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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Märchen und Wahrheit

Was damals im Allerheiligsten des Hauses, im Schlafzimmer der Mutter geschah, hat sich mir mit besonders dauerhaften, bis ins einzelne deutlichen Zügen in die Seele gegraben.

Ein Mutterherz ist wie die Sonne, die, so vielen sie auch Licht spendet, doch nicht ärmer wird an Glanz und Wärme, und wenn sich auch ein überreicher Strom von Liebe auf mich ergoß, so sind die anderen Geschwister dadurch nicht benachteiligt worden. Aber ich war das jüngste, das Trostkind, das Nesthäkchen, und zu keiner Zeit ist mir dies so oft zugute gekommen wie dort und damals.

In dem grünen Schlafzimmer mit dem bunten Teppich stand das Ehebett der Eltern. Es stammte aus Holland und war von einer Größe und Breite, wie man sie jetzt nimmer kennt. Die Mutter hatte es behalten. Es breitete sich eine seidene Steppdecke darüber hin, die sich schön weich anfühlte, und unter der es sich köstlich ruhte. Wenn die Zeit des Aufstehens kam, rief die Mutter mich zu sich. Jubelnd kletterte ich auf das warme Lager, und dort zog sie den Liebling zu sich heran, trieb mit ihm allerlei Kurzweil, und nie und nirgends wurden mir schönere Märchen erzählt als eben dort. Da sind sie mir recht und für immer lebendig geworden; denn die Mutter gab ihnen die Gestalt von Dramen, in denen ich als handelnde Person mitwirken durfte.

Am schönsten war es, wenn wir Rotkäppchen spielten. Ich stellte immer das kleine Mädchen dar, das in den Wald geht, sie aber den Wolf. Wenn sich das böse Tier dann mit der Haube der Großmutter unkenntlich gemacht hatte, richtete ich nicht nur die vorgeschriebenen Fragen: »Großmutter, was hast du für große Augen?«, »Großmutter, wie rauh ist dein Fell?« und so weiter an sie, sondern erfand auch neue, um den großen Schlußeffekt hinauszuschieben, und der bestand darin, daß nach der Frage» »Großmutter, was hast du für große, scharfe Zähne?« und nach der Antwort: »Damit ich dich gut beißen kann,« der Wolf sich auf mich stürzte, um mich zu fressen. Statt der Bisse gab es dann aber nur Küsse, und statt der Zähne brauchte das Untier, das eine zärtliche Mutter war, nur Lippen und Hände, um mich bald neckisch fortzustoßen, bald an sich zu ziehen.

Ein anderes Mal war ich das Schneewittchen, sie die böse königliche Stiefmutter und dazu auch der Jäger und die Zwerge und der schöne Königssohn, der es heimführt.

Wie ist mir bei diesem fröhlichen Spiele die Not der verfolgten Unschuld, das Bangen, die Hoffnung, die Freude und der Dank, wenn das Werk gelungen war, wie sind mir die Schrecknisse und der Zauber des Waldes, die Wonnen und Herrlichkeiten des Feenreiches so lebendig geworden. Wenn die Blumen des Gartens die Stimmen erhoben und Lieder gesungen, wenn die Vögel in den Zweigen mich angerufen und gesprochen hätten, ja wenn sich ein Baum in eine holde Fee und die Kröte auf dem feuchten Wege unseres Laubganges in eine Hexe verwandelt hätte, es wäre mir damals nur natürlich erschienen.

Wie früh ich anfing, mir eine eigene Märchenwelt zu bilden und in Worte zu kleiden, wie ich mir das Reich der Feen, die Burgen der Ritter und die Schachte und Werkstätten der Zwerge und Gnomen vorstellte, davon kann Bruder Ludo Kunde geben, der meine Bilder aus einer erträumten Zauberwelt sinnig zu ergänzen verstand und nicht selten selbst neue Phantasiegemälde erdachte.

Unzähligemale kehrten diese freundlichen Gemälde, die damals meine Einbildungskraft bevölkerten, mir wieder in die Vorstellung zurück, wenn sich die Welt um mich her verfinstert hatte, und in ihrem Gefolge erschien dann auch das Bild der geliebten Frau, von der mir die ersten Märchen erzählt worden waren.

