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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Göttinger Versuche und Fahrten

Heilsam für mein Nervensystem, das ich bis dahin für unzerstörbar gehalten hatte, ist die Nachtarbeit von damals allerdings schwerlich gewesen; denn wenn ich mit heißem Kopfe und in froher Erregung, ja bisweilen leicht berauscht von der Kneipe kam, die um Schlag elf Uhr verlassen werden mußte, wenn ich mit fliegenden Pulsen vom wilden Tanz auf dem »Schüttenhof«, von einem wirklichen Ball oder von einer Gesellschaft in der Familie eines Professors heimkehrte, ging es nie zur Ruhe; denn dann kam die Zeit, in der ich dem Geiste das Seine gewährte.

Juristisches wurde in jenen Nachtstunden nur im ersten Anfang der Göttinger Zeit versuchsweise getrieben; denn die Fachkollegia, die ich belegt hatte, bekamen mich recht selten zu sehen, obgleich die Knappheit der römischen Rechtsdefinitionen, mit denen mich Ribbentropps Vorlesungen über die Institutionen in Berührung gebracht hatten, mein Wohlgefallen erweckten.

Ernst Curtius, der eben nach Göttingen berufen worden war, konnte ich wegen der Stunden seiner Vorlesungen leider nicht hören. Auch mein Wunsch, mich Waitz anzuschließen, blieb unerfüllt; ich war aber in die Vorlesungen des Philosophen Lotze geraten, und sie eröffneten mir eine neue Welt. Außerdem wurde ich einer der eifrigsten Zuhörer des Professors Unger.

Wohl hätte mich sein Kolleg »Kunstgeschichte« um seiner selbst willen anziehen können, ich muß aber gestehen, daß es zunächst nur sein reizendes Töchterchen war, das mich in seine Vorlesungen führte, denn er las wegen der vorzuzeigenden Kunstblätter im eigenen Hause.

Leider bin ich der schönen Julie dort nur selten begegnet, dafür aber fand ich bei ihrem Vater den Weg in das Forschungsgebiet, dem mein späteres Leben gewidmet sein sollte.

In mehreren Stunden behandelte er fein und lebhaft die Kunst der Ägypter und gedachte dabei Champollions Hieroglyphenentzifferung.

Diese große Geistestat erweckte mein höchstes Interesse, und ungesäumt begab ich mich auf die Bibliothek, und Unger, der zu den Beamten der großartigen Göttinger Bücherei gehörte, wählte mir die Werke aus, die geeignet schienen, mich näher zu unterrichten.

Mit Champollions Grammaire hiéroglyphique, Lepsius' Lettre à Rosellini und leider auch mit einigen irreleitenden Schriften Seyffarths ging es nach Hause.

Wie oft vertiefte ich mich dann, wenn ich aus der Kneipe, aus einer Gesellschaft oder von einem Tanzvergnügen kam, in die Grammatik und versuchte Hieroglyphen zu schreiben.

Weit öfter und andauernder bemühte ich mich freilich, dem Philosophen Lotze zu folgen.

Einem in mir mächtigen Instinkt gehorsam, hatte mein ungeschulter Geist in der Seele der Menschen zu lesen versucht. Jetzt lernte ich durch Lotze den Körper als das Instrument kennen, dem die Bewegungen der Seele, dem die Harmonien und Disharmonien des geistigen und gemütlichen Lebens den Ursprung verdanken.

Ich nahm mir vor, mich später auch ernstlich mit Physiologie zu beschäftigen – denn ohne sie war Lotze nur halb zu verstehen –; und von den Physiologen ging der Streit aus, der die Gelehrtenwelt damals so stürmisch bewegte.

Besonders in Göttingen war die Luft gleichsam von Physiologischen und anderen naturwissenschaftlichen Fragen gesättigt.

In jener Zeit der traurigsten Reaktion hatten sich die politischen Zustände Deutschlands so elend gestaltet, daß man jedem Gespräch über sie gern aus dem Wege ging. In den mir nahestehenden studentischen Kreisen erinnere ich mich auch nicht einem einzigen beigewohnt zu haben.

Aber die große Frage »Materialismus oder sein Gegenteil« bewegte die Georgia Augusta, in deren Bereiche der Kampf infolge der Rede Rudolf Wagners während der Göttinger Naturforscherversammlung drei Jahre vor meinem Eintritt akutere Formen angenommen hatte, immer noch lebhaft.

