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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Der Schiffbruch

Der Zustand der Zerschlagenheit, in dem ich, immer noch mit leichtem Fieber am Nachmittag, heimkehrte, war, wie gesagt, höchst unerfreulich.

Dazu nötigte mich der Pedell, ungesäumt die fünf Tage Karzer abzusitzen, die mir zur Strafe für ein übermütiges Scheibenschießen mit dem Zimmergewehr über die Straße hin gerechterweise zuerkannt worden waren.

Der Raum, der mich mit einem Korpsbruder aufnahm, hieß »Hotel de Saxe«, und wir verlebten dort heitere Stunden; denn am Abend ließ der Knabe des Wächters viele Gäste aus dem »Hotel zur roten Rübe« und den anderen Gefängnisräumen zu uns ein.

Bei Sonnenuntergang, bevor sie erscheinen durften, brachten wir der schönen Tochter eines juristischen Professors, deren Fenster unserem Kerker gegenüberlagen, ein Ständchen. Da sie Julie hieß, wurde ihr gewöhnlich » Felice notte o Julietta« entgegengesungen.

Bei Tage las ich neben ganz leichten Romanen einiges von Jean Paul, von dem ich schon auf der Prima das meiste kennen gelernt hatte. Der Hesperus und Titan waren mir damals Quellen des reichsten Genusses gewesen, und auch in Göttingen bereitete mir Doktor Katzenbergers Badereise so großes Vergnügen, daß mich die Kühlheit verdroß, mit der ich einige mir Befreundete die Bücher des großen Humoristen aus der Hand werfen sah.

Im Verkehr mit den Korpsbrüdern kam es selten zu ernsteren wissenschaftlichen Gesprächen, obgleich es keineswegs an reich begabten jungen Männern unter ihnen fehlte, und einige der älteren auch fleißig waren.

Dafür gab es höchst Fesselndes und Förderliches über das Leben in den außerordentlich verschiedenen Kreisen, aus denen die einzelnen kamen, gab es Anziehendes über studentische Verhältnisse, die Begegnungen und Erlebnisse der Freunde zu hören. Die Herzen fanden einander bei begeisterndem Gesang und in gesteigerter Stimmung.

Nichts verleiht dem Korpsleben vielleicht größeren Reiz als die innige Gemeinschaft des Daseins, die die einzelnen verbindet. Für alles, was mich gemütlich erregte, war ich immer sicher, teilnehmende Genossen zu finden.

Gegenüber den Resultaten meiner nächtlichen Arbeit stand es anders. Hätte mich ein anderer auf der Kneipe mit seiner Beziehung zu Lotze und Feuerbach »drangsaliert«, würde ich ihm wohl auch mit dem Goetheschen » Ergo bibamus« das Wort vom Munde genommen haben.

Aber der Drang, mich mitzuteilen, war mir von Kind an eigen, und wenn ich mich in der Nacht in Feuerbachs Schriften versenkt hatte und ein Sturm über mich hereingebrochen war, der mir die Seele bis in die Grundtiefen erregte, wäre es mir ein großes Geschenk gewesen, wenn ich einen Menschen hätte aufsuchen können, der geneigt gewesen wäre, diese Dinge ernstlich mit mir zu besprechen.

And es gab einen in Göttingen, bei dem ich volles Verständnis zu finden erwarten durfte. Er war nur fünf Jahre älter als ich, und Herbert Pernice, so hieß er, gehörte doch schon dem Lehrkörper der juristischen Fakultät an.

Wie seine Leibesfülle für seine Jugend erstaunlich war, so ist es auch die Kraft und Schärfe seines Geistes und der Umfang seiner Kenntnisse gewesen. Als durchaus unabhängiger, unverheirateter Mann hielt er sich von der Geselligkeit der Professorenkreise zurück, und sah er sich einmal gezwungen, an ihr teilzunehmen, so wurde ihm die Ungezwungenheit seiner Meinungsäußerung übelgenommen. Ich, der viel jüngere, hatte in einem solchen Falle den Vermittler zu spielen, und ich hätte diesem seltenen Manne gern noch ganz andere Dienste geleistet.

Eines Abends war ich ihm in der »Krone« begegnet und hatte den Tisch, an dem er präsidierte, geradezu begeistert verlassen; denn während er ich weiß nicht wie viele Flaschen Rheinwein leerte, leitete er, ohne es zu beabsichtigen, die Unterhaltung.

