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Die Geschichte meines Zeitgenossen ? Erster Band

Wladimir Galaktionovich Korolenko: Die Geschichte meines Zeitgenossen ? Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWladimir Korolenko
titleDie Geschichte meines Zeitgenossen ? Erster Band
publisherPaul Cassirer
printrunZweite Auflage
editorRosa Luxemburg
year1919
translatorRosa Luxemburg
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Einleitung.

1.

»Meine Seele von dreierlei Nationalität fand endlich eine Heimat, – es war das vor allem die russische Literatur«, sagt Korolenko in seinen Lebenserinnerungen. Die Literatur, die für Korolenko Vaterland, Heimat, Nationalität und deren Zierde er selbst geworden, ist, ihrer Geschichte nach, eine einzig dastehende Erscheinung.

Ganze Jahrhunderte, das Mittelalter und die Neuzeit hindurch, bis zum letzten Drittel des 18. Jahrh., herrschte in Rußland finstere Nacht, Friedhofsstille, Barbarei. Keine gebildete Schriftsprache, keine eigene Metrik, keine wissenschaftliche Literatur, kein Buchhandel, keine Bibliotheken, keine Zeitschriften, keine Mittelpunkte des geistigen Lebens. Der Golfstrom der Renaissance, der sämtliche Länder Europas bespült und einen blühenden Garten der Weltliteratur hervorgezaubert hat, die aufrüttelnden Stürme der Reformation, der Gluthauch der Philosophie des 18. Jahrh., – all das hat Rußland unberührt gelassen. Das Zarenreich besaß noch keine Organe, um die Lichtstrahlen der westlichen Kultur aufzufangen, keinen geistigen Humusboden, um sich ihre Keime anzueignen. Die spärlichen literarischen Denkmäler jener Zeiten muten heute durch ihre fremdartige Häßlichkeit wie Kunsterzeugnisse der Salomonsinseln oder der Neuen Hebriden an; zwischen ihnen und der Kunst des Westens besteht anscheinend keine Wesensverwandtschaft, kein inneres Band.

Dann geschieht etwas wie ein Wunder. Nach einigen schüchternen Anläufen zur Schaffung einer nationalen Geistesbewegung gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts, zünden die Napoleonischen Kriege wie ein Blitz, sowohl durch die tiefste Erniedrigung Rußlands, die zum ersten Mal das nationale Bewußtsein im Zarenreich weckt, wie später durch die Triumphe der Koalition, welche die russische intelligente Jugend nach dem Westen, nach Paris, ins Herz der europäischen Kultur führen und mit einer neuen Welt in Berührung bringen.

Wie über Nacht blüht eine russische Literatur auf, die fertig, im schimmernden Rüstzeug, wie Minerva aus Jupiters Haupte, steigt, – eine eigene nationale Kunstform, eine Sprache, die den Wohllaut der italienischen mit der männlichen Kraft der englischen und dem Adel sowie dem Tiefsinn der deutschen paart, ein übersprudelnder Reichtum an Talenten, an strahlender Schönheit, an Gedanken und Empfindungen.

Die lange finstre Nacht, die Friedhofsruhe war Schein, war Trugbild. Die Lichtstrahlen aus dem Westen blieben nur als latente Kraft verborgen, die Keime der Kultur warteten nur in der Scholle auf günstigen Augenblick, um zu treiben. Die russische Literatur stand auf einmal da, als unverkennbares Glied der europäischen Literatur, in ihren Adern kreiste das Blut Dantes, Rabelais', Shakespeares, Byrons, Lessings, Goethes. Sie holte mit einem Löwensprung die Versäumnisse eines Jahrtausends nach und trat in den Familienkreis der Weltliteratur als ebenbürtige ein.

Ein merkwürdiger Rhythmus dies in der Geschichte der russischen Literatur und eine merkwürdige Analogie zu der jüngsten politischen Entwicklung Rußlands, was wohl geeignet ist, manch braves Schulmeisterlein aus dem Konzept zu bringen.

Was aber das Kennzeichnende dieser so jäh emporgesprossenen russischen Literatur, ist, daß sie aus Opposition zu dem herrschenden Regime, aus Kampfgeist geboren wurde. Dies Zeichen trägt sie sichtbar das ganze 19. Jahrh. hindurch. Daraus erklärt sich der Reichtum und die Tiefe ihres geistigen Gehalts, die Vollendung und Originalität ihrer künstlerischen Form, namentlich aber ihre schöpferische und bewegende soziale Kraft. Die russische Literatur war unter dem Zarismus, wie in keinem Lande und zu keiner Zeit, eine Macht im öffentlichen Leben geworden, und sie blieb ein Jahrhundert lang auf dem Posten, bis sie von der materiellen Macht der Volksmassen abgelöst, bis das Wort zum Fleisch ward. Die schöne Literatur war es, die dem halbasiatischen Despotenstaat einen Platz in der Weltkultur erobert, die vom Absolutismus aufgerichtete chinesische Mauer durchbrochen und eine Brücke zum Westen geschlagen hatte, um hier nicht nur als Nehmende, sondern auch als Gebende, nicht bloß als Schülerin, sondern auch als Meisterin zu erscheinen. Man braucht nur die drei Namen: Tolstoi, Gogol, Dostojewski zu nennen.

In seinen Erinnerungen charakterisiert Korolenko seinen Vater, einen Staatsbeamten aus der Zeit der Leibeigenschaft in Rußland, als typischen Vertreter der Psychologie ehrlicher Leute jener Generation. Vater Korolenko fühlte sich lediglich für seine persönlichen Handlungen verantwortlich. Das nagende Gefühl der Verantwortlichkeit für das soziale Unrecht war ihm fremd. »Gott, Zar und Gesetz« waren für ihn über jede Kritik erhaben. Als Kreisrichter fühlte er sich nur berufen, die Gesetze mit peinlichster Gewissenhaftigkeit zur Anwendung zu bringen. »Daß die Gesetze selbst untauglich sein mögen, das schlägt in die Verantwortlichkeit des Zaren vor Gott, – er, der Richter, ist für die Gesetze so wenig verantwortlich, wie dafür, daß der Blitz vom hohen Himmel manchmal ein unschuldiges Kindlein erschlägt . . .« Die sozialen Zustände im ganzen gehörten für die Generation der 40er und 50er Jahre in Rußland in den Bereich des Elementaren, Unerschütterlichen; das widerstandslose Milieu wußte sich unter der Zuchtrute der Obrigkeit nur wie unter dem Anprall des Wirbelwindes zu beugen, hoffend und harrend, daß das Ungemach vorübergehen möge. »Ja,« sagt Korolenko, »das war eine Weltanschauung aus einem Guß, eine Art unerschütterlichen Gleichgewichts der Gewissen. Ihre inneren Grundlagen wurden nicht durch Selbstanalyse unterwühlt, und die ehrlichen Leute jener Zeit kannten den tiefen inneren Zwiespalt nicht, der sich aus dem Gefühl der persönlichen Verantwortlichkeit für die ganze Gesellschaftsordnung ergibt.« Nur eine solche Weltanschauung sei das echte Fundament des Gottesgnadentums, und solange diese Weltanschauung noch unerschütterlich bestehe, sei die Macht des Absolutismus groß.

Es wäre verfehlt, die von Korolenko charakterisierte Psychologie als spezifisch russisch oder nur mit der Periode der Leibeigenschaft verbunden zu betrachten. Jene Stimmung der Gesellschaft, die, frei von nagender Selbstanalyse und innerem Zwiespalt, die »gottgewollten Abhängigkeiten« wie etwas Elementares empfindet und die Fügungen der Geschichte als eine Art Himmelsschickung hinnimmt, für die man so wenig verantwortlich sei, wie dafür, daß der Blitz manchmal ein unschuldiges Kindlein erschlägt, kann sich mit verschiedensten politischen und sozialen Systemen vertragen. Sie ist auch in der Tat noch unter modernen Verhältnissen anzutreffen, sie war namentlich bezeichnend für die Psychologie der deutschen Gesellschaft während der ganzen Dauer des Weltkrieges.

In Rußland fing dieses »unerschütterliche Gleichgewicht der Gewissen« in breiten Kreisen der Intelligenz schon in den 60er Jahren zu bröckeln an. Korolenko schildert in anschaulicher Weise jenen geistigen Umschwung der russischen Gesellschaft, wobei er zeigt, wie gerade seine Generation die »leibeigene« Psychologie überwunden hatte und von einer neuen Zeitströmung ergriffen wurde, deren vorherrschende Note der »zernagende, qualvolle aber schöpferische Geist der sozialen Verantwortlichkeit« war.

Diesen hohen Bürgersinn in der russischen Gesellschaft geweckt, die tiefste psychologische Wurzel des Absolutismus unterwühlt zu haben, ist das Verdienst der russischen Literatur. Sie hat ihrerseits von Anbeginn ihrer Laufbahn, seit Anfang des 19. Jahrhunderts, nie die soziale Verantwortlichkeit verleugnet, nie den zernagenden, qualvollen Geist der gesellschaftlichen Kritik vergessen.

Seit sie mit Puschkin und Lermontow in unvergleichlichem Glanz eine sichtbare Fahne vor der Gesellschaft aufgerollt hatte, war ihr Lebensprinzip der Kampf gegen Finsternis, Unkultur und Bedrückung. Sie rüttelte mit verzweifelter Kraft an den sozialen und politischen Ketten, scheuerte sich an ihnen wund und zahlte ehrlich die Kosten des Kampfes mit ihrem Herzblut.

In keinem anderen Lande ist eine so auffallende Kurzlebigkeit der hervorragendsten Vertreter der Literatur zu beobachten, wie in Rußland. Zu Dutzenden starben und verdarben sie im blühenden Mannesalter, fast noch im Jünglingsalter von 26, 27 Jahren, oder, wenn es hoch ging, kaum über 40 Jahre alt, durch den Strang, durch direkten oder als Duell verkleideten Selbstmord, Irrsinn, vorzeitige Erschöpfung. So der edle Freiheitsdichter Rylejew, der als Führer des Dekabristen-Aufstandes im Jahre 1826 hingerichtet wurde. So Puschkin und Lermontow, die genialen Schöpfer der russischen Dichtkunst, – beide Opfer des Duells – mit ihrem ganzen Kreis aufblühender Talente. So der Begründer der literarischen Kritik und Verfechter der Hegelschen Philosophie in Rußland, Bjelinski sowie Dobroljubow. So der ausgezeichnete, zarte Poet Kolzow, dessen Lieder vielfach, wie verwilderte Gärtnerblumen, in die russische Volkspoesie hineingewachsen sind. So der Schöpfer der russischen Komödie Gottfried und sein größerer Nachfolger Gogol. So erst wieder in neuerer Zeit die beiden glänzenden Novellendichter Garschin und Tschechow. Andere schmachteten Jahrzehnte im Kerker, im Zuchthause, in der Verbannung, wie der Begründer der russischen Journalistik Navikow, wie der Dekabristen-Führer Bestuschew, wie Fürst Odojewski, Alexander v. Herzen, wie Dostojewski, Tschernyschewski, Schewtschenko, Korolenko.