Karl Vogts »Wissenschaft und Köhlerglaube« übte eine starke Wirkung durch den sarkastischen Ton, womit der Verfasser dem ruhigeren Gegner zu Leibe ging. In der redlichen Überzeugung, ein Wissender zu sein, sucht der geistreiche und lebensvolle Vorkämpfer des Materialismus die Gegner seiner Dogmen mit dem Brandmal der Lächerlichkeit zu stempeln, und was sich zu den »starken Geistern« zu gehören schmeichelte, folgte seiner Fahne.

Hegels Einfluß war gebrochen, Schellings Idealismus schon beiseite geschoben worden. Die derbe, leicht zugängliche Kost der Materialisten mundete besonders den naturwissenschaftlich gebildeten Kreisen, und Vogts Satz, daß das Denken in einem ähnlichen Verhältnis zum Gehirn stehe wie die Galle zur Leber und die Aussonderungen anderer Organe, fand um so größeren Beifall, mit je entschiedenerer Sicherheit und mit je schlagfertigerem Witz er vorgetragen und begründet wurde.

Dennoch mußte der Philosoph sich von vornherein sagen, daß die Natur der Seele sich weder mit Hilfe des Seziermessers noch unter dem Mikroskop ergründen lasse; doch die Entdeckungen der Naturforscher, die zur Erkenntnis des innigen Verhältnisses geführt hatten, das zwischen dem psychischen und materiellen Leben besteht, schien auch den ehrlichsten unter ihnen, und zu ihnen gehörte Karl Vogt in erster Reihe, das Recht zu geben, auf ihren Lehrsätzen zu bestehen.

Hie Materialismus, hie Antimaterialismus! hieß es in den gelehrten Kreisen des politisch hinsiechenden Deutschlands, ja ich erinnere mich kaum eines anderen kräftigen Wogenschlages des Geistes, der in dieser Zeit der Stagnation bemerkbar gewesen wäre.

Das einzige, was damals in unserem Vaterlande sich groß erhielt, war die gelehrte Forschung.

Die Philosophie mußte es mit Bedauern und Mißbilligung erfüllen, eine für sich bestehende Existenz der Seele von seiten einer rein empirischen Wissenschaft gleichsam fortdekretieren zu sehen, und sie führte auch die ihr zu Gebote stehenden Mittel zur Abwehr ins Feld. Der Materialismus aber sah sein Lager sich füllen, denn die Trompeten seiner Führer hatten einen helleren, zuversichtlicheren Klang als die leiseren und schwerer verständlichen Gegenrufe der Philosophen.

In den Göttinger Professorenkreisen waren indessen wenige, die sich nicht zu Wagner bekannt hätten oder in der Ablehnung des Materialismus nicht noch weiter gegangen wären als er, und mir begegneten im Dirichletschen und Baumschen Hause die größten und besten. Gegen meinen Lehrer Lotze richtete sich Vogts Eifer übrigens mit besonderer Schärfe.

Auf der Kneipe und im Kreise der Korpsbrüder kamen diese Dinge selten zur Sprache. Nur der Frankfurter George Berna, unser Mitkneipant, war ihnen näher getreten. Ich hatte sie zuerst im Dirichletschen Hause zu einem lebhaften Gedankenaustausch führen und den Professor der Chirurgie Baum aus seiner vornehm gelassenen Weise heraustreten sehen, um den Materialismus und seine Apostel aufs heftigste zu verdammen.

Einmal auf diesen Streit aufmerksam gemacht, begegnete er mir im Museum, im Gasthofe zur Krone, in Gesellschaften, im Eisenbahnwagen, ja überall, wo sich junge Gelehrte zusammenfanden.

Natürlich suchte ich mich über diese die Geister so stark bewegenden Dinge zu unterrichten und las neben den Lotzeschen Büchern die Streitschriften, die damals in aller Hände waren.

Vogts derb zugreifende, frisch sarkastische Weise fesselte mich, doch es war nicht nur die Folge der religiösen Gesinnung, die ich aus dem mütterlichen Hause und aus Keilhau mitgebracht hatte, wenn ich schon damals wahrnahm, daß hier ein scharfes Schwert mit starkem Arme geschwungen wurde, um Wasser zu zerschneiden. Die Wunden, die es schlug, wollten nicht bluten, denn sie waren einem Körper zugefügt worden, gegen den es so wenig Macht besaß wie der Teufel gegen das Kreuz. Der Geist, auf den die gute Büchse des Materialismus zielte, warf die Kugeln, womit er ihn traf, ihm ins Gesicht.