Jede seiner Behauptungen schien mir den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Schon am nächsten Tage begegnete ich ihm zu meiner Freude im Baumschen Hause wieder. – Er hatte sich von den Damen, denen er, wo es sich tun ließ, aus dem Wege ging, zurückgezogen, und da wir allein in einem Nebenzimmer weilten, gelang es mir bald, das Gespräch auf Feuerbach zu führen; denn mich dürstete förmlich danach, das Urteil eines anderen über ihn zu vernehmen. Ich war auch gewiß, diesen Philosophen von dem konservativen und, wie ich gestern wahrgenommen hatte, antimaterialistischen Pernice in ganz eigenartiger Weise beurteilen zu hören, wenn er ihn überhaupt kannte. Diesen Zweifel hätte ich freilich sparen dürfen; denn auf welchem Gebiete des humanistischen Wissens wäre dieser hochbegabte Mann nicht bewandert gewesen? Den Philologen ist seine Ausgabe und geistvolle Übersetzung der Frösche des Aristophanes so bekannt wie den Juristen seine Kommentationen, Miszellaneen und so weiter. Hätte er sich als Philosoph schriftstellerisch versucht, wäre es ihm nicht minder wohl gelungen.

Feuerbach war ihm aufs gründlichste vertraut, doch verwarf er seine Philosophie mit schonungsloser Schärfe. Der Gedanke, daß der Gott jedes Volkes und Individuums nur das gesteigerte Ideal seines eigenen Wesens oder die Verkörperung eines seiner Herzenswünsche sei, nannte er einen Gemeinplatz, den er dahin umkehrte, daß Gott sei, daß das Volk und das Individuum aber ihn sich ähnlich machten und in ihn hineinlegten, was ihnen selbst die Seele am lebhaftesten bewege, um ihn sich näher zu bringen. Die Gründe, mit denen Feuerbach die Unsterblichkeit der Seele bestreitet, bekämpfte er mit Witz und scharfer Dialektik. Dabei lehnte er sich besonders heftig gegen das Wort und den Begriff »Religionsphilosophie« auf, als gegen ein Unding, das die ehrliche Philosophie sich nicht gefallen lassen dürfe, weil sie nur mit Gedanken zu tun habe, die Religion aber mit dem Glauben, der nicht im Kopfe sitze, der heiligen Quellhöhle alles Philosophierens, sondern im Herzen, dem warmen Neste der Religion und des Glaubens. Dann riet er mir, Bacon zu lesen, Kant zu studieren, Plato und die anderen Alten, seinetwegen auch Lotze, und wenn ich sie alle »am Bändel« habe, noch Hinz und Kunz nebst Jakob Böhme, und dann immer noch lange nicht den Feuerbach mit seiner »tollgewordenen Theologie«.

Ich hing an seinem Munde, und als man uns zum Speisen rief, mag er an Mephistopheles und den Schüler gedacht und vor sich hingelächelt haben; – mich aber verdroß es zum ersten Male, daß mein Hunger, und zwar wie immer im Baumschen Hause, vortrefflich gestillt werden sollte. Ich hätte gern noch stundenlang mit ihm geredet.

Doch ich traf ihn wieder und sprach mit ihm, so oft es anging, daß heißt, wenn ich nicht abgehalten war und er nicht in würdigerer Gesellschaft in der »Krone« saß oder spazieren ging. Er erwiderte auch meinen Besuch und benutzte das Vertrauen des jüngeren Mannes, um ihn für seine, die Rechtswissenschaft, zu begeistern und ihm begreiflich zu machen, daß das, was ich Arbeit nannte, nichts Rechtes sei. So bin ich denn Pernice für manches Gute verpflichtet.

Nur in einer Hinsicht brachte das Aufschauen zu ihm eine gewisse Gefahr für mich mit sich.

Er wußte, wie ich's trieb; statt mich aber vor der Gefahr zu warnen, die mir durch die Nachtarbeit am Schluß der so bewegten Tage drohte, zollte er meiner Lebensführung Beifall und schilderte mir Episoden aus der eigenen Studienzeit, in denen er noch ganz anders auf sich eingestürmt war. Die eine seiner drei Preisaufgaben, die er gekrönt werden sah, hatte er gelöst, um seinen Vater zu zwingen, den »dummen Jungen«, mit dem er ihn beleidigt, zurückzunehmen. Tag und Nacht hatte er damals einige Wochen lang hinter den Büchern gesessen, und es war ihm das, gottlob, vortrefflich bekommen.

