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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Erzieherin – Der Friedhof

In der Tiergartenzeit ist die mütterliche Hand kaum je mit meinem Gesicht in andere als zärtliche Berührung gekommen. Jede Erinnerung an sie ist schön und heiter. Wenn mir die Mutter später bekannte, sie habe es sich zur Aufgabe gestellt, uns eine glückliche Kindheit und Jugend zu schaffen, so ist ihre Lösung schon dort aufs beste gelungen. Ich weiß noch recht wohl, wie munter sie mit uns zu scherzen und zu spielen verstand, und aus der frühesten Zeit schaut mir ihr liebes Gesicht besonders froh und anmutig entgegen. Und doch war sie mit dem schwersten Kummer im Herzen in die Tiergartenstraße gezogen.

Von derjenigen, die sie als Erzieherin der beiden ältesten Kinder dahin begleitete und ihr eine treue Freundin wurde, weiß ich, wie bedürftig des Trostes sie gewesen war, wie voll und ganz die Stimmung der Seele der tiefen Witwentrauer entsprach, die sie trug, und in der sie einen so rührend schönen Anblick gewährt haben soll.

Bernhardine Kron hieß damals dies seltene Wesen. Sie war eine Mecklenburgerin und vereinte mit einer reichen, tiefgehenden Bildung die wackere Gesinnung, das warme Gemüt und die Herzenstreue dieses tüchtigen und sympathischen deutschen Stammes. Wie die Mutter sie, so hatte sie die junge Frau, deren Kindern sie ihre besten Kräfte widmen sollte, schnell lieb gewonnen, und noch in späteren Jahren wurden die Augen ihr feucht, wenn sie von der Zeit erzählte, da sie in unserem stillen Landhause den Kummer der Mutter getragen und ihr bei dem Erziehungswerke geholfen hatte.

Sie ist später die Leiterin der Höheren Töchterschule in Stettin und endlich die Gattin des dortigen Konsistorialrats Textor geworden. Nach kaum einjähriger Ehe verlor sie den Gatten und widmete den langen Rest ihres Lebens den Kindern, die sie mit erheiratet hatte und die unter ihrer wahrhaft mütterlich treuen Sorge zu trefflichen Menschen gediehen.

Uns Kleine zog sie ans Herz. Jede Erinnerung an sie ist wohltuend und freundlich. Bis zu ihrem späten Heimgang folgte sie dem Lebenswege jedes einzelnen von uns. Meiner Schwester Martha, ihrem ältesten und bevorzugten Zögling, schickte sie zur Hochzeit ein Paar selbstgestrickter Strümpfe, die sie mit der Zahl 109 gezeichnet, weil sie in den Handarbeitstunden den Satz oft wiederholt hatte, daß ein Mädchen, um zum Heiraten berechtigt zu sein, hundert Paar Strümpfe gestrickt haben müsse. Der Brief, den sie mir nach meiner Verlobung schrieb, atmete die treueste Liebe, und ich habe ihn dankbar bewahrt.

Sie und die Mutter erzählten gern von den stillen Abenden, an denen sie, wenn alles andere zur Ruhe gegangen war, ganz allein gelesen oder durchgesprochen hatten, was ihnen das Herz bewegte. Da gab jede der anderen, was sie vermochte. Die deutsche Erzieherin ging mit der Patronin unsere Klassiker durch, und die Mutter las ihr die Werke von Racine und Corneille vor und hielt sie an, Französisch und Englisch mit ihr zu sprechen; denn sie beherrschte, wie so viele Holländerinnen, diese Sprachen, als sei sie in Paris oder London erwachsen. Das Bedürfnis, zu lernen und von dem eigenen reichen geistigen Besitz mitzuteilen, ist der Mutter bis ins späte Greisenalter eigen geblieben, und was hat nicht jedes von uns dem Anteil zu danken, den sie ihm an ihren Kenntnissen und Erfahrungen gewährte!

Auch Fräulein Kron blieb bis ans Ende für die geistige Förderung erkenntlich, die ihr, der Lehrerin, durch die »Prinzipalin« zuteil geworden war, während diese des Trostes und der Erhebung nie vergaß, die ihr das warme Herz der treuen Mecklenburgerin in den schwersten Tagen des Lebens gespendet.