Turgenjew erzählt gelegentlich, daß er zum ersten Mal irgendwo bei Berlin das Trillern der Lerche mit vollem Bewußtsein genossen habe. Diese beiläufige Bemerkung scheint mir sehr charakteristisch. Die Lerchen trillern in Rußland nicht weniger schön als in Deutschland. Das gewaltige Russische Reich birgt so viele und so mannigfaltige Naturschönheiten, daß ein empfängliches poetisches Gemüt auf jedem Schritt Gelegenheit findet, im Gefühl der Naturfreude restlos aufzugehen. Was einen Turgenjew an dem ungetrübten Genuß der Naturschönheit in seinem eigenen Vaterlande hinderte, war eben die peinigende Disharmonie der gesellschaftlichen Verhältnisse, das ständige drückende Gefühl der Verantwortlichkeit für die schreienden sozialen und politischen Zustände, das man nie loswerden konnte und das, tief im Innern bohrend, keinen Augenblick völligen Selbstvergessens aufkommen ließ. Erst im Auslande, wenn er die tausend niederdrückenden Bilder der Heimat hinter sich gelassen hatte und fremden Verhältnissen gegenüberstand, deren wohlgeordnete Außenseite und materielle Kultur den Russen seit jeher naiv imponierte, vermochte ein russischer Dichter sich unbekümmert, aus voller Brust, dem Gefühl der Naturfreude hinzugeben.

Nichts irriger freilich, als sich danach die russische Literatur als Tendenzkunst in rohem Sinne, schmetternde Freiheitsfanfare, Armeleutemalerei vorzustellen oder gar alle russischen Dichter für Revolutionäre, zum mindesten für Fortschrittler zu halten. Schablonen wie »Reaktionär« oder »Fortschrittler« besagen an sich in der Kunst noch wenig.

Dostojewski ist, zumal in seinen späteren Schriften, ausgesprochener Reaktionär, frömmelnder Mystiker und Sozialistenhasser. Seine Schilderungen der russischen Revolutionäre sind boshafte Karikaturen. Tolstojs mystische Lehren schillern zum mindesten in reaktionären Tendenzen. Und doch wirken auf uns beide in ihren Werken aufrüttelnd, erhebend, befreiend. Das macht: nicht ihr Ausgangspunkt ist reaktionär, nicht sozialer Haß, Engherzigkeit, Kastenegoismus, Festhalten an dem Bestehenden beherrschen ihr Denken und Fühlen, sondern umgekehrt: weitherzigste Menschenliebe und tiefstes Verantwortlichkeitsgefühl für soziales Unrecht. Gerade der Reaktionär Dostojewski ist der künstlerische Anwalt der »Erniedrigten und Enterbten«, wie der Titel eines seiner Werke lautet. Nur die Schlüsse, zu denen er wie Tolstoj, jeder in seiner Art, gelangen, nur der Ausweg, den sie aus dem gesellschaftlichen Labyrinth zu finden glauben, führt auf Abwege der Mystik und Askese. Doch beim wahren Künstler ist das soziale Rezept, das er empfiehlt, Nebensache: die Quelle seiner Kunst, ihr belebender Geist, nicht das Ziel, das er sich bewußt steckt, ist das Ausschlaggebende.

Ebenso kann man in der russischen Literatur, wenn auch in beträchtlich kleinerem Format, eine Richtung finden, die, statt der tiefen, weltumspannenden Ideen eines Tolstoj oder Dostojewski, bescheidenere Ideale: materielle Kultur, modernen Fortschritt, bürgerliche Tüchtigkeit propagiert. Zu den talentvollsten Vertretern dieser Richtung gehören von der älteren Generation Gontscharow, von der jüngeren Tschechow. Hat doch letzterer aus Oppositionsgeist gegen die asketisch-moralisierende Tendenz Tolstojs seinerzeit den charakteristischen Ausspruch getan: Dampf und Elektrizität enthielten mehr Menschenliebe als geschlechtliche Keuschheit und Vegetarianismus. Aber auch diese etwas nüchterne »kulturträgerische« Richtung atmet in Rußland naturgemäß, nicht wie bei französischen oder deutschen Schilderern des juste milieu, satte Philistrosität und Plattheit, sondern jugendlichen, aufrüttelnden Drang zur Kultur, zur persönlichen Würde und Initiative. Zumal Gontscharow hat sich in seinem »Oblomow« zu einem Bild der menschlichen Indolenz aufgeschwungen, das in der Galerie der großen Menschheitstypen von allgemeiner Gültigkeit einen Platz verdient.

Es gibt in der russischen Literatur endlich auch Vertreter der Dekadenz. Eines der goldglänzenden Talente der Gorki-Generation muß hierher gezählt werden: Leonid Andrejew, dessen Kunst eine schaudererregende, modrige Grabluft ausströmt, unter deren Hauch jeder Lebensmut welkt. Aber Wurzel und Wesen dieser russischen Dekadenz sind derjenigen eines Baudelaire oder eines D'Annunzio diametral entgegengesetzt. Hier liegt im Grunde nur Übersättigung mit der modernen Kultur, ein im Ausdruck höchst raffinierter, im Kern sehr robuster Egoismus, der seine Befriedigung im normalen Dasein mehr findet und deshalb nach giftigen Anregungsmitteln greift. Bei Andrejew fließt die Hoffnungslosigkeit aus einem Gemüt, das unter dem Ansturm niederdrückender sozialer Verhältnisse von Schmerz überwältigt ist. Andrejew hat, wie die Besten der russischen Literatur, tief in die mannigfachen Leiden der Menschheit geblickt. Er hat den japanischen Krieg, die erste Revolutionsperiode, die Schrecken der Konterrevolution 1907–11 erlebt und hat sie in erschütternden Bildern, wie »Das rote Lachen«, »Die Geschichte von den sieben Gehängten« und andere mehr geschildert. Nun geht es ihm wie seinem »Lazarus«, der, von der Küste des Schattenreiches zurückgekehrt, den Hauch des Grabes nicht mehr überwinden kann und unter Lebenden wandelt, als »ein vom Tode halbverspeister Brocken«. Der Ursprung dieser Dekadenz ist typisch russisch: es ist das Übermaß an sozialem Mitgefühl, unter dem die Aktions- und Widerstandsfähigkeit des Individuums zusammenbricht.

Dieses soziale Mitgefühl ist es eben, was die Eigenart und künstlerische Größe der russischen Literatur bedingt. Ergreifen und erschüttern kann nur, wer selbst ergriffen und erschüttert ist. Talent und Genie sind freilich in jedem einzelnen Falle eine »Gabe Gottes«. Aber das größte Talent allein reicht zur nachhaltigen Wirkung nicht aus. Wer dürfte dem Abbate Monti Talent oder sogar Genie absprechen, der in Danteschen Terzinen bald die Ermordung des Gesandten der französischen Revolution durch den römischen Pöbel, bald die Siege dieser Revolution selbst, bald die Österreicher, bald das Direktorium, bald, auf der Flucht vor den Russen, den tollen Sumarow, dann wieder Napoleon und wieder den Kaiser Franz besang, jederzeit jedem Sieger mit Nachtigallentönen ins Ohr schluchzend, wer möchte das große Talent eines Sainte-Beuve, des Schöpfers des literarischen Essay, in Abrede stellen, der mit seiner blendenden Feder so ziemlich in allen politischen Lagern Frankreichs nacheinander Dienste tat, um heute zu verbrennen, was er gestern anbetete, und umgekehrt.

Zur bleibenden Wirkung, zur wirklichen Erziehung der Gesellschaft gehört mehr als Talent: dichterische Persönlichkeit, Charakter, Individualität, die im Felsgrund einer geschlossenen großen Weltanschauung verankert sind. Die Weltanschauung ist es eben, das fein vibrierende soziale Gewissen der russischen Literatur, das ihren Blick für die Psychologie der verschiedenen Charaktere, Typen, sozialen Lagen der Menschen so außerordentlich geschärft, es ist das schmerzlich zuckende Mitfühlen, das ihr bei ihren Schilderungen Farben von dieser leuchtenden Pracht eingegeben, es ist das rastlos Suchende, über die gesellschaftlichen Rätsel Grübelnde, was sie befähigt hat, den gesellschaftlichen Bau in seiner ganzen Größe und inneren Verschlungenheit mit künstlerischem Auge zu erschauen und in gewaltigen Werten festzuhalten.

Mord und Verbrechen passieren überall und alle Tage. »Der Friseurgehilfe X hat die Rentiere J. ermordet und beraubt. Die Strafkammer Z. hat ihn zum Tode verurteilt.« Solche Notizen von drei Zeilen »aus dem Reich« liest jeder in seiner Morgenzeitung, streift sie mit gleichgültigem Blick, um weiter nach den letzten Nachrichten vom Rennplatz oder nach dem neuen Wochenspielplan der Theater zu suchen. Wer außer der Kriminalpolizei, den Staatsanwälten und Statistikern interessiert sich für Mordfälle? Höchstens der Detektivroman und das Kinodrama.

Dostojewski ist durch die Tatsache, daß ein Mensch einen Menschen ermorden kann, daß solches alle Tage neben uns, mitten in unserer »Zivilisation«, Wand an Wand mit unserem bürgerlichen Hausfrieden, passieren kann, bis auf den Grund der Seele erschüttert, wie für Hamlet durch das Verbrechen seiner Mutter alle Bande der Menschheit aufgelöst, die Welt aus den Fugen ist, so für Dostojewski angesichts der Tatsache, daß ein Mensch einen Menschen ermorden kann. Er findet keine Ruhe, er fühlt die Verantwortung, die auf ihm, wie auf jedem von uns, für dies Entsetzliche lastet. Er muß sich die Psyche des Mörders klar machen, seinen Leiden, seinen Qualen bis in die verborgenste Falte seines Herzens nachspüren. Er hat diese Foltern alle durchgekostet und ist geblendet durch die furchtbare Erkenntnis: Der Mörder ist selbst das unglücklichste Opfer der Gesellschaft. Nun ruft Dostojewski mit furchtbarer Stimme Alarm, er weckt uns aus der stupiden Gleichgültigkeit des zivilisierten Egoismus, der den Mörder dem Kriminalkommissar, dem Staatsanwalt und dem Henker oder dem Zuchthaus überantwortet und damit erledigt zu haben wähnt. Dostojewski zwingt uns, alle Martern des Mörders mit zu erleben und wirft uns zum Schluß vernichtet zu Boden: wer einmal seinen Raskolnikow, wer das Verhör Dimitri Karamasows in der Nacht nach der Ermordung seines Vaters, wer die »Memoiren aus dem toten Hause« erlebt hat, wird sich nie in das Schneckenhaus des Philistertums und des selbstzufriedenen Egoismus mehr zurückfinden können. Die Romane Dostojewskis sind die furchtbarste Anklage gegen die bürgerliche Gesellschaft, der er ins Gesicht schleudert: der wahre Mörder, der Mörder der Menschenseelen, bist du!