Sein kolossaler Körper schien in der Tat unverwüstlich, und ich hielt den meinen, wie viel leichter gebaut er auch war, für nicht weniger widerstandskräftig. Ich hatte dazu auch ein gewisses Recht; denn der Keilhauer Bär erfreute sich immer noch kräftiger Arme. Die Innenseite meiner rechten Hand zeigt noch eine lange Narbe, die Spur einer Wunde, die ich mir zuzog, als ich, von keinem Geringeren als Pernice dazu herausgefordert, ein Weinglas mit der Rechten zerdrückte.

Es bedurfte großer Anstrengungen, um mich zu ermüden, und auch der Geist hatte die Fähigkeit bewahrt, unmittelbar nach der buntesten Zerstreuung sich mit voller Sammlung einer ernsten Tätigkeit hinzugeben, und an solchen »Zerstreuungen« in Göttingen selbst und außerhalb seiner Grenzen fehlte es nicht.

Zu ihnen gehörte auch ein Ausflug nach Kassel, mit dem sich ein Abenteuer verband, das sich mir wegen seines eigenartigen Verlaufes fest ins Gedächtnis prägte.

Ein Bekannter des Freundes, der mich begleitete, wohnte in der kurfürstlichen Residenz bei einem Bureaubeamten. Als wir nun, durchgefroren von der Eisenbahnfahrt, bei ihm anlangten, ließ er uns einen Grog bereiten, und wir lachten und scherzten mit den jungen und hübschen Töchtern des Wirtes, die ihn uns brachten. Es waren durchaus sittsame, aber muntere und, wie die Folge zeigte, unternehmungslustige Mädchen.

Da es stark geschneit hatte und die Bahn vorzüglich sein mußte, beschlossen wir, nach Tisch heimzukehren und uns bis Münden eines Schlittens zu bedienen.

Natürlich wären uns die heiteren Mädchen willkommene Begleiter gewesen, und sie mochte es reizen, bei Schellengeläut über den Schnee zu fliegen. So ließen sie sich denn nicht allzu schwer überreden, ein Stück Weges mit uns zu fahren.

Wir mieteten also zwei Gespanne, um sie bis in ein in einer Stunde zu erreichendes Dorf mitzunehmen und dann mit dem zweiten Schlitten zurückzuschicken, während der Freund und ich in dem ersten die Fahrt fortsetzen wollten.

Nachdem wir im Kreise einiger Bekannten fröhlich gespeist, stiegen die Mädchen vor dem Tore zu uns ein. Wir hatten ihnen versprochen, daß sie spätestens um sieben Uhr daheim sein sollten.

Der Schneefall, der schon stundenlang innegehalten hatte, begann, als die Schlitten sich in Bewegung setzten, von neuem. Je weiter wir kamen, desto heftiger ward er. Gleiche Massen der größten Flocken sah ich nie wieder den Weg zur Erde finden, und schon vor dem Dorfe, bei dem die Mädchen umkehren sollten, gelang es den Pferden nur mit großer Anstrengung, durch die weißen Massen vorwärts zu waten, die die ganze Landschaft in eine einzig weiße Fläche verwandelten.

Viel länger als eine Stunde hatten wir bedurft, um ans Ziel zu gelangen, und Schneemännern ähnlich betraten wir das ländliche Wirtshaus. Dort erwärmten wir uns mit kräftigem Grog, ließen den Mädchen Kaffee und frischen Kuchen geben, der für den morgenden Sonntag gebacken worden war, und während der muntersten Unterhaltung schauten wir oft genug ins Freie, wo nur noch die Kronen der aus der weißen Fläche hervorragenden Obstbäume andeuteten, welchen Lauf die Straße nahm.

Aber die Wolken schienen unerschöpflich, und ein Blick an den Himmel mahnte lebhaft genug an das Hebelsche Wintergedicht »Ist denn da droben Baumwoll' feil?«

Als endlich dennoch an den Aufbruch gedacht werden mußte, erklärte der Kutscher, der die Mädchen nach Kassel heimführen sollte, das sei unmöglich. Der Schnee hatte wirklich schon die Fenster der Gaststube erreicht, und der Knecht rührte die Schaufel, um das Öffnen der Wirtshaustür möglich zu erhalten.

Es schneite und schneite, und je später es wurde, desto größere Hindernisse stellten der Fahrt sich entgegen.

Die Mädchen, die, erfrischt von der raschen Bewegung durch das kalte, heitere Wehen, in unsere Munterkeit eingestimmt hatten, waren immer ängstlicher geworden.

