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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Sommer in der Zeit der Genesung

Während ich die Winter im mütterlichen Hause unter fleißiger Arbeit und in angenehmer Geselligkeit verbrachte, führten mich die Sommer aus der Stadt ins Freie.

Einmal wie das andere begab ich mich zuerst mit der treuen Pflegerin und Gefährtin in das Württemberger Wildbad; den Rest der warmen Jahreszeit aber verbrachte ich an der Elbe, halb bei der Mutter, halb bei der Tante.

Im ganzen gebrauchte ich siebzehnmal die gute Wildbader Quelle. Sie sah mich während zweier Sommer aus dem Rollstuhl, von dem Diener gestützt, in ihr laues Naß steigen, im dritten konnte ich dabei der Hilfe entbehren, und vom vierten an geschah es, wenn ich dem Bade nicht fern blieb, während mehrerer Lustra ungehemmt und sicheren Schrittes. Nach einer langen Pause kehrte ich von einem schweren Rückfalle des scheinbar gehobenen Leidens zu ihr zurück.

Hier soll nur der Aufenthaltszeiten im Schwarzwalde gedacht werden, in denen ich als ein Genesung Suchender dahin kam. Rechne ich die ganze Zeit zusammen, die ich während der verschiedenen Kuren im Wildbad verlebte, so kommen volle anderthalb Jahre heraus, und ich darf darum dieser mir ohnehin besonders lieben Stätte nicht nur vorübergehend gedenken.

Das württembergische Wildbad gehört zu den ältesten Kurorten Deutschlands. Die Sage von dem Württemberger Grafen, der seine Heilkraft entdeckte, als er einen Eber zu der warmen Quelle herabsteigen sah, um sich die Wunde zu waschen, ist durch Uhland jedem Deutschen bekannt. Auch Ulrich von Hutten bediente sich ihrer.

Sie entspringt in einem von stattlichen Bergen umschlossenen Schwarzwaldtal, das ein kristallhelles, an Forellen reiches Flüßchen, die Enz, schnellen Laufes rauschend und plätschernd durcheilt. Das Auge sieht hier die Sonne nie aufgehen. Ihren Untergang nimmt es wahr, wenn sich die Wipfel der Tannenreihen auf den höchsten Kämmen der Talwände mit lichtem Goldglanz bekleiden.

Nur wo das gerade oder gebogene Band eines Weges das Grün durchbricht, gibt es eine andere Farbe, das Braun des Rehes, zu sehen, dem es in den Forsten des Schwarzwaldes so wohl geht. Grau sind die hölzernen Heuhütten, die über die Matten hin zerstreut sind. Im Glanz des Kristalls schimmert die Enz aus ihren mit Laubmassen gepolsterten Ufern hervor, und es glitzert wie blankes Metall, wenn der Wind die blätterreichen Zweige der hohen Silberpappeln in den »Anlagen« aufschwingt.

Vielfarbig baut das Städtchen sich an beiden Ufern des Flusses auf und erweitert sich, bevor die Enz sich in das Grün verliert, zu dem Kurplatze, wo sich ein stattlicher Bau in Sandstein von mildem Rot an den andern reiht. Zu seiner Linken erhebt sich das weiße Kirchlein. Doch die Folie, der Hintergrund für das alles ist das köstliche Grün überall, das dem Auge so wohl tut wie der Quell dem leidenden Körper.

Auch mit diesem Heilungsborn ist es besonders bestellt. Der Schwabe sagt: »Grad recht wie das Wildbad.« In wohl abgemessener Badewärme quillt er aus dem köstlichen Kiessande hervor.

Nach dem Bade in der Frühe ruhte ich im Bett eine Stunde, und wenn ich mich wieder erhob, war erfüllt, was der Arzt von dem Kurgaste verlangte.

Den Rest des Tages verbrachte ich bei günstigem Wetter im Freien und meist in den Anlagen, köstlich schattigen Baum- und Sträuchergruppen am Ufer der Enz. Dort stand am Rande des klaren Flüßchens eine vorn offene, doch bedachte Holzlaube, zu der das Gemurmel der Wellen, die sich an moosigen Granitblöcken brechen, freundlich zum Träumen und Denken ladend, hinaufklang. Hier weilte ich vom ersten Wildbader Jahre bis zum letzten Tag für Tag mehrere Stunden.

Die schön bewachsene Felsgruppe, die sie gegenüber der offenen Wand überragte, sah mich hier während der Lehrzeit mit grammatischen Studien beschäftigt, in altägyptische Texte oder archäologische Werke vertieft. In späteren Jahren wurde sie Zeuge, wie ich statt der Minerva die Muse rief und die Gedanken und Bilder zu Papier brachte, die schon daheim in mir lebendig geworden waren. Hier habe ich einen großen Teil der ägyptischen Königstochter geschrieben, und um vieles später manches Kapitel aus der Uarda, aus dem Homo sum und aus anderen Romanen.

Man störte mich selten, denn es hatte sich verbreitet, daß ich bei der Arbeit allein zu sein wünschte. Dennoch fehlte es mir schon im ersten Jahre nicht an Bekannten, ja es wurden ihrer bald recht viele. Teils hatte ich sie in dem gastlichen Hause des trefflichen Badearztes, Hofrat von Burckhardt, teils an der Wirtstafel im Hotel Klumpp kennen gelernt, wo wir im Laufe der Jahre freundlich berücksichtigte Stammgäste wurden. Ich habe in einem sehr viel späteren Abschnitt von dem schönen Kreise zu berichten, der dort in den siebziger Jahren verabredetermaßen in jedem Sommer zusammentraf.

Schon während unseres ersten Aufenthalts in Wildbad, der mit der Hirsauer Unterbrechung länger als drei Monate dauerte, hatte die Mutter mit Frau von Burckhardt ein warmes Freundschaftsbündnis geschlossen, in das auch ich aufgenommen wurde. Diese ausgezeichnete Frau verstand es mit seltenem Takt, die sehr verschiedenartigen Elemente, die der Gatte ihr zuführte, einander näher zu bringen. Jeder fühlte sich wohl und fand ihm zusagende Gesellschaft in ihrem Hause. So kam es, daß die Villa Burckhardt lange Zeit der Sammelplatz für die hervorragendsten Persönlichkeiten wurde, die an der Wildbader Quelle Heilung suchten. Nächst dieser waren es auch die Burckhardts, die uns immer wieder an die Enz zogen. Sie sind beide nicht mehr, doch die Freundschaft, die die Mutter und mich mit den Eltern verband, eint mich und die Meinen heute noch mit ihren ausgezeichneten Kindern.

Wollte ich die Menschen aufzählen, die ich hier kennen lernte, und denen begegnet zu sein ich mir zum Gewinn rechne, es gäbe eine stattliche Liste. Von einigen habe ich später zu reden; in den ersten Jahren war es besonders der Liederkomponist Silcher aus Tübingen, Justus von Liebig, der Münchener Zoolog von Siebold, der belgische Maler Louis Gallait, der Dichter Moritz Hartmann, leider nur vorübergehend Gervinus und endlich die Gattin des Stuttgarter Verlegers Eduard Hallberger, sowie die unvergeßliche ältere Frau Puricelli aus der Rheinböllerhütte am Hunsrücken und ihre Tochter Jenny, mit denen wir verkehrten.