Wenn ich, bevor mir Feuerbach bekannt geworden war, ermüdet oder verdrossen die Bücher fortgeworfen hatte, griff ich auch nicht selten und oft mitten in der Nacht zu meinem großen Weltdichtungsmonstrum, meiner Tragödie Panthea und Abradat, oder etwas anderem Poetischen und begab mich erst zur Ruhe, wenn der Docht der Lampe, oft um drei Uhr morgens oder noch später, verkohlte.

Bedenke ich jetzt, wie viel schöne Zeit und gutgemeinte Arbeit mich jenes in Kottbus begonnene Gedicht kostete, und wie ernst ich es noch in Göttingen mit ihm nahm, so bedaure ich doch, der schnellen Wallung nachgegeben zu haben, die mich später antrieb, es zu vernichten.

An einen gleich groß angelegten Stoff sollt' ich mich nie wieder wagen. Es gehörte eben die Kühnheit der Jugend dazu, ihn in Angriff zu nehmen.

Von den Versen, die das Epos enthielt, vermöchte ich nur wenige Reihen zu wiederholen, der Inhalt des Ganzen, wie ich ihn in Göttingen und Hosterwitz abgerundet hatte, ist mir indes bis ins einzelne gegenwärtig geblieben, und ich denke, daß er es, wenn auch nur seiner Eigentümlichkeit wegen und als Spiegelbild eines Stückes meines geistigen Lebens in jener Zeit, doch wohl verdient, in großen Umrißlinien hier wiedergegeben zu werden.

Wer das Folgende liest, der möge der Jugend des Dichters gedenken.

Als Grund alles Bestehens setzte ich die Kraft und die Materie, die ich als formlosen Grundstoff dachte. Diese beiden hatte der göttliche Lenker einer der menschlichen Intelligenz unbegreiflichen Welt, in der die Gegenwart ein Augenblick, der Raum eine Luftblase ist, als unzulänglich für die gewaltigen Zustände und Zwecke seines Herrschaftsgebietes daraus verstoßen. Es war ihnen von dem höchsten Regenten dieser Welt über den für den Menschengeist faßbaren Welten geboten worden, eine neue, ihrer Niedrigkeit angemessene zu bilden.

Die Kraft dachte ich als Mann, die Materie als Weib. Sie standen einander feindlich gegenüber; denn er verachtete die ewig ruhende träge Gefährtin, sie fürchtete den ruhelosen, ungefügen Genossen. Aber das Gebot des Lenkers der höheren Welt zwang sie dennoch, sich zu verbinden.

Ihrem ohne Neigung geschlossenen Bunde entsprang die Erde samt den Sternen, kurz, das ganze anorganische Leben.

Als nun an diesem die Natur seines Vaters, der Kraft, sich durch ungestümes Rasen der Gestirne in wildem Hinundher durch den Raum, durch furchtbare Eruptionen und dem ähnliches betätigte, erschrak die Mutter Materie, und während sie die stammenden Weltkörper, die, einander zertrümmernd, bei ihrem tollen Laufe zusammenstießen, um sie zu besänftigen, an sich zog und die wildesten bei sich zurückhielt, erwärmte sich ihr das starre Herz durch die Glut ihrer Kinder. Zur Bewegung war sie bereits durch die Umarmung des Gatten gelangt.

So, gleichsam in einen höheren Zustand erhoben verlangte es sie nach neuen, fügsameren Kindern, und ihr Gatte, die Kraft, der sich gerne von ihr losgerissen hätte, doch sich durch tausend Fesseln an sie gebannt sah, erbarmte sich ihrer, weil sich ihre Tätigkeit und Kälte in Bewegung und Wärme verwandelt hatte, und aus ihrem neuen Bunde entsprang die Liebe.

Doch sie schien zu ihrem eigenen Unglück geschaffen.

Kummervoll schweifte sie umher und weinte und klagte, weil ihr ein Ziel fehlte, woran sie sich hätte betätigen können.

Wohl erweckte sie aus den glühenden, qualmenden Weltkörpern, die sie küßte, wohltätiges, mildes Licht, wohl veranlaßte sie einige, von dem alten Ungestüm zu lassen und die Bahnen der anderen zu achten, wohl entsprossen aus der Erde, wo ihre Lippen sie berührten. Pflanzen und Bäume, doch ihre Sehnsucht, etwas zurück zu empfangen, das ihrem Wesen entsprochen hätte, blieb unerfüllt.