Wie fröstelnde Vögel bei Sturm und Regen schmiegten sie sich dicht aneinander und weinten und schluchzten. Unsere wohlgemeinten Versuche, sie zu trösten, wiesen sie zurück, denn sie grollten denen, die sie in eine so üble Lage geführt.

Die Lampe brannte schon, als es mir in den Sinn kam, die Wirtin ins Vertrauen zu ziehen und die armen geängstigten Kinder ihrem Schutze zu empfehlen. Sie war eine freundliche, verständige Frau, und wenn sie auch zuerst über den leichten Sinn von so »guter Leute Kind«, wie die sehr nett gekleideten Stadtfräulein sein mußten, die Hände zusammenschlug, bemächtigte sich ihrer doch bald das Bedürfnis, Hilfe und Schutz zu gewähren, das bei braven Frauen nie ausbleibt, wo sie Mitglieder ihres Geschlechts in einer Gefahr sehen, die ihnen aus der eigenen Jugend vertraut ist.

So sprach sie denn den Mädchen mit mütterlicher Freundlichkeit zu und führte sie in das Zimmer, das sie beherbergen sollte.

Zum Abendbrot kamen sie wieder herunter. Sie waren nun beruhigt, und heiter verzehrten wir gemeinsam das ländliche Mahl. Die eine ließ sich auch einen Brief an den Vater diktieren, in dem gesagt war, daß sie statt mit uns mit einem bekannten Ehepaare vom Schnee festgehalten würden.

Es war nicht mehr ganz früh, als die Wirtin die Schwestern in das Schlafzimmer führte.

Am nächsten Morgen ergab es sich, daß der Bote sich bald nach Sonnenaufgang in die Stadt begeben hatte. Von der Rückkehr eines Schlittens dahin war indes immer noch keine Rede, doch bis Mittag, hieß es, sei die Chaussee wieder fahrbar.

Aber so munter unsere Gefährtinnen sich auch am Frühstückstische zeigten, schien mir der Gedanke, sie noch lange zu unterhalten, doch nichts weniger als reizend. Da riefen die Sonntagsglocken zur Kirche, und ich weiß nicht mehr, wer den Vorschlag machte, das Gotteshaus zu besuchen.

Ein Pfad dahin war frei geschaufelt worden, und bald saßen wir auf einer der wegen des Schneefalls recht dünn besetzten ländlichen Kirchbänke.

Die Wirtin hatte uns mit zwei Gesangbüchern versehen. Wir stimmten in den Choral mit ein, den die Orgel mit vollen Tönen begleitete, und mich überkam eine Andacht, wie ich sie lange nicht gefühlt.

Der Pastor, eine würdige Erscheinung in mittleren Jahren, bestieg die Kanzel, und wenn ich auch nicht mehr zu sagen weiß, welche Evangelienstelle seiner Predigt zugrunde lag, so erinnere ich mich doch noch sehr wohl, daß er von den Versuchungen sprach, die den Menschen vom rechten Wege abzuleiten drohen, und den Mitteln, ihnen zu widerstehen.

Als eines der wirksamsten bezeichnete er das Gedenken an Mitmenschen, denen wir Liebe und Hochachtung schuldeten. Dabei kam mir die Mutter in den Sinn, der liebe, alte blinde Langethal, Direktor Tzschirner und Herbert Pernice, der mir vor wenigen Tagen gezeigt, von wie geringem Werte das sei, was ich noch vor kurzem für ernste Arbeit gehalten.

Unzufrieden mit mir selbst, beschloß ich trotz des dem Vater entlaufenen Mädchens an jeder meiner Seiten in Zukunft nicht nur zu treiben, was mir gerade anstand, sondern was die Pflicht, tiefer in das erwählte Wissensgebiet einzudringen, von mir heischte.

Der Kinderglaube, den Feuerbachs Lehren zu zertrümmern gedroht hatten, schaute mir dabei so treu wie mit den Augen der Mutter entgegen. Ich empfand, daß Pernice recht hatte, daß es dem warmen Kerzen und nicht dem kühlen Kopfe zustand, über diese Dinge zu entscheiden, und wie von einer Last befreit, verließ ich die Kirche, die ich leichtfertig genug betreten hatte, um die Länge einer Stunde zu kürzen.

Als wir in den Gasthof zurückkehrten, war die Chaussee wieder frei, und wir grollten dem Schlitten mitnichten, der die Mädchen nach Kassel entführte. Der vorausgesandte Brief hatte seine Schuldigkeit getan, und sie sind dort freundlich empfangen worden.

Unsere Heimfahrt gestaltete sich noch fröhlich genug; in Göttingen aber begann ich die juristischen Kollegia mit ziemlich regelmäßigem Fleiße zu besuchen.

Ich war so daseinsfroh und, gab es die Gelegenheit, so ausgelassen wie je, wenn mir auch bisweilen eine merkwürdige Erscheinung lästig zu fallen begann. Sie trat nur nach stärkeren Anstrengungen auf dem Spaziergange, auf dem Fechtboden, im Tanzsaale ein und bestand in einer wunderlich weichen Empfindung an den Fußsohlen, doch schrieb ich sie dem Ungeschicke des Schuhmachers zu und kümmerte mich um so weniger um sie, je vollständiger sie bald nach dem Eintritte verschwand.

In der mir sehr lieben Familie des Professors Baum, des berühmten Göttinger Chirurgen, hatte man indes seit meiner Heimkehr von den Weihnachtsferien nicht aufgehört, mein Aussehen übel zu finden.

Marianne, die zweite Tochter dieses gastlichen Hauses, dessen Sohn ein älterer Herr des Korps war, ein schönes Mädchen von eigentümlicher Anmut des Geistes, hielt ich besonders wert. Es hatte sich zwischen uns ein so freundschaftliches, beinahe geschwisterliches Verhältnis gebildet, daß sie, und ihre warmherzige Mutter, eine Frau von großer Lebhaftigkeit des Geistes, mit ihr, mich »Vetter Schorse« nannte. Ich kann das weibliche Feingefühl nicht vergessen, womit sie mir sicher ansah, daß meine Gesundheit, sie wußte selbst nicht was, bedrohte. Für die liebenswürdige Sorge, mit der sie mir trotz meines undankbaren Sträubens, dergleichen Warnungen aus einem so jungen Munde entgegenzunehmen, immer wieder ans Herz legte, vorsichtiger auf mein Befinden zu achten, bin ich ihr noch heute verpflichtet.

Frau Professor Dirichlet, die Gattin des großen Mathematikers, die Schwester Felix Mendelssohn-Bartholdys, in deren geselligem und musikalischem Hause ich unvergeßlich schöne Stunden verlebte, zeigte sich gleichfalls besorgt über meine abnehmende Fülle. Sie war als Mädchen der Mutter öfters begegnet und mir schon bei meinem ersten Besuche lieb geworden, weil sie mit so lebhaftem Entzücken des großen Liebreizes der teuren Frau gedacht hatte. Aber ich lernte auch bald die Feinheit ihres Geistes und das Wohlwollen ihres Gemütes schätzen, das sich oft unter scharfen Worten verbarg, die so treffend waren wie witzig.

Tief musikalisch wie die ganze Familie, wußte sie sich selbst und den Freunden des Hauses manchen großen Genuß zu verschaffen. Ich habe Joachim nie wieder so berauschend herrlich spielen hören wie bei ihr und zu ihrer Begleitung in ganz kleinem Kreise. Eine Aufführung der Chöre aus dem »Wasserträger« von Cherubini in ihrem Hause hatte sie den Mitwirkenden selbst einstudiert, und sie Klavier spielen zu hören war ein großer Genuß.

Dieser in jeder Hinsicht hervorragenden Frau, die mir manchen Beweis einer mütterlich freundlichen Gesinnung gegeben, stand sicher das Recht zu, mich zu warnen. Sie tat es auch, indem sie mich mit seinem weiblichen Takt an die Mutter erinnerte, als sie von einer Wette gehört hatte, deren ich jetzt mit ernster Mißbilligung gedenke. Sie war in Münden zum Austrag gekommen. Es hatte sich darum gehandelt, eine unerhörte Anzahl von Bocksbeutelflaschen mit schwerem Würzburger Steinwein zu leeren und trotzdem bei voller Besinnung zu bleiben. Mein Gegner, der dem Korps der Braunschweiger angehörte, hatte verloren.