Der Liederkomponist Silcher gesellte sich uns häufig. Er war ein besonders liebenswerter Greis. Mit der bescheidensten äußerlichen Schlichtheit verband er eine zarte, ihm durchaus natürliche Sinnigkeit. Und doch hatte er viel mit dem Volke verkehrt und kannte sein Gemüt so gründlich, daß die Lieder keines andern Komponisten so sicher den Weg in sein Herz fanden. Manches wie »Zu Straßburg auf der Schanz'«, »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«, »Morgen muß ich fort von hier« und Simon Dachs »Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt«, werden von vielen für Volkslieder gehalten, und doch sind sie Silchers eigenstes Eigentum. Es war eine wahre Freude, ihn sie in unserem kleinen Kreise mit dem schwachen Greisenstimmchen vorsingen zu hören. Er zählte damals an siebzig Jahre, doch die frische Lebhaftigkeit dieses übrigens in Sprache und Bewegung gleich gelassenen Mannes hätte ihn für jünger zu halten gestattet. Die ritterliche, aus dem Herzen kommende Höflichkeit, die er den Damen erwies, hatte etwas ungemein Gewinnendes und gefiel den norddeutschen Frauen besonders, weil sich in ihrer Heimat dergleichen nur selten mit einem so schlichten Äußeren und einem so bescheidenen Wesen paart.

Justus Liebigs Persönlichkeit war nicht weniger einnehmend, doch gesellte sich bei ihm zu wahrer Liebenswürdigkeit die vornehme Haltung des Weltmannes, der längst zu den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit gehörte. Dazu muß er in der Jugend durch besondere Schönheit ausgezeichnet gewesen sein. Er war damals schon ein hoher Fünfziger; die Feinheit des Profils war aber völlig unbeeinträchtigt geblieben. Hatte man Lepsius' Antlitz scherzweise »ein Medaillengesicht« genannt, so verdiente das seine sicherlich dieselbe Bezeichnung.

Jede Unterhaltung mit ihm war gewinnbringend, und die Leichtigkeit, mit der er Gegenstände aus dem Bereiche seines Forschungsgebietes, die Chemie, Fernstehenden klarzumachen wußte, einzig in ihrer Art.

Leider ist mir ein tieferer Einblick in die von ihm so mächtig geförderte Wissenschaft versagt geblieben; ich weiß aber noch, wie gut ich ihn verstand, als er uns einige Resultate der Agrikulturchemie vorführte. Ebenso geschickt setzte er auseinander, welche Vorteile die von ihm hergestellten Silberspiegel vor den mit Quecksilber überzogenen voraus hätten.

Mit großem Eifer suchte er die Herren seiner Bekanntschaft von dem Rauchen gleich nach Tische abzuhalten, das er auf experimentellem Wege als unbedingt schädlich erkannt hatte.

Mehrere Wochen hintereinander spielten wir jeden Abend eine Partie Whist mit ihm, denn Liebig liebte, wie so viele Gelehrte, das Kartenspiel als zuträglichstes Erholungsmittel nach scharfer Anspannung des Geistes.

Während der Pausen und des Abendessens, das das Spiel unterbrach, erzählte er mancherlei aus früheren Zeiten. Einmal kam er auch auf seine Jugend und die Tage zu sprechen, die über das Geschick seines Lebens entschieden hatten; das folgende Ereignis aber scheint mir besonders wert, hier mitgeteilt zu werden.

Als junger, noch ganz unbekannter Gelehrter hatte er sich nach Paris begeben, um seine Entdeckung des Knallsilbers der Akademie vorzulegen. Dies war geschehen. An einem der berühmten Dienstage hatte er indes vergeblich auf die Vorführung seiner Arbeit gewartet und sich nach Schluß der Sitzung schon traurig erhoben, um den Saal zu verlassen, als ein älterer Akademiker, in dessen Hand er das Heft mit seiner Abhandlung gesehen zu haben meinte, ihm in sehr schnellem Französisch einige freundliche Worte über seine Entdeckung sagte und ihn endlich zum nächsten Donnerstag zu Tisch lud.

Unversehens war der Unbekannte dann verschwunden. Er hatte einen braunen Frack getragen, doch dies Merkmal führte nicht zum Ziele; denn solche Kleidungsstücke waren damals Mode.

So mußte Liebig denn mit dem peinlichen Gefühle, für unhöflich gehalten zu werden, den Donnerstag vorübergehen lassen, ohne der für ihn so wichtigen Einladung zu folgen. Doch schon am Samstag klopfte ein Herr an sein bescheidenes, sehr hochgelegenes Zimmer und stellte sich als Kammerdiener Alexander von Humboldts vor. Er war beauftragt gewesen, keine Mühe zu scheuen; denn das Fernbleiben des unerfahrenen Landsmannes von dem Diner, das ihn mit den Führern seiner Wissenschaft in Paris hatte bekannt machen sollen, war von Humboldt nicht nur bemerkt worden, sondern hatte ihn auch mit Besorgnis erfüllt. Als Liebig sich nun noch am nämlichen Tage zu dem gütigen Gönner begab, wurde er erst mit heiterer Neckerei, dann aber mit der eingehendsten Teilnahme empfangen.

Der große Naturforscher hatte Liebigs Schrift gelesen und aus ihr ersehen, was der Verfasser für die Zukunft verhieß.

Ungesäumt hatte er ihn mit Gay Lussac, den großen Pariser Chemiker, bekannt gemacht, und Liebig war dadurch auf den Weg zu der hohen Stellung geführt worden, die er später auf allen Gebieten seiner Wissenschaft einnehmen sollte.

Der Münchner Zoolog von Siebold trat uns erst in späteren Jahren ganz nahe. Ich habe seiner noch mehrfach zu gedenken. Auch über die imposante Persönlichkeit des Literarhistorikers Gervinus, bei der sich hinter scheinbar abweisendem Hochmut das schönste menschliche Wohlwollen verbarg, habe ich an einer anderen Stelle zu reden.

Ich könnte hier noch so mancher nicht uninteressanten Wildbader Begegnung gedenken; doch sollte ich diejenigen, um die es sich handelt, in einer Zeit wieder treffen, in der mir größere Reife und eine der ihren verwandtere Lebensstellung ein größeres Anrecht auf vertrauten Umgang mit ihnen gab.

Nach der ersten Kur, die an sechs Wochen in Anspruch nahm, verordnete der Arzt ein längeres Aussetzen des Badens. Ich sollte fort von Wildbad, um an einem leicht zu erreichenden Ort, in reiner Schwarzwaldluft das Gewonnene zu befestigen.

An der Enz war unser Verkehr ein recht lebhafter geworden. Der neue Aufenthaltsort sollte mir vor allem gestatten, einsam und in aller Stille ein beschauliches Leben mit der Mutter und den Büchern zu führen, die auch nur mit Maß benutzt werden durften.

Kurz vor dem Aufbruche hatte uns eine weitere Spazierfahrt mit unseren neuen Freunden – Frau Puricelli und ihre Tochter Jenny – nach dem Kloster Hirsau geführt. Es ist mit sehr schnellen Pferden in anderthalb Stunden von Wildbad aus zu erreichen, und wenn es mir ganz besonders wohlgefallen hatte, so dankte ich dies gewiß zum Teil der Liebenswürdigkeit unserer Begleiter.