Jene später einsamen Stunden in rauher Winterszeit nahmen gewöhnlich einen ernsten Verlauf, doch die Mutter wie die Erzieherin lachten noch als Greisinnen herzlich, wenn sie sich eines gewissen Vorgangs von damals erinnerten. An einem sehr kalten Abend war das Kaminfeuer ausgegangen, und die sonst so mäßigen Frauen hatten sich einen Punsch bereitet, um das Buch, das sie zu lesen begonnen, zu Ende zu bringen. Als sie sich um Mitternacht endlich erhoben, sagte die Mutter: »Ich glaube, Fräulein, ich stehe nicht fest auf den Füßen,« und die andere versetzte: »Ich weiß nicht, was das ist, aber es scheint mir, als drehe sich das Zimmer um mich her.«

Dann lachten beide hell auf, und die Mutter rief: »Aber dann haben wir ja gewiß zu viel getrunken!«

»Welche Schande!« lallte die Erzieherin; »wenn uns nur die Kinder nicht sehen!«

Darauf geleitete erst die Patronin die Erzieherin in ihr Schlafgemach, dann diese die Patronin unsicheren Schrittes in das ihre, und beide gedachten bis ans Ende des gemeinsamen ersten und letzten Rausches.

So durfte sich auch Heiteres in diese Tage der Kümmernis mischen. Als ich mit Bewußtsein um mich her schaute, war die schwerste Zeit schon vorüber; wenn ich aber vorhin bemerkte, meine ersten Erinnerungen an die Mutter wären froh und sonnig gewesen, so vergaß ich die dem Andenken an den Vater gewidmeten Stunden. Sie machten sich uns selten bemerkbar; denn eine gewisse Keuschheit verhinderte die teure Frau bis ins späte Alter, gerade den tiefsten Schmerz anderen zu zeigen. Mit dem bittersten Seelenweh versuchte sie stets allein fertig zu werden. Darum sahen wir sie auch nur selten weinen, und sogar als der ihr teuerste Bruder und die Großmutter, die ihr sehr lieb gewesen war, die Augen geschlossen hatten, wurde ihrem Wunsch, allein und ungestört zu bleiben, stillschweigend von uns allen Vorschub geleistet. Ihre sonnige Natur scheute sich wohl auch. Schatten und Dunkel um sich her zu verbreiten.

Die Stunden, auf die ich hinwies, flochten sich nicht nur durch unsere Kindheit, sondern kehrten auch wieder, wenn es uns später vergönnt war, bei der Mutter zu weilen.

Der 14. Februar jedes Jahres, der Sterbetag des Vaters, war es, der sie veranlaßte, sich, wo sie sich auch aufhalten mochte, von den Mitgliedern des Hauses und auch von uns Kindern zurückzuziehen. Während des ganzen Vormittags ließ sie sich von keinem sehen oder sprechen, und bei der Mahlzeit und später zeigte ihr ganzes Wesen eine, ich möchte sagen feierliche Würde und Stille, die uns nötigte, leiser zu sprechen und schweigend zuzuhören, wenn sie uns von dem Vater erzählte.

Eine zweite Gelegenheit, ihre schmerzliche Bewegung zu teilen, wiederholte sich mehrmals in jedem Sommer. Es war der Besuch des Friedhofs, den sie selten allein unternahm.

Uns allen haben sich diese Gänge tief ins Gedächtnis geprägt, und meine erste Erinnerung an einen solchen kann spätestens in mein fünftes Lebensjahr fallen; denn ich erinnere mich noch sehr wohl, daß uns einmal die Rappen der Frau Reichert, unserer Wirtin, nach dem Gottesacker führten.

Der Dreifaltigkeitskirchhof vor dem Hallischen Tore war es, auf dem der Vater ruhte. Ich fand ihn so wenig verändert, als ich ihn vor zwei Jahren wieder betrat, daß ich ohne Führer und Aufenthalt dem Ebersschen Erbbegräbnis sicher entgegenschreiten konnte. Dennoch hatte mein körperliches Befinden mich lange fern von ihm gehalten. Aber welche Umgestaltung war mit dem Wege zu ihm vorgegangen!