Niemand versteht an der Gesellschaft für ihre an dem Einzelnen begangenen Verbrechen so grausame Rache zu nehmen, sie so raffiniert auf die Folter zu spannen, wie Dostojewski, – dies sein spezifisches Talent. Aber alle führenden Geister der russischen Literatur empfinden ebenso den Mord als eine Anklage gegen die bestehenden Verhältnisse, als ein Verbrechen an dem Mörder als Menschen, für das wir alle – jeder Einzelne – verantwortlich sind. Daher kehren die größten Talente wie fasziniert immer wieder zum Thema des großen Kriminalverbrechens zurück, um es uns in höchsten Kunstwerken vor die Augen zu führen, uns aus der gedankenlosen Ruhe aufzuscheuchen: Tolstoj in der »Macht der Finsternis« und in der »Auferstehung«, Gorki im »Nachtasyl« und in den »Drei Menschen«, Korolenko in der Erzählung »Der Wald rauscht« und in seinem wunderbaren sibirischen »Totschläger«.

Die Prostitution ist so wenig eine spezifisch russische Erscheinung wie die Tuberkulose; sie ist vielmehr die internationalste Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens. Nur daß auch sie, trotzdem sie mitten im modernen Leben eine beinahe beherrschende Rolle spielt, offiziell, im Sinne der konventionellen Lüge, nicht als normaler Bestandteil der heutigen Gesellschaft gilt, sondern als angeblich außerhalb ihrer Pfähle befindlich, als ihr Auswurf behandelt wird. Die russische Literatur behandelt die Prostituierte nicht in dem pikanten Stil eines Boudoir-Romans oder mit weinerlicher Sentimentalität der Tendenzbücher, auch nicht als eine geheimnisvolle reißende Bestie, einen »Erdgeist«. Keine Literatur der Welt enthält Schilderungen von grausamerem Realismus, als das grandiose Bild der Orgie in den Karamasows oder die Tolstojsche »Auferstehung«. Der russische Künstler sieht aber in der Prostituierten bei alledem nicht die »Gefallene«, sondern einen Menschen, dessen Psyche, Leiden und innere Kämpfe all sein Mitgefühl beanspruchen. Er adelt die Prostituierte und verschafft ihr Genugtuung für das an ihr begangene Verbrechen der Gesellschaft, indem er sie mit den holdesten und reinsten Typen der Weiblichkeit um das Herz des Mannes wetteifern läßt, er krönt ihr Haupt mit Rosen und erhebt sie, wie Mahadö die Bajadere, aus dem Fegefeuer ihrer Korruption und ihrer seelischen Qualen in die Höhe sittlicher Reinheit und weiblichen Heldentums.

Doch nicht nur krasse Sondererscheinungen auf dem grauen Hintergrund des Alltagslebens, auch dieses Leben selbst, der Durchschnittsmensch mit seiner Misere flößen dem sozial geschärften Blick der russischen Literatur ein tiefes Interesse ein. »Menschliches Glück,« sagt Korolenko in einer seiner Erzählungen, »ehrliches menschliches Glück hat für die Seele etwas Heilendes und Aufrichtendes. Und ich denke mir immer, wissen Sie, daß die Menschen eigentlich verpflichtet sind, glücklich zu sein.« In einer anderen Erzählung, die »Ein Paradox« betitelt ist, legt er einem ohne Arme geborenen Krüppel die Worte in den Mund: »Der Mensch ist für das Glück geschaffen, wie der Vogel zum Fliegen.« Im Munde der elenden Mißgeburt ist eine solche Maxime ein offensichtliches »Paradox«. Für Tausende und Millionen von Menschen sind es aber nicht zufällige körperliche Gebrechen, sondern soziale Verhältnisse, die den menschlichen »Beruf zum Glück« ebenso paradoxal erscheinen lassen.

Die Bemerkung Korolenkos enthält in der Tat ein wichtiges Stück sozialer Hygiene: Glück macht die Menschen geistig gesund und rein, wie Sonnenlicht über einem offenen See am wirksamsten das Wasser desinfiziert. Damit ist auch gesagt, daß in abnormen sozialen Verhältnissen – und abnorm sind im Grunde genommen alle auf sozialer Ungleichheit basierten Verhältnisse – die verschiedenartigsten Seelenverkrüpplungen zur Massenerscheinung werden müssen. Unterdrückung, Willkür, Unrecht, Armut, Abhängigkeit und auch eine zur einseitigen Spezialisierung führende Arbeitsteilung als ständige Einrichtungen modeln die Menschen geistig in bestimmter Weise, und zwar auf beiden Polen: der Unterdrücker wie der Unterdrückte, der Tyrann wie der Kriecher, der Protz wie der Schmarotzer, der rücksichtslose Streber wie der indolente Bärenhäuter, der Pedant wie der Hanswurst sind gleichermaßen Produkte und Opfer ihrer Verhältnisse.

Gerade diese besonderen psychologischen Abnormitäten, sozusagen der schiefe Wuchs der Menschenseele unter der Einwirkung alltäglicher gesellschaftlicher Verhältnisse haben bei Gogol, Dostojewski, Gontscharow, Saltykow, Uspenski, Tschechow und anderen Schilderungen von Balzac'scher Wucht gefunden. Die Tragödie der Trivialität eines ganz gewöhnlichen Alltagsmenschen, wie sie Tolstoi in »Iwan Iljitschs Tod« geliefert hat, steht wohl einzig in der Weltliteratur da.

Namentlich aber für die Kategorie jener kleinen Schelme, die ohne bestimmten Beruf, untauglich zum richtigen Erwerb, zwischen Schmarotzerdasein und gelegentlichen Konflikten mit dem Strafkodex herumgeworfen, den Abfall der bürgerlichen Gesellschaft bilden und von dieser Gesellschaft im Westen durch die bündige Tafel: »Betteln, Hausieren, Musizieren verboten« von der Schwelle gewiesen werden, für diese Kategorie vom Typus des Ex-Beamten Popkow im vorliegenden Buche, findet die russische Literatur seit jeher ein lebhaftes künstlerisches Interesse und ein gutmütiges Lächeln des Verständnisses. Mit Dickensscher Warmherzigkeit, aber ohne seine gut bourgeoise Sentimentalität, vielmehr mit großzügigem Realismus, rechnen die Turgenjew, Uspenski, Korolenko, Gorki all diese »Schiffbrüchigen«, ebenso wie den Verbrecher, wie die Prostituierte, einfach zur menschlichen Gesellschaft als Gleichberechtigte mit und erzielen gerade dank dieser weitherzigen Auffassung Schöpfungen von größter künstlerischer Wirkung.

Mit besonderer Zärtlichkeit und Feinheit wird in der russischen Literatur die Kinderwelt geschildert, wie bei Tolstoj im »Krieg und Frieden« und in der »Anna Karenina«, bei Dostojewski in den »Karamasows«, bei Gontscharow im »Oblomow«, bei Korolenko in den Erzählungen »In schlechter Gesellschaft« und »Des Nachts«, bei Gorki in den »Drei Menschen«. Es gibt einen Roman von Zola »Page d'amour« aus dem Zyklus Rougon-Maquart, in dem das seelische Drama eines vernachlässigten Kindes im Mittelpunkt der Handlung steht und in ergreifender Weise geschildert ist. Hier ist aber das von Geburt kränkliche, hypersensible Mädchen, das, durch einen kurzen egoistischen Liebesrausch der Mutter tödlich ins Herz getroffen, wie eine kaum erschlossene Knospe verdorrt, doch nur ein »Beweismittel« des Zolaschen experimentellen Romans, ein Mannequin, an dem die These von der Vererbung dargestellt wird.

Für die Russen ist das Kind und dessen Psyche ein selbstständiges vollwertiges Objekt des künstlerischen Interesses, ein ebensolches menschliches Individuum wie der Erwachsene, nur natürlicher, unverdorbener und namentlich wehrloser gegen die sozialen Einflüsse. Wer einen von diesen Kleinen ärgert, dem wäre besser, ihm würde ein Mühlstein an den Hals gehängt, usw. Die heutige Gesellschaft »ärgert« aber Millionen dieser Kleinen, indem sie ihnen das kostbarste und Unersetzlichste raubt, was ein Mensch sein eigen nennen kann: eine glückliche, sorglose, harmonische Jugend.

Als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse steht die Kinderwelt mit ihren Leiden und Freuden dem Herzen des russischen Künstlers besonders nahe und wird von ihm nicht in dem falschen spielerischen Ton behandelt, mit dem die Erwachsenen zumeist zur Welt der Kinder herabsteigen zu müssen glauben, sondern im aufrichtigen und ernsten Ton der Kameradschaft, ohne jede unbegründete Selbstüberhebung des Alters, ja, mit innerer Scheu und Ehrfurcht vor dem unberührt Menschlichen, das in jeder Kinderseele schlummert, wie vor dem Golgathaweg des Lebens, der vor jedem Kinde offen liegt.