Die beiden älteren Damen, die Mutter der leidenden Jenny Puricelli und die meine, waren einander schnell so nahe gekommen, wie das nur in Badeorten zu geschehen pflegt; die Tochter aber war mir bald die angenehmste Gefährtin geworden. Ein beklagenswertes Mißgeschick hatte sie früher als mich an den Rollstuhl gefesselt; denn infolge eines unglücklichen Sturzes war ihr Rückenmark schwer verletzt worden, und Dr. Burckhardt sah schon damals, daß Wildbad das frühe Dahinwelken und Vergehen dieser kaum erschlossenen Mädchenblüte nur aufhalten konnte.

Die ältere Frau Puricelli, eine Dame von halb deutscher, halb französischer Herkunft, vereinte das gewinnende Wesen, die Feinheit und Schnelligkeit des Geistes der gallischen Frau mit der redlichen Gesinnung und dem warmen Gemüte der deutschen Matrone. Sie sprach am liebsten Französisch, doch was sie sagte, kam, so zierlich es auch oft zum Ausdruck gelangte, aus einem schlichten, wackeren, wahrhaftigen und treuen deutschen Herzen.

Die Tochter zog mich aufs lebhafteste an. Sie war hübsch, wohlunterrichtet und verstand es, so selbständig und scharf zu denken, daß diese Eigenschaften genügt hätten, sie zu einer bemerkenswerten Erscheinung zu machen; mir aber trat in ihr etwas ganz Neues entgegen.

Später begegnete es mir oft, mich zugleich mit ihr auch Nennys zu erinnern, und doch waren diese beiden sehr verschiedene Naturen, denen wenig mehr gemeinsam war als die felsenfeste Kraft des Glaubens und das Vermögen, mit froher Zuversicht über das Leben hinaus in den Tod zu schauen.

Doch wie so ganz anders war das alles bei diesen gleichalterigen Mädchen zur Ausbildung gekommen, wie weit gingen die Formen auseinander, in denen es bei jeder zur Geltung kam.

Beider Herz trug Verlangen nach Blumen aus einer anderen Welt. Die katholische Jenny nach den Rosen, die die Legende aus dem Grabe der auferstandenen Maria erwachsen läßt, die protestantische Nenny nach der blauen Blume unserer romantischen Dichter, deren Sammelplatz das Haus ihres Großvaters gewesen war.

Die gläubige Protestantin hatte sich eine eigene Religion gebildet, in der alles einen Raum fand, was sie liebte und was ihr schön und heilig erschien.

Jennys Phantasie war nicht weniger mächtig; sie diente ihr aber nur dazu, was der Glaube ihr anzunehmen befahl, in derjenigen Form zu schauen, die ihrem Gemüte und Schönheitsbedürfnis am besten entsprach. Für Jenny hatte ihre Kirche bereits ersonnen und festgestellt, was die poetische Seele Nennys sich selbständig bildete. Die Protestantin war dahin gelangt, Vater und Sohn miteinander zu verschmelzen, um zu der Liebe selbst beten zu können, der Katholikin war von ihrer Kirche neben der heiligen Dreieinigkeit die Mutter Gottes als Verkörperung der gleichen, ihrem Mädchenherzen teuersten Empfindung zugewiesen worden, doch es blieb ihr gestattet, sich die göttliche Himmelskönigin vorzustellen, wie es ihr gefiel, und sie lieh ihr darum die Gestalt des Wesens, das ihr das Teuerste auf Erden war, und in dem sie die Verkörperung alles Schönen und Guten erblickte. Es war ihre ältere, seit einigen Jahren mit einem Vetter, der ihren Mädchennamen Puricelli trug, vermählte Schwester Fanny.

Die junge Leidensgefährtin bekannte mir selbst, daß ihre Maria die Züge der Frau trug, nach deren Besuch sie sich sehnte. Als diese, die Jenny mir mit den Farben der zärtlichsten Liebe geschildert hatte, endlich erschien, fühlte ich mich dennoch überrascht; denn es war mir noch kein bei fürstlicher Hoheit und seltener Schönheit so freundlich liebenswürdiges Weib begegnet. Nichts Rührenderes, als wenn sich die gefeierte glänzende Weltdame dem kranken Mädchen widmete, es ans Herz zog, sich seiner überfließenden Zärtlichkeit bald erwehrte, bald sich ihr hingab, um mit dem aufmerksamsten Eingehen auf jeden Einfall und Wunsch der Schwester, jetzt voll teilnehmenden Ernstes, jetzt mit heiterer Neckerei ihr für so viel Liebe zu danken.

Frau Fanny wurde auch Zeuge unserer Gespräche, die sich sehr oft auf religiöse Dinge bezogen. Anfänglich war es mir geraten erschienen, diesem Gegenstand aus dem Wege zu gehen; die junge Kranke aber kam immer wieder auf Glaubenssachen zurück, und ich, der ich mich, so lange es angegangen war, zurückgehalten hatte, um das schöne Zutrauen ihrer Seele nicht zu trüben, merkte bald, daß ich mich zusammenzunehmen hatte, um der schnellen und feinen Dialektik dieses schlagfertigen Mädchenkopfes den Widerpart zu halten. Die Schwester kannte sie, und als ich ihr einmal meine Bedenken zu erkennen gab, erwiderte sie lächelnd: »Unbesorgt! Jennys Rüstung ist fest; aber sie hat auch scharfe Pfeile im Köcher.«

Und so verhielt es sich in der Tat. Proselyten zu machen scheint ja jedem frommen katholischen Frauenherzen verdienstlich; doch Jenny dachte kaum daran, mich äußerlich für ihre Konfession zu gewinnen. Es machte ihr nur Freude, mich zur Anerkennung der Schönheit und der historischen Berechtigung ihres Bekenntnisses zu bewegen, und dazu fand sie mich von vornherein bereit.

Wenn sie aber gegen andere Lehren zu Felde zog, brachte sie es bisweilen dahin, daß ich in Eifer geriet, und was mir an Geisteskraft und logischer Schärfe innewohnt, aufrief, um ihr zu beweisen, daß auch andere Wege als der ihre zur Seligkeit führen.

Es scheint mir, als wäre ich bei solchen Geistesturnieren nicht selten Sieger geblieben, doch hätte ich sie auch Tag für Tag in den Staub disputiert, was keineswegs der Fall war, es wäre dadurch auch nicht das kleinste Steinchen in dem felsenfesten Bau ihrer Glaubenstreue ins Wanken geraten.

Davon wußte ich mich bald genug zu überzeugen. Sie fühlte sich aber auch selbst so sicher, daß sie sich ohne Gefahr über die Meinungen Andersdenkender unterrichten zu dürfen meinte. Die Gelegenheit zu dergleichen, die ihr daheim fehlte, sah sie in mir gleichsam verkörpert, und so ließ sie mir keine Ruhe, bis ich ihr erklärt hatte, was die Worte Pantheismus, Atheismus, Materialismus und ihresgleichen bedeuten. Sie hatte von allen gehört, und meine Aufgabe sollte sein, sie ihr scharf zu definieren.