Aber sie war ein holdes Kind und der Liebling des Vaters. Mit rührenden Bitten schmeichelte sie ihm die Zusage ab, die Bilder, die sie sich zum Spiele geschaffen, die der Tiere, mit seiner Natur zu beleben.

Das geschah, und es gab hinfort belebte Wesen, die Kraft und Liebe bewegten, doch wieder zur Kümmernis der Mutter; denn bald zogen sie sich stürmisch an, bald zerrissen sie einander in wilder Leidenschaft. Doch die Liebe ließ nicht ab, neue Gestalten zu bilden, bis ihr die schönste, die des Menschen, gelang.

Aber auch sie war nur von Kraft belebt und von ihrem, der Liebe eigenem Wesen, und wie die Tiere, so zerfleischten auch sie sich in wütendem Haß oder verdarben einander im leidenschaftlichen Ungestüm der Zärtlichkeit, die sie ergriff.

Die Sehnsucht der Liebe, etwas zu bilden, woran sie Genügen haben könnte, blieb unbefriedigt, und zurückgewiesen von dem rohen Vater und der trägen Mutter, stürzte sie sich verzweifelnd von einem Felsen.

Aber weil sie unsterblich war, blieb sie am Leben.

Ihr Blut benetzte die Erde. Aus ihren Wunden stieg lieblicher Duft auf, höher und höher, bis in das erhabenste der Reiche, aus dem ihre Eltern, die Kraft und die Materie, stammten, und sein unfaßbar hoher Gebieter, der von ihrer Sehnsucht nach seinem erhabenen Reiche vernommen, erbarmte sich des Kindes der Verstoßenen, das ihm gefiel, und aus dem Blute der Liebe entsproß auf seinen Wink eine Lilie, und ihr entstieg im weißen Gewände hell und leuchtend der Geist, den der Allerhöchste in die Blume hineingehaucht hatte.

Wohl stammte er aus jener höheren Welt über der unseren, doch war ihm von seiner Heimat nur noch ein ahnendes Erinnern gelassen worden, damit er die neue Wohnstätte nicht mit der alten vergleiche und sie verachte.

Sobald er der Liebe begegnete, zog es ihn zu ihr hin, und sie ergab sich mit stürmischer Leidenschaft seinem Werben. –

Doch schon bei der ersten Umarmung fröstelte sie, und den Geist ängstigte und verletzte ihre flammende Glut. Darum mieden sie einander. Jedem war bang vor der Zärtlichkeit des anderen, und doch zog es immerfort ihn zu ihr und sie zu ihm zurück.

Die Liebe fuhr fort, sich nach ihm zu sehnen, auch wenn sie ihm den Bund gekündigt und geschworen hatte, lieber mit den Tieren zu leben als mit ihm – er aber folgte oft der Sehnsucht nach seiner höheren Heimat, von deren Herrlichkeit ihm eine Ahnung geblieben, und schwang sich auf, ihr entgegen. Aber so oft er ihr auch schon ganz nahe gekommen war, wurde er doch zu der anderen zurückgetrieben. Dort einte er sich immer wieder mit seiner Gefährtin, der Liebe, und ordnete, bald in ihrer Begleitung, bald allein das Leben aller Dinge im All nach Maß und Zahl oder beseelte im Bunde mit ihr die Menschen mit seinem Odem.

Er tat es bald willig, bald ungern, bald stärker, bald schwächer, je nachdem es ihm gelungen war, bei dem Fluge aufwärts seiner erhabenen Heimat näher oder weniger nah zu kommen. War es ihm aber einmal vergönnt gewesen, bis in ihren Lichtkreis zu gelangen, dann kehrte er wunderbar erfrischt und wie im Rausche zurück. Dann fand die Liebe ihn begehrenswert über die Maßen, und wem dann beide in neuer Vereinigung ihren Odem einhauchten, aus dem ward ein Künstler.