Wenn wir ihn mit der Mutter besuchten, und das geschah immer zu Wagen, denn er lag weit von unserer Wohnung entfernt, ging es schnell genug durch die Stadt, das Tor und etwa bis an die Stelle, wo ich jetzt den stattlichen Ziegelbau der Kreuzkirche fand; dann aber wurde nach rechts umgebogen, und hatten wir in Droschken gesessen, so stiegen wir Kinder aus, denn es wurde den armen Gäulen so gar sauer, die Wagen durch den tiefsandigen Weg, der auf den Friedhof führte, zu ziehen. Auch die Leichen sind in jener weniger eiligen Zeit langsam zu der Stätte gelangt, wo ewige Ruhe ihrer harrte.

Wir Kinder pflückten während der Wanderung durch den Sand blaue Kornblumen, scharlachrote Mohnblüten und bunte Wicken von den Feldern, und Glocken- und Gänseblumen, Wegerich, Ranunkeln und Löwenmaul von den mageren Rasenstückchen zur Seite der Straße, und banden daraus Sträußchen für die Gräber der Unseren.

Hinter dem Gottesackertor gab es Aufenthalt bei dem Hause zur Rechten des Weges; denn die Besuche der Mutter hatten sie mit seinen Bewohnern, der Familie des Totengräbers Hesse, bekannt gemacht. Dieser wohlbehaltene Mann, von dem wir auch Kränze und Blumen zu kaufen pflegten, kannte uns bei Namen, und ebenso seine besonders hübschen, sauber gekleideten Töchter, deren starke, um den Kopf gewundene schwarze Zöpfe und lebhafte dunkle Augen ich noch vor mir zu sehen meine.

Die anmutigen Mädchen und die bunten Blumen verliehen für mich, den alles dem Auge Wohlgefällige schon früh anzog, dem Eintritt in den Friedhof einen freundlichen Reiz. Das war es wohl auch, was im Verein mit der Fahrt, mit dem Spaziergang und der Unterbrechung des Alltagslebens für Ludo und mich dem Besuche des väterlichen Grabes etwas Festtägliches verlieh und uns veranlaßte, seine Ankündigung mit stiller Freude zu begrüßen.

Schweigend schritt die Mutter mit uns durch die Reihen der Rasenhügel, Denksteine und Kreuze dahin, während wir die Blumenstöcke und Kränze trugen, die sie, um jedem die Freude zu gönnen, sich dienstlich zu erweisen, schon am Totengräberhause unter uns verteilt hatte.

Auch wir flüsterten uns höchstens eine Wahrnehmung zu; denn wie viel Schmetterlinge wiegten sich hier auf den Blüten, wie viel Insekten, und unter ihnen die rot und schwarzen Totenkäfer, die es anderwärts nicht zu sehen gab, krochen hier umher, und wie bemerkenswert erschien uns jedes neue Denkmal, das man seit dem letzten Besuche errichtet.

Unser Erbbegräbnis – jetzt erhebt sich auch schon das Kreuz der Mutter und Paulas neben dem des Vaters – gehört zu denen, die die Friedhofsmauer nach hinten begrenzt, und eine Marmorplatte, die man in sie einließ, zeigt an, wem es eignet. Es ist geräumig genug, um noch einige von uns aufzunehmen und liegt zur Rechten des Weges zwischen dem gräflich Kalckreuthschen und dem stattlichen Mausoleum, das die irdische Hülle Moritz von Oppenfelds, der uns unter den väterlichen Verwandten weitaus der liebste war, und der Seinen birgt. Für die Gesinnung dieses trefflichen Mannes legt das kleinere Grab neben seiner hohen, vornehm schlichten Familiengruft, das unsere Ruhestätte von der Oppenfeldschen trennt, Zeugnis ab; denn er erwarb es auf ewige Zeit für den treuen und tüchtigen Lehrer seiner Kinder.

Die Mutter trat uns voran in den mit einem eisernen Gitter umgebenen Raum und betete oder gedachte schweigend der teuren Verstorbenen, die da ruhten.

Das ist ja unseren Grabhügeln eigen, daß sie uns wie mit geheimnisvoller Macht diejenigen gleichsam zurückgeben, die unter ihnen ruhen. Mir wenigstens wird es nirgends leichter, mit den mir teuersten Verstorbenen wie mit Lebenden zu verkehren, als an ihren Hügeln. Auf Reisen in weiter Ferne, in der Wüste oder auf dem Meere war es mir ein peinlicher Gedanke, zu sterben, nicht weil ich mich vor dem Tode gefürchtet hätte, der uns ja überall zu finden weiß, sondern weil ich mir sagte, daß es denen, die mich liebten, dann unmöglich gewesen wäre, meiner am Grabe zu gedenken. Es hätte sie auch um die tröstliche Freude der Überlebenden gebracht, meinen Hügel mit Blumen zu schmücken. Steht denn uns Protestanten, wenn die Liebe zu einem teuren Verstorbenen sich in uns nach Betätigung sehnt, ein anderes Mittel zu Gebote, als die Stätte, die sein irdisches Teil birgt, mit Blumen zu schmücken? Ihre bunten Häupter und ein frohes Kinderantlitz sind auch das einzige, dem der Trauernde, dessen Wunden noch frisch an einem Sarge bluten, ihn heiter anzuschauen gestattet, und ich möchte die Blumen mit dem Klang der Glocken vergleichen. Beide sind auf den Höhepunkten des Lebens, den ernsten wie den frohen, am Platz und willkommen. Wie Engelsgrüße erscheinen beide, diese aus der Tiefe, jene aus der Höhe, dem froh oder schmerzlich bewegten Herzen.

Auch was die Mutter dem Grabe des Vaters zuführte, waren immer, außer einem Kerzen voll Liebe, Kinder und Blumen.

Wenn sie dem eigenen Seelenbedürfnis Genüge getan hatte, wandte sie sich an uns und leitete den Schmuck des Hügels mit freundlicher Gelassenheit. Dann erinnerte sie uns an den Vater, und hatte sich eines eine Strafe zugezogen, so legte sie ihm – ein solcher Fall aus später Zeit prägte sich mir fest ins Gedächtnis – den Arm um die Schultern und bat es leise und nur ihm verständlich, sie nicht wieder so zu betrüben und des Verstorbenen zu gedenken. Solche freundliche Mahnung an dieser Stätte konnte nicht unwirksam bleiben und schloß auch die Vergebung in sich.

Während der Rückkehr war Hand und Herz wieder frei, und wir gebrauchten auch wieder die Zunge.

Bei diesen Gängen erwachte auch mein Interesse für Schleiermacher; denn sein Grab – er war drei Jahre vor meiner Geburt, 1834, gestorben – lag in der Nähe unseres Erbbegräbnisses, und wir blieben mehr als einmal vor dem Denksteine stehen, den ihm Freunde, dankbare Schüler und Verehrer errichtet. Er ist mit seinem Bildnisse in Marmor geschmückt, und ihm gegenüber erzählte uns die Mutter, die ihm oft persönlich begegnet war, manchmal von dem feinsinnigen Theologen, Philosophen und Kanzelredner, dessen Lehren auf die bedeutendsten meiner Keilhauer Erzieher, wie ich erst viel später wahrnehmen sollte, den mächtigsten Einfluß geübt. Sie kannte auch die schönsten seiner Rätsel, und das folgende, das von keinem anderen an sinnvoller Knappheit übertroffen wird:

»Getrennt mir heilig,
Vereint abscheulich«

hatte sie ihn selbst aufgeben hören. Die Lösung: »Mein Eid« und »Meineid« ist ja jedermann bekannt.

Nichts lag der Mutter ferner, als aus diesen Friedhofsbesuchen Veranstaltungen oder besondere Gedenktage zumachen; sie woben sich vielmehr wie etwas Selbstverständliches in unser Leben und wurden keineswegs in bestimmten Zwischenräumen oder an feststehenden Daten unternommen, sondern wenn das Herz sie dazu drängte und das Wetter ins Freie lud. Sie haben nur in meiner Vorstellung und in der der Geschwister infolge der Gemütserhebung, die sich mit ihnen verband, etwas Festtägliches, Weihevolles gewonnen.

An den Festen

Die Feier eines Gedenktages auch äußerlich hervorzuheben lag freilich in der Art der Mutter, die, trotz ihrer tiefen Innerlichkeit ziemlichen und ansprechenden Formen hold, den Sinn für sie früh in uns zu erwecken versuchte.

An allen Festen wurden wir Kleinen von Kopf zu Fuß frisch angezogen, an einem jeden bekamen wir, und mit uns die Dienstboten, Kuchen zum Frühstück und an den größten auch Wein zu Mittag.

An den Geburtstagen wurden die Torten mit so vielen Lichtern umgeben, wie wir Jahre zählten, und es ward immer für den zierlichen Aufbau der Geschenke gesorgt. Solange wir klein waren, zeichnete die Mutter das Geburtstagskind – wohl nach einer heimischen Sitte – durch eine seidene Schärpe aus. Auch den eigenen Geburtstag sah sie gern feiern, und solange ich denken kann, wurde an ihm – er fiel auf den 25. Juli – eine Landpartie unternommen.

Wir wußten, daß es sie glücklich machte, uns am Geburtstag an ihrem Tisch zu sehen, und noch bis in ihr spätestes Alter führte dies Fest jeden von uns zu ihr, dem es der Beruf irgend erlaubte.

Am Sonntag ging sie in die Kirche, und am Karfreitag hielt sie darauf, daß nicht nur während des Gottesdienstes, sondern auch während des übrigen Tages die Schwestern wie sie selbst schwarz gekleidet waren.

Eine schönere Weihnachtsfeier als die unsere wurde wohl wenigen Kindern bereitet; denn unter dem mit besonderer Liebe geschmückten Baume fand jedes seine wärmsten Wünsche befriedigt, und hinter dem Gabentische der Familie stand stets eine andere Tafel, an der mehrere weniger Bemittelte, ich möchte sagen »Klienten« des Hauses, eine ihren Bedürfnissen entsprechende Bescherung fanden, unter diesen fehlte, bis ich als Elfjähriger nach Keilhau kam, nie die Amme meiner ältesten Schwester Martha mit ihrem braven und stattlichen Eheherrn, dem Schuhmachermeister Großmann, und ihren wohlgeratenen Kindern.

Bevor der Aufbau bei uns begann, hatte die Mutter die Schwestern zu Armen begleitet oder sie zu ihnen führen lassen, um ihnen in großen Körben allerlei nützliche und den Kindern erfreuliche Dinge zu überbringen.

Auch uns Knaben hielt sie an, von dem Unsern mitzuteilen, und die vielen Almosen, die sie spendete, ließ sie gern durch uns den Bedürftigen geben. Das paradox klingende Wort: »Vom Geben ist noch niemand arm geworden«, hörte ich zuerst von ihr, und sie fand mehr als einmal Gelegenheit, es uns zu wiederholen.

Das Mitteilen von dem Ihren haben wir ihr übrigens nie so hoch angerechnet wie die Mühen und Unbequemlichkeiten, die sie willig auf sich nahm, um andere durch die mancherlei Beziehungen, in die sie das Leben und die Gesellschaft brachte, und den Einfluß, den sie wohl besonders durch ihr anmutiges Wesen gewonnen hatte, zu retten, zu fördern oder zu beglücken. So manchem, der sich gegenwärtig in ansehnlicher Stellung befindet, hat sie den Anfang ermöglicht oder die Wege geebnet.

Wie in viele Berliner Familien, so kam auch zu uns der Weihnachtsmann, ein vermummter Alter mit großem Bart und mit einem Sack voller Nüsse und Näschereien und bisweilen auch mit kleinen Geschenken. Er redete uns mit verstellter Stimme an und sagte, der heilige Christ sende ihn, doch sei das Süße und Gute, das er bei sich habe, nur für die artigen Kinder bestimmt, die etwas herzusagen wüßten. Natürlich war dafür gesorgt, daß wir dies konnten. Jedes drängte sich vor, um das Seine zum besten zu geben, doch hielt der Weihnachtsmann auf Ordnung, und wenn eins nach dem andern sein Verschen hergesagt hatte, öffnete er den Sack und warf seinen Inhalt unter uns aus.

