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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
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XI

Auf der Fahrt

Bevor die Verurteilten in die verschiedenen Kutschen verteilt wurden, führte man alle fünf in ein großes, kaltes Zimmer mit gewölbter Decke, das an eine leerstehende Kanzlei erinnerte. Man gestattete ihnen, miteinander zu sprechen.

Nur Tanja Kowaltschuk machte sogleich von der Erlaubnis Gebrauch. Die anderen drückten sich abgewandten Blickes fest und schweigend die Hände, die kalt wie Eis und glühend heiß wie Feuer waren. Jetzt, als sie wieder zusammen waren, wurde das in der Einsamkeit Überstandene zu etwas Peinlichem, und jeder suchte dem Blick des anderen auszuweichen, um nicht das, was hinter ihm lag, zu verraten oder in den Augen des anderen zu lesen.

Doch kaum hatten sich ihre Blicke getroffen, so lächelten sie – wurden einfach und natürlich wie früher. Keine Veränderung war eingetreten und wenn, so verteilte sie sich so gleichmäßig über alle, daß sie beim einzelnen nicht zu bemerken war. Sie bewegten sich eigentümlich schroff, ruckweise, bald zu langsam, bald zu schnell; dazwischen verschluckten sie die Hälfte eines Wortes oder wiederholten es mehreremal; dann wieder ließen sie einen angefangenen Satz unbeendet, glaubten ihn beendet und bemerkten es nicht. Alle blinzelten und betrachteten neugierig die gewöhnlichsten Dinge, ohne sie zu erkennen, wie Menschen, die lange Zeit eine Brille getragen und sie mit einemmal abgenommen haben. Alle mußten sich hin und wieder mal schnell umdrehen: Im Rücken schien sie jemand anzurufen, um ihnen etwas zu sagen. Aber auch das blieb unbemerkt. Mußjas und Tanja Kowaltschuks Wangen brannten, Ssergei war anfänglich etwas blaß, erholte sich aber und war bald wieder der Alte.

Nur Wassilij erregte durch sein schreckliches Aussehen, das sich auch hier im Freundeskreise nicht veränderte, aller Aufmerksamkeit. Von plötzlicher Gefühlsaufwallung übermannt, sagte Werner leise, mit zärtlicher Besorgnis zu Mußja:

– Was ist das mit Waßja? Sollte er am Ende? Was? Ich muß mit ihm sprechen.

Wassilij schaute Werner an, als erkenne er ihn nicht, und schlug die Augen nieder.

– Waßja, was hast du mit deinen Haaren gemacht? Was ist dir? Sei ruhig, mein Lieber, es ist ja gleich zu Ende. Man muß sich zusammennehmen, ja, ja, man muß.

Wassilij schwieg. Schon glaubte man, er würde nichts erwidern, da mit einemmal kam dumpf und hohl die verspätete Antwort, wie aus einem Grabe, das auf wiederholte Anrufe zu reden beginnt:

– Ich halte mich ja. – Und noch einmal: Ich halte mich ja.

Werner freute sich.

– Das ist brav, mein Junge! So ist's recht.

Doch er begegnete dem dunkeln, wie aus weiter Ferne gerichteten Blick und empfand minutenlange Pein. Von wo kam der Blick? Von wo kamen die Worte? Und mit jener Innigkeit, mit der man nur zu einem Grabe spricht, sagte Werner:

– Höre, Waßja, ich habe dich sehr, sehr lieb.

– Und ich liebe dich auch sehr, antwortete die schwere Zunge.

Mit einem Male ergriff Mußja Werners Hand und sagte scharf betonend wie eine Schauspielerin auf der Bühne:

– Was höre ich, Werner? Du und lieben, das hat bisher noch niemand von dir gehört. Und warum bist du sanft und verklärt?

Und ebenso scharf betonend wie ein Schauspieler auf der Bühne, der sein Gefühl zum Ausdruck bringen will, sagte Werner, indem er Mußjas Hand preßte:

– Ja, ich liebe. Sage es niemand, es ist mir unangenehm. Aber ich liebe.

Ihre Blicke begegneten sich, flammten hell auf, und für einen Augenblick verblaßte alles um sie herum, wie beim Aufleuchten eines Blitzes alle anderen Lichter erlöschen, die gelbe Flamme einen Schatten über die Erde selbst zu werfen scheint.

– Ja, sagte Mußja, ja, Werner.

– Ja, antwortete er, ja, Mußja, ja!