Da ich aber um weniges später, doch sicher nicht infolge dieser Torheit, die etwa vierzehn Tage früher begangen worden war, erkrankte, konnte er das Frühstück, das ich ihm abgewonnen hatte, nicht mehr in Göttingen geben. Er ist aber seiner Verpflichtung trotzdem nachgekommen, denn als ich um mehrere Lustra später seine Vaterstadt Hamburg besuchte, veranstaltete er ein schönes Festmahl, bei dem ich die alten Göttinger Freunde wiederfand und das mich beinahe mit der Verirrung versöhnte, der es den Ursprung verdankte. Ich war als Leipziger Professor einer Einladung des Vereins für Kunst und Wissenschaft in der auch an geistigen Interessen reichen Handelsmetropole gefolgt, ihm einen Vortrag zu halten.

Das Semester näherte sich schon dem Abschluß, als ein Fest gefeiert wurde, zu dem einer der vornehmen Mitkneipanten das Korps geladen. Es verlief aufs heiterste. Eine Musikbande spielte auf, und wir Studenten tanzten untereinander. Beim Aufbruch lange nach Mitternacht war ich einer der letzten. Als ich den Überzieher suchte, fand ich ihn nicht. Einer der erlauchtesten Gäste hatte ihn im Rausche mit dem seinen verwechselt und sein Diener den des jungen Herrn mit nach Hause genommen. Das war schlimm, denn mit dem meinen hatte man mir den Hausschlüssel entführt.

Heiß vom Tanze, im Frack, mit einer leichten Weißen Binde am Halse, trat ich in die Nacht hinaus. Es war kalt, und so heftig ich auch an das Tor der Schönhütte schlug, wollte niemand mir öffnen. Endlich kam mir in den Sinn, auf die Regengosse zu schlagen. Dies geschah denn auch mit solchem Ungestüm, daß es den Wirt erweckte. Mißmutig und verschlafen tat er die Tür auf, und ich stand nun unter dem Schutze eines bergenden Daches. Aber ich mochte gewiß eine Viertelstunde und vielleicht noch weit länger im Nachtfrost auf der Straße gestanden und auf dem eisigen Stein des Treppenpfostens gesessen haben. Ich war wie erstarrt, und der Wirt mußte mir das Zimmer öffnen und das Licht anzünden, weil ich die Finger nicht bewegen konnte.

War ich vorher, was ich nicht glaube, berauscht gewesen, so hatte mich die Kälte sicher ernüchtert; denn was nun geschah, ist mir gegenwärtig, als sei es gestern geschehen.

Ich entkleidete mich, legte mich zu Bett, und als ich von einem sonderbar heißen Gefühl im Halse wieder erwachte, fühlte ich mich so matt, daß ich kaum den Arm zu heben vermochte. Es mußte auch etwas Besonderes mit mir vorgegangen sein, denn ich spürte einen seltsamen Blutgeschmack im Munde, und wohin ich faßte, traf ich auf etwas Feuchtes.

Doch die Erschöpfung war so groß, daß ich von neuem entschlief, und der Traum, der nun folgte, war so eigenartig wonnig, daß ich ihn nicht vergaß. Vielleicht auch erinnere ich mich seiner so deutlich, weil ich ihn bald darauf zum Gegenstand eines Gedichts machte, das ich noch besitze.

Es hatte mir geschienen, als läge ich in einem unabsehbar weiten Mohnfelde.

Dabei war es mir gewesen, als umwogte mich von allen Seiten ein musikalisches Tönen. Wie mir in jener Stunde, mochten die Schläfer sich gefühlt haben, die Oberons Horn mitten aus dem Tanz zum Schlummer gezwungen. – Eines seligeren Träumens meine ich nie vorher oder nachher genossen zu haben.

Um so schrecklicher war das Erwachen.

Seit ich mich zur Ruhe begeben, konnten erst wenige Stunden vergangen sein, denn es war noch dunkel, als ich mir das Geschehene zu vergegenwärtigen suchte.

Immer noch mit einem wunderlichen Blutgeschmack im Munde gelang es mir, die Kerze auf dem Nachttische zu entzünden, mich zu erheben und an den Spiegel im Wohnzimmer zu treten. Da fand ich denn die Vermutung bestätigt, die der seltsame Geschmack schon beim Aufstehen in mir erweckt.

Erschreckt bis ins Innerste begab ich mich in die Schlafstube zurück. Es begann jetzt zu dämmern, und ich schellte nach der alten Magd, die mich bediente. Eine Stunde später stand der Geheimrat Baum, dessen vornehm mildes, ich möchte sagen durchgeistigtes Wesen mir unendlich wohl tat, an meinem Lager.