Ein wichtiges Symptom des geistigen Lebens der Kulturvölker ist die Stellung, die der Satire in ihrer Literatur zukommt. Deutschland und England sind in dieser Hinsicht die zwei Gegenpole der europäischen Literatur. Um den Faden von Hutten bis Heine zu spannen, müßte man schon Grimmelshausen zu den Satirikern rechnen, was doch nur bedingt angeht. Und auch dann bieten die Zwischenglieder das Bild eines erschreckenden Niedergangs im Verlaufe von drei Jahrhunderten. Von dem genial-phantastischen Fischart mit seiner strotzenden Natur, in der man deutlich den Hauch der Renaissance spürt, zu dem nüchtern-barocken Moscherosch; und von Moscherosch, der immerhin die Großen keck am Bart zauste, zu dem kleinen Philister Rabener, – welcher Verfall! Rabener, der sich über die »Verwägenheit« jener Leute ereifert, die fürstliche Personen, Geistlichkeit und »obere Stände« lächerlich zu machen sich erdreisten, während doch ein braver deutscher Satiriker vor allem lernen müsse, »ein guter Untertan« zu sein, hat denn auch die sterbliche Stelle der deutschen Satire bloßgelegt. In der nachmärzlichen Literatur fehlt die Satire höheren Stils so gut wie ganz. In England hat die satirische Gattung seit Beginn des 18. Jahrh., seit der großen Revolution, einen beispiellosen Aufschwung genommen. Nicht nur hat die englische Literatur eine Reihe solcher Meister, wie Mandeville, Swift, Sterne, Sir Philip Francis, Byron, Dickens, hervorgebracht, in welcher Corona natürlich Shakespeare für die Falstafffigur allein der erste Platz gebührt: die Satire ist hier, aus einem Privilegium der Geistesheroen zum Allgemeingut, sie ist sozusagen nationalisiert worden. In politischen Pamphleten, Libellen, Parlamentsreden, Zeitungsartikeln funkelt sie seit jeher ebenso wie in der Dichtkunst auf. Sie ist so sehr tägliches Brot, normale Luft der Engländer geworden, daß man z. B. in den höheren Töchter-Erzählungen einer Croker mitunter ebenso ätzende Schilderungen der englischen Aristokratie finden kann, wie bei Wilde, Shaw oder Galsworthy.

Häufig wird diese Blüte der satirischen Gattung aus der alten politischen Freiheit Englands abgeleitet und durch sie erklärt. Ein Blick auf die russische Literatur, die in dieser Hinsicht neben die englische gestellt werden kann, beweist, daß es nicht sowohl auf die Verfassung eines Landes, wie auf den Geist der Literatur, nicht auf die Institutionen, sondern auf die Gesinnung der führenden Kreise der Gesellschaft ankommt.

In Rußland hat sich die Satire seit der Entstehung der modernen Literatur aller ihrer Gebiete bemächtigt und auf jedem Hervorragendes geleistet. Puschkins Poem »Eugen Onegin«, Lermontows Novellen und Epigramme, Krylows Fabeln, Ostrowskis und Gogols Komödien, Nekrassows Gedichte – sein satirisches Epos »Wer lebt in Rußland frei und glücklich« gibt selbst in der schwierigen deutschen ÜbersetzungIn Reclams Universalbibliothek. einen Begriff von der köstlichen Frische und Farbigkeit seiner Schöpfungen, – sind ebensoviele Meisterwerke, jedes in seiner Art. Endlich hat die russische Satire in Saltykow (Schtschedrin) ein Genie hervorgebracht, das für die grimmige Geißelung des Absolutismus und der Bureaukratie eine ganz eigenartige literarische Form, eine eigene unübersetzbare Sprache erfunden und die geistige Entwicklung der Gesellschaft in tiefgreifender Weise beeinflußt hat.

So vereinigt die russische Literatur mit hohem sittlichem Pathos künstlerisches Verständnis für die ganze Tonleiter menschlicher Empfindungen, so hat sie mitten in dem großen Gefängnis, in der materiellen Armut des Zarismus ein eigenes Reich geistiger Freiheit und üppiger Kultur geschaffen, in dem man atmen und an den Interessen und geistigen Strömungen der Kulturwelt teilnehmen konnte. Dadurch vermochte sie auch eine soziale Macht in Rußland zu bilden, Generation um Generation zu erziehen und für die Besten, wie Korolenko, zur wahren Heimat zu werden.

2.

Korolenko ist eine durchaus poetische Natur. Um seine Wiege brauen dichte Nebel des Aberglaubens. Nicht des korrupten Aberglaubens der modernen großstädtischen Dekadenz, wie er z. B. in Berlin im Spiritismus, Kartenlegen und Gesundbeten unausrottbar sein Wesen treibt, sondern des naiven Aberglaubens der Volkspoesie, der so rein ist und würzig-duftend, wie der freie Wind der ukrainischen Steppe und die Millionen wilde Schwertlilien, Schafgarben und Salvien, die dort in mannshohem Grase wuchern. In der gruseligen Atmosphäre der Gesindestube und des Kinderzimmers im Elternhause Korolenkos spürt man deutlich, daß seine Wiege in nächster Nachbarschaft von dem Zauberlande Gogols stand, mit seinen Erdgeistern, Hexen und dem heidnischen Weihnachtsspuk.

Auch in Harnyj Lug wird man lebhaft an die Gogolsche Welt, an die Mirgoroder Schildbürger Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch erinnert, nur noch mit starkem polnischem Einschlag, da Wolhynien doch auch Nachbarland Litauens ist, der Heimat des ehemaligen polnischen Krautjunkertums und dessen unsterblichen Barden Adam Mizkiewitsch.

Korolenko ist eben seiner Abstammung nach Pole, Ukrainer und Russe zugleich, und schon als Kind mußte er dem Ansturm der drei »Nationalismen« stand halten, von denen jeder ihm zumutete, »irgend jemanden zu hassen und zu verfolgen«. An der gesunden Menschlichkeit des Knaben scheiterten frühzeitig alle derartigen Versuchungen. Die polnischen Traditionen wehten ihn nur als letzter ersterbender Hauch einer geschichtlich überwundenen Vergangenheit an. Von dem ukrainischen Nationalismus fühlte sein gerader Sinn sich durch das Gemisch von maskeradenhaftem Geckentum und reaktionärer Romantik abgestoßen. Und die brutalen Methoden der offiziellen Russifizierungspolitik gegenüber den unterdrückten Polen wie den Unierten in der Ukraine waren eine wirksame Warnung vor dem russischen Chauvinismus für ihn, den zarten Knaben, der stets instinktiv zu den Schwachen und Bedrückten, nicht zu den Starken und Triumphierenden sich hingezogen fühlte. Aus dem Widerstreit der drei Nationalitäten, dessen Feld seine wolhynische Heimat war, rettete er sich in die Humanität.

Mit 17 Jahren vaterlos und materiell ganz auf sich gestellt, geht er nach Petersburg, um sich in den Strudel des Universitätslebens und der politischen Gärung zu stürzen. Nach dreijährigem Studium am Technikum zieht er auf die Landwirtschaftliche Akademie in Moskau. Allein schon nach zwei Jahren werden seine Lebenspläne, wie bei so manchem seiner Generation, durch die »höhere Gewalt« durchkreuzt. Korolenko wird als Teilnehmer und Wortführer einer Studentendemonstration verhaftet, von der Akademie relegiert und nach dem Gouvernement Wologda im Norden des europäischen Rußlands verschickt, später zum Domizil unter polizeilicher Aufsicht nach Kronstadt entlassen.

Nach Jahren kehrt er nach Petersburg zurück, um wieder Lebenspläne zu bauen, erlernt hier das Schuhmacherhandwerk, um im Sinne seiner Ideale den arbeitenden Volksschichten näher zu treten und zugleich eine vielseitige Entwicklung der eigenen Individualität zu fördern, wird jedoch im Jahre 1879 abermals verhaftet und diesmal weiter nordöstlich, nach dem Gouvernement Wjatka, in ein ganz weltentlegenes Nest verschickt.

Auch damit findet sich Korolenko mit heiterer Laune ab. Er sucht sich in dem neuen Verbannungsort schlecht und recht einzurichten und betreibt fleißig sein neuerlerntes Handwerk, um auf diese Weise auch seinen Unterhalt zu bestreiten. Doch die Ruhe sollte ihm nicht lange gegönnt werden. Plötzlich wird er ohne jeden ersichtlichen Grund nach Westsibirien überführt, von da wieder nach Perm, von Perm aber nach dem äußersten Osten Sibiriens.

Allein auch hier war seinen Wanderungen noch kein Ziel gesetzt. Im Jahre 1881 trat, nach dem Attentat auf Alexander II., der neue Zar Alexander III. auf den Thron. Korolenko, der inzwischen Eisenbahnbeamter geworden war, leistete zusammen mit dem übrigen Dienstpersonal den üblichen Eid an die neue Regierung. Dies wurde jedoch nicht für genügend erachtet. Er sollte auch als Privatperson, als »politischer Verbannter« den Treueid leisten. Korolenko wies – wie alle anderen Verbannten – diese Zumutung ab und wurde dafür nach den Eiswüsten des Distrikts Jakutsk verschickt.

Es war dies zweifellos eine »leere Demonstration«, so wenig demonstrativ sie von Korolenko gemeint war. Ob ein einsamer Verbannter irgendwo in der sibirischen Tajga, in der Nähe des Polarkreises, der Zarenregierung seinen Untertaneneid schwor oder nicht, das änderte materiell und unmittelbar an den bestehenden Verhältnissen nicht das geringste. Es war aber im zaristischen Rußland Brauch, dergleichen leere Demonstrationen zu machen. Übrigens nicht in Rußland allein, war denn das eigensinnige Eppùr si muove Galileo Galileis nicht eine ebensolche leere Demonstration, ohne andere praktische Wirkung, als die Rache der heiligen Inquisition an dem gefolterten und eingekerkerten Manne? Und doch ist für Tausende von Menschen, die von der kopernikanischen Lehre nur die nebelhafteste Vorstellung haben, der Name Galileis für immer an jene schöne Geste geknüpft, an der es ganz nebensächlich ist, daß sie nicht einmal stattgefunden hat. Eben die Legenden, mit denen die Menschheit ihre Helden zu schmücken liebt, sind ein Beweis, wie sehr ihr dergleichen »leere Demonstrationen«, trotz ihres unwägbaren materiellen Nutzens, im geistigen Gesamthaushalt ein unentbehrlicher Posten sind.

Vier Jahre mußte Korolenko für seine Eidesverweigerung in einer elenden Niederlassung halbwilder Nomaden, am Ufer Aldans, eines Nebenflusses der Lena, mitten im sibirischen Urwald, bei Wintertemperaturen von 40–45 Kältegraden büßen. Doch alle Entbehrungen, Einsamkeit, die düstere Szenerie der Tajga, elende Umgebung, Abgeschiedenheit von der Kulturwelt vermochten der geistigen Elastizität und dem sonnigen Temperament Korolenkos nichts anzuhaben. Er nimmt eifrig an dem kümmerlichen Leben und den Interessen der Jakuten teil, ackert fleißig, mäht Heu und melkt Kühe, im Winter verfertigt er für die Eingeborenen Schuhwerk oder auch Heiligenbilder . . . Über diese Periode des »Lebendigbegrabenseins«, wie George Kennan das Dasein der Verbannten von Jakutsk nannte, berichtet Korolenko später in seinen Skizzen ohne Klage, ohne jede Bitterkeit, ja, mit Humor, in Bildern von zartester, poetischer Schönheit. Sein dichterisches Talent reift indessen und er sammelt eine reiche Beute an Natureindrücken und psychologischen Beobachtungen.