In diesem Augenblicke wurde ein unerschütterlicher Bund besiegelt, und leuchtenden Auges in nochmaliger Aufwallung stürzte Werner auf Ssergei zu:

– Sseresha!

Aber Tanja Kowaltschuk antwortete für ihn. Außer sich, fast weinend vor mütterlichem Stolz, schüttelte sie ohne Aufhören Ssergeis Hand.

– Werner, hör'! Ich weine und vergehe vor Gram um ihn, und er – macht gymnastische Übungen!

– Nach Müller? fragte Werner lächelnd.

Ssergei zog die Stirne kraus.

– Lach' ja nicht, Werner. – In Gemeinschaft miteinander schöpften sie von neuem Mut und Festigkeit, waren bald wieder die Alten, bemerkten aber auch dies nicht, glaubten, daß sie nie anders gewesen. Plötzlich unterbrach Werner sein Lachen und sagte sehr ernst:

– Du hast recht, Sseresha, vollständig recht!

– Nein, verstehe doch, freute sich Golowin. Natürlich müssen wir . . .

Aber da forderte man sie auf, zu fahren, und war so liebenswürdig, ihnen zu gestatten, sich nach Wunsch paarweise in die Kutschen zu verteilen. Überhaupt war man sehr liebenswürdig, fast zu sehr: Versuchte, teils seine menschlichen Beziehungen zu betonen, teils zu zeigen, daß man an all dem ganz unbeteiligt sei, daß alles von selbst geschehe. War aber sehr blaß dabei.

– Du fährst mit ihm, Mußja. – Werner zeigte auf Wassilij, der regungslos dastand.

– Ich verstehe. Mußja nickte mit dem Kopf. Und du?

– Ich? Tanja mit Ssergei, du mit Waßja . . ., ich – allein. Das tut nichts. Du weißt, ich kann es.

Als sie auf den Hof hinaustraten, schlug ihnen die weiche Dunkelheit warm und feucht ins Gesicht, legte sich vor die Augen, auf die Brust, durchdrang milde läuternd den ganzen Körper. Kaum glaublich schien es, daß dieses Wunderbare nichts weiter als der Wind, der warme Frühlingswind sein sollte. Und die Frühlingsnacht, von unbegrenzter Weite, roch nach schmelzendem Schnee, war erfüllt vom Geräusch aufschlagender Tropfen. Hastig, eins das andere überholend, fallen die schnellen Tröpfchen und prägen gemeinsam ein helltönendes Lied; plötzlich versagt eine Stimme, alles vermischt sich in lustigem Geplätscher und eiligem Durcheinander. Dann wieder füllt langsam ein großer, strenger Tropfen, und von neuem beginnt das Prägen des hellen Frühlingsliedes. Über der Stadt, hoch über den Festungsdächern liegt der fahle Schein des elektrischen Lichtes.

– U–ach! seufzte Golowin tief auf und hielt den Atem an, als täte es ihm leid, die frische, schöne Luft aus den Lungen fortzugeben.

– Ist schon lange so ein Wetter? erkundigte sich Werner. Der reine Frühling.

– Erst den zweiten Tag, war die zuvorkommende Antwort. Sonst fror es wohl meist.

Geräuschlos kamen eine nach der anderen die dunklen Kutschen vorgerollt, nahmen sie zu zweien auf und entschwanden in der Finsternis, dort, wo an der Pforte die große Laterne schaukelte. Graue Silhouetten – eine Eskorte Soldaten zu Pferde – ritten zu beiden Seiten jeder Equipage, hell klapperten die Pferdehufe auf den Steinen oder schlurrten durch den nassen Schnee.

Als Werner sich bückte, um in die Kutsche zu steigen, sagte der Gendarm zögernd:

– Da ist noch jemand, der mit Ihnen fährt.

Werner war erstaunt.

– Wohin? Wohin denn? Ach ja. Noch einer? Wer ist es denn?

Der Soldat schwieg. Und wirklich drückte sich da im Dunkeln etwas Kleines, Regungsloses, aber Lebendiges in die Ecke – beim seitlichen Licht der Laterne sah man das Aufblitzen eines offenen Auges. Beim Hinsetzen stieß Werner gegen ein Knie.

– Verzeihung, Kamerad!

Der antwortete nicht. Erst als die Kutsche sich in Bewegung setzte, fragte er plötzlich stockend, in gebrochenem Russisch:

– Wer sind Sie?

– Ich bin Werner. Zum Tode am Galgen verurteilt, für das Attentat auf N. N. Und Sie?

– Ich bin Janson. Man soll mich nicht hängen.