Das Unerhörte, das in der Nacht dem von der Grippe noch nicht ganz genesenen Körper zugemutet worden war, hatte einen heftigen Blutsturz verursacht; der treffliche Arzt, der meine Behandlung in die Hand nahm, stellte aber fest, daß meine Lunge gesund und dieser Unfall infolge eines gesprungenen Blutgefäßes eingetreten war. Zunächst sollte ich in aufgerichteter Stellung das Bett hüten, keine Besuche empfangen und mir Eisumschläge gefallen lassen.

Kaum befand ich mich wieder allein, als mich eine seltsame Stimmung überkam. Zwar fühlte ich mich weniger matt, doch das Wohlgefühl aus dem Traume behauptete sich, wenn das lästige Eis mich nicht störte, während des ganzen Tages, obgleich ich fest und sicher glaubte, ich sei einem frühen Tode erlesen.

Aber das Scheiden aus dem Leben ängstigte mich nicht; ja ich fühlte mich so müde, daß ich nichts wünschte, als zu schlafen, nur zu schlafen, war es so bestimmt, in die Ewigkeit hinüber. Nur die Mutter mußte ich noch einmal wiedersehen.

Das Semester war ohnehin so gut wie zu Ende. Sobald es anging, wollte ich nach Hause oder, wenn sich mein Zustand verschlimmerte, sie zu mir berufen. Wie als Kind sehnte ich mich danach, den Kopf an ihre Brust zu schmiegen. Nur in ihrer Nähe wollte ich das Ende erwarten.

Mochte es kommen!

War es mir auch noch nicht gelungen, das zu leisten oder zu werden, was mir der junge Ehrgeiz oft vor Augen gestellt, so wußte ich doch, daß die Mutter, die übrigen Meinen und viele, mit denen mich Liebe und Freundschaft verbanden, mein frühes Ende bedauern und gern an den frohen Gesellen zurückdenken würden, der so frisch durchs Leben gebraust war und – das durfte er sich sagen – die Ehre immer und überall hochgehalten, niemand geflissentlich gekränkt und zum Dank für die Freundschaft und Liebe, die ihm reichlich entgegengebracht worden war, sich, soweit es in seiner Macht gestanden, gefällig, erkenntlich und als zuverlässiger Freund erwiesen hatte.

Ich fühlte mich so recht zum Dichten gestimmt, und ich weiß nicht mehr, ob es der Tag nach dem Blutsturze war oder der folgende, an dem ich mir den Mohnfeldtraum in den folgenden Versen vergegenwärtigte, die hier mitgeteilt werden mögen:

»Rings um mich her seh' ich ein Mohnfeld wogen,
Mit Blumen purpurrot wie frisches Blut,
Und über mir den reinen Himmelsbogen,
Blau wie Zyanen in des Mittags Glut.

Durch laue Lüfte wehen leise Klänge,
Vom Veilchen borgt der Mohn den süßen Duft,
Und Nachtigallen mischen ihre Sänge
Dem Spiel der Falter in der Frühlingsluft.

So liege ich vom Morgentraum umfangen.
Halb wachend, schlafend halb, im roten Mohn,
Ein frischer Lufthauch kühlt die heißen Wangen,
Der Osten glüht. Beginnt der Morgen schon?

Da schwebt von einer jungen Blüte Krone
Ein Blatt empor zum hohen Himmelszelt,
Daneben aber, voll von reifem Mohne,
Gott Morpheus' Klapper auf den Boden fällt.

Das Blättlein flattert, lieblich anzuschauen,
Vom Morgenwind erfaßt ins Blau hinein,
Der alte Mohn sinkt nieder auf die Auen,
Die ihn, der sie befruchtet, benedein.

Da fahr' ich auf und schaue in die Runde,
Indes die Hand sich in mein Herzblut taucht; –
Ich bin das Mohnblatt, das zu früher Stunde
Des Morgens Wehen in die Luft verhaucht.

Mir ward es nicht, nach langem Erdenwallen
Müd zu erliegen an des Lebens Ziel,
Noch blühend end' ich fröhlich vor euch allen.
Verloren ging's – doch köstlich war das Spiel.«

Ich kann nicht sagen, wie diese Verse mir das Herz erleichterten. Das alte Lied: »Mein Lebenslauf ist Lieb' und Lust« tönte mir, während ich sie schuf, wieder und wieder vor dem inneren Obre, denn ernstere Todesgedanken blieben mir fern. Die Argumente gegen die Unsterblichkeit der Seele, die mich bei voller Gesundheit beunruhigt hatten, machten mir keine Sorge mehr; ja seltsamerweise kamen sie mir kaum in den Sinn. Wie ein ruhiges Entschlafen in einem roten Mohnfelde dachte ich mir das Sterben – und so wär' ich heiter hinübergeschlummert, wenn der Tod mich damals schon für reif gehalten hätte, die Sense gegen mich zu erheben.