Es gab auch eine durchweg komische Figur und eine mit manchem humoristischen Zuge in dieser Dichtung. Der Page des Geistes, der mit ihm der Lilie entstiegen war und den Tieren seinen Odem einblies, der Instinkt, war ein drolliger Geselle. Wenn er dem Fluge des Kenn folgen wollte, stürzte er schon nach den ersten Flügelschlägen zu Boden und gewöhnlich in die Nesseln. Nur wenn es auf Erden einen gemeinen Vorteil zu erzielen galt, so gelang dies dem Diener besser als dem Gebieter. Aber auch die plumpe Mutter Materie, die ich, wohl dem Verse zu Gefallen, mit ihrem griechischen Namen »Hyle« nannte, hatte mich veranlaßt, ihr einen humoristischen Anstrich zu geben. Als unzufriedene Gattin und als Schwiegermutter des Geistes forderte sie besonders dazu heraus.

Zu dem ganzen »Weltgedichte« möchte ich bemerken, daß ich, bis ich den letzten Strich daran tat, mich nie mit den verwandten Systemen der Neuplatoniker oder Gnostiker beschäftigt hatte.

Die Verse, die den Moment behandelten, in dem die Materie die glühenden Kinder ans Herz zieht und dadurch erwärmt, eine andere Stelle, in der die Menschen ohne Geist sich selbst vernichten und die Liebe sich zu opfern beschließt, und endlich der Gesang, in dem der Geist aus der Lilie steigt, und dazu noch manches andere hätt' es, glaub' ich, verdient, erhalten zu bleiben.

Wie ich dazu kam, dies mit so viel Liebe ersonnene und ausgeführte Werk zu zerstören, hab' ich bald zu berichten.

Was mich zunächst von ihm abzog, war, wie gesagt, die Beschäftigung mit Feuerbach, auf die ich durch einen Brief des Geographen Karl Andree in Dresden geführt worden war.

Ich hatte ihm über den Streit der Materialisten und Antimaterialisten geschrieben, und aus seiner Antwort ergab sich, daß er, der das Tischrücken zuerst aus Amerika nach Deutschland gebracht hatte, zu Vogt und den Materialisten neigte. Wohl sah er ein, daß ihre Beweismittel nicht ausreichten, um Fragen zu entscheiden, die sich auf das immaterielle Leben der Seele bezögen; doch hatte ihn, der sich mit erstaunlicher Schnelligkeit alles zu eigen machte, was die Forschung in seiner Zeit zutage förderte, Feuerbach für die wichtigsten Sätze Karl Vogts gewonnen.

»Dieser große Denker,« schreibt er, »zu dem sich Ihr Lotze verhält wie eine Lampe zur großen Sonne, erweist ausschließlich mit den Mitteln des logisch denkenden Philosophen die Richtigkeit des Vogtschen Satzes, daß es an der Zeit sei, mit dem Köhlerglauben zu brechen, der der menschlichen Einzelseele eine Fortdauer nach dem alles Leben vernichtenden Tode zuschreibt. Was ich den Physiologen und Philosophen auf grundverschiedenen Wegen erweisen sehe, das halte ich so gern für richtig, wie eine Erscheinung, die der Scharfsichtige mit dem Auge und zu gleicher Zeit der am schärfsten Hörende, unabhängig von jenem, mit dem Ohre wahrnimmt.«

Das leuchtete mir ein. Ich griff nach Feuerbach, und zwar zuerst nach seinen »Grundsätzen der Philosophie der Zukunft«. Später verschlang ich, was von ihm die Bibliothek zur Verfügung hatte. Anderes, wie seine eben erschienene »Theogonie« und »Das Wesen der Religion«, schaffte ich mir an.

Und ich war damals dem geographischen Freunde dankbar für seinen Rat.

Zwar schien Feuerbach mir vieles zu zertrümmern, was ich von Kind an heilig gehalten; doch meinte ich hinter dem fallenden Bauwerke das Bild der ewigen Wahrheit zu erschauen.

In einem Sinne, den ich vorher nicht geahnt, erschien mir durch diesen Denker der Mensch als Krone der Schöpfung. Mit ihm erkannte ich seine Natur als höchstes Ziel des Denkens, das sich dem außer dem Menschen Bestehenden nur zuwendet, wie der Wanderer dem Boden, auf dem sich in einer entscheidenden Schlacht das Geschick seines Volkes entschied.

Auch Vogt war gegen vieles zu Felde gezogen, was Glaube und scheue Rücksichtnahme bisher nicht anzutasten wagten. Doch mit viel schwererem Ernst führte Feuerbach die guten Waffen, denen mir auch der Geist nicht widerstehen zu können schien, weil es diejenigen waren, deren er, der Geist, sich selber bediente.

Der Schleier, den ich später sich über so Vieles bei Feuerbach breiten sah, wirkte damals auf mich wie der Nebel, aