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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fortschreitende Genesung und der erste Roman

Den Rest des Sommers verlebte ich halb bei der Mutter in Hosterwitz, halb bei der Tante in Blasewitz, und so wurde es auch in den nächsten Jahren gehalten, bis mich von 1862 an das Studium länger in Berlin zurückhielt und die wissenschaftlichen Reisen begannen.

Bedeutende Ereignisse im Familienkreise oder in der Politik gab es außer der Thronbesteigung des Königs Wilhelm von Preußen und dem Österreichisch-Französischen Kriege 1859 nicht viel zu verzeichnen. In Berlin erweckte die »neue Ära« schöne, berechtigte Hoffnungen, und ein frischerer Wogenschlag bewegte die trüben, ruhenden Wasser des politischen Lebens.

Bei der Tante, die mich wie einen Sohn liebte, und deren Gatte mir gleichfalls herzlich zugetan war, hatten die Schlachten von Magenta und Solferino (4. und 24. Juni 1859) die Gemüter in große Bewegung gesetzt. Es herrschte dort die höchste Mißstimmung über das Verhalten Preußens, und auch mir Fiel es schwer, es zu billigen, da mir Österreich als zugehörig zu Deutschland erschien, und mir die drei nächsten Angehörigen des Onkels, die in österreichischen Diensten standen, lieb waren. Der Schwiegersohn des Onkels, der damalige Leutnant von Ritschl, brachte es bis zum Feldmarschalleutnant. Seines Vetters, des späteren Feldzeugmeisters von Brandenstein, erwähnte ich bereits.

Wie mißlich es ist, in politischen Dingen auf die Stimme des Herzens zu hören, sollte die Zukunft erweisen. Ob es unser Deutsches Reich und das geeinte Italien gäbe, hätte Österreich im Bunde mit Preußen 1859 bei Solferino und Magenta den Sieg über Frankreich erfochten?

In Hosterwitz trat mir der Lyriker Julius Hammer immer näher. Der Kammergerichtsrat Gottheiner, ein tief unterrichteter Mann, weilte dort mit seiner lieben Tochter Marie, deren schöner Gesang meinem Herzen so wohl tat, in der Villa seiner geistig lebendigen und gastfreien Schwägerin, und durch sie kam auch ich mit vielen höchst anregenden Menschen, wie dem Präsidenten von Kirchmann, dem Baumeister Nikolai, dem Verfasser der Psyche, Geheimrat Carus, dem Dichter Charles Duboc (Waldmüller) mit seiner schönen, hochbegabten Gattin und mit anderen in Verbindung. Vor kurzem, zu seinem siebzigsten Geburtstag, forderte Duboc mich auf, unsere alte Freundschaft mit dem brüderlichen »Du« zu besiegeln, und wie gern ließ ich diesem späten »Smollis« das Fiduzit folgen.

Auch manchem Berliner Bekannten, dessen ich später zu gedenken habe, begegnete ich in Kosterwitz wieder. Unter ihnen auch dem Prediger Sydow und Lothar Bucher.

Der Freundschaft dieses merkwürdigen Mannes verdankte ich gerade in der Zeit, die ihn mit Bismarck zusammenführte, viele unvergeßlich genußreiche Stunden. Mancher wird es mit der zurückhaltenden stillen Weise dieses scharfsinnigen und kühlen Politikers schwer vereinbar finden, daß er, der vortrefflich Plattdeutsch sprach, meiner Mutter, als sie leicht erkrankt war, wie ein pflegsamer Sohn die Romane Fritz Reuters vorlas.

So fehlte es nicht an ansprechender Unterhaltung in den Mußestunden, der Löwenpart meiner Zeit war aber der Arbeit gewidmet.

Das gleiche gilt von dem Aufenthalt bei der Tante. Sie bewohnte ein Sommerhaus auf dem Anwesen des Staatsrats von Adelsson. Dies schöne Besitztum mit seinem weit ausgedehnten Parke wurde längst in Bauplätze zerlegt und bildet einen nicht unbeträchtlichen Teil des heutigen Villenortes Blasewitz. Damals war es eine Stätte des heitersten geselligen Zusammenlebens, sowohl im Hause des Wirtes wie in dem der Tante.