1885, endlich zurückgekehrt aus der Verbannung, die ihn mit kurzer Unterbrechung fast zehn Jahre seines Lebens gekostet hat, veröffentlicht er eine kleine Erzählung, die ihn mit einem Schlage unter die Meister der russischen Literatur reiht: »Makars Traum«. In der bleiernen Atmosphäre der 80er Jahre wirkte diese erste ganz reife Frucht des jungen Talents wie das erste Lerchenlied an einem grauen Februartag. In rascher Folge reihten sich nun weitere Skizzen und Erzählungen an: »Aufzeichnungen eines sibirischen Touristen«, »Der Wald rauscht«, »Dem Heiligenbilde nach«, »In der Nacht«, »Jom Kippur«, »Der Fluß schäumt« und viele andere. Sie alle weisen dieselben Grundzüge des Korolenkoschen Schaffens auf: Zauberhafte Landschafts- und Stimmungsmalerei, liebenswürdige, frische Natürlichkeit und warmherziges Interesse für die »Erniedrigten und Enterbten«.

Diese starke soziale Note in Korolenkos Schriften hat jedoch gar nichts Lehrhaftes, Streitbares, Apostolisches an sich, wie etwa bei Tolstoj. Sie ist einfach ein Teil seiner Liebe zum Leben, seines gütigen Naturells, seines sonnigen Temperaments. Bei aller Großzügigkeit und Weitherzigkeit der Ansichten, bei aller Abneigung dem Chauvinismus gegenüber, ist Korolenko durch und durch ein russischer Dichter, vielleicht der nationalste unter den großen Prosaikern der russischen Literatur. Er liebt nicht bloß sein Land, er ist in Rußland verliebt wie ein Jüngling, verliebt in seine Natur, in die intimen Reize jeder Gegend des Riesenreiches, in jedes schläfrige Flüßchen und jedes stille waldumsäumte Tal, verliebt in das einfache Volk, seine Typen, seine naive Religiosität, seinen urwüchsigen Humor und seinen grübelnden Tiefsinn. Nicht in der Stadt, nicht im bequemen Eisenbahnabteil, nicht im Rummel und in der Hast des modernen Kulturlebens: nur auf der Landstraße fühlt er sich in seinem Element. Mit Rucksack und selbstgeschnittenem Wanderstab, »in leichtem Wanderschweiße« fürbaß ausschreiten, sich dem Zufall hingeben, bald einem Trupp frommer Pilger zum wundertätigen Heiligenbild folgen, bald am Flußufer gelagert bei nächtlichem Feuer mit Fischern plaudern, bald auf einem schläfrig dahinkriechenden, kleinen defekten Dampfschiff, in eine bunte Menge Bauern, Holzhändler, Soldaten, Bettler gemischt, ihre Gespräche belauschen, – das ist die Lebensweise, die ihm am besten behagt. Und er bleibt auf diesen Wanderungen nicht bloß Beobachter, wie Turgenjew, der feine, gepflegte Aristokrat. Korolenko kostet es gar keine Mühe, mit Leuten aus dem Volke nach wenigen Worten Fühlung zu bekommen, ihren Ton zu treffen, in der Menge unterzutauchen.

Fast ganz Rußland hat er auf diese Weise kreuz und quer zu Fuß durchwandert. Hier sog er auf jedem Schritt den Zauber der Natur, die naive Poesie der Primitivität ein, die auch Gogol ein Lächeln entlockte, hier beobachtete er mit Entzücken das elementare fatalistische Phlegma des russischen Volkes, das in ruhigen Zeiten unerschütterlich und unerschöpflich scheint, um in Augenblicken des Sturmes in Heldenmut, Größe und stahlharte Kraft umzuschlagen – ganz wie jener liebliche Fluß seiner Erzählung, der bei gewöhnlichem Wasserstand sanft und demütig dahinplätschert, bei Hochwasser aber zu einem stolzen, ungeduldigen, prächtig drohenden Strom anschwillt. Hier, im unmittelbaren und ungezwungenen Verkehr mit der Natur und dem einfachen Volke, füllte Korolenko sein Tagebuch mit frischen, farbigen Eindrücken, die fast unverändert, noch von blinkenden Tautropfen bedeckt, von Erdgeruch umweht, seine Skizzen und Novellen ergaben.

Ein eigenartiges Produkt der Korolenkoschen Feder ist »der blinde Musiker«. Anscheinend ein rein psychologisches Experiment, behandelt das Werk, streng genommen, kein künstlerisches Thema. Angeborene Krüppelhaftigkeit kann zwar Quelle vieler Konflikte im menschlichen Leben werden, ist aber selbst jenseits des menschlichen Wollens und Handelns, jenseits von Schuld und Sühne, ausgenommen etwa die Fälle, wo sie als Erbstück das Verschulden der Eltern zum Fluche der Kinder macht. Deshalb werden körperliche Gebrechen sowohl in der Literatur wie in der bildenden Kunst nur episodisch behandelt, entweder in satirischer Absicht, um die geistige Häßlichkeit einer Gestalt noch verächtlicher zu machen, wie im Falle des Thersites bei Homer (auch etwa der stotternden Richter in den Komödien Molières und Beaumarchais'), oder mit gutmütig-humoristischem Einschlag, wie auf den Genrebildchen der niederländischen Renaissance, z. B. auf der Krüppelskizze von Cornelis Dussart.

Anders bei Korolenko: Das seelische Drama des Blindgeborenen, der von einem unwiderstehlichen Drang zum Licht gepeinigt wird, ohne ihn je befriedigen zu können, steht hier im Mittelpunkt des Interesses, und die Lösung, die ihm Korolenko gibt, führt unerwartet wieder auf den Grundton seiner Kunst wie der russischen Literatur überhaupt. Sein blinder Musiker erlebt eine geistige Wiedergeburt, er wird geistig »sehend«, indem er aus dem Egoismus seines eigenen ausweglosen Leides heraustritt, um sich zum Sprachrohr der Leibes- und Seelennot aller Blinden zu machen. Den Höhepunkt der Studie bildet das erste öffentliche Wohltätigkeitskonzert des Blinden, der auf seinem Instrument unerwartet die bekannte Melodie der blinden Bänkelsänger in Rußland variiert und zum Thema einer Improvisation macht, die das aufhorchende Publikum in einer Aufwallung heißen Mitleids erbeben läßt. Das soziale Element, die Solidarität mit dem Massenleid ist hier das Rettende und Lichtspendende für den Einzelnen wie für die Allgemeinheit.

* * *

Der polemische Charakter der russischen Literatur bringt es mit sich, daß sie die Grenzen zwischen der Belletristik und der publizistischen Produktion bei weitem nicht so streng zieht, wie dies heute im Westen der Fall ist. In Rußland fließt häufig das eine in das andere über, wie auch in Deutschland in jener Zeit, da Lessing dem Bürgertum die Wege wies und ihm Theaterkritik, Drama, philosophisch-theologische Streitschrift, ästhetische Abhandlung abwechselnd dazu dienten, einer neuen Weltanschauung die Bahn zu brechen. Nur daß Lessing, was die Tragik seines Schicksals war, ein Einsamer und Unverstandener zeitlebens blieb, während in Rußland eine lange Reihe hervorragender Talente die verschiedensten Domänen der Literatur abwechselnd als Vorkämpfer einer freien Weltanschauung beackerten. Alexander v. Herzen vereinigte mit einem namhaften Talent als Romanschriftsteller eine geniale journalistische Feder und verstand es mit seiner »Glocke« in den 50er und 60er Jahren vom Auslande aus das ganze denkende Rußland wachzuläuten. Der alte Hegelianer Tschernyschewski tummelte sich mit gleicher Frische und Kampflust auf dem Gebiete der publizistischen Polemik, des philosophischen Traktats, der nationalökonomischen Abhandlung und des Tendenzromans. Die literarische Kritik als ein hervorragendes Mittel, die Reaktion in allen ihren Schlupfwinkeln zu bekämpfen und eine fortschrittliche Ideologie systematisch zu propagieren, fand, nach Bjelinski und Dobroljubow, einen glänzenden Vertreter in Michajlowski, der jahrzehntelang die öffentliche Meinung beherrschte und namentlich auch auf die geistige Entwicklung Korolenkos einen großen Einfluß ausübte. Tolstoj hat sich, neben dem Roman, der Erzählung und dem Drama, des moralisierenden Märchens und des polemischen Pamphlets für seine Ideen bedient. Korolenko seinerseits vertauschte immer wieder Pinsel und Palette des Künstlers mit der Klinge des Journalisten, um zu aktuellen Fragen des sozialen Lebens Stellung zu nehmen und in die Kämpfe des Tages unmittelbar einzugreifen.

Zu den ständigen Einrichtungen des alten zaristischen Rußlands gehört chronische Hungersnot so gut wie Trunksucht, Analphabetentum und Budgetdefizit. Als eine Frucht der eigentümlich gestalteten »Bauernreform« bei der Aufhebung der Leibeigenschaft, der erdrückenden Steuerlast und der äußersten Rückständigkeit der landwirtschaftlichen Technik, suchte die Mißernte alle paar Jahre während des ganzen achten Dezenniums die Bauernschaft heim. Das Jahr 1891 brachte die Krönung: in 20 Gouvernements folgte auf eine außerordentliche Dürre totale Mißernte und eine Hungersnot von wahrhaft alttestamentarischen Dimensionen.

In der offiziellen Enquête über den Ausfall der Ernte befand sich, unter den mehr als siebenhundert Antworten aus den verschiedensten Gegenden, die folgende Schilderung aus der Feder eines schlichten Geistlichen eines der zentralen Gouvernements:

»Seit drei Jahren schleicht sich die Mißernte heran, ein Ungemach nach dem andern kommt über den Landmann. Die Raupenplage ist da, Heuschrecken fressen das Korn auf, Würmer benagen es, Käfer vertilgen den Rest. Die Ernte ist auf dem Felde vernichtet, die Saat in der Scholle verdorrt, die Scheunen stehen leer, das Brot ist aus. Tiere ächzen und fallen hin, Rinderherden schleppen sich matt, Schafe verschmachten, kein Futter gibt es für sie . . . Millionen Bäume, zehntausende Landhäuser sind ein Raub der Flammen geworden. Eine Feuerwand und Rauchsäulen standen um uns ringsherum . . . Wie es beim Propheten Zephanja heißt: Alles werde ich vom Antlitz der Erde vertilgen, sagt der Herr, Menschen, Rinder und wildes Getier, Vögel und Fische. Welche Mengen vom gefiederten Reich sind bei den Waldbränden, wieviel Fische in den seichten Gewässern umgekommen! . . . Der Elch ist von unseren Wäldern geflüchtet, der Marder ist verschwunden, das Eichhörnchen ist umgekommen. Geschlossen hat sich der Himmel und ward wie Erz, kein Tau fällt mehr hernieder, nur Dürre und Feuer. Verdorrt sind Fruchtbäume, Gräser und Blumen, keine Himbeere reift mehr, keine Blaubeere, Brombeere noch Preißelbeere weit und breit, alle Torfmoore und Sümpfe sind ausgebrannt . . . Wo bist du, frisches Waldesgrün, wo köstliche Luft, wo Balsamduft der Fichten, die ihr dem Kranken Heilung brachtet? Alles ist hin!«

Der Schreiber bat zum Schluß als erfahrener russischer »Untertan« ergebenst, ihn für die obige Schilderung »nicht zur Verantwortung ziehen zu wollen« . . .

Die Befürchtung des guten Dorfpopen war nicht unbegründet: eine mächtige Adelsfronde erklärte – so unglaublich das klingt – die ganze Hungersnot für böswillige Erfindung von »Aufwieglern« und jegliche Hilfsaktion für überflüssig . . .

Nun entbrannte der Kampf zwischen dem reaktionären Lager und der fortschrittlichen Intelligenz auf der ganzen Linie. Die russische Gesellschaft kam in Wallung, die Literatur schlug Alarm. Eine Hilfsaktion größten Umfangs wurde eingeleitet. Ärzte, Schriftsteller, Studenten und Studentinnen, Lehrer, Frauen der Intelligenz strömten zu Hunderten aufs Land, um Volksspeisungen zu veranstalten, Saatkorn zu verteilen, den Korneinkauf zu billigen Preisen zu organisieren, Kranke zu pflegen. Allein die Sache war nicht einfach. Der ganze Wirrwarr und die alteingewurzelte Mißwirtschaft des von Bureaukraten und Militärs regierten Landes, in dem jedes Gouvernement und jeder Kreis ein Satrapenbezirk für sich war, kamen an den Tag. Rivalitäten, Kompetenzstreitigkeiten und Gegensätze zwischen Gouvernements- und Kreisbehörden, zwischen Regierungsämtern und ländlicher Selbstverwaltung, zwischen Dorfschreibern und der Bauernmasse, dazu das Chaos der Begriffe, Erwartungen und Forderungen der Bauern selbst, ihr Mißtrauen gegen die Städter, der Gegensatz zwischen der reichen Dorfbourgeoisie und der verelendeten Masse, – all das richtete plötzlich vor der Intelligenz und ihrem guten Willen tausend Schranken und Hindernisse auf, die sie zur Verzweiflung brachten. Alle die zahllosen örtlichen Mißbräuche und Bedrückungen, denen die Bauernschaft bis dahin, in normalen Zeiten, im stillen tagtäglich ausgesetzt war, alle Absurditäten und Widersprüche der Bureaukratismus traten an das hellste Licht, und der Kampf mit dem Hunger, der an sich eine einfache Wohltätigkeitsaktion war, verwandelte sich von selbst in einen Kampf mit dem sozialen und politischen Regime des Absolutismus.

Korolenko stellte sich, wie Tolstoj, an die Spitze der fortschrittlichen Intelligenz und widmete sich der Sache nicht nur mit der Feder, sondern mit seiner ganzen Persönlichkeit. Im Frühjahr 1892 begab er sich in einen Kreis des Gouvernements Nischni-Nowgorod, gerade in das Wespennest der reaktionären Adelsfronde, um in den notleidenden Dörfern die Volksspeisung zu organisieren. Völlig unbekannt mit dem örtlichen Milieu, drang er bald in jede Einzelheit ein und begann ein zähes Ringen mit den tausend Widerständen, die sich ihm in den Weg legten. Vier Monate lang blieb er in dem Kreis, ständig auf der Wanderung von Dorf zu Dorf, von Instanz zu Instanz, wobei er Nächte hindurch in Bauernstuben beim trüben Schein eines blakenden Lämpchens sein Tagebuch füllte, und zugleich in den Zeitungen der Hauptstadt einen frisch-fröhlichen Kampf mit der Reaktion Schlag auf Schlag führte. Sein Tagebuch, worin er das ganze Golgatha des russischen Dorfes – bettelnde Kinder, verstummte, gleichsam versteinerte Mütter, weinende Greise, Krankheit und Hoffnungslosigkeit –, in einem grauenhaften Gemälde vorführt, ist ein unvergängliches Denkmal des zarischen Regimes geworden. –

Der Hungersnot folgte auf dem Fuße der zweite apokalyptische Reiter: die Pest. Aus Persien kam 1893 über die Niederungen der Wolga, den Fluß hinauf, die Cholera gezogen und hauchte über die vom Hunger ausgemergelten apathischen Dörfer ihren mörderischen Odem aus. Das Verhalten der zaristischen Regierungsorgane diesem neuen Feind gegenüber wirkt wie eine Anekdote, war aber bittere Wahrheit: der Gouverneur von Baku flüchtete vor der Pest ins Gebirge, der Gouverneur von Saratow versteckte sich, als die Volksunruhen ausbrachen, auf einem Dampfschiff. Der Gouverneur von Astrachan schoß den Vogel ab: er sandte in den Kaspi Wachschiffe aus, die allen aus Persien und aus dem Kaukasus kommenden Fahrzeugen, als choleraverdächtigen, den Zutritt in die Wolga versperrten, sandte aber den Quarantänegefangenen weder Brot noch Trinkwasser. Mehr als 400 Dampfschiffe und Barken wurden auf diese Weise abgesperrt, 10 000 Menschen, Gesunde und Kranke, zusammen dem Untergang durch Pest, Hunger und Durst geweiht. Endlich kam gen Astrachan ein Schiff die Wolga herunter, als Sendbote der obrigkeitlichen Fürsorge, die Blicke der Verschmachteten richteten sich voller Hoffnung auf das rettende Schiff. Es brachte Särge . . .

Da brach das Gewitter des Volkszornes los. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von der Absperrung und dem Martyrium der Quarantäne-Gefangenen im Kaspi die Wolga hinauf, ihr folgte der Verzweiflungsruf: die Obrigkeit verbreite absichtlich die Pest, um das Volk zu dezimieren . . . Als erste Opfer der »Cholerarevolten« fielen die Sanitäter, Männer und Frauen der Intelligenz, die mit Selbstaufopferung und Heroismus herbeigeeilt waren, um in den Dörfern Baracken zu errichten, Kranke zu pflegen, Maßnahmen zur Rettung Gesunder zu treffen. Baracken gingen in Flammen auf, Ärzte und Krankenschwestern wurden erschlagen. Darauf folgten die üblichen Strafexpeditionen, Blutvergießen, Kriegsgerichte und Hinrichtungen. In Saratow allein gab es 20 Todesurteile . . . Die herrliche Wolgagegend verwandelte sich wieder einmal in ein Dantesches Inferno.

Nur eine hohe moralische Autorität und ein tiefes Verständnis für die Nöte und die Psyche der Bauern vermochten in diese blutige Wirrsal Licht und Sinn zu bringen, und zu dieser Rolle eignete sich in Rußland – außer Tolstoj – niemand wie Korolenko. Einer der Ersten war er auf dem Posten, nagelte die wahren Schuldigen des Aufstands, die absolutistische Administration, an den Schandpfahl und vermachte wieder der Öffentlichkeit ein erschütterndes Denkmal von gleichem historischen wie künstlerischen Wert: den Aufsatz »Die Cholera-Quarantäne«. –

Im alten Rußland war die Todesstrafe für gemeine Verbrechen längst abgeschafft. Die Hinrichtung war in normalen Zeiten eine Auszeichnung, die für politische Verbrechen vorbehalten war. Besonders seit dem Aufleben der terroristischen Bewegung Ende der 70er Jahre kam die Todesstrafe in Schwung, und nach dem Attentat auf Alexander II. scheute die zaristische Regierung sogar nicht davor zurück, Frauen dem Galgen zu überantworten: so die berühmte Sophie Perowskaja und Hessa Helfmann. Immerhin blieben die Hinrichtungen damals und noch später Ausnahmefälle, bei denen jedesmal die Gesellschaft erbebte. Als in den 80er Jahren vier Soldaten des »Strafbataillons« hingerichtet wurden, zur Strafe für die Ermordung ihres Feldwebels, der sie systematisch gepeinigt und mißhandelt hatte, spürte man selbst in der widerstandslosen, gedrückten Stimmung jener Jahre so etwas wie ein Erschauern der öffentlichen Meinung in stummem Entsetzen.

Dies änderte sich seit der Revolution des Jahres 1905. Nachdem die Gewalt des Absolutismus 1907 wieder Oberhand gewonnen hatte, begann eine blutige Racheaktion. Kriegsgerichte arbeiteten Tag und Nacht, die Galgen kamen nicht zur Ruhe. Zu Hunderten wurden Attentäter, Teilnehmer an bewaffneten Revolten, namentlich aber sogenannte »Expropriateure«, meist halbwüchsige Burschen, hingerichtet, häufig mit lässigster Beobachtung der Formalitäten, mit »ungeübten« Henkern, schadhaften Stricken und phantastisch improvisierten Galgen. Die Konterrevolution feierte Orgien.

Da erhob Korolenko seine Stimme zu einem lauten Protest gegen die triumphierende Reaktion. Seine Artikelserie, die 1909 als Broschüre unter dem Titel »Eine alltägliche Erscheinung« herausgegeben wurde, trägt alle typischen Züge seines Schrifttums. Genau wie in der Arbeit über das Hungerjahr und das Cholerajahr, findet man hier keine Phrasen, kein lautes Pathos, keine Sentimentalität, nichts als größte Schlichtheit und Sachlichkeit, eine anspruchslose Sammlung tatsächlichen Materials, Briefe der Hingerichteten, Beobachtungen ihrer Zellennachbarn. Diese einfache Materialsammlung zeichnet sich aber durch ein so tiefes Eindringen in alle Details der menschlichen Qual, in alle Schauer des gepeinigten Menschenherzens und alle Falten des gesellschaftlichen Verbrechens, das in jedem Todesurteile liegt, sie ist von solcher Herzenswärme und hoher Sittlichkeit durchdrungen, daß die kleine Schrift zur erschütternden Anklage wurde.

Tolstoj, der Zweiundachtzigjährige, schrieb an Korolenko, unter dem frischen Eindruck jener Artikelserie: »Eben habe ich mir Ihre Schrift über die Todesstrafe vorlesen lassen und konnte mich, so sehr ich mich bemühte, der Tränen, ja, des Schluchzens nicht erwehren. Ich finde keine Worte, um Ihnen meine Dankbarkeit und Liebe für diese nach Ausdruck, Gedanken und Gefühl gleich vortreffliche Arbeit auszusprechen.

