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Die Geschichte von den sieben Gehenkten

Leonid Nikolajewitsch Andrejew: Die Geschichte von den sieben Gehenkten - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenovelette
authorLeonid Andrejew
titleDie Geschichte von den sieben Gehenkten
publisherMusarion Verlag
printrun7. bis 10. Tausend
year1927
translatorLully Wiebeck
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20091107
modified20150128
projectidb5a29016
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IX

Furchtbare Einsamkeit

Beim gleichen Schlagen der Uhr, von Ssergei und Mußja nur durch eine leere Zelle getrennt und namenlos einsam, als wäre er ganz allein im Universum, schleppte der unglückliche Wassilij Kaschirin in Angst und Entsetzen sein Leben dem Ende zu.

Schweißbedeckt, in nassem, klebendem Hemde, in Strähnen die früher lockigen Haare, rannte er krampfhaft und desperat in seiner Zelle auf und ab. Wie ein Mensch, der an unerträglichen Zahnschmerzen leidet. Setzte sich, lief von neuem, preßte die Stirn gegen die Wand und suchte etwas mit den Augen, als suche er eine Arzenei. Er hatte sich so verändert, wie wenn er zwei verschiedene Gesichter gehabt hätte, das junge von einst war irgendwohin fort, an seine Stelle war ein neues, furchtbares, aus der Dunkelheit stammendes Gesicht getreten.

Die Angst vor dem Tode kam mit einem Schlage über ihn, bemächtigte sich seiner ganz und gar. Noch am Morgen auf dem Wege zum sicheren Tode, hatte er mit ihm kokettiert, und schon am selben Tag in der einsamen Zelle überfluteten ihn die Wogen wahnsinniger Angst. Solange er sich selbst, aus freiem Willen in Gefahr und Tod begab, so lange er seinen Tod, obwohl schrecklich von Gestalt, in eigener Hand hielt, war ihm leicht, ja sogar heiter zumut; im Gefühle unbeschränkter Freiheit, kühner und fester Betätigung seines unerschrockenen Willens war diese kleine, verschrumpfte Altweiberangst spurlos verschwunden. Mit der Höllenmaschine umgürtet, verwandelte er sich selbst in eine Höllenmaschine, schloß die grausame Idee des Dynamits in sich, hatte sich seine feurige, totbringende Kraft einverleibt. Und auf der Straße, mitten unter den alltäglichen, hastenden, mit ihren Angelegenheiten beschäftigten Menschen, die sich eilig vor Droschkenpferden und Trambahnen retteten, kam er sich wie ein Fremdling aus anderer unbekannter Welt vor, wo man weder Angst noch Tod kennt.

Und plötzlich diese schroffe, wilde, betäubende Veränderung. Schon geht er nicht mehr dorthin, wo er will, man führt ihn, wohin andere wollen. Er sucht sich nicht mehr seinen Platz aus, man sperrt ihn in einen Steinkäfig und schließt ihn wie eine Sache ein. Er kann nicht mehr frei wählen, Leben oder Tod, wie andere Menschen, er wird ganz gewiß, unbedingt getötet. Vor einigen Augenblicken noch die Verkörperung des Lebens, Willens und der Kraft, ist er in kläglicher Weise ein Bild einzig in der Welt dastehender Ohnmacht geworden, ein Tier, das von der Schlachtbank erwartet wird, ein taubstummes Ding, das man hinstellen, verbrennen, zerbrechen kann. Was er auch gesagt hätte, man hörte ihn nicht; wenn er geschrien hätte, würde man ihm einen Lappen in den Mund stopfen, oder wenn er nicht von selbst die Füße setzte, würde man ihn fortführen und hängen; wenn er sich widersetzt, gestrampelt, auf die Erde geworfen hätte, würde man ihn überwältigen, aufheben, binden und gebunden zum Galgen schleppen. Und daß es Menschen wie er waren, die diese Maschinenarbeit an ihm vollführten, gab ihnen ein neues, fremdes, unheilvolles Aussehen; halb Spukgestalten, die absichtlich ihn zu schrecken kamen, halb aufgezogene, automatische Puppen: Sie nehmen, packen, führen, hängen ihn, reißen ihn an den Beinen, schneiden den Strick ab, legen ihn hin, führen ihn fort und graben ihn ein.