Der erstere und seine Gattin waren aufs innigste mit den Meinen befreundet, und ihre eben erblühende Tochter Lina schien mir die schönste Blume in dem an bunten Beeten reichen Adelssonschen Garten. Ich sah sie vom Kind zur Jungfrau erblühen, und bin ich je einem Mädchen begegnet, das ich mit einem Veilchen vergleichen möchte, so ist sie es gewesen. Aus ihren großen, schüchternen Augen, die doch so warm glänzen konnten, las ich hundert Fragen an das Leben, das noch wie ein großes, schönes Geheimnis vor ihr lag. Wie ich ihr, so war sie mir zugetan, und es machte mich glücklich, als ich sie in dem jungen Grafen Üxküll-Gyllenband einen ihrer würdigen Gefährten finden sah.

Neben ihr bevölkerte eine Schar von anderen anmutigen Mädchen den Garten, und immer noch vereinte das Haus der Tante neben den alten Freunden die Spitzen des damaligen literarischen Lebens in Dresden.

Gutzkow überragte sie sicherlich alle an Schärfe und Gewandtheit des Geistes, doch die Herbheit seines Wesens stieß mich von ihm zurück.

Recht aufrichtig freute ich mich dagegen an der sinnigen Beredsamkeit Berthold Auerbachs, die neben Hohem und Großem auch Geringes, das er aus dem Staube auflas, dem Gemüte nahe zu bringen und mit poetischem Reiz zu bekleiden verstand. Ist es mir vergönnt, auch die Erinnerungen aus der späteren Zeit meines Lebens aufzuzeichnen, so werde ich mehr von ihm zu erzählen haben. Er war es, der mich veranlaßte, meinem ersten Roman, den ich »Ritetis« zu nennen gedacht hatte, den Titel: »Eine ägyptische Königstochter« zu geben.

Die Koryphäen der vorzüglichen Dresdener Bühne fanden gleichfalls den Weg in das Haus der Tante. An einem Abend hörte ich hier Emil Devrient, der in keiner größeren Gesellschaft fehlte, mit anmutiger Höflichkeit bitten, den Wagen kommen zu lassen, an einem andern Bogumil Dawison mit emphatischen Gesten fordern, der liebenswürdigste der Wirte möge die Kraft seiner Rosse an die Deichsel zu schirren befehlen. Heute war es mir hier vergönnt, dem Sange Emmy La Gruas und morgen dem der unvergeßlichen Schröder-Devrient zu lauschen, dessen Vollkraft und hinreißende Leidenschaft kaum wieder ihresgleichen fand. Fesselnd und lehrreich war jedes Gespräch mit dem tief gebildeten Arzte Geheimrat von Ammon, während Rudolf von Reibisch, dessen hohe Begabung ihn zu wahrhaft Großem auf verschiedenen Gebieten der Kunst befähigt hätte, der treueste Freund des Hauses, als Phrenolog die Schädel betastete oder sein letztes vollendetes Drama vorlas. Hier bin ich auch dem Major Serre, dem kühnen Unternehmer der großartigen Lotterie begegnet, deren schöner Erfolg die segensreich wirkende Schillerstiftung ins Leben rief und ihr den Bestand sicherte.

Dieser einfache, doch tatkräftige Mann lehrte mich, wie wahrer Enthusiasmus und die Hingabe der ganzen Persönlichkeit an eine gute Sache genügen, ihr unter den schwierigsten Umständen zum Siege zu verhelfen. Freilich teilte die kluge Frau Majorin die Begeisterung des Gatten, und beide wußten die rechten Berater heranzuziehen. Auf ihrem schönen Gute Maxen bin ich später unter mancher bedeutenden Persönlichkeit auch dem dänischen Dichter Andersen begegnet, einem äußerlich unscheinbaren Manne, der aber, wenn er es für der Mühe wert hielt und der Gegenstand ihn erwärmte, die Hörer unwiderstehlich mit sich fortzureißen verstand. Dann füllte sich seine Rede mit sinnigen, farbigen, treffenden, immer eigenartigen Bildern, und wenn ihm eine glänzende Schilderung von bemerkenswerten Erlebnissen und ihren Schauplätzen nach der andern über die beredten Lippen floß, gewann er im Fluge die Herzen der Frauen, die ihn übersehen hatten, und es wollte den Männern scheinen, als helfe ihm dabei ein mächtiger Dämon.

In den ersten Jahren nach dem Beginn der Genesung gab es für mich nichts zu genießen, was nicht zu mir gekommen oder mir gebracht worden wäre, so gehemmt war noch die eigene Bewegung. Doch die heitere Geduld, mit der ich mein Leiden zu tragen schien, vielleicht auch die Dankbarkeit und Lebhaftigkeit, mit der ich aufnahm, was man mir brachte, zog die meisten Männer und Frauen zu mir, an denen mir etwas lag.

Gab es ein fesselndes Gespräch, so wurde immer dafür gesorgt, daß ich wenigstens als Hörer daran teilnehmen konnte. Die Liebe dieser guten Menschen wurde nicht müde, mir das Schwere zu erleichtern, das mir auferlegt worden war. So bin ich während dieser ganzen traurigen Zeit nur selten ganz elend, oft froh und glücklich, freilich aber auch bisweilen ein Opfer des tiefsten Seelenschmerzes gewesen.

Besonders in den Ruhestunden, die der Arbeit folgen mußten, und wenn mich in der Nacht die verschiedenartigen, auch mit dem weichenden Leiden verbundenen peinlichen Gefühle und Zustände quälten, trat mir meine Gebundenheit als schweres Mißgeschick vor die Seele. Alles, was in mir war, lehnte sich gegen mein Leiden auf – und warum soll ich es verschweigen? – heiße Tränen haben damals nach manchem frohen Tage mein Kissen durchnäßt. In der Zeit, wo es galt, mich von Nenny auf immer loszusagen, ist es nicht selten geschehen. Goethes: »Wer nie die kummervollen Nächte«, lernte ich schon in den Jahren verstehen, in denen anderen der Becher des Lebens am ungestümsten überschäumt. Doch ich hatte von der Mutter gelernt, was mich am schwersten bedrückte, für mich allein zu tragen und es vor anderen zu verbergen. Zudem half mir der mir angeborene Frohmut den Kampf auch gegen die finstersten Mächte siegreich bestehen. Am leichtesten wurde ich Herr jeder schmerzlichen Regung, der Schwäche oder des leidenschaftlichen Aufruhrs der Seele, wenn ich mir vorstellte, für wie vieles ich dankbar zu sein hatte, und bisweilen endete eine Stunde der heftigsten Auflehnung und des tiefsten Kummers mit der Überzeugung, vor Tausenden begünstigt und immer noch ein »Glückskind« zu sein. Die gleiche Empfindung stählte mir auch die Geduld und half mir die Hoffnung grün und die Daseinsfreude lebendig erhalten, als mich in viel späterer Zeit die Wiederkehr des alten Leidens, in dessen Gefolge sich heftige Schmerzen einstellten, von denen ich in der Jugend verschont geblieben war, mitten aus einer ernsten, mir teuren und – ich darf es annehmen – erfolgreichen Tätigkeit riß.

Mag die jüngere Generation es sich noch einmal sagen lassen, ein wie wirksames Trostmittel der Mensch, was ihn auch bedrängen möge, in der Dankbarkeit besitzt. Das Suchen nach allem, was der Erkenntlichkeit wert sein könnte, führt sicherlich zu jenem Zusammenhang mit Gott, der Religion ist.

Wenn ich im Winter nach Berlin kam, half mir die strengere Arbeit, mancher Freund und den meisten anderen voran mein polnischer Studiengenosse Mieczyslaw das Schwere geduldig tragen.

Er war gesund, frei, wohlbegabt, hatte Freude an der Wissenschaft und kam tüchtig vorwärts. Vor äußeren Sorgen war er gesichert, doch an seiner Seele nagte ein Wurm, der ihm Tag und Nacht die Ruhe nahm: das Unglück seines Vaterlandes und seines Hauses, sowie der leidenschaftliche Trieb, die Vergewaltiger seiner Nation die rächende Faust fühlen zu lassen. Der Vater hatte für die Sache Polens den Löwenpart seines großen Besitzes geopfert und, den grausamsten Verfolgungen erliegend, den Söhnen ans Herz gelegt, wie er dem Vaterlande alles zu opfern. Sie waren dazu bereit, nur einer seiner Brüder, der im Dienste der »Unterdrücker« das Schwert führte, war für die anderen zu einem verhaßten und verachteten Feinde geworden. Mieczyslaw weilte nun in Berlin und zürnte sich selbst, weil er sich als geistiger Epikuräer an orientalistischen Studien ergötzte, statt in die Fußtapfen des Vaters, der Brüder in der Heimat, der meisten seiner Verwandten zu treten.

Ich hatte mir ein Bild von den polnischen Freiheitshelden nach Heinrich Heines »edlen Polen« gestaltet und war dem Studiengenossen mit einigem Mißtrauen entgegengekommen. Weit entfernt, mir aufzudrängen, was das Herz ihm bewegte, hatte es langer Zeit bedurft, bevor er mir den ersten Blick in sein Inneres gestattete. Als aber das Eis gebrochen war, rauschte der Strom der Empfindung mit elementarer Gewalt hervor, und wie echt seine Gesinnung war, zeigte sich, als er sie mit seinem Blute besiegelte. Er endete mit den Waffen in der Hand auf dem Boden der Heimat, als ich mich des neuen Wohlseins am dankbarsten freute, im Jahre 1863.

Von einem Zurschautragen des Schmerzes um das »blutende Vaterland« war bei ihm keine Rede gewesen. Still und gesetzt hatte er ein zurückgezogenes Leben geführt und außer mir unter den Deutschen in Berlin keinen Freund besessen; ich aber war ihm sehr gut und vergesse ihn nicht bis ans Ende.

Auch die letzten Winter der Gefangenschaft sahen mich fleißig bei der Arbeit. Schon mit Miezcyslaw hatte ich mich eifrig mit der Geschichte des alten Orients beschäftigt und Lepsius diese Studien besonders begünstigt. Die Listen der Könige des alten Morgenlandes, die ich damals zum Teil aus den entlegensten Quellen bis zu den Sassaniden zusammenstellte, trugen mir den Beifall A. von Gutschmids, des tüchtigsten Forschers auf diesem Gebiete, ein. Sie führten mich auch zu den Persern und den anderen asiatischen Völkern. Ägypten blieb natürlich das Hauptgebiet meiner Arbeit. Die Beschäftigung mit den Königen aus der sechsundzwanzigsten Herrscherreihe, das ist diejenige, mit der die Selbständigkeit des Pharaonenreiches aufhörte, und nach der unter Kambyses die Herrschaft der Perser über das Niltal begann, nahm mich eine gute Weile in Anspruch. Das Gewonnene benützte ich später für meine Habilitationsschrift, doch der mir eigene Drang, geistig Erworbenes anderen mitzuteilen, hatte mich dahin geführt, es in besonderer Weise zu verwerten. Der reiche Stoff, den ich zusammengeführt, schien mir wohlgeeignet, eine Geschichte der Zeit des Heimfalls Ägyptens an die Perser daraus zu gestalten. Jakob Burckhardts »Konstantin der Große« sollte mir zum Vorbilde dienen. Auf den Kulturzustand, das geistige und religiöse Leben, die Kunst und Wissenschaft in Ägypten, Griechenland und Persien, Phönizien und so weiter wollte ich den schwersten Nachdruck legen, und nachdem ich die Disposition aufs sorgfältigste ausgearbeitet hatte, begann ich mit allem Eifer zu schreiben. Ich besitze noch das unvollendete Manuskript. Je weiter ich kam, desto mächtiger ward indes in mir die jetzt durch Eduard Meyer widerlegte Überzeugung, daß es noch nicht möglich sei, eine abschließende Geschichte, die vor der Kritik standhalten könnte, gerade über diese Zeit zu schreiben.

Dabei gewann das Pharaonenland, der persische Hof, das Griechenland in der Zeit der Pisistratiden und des Polykrates immer greifbarer deutliche Formen vor meinem inneren Auge. Die Erzählung des Herodot von der falschen Königstochter, die der Pharao Amasis dem Kambyses als Gemahlin gesandt hatte und die zur unschuldigen Ursache des Krieges geworden sein sollte, infolge dessen das Pharaonenreich seine Selbständigkeit verlor, hielt vor der Kritik nicht stand; doch ein brauchbarer Stoff für eine dramatische oder epische Dichtung war sie gewiß. Und dieser Stoff ließ mir keine Ruhe.

Ja, gewiß, es konnte ihm etwas abgewonnen werden!

Bald hatte ich mich seiner völlig bemächtigt, doch nach und nach änderte sich das Verhältnis und er bemächtigte sich meiner und ließ mich nicht los und zwang mich, die zur Ruhe verdammte poetische Kraft an ihm zu versuchen.

