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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Die schwerste Zeit in der Schule des Lebens

Die Zeit, die nun folgte, war die schrecklichste meines Lebens. Auch die treue Liebe, die mich umgab, vermochte sie nur wenig zu erleichtern. Ja die zärtliche Sorge der Meinen beengte und belastete mich eher, und statt Freude und Dankbarkeit in mir zu erwecken, schien sie mir das Stachelhalsband, das mir umgelegt worden war, nur tiefer ins Fleisch zu drücken.

Von ernster Arbeit war in jener Zeit keine Rede. Die eigene Person und was sie betraf drängte alles andere in den Schatten.

Das traurigste an einem langen Leiden ist, daß es selbstsüchtig macht, daß es den davon Heimgesuchten veranlaßt, immerfort auf das eigene geschädigte Ich zu achten.

Auch das Kranksein verlangt eine Lehrzeit. Damals aber war ich ein schwer begreifender und dazu widerspenstiger Schüler.

Auch wenn ich mich tiefer in eine Arbeit versenkt hatte, zwang mich jedes Mißbehagen, das ich später kaum mehr wahrnahm, seiner zu achten und allerlei Fragen und Klagen daran zu knüpfen. Dazu hemmte weder die Ruhe, die mir auferlegt war, noch die Kunst des Arztes die Abmagerung und den Fortschritt der Krankheit.

Die Medikamente schlugen nicht an, das Arkanum, das der gequälten Seele später so wohl tat, hatte ich noch nicht gefunden.

Die Stützen, die mir die Mutter und Middendorf als Knaben gegeben hatten, waren damals zu Boden gesunken, und jenes Genesungsgefühl, das in das Leben des Kranken Wonnen sticht, wie sie dem Gesunden selten zuteil werden, konnte mir die Seele noch nicht entlasten; denn mit verhängnisvoller Schnelligkeit wuchs das Übel.

Als der Herbst kam, ging es so schlecht, daß Geheimrat von Ammon, ein so gelehrter wie erfahrener Arzt, die Verordnung, mich für den Winter mit der Mutter in den Süden zu begeben, zurücknahm.

Die Reise wäre mir verhängnisvoll geworden. Wie recht er gesehen, sollte die kurze Fahrt nach Berlin beweisen, die ich mit der Mutter unter Beistand des Bruders Martin unternahm. Er war jetzt schon Arzt und vervollkommnete sich in seiner Wissenschaft als Assistent des berühmten Klinikers Schönlein.

Diese Fahrt war mit grausamen Schmerzen verbunden und von nachteiligster Wirkung; doch ich mußte in das bequem eingerichtete Winterquartier zurück. Unser alter Freund und Hausarzt, der im September nach Hosterwitz gekommen war, um mich zu sehen, hatte mich in seiner Nähe zu haben verlangt, und es gab wohl damals keinen Mediziner, dem größeres Vertrauen gebührt hätte; denn Heinrich Moritz Romberg galt für den hervorragendsten Nervenpathologen Deutschlands, und die seine Spezialwissenschaft behandelnden Werke, die seinen Namen tragen, sind heute noch geschätzt.

In welchem Zustande zog ich in die Heimat ein, die ich so stark und jugendfrisch verlassen! Und Berlin empfing mich nicht freundlich; denn die ersten Monate, die ich dort verlebte, brachten mir bei Tage schweres Mißbehagen, am Nachmittag Fieber und in der Nacht Zustände, die nicht weniger qualvoll waren als Schmerzen.

Doch unser Arzt hatte mich geboren werden sehen, er war mein Pate und mir gut wie einem Sohne. Was seine Kunst vermochte, das bot er auf, um mich zu retten. Aber die Mittel, die er anwandte, waren nicht viel leichter zu ertragen als manche peinigende Krankheit. Mit Schwämmen wurde mir der Rücken dreimal gebrannt, die Hauttätigkeit des mehr und mehr abnehmenden und unbrauchbaren Beines durch scharfe Kalibäder gereizt, der galvanische Strom täglich benutzt, und endlich – das war das Schwerste – wurde mir auf die Seele gebunden, mich im Bette still zu verhalten. Je besser es mir gelinge, es zu voller Regungslosigkeit zu bringen, desto eher sei auf Heilung zu hoffen. Welch ein Ansinnen! War es da nicht besser, das Verhängnis seinen Weg gehen zu lassen? Aber ich fügte mich dennoch. Die liebreiche und dabei väterlich autoritative Art des alten Freundes und großen Gelehrten und das bekümmerte Gesicht der Mutter bestimmten mich dazu. Als ich aber einmal den Entschluß gefaßt hatte, den Herstellungsplan des Arztes zu unterstützen, brachte ich es dahin, mit äußerster Anstrengung und Achtsamkeit mich jeder Bewegung des ganzen Körpers, auch der kleinsten, zu enthalten. Ich, der ich mir oft gewünscht hatte, fliegen zu können, lag nun da wie die eigene Leiche.