Sie fuhren, um nach zwei Stunden dem großen unaufgedeckten Geheimnis Auge in Auge gegenüberzustehen, vom Leben zum Tode einzugehen und – wurden bekannt miteinander. Nebeneinander lagen Leben und Tod, und bis zum Schluß, bis in die kleinste, lächerlichste Einzelheit blieb das Leben Leben.

– Und was haben Sie getan, Janson?

– Ich habe meinen Wirt mit dem Messer erstochen. Geld gestohlen.

Nach seiner Stimme zu urteilen, war Janson im Einschlafen begriffen. Werner fand im Dunkeln die schlaffe Hand und drückte sie. Janson zog sie träge zurück.

– Hast du Angst? fragte Werner.

– Ich will nicht.

Sie schwiegen. Werner fand wieder die Hand des Esten und preßte sie fest zwischen seinen trockenen, glühendheißen Fingern. Sie lag leblos wie ein Brettchen und zog sich nicht mehr zurück.

In der Kutsche war es eng und beklommen. Es roch muffig nach Soldatentuch, Pferdemist und nassen Stiefeln. Der jugendliche Gendarm, der Werner gegenüber saß, blies ihn mit tabak- und knoblauchgeschwängertem Atem an. Durch einige Ritzen drang die frische, herbe Luft herein, wodurch in diesem kleinen, stickigen, vorwärtseilenden Kasten der Frühling noch fühlbarer war als draußen.

Die Kutsche bog bald nach rechts, bald nach links ein, schien umzukehren, und dazwischen war es, als führen sie stundenlang auf einem Flecke herum. Anfangs schimmerte durch die heruntergelassenen dichten Fenstervorhänge das bläuliche Licht der elektrischen Laternen; dann mit einemmal wurde es ganz dunkel, und daraus konnten sie schließen, daß man sich in einer entlegenen Vorstadtstraße befand und sich dem S.schen Bahnhof näherte. Bei einer plötzlichen Wendung stieß Werners Knie an das lebendige, gebogene Knie seines Gegenübers, und der Gedanke an die Hinrichtung erschien ganz unmöglich.

– Wohin fahren wir? fragte Janson. Ihm schwindelte vom beständigen Kehren und Wenden im dunkeln Kasten, so daß ihm ganz übel wurde.

Werner antwortete dem Esten und drückte ihm fest die Hand. Er wollte diesem kleinen, verschlafenen Menschen etwas besonders Freundschaftliches, Zärtliches sagen – denn schon liebte er ihn, wie sonst niemanden auf der Welt.

– Du sitzt gewiß schlecht, mein Lieber. Rück näher zu mir.

Janson schwieg eine Weile, dann entgegnete er:

– Nun, danke, es ist schon gut. Wird man dich auch hängen?

– Ja, mich auch, antwortete Werner unerwartet lustig, beinahe lachend und machte eine ungezwungene Handbewegung. Als wäre von einem dummen, albernen Streich die Rede, den ihm sehr liebe, aber schrecklich lächerliche Menschen spielen wollten.

– Hast du eine Frau? fragte Janson.

– Nein! Was sollte ich mit einer Frau! Ich stehe ganz allein.

– Ich auch, sagte Janson.

Werners Kopf fing an, sich zu drehen. Ein paar Minuten lang schien es ihm, als fuhren sie zu einem Fest; merkwürdig, fast alle, die zur Hinrichtung fuhren, hatten dieselbe Empfindung, und neben der Qual und dem Grauen freuten sie sich unklar auf das Ungewöhnliche, das in kurzem mit ihnen geschehen würde. Die Wirklichkeit berauschte sich am Wahnsinn. Mit dem Leben Abrechnung haltend, gebar der Tod Gespenster. Sehr möglich, daß die Häuser geflaggt hatten.

– Angekommen, sagte Werner erfreut und neugierig, als die Kutsche hielt, und sprang leicht hinaus. Mit Janson dauerte es länger; schweigend und träge stemmte er sich gegen die Wagentür und wollte nicht aussteigen. Er hielt sich am Griff, der Gendarm bog die kraftlosen Finger auseinander und riß die Hand los; er griff in die Ecke, nach der Tür, dem hohen Rad, aber bei der geringsten Anstrengung des Gendarms ließ er los. Eigentlich hielt er sich nicht an den Gegenständen, sondern klebte daran und ließ sich mühelos abreißen. Endlich erhob er sich.

Die Häuser hatten nicht geflaggt. Nächtlich dunkel, still und menschenleer, stand der Bahnhof. Personenzüge gingen keine mehr, und für den Zug, der dort auf dem Geleise schweigend seine Passagiere erwartete, bedurfte es keiner hellen Beleuchtung, keines geschäftigen Hin und Hers. Plötzlich übermannte Werner die Langeweile. Nicht Furcht, nicht Seelenqual, nein, Langeweile, jene peinigende, drückende Langeweile, die einen treibt, sich niederzulegen und fest die Augen zu schließen. Werner reckte sich und gähnte anhaltend. Auch Janson gähnte, schnell ein paarmal nach der Reihe.

– Wenn es doch schneller . . ., sagte Werner müde.

Janson schwieg und kroch in sich zusammen.

Als die Verurteilten auf dem menschenleeren, von Soldaten abgesperrten Bahnsteig zu den matt erleuchteten Waggons gingen, befanden sich Werner und Ssergei Golowin dicht nebeneinander. Ssergei sagte etwas, indem er mit dem Finger zur Seite wies, und deutlich vernahm man das Wort »Laterne«, der Rest ging in langes müdes Gähnen über.

– Was sagst du da? fragte Werner ebenso gähnend.

– Die Laterne dort. Die Lampe in der Laterne blakt, sagte Ssergei. Werner sah sich um: Wirklich, die Lampe blakte, und schon war das Glas oben ganz schwarz geworden.

– Ja, sie blakt.

Dann besann er sich: Was ging es ihn an, daß die Lampe blakt, wo . . . Dasselbe schien auch Ssergei zu denken. Er blickte Werner einen Moment an und wandte sich ab. Aber beide gähnten nicht mehr.

Alle bestiegen allein den Wagen, nur Janson mußte am Arm geführt werden. Anfangs stemmte er sich mit den Füßen dagegen und schien an den Perronbrettern zu kleben, dann knickten die Knie ein, und er blieb in den Armen der Gendarmen hängen; mit den Zehen über das Holz schurrend, schleppten seine Füße nach, wie bei einem stark Betrunkenen. Es dauerte lange, bis man ihn schweigend durch die Tür schob.

Auch Wassilij Kaschirin ging allein. Unbewußt ahmte er die Bewegungen der Kameraden nach – machte alles genau so wie sie. Auf der Plattform des Waggons glitt er aus. Um ihn zu stützen, griff der Gendarm nach seinem Ellenbogen. Wassilij zuckte zusammen und stieß, sich losreißend, einen durchdringenden Schrei aus:

– Ai!

– Waßja, was fehlt dir? Werner stürzte auf ihn zu. Wassilij bebte am ganzen Körper. Verwirrt, fast bekümmert erklärte der Gendarm:

– Ich wollte ihn nur halten, aber er . . .

– Komm, Waßja, ich stütze dich, sagte Werner und wollte ihn unter den Arm nehmen.

Wassilij zog den Arm zurück und schrie noch lauter:

– Ai!

– Waßja, ich bin es ja, ich, Werner.

– Ich weiß. Rühr' mich nicht an. Ich gehe allein.

Immer noch zitternd, trat er allein in den Waggon und setzte sich in eine Ecke. Werner beugte sich zu Mußja und fragte leise mit einem Blick auf Wassilij:

– Nun, wie war es?

– Schlimm, gab Mußja ebenso leise zurück, er ist schon tot. – Sag' mir, Werner, gibt es einen Tod?

– Ich weiß es nicht, Mußja. Aber ich glaube nicht, sagte Werner ernst und nachdenklich.

– Das denke ich auch. Aber Wassilij? In der Kutsche habe ich mich so mit ihm abgequält. Ich fuhr wie mit einem Toten.

– Ich weiß es nicht, Mußja. Vielleicht für einige wohl – jetzt eben – aber später nicht mehr. Auch für mich existierte er. Aber jetzt nicht mehr.

Mußjas blasse Wangen flammten auf.

– Für dich, Werner? Für dich . . .?

– Ja, für mich. Jetzt ist er nicht mehr da, ebenso wie für dich.

In der Waggontür wurde es laut. Stampfend, schnaufend und spuckend trat Mischka, der Zigeuner, ein. Wild blickte er um sich und blieb eigensinnig stehen.

– Kein Platz, Gendarm, schrie er dem müden, böse dreinschauenden Schutzmann zu. Sorge dafür, daß ich es bequem habe, sonst fahre ich nicht mit. Häng' mich lieber gleich dort an dem Laternenpfahl auf . . . und die Kutsche, in der ich sitzen mußte – war das eine Kutsche?! Des Teufels Schlund, aber keine Kutsche!

Plötzlich senkte er den Kopf, reckte den Hals und trat vor. Von struppigem Haar und Bart umrahmt, rollten wild und scharf die schwarzen Augen, aus denen die Spuren des Wahnsinns sprachen.

– Ha! was ist denn das?! Lauter feine Leute! Guten Tag, Herr!

Er reichte Werner die Hand und setzte sich ihm gegenüber. Ganz nahe zu ihm vorgebeugt, kniff er das eine Auge zu und führte mit einer schnellen Bewegung die Hand zum Halse.

– Auch? Was?

– Auch, lächelte Werner.

– Doch nicht alle?

– Ja, alle.

– Oho! Mischka fletschte die Zähne und überflog alle mit einem Blick, wobei sein Auge eine Sekunde länger auf Mußja und Janson ruhte.

Wieder zwinkerte er Werner zu.

– Den Minister?

– Ja. Und du?

– Ich, Herr, für eine andere Sache. Wie kommt unsereiner zu einem Minister! Ich bin ein gewöhnlicher Raubmörder. Tut nichts, Herr, rück' ein wenig weiter, hab' mich nicht aus eigenem Antriebe eurer Gesellschaft aufgedrängt. In der andern Welt ist für uns alle Platz genug.

Wieder streifte er, unter dem buschigen Haar hervor, alle mit schnellem, mißtrauischem Blick. Sie sahen ihn schweigend und ernst, sogar mit sichtbarer Teilnahme an, Mischka grinste und schlug Werner ein paarmal aufs Knie.

– So geht's, Herr! Wie heißt es doch im Liede: Rausch' nicht Eichenwald, mein Mütterchen . . .Aus dem früher erwähnten Räuberlied.

– Warum nennst du mich Herr, wo wir doch alle . . .

– Stimmt! Mischka war mit Vergnügen dabei. Was für ein Herr bist du, wenn du neben mir baumeln wirst. Der da, das ist ein Herr, – er zeigte mit dem Finger auf den schweigsamen Gendarm. – Eh, aber dieser hier, fuhr er mit einem Blick auf Wassilij fort, ist nicht schlechter als unsereins. Herr, was, Herr, fürchtest du dich?

– Nein, antwortete die schwere Zunge.

– Nun, wieso denn »nein«. Brauchst dich nicht zu schämen. Nur ein Hund wedelt mit dem Schwanze und tut freundlich, während man ihn zum Hängen führt, aber du bist ein Mensch, und was ist denn das für ein Tölpel? Der gehört nicht zu euch.

Er rollte die Augen schnell hin und her und spuckte unaufhörlich und geräuschvoll den zusammenlaufenden süßlichen Speichel auf den Boden.

Janson saß wie ein lebloser Knäuel in die Ecke gedrückt und erwiderte nichts. Nur ganz leise zitterten die Ohrklappen an seiner Pelzmütze.

– Er hat seinen Wirt erstochen, antwortete Werner für ihn.

– O Gott! wunderte sich Mischka. Und so einem erlaubt man, Menschen abzustechen.

Die ganze Zeit hatte Mischka zu Mußja hinübergeschielt. Jetzt drehte er sich schnell um und starrte ihr fest und gerade ins Gesicht.

– Fräulein! he, Fräulein! Was sind Sie denn für eine! Rote Wangen und lacht! Guck, sie lacht wirklich! Wie eiserne Klammern packten seine Finger Werners Knie. Guck doch nur!

Errötend und verlegen lächelnd, schaute Mußja ebenso gerade in die scharfen, fragenden Augen mit den Spuren des Wahnsinns darin.

Alle schwiegen.

Schnell und geschäftig stampften die Räder, die kleinen Waggons hüpften auf dem schmalen Geleise und hasteten eifrig vorwärts. Bei jeder Kurve oder Überfahrt pfiff die Lokomotive dünn und geschäftig: Der Maschinist fürchtete, jemand zu überfahren. Zu toll war der Gedanke, daß es zum Hängen von Menschen so viel gewöhnlicher, menschlicher Genauigkeit, Geschäftigkeit bedurfte, daß das Allersinnloseste auf der Welt einen so einfachen und vernünftigen Anstrich hatte. Die Waggons liefen, drin saßen Menschen, wie sie immer sitzen, fuhren, wie man immer fährt. Dann kommt eine Station, und wie gewöhnlich heißt es »fünf Minuten Aufenthalt«.

Und dort kommt der Tod – die Ewigkeit– das große Mysterium.

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