Vom ersten Tage im Gefängnis an hatten sich Welt und Menschen für ihn in eine unfaßliche, grauenhafte Gespenster- und Marionettenwelt verwandelt. Halb ohnmächtig vor Entsetzen, versuchte er, sich vorzustellen, daß diese Menschen eine Zunge hätten und sprächen, und konnte es nicht – sie erschienen ihm stumm; versuchte, sich ihrer Gespräche, des Inhalts ihrer Worte, die sie im Verkehr miteinander gebraucht hatten, zu entsinnen – und konnte es nicht. Ihre Münder öffnen sich, etwas erklingt daraus, dann heben sie die Füße und gehen fort. Weiter nichts . . .

Solch ein Gefühl hätte der Mensch, wenn er nachts allein in einem Hause wäre, und mit einem Schlage alle Sachen lebendig würden, sich bewegten und unbegrenzte Macht über ihn gewönnen. Plötzlich fangen sie an, über ihn Gericht zu halten: Schrank, Stuhl, Schreibtisch und Diwan. Er schreit, rennt hin und her, fleht, ruft um Hilfe; Schrank, Stuhl, Schreibtisch und Diwan verständigen sich untereinander und führen ihn dann fort zum Galgen. Die anderen Sachen schauen zu.

Und alles erschien Wassilij Kaschirin, den man zum Tode durch den Strang verurteilt hatte, wie Kinderspielzeug: seine Zelle, die Tür mit dem Guckloch, der Schlag der Uhr, die symmetrisch gebaute Festung und besonders die Marionetten mit ihren Flinten, die durch den Korridor stampften, und die andern, die streng zu ihm hereinsahen und schweigend das Essen brachten. Und das, was ihn quälte, war weniger das Grauen vor dem Tode – eher erschien ihm der Tod jetzt willkommen; in seiner Unfaßlichkeit und urewigen Rätselhaftigkeit war er dem Verstand zugänglicher als diese so wild und phantastisch veränderte Welt. Noch mehr, der Tod war gewissermaßen in dieser sinnlosen Gespenster- und Puppenwelt untergegangen, hatte seinen hohen, geheimnisvollen Sinn verloren, war auch mechanisch und nur deshalb schrecklich geworden. Man nimmt, packt, führt, hängt ihn, zieht ihn an den Beinen, schneidet den Strick ab, legt ihn hin, fährt ihn fort und gräbt ihn ein.

Fort aus der Welt ist der Mensch.

Vor Gericht hatte die Nähe der Kameraden Kaschirin wieder zu sich gebracht. Für kurze Zeit sah er wieder wirkliche Menschen; man saß und verhandelte über ihn, sagte etwas in menschlicher Sprache, hörte ihm zu und schien ihn zu verstehen. Aber schon beim Wiedersehen mit der Mutter fühlte er deutlich mit dem Grauen eines Menschen, der den Verstand verliert und dieses erkennt, daß die alte Frau da im schwarzen Tuch nichts anderes war als eine automatische Puppe, in der Art, wie die, welche »Pa-pa – Ma-ma« sagen, nur etwas besser konstruiert. Er hatte sich bemüht, mit ihr zu sprechen, und dabei erschauernd gedacht:

»O Gott! das ist ja eine Puppe, eine Mamapuppe. Und das ist eine Soldatenpuppe, und zu Hause ist die Papapuppe, und dies hier ist die Puppe Wassilij Kaschirin.«

Noch ein Weilchen länger, und er hätte das Knarren des Mechanismus, das Quietschen ungeschmierter Räder gehört. Als die Mutter zu weinen anfing, tauchte für einen Moment etwas Menschliches auf, aber bei den ersten Worten war es verschwunden, und interessant und schrecklich war es zu beobachten, wie aus den Augen der Puppe Wasser lief.

Später, als das Grauen unerträglich wurde, hatte Wassilij Kaschirin in seiner Zelle zu beten versucht. Von alledem, was im väterlichen Hause seine Jünglingsjahre unter dem Namen Religion umgeben hatte, war nichts als ein widerlich bitterer, irritierender Nachgeschmack geblieben. Glauben hatte er keinen. Aber einst, vielleicht in frühester Kindheit, hörte er ein paar Worte, die ihn damals mit zitternder Erregung erfüllten und, von zarter Poesie umwoben, sich fürs ganze Leben in seinem Gedächtnis festsetzten. Diese Worte hießen:

– . . . und den Betrübten eine Freude . . .

In schweren Augenblicken flüsterte er, ohne zu beten und ohne sich dessen bewußt zu sein: . . . und den Betrübten eine Freude . . ., dann wurde ihm leichter und es trieb ihn zu jemand Liebem hin, um leise zu klagen:

– Unser Leben . . . ja ist denn das ein Leben? . . . Ach, Liebste, ist denn das ein Leben?