In den ersten Jahren erfüllte mich die Erscheinung des Weihnachtsmannes mit frommer Scheu; als Ludo und ich aber infolge einer Verschiebung des Bartes in dem Vermummten einen Freund des Hauses erkannt hatten, war der Zauber gebrochen.

Gewöhnlich brachte der Weihnachtsmann auch einen Gefährten mit, der ihm als Knecht Ruprecht mit einem eigenen Gabensacke folgte und unter die Scherze auch Drohungen gegen unartige Kinder mischte.

Wir dankten ihm und dem Weihnachtsmann manchen Spaß, doch sah ich später ein, daß meine Frau recht hatte, als sie mich ersuchte, von meinem Wunsche, diese Figuren auch bei der Christbescherung unserer Kinder einzuführen, zurückzustehen.

Die Karpfen, die man am Heiligabend nach der Bescherung in jeder Berliner Familie aufträgt und die auch auf dem Tische der Mutter nie fehlten, gab es ebenfalls bei mir in Jena, Leipzig und München oder wo wir uns sonst am Abend des 24. Dezember befinden mochten. Im ganzen blieben wir überhaupt den Weihnachtsgebräuchen meiner Heimat treu, die nicht viel von denen der Deutschen in Riga, denen meine Frau entstammt, abweichen, ja, es wird mir so schwer, von solchen Kindheitsgewohnheiten zu lassen, daß ich, als ich für die beiden »Heiligabende«, die ich am Nil verlebte, keinen Christbaum auftreiben konnte, einen jungen Palmenschoß aufputzte und mit Lichtern besteckte. Daß die Mutter den Knecht Ruprecht zu uns einlud, verstieß entschieden gegen ihren Grundsatz, uns niemals durch Schreckbilder ängstigen zu lassen. Ja, wenn sie wahrnahm, daß uns die Dienstboten mit dem »Schwarzen Manne« und ähnlichen Gestalten der Berliner Kinderstubenphantasie bedroht hatten, konnte sie sehr ungehalten werden. Den Argumenten meiner Frau, die mich veranlaßten, den Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht aus unserem Hause zu verbannen, stimme ich, nun ich das Herz der Kinder zu kennen meine, freudiger zu als im Anfang unserer Ehe. Ist es doch so viel schöner und dazu ebenso leicht – will man schon Weihnachtsgaben als pädagogische Hilfsmittel benutzen –, die Kinder zum Bravsein anzuhalten, indem man sie auf die Freude des Christkindchens an ihrer Artigkeit hinweist, als sie durch die Furcht vor dem Zorne des Knechtes Ruprecht dazu zu bringen.

Freilich ließ es auch die Mutter an dem Bestreben nicht fehlen, uns das Christkindchen und später den Heiland selbst lieb zu machen und ihn uns nahe zu bringen. Sie sah in ihm vor allem die Verkörperung der Liebe, und sie liebte ihn, weil ihr liebreiches Herz das seine verstand.

In späterer Zeit führte mich eigenes Forschen und Denken auf die nämliche Überzeugung, zu der sie das Verhältnis des weiblichen Gemütes zu der Person und Lehre ihres Heilands gebracht. Ich erkannte, daß die Welt, wie Jesus Christus sie fand, ihm nichts Größeres, Schöneres, Höheres, Folgenschwereres dankt, als daß er ihren Liebeskreis, der nur den Einzelmenschen, die Familie, die Stadt und im höchsten Fall den Staat, dessen Bürger man war, umschloß, auf die ganze Menschheit erweiterte, und diese Menschenliebe, die das Leben der Mutter auch uns zu betätigen lehrte, ist das Banner, unter dem sich jeder wahre Fortschritt der späteren Menschheit vollzog. Neunzehn Jahrhunderte sind vergangen, seit derjenige, der sie uns schenkte, am Kreuze verblutete, und wie weit sind wir noch von der vollen Bewahrheitung dieser edelsten aller Regungen des Herzens und Geistes entfernt, Und doch! An dem Tage, wo sich diese Menschenliebe voll betätigt, wird die soziale Frage, die jetzt die Gemüter beunruhigt und die das Gehirn der Besten nicht ruhen läßt, gelöst sein.

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