig:

– Ach, Fräulein, du kannst schon allein, du hast eine reine Seele, du kommst allein hin, wohin du willst. Verstehst du? Aber ich nicht. Ich bin ein Räuber – verstehst du? da ist's unmöglich allein. Wohin kriechst du, Mordgeselle? wird man sagen. Ich habe auch Pferde gestohlen, bei Gott. Aber mit ihr gehe ich wie mit einem Neugeborenen auf dem Arm. Verstehst du? Hast du mich verstanden?

– Ich habe dich verstanden. Nichts zu machen. Geht nur, geht. Komm, ich küsse dich noch einmal, Mussetschka . . .

– Küßt euch, küßt euch, sagte Mischka aufmunternd zu den Frauen. – Das ist Weibersache. Man muß sich gut verabschieden.

Mußja und der Zigeuner setzten sich in Bewegung. Die Frau ging vorsichtig, dazwischen ausgleitend, nach alter Gewohnheit den Rock raffend, und fest untergefaßt, den Weg mit dem Fuße prüfend, führte sie der Mann zum Tode.

Die Lichtchen standen. Still und leer war es um Tanja Kowaltschuk. Die Soldaten schwiegen, standen grau und farblos in der Dämmerung des anbrechenden Tages.

– Nur ich allein, sagte Tanja Kowaltschuk und seufzte. – Sseresha ist tot, Werner ist tot und Waßja. Nur ich allein. Soldaten, ach Soldaten! Ich allein . . . allein . . .

Über dem Meer ging die Sonne auf.

Man legte die Leichname in einen Kasten. Dann führte man sie fort. Mit langgezogenen Hälsen, wild hervorstehenden Augen, gequollener blauer Zunge, die mit blutigem Schaum betaut, wie eine schreckliche fremde Blume aus den Lippen herauswuchs – wurden die Menschen denselben Weg zurückgebracht, den sie lebendig selbst gekommen waren. Ebenso weich und naß war der tauende Frühlingsschnee, ebenso frisch und kräftig die laue Frühlingsluft. Schwarz lag mitten im Schnee Ssergeis nasser, ausgetretener Galoschen.

Also grüßten die Menschen die aufgehende Sonne.

 

Ende

 

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