Merkwürdig!

Was sich in jenen frühen Tagen Tatsächliches um mich her begeben hatte und mir selbst begegnet war, vergaß ich fast alles; die Märchen aber, die ich damals gehört und innerlich mit erlebt hatte, prägten sich mir fest ins Gedächtnis.

Die Schule und das Leben sorgten dafür, daß mir das Wirkliche mit all seinen Härten und Ecken, seinen Flecken und Schäden vertraut genug wurde; wer aber hätte mir in späteren Jahren die Tore des Reiches wieder geöffnet, worin alles schön ist und gut, und wo dem Häßlichen so sicher die Vernichtung bevorsteht wie dem Bösen die Strafe? Selbst die Muse weicht ja in unseren Tagen vom kastalischen Quell, dessen kristallklares Wasser zum unsauberen Pfuhl wurde, und, wenn auch widerstrebend, folgt sie doch dem Zwange, sich im Staub des Wirklichen heimisch zu machen. Deswegen erhebe ich gern in Wort und Schrift die Stimme für das Märchen, darum drängt es mich, den Kindern und Enkeln solche zu erzählen, und ich gab ja auch einige der selbstgedichteten heraus. »Drei Märchen für Alt und Jung« und »Die Unersetzlichen«.

Den Gegnern des Märchens aber lege ich die Frage vor, ob sie sich für berechtigt halten, der Kindheit etwas des Allerherrlichsten zu rauben, wofür es im späteren Leben keinerlei Ersatz gibt, ja, dem der ganze spätere Bildungsgang des einzelnen Menschen feindlich in den Weg tritt?

Nur das Nächste und Allerfernste ist dem Kinderherzen teuer. Es liebt die, die es auf den Arm nehmen und küssen, es liebt sein Spielzeug, die Blumen im Rasen, den Kiesel auf dem Wege, die Muschel am Strande, den Schmetterling, dem es folgt, den Hund, den es zaust und streichelt, und daneben nur noch die Wunderdinge aus der Märchenwelt, die sich nie und nirgends begaben, und auch die Engel – in denen es das eigene oder das Ebenbild derer sieht, denen es gut ist.

Das andere, was zwischen der Tür des elterlichen Hauses oder dem Zaun seines Gartens und den äußersten Grenzen des Erdballes liegt, kümmert es nicht. Darum raubt derjenige, welcher dem Kinde das Märchen nimmt, ihm die Hälfte, und zwar die schönere und größere, der seiner Neigung und seinem Auffassungsvermögen geöffneten Welt.

Wie verkehrt und ungerecht ist es auch, das Märchen aus dem Leben des Kindes zu verbannen, weil die Hingabe an seinen Zauber ihm als erwachsenem Menschen vielleicht zum Nachteil gereichen könnte! Hat denn nicht jenes die gleiche Rücksicht zu fordern wie dieser? Auch kindliches Spiel steht dem Manne nicht an, und wer möchte es den Kleinen verkümmern oder gar vorenthalten, um den Mann vor Vergeudung der Zeit und den Ernst seiner Lebensführung vor Beeinträchtigung zu bewahren? Der Amerikaner Bellamy führte den Gedanken aus, daß die unsterbliche Seele in mehrfacher, verschiedener Gestalt an den Schauplatz ihres Fortlebens im Jenseits gelange. Dort werde die Seele des abgeschiedenen Greises einem Wesen begegnen, das seine Kinderseele, einem andern, das seine Knaben-, einem dritten, das seine Männerseele gewesen war und so weiter, und in der Tat sind diese alle Sonderindividuen, die in grundverschiedener Weise denken, empfinden und sich zu den wichtigsten Lebensfragen verhalten. Die Seele des Fünfzigers, der diese Worte an die Seinen richtet, würde die Seele, die ihn als neunzehnjährigen Jüngling so stürmisch bewegte, bei der Begegnung in einer anderen Welt fremd genug anmuten.