Niemand, auch nicht den besten Freunden, hatte er je etwas von seiner »Freude der Betrübten« gesagt, wußte scheinbar selbst nichts von ihr, so tief hatte sie sich in seine Seele geschlichen, und nur selten erinnerte er sich ihrer.

Jetzt, wo das Entsetzen des verbotenen, so sichtbar nahe gerückten Mysteriums über seinem Kopf zusammenschlug, wie die Wogen einer Überschwemmung über den Spitzen der Uferweiden, wollte er beten, wollte niederknien, aber er schämte sich vor dem Soldaten, und die Hände über der Brust gekreuzt, flüsterte er leise:

– . . . und den Betrübten eine Freude . . .

Und schmerzlich, flehentlich wiederholte er:

– Aller Betrübten Freude, komm zu mir und stütze Wassilij Kaschirin . . .

Vor längerer Zeit, in den ersten Semestern auf der Universität, vor der Bekanntschaft mit Werner und dem Eintritt in den Verein, als er noch hin und wieder »durchging«, hatte er sich noch, halb hochtrabend, halb mit Selbstherabsetzung »Waßjka Kaschirin« genannt, und jetzt überkam ihn plötzlich die Lust, sich wieder so zu nennen. Aber tot und tonlos verhallten die Worte.

– . . . und den Betrübten eine Freude . . .

Da plötzlich tauchte irgendwo tief in seiner Seele ein stilles Leidensantlitz auf, glitt vorüber und zerging, ohne die Todesnacht zu erhellen. Die Uhr auf dem Glockenturm schlug. Im Korridor klapperte jemand mit dem Säbel oder mit der Flinte; langgezogen, mit Übergängen gähnte der Soldat.

– . . . und den Betrübten eine Freude . . .

Er lächelte bittend und wartete.

Aber in der Seele und um ihn blieb es leer. Das stille Leidensantlitz kehrte nicht wieder. Ganz unnützerweise mußte er mit einemmal an Wachskerzen, den Popen im Ornat, Heiligenbilder an der Wand denken. Er sah den Vater vor sich, wie er sich beim Beten vor- und zurückbog, zur Erde niederwarf und unter den Brauen weg nach Wassilij einen Blick warf, ob er nicht allerlei Dummheiten trieb. Und noch schrecklicher wurde ihm zumut als vor dem Beten.

Alles war verschwunden.

Langsam kam der Wahnsinn herangeschlichen. Das Bewußtsein erlosch wie ein ausgebranntes Feuer, erkaltete wie der Leichnam eines eben verstorbenen Menschen, dessen Herz noch warm, aber Hände und Füße erstarren. Noch einmal flackerte der verlöschende Sinn blutig auf und sagte, daß er, Wassilij Kaschirin, den Verstand verlieren, unsägliche Qualen erdulden, die Grenze von Schmerz und Leid betreten würde, die nie ein lebendes Wesen erreicht, daß er mit dem Kopf gegen die Wand rennen, sich mit dem Finger die Augen ausstoßen, sprechen, schreien könnte, was er wollte, mit Tränen beteuern, daß er es nicht länger ertrage, und nichts, gar nichts würde geschehen.

Und nichts geschah. Die Füße, die ihr eigenes Leben und Bewußtsein hatten, gingen weiter und trugen den zitternden, feuchten Körper. Die Hände, die ihren eigenen Willen hatten, suchten achtsam den Kittel über der Brust zusammenzuhalten, um den zitternden, nassen Körper zu wärmen. Der Körper fror und zitterte. Die Augen sahen. Fast war es die Ruhe selbst.

Noch ein Moment wilden Entsetzens trat ein, als sie zu ihm kamen. Er dachte nicht einmal daran, daß es zur Hinrichtung fahren hieß; er sah nur die vielen Menschen und erschrak wie ein Kind.

– Ich tu's nicht mehr! Ich tu's nicht mehr! flüsterte er unhörbar mit leichenblassen Lippen und zog sich langsam in die Tiefe der Zelle zurück. Wie in den Kinderjahren, wenn der Vater die Hand zum Schlage erhob.

– Wir müssen fahren!

Es wird gesprochen, herumgegangen. Man gibt ihm etwas. Er schließt die Augen, wankt – und beginnt, sich langsam anzukleiden.

Das Bewußtsein mußte wohl zurückgekehrt sein. Plötzlich bat er den Beamten um eine Zigarette. Und bereitwillig öffnet dieser sein Etui mit so einer modernen Zeichnung darauf.

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