Als ich ans Werk ging, durfte ich am Abend das Haus noch immer nicht verlassen. Hieß es treulos gegen die Wissenschaft handeln, wenn ich der Poesie die Stunden widmete, die andere den Feierabend nannten? Die Frage wurde dem inneren Richter so gestellt, daß er »Nein« sagen mußte. Mit gutem Erfolg suchte ich mich zu der Überzeugung zu bringen, daß ich diese Erzählung zunächst nur schreibe, um mir den gesammelten Wissensstoff »lebig« zu machen und mir die Personen und Zustände aus der Zeit, deren Geschichte ich zu schreiben wünschte, so nahezubringen, als verkehre ich mit ihnen und weile in ihrer Mitte.

Wie oft wiederholte ich mir diese an sich nicht unbegründete Entschuldigung; in Wahrheit drängte mich aber alles, was in mir war, zum Dichten, und gerade in jener Zeit trieb Moritz Hartmann mich in seinen Briefen dazu an, wurde ich von Mieczyslaw und anderen, ja sogar von der eigenen Mutter dazu ermutigt.

Ich begann, weil ich nicht anders konnte, und fertiger bis ins einzelne hat wohl selten eine Dichtung in der Vorstellung ihres Schöpfers gestanden, als die Königstochter in der meinen, wie ich die Feder zur Hand nahm. Nur der erste Band enthielt ursprünglich weit mehr Ägyptisches, und den dritten spann ich weiter aus, als ich es anfangs beabsichtigt hatte. Manche Notiz aus jener Zeit, die mir aus meinen Quellen zugeflossen war, sollte nicht unverwertet bleiben, und wenn die einzelnen auch nicht uninteressant sind, so beeinträchtigt ihre Fülle doch sicherlich die Ökonomie des Ganzen.

Was die handelnden Personen angeht, waren mir die meisten vertraut.

Wie viele Züge der Mutter trug die schöne, würdige Greisin Rhodopis. Der König Amasis war Friedrich Wilhelm IV., der Grieche Phanes hatte viel mit dem Präsidenten Seiffart gemein. Auch die Ritetis kannte ich, mit der Atossa hatte ich oft genug gescherzt und in der Sappho war die reizende Frankfurter Cousine Betzy, mit der ich in Rippoldsau so schöne Tage verlebte, mit der holdseligen Blasewitzer Lina von Adelsson verwoben. Wie die handelnden Personen in den Dichtungen des Allergrößten, ich meine Goethes, sollte keine der meinen ganz frei erfunden, aber auch keine das genau nachgezeichnete Porträt des Vorbildes sein.

Mit welchen Schwierigkeiten ich zu kämpfen haben, welche Bedenken die Kritik aussprechen würde, verhehlte ich mir keineswegs, aber das kümmerte mich wenig; denn ich schrieb dies Buch für keinen Zweiten und Dritten, wenn nicht für die Mutter, die sich jedes fertige Kapitel gern vorlesen ließ. Nicht selten befreundete ich mich sogar mit dem Gedanken, daß dieser Roman vielleicht das Schicksal meines »Weltgedichtes« teilen und ins Feuer wandern werde.

Gleichviel!

Einen höheren Genuß, als das Schaffen selbst mir gewährte, konnte auch der größte Erfolg mir nicht bringen.

Selige Abende, an denen ich ganz mir selbst entrückt in einer anderen Welt lebte und wie ein Gott die Geschicke der Menschen leitete, die meine Kreaturen. Die Liebesszenen zwischen Bartja und Sappho machte ich nicht, sie sind mir geworden. Als ich die erste an einem einzigen Abend mit perlender Stirn zu Papier gebracht hatte, fand ich zu meiner Überraschung am nächsten Morgen, daß es nur weniger Striche bedurfte, um ein Gedicht in jambischem Versmaß aus ihr zu machen.

Das war ja kaum zulässig in der ungebundenen Vortragsweise eines Romans. Doch der Mutter gefiel diese Szene, und als ich das Liebespaar, das meinem Herzen teuer geworden war, zum anderen Male in der warmen Stille der ägyptischen Nacht zusammenführte und wahrnahm, daß mich der Jambenfluß wieder mit forttrug, ließ ich dem schaffenden Gemüte und der Feder freien Lauf, und am nächsten Morgen gab es wieder Prosa in gebundener Rede zu lesen.

Da zog ich Julius Hammer ins Vertrauen, und er fand, daß ich in glücklicher und reizvoller Weise der überquellenden Empfindung zweier jungen liebenden Herzen Ausdruck gegeben. Die Poesie, sagte er, habe sich in jenen Szenen die Form erzwungen, die für ihr Wesen die angemessenste sei – und dieser Ausspruch rettete ihnen das Leben.