»Sie muß nachgedruckt und in Millionen Exemplaren verbreitet werden. Keine Duma-Reden, keine Abhandlungen, keine Dramen noch Romane sind imstande, den tausendsten Teil der wohltätigen Wirkung auszuüben, die von dieser Arbeit ausgeht.

»Sie muß deshalb so wirken, weil sie ein derartiges Mitleid mit dem erweckt, was jene Opfer des menschlichen Wahns erlebten und noch erleben, daß man ihnen unwillkürlich verzeiht, was sie auch getan haben mögen, während man, so sehr man's wünschte, unmöglich den Schuldigen dieser Schrecken verzeihen kann. Neben diesem Gefühl weckt Ihre Schrift noch ein Erstaunen über die selbstbewußte Verblendung von Menschen, die diese Grausamkeiten verüben, über das Sinnlose ihres Tuns, denn es ist klar, daß alle diese dummen Grausamkeiten, wie Sie dies ausgezeichnet dartun, nur das Gegenteil von dem erreichen, was sie bezwecken. Außer all dieser Gefühle ruft Ihre Schrift noch ein anderes hervor, das mich ganz erfüllt: das Gefühl des Mitleids nicht mit den Gemordeten allein, sondern auch mit jenen getäuschten, einfachen, mißbrauchten Menschen: den Gefängniswärtern, Aufsehern, Henkern, Soldaten, die all die Scheußlichkeiten verüben, ohne zu wissen, was sie tun.

»Erfreulich ist nur dies: daß eine Schrift wie die Ihrige viele, sehr viele lebendige, unverdorbene Menschen in einem gemeinsamen Ideal des Guten und Wahren vereinigt, einem Ideal, das, mögen seine Feinde sich gebärden wie sie wollen, immer heller und heller aufleuchtet.«

Vor fünfzehn Jahren ungefähr hat eine deutsche Tageszeitung unter den namhaftesten Vertretern der Kunst und Wissenschaft eine Umfrage über die Todesstrafe veranstaltet: die klangvollsten Namen der Literatur und Jurisprudenz, die Blüte der Intelligenz im Lande der Denker und Dichter hatte sich mit Feuereifer – für die Todesstrafe ausgesprochen. Für denkende Beobachter war dies eines von den Symptomen, die auf manches vorbereiteten, was man während des Weltkrieges in Deutschland erlebte. –

In den 90er Jahren spielte sich in Rußland der berühmte Prozeß der »Multaner Wotjaken« ab. Sieben wotjakische Bauern des Dorfes Großer Multan im Gouvernement Wjatka, halbe Heiden und halbe Wilde, wurden des Ritualmordes beschuldigt und zum Zuchthaus verurteilt.

Es ist eine der Einrichtungen der modernen Zivilisation, daß die Volksmassen, wenn sie der Schuh aus diesem oder jenem Grunde drückt, von Zeit zu Zeit Angehörige eines anderen Volkes oder anderer Rasse, Religion, Hautfarbe zum Sündenbock machen, an dem sie ihre schlechte Laune auslassen, um darauf erfrischt zum gesitteten Tagewerk zurückzukehren. Es versteht sich, daß sich zur Rolle des Sündenbocks nur schwache, historisch mißhandelte oder sozial zurückgesetzte Nationalitäten eignen, an denen sich, weil sie eben schwach oder von der Geschichte einmal mißhandelt worden sind, auch jede weitere Mißhandlung straflos vornehmen läßt. In den Vereinigten Staaten Nordamerikas sind es die Neger. In Westeuropa fällt diese Rolle manchmal den Italienern zu.

Vor etwa zwanzig Jahren gab es in dem proletarischen Stadtteil Zürichs, Außersihl, aus Anlaß eines Kindermordes, einen kleinen Italiener-Pogrom. In Frankreich erinnert der Ortsname Aigues-Mortes an die denkwürdige Aufwallung der Arbeitermenge, die, durch die Lohndrückerei der bedürfnislosen italienischen Wanderarbeiter erbittert, ihnen im Stile des Urahnen, des Homo Hauseri aus der Dordogne, höhere Kulturbedürfnisse beibringen wollte. Beim Ausbruch des Weltkrieges haben übrigens auch die Neanderthaltraditionen einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die »große Zeit« kündigte sich im Lande der Denker und Dichter durch einen plötzlichen Massenrückfall in die Instinkte der Zeitgenossen des Mammuts, des Höhlenbären und des wollhaarigen Nashorns an.

Immerhin, das zarische Rußland war noch kein richtiger Kulturstaat, und die Mißhandlung der Fremdvölker war dort, wie jede Art öffentlicher Betätigung, nicht eine Äußerung der Volkspsyche, sondern Regierungsmonopol, pflegte deshalb von der Obrigkeit durch staatliche Organe und mit Hilfe des staatlichen Wutki in passenden Momenten organisiert zu werden.

Der Multaner Ritualmordprozeß war allerdings nur eine kleine beiläufige Episode der zaristischen Regierungspolitik, die der gedrückten Stimmung der hungrigen und geknebelten Massen wenigstens hie und da mit einer kleinen Ablenkung aufwarten wollte. Aber die russische Intelligenz und an ihrer Spitze wieder Korolenko nahm sich der halbwilden Wotjaken an. Korolenko stürzte sich mit seinem ganzen Eifer in die Sache und entwirrte das Netz der Mißverständnisse und der Fälschungen mit einer Sachlichkeit, Geduld und Loyalität, mit einem untrüglichen Instinkt für das wahre, die an Jaurès in der Dreyfusaffäre erinnern. Korolenko mobilisierte die Presse, die öffentliche Meinung, erzwang ein Wiederaufnahmeverfahren, nahm persönlich auf der Verteidigerbank vor Gericht Platz und erreichte den Freispruch.

Das beliebteste Objekt für die Blitzableiterpolitik war freilich im Osten seit jeher die jüdische Bevölkerung, und es kann noch fraglich erscheinen, ob sie diese dankbare Rolle ganz ausgespielt hat. Es liegt jedenfalls etwas Stilvolles in dem Umstand, daß der letzte große öffentliche Skandal, mit dem sich der Absolutismus von dieser Welt verabschiedete, sozusagen die Halsbandaffäre des russischen ancien régime ein jüdischer Ritualmordprozeß: der berühmte Bejlißprozeß des Jahres 1913 war. Als verspäteter Nachzügler der finsteren konterrevolutionären Periode der Jahre 1907–11, zugleich symbolischer Vorbote des Weltkrieges, wurde der Kischinewer Ritualmordprozeß sofort zum Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Die gesamte fortschrittliche Intelligenz Rußlands erklärte die Sache des Kischinewer jüdischen Schlächtermeisters für die ihrige, der Prozeß verwandelte sich in eine Generalschlacht zwischen dem freiheitlichen und dem reaktionären Lager Rußlands. Gewiegteste Juristen, beste journalistische Federn stellten sich in den Dienst der Sache. Nach allem vorhergehenden braucht nicht erst gesagt zu werden, daß Korolenko mit an der Spitze war. Knapp bevor der blutige Vorhang des Weltkrieges aufgerollt werden sollte, trug die Reaktion in Rußland eine betäubende moralische Niederlage davon: unter dem Ansturm der oppositionellen Intelligenz brach die Ritualmordanklage zusammen und enthüllte zugleich die Hypokratuszüge des zaristischen Regiments, das innerlich bereits morsch und tot auf den Gnadenstoß der freiheitlichen Bewegung wartete. Der Weltkrieg verhalf ihm nur noch zu einer letzten kurzen Gnadenfrist. –

Allein nicht nur soziale Hilfsaktion und moralischer Protest gegen jegliches Unrecht fanden in Korolenko jederzeit ihren Wortführer. In den 80er Jahren, nach dem Attentat auf Alexander II., war über Rußland eine Periode starrster Hoffnungslosigkeit hereingebrochen. Die liberalen Reformen der 60er Jahre wurden in der Gerichtsbarkeit, der ländlichen Selbstverwaltung allenthalben zurückrevidiert. Friedhofsruhe herrschte unter den Bleidächern der Regierung Alexanders III. Der russischen Gesellschaft, die durch das Scheitern aller Hoffnungen auf friedliche Reformen wie durch die anscheinende Wirkungslosigkeit der revolutionären Bewegung gleichermaßen entmutigt war, bemächtigte sich eine gedrückte resignierte Stimmung.

In dieser Atmosphäre der Apathie und Verzagtheit kamen unter der russischen Intelligenz metaphysisch-mystische Strömungen auf, wie sie durch die philosophische Schule Solowjews vertreten waren, Nietzsches Einflüsse ließen sich deutlich spüren, in der schönen Literatur herrschte der hoffnungslos-pessimistische Ton der Novellen Garschins und der Gedichte Nadsons. Vor allem aber entsprach jener Stimmung der Mystizismus Dostojewskis, wie er in den Karamasows zum Ausdruck kommt, und namentlich die asketischen Lehren Tolstojs. Die Propaganda des »Nichtwiderstehens dem Übel«, die Verpönung aller Gewaltanwendung im Kampfe mit der herrschenden Reaktion, der man nur die »innere Läuterung« des Individuums entgegenzustellen habe, diese Theorien der sozialen Passivität wurden in der Stimmung der 80er Jahre zur ernsten Gefahr für die russische Intelligenz, zumal sie sich so berückender Mittel bedienen konnte, wie der Feder und der moralischen Autorität Leo Tolstojs.

Michajlowski, das geistige Haupt der Richtung der »Volkstümler«, richtete darauf gegen Tolstoj eine bitterböse Polemik. Korolenko seinerseits trat vor. Er, der zartbesaitete Dichter, dem ein Erlebnis aus Kindheitsjahren im rauschenden Walde, eine Knabenwanderung an dunklem Abend über ein ödes Feld, ein Landschaftsbild in allen Nuancen der Beleuchtung und der Stimmung zeitlebens nachgehen, er, dem politische Parteiungen im Grunde genommen stets etwas Fremdes und Abstoßendes blieben, erhob jetzt entschlossen seine Stimme, um wehrhaften, schwertblitzenden Haß und tatkräftigen Widerstand zu predigen. Auf die Tolstojschen Legenden, Parabeln und Erzählungen im Stile der Evangelien, antwortete Korolenko mit der »Legende vom Florus«.