Anfänglich hatte ich auch dabei große Vorsicht geübt, doch als ich wahrnahm, daß die Meinungen der Zweifler und Leugner nichts als Mitleid in ihr erweckten, kam ich freier mit der Sprache heraus. Ich durfte es ruhig wagen; denn sie blickte auf sie mit dem gleichen überlegenen Bedauern wie der kundige Wüstenwanderer, der genau weiß, daß die Fata Morgana nur eine Luftspiegelung ist, auf den Unwissenden, der von den Quellen- und Palmenbildern, die er erblickt, Erquickung und Sättigung erwartet.

Ihre Seele war wie eine blanke Metallscheibe, in die ein Bild geätzt ist. Dies, ihr Glaube, blieb unbeeinträchtigt stehen. Was sich auch sonst noch auf der spiegelnden Fläche gezeigt haben mochte, verschwand sehr bald und ließ auch nicht die kleinste Spur auf ihr zurück.

Seltsam! Nenny, die Protestantin, deren Bekenntnis eine freiere Deutung des Evangeliums zugelassen hätte, verschloß Ohr und Geist gegen alles, was ihr im Widerspruch zu den Glaubenssätzen zu stehen schien, die sie für die rechten zu halten gewohnt war.

Auch die Religion gehörte für sie mit in das Gebiet des Schönen, und wer sie anzutasten wagte, trat ihr auf die liebsten Blumen im Garten. Sie glaubte und hoffte, Jenny fühlte sich als Wissende; ich aber stand suchend, beobachtend und genießend zwischen beiden.

Der jungen Rheinländerin brachen bald nach unserem Abschied im nächsten Jahre die Augen. Sie war meinem Herzen teuer geworden, und wie oft dachte ich ihrer bis auf den heutigen Tag.

Am häufigsten erschien mir ihr liebes Bild, wie ich sie an Schmerzenstagen bei der Mutter gesehen hatte, mit dem aufgelösten blonden Haare, das voll, lang und seidig auf das weiße Gewand niedergeflossen war. Auch wenn der Körper ihr bittere Qualen bereitete, blieb ihr heller Geist lebendig, und solange ich sie kannte, hörte die Daseinslust der Jugend nicht auf, die Schwingen in ihr zu regen. Sie und ich wohnten – beide im Rollstuhl – einem Balle im Kurhause bei. Sie in der schönen duftig weißen Toilette, mit der Mutter und Schwester den Liebling bedacht, so hübsch, daß ich sie, o wie gern, zum Tanze geführt hätte, wenn nicht auch mir diese Lust versagt gewesen wäre.

Sie wußte, daß sie bald sterben werde, doch der Tod erschien ihr wie der Bräutigam, und sie erwartete ihn wie die Braut, die vor der Hochzeit noch froh und dankbar genießt, was das Elternhaus Schönes bietet.

Ihre Mutter ist der meinen und mir bis ans Ende teuer geblieben, ihre Schwester steht mir noch heute aufs innigste nahe. Auch die Ihren und Meinen nehmen teil an dieser alten schönen Freundschaft.

Als Ruhestation war Hirsau zunächst ins Auge gefaßt worden; doch fragte es sich, ob wir dort finden würden, wessen wir bedurften. Im entgegengesetzten Falle sollte der Wagen uns in das kleine, gleichfalls schön und still gelegene Herrenalb zwischen Wildbad und Baden-Baden führen.

Doch wir fanden, was wir suchten; denn es öffnete sich uns ein möglichst passend gelegenes Haus, und die Wirtin des Gasthofes stellte sich als eine in einem Frankfurter Hotel gebildete Köchin vor. Als Fisch gab es nur Forellen; doch das ließ sich um so leichter ertragen, je wohlschmeckender diese flinken Tierchen in der Enz gedeihen.

Das Quartier, das die Mutter, mich und den Diener, ohne dessen Beistand das Reisen in meinem damaligen Zustande noch unmöglich gewesen wäre, aufnahm, gehörte zu den eigentümlichsten und »romantischsten«, die ich je bewohnte; denn das Haus unseres Wirtes war in die Ruinen des Klosters eingebaut und erhob sich neben der Stelle des alten Refektoriums. Aus den Fenstern des einen Zimmers schaute man auf die erhaltenen Kreuzgänge und die Marienkapelle, den einzigen Teil des einst so stattlichen Bauwerkes, das die Franzosen im Jahre 1692 verschont hatten. Die Zerstörer waren dieselben fluchwürdigen Mordbrenner gewesen, die auch das Heidelberger Schloß in Asche gelegt und die blühende Pfalz unter dem schändlichen Melac verwüstet hatten.

Eine ehrwürdige Stätte des geistigen Lebens war mit diesem Kloster vernichtet worden; denn ein Graf von Calw hatte es schon im Anfang des neunten Jahrhunderts gestiftet, und die Benediktiner, die es beherbergte, hatten besonders im elften unter dem Abt Wilhelm an der Spitze von allen Genossenschaften ihres der Pflege der Wissenschaft freundlichen Ordens gestanden. Die baulichen Reste des Klosters lehren, daß die frommen Väter auch für eine würdige Ausstattung ihres Heims Sorge zu tragen verstanden. Der erhaltene Turm ist eines der ältesten und interessantesten Werke der romanischen Baukunst in Deutschland, und der Klosterhof muß einen stattlichen Anblick gewährt haben, solange ihn die gotischen Kreuzgänge noch unbeschädigt umgaben.

Ausgebrannt wie alles andere wurde auch das Bauwerk, das die Festsäle enthalten hatte; doch die aus hartem braunrotem Bruchstein errichteten Außenmauern trotzten den Flammen. In seiner Mitte schlug bald nach dem Werke der Zerstörung ein Almenbaum Wurzel. Schlank und stetig wuchs er dem Lichte entgegen, bis seine Spitze das offene Dach überragte. Jetzt breitet sich seine dichte grüne Laubkrone als lebendiger, blätterreicher Schirm über den Bau und verleiht ihm ein höchst eigenartiges Ansehen. Das Gedicht »Die Ulme in Hirsau«, das Uhland diesem Baume widmete, ist allbekannt. Er vergleicht ihn sehr glücklich mit Luther, der, wie jener Ulmenbaum, im Kloster wurzelte, bis er – hellerem Lichte entgegen – über seine Schranken hinauswuchs.

Die gesamte Anlage, zu der auch ein Schloß des Herzogs von Württemberg gehört hatte, war von großer Ausdehnung gewesen. Sie liegt auf einem Hügel, der das grüne Nagoldtal überragt.

Ein weicher Mattenteppich deckt grün das stille Tal,
Mir ist, als ob ich schaute in einen Königssaal.

Die hohen Tannen ragen wie Säulen stark und schlank.
Wie Mauern ziehn die Berge sich um das Tal entlang.

Ich seh' den Himmelsbogen die Halle überblaun
Und nachts die Sternenfackeln hell in den Festsaal schaun.

Diese Verse entnehme ich einem Gedichte, in dem ich das Kloster Hirsau besang.

Hier war es gut sein. Ein stillerer Ort ließ sich nicht denken. Jetzt wird er von vielen Sommerfrischlern besucht; ich aber war der erste, der hier Erholung suchte. Außer der Mutter und mir beherbergte Hirsau keinen Gast. Große, luftige Zimmer dienten uns zur Wohnung, und ein Rasenplatz neben den Kreuzgängen, den alte Obstbäume beschatteten, war meine Arbeitsstätte.

Rings von Erinnerungen an die Vorzeit umgeben, völlig ungestört, konnte ich hier herrlich schaffen. Die Mutter saß mit einem Buche in der Hand bei mir, und abends lasen oder spielten wir zusammen. Sie fühlte sich so glücklich wie ich, den schon die kleinen Zeichen der Besserung, die sich einzustellen begannen, mit warmem Danke erfüllten.

Doch es geht auf die Dauer nicht an, unter Menschen einsam zu bleiben.

Erst stellte sich uns der Herr Kameralverwalter vor, dessen stattliches Dienstgebäude sich zur Seite des Klosterberges erhebt. Auch im Namen seiner Gattin lud er uns ein, sein hübsch gehaltenes Gärtchen jenseits der Chaussee zu benützen. Das taten wir auch bisweilen, lernten in ihnen liebenswürdige Menschen kennen und freuten uns an ihren prächtigen Kindern.

Der Titel drängte hier den Namen so stark in den Hintergrund, daß ich erst nach wochenlangem Verkehr mit dem freundlichen »Kameralverwalterpaare« erfuhr, daß es Bilfinger hieß.

Auch unseren Wirt, Herrn Meyer, lernten wir kennen. Wunderlich und wechselvoll waren die Wege, die das Schicksal diesen Mann geführt hatte. Als reicher Junggeselle hatte er die Gäste in seinem stets offenen Hause mit Kanonenschüssen empfangen. Darum nannte man ihn immer noch den »Kanonenmeyer«, obgleich er, nachdem seine Habe zerronnen, viele Jahre der Heimat ferngeblieben war. Sein Lebenslauf in Amerika hatte sich zu einem steten Aufundnieder voller Abenteuer gestaltet. Mehr als einmal war er mit genauer Not dem Tode entronnen. Endlich hatte er sich, von Heimweh getrieben, in den Schwarzwald zurückbegeben, und zwar mit einem wackeren, fleißigen Weibe.

Das Haus im Kloster, das er erworben, entsprach seiner Sehnsucht nach Ruhe, in der Saffianfabrik drunten im Tale hatte er eine ihn nährende Stellung gefunden, und stattliche, wohlgeratene Töchter sorgten für sein äußeres Behagen. Doch dem Vielerfahrenen ließ die Erinnerung und die unbefriedigte Sehnsucht eines zu kräftigen Flügelschlägen geschaffenen und in die Enge gebannten Geistes und Gemütes keine Ruhe, und in mancher Mondscheinnacht weckte uns sein Waldhorn aus dem Schlafe. Er war dann in die Ruinen des Klosters gegangen und suchte das beklommene Herz zu entlasten, indem er weiche Klagelieder in die Nacht hinausblies.

Der große, breitschulterige Mann mit dem mächtigen Schnurrbart und der tiefen Baßstimme sah aus wie ein ergrauender Ritter, dessen Riesenarm jene Schwabenstreiche hätte führen können, die den Gegner vom Scheitel bis in des Pferdes Rücken zerhauen, und doch war er damals von früh bis spät mit der zierlichen Arbeit des Spaltens der Kalbfelle beschäftigt. Aus ihren in zwei Stücke getrennten dünnen Flächen wird nämlich der feine Saffian verfertigt.

Auch mit der Familie des Herrn Zahn, in dessen Fabrik dieser Lederstoff hergestellt wurde, kamen wir in Berührung, und als ich im Orient an den Füßen so vieler Moslemen rote, gelbe und grüne Pantoffeln sah, und in Kairo die merkwürdige Wahrnehmung machte, daß in demselben Laden Schuhe und Bücher verkauft werden, mußte ich des schattigen Schwarzwaldes gedenken, in dem man den Saffian verfertigt. Seiner bedarf im Morgenlande der Fuß des Menschen, der die Erde berührt, wie das Buch, das ihn dem Staube enthebt, zur Bekleidung, und so ist er es, der den Pantoffelverkäufer auch zum Buchhändler macht.

Schon damals fand auch ein großer Teil der Zahnschen Ware den Weg in den Orient, und die Söhne dieser betriebsamen Familie hatten weite Reisen gemacht, von denen sie schön zu erzählen wußten.

Bisweilen fuhren wir auch in das nahe Städtchen Calw, wo man uns aufs freundlichste entgegenkam. Besonders gern gedenke ich des Amtsrichters Römer, seiner liebenswürdigen Gattin und anmutigen kleinen Töchter.

Die Vormittage blieben ungestört, und meine Arbeit hatte guten Erfolg. Der Nachmittag brachte bisweilen Wildbader Besuche, unter denen uns der der Puricellis besondere Freude bereitete. Doch es standen uns noch andere bevor, die der Erwähnung verdienen.

Zuerst erfreute uns der des belgischen Malers Louis Gallait, der mit der Gattin und ihren beiden jungen Töchtern in Wildbad war, um die Heilquelle zu benützen. Als die Mutter mit Schwester Paula einen Winter in Brüssel zugebracht hatte, war sie diesen liebenswürdigen Menschen innig vertraut geworden. In Berlin hatten seine Gemälde: »Egmont im Gefängnis«, »Die enthaupteten Grafen Egmont und Hoorn«, sein herrliches Bild »Schmerzvergessen« und manches andere mit Recht die höchste Bewunderung erweckt. Lob und Ehren die Fülle waren ihm von dort aus zuteil geworden. Das hatte ihn an die Spree geführt, und er war oft unser lieber Gast gewesen und auch mir teuer geworden. Sein und der Seinen Besuch erfreute mich darum so sehr wie die Mutter.

Gallait gehörte zu den Künstlernaturen, in denen nach schwerem Ringen und Kämpfen die stark geübte Kraft zum harmonischen, ihrer selbst sicheren, frohen Fortwirken gelangt. Als ich ihn kennen lernte, war er schon zur schönsten inneren Abklärung gelangt, die sich in einer gleichmäßigen, gelassenen Heiterkeit äußerte. Eine gleiche, ich möchte sagen »Serenität« der Seele ist mir kaum wieder begegnet. Die blickte ihm licht und rein aus den schönen blauen Augen, die treuen Spiegel jeder Bewegung seiner lebhaften Seele. Wenn er von der Kunst sprach, schien er zu wachsen, und es begriff sich leicht, wie es ihm hatte gelingen können, die gewaltige Komposition der Abdankung Karls V. zu erdenken und sie so ergreifend schön und reich zur Ausführung zu bringen.

Wie Menzel, Cornelius, Alma Tadema und Meissonnier war er von kleiner Statur, doch die Züge seines wohlgebildeten Gesichtes waren nichts weniger als kleinlich. Seine ganze Person zeichnete ein Etwas aus, das ich »Säuberlichkeit« nennen möchte. Ohne stutzerhafte Eleganz machte er den Eindruck des »Aus-dem-Ei-Geschältseins«. Von der weißen Krawatte an, die er stets trug, bis zu den roten Ordensbändchen im Knopfloch war alles an ihm tadellos. Ein vollendeterer Typus des äußerlich und innerlich vornehmen Belgiers ließ sich schwer denken. Ich sage geflissentlich »Belgier« und nicht Franzose; denn die männliche Gesetztheit des Wesens dankte er sicher seinem niederländischen Blute.

Madame Gallait, eine Pariserin von Geburt, war dagegen ein Urbild der französischen Frau im ansprechendsten Sinne des Wortes. Elegant in der Kleidung wie in jeder Bewegung, schön mit vollem Bewußtsein und doch frei von herausfordernder Gefallsucht, an Körper und Geist gleich biegsam, frohgemut, als sei das Leben nur da, um sich der Genüsse, die es bietet, zu freuen, und doch befähigt und geneigt, das Ernsteste anzuhören und sich darüber zu äußern. Eine sorgsame Mutter, die, obwohl man sie für eine Schwester der heranwachsenden Töchter hätte halten mögen, sie nie aus den Augen ließ und sie mit liebenswürdigem Scherz führte, wohin sie begehrten, gewann sie alle Herzen, wo sie sich zeigte. Es lag etwas in ihrem Wesen, das Sorge, Mißmut und pedantische Bedenklichkeit aus ihrer Nähe verscheuchte, und das Band, das sie damals mit dem Gatten einte, schien dauerhaft und von den heitersten Liebesgöttern gewoben.

Leider hielt es dennoch nicht stand.

In jener Zeit konnte man sich kein zärtlicher miteinander verwachsenes Vierblatt denken, als dies Paar mit seinen anmutigen, den Kinderschuhen kaum entwachsenen Töchtern.

Am nächsten Sonntag waren sie bei Tisch unsere Gäste.

Die Wirtin hielt die Reinlichkeit für das Haupterfordernis eines guten Mahles, und wenn ein neues Gericht für uns sechs aufgetragen wurde, das einem Dutzend hungriger Turner hätte genügen können, erscholl der fröhliche Ruf unserer Gäste: » Encore une forteresse

Doch jede der zu erobernden Festungen war wohl geraten, es gab so viel, worüber wir uns auszusprechen hatten, die eigentümliche Schlichtheit der Bewirtung und manches andere hob die ohnehin frohe Stimmung so glücklich, daß der Künstler sich dieses ländlichen Diners noch mit Vergnügen erinnerte, als ich mehrere Jahre später in seinem schönen Hause zu Brüssel sein Gast war.

Nach unserem Abschiede von Hirsau fanden wir die Gallaits in Wildbad wieder und verlebten mit ihnen köstliche Tage. Das von Burckhardtsche Paar, Frau Henriette Hallberger, die Gattin des Stuttgarter Verlegers, Puricellis, wir und später auch der Dichter Moritz Hartmann waren die einzigen, mit denen sie verkehrten. Am Nachmittag fanden wir uns stets an einer bestimmten Stelle in den Anlagen zusammen. Dort wurde geplaudert oder auch etwas vorgelesen. Dabei zeichnete auf Gallaits Anregung hin, wer Lust dazu hatte. Er selbst rührte die Hand mit der ihm eigenen Sicherheit und Feinheit. Mein Porträt, das er damals für die Mutter mit dem Blei- und Rotstifte zeichnete, ist jetzt im Besitz meiner Gattin. Auch ich nahm das Skizzenbuch wieder vor, denn er hatte das Schulheft gesehen, das ich kurz vor meinem Abgang aus Kottbus mit Arabesken bedeckte. Aus diesen Phantasiegebilden wollte er ein hervorragendes Talent erkennen, und ich höre noch das merveilleux und incroyable, das inouï und insensé, das er den allerdings tollen Ausgeburten meiner verliebten Einbildungskraft widmete.

Bei diesen Zeichenübungen erzählte er mancherlei aus dem eigenen Leben, und nie ist er mir liebenswerter erschienen, als bei der Schilderung seines ersten Erfolges.

Er war der Sohn einer armen Witwe in dem belgischen Städtchen Tournay. Das Zeichnen hatte ihm auf der Schule Vergnügen bereitet und ein tüchtiger Lehrer sich seines Talentes angenommen.

Einmal war ihm in der Zeitung ein Antwerpener Preisausschreiben begegnet. Mit Stift oder Kohle sollte ein bestimmter Stoff – irre ich nicht, die Erweckung des Quells in der Wüste durch Moses – ausgeführt werden. Auch er ging an die Arbeit, doch bei seiner mangelhaften Ausbildung ohne die geringste Hoffnung auf Erfolg. Schickte er die vollendete Zeichnung auch ab, so hütete er sich doch wohl, die Mutter ins Vertrauen zu ziehen, um sie vor Enttäuschung zu schützen.

Am Tage der Preisverteilung zog ihn das Verlangen, die Arbeiten der glücklicheren Bewerber zu sehen, nach Antwerpen, und welche Überraschung, als er den Saal betrat und sein Motto als das des Siegers verkünden hörte.

Als das Allerschönste aber schilderte er die Heimkehr.

Sein Mütterchen nährte sich und ihn durch einen kleinen Handel mit Seife und dergleichen. Um ihr die Freude zu vergrößern, hatte er sich das Gold, das dem Sieger ausbezahlt worden war, in lauter Fünffrankentaler umwechseln lassen. Die Taschen wären ihm unter ihrer Last beinahe geplatzt, dafür aber wollte die Freude kein Ende nehmen, als er eine Handvoll Silberstücke nach der anderen auf den kleinen Ladentisch ausbreitete und dabei erzählte, wie er zu dem reichen Segen gekommen.

Wer ihn diese Geschichte erzählen hörte, der mußte ihm gut werden, wenn er es nicht schon war.

Dem seinen folgte als zweiter bemerkenswerter Besuch der des Fürsten Pückler-Muskau. Am Morgen hatte ein Telegramm angefragt, ob er uns finden würde, und am Nachmittag fuhr seine Equipage bei uns vor. Unter den Kreuzgängen nahm er mit uns den Kaffee. Er hatte gehört, daß sein junger Kottbuser Bekannter sich der Ägyptologie zu widmen begann. Das interessierte den Semilasso, der als besonderer Liebling Mohammed Alis so schöne Tage am Nil verlebt hatte und für Ägypten immer noch allerlei plante. Dazu war er den großen Begründern meiner Wissenschaft, Thomas Young und François Champollion, persönlich begegnet und hatte einen Blick in die Entzifferung der Hieroglyphen getan. Von allen Ergebnissen der Forschung besaß er Kunde und äußerte eine Meinung darüber. Ohne in das einzelne tiefer eingedrungen zu sein, traf er doch oft genug den Nagel auf den Kopf. Ich bezweifle, ob er je ein Buch über das alles in der Hand hielt, doch wie er meinen Antworten auf seine geschickten Fragen mit gespannter Aufmerksamkeit folgte, so hatte er es schon bei anderen gehalten, und die geniale Auffassungsgabe, die ihm eigen, führte das Vernommene schnell zusammen und gestaltete es zu einem scharf umrissenen Bilde. So mußte er dem Laien wie ein Gefäß des Wissens erscheinen; doch er gebrauchte diese Gabe mitnichten, um zu blenden oder sich das Ansehen des Vielwissers zu geben.

»Man kann leider nicht Gott sein,« sagte er, wie ich einem erhaltenen Briefe vom Tage seines Besuches entnehme; doch das »Gottähnlichwerden« braucht für den Strebenden keine theologische Phrase zu bleiben. Die Allwissenheit ist sicherlich eines der edelsten Attribute des Höchsten, und je näher man ihr kommt, desto gewisser bemächtigt man sich wenigstens des Schattens einer Eigenschaft dessen, der man ja einmal nicht sein kann.«

Anderes muß ich mir hier wiederzugeben versagen. Er führte es auch später in Berlin eingehender aus.

Zuletzt kamen wir auf seine gärtnerischen Arbeiten im Park zu Branitz zu sprechen, und ich bedaure, was er sagte, nur in großen Zügen aufgezeichnet zu haben, denn es war so interessant wie vortrefflich. Nur noch folgenden Satz kann ich dem nach Blasewitz gerichteten Schreiben entnehmen: »Was wollen Sie? Ein Fürst ohne Land, wie ich, will wenigstens auf einem Gebiet Herrscher sein, und das bin ich als Schöpfer eines Parks. Da gilt es, einen Staat aus dem Nichts erschaffen. Die Untertanen, über die ich da gebiete, gehorchen mir besser als die Russen, die doch immerhin eine Spur von freiem Willen bewahrten, ihrem Zaren. Meine Bäume und Sträucher folgen mir allein und den ewigen Gesetzen, die in ihrer Natur begründet sind, und die ich kenne. Wollten sie auch nur einen Finger breit von ihnen abweichen, wären sie nicht mehr sie selbst. Mit solchen Untertanen regiert es sich gut, und lieber Despot über vegetabilische Organismen als ein konstitutioneller König und Vollzieher des Willens der »Ebenbilder Gottes«, die man das souveräne Volk nennt.«

Die letzten Worte klangen wegwerfend genug.

Höchst fesselnd hatte er auch über den Vizekönig von Ägypten, Mohammed Ali, geredet und die Idee entwickelt, die von ihm diesem genialen Herrscher unterbreitet worden war, auf der Insel Philä um den Tempel her einen Park und auf dem östlichen Nilufer, dem schönen Eiland der Isis gegenüber, unter schattigen Baumpflanzungen eine Heilanstalt, besonders für Lungenleidende, zu erbauen.

Darauf sah ich ihn später mit ernstem Eifer zurückkommen, und wer diese herrliche Tempelinsel und ihre Umgebung kennt, die jetzt ein Wasserwerk ihres landschaftlichen Reizes berauben soll, der wird sich versucht fühlen, einem solchen Unternehmen schönes Gedeihen vorauszusagen.

Die Mutter hatte den Fürsten zu Berlin in großer Gesellschaft sich in paradoxen Behauptungen ergehen sehen, und der Ernst, den er diesmal zur Schau trug, veranlaßte sie zu der Versicherung, nie vorher in einem zwei so grundverschiedene Menschen vereint gesehen zu haben. Es wohnte ihm auch ein dritter, vierter und fünfter inne. Überraschend und erfreulich war der völlige Mangel an Hochmut bei einem Manne, der dem Adel, zu dessen vornehmsten Trägern er gehörte, den Beruf und die Kraft zugeschrieben hatte, das herabkommende Volk durch Einmischung seines Blutes zu veredeln.

Diese Besuche brachten Leben und Abwechslung in unser stilles Dasein. Es währte über vier Wochen, und als Bruder Ludo auf Urlaub zu uns stieß, um uns abzuholen, war er erfreut über mein besseres Aussehen – und ich selbst bemerkte nicht nur an meinem Gesamtbefinden, sondern auch an kleinen Anzeichen, wie gut das Bad und die Zurückgezogenheit, die ihm gefolgt war, den gelähmten Muskeln getan. Was ich damals empfand, mag der zum Tode verurteilte Gefangene fühlen, der Kunde von seiner Begnadigung erhält, und der nur noch nicht weiß, wie viele Jahre der Haft ihm noch auferlegt weiden sollen.

Betrübten Herzens sagten wir dem schönen, friedlichen Waldtale Lebewohl. Nur der Diener war glücklich, daß wir ihm den Rücken wandten. Er hatte die Mark Brandenburg, seine Heimat, in der er auch den Militärdienst geleistet, nie vorher verlassen und sich äußerst unglücklich in Wildbad und Hirsau befunden, da er behauptete, daß ihm die Berge den Atem benähmen. Kein Schweizer kann sich heißer nach den Höhen der Heimat sehnen, wie es ihn in die Ebene zurück verlangte.

Die zweite Wildbader Saison verlief, dank der immer nähern Beziehung zu den dort gewonnenen Freunden, noch angenehmer als die erste.

Frau Hallberger war eine sehr schöne junge Frau. Ihren Gatten, der mir von allen Freunden, die mir das Schicksal schenkte, der liebste werden sollte, hielten damals Geschäfte in Stuttgart zurück. Sie war leider genötigt, die Quelle allen Ernstes zu brauchen, und manche Stunde wurde ihr durch körperliches Mißbehagen und seelische Verstimmung getrübt.

Dennoch wußte sie uns durch Lebhaftigkeit des Geistes, seltene Vertrautheit mit allen Erscheinungen der neuesten Literatur und durch den ihr eigenen, für alles Schöne in der Natur besonders sein entwickelten Sinn anzuregen und zu erfreuen. Wie von ihr sah ich nie wieder Feld- und Waldblumen suchen. Sie verstand es auch, sie zu Sträußen von wahrhaft bezaubernder Anmut zusammenzubinden. Louis Gallait nannte sie »reizende Blumenmadrigale«. Wenn sie sich »heruntergemuntert« fühlte – ein Wort, das ich durch sie kennen lernte –, zog sie sich still zurück; erschien sie aber wieder, so gehörte sie zu den belebendsten Elementen unseres Kreises.

Moritz Hartmann hatte sich noch nicht von der schweren Krankheit erholt, der er als Berichterstatter während des Krimkrieges beinahe erlegen wäre. Sein Schwiegervater, Herr Rödiger aus Hanau in Hessen, der seiner großen Erziehungsanstalt in Genf als Direktor vorstand, begleitete ihn und behütete ihn mit rührender Sorgfalt. Meine Mutter gewann den Dichter bald lieb, der alles in sich vereinte, was dem Frauenherzen gefällt. Im Frankfurter Parlament hatte er für den schönsten Volksvertreter gegolten, und wer hätte nicht gern in die sein und vornehm geschnittenen, tadellos ebenmäßigen Züge dieses Mannes geschaut! Dazu war ihm ein Sprachorgan von geradezu glockenreinem Wohllaut eigen. Gallait versicherte, erst auf Hartmanns Lippen habe er das Deutsche als eine dem Ohre gefällige Sprache erkannt.

Diese Eigenschaften gewannen dem liebenswürdigen Dichter schnell genug auch das Herz der alten Frau Puricelli, der seine Annäherung an uns anfänglich nichts weniger als angenehm gewesen war. Die strenggläubige und konservative Dame hatte genug von seiner religiösen und politischen Gesinnung gehört, um sie abscheulich zu finden. Nachdem Hartmann aber in seiner anmutigen Weise sich mit ihr und ihrer Tochter öfter unterhalten und uns vorgelesen hatte, rief sie mir einmal zu: »Was ich mich ärgere, in meinen alten Tagen solch einem roten Demokraten noch so gut sein zu müssen.«

Und sie sollte ihn noch lieber gewinnen; denn es mußte die Teilnahme eines jeden Frauenherzens gewinnen, wenn Hartmann von seiner Verurteilung zum Tode und seiner wunderbaren Rettung erzählte. Noch ergreifender wußte er von der gefahrvollen Wanderung zu berichten, die er, von einem Steckbriefe verfolgt, in der Bluse eines Fuhrmannes unternommen hatte, um seine in Böhmen schwer erkrankte Mutter noch einmal wiederzusehen. Während dieser durchaus wahrheitstreuen, höchst lebendigen Schilderungen eigenster Erlebnisse zitterte sie mit uns für das Leben und die Freiheit des Dichters, dem eine Meute von unerbittlichen Häschern auf der Spur gewesen war, und segnete im Herzen den edlen Mann, der zu Bodendach mit dem Verfolgten die Kleider gewechselt hatte, um die Spitzel irre zu führen. Sie waren in der Tat in die Falle gegangen und hatten den Retter, einen Weingutbesitzer, der nunmehr den im Steckbriefe erwähnten Schlafrock des Verurteilten trug, statt des »Staatsverräters« gefangen genommen, während es diesem gelang, über die sächsische Grenze zu entkommen.

In jenem Sommer schürzte sich das Freundschaftsbündnis, das mich jahrelang und bis an sein zu frühes Ende mit Moritz Hartmann verband und zu einer Korrespondenz führte, die mir um so größere Freude bereitete, je sicherer ich sein konnte, von ihm verstanden zu werden, und je frischere Anregungen seine Briefe enthielten. – Auch im nächsten und übernächsten Sommer trafen wir uns in Wildbad, und wie gern erinnere ich mich unserer Gespräche in der Stille des schattigen Waldes. Aber wir teilten auch ein geräuschvolles Vergnügen: das Pistolenschießen, dem wir jeden Tag eine Stunde widmeten. Ich mußte vom Rollstuhl aus schießen, und doch konnte ich mich wie Hartmann manchen Treffers rühmen; wahrhaft wunderbar aber waren die Leistungen des alten Herrn Rödiger, der Schwiegervater des Dichters, der, obgleich ihm die Hand infolge eines Schlaganfalls heftig und unablässig zitterte, ich weiß nicht wie oft das Herz eines Coeur-Asses durchbohrte.

Hartmann war es auch, der mich wieder und wieder zum Dichten ermutigte. Bei aller Achtung vor der Wissenschaft, sagt er auch brieflich, könnte er ihr das Recht nicht zusprechen, »die Poesie ins Verlies zu werfen, wo es sie so stark und glücklich sich zu betätigen dränge«. Ich gab ihm innerlich recht; doch so oft ich dem Drange folgte, wieder zu dichten, war es mir, als beginge ich eine Treulosigkeit gegen die Geliebte, der ich mich mit Leib und Seele angelobt hatte.

Der Kampf begann, der mein Inneres lange in Bewegung erhielt.

Ich könnte noch viel von den ersten Jahren erzählen, die mich nach Wildbad führten; doch glichen sie einander bis auf die fünfte Saison, die ich dort verlebte, zu sehr, als daß ich sie einzeln behandeln möchte. Etliche hervorragende oder besonders anmutige Gestalten prägten sich mir indes fest ins Gedächtnis. Es war eine freudige Überraschung, als ich die reizende Rotterdamerin, deren Munterkeit und frischer beweglicher Geist mich im zweiten Wildbader Jahre besonders gefesselt hatte, um vieles später als Gattin eines lieben Keilhauer Freundes in Wiesbaden wiederfand.

Einen glänzenderen Sommer als den von 1860 sah das stille Enztal nicht wieder; denn damals verweilte daselbst die leidende Witwe des Kaisers Nikolaus von Rußland mit großem Gefolge und zog viele andere regierende Häupter in ihre Nähe. Da erschien der König von Preußen, unser Kaiser Wilhelm, ihr hoher Bruder, die schöne Tochter der Kaiserin, die Königin Olga von Württemberg, die, wenn sie die Anlagen mit ihrem Windspiel durchschritt, der stolzen pfeilfrohen Artemis gleichsah; da zeigte sich die Königin von Bayern, da ...

Doch ich kann und will die Fürstlichkeiten nicht alle nennen, die der leidenden Zarewna aufzuwarten wünschten. Ich stand ihnen ja fern; doch gab ihre Anwesenheit dem Schwarzwaldstädtchen ein buntes, glänzendes Ansehen, und kein Tag verging, ohne eine besondere Augenweide zu bieten.

Die Kaiserin liebte es, schöne Menschen zu sehen. Darum befand sich unter ihrem Gefolge manche Dame von besonderer Anmut. Wenn diese sich wohl gruppiert auf der Treppe des Hotels niedergelassen hatten, das die Kaiserin bewohnte, gab es einen köstlichen, unvergeßlichen Anblick. Noch eigentümlicher war das Schauspiel, das der weibliche Hofstaat der Kaiserin bei einer Floßfahrt auf der Enz in luftigen Sommerkleidern und im reichsten Blumenschmucke gewährte. Vom Ufer her warfen die Herren den von dem hurtigen Gebirgsstrome schnell fortgeführten Damen Blumen zu, und auch ich hatte mir Rosen verschafft, die besonders der Prinzessin Marie von Leuchtenberg galten, von der uns der Leibarzt der Kaiserin, Dr. Karel, den wir bei Burckhardt kennen gelernt hatten, so viel anmutige Züge erzählt hatte, daß sie auch uns lieb werden mußte.

Mit einer sehr schönen Gräfin Keller aus dem Gefolge der Kaiserin machte uns der Leibarzt persönlich bekannt, und der glänzende Hergang ihrer Abreise steht mir heute noch deutlich vor Augen.

Wildbad war damals noch nicht durch die Eisenbahn mit der übrigen Welt verbunden. Die Gräfin tauchte in einer offenen Viktoria aus den zahllosen Blumengaben hervor, die man ihr zum Abschiede gespendet. Der Zeremonienmeister Graf Wilhorsky reichte ihr im Namen der Kaiserin ein wunderschönes Bukett. Während sie es in Empfang nahm, rief sie dem Hofmanne zu: » A neuf heures, pensez à moi,« und dieser erwiderte mit der Kand auf der Brust und einer tiefen Verneigung: » Mais, Comtesse, nous penserons à vous toute la journée

Im gleichen Moment hob der Postillion auf dem Sattelpferde zur Seite der Deichsel die lange Peitsche, seine vier Braunen zogen an, eine Schar von Damen und Herren, die der Zeremonienmeister geführt hatte, schwenkte die Tücher, und es war, als fahre die Göttin Flora aus, um die Erde mit Blumen zu segnen.

Mit manchem ähnlichen Schauspiel wurde meine Vorstellung in Wildbad bereichert.

Ich wähnte lange, in den ersten dort verlebten Sommern nur meiner Gesundheit gelebt, mein gelehrtes Studium gefördert und von 1861 an meinem Roman »Eine ägyptische Königstochter« einige Stunden des Tages gewidmet zu haben; wie viel anderes ich aber im Verkehr mit den verschiedenartigsten Menschen, unter denen sich auch solche befanden, mit denen es einem bescheidenen Gelehrten sonst nur selten zu verkehren vergönnt ist, dort lernte, ist mir erst später ins Bewußtsein getreten.

Ich gedenke hier nur der Spitzen der Aristokratie des zweiten Kaiserreiches, mit denen mich der gelehrte Sohn meines ausgezeichneten Pariser Fachgenossen und Lehrers, des Vicomte de Rougé, bekannt gemacht hatte.

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