Während die Freunde sich bei schäumenden Bechern, im Tanzsaal oder in anregender Gesellschaft ergötzten, verdammte mich das Schicksal noch zu behutsamer Zurückgezogenheit im mütterlichen Hause. Wenn ich mich aber dem Schaffen an meiner »Nitetis« hingab, beneidete ich keinen Menschen, ja kaum einen Gott.

So kam dieser Roman zur Vollendung. Er hatte mir keine Stunde von der eigentlichen Arbeitszeit genommen, und doch wollte die Frage, ob ich recht getan hatte, während der Wanderung durch das Gebiet ernster Studien diesen Seitenflug in schönere und bessere Lande zu wagen, nur selten schweigen.

Beim Beginn des dritten Bandes durfte ich mich schon wieder freier bewegen.

Als ich mich aber zu Lepsius, dem ernstesten meiner Lehrer, begab, um ihm das fertige Manuskript zu überbringen, war mir recht bange. Ich hatte mich nicht getraut, ihm auch nur mit einem Worte zu bekennen, was ich in den Abendstunden trieb, und die drei Bände meines sehr dicken Manuskripts wurden von ihm in einer Weise empfangen, die den schlimmsten Befürchtungen recht gab.

»Aber ich bitte Sie!« lauteten etwa die ersten Worte, und ihnen folgten andere, die seinen Bedenken offen genug Ausdruck gaben. Er fragte auch, wie ich, den er für einen ernsten Arbeiter gehalten, auf solche »Allotria« komme.

Das zu erklären wurde mir leicht, und als er mich zu Ende gehört, sagte er: »Das hätte ich mir denken können. Sie brauchten bisweilen einen Becher Lethewassers. Lassen Sie aber jetzt von dergleichen und kompromittieren Sie nicht von vornherein Ihren Gelehrtennamen durch solche Extravaganzen.«

Indes behielt er die dicke Handschrift und verhieß mir, einen Blick in das Kuriosum zu werfen.

Doch er tat mehr.

Vom ersten bis zum letzten Buchstaben las er es durch, und als er mich etwa vierzehn Tage später nach der Arbeit in seinem Hause zurückzubleiben ersuchte, sah er vergnügt aus und bekannte, etwas ganz anderes gefunden zu haben, als er erwartet. Das Buch sei eine gelehrte Arbeit, die sich sehen lassen könne, und dazu eine fesselnde Dichtung.

Dann äußerte er einige Bedenken über den zu breiten Raum, den ich in der ersten Fassung den Ägyptern eingeräumt hatte. Ihr Wesen sei zu spröde und typisch, um den ungelehrten Leser dauernd zu fesseln. Seiner Ansicht nach täte ich gut, gerade auf ägyptischem Boden das mit Hilfe der Forschung Erworbene einzuschränken und besonders das Griechische, das ja uns Modernen als Grundlage unserer ästhetischen Empfindung vertraut sei, entschiedener hervortreten zu lassen.

Der Rat war gut. – Mit ihm im Auge begann ich den ganzen Roman einer durchgreifenden Umarbeitung zu unterziehen.

Bevor ich im Sommer 1863 die Wildbadreise antrat, hatte ich noch eine ernste Unterredung mit dem Lehrer und Freunde. Bis jetzt, sagte er, habe er es vermieden, mit mir über meine Zukunft zu reden; nun meine Gesundheit sich aber so entschieden zum Bessern neige, müsse er mir sagen, daß mich auch das emsigste Arbeiten als »Privatgelehrter«, wie man es nenne, nicht befriedigen werde. Ich sei befähigt für die akademische Laufbahn, und er rate mir, diese und die Habilitation ins Auge zu fassen. – Da ich schon selbst an dergleichen gedacht hatte, stimmte ich ihm lebhaft zu, und daheim freute sich die Mutter meines Entschlusses.

Wie wir in Wildbad neben unserer Stuttgarter Freundin ihren Gatten, meinen unvergeßlichen Freund, den Verlagsbuchhändler Eduard von Hallberger, fanden, wie er Hand auf meine Königstochter legte und wie das Geschick dies Buch und seinen Verfasser durch Leid und Lust, Lust und Leid führte, hoffe ich, bevor mir die letzte Stunde schlägt, den Meinen und den Freunden, die mir das Leben und meine Schriften gewannen, mitteilen zu dürfen.