In Judäa herrschten die Römer mit Schwert und Feuer, plünderten das Land und sogen die Bewohner aus. Das Volk stöhnte und beugte sich unter dem verhaßten Joch. Vom Anblick der Leiden seines Volkes ergriffen, erhebt sich der weise Menachem, der Sohn Jehudas, appelliert an die Heldentraditionen der Vorfahren und predigt den Aufstand gegen die Römer, den »heiligen Krieg«. Dem tritt die Sekte der sanftmütigen Sossäer entgegen, die gleich Tolstoj jede Gewaltanwendung verpönen und nur in der inneren Läuterung, der Weltflucht und der Entsagung das Heil erblicken. »Mit deinem Aufruf zum Kampfe säest du Unheil!« rufen sie Menachem zu. »Wird eine Stadt belagert und sie leistet Widerstand, dann pflegen die Belagerer den unterwürfigen Einwohnern das Leben zu schenken, jene aber, so Widerstand geleistet haben, dem Tode zu überantworten. Wir predigen unserem Volke Unterwürfigkeit, damit es vor dem Untergang bewahrt werde . . . Man trocknet nicht Wasser mit Wasser und löscht nicht Feuer mit Feuer. So wird auch die Gewalt nicht durch Gewalt überwunden, denn sie ist selbst von Übel.«

Darauf antwortete Menachem, der Sohn Jehudas, unbeirrt: »Gewalt ist weder Wohltat noch Übel, sie ist Gewalt; wohl oder übel ist nur ihre Anwendung. Die Gewalt des Armes ist ein Übel, wenn er zum Raub und zur Bedrückung Schwacher erhoben ist; wird er aber zur Arbeit oder zur Verteidigung des Nächsten erhoben, dann ist seine Gewalt eine Wohltat. Wahr ist: man löscht nicht Feuer mit Feuer und trocknet nicht Wasser mit Wasser, doch den Stein zerschmettert man mit dem Stein, den Stahl wehrt man mit dem Stahl ab und Gewalt mit Gewalt. Und noch: die Übermacht der Römer ist das Feuer, eure Demut aber – Holz. Das Feuer wird nicht einhalten, ehe es das ganze Holz gefressen hat.«

Die »Legende« schließt mit dem Gebet Menachems: »O Adonai, Adonai! laß uns nie, solange wir leben, dem heiligen Gebote untreu werden: dem Kampfe wider Unrecht . . . Laß uns nie die Worte sprechen: retten wir uns selber und überlassen wir die Schwachen ihrem Schicksal . . . Auch ich glaube, o Adonai, daß dein Reich auf Erden kommen wird. Verschwinden wird Gewalt und Unterdrückung, die Völker werden zum Fest der Verbrüderung zusammenströmen, und nie mehr wird Menschenblut von Menschenhand vergossen werden.«

Wie eine frische Brise stürmte dieses trotzige Bekenntnis in die stickigen Nebel der Indolenz und der Mystik. Korolenko bereitete an seinem Teil die Wege einer neuen geschichtlichen »Gewalt« in Rußland, die bald ihren wohltätigen Arm erheben sollte, den Arm der Arbeit wie des Befreiungskampfes.

3.

Vor kurzem ist eine deutsche Ausgabe der Jugenderinnerungen Maxim Gorkis erschienen»Meine Kindheit«. Übers. von Scholtz, Verlag Ullstein 1917., die in mannigfacher Beziehung ein interessantes Gegenstück zu dem vorliegenden Buche Korolenkos bilden.

Künstlerisch sind die beiden Dichter gewissermaßen Antipoden. Korolenko, gleich dem von ihm so hoch verehrten Turgenjew, eine durchaus lyrische Natur, ein weiches Gemüt, ein Mann der Stimmung; Gorki – darin ein Nachfolger der Tradition Dostojewskis – von ausgesprochener dramatischer Weltanschauung, ein Mann der zusammengeballten Energie, der Handlung. Bei Korolenko, der für alle Schrecken des sozialen Lebens einen Blick hat, erscheinen jedoch, ganz wie bei Turgenjew, in der künstlerischen Darstellung auch die größten Schrecken in eine gewisse mildernde Perspektive der Stimmung gerückt, in zarten Duft der poetischen Vision, des landschaftlichen Reizes eingehüllt. Für Gorki wie für Dostojewski ist sogar der nüchterne Alltag voller grauenhafter Gespenster, marternder Visionen, die mit unbarmherziger Schärfe, sozusagen ohne Luft und Perspektive, meist mit völliger Vernachlässigung der Landschaft, hingestellt werden.

Wenn das Drama nach Ulricis treffendem Ausdruck die Poesie der Tat ist, so ist das dramatische Element in den Romanen Dostojewskis unverkennbar. Sie strotzen derart von Handlung, Erlebnis und Spannung, daß ihre sich übereinandertürmende sinnverwirrende Fülle das epische Element des Romans zu erdrücken, seine Schranken jeden Augenblick zu sprengen droht. Kann man doch meist, nachdem man einen oder zwei dicke Bände in atemloser Spannung gelesen, kaum fassen, daß man Vorgängen von nur zwei oder drei Tagen soll beigewohnt haben. Ebenso charakteristisch für die dramatische Veranlagung Dostojewskis ist, daß die Hauptknoten der Handlung schon zu Beginn seiner Romane geschürzt, die großen Konflikte fertig, reif zur Explosion, vorliegen, ihre langsame Vorgeschichte, ihr Heranreifen nicht miterlebt, sondern der rückschließenden Wirkung der Handlung auf den Leser überlassen wird. Gorki wählt, selbst wenn er die verkörperte Aktionsunfähigkeit, den Bankrott der menschlichen Tatkraft – wie im »Nachtasyl«, in den »Kleinbürgern« – schildern will, zu ihrer Darstellung die dramatische Form und weiß ihnen einen Schimmer des Lebens ins blasse Antlitz zu hauchen.

Korolenko und Gorki repräsentieren nicht bloß zwei dichterische Individualitäten, sondern auch zwei Generationen der russischen Literatur und der freiheitlichen Ideologie. Für Korolenko steht noch der Bauer im Mittelpunkt des Interesses, für Gorki, den begeisterten Adepten des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus, – der städtische Proletarier und sein Schatten, der Lumpenproletarier. Während bei Korolenko die Landschaft der natürliche Rahmen der Erzählung, ist es bei Gorki die Werkstatt, die Kellerwohnung, das Asyl für Obdachlose.

Die grundverschiedene Lebensgeschichte gibt den Schlüssel zur Persönlichkeit beider Künstler. Korolenko, der in behaglichen bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, hatte in der Kindheit das normale Gefühl der Unverrückbarkeit, der Stabilität der Welt und ihrer Dinge, wie es allen glücklichen Kindern eigen ist. Gorki, teils im Kleinbürgertum, teils im Lumpenproletariat wurzelnd, in echt Dostojewskischer Atmosphäre brütender Schrecken, Verbrechen und Elementarausbrüche menschlicher Leidenschaften aufgewachsen, schlägt schon als Kind um sich wie ein gehetztes Wölflein und weist dem Schicksal seine spitzen Zähne. Diese Kindheit voller Entbehrungen, Kränkungen, Bedrückungen, im Gefühl der Unsicherheit, des Hinundhergeworfenseins, in nächster Nachbarschaft mit dem Bodensatz der Gesellschaft, schließt in sich alle typischen Züge aus dem Schicksal des modernen Proletariats. Und nur wer Gorkis Lebenserinnerungen gelesen kann seinen wunderbaren Aufstieg aus dieser sozialen Tiefe zur vollen Sonnenhöhe moderner Bildung, genialer Kunst und einer wissenschaftlich fundierten Weltanschauung ermessen. Auch darin sind Gorkis persönliche Schicksale symbolisch für das russische Proletariat als Klasse, das sich mitten aus dem Rauhen und Krassen der äußeren Unkultur des Zarenreiches durch die harte Schule des Kampfes in erstaunlich kurzer Zeit von zwei Jahrzehnten zur geschichtlichen Aktionsfähigkeit emporgearbeitet hat. Sicher ein unbegreifliches Phänomen dies für alle Kulturphilister, die gute Straßenbeleuchtung, pünktlichen Eisenbahnverkehr und saubere Stehkragen für Kultur, sowie fleißiges Klappern der parlamentarischen Mühlen für politische Freiheit halten.

Der starke Zauber der Korolenkoschen Poesie bildet zugleich ihre Schranke. Korolenko wurzelt ganz in der Gegenwart, im erlebten Moment, im sinnlichen Eindruck. Seine Erzählungen sind wie ein Strauß frischgepflückter Feldblumen; die Zeit ist ihrer fröhlichen Farbigkeit, ihrem köstlichen Duft nicht hold. Das Rußland, das Korolenko schildert, ist nicht mehr, es ist das Rußland von gestern. Die zarte poetische verträumte Stimmung, die über seinem Land und seinen Leuten liegt, ist vorbei. Sie hat schon vor einem, vor anderthalb Jahrzehnten der tragischen gewitterschwülen Stimmung der Gorki und Genossen Platz gemacht, den schrillstimmigen Sturmvögeln der Revolution. Sie hat bei Korolenko selbst der Kampfstimmung weichen müssen. In ihm, wie in Tolstoj, siegte zum Schluß der soziale Kämpfer, der große Bürger über den Dichter und Träumer. Als Tolstoj in den achtziger Jahren anfing, sein sittliches Evangelium in einer neuen literarischen Form, in kleinen volkstümlichen Erzählungen zu predigen, wandte sich Turgenjew in einem flehenden Briefe an den Weisen von Jasnaja Poljana, um ihn im Namen des Vaterlandes zur Rückkehr in die Gefilde der reinen Kunst zu bewegen. Auch um Korolenkos duftige Poesie trauerten seine Freunde, als er sich mit Feuereifer in die Journalistik stürzte. Doch der Geist der russischen Literatur: das hohe soziale Verantwortlichkeitsgefühl erwies sich bei diesem begnadeten Dichter stärker sogar als die Liebe zur Natur, zum ungebundenen Wanderleben, zum poetischen Schaffen. Von der Woge der nahenden revolutionären Sturmflut mitgerissen, verstummt er als Dichter am Ende der neunziger Jahre immer mehr, um nur noch als Vorkämpfer der Freiheit, als geistiger Mittelpunkt der oppositionellen Bewegung der russischen Intelligenz seine Klinge blitzen zu lassen. »Die Geschichte meines Zeitgenossen,« die in den Jahren 1906 – 10 in der von Korolenko herausgegebenen Revue »Der russische Reichtum« erschien, ist das letzte Produkt seiner Muse, nur noch halb Dichtung, aber ganz Wahrheit, wie alles, was zu diesem Leben gehört.

Geschrieben im Strafgefängnis Breslau, im Juli 1918.

R. Luxemburg.

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