Mit einer Willenskraft, die ich noch vor kurzem keinem andern, geschweige denn mir selbst, zugetraut hätte, brachte ich es dahin, daß, wenn mein Lager neu hergerichtet wurde, sich auch keine Falte in den Bettüchern zeigte, obgleich so manches peinigende Mißbehagen, das mein Leiden verursachte, mich antrieb, die Lage zu ändern.

Ich regte mich nicht; denn ich wollte nicht sterben. Was an mir lag, sollte geschehen, um das Ende hinauszuschieben. Der Tod, der mir nach dem Blutsturz als der schöne Flügelknabe erschienen war, den man so leicht mit dem Gotte der Liebe verwechselt, der Tod, der mich angeregt hatte, übermütige Trutzverse gegen ihn zu dichten, schaute mir jetzt als hohläugiger, häßlicher Knochenmann entgegen.

Wie die schrecklichste der Gestalten unter den apokalyptischen Reitern des Kornelius, der mich als Kind zum Modell für einen lachenden Engel benützt, schien er von der verhungerten Mähre aus die Hand gegen mich zu erheben. Das Mohnblatt sollte nicht aufflattern gen Himmel, sondern im Staube verdorren.

Einmal, wenige Wochen nach unserer Heimkehr, sah ich die schwer überfließenden Augen der Mutter nach einem Gespräch mit Dr. Romberg von Tränen gerötet. Als ich den Freund und Arzt dann fragte, ob er mir rate, über das Meine zu verfügen, sagte er, es könnte nichts schaden.

Bald darauf kam Hans Geppert, der inzwischen Notar geworden war, mit zwei Zeugen, wunderlichen Erscheinungen aus dem Handwerkerstande, und ich setzte in aller Form mein Testament auf. Die Gewißheit, daß, wenn ich nicht mehr war, was ich besaß, in meinem Sinne verteilt werden sollte, war ein Lichtstrahl in dieser finsteren Zeit.

Wie ernst der Tod ist, weiß nur der, den seine kalte Hand berührte, und ich fühlte die seine wochenlang an meinem Herzen.

Welche Tage, welche Nächte!

Doch im Angesicht des offenen Grabes, vor dem mir graute, ging etwas in mir vor, das mein ganzes Wesen tief innerlich erschütterte, das ihm eine neue Richtung gab, das mich zur Selbstschau und von ihr aus zu einer Erkenntnis des eigenen Wesens führte, die mir manches Überraschende und wenig Erfreuliches zeigte. Aber ich fühlte auch, daß es noch nicht zu spät war, die mir eigenen guten und üblen, teils angeborenen, teils später angewöhnten Eigenschaften in Einklang miteinander zu bringen und den gleichen höheren Zwecken dienstbar zu machen.

Ja, wenn mir dazu Zeit gelassen wurde; an mir sollte es nicht fehlen! Ich hatte erfahren, wie schnell und unerwartet die Stunde schlägt, die jedem Streben ein Ziel setzt. Dazu wußte ich nun auch, was mich vor dem Rückfalle in die alte sorglose Zersplitterung der Kräfte schützen, was mir helfen konnte, mein Äußerstes zu leisten; denn das Mutterherz hatte das des Sohnes voll und ganz wieder gefunden.

Hilflos wie ein Kind hatte ich werden müssen, um wieder das Haupt wie als Kind an ihre Brust zu schmiegen und ihr so anzugehören wie in den ersten Jahren des Lebens. In den langen, von Fieber und Angstschweiß um den Schlaf betrogenen Nächten hatte sie wieder wie damals an meinem Bette gesessen und meine Hände in den ihren gehalten. Dann war eine gekommen, die die allerschwersten Stunden in sich schloß, und während ihres Verlaufs hatte sie die Frage an mich gerichtet: »Kannst du noch beten?« Und die Antwort, die mir aus dem innersten Herzen gekommen war, hatte gelautet: »Wenn du bei mir bist und mit dir, ganz gewiß!«

Nachdem sie mir dann den Kopf mit neuen Kissen gehoben, lehnte sie das schöne, fromme Mutterhaupt an das meine, und ihre Finger falteten sich um meine Hände, und so weilten wir lange stumm nebeneinander, und so oft mich in der Folge Ungeduld, Leid und Ohnmacht überwältigen wollten, fand ich gleich dem im Kampfe erliegenden Antäus, wenn er die Erde berührte, die ihn geboren, neue Kraft am Herzen der Mutter.

Das alte Leben schien hinfort weit hinter mir zu liegen.

Feuerbachs Schriften nahm ich nicht wieder vor. Das Herz rief mir damals zu, daß das Resultat seines kräftigen, doch oft sprunghaften Denkens falsch sei. Später führte mich das eigene tiefere Eingehen auf diese Dinge zu dem gleichen Widerspruch, und ich lernte ihn begründen. Aber wäre mein Urteil auch beide Male fehl gegangen, Feuerbachs Weg hätte trotzdem nie mehr der meine werden können; war es mir doch unter Schmerzen deutlich geworden, von welchem Eden er ableitet und in welche Wüsteneien er führt. Dennoch schätze ich diesen Denker heute noch hoch als einen redlichen, mannhaften und glänzend begabten Sucher nach Wahrheit.