Jedes Kind ist berechtigt, eine andere Behandlung und Beurteilung zu verlangen, und daß ihm ungeschmälert zukomme, was ihm gebührt. Darum ist es ein Unrecht, das Kind zum Besten des Mannes zu beeinträchtigen und zu berauben. Weiß man denn, ob es dem Knaben bestimmt ist, überhaupt zum zweiten und dritten, zum Jüngling oder Erwachsenen zu werden? Es gibt ja karge Vorsichtsapostel, die sich in guten Jahren jede Freude des Lebens versagen, um mit grauem Haar in einem Überflusse zu leben, der doch sehr häufig keinem zugute kommt als ihren Erben. Was aus dem Menschen wird, dem die Erzieher so wenig als Kind wie in den späteren Stadien der Entwicklung die Wunder der Märchenwelt eröffneten, damit er im Gebiet des Wirklichen sich um so ungestörter heimisch mache, das hat Dickens in seinem Roman »Harte Zeiten« so anschaulich und überzeugend geschildert, daß ich ihm die eingehende Begründung der eigenen Meinung gern überlasse.

In den ersten Jahren fällt es dem Kinde freilich schwer, Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden; ist es doch die Einbildungskraft, auf der sich der größte Teil seines inneren Lebens und ganz gewiß seiner Freuden aufbaut. Der Stock, auf dem es reitet, wird ihm zum Pferde, das Blättchen, das es von einem Fliederzweige abriß, zum Goldstücke, womit es Zahlungen leistet. Einen sehr gutherzigen, doch lebhaften Knaben sah ich sein geliebtes Schwesterchen kratzen und beißen, weil er sich in einen Tiger verwandelt zu haben meinte, und in unserem Bekanntenkreise ereignete sich der niedliche Vorfall, daß ein kleines Mädchen, das einer Besucherin seine Puppe zeigen sollte, an deren Bette es eben saß, in bittere Tränen ausbrach und, von der Mutter deswegen gescholten, schluchzend ausrief: »Meine Nelly hat das Scharlachfieber, und sie war eben etwas eingeschlafen, als ich sie aus dem Bette nehmen sollte.«

Wer von dieser Art der Verwechslung üble Folgen für die Zukunft des Kindes, besonders aber für seine künftige Stellungnahme zu den wirklichen Dingen und die Wahrhaftigkeit fürchtet, der hat sich sicherlich nie die Mühe genommen, das Wesen der sich entfaltenden Menschenknospe näher ins Auge zu fassen.

Wie die unsere, so wird ohnehin jede verständige Mutter Sorge tragen, daß die Kinder die Märchen, die sie ihnen erzählt, nicht für wahre Geschichten halten. Mir fehlt die Erinnerung an die Zeit, in der ich, sobald der Geist aufgerufen wurde, darüber zu entscheiden, selbst Erdichtetes für wirklich Geschehenes gehalten hätte; wohl aber weiß ich noch, daß wir manchmal nicht zu entscheiden vermochten, ob die wahrscheinlich klingende Erzählung eines anderen in das Reich der Märchen oder der Wirklichkeit gehöre. Dann aber fragten wir die Mutter, und ihre Antwort machte jedem Zweifel ein Ende; denn wir wähnten, daß sie nie irre, und wußten, daß sie stets die Wahrheit sagte.

Wie mir bei selbsterdachten Erzählungen, sah ich es den meisten phantasiereichen Kindern ergehen. Ich konnte jedem Mitglied des Hauses die wunderbarsten Dinge vorfabulieren, und während des Erzählens, aber nur dann, hielt ich sie oft selbst für wahr; sobald ich aber gefragt wurde, ob das Mitgeteilte sich in der Tat so verhielte, war es mir, als erwachte ich aus einem Traume. Ich unterschied augenblicklich das Erfundene vom Erlebten, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen, gegen besseres Wissen Auskunft zu erteilen.