Dieser zweite Teil meiner Lebensgeschichte wird die Zeit der inneren Ruhe umfassen, die doch zugleich die meiner vielen und weiten Wanderungen umschließt, die schon 1863 begannen. Die ersten Jahre, die ich als Genesender verlebte, führten mich auch wieder in die Gesellschaft zurück. Was mir damals an interessanten Begegnungen, an Belehrung und Freundschaft zuteil ward, gehört indessen schon in eine Zeit, die ich zu meinem Mannesalter rechne. Ich zähle sie zu den reichsten und fruchtbringendsten Abschnitten meines Daseins. Schaue ich auf sie zurück, so gereicht es mir zu besonderer Freude, daß die Freunde, die ich während dieser Zeit gewann und die der Tod nicht, wie den Archäologen Friederichs und den Kunsthistoriker Woltmann, aus der Reihe der Lebenden strich: Julius Weingarten, Anton Dohrn, Alfred Dove, Conradi und viele andere, die mir als Privatdozent in Jena liebe Kollegen wurden, sämtlich zu hervorragender Bedeutung auf dem Gebiete ihrer Wissenschaft gelangten und in Treue mit mir verbunden blieben. Mein lieber Johannes Dümichen, den ich noch in den ersten Auflagen zu den Lebenden zählen durfte, ist jetzt nicht mehr. Auch zwei meiner liebsten Jenaer Freunde, der Physiolog Hans Czermak und der Staatsrechtslehrer Fritz Brockhaus gingen mir voran.

Als ich Berlin, so weit genesen, daß ich mich wieder frei bewegen durfte, verließ, war ich zum Manne herangereift. Die Zeit der Entwicklung lag hinter mir. Hören auch die Lehrjahre für den strebenden Menschen erst mit dem letzten Atemzuge auf, so schloß die Habilitation die meine doch äußerlich ab, und ein ernstes Lebensziel lag vor mir. Eine grausame, an Schmerzen und Entbehrungen reiche Prüfungszeit hatte den einst so ungestümen Gesellen vertraut gemacht mit dem Ernst des Lebens und ihn gelehrt, sich selbst zu beherrschen.

Nachdem der in der Entsagung Geübte einmal erkannt, daß das Fortschreiten auf dem Forschungsgebiet, in das er andere einzuführen gedachte, die Hingabe des ganzen Menschen erfordere, gelang es ihm später, die Sehnsucht nach neuem poetischem Schaffen, die nie in ihm zur Ruhe kam, zum Schweigen zu bringen. Die Vollendung einer zweiten größeren Dichtung hätte damals allerdings die Einheit mit ihm selbst gefährdet, die er erstrebte und die ihm von dem edelsten seiner Erzieher als höchstes Lebensziel dargestellt worden war. So blieb er denn fest, obgleich der schöne Erfolg seines ersten poetischen Werkes ihm dies beträchtlich erschwerte. Versuchungen jeder Art, auch in Gestalt glänzender Anerbietungen der hervorragendsten deutschen Verleger, traten an ihn heran, um seinen Entschluß ins Wanken zu bringen, doch er widerstand, bis er am Ende eines halben Menschenalters sich gegenüber dem Ziele, das er erstrebt hatte, sagen durfte, daß es nun an der Zeit sei, der Muse wieder zu gewähren, was ei ihr so lange versagt. Dadurch wurde auch demjenigen Teile seines Wesens, der von Hause aus doch wohl der mächtigere war, sich auszuleben gestattet. In meinen langen Leidenstagen ist die Poesie ihm eine freundliche und mächtige Trösterin gewesen.

Schwere Heimsuchungen hatten das Glücksgefühl des Knaben und Jünglings nicht zu ersticken vermocht; es sollte mich auch als Mann nicht verlassen. Wenn sich der Himmel meines Lebens am schwärzesten umdüsterte, trat es als leuchtender, bessere Tage verkündender Stern aus dem Dunkel hervor, und wenn ich die Kräfte, mit deren Hilfe es mir gelang, auch das dichteste Gewölk, das mir die Daseinslust zu verfinstern drohte, wieder und wieder zu zerteilen, bei Namen nennen soll, so müssen sie Dankbarkeit heißen, ernste Arbeit, und nach dem Spruche des alten, blinden Langethal: »Mit dem Ringen nach Wahrheit verbundene Liebe.«

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