Doch er begehrte meiner noch nicht, und als ich mich am dritten Tage schon wieder verhältnismäßig wohl fühlte, suchte ich den Glauben in mir zu erwecken, daß die Folgen dieses Anfalls bald überwunden und es mir vergönnt sein werde, im nächsten Semester die bunten Freuden des Korpslebens, wenn auch mit einiger Vorsicht, wieder zu genießen und dabei unter Pernices Leitung mich ernstlich mit der Juristerei zu befassen.

Die Heimkehr konnte mit Erlaubnis des Arztes bald angetreten werden.

Seine Versicherung, jede unmittelbare Gefahr sei ausgeschlossen, wenn ich mich verständig halte, war indessen weit entfernt, mich mit reiner Freude zu erfüllen.

Um der Mutter und meiner selbst willen blieb ich gewiß gern am Leben; doch die Verhaltungsmaßregeln, die er mir kurz vor dem Aufbruche vorschrieb, widersprachen meiner Natur so entschieden, daß sie mir bis zur Unerträglichkeit grausam erschienen. Jeder meiner Bewegungen setzten sie Schranken.

Von dem Blutsturz fürchtete er weit weniger als von der weichen Empfindung an der Sohle, von der ich ihn unterrichtet, und anderen kleinen Symptomen eines beginnenden chronischen Leidens, Und ich, der ich bis dahin in der fünften Stunde kaum gefragt hatte, was die sechste bringe, begann nun, mich öfter mit den Schrecken der mir bevorstehenden Zukunft als mit der Gegenwart zu beschäftigen.

Ich war mir keiner Schuld bewußt, denn Tausende hatten in meinen Jahren die Freuden des Burschenlebens mit noch volleren Zügen straflos genossen. Ja, während sie von einem Vergnügen, einer heiteren Erregung zur andern geeilt waren, hatte ich nie das Gefallen an ernsteren Dingen und die Ausbildung meines Geistes außer Augen gelassen. Seit einigen Wochen war ich sogar aus eigenem Antrieb meiner Fachwissenschaft näher getreten.

Middendorf hatte uns gelehrt, aus der Natur und dem eigenen Leben das Walten Gottes herauszuerkennen, und wie oft war mir das gelungen! Es hatte sich ja auch alles für mich zum Besten gewandt. Wenn ich aber jetzt mich und meinen Zustand prüfend betrachtete, so schien es mir, als hätte mir das, was mir begegnet war, nur ein tückisches oder doch blindes Ungefähr zufügen können.

So zerfahren und haltlos wie in jenen Tagen fühlte ich mich nie vorher und nachher.

Was Keilhau an mir hatte bewirken sollen, mich eins zu machen mit Gott und mit mir selbst, lag mir wie zertrümmert vor den wankenden Füßen – und so verließ ich die Stadt, in der mir die Lenztage des Lebens so reich und herrlich geblüht hatten, so kehrte ich heim zur Mutter.

Sie hatte schon gehört, was mir zugestoßen war, doch hatten die Ärzte ihr versichert, daß bei meiner kräftigen Natur alles gut werden könne, wenn ich mich ihren Verordnungen füge. Aber das gerade wollte mir, der ich bis dahin nie auf den Körper geachtet, unausführbar erscheinen. Wie ein verarmter Reicher die letzten Kostbarkeiten verwendet, um den Anschein des Wohlstandes zu wahren, nahm ich mich mit beinahe übermenschlicher Anstrengung zusammen, um, was mich innerlich und äußerlich quälte, vor der Umgebung zu verbergen. Ich gesellte mich auch noch zu den Korpsbrüdern, die in den Ferien nach Dresden gekommen waren, und verlebte mit ihnen heitere Stunden; doch bald darauf verbot mir mein Zustand, an dergleichen auch nur noch zu denken. Aus dem freisten der Menschen war ich der unfreiste geworden, und diese Gebundenheit vergällte mir bitterer als alles andere das Dasein.

Und wie hart griff es mir an die Seele, wenn Briefe von den liebsten der Korpsbrüder kamen, die mir von den gemeinsamen Freuden erzählten und mich in ihren frohen Kreis zurückberiefen.

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