So hat die lebhaft erweckte Einbildungskraft weder mich noch meine Geschwister, noch meine Kinder und Enkel zum Lügen verleitet

Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß ein phantasiereiches Kind eher der Gefahr unterliegt, von der Wahrheit abzuweichen, als ein nüchtern angelegtes; doch so wenig wie man die Kraft eines ungewöhnlich starken Knaben ungeübt lassen möchte, um ihn vor Gewalttätigkeit zu behüten, wird man die Gottesgabe der lebhaften Einbildungskraft bei einem reichlich mit ihr ausgestatteten jungen Geschöpf unterbinden mögen. Und wie viele Kinder, die mit spärlicher oder lahmer Phantasie zur Welt kommen, dürfen fordern, daß man sie zu ihrem Besten übt und kräftigt! Bei solchen realen Naturen gewinnt der Hang zur Unwahrheit die gefährlichsten Formen; denn er betätigt sich gewöhnlich in dem Bestreben, Vorteile zu erlangen. Ihnen gegenüber führt die Schwäche der Eltern leicht zu Verbrechen, während die zu hoch fliegende oder irregehende Einbildungskraft phantasiereicher Kinder sich leicht genug einschränken läßt.

Dies fand sich bei uns allen bestätigt.

Später scheute ich die Lüge nicht nur, weil die Mutter alles andere eher straflos ließ als eine solche, sondern weil es mir früh vergönnt gewesen war, die Häßlichkeit der Lüge zu erkennen. Schon im siebenten oder achten Jahr hatte ich mit angehört, wie ein Knabe – ich weiß noch, wie er hieß – die eigene Mutter nach einem Streiche, an dem ich teilgenommen hatte, schamlos belog. – Zwar fiel ich ihm nicht ins Wort, um der Wahrheit die ihr gebührende Geltung zu verschaffen, doch ich erschrak und hatte das Gefühl, einer ruchlosen Untat beigewohnt zu haben.

Ähnliche Erfahrungen bleiben wenigen erspart, und auf mich hat die freche Lüge des kleinen Kameraden jahrelang abschreckend gewirkt.

Phantasiereiche Kinder, die nicht streng zur Wahrhaftigkeit erzogen wurden, werden sich, um einer Strafe zu entgehen, besser herauszureden verstehen als andere, doch hat dies nichts mit der Wirkung der Märchen zu schaffen, die vielmehr recht gründlich lehren, daß es den Lügnern ergeht wie jenem Schäfer Fritz, dem der Wolf die Schafe auffraß.

Wenn Ludo und ich auch in den mißlichsten Lagen im ganzen strenger bei der Wahrheit blieben als viele andere Knaben, so danken wir »Kleinen« dies besonders unserer Schwester Paula, die von früh an ein Wahrheitsfanatiker war und heute noch manche Verdrießlichkeit auf sich nimmt, weil sie selbst jene kleinen Notlügen, denen die Gesellschaft das Bürgerrecht unter den Erlaubten zuspricht, verachtet.

Auch ich bin diesem Unkraut, das man im Weizenfelde duldet, nicht hold, und wenn ich mich seiner dennoch gelegentlich bediente, werden der Steine nicht sonderlich viel sein, die Schuldlosere auf mich werfen könnten. Sicherlich sind bei der interessanten Frage über die Berechtigung der Notlüge auch die Kinder mit zu berücksichtigen; doch was wußten wir von Not bei unseren Spielen im Tiergarten? Wovor hätte uns eine Unwahrheit retten können, als vor dem Schlage einer geliebten kleinen Frauenhand, die allerdings, galt es eine besondere Untat mit einer Ohrfeige zu strafen, wegen der Ringe, die sie zierten, ziemlich weh tun konnte.

Gegen die stille, sittsame und pflichttreue Martha erhob sie sich niemals; auch mit Paula ist sie nur in wenigen, leicht zu zählenden Einzelfällen in Berührung gekommen; doch erzählt die Sage, daß, als sie einmal ihr hübsches Gesichtchen getroffen hatte, dies eigenartige Kind sich die Wange gerieben und mit der drolligen Ruhe, die es selten im Stich ließ, bemerkt habe: »Wenn du mich wieder schlagen willst, Mutter, so nimm, bitte, zuvor die Ringe ab.«

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