Die anderen Philosophen, die mich beschäftigt, legte ich gleichfalls beiseite. Die Lotzes auf Nimmerwiedersehen, während ich mir das Verständnis von Kants Kritiken in Gemeinschaft mit zwei Hörern des schwierigen Trendelenburgischen Kollegs später zu erschließen versuchte.

Mit Schopenhauer machte ich mich erst in Jena vertraut. Dagegen beschäftigte ich mich schon damals wieder in vielen freien Stunden mit ägyptologischen Werken.

Ich fühlte, daß diese Studien das Rhodus waren, auf dem ich zu tanzen hatte, daß sie meiner Begabung entsprachen und mich befriedigen konnten. Was mich früher von der Wissenschaft fern gehalten, schien mir jetzt nichtig und weit hinter mir zu liegen. Es war, als hätte ich ein neues Verhältnis zu allen Dingen gewonnen. Auch das zu der Mutter hatte eine Änderung erfahren. Jetzt erst begriff ich völlig, was ich an ihr besaß, was ich gegen sie verschuldet hatte und was ich ihr schuldete. Eines Tages kam es mir zu jener Zeit dennoch in den Sinn, mein »Weltgedicht« wieder vorzunehmen. Ungesäumt ließ ich mir den Kasten bringen, worin es unter Kotillonorden, kleinen rosenroten Briefen und ähnlichen Trophäen aufbewahrt wurde.

Zum erstenmal gewahrte ich jetzt dieser Frucht so langer Tages- und Nachtarbeit gegenüber, in welchem Mißverhältnis die ungeheure Größe des Stoffes zu meiner ungeübten Kraft gestanden hatte. Es kam mir hier so verfehlt, dort so überschwenglich und unzulänglich vor, daß ich heftig aufwallend es zu den anderen zurückwarf. Dabei bedachte ich auch, daß die Verse, die ich an allerlei Schöne gerichtet, und die Antworten, die ich empfangen, fremden Augen entzogen werden müßten. Ich war allein mit dem Diener, im Ofen brannte helles Feuer, und einem raschen Antriebe gehorsam, gebot ich ihm, den ganzen Inhalt des Kastens ins Feuer zu werfen.

Als das letzte Stück Asche verglimmt war, atmete ich auf.

Es war mir, als sei mir nun aus der Vergangenheit, die so vieles enthielt, woran ich gern denken konnte, alles gestrichen worden, was nicht mit auf den neuen Weg gehörte, den gefunden zu haben mir wohl tat.

Leider verzehrten damals die Flammen auch den größten Teil meiner Jugendgedichte. Was gerettet wurde, stand in Notizbüchern oder ist mir aus dem Besitz anderer wieder zugekommen. Auch die fertigen Akte meiner Tragödie waren wie die Helden des Trauerspiels »Panthea und Abradat« der Vernichtung anheimgefallen.

Hatte ich schon vorher die Verordnung des Arztes, regungslos dazuliegen, befolgt, so kam ich ihr nach den ersten Spuren der beginnenden Besserung in einer Weise nach, die selbst den alternden, erfahrenen Romberg zu der Versicherung zwang, einer gleichen Selbstüberwindung noch nicht begegnet zu sein.

Und der Lohn ließ nicht auf sich warten; denn erst blieb das Fieber am Nachmittag aus, und bald milderte sich jede der peinlichen Empfindungen und Zustände, die das Leiden mit sich gebracht hatte.

Damit kehrte am Ende des Winters auch der alte Frohmut zurück, und mit ihm lernte ich auch das Arkanum, dessen ich vorhin gedachte, anwenden, das auch das Bitterste genießbar macht und ihm einen Beigeschmack von Süßigkeit verleiht. Ich möchte es das »Danküben« nennen. Ohne daß ich es mir vorgesetzt hätte, bildete ich mich damals in der Kunst der Dankbarkeit aus, indem ich den Blick auch für das Kleinste schärfte, das Anlaß zur Erkenntlichkeit gibt. Und dies Beachten und Genießen auch der geringsten Schicksalsgunst weckte für mich auch in winterlich rauhen Tagen so viel freundlichen Sonnenschein, daß ich, als mir eigene Kinder geschenkt wurden, sie allem voran zum Dankbarsein und besonders zur Erkenntlichkeit gerade für das Kleine erzog.

Den neu erwachten Frohsinn hielt ernste Arbeit lebendig. Mit dem ersten begründeten Anrecht auf Hoffnung gedieh ihr frisches Grün trefflich auf dem ihr von Geburt an günstigen Boden meines Gemütes. Aber ich hoffte nicht nur! Mein Geist, der es längst gut genug verstanden hatte, gebrechliche Luftschlösser zu bauen, gewöhnte sich, ernst in die Zukunft zu schauen und manches Vorhaben besonnen mit auf sie zu übertragen.

Das Motto » carpe diem«, das ich im Horaz des Vaters gefunden hatte und das meinen Siegelring zierte, gewann unversehens eine neue Bedeutung, indem ich es nicht mehr »genieße«, sondern »benütze den Tag« übersetzte, bis die Zeit kam, in der beide Auffassungen sich mir miteinander zu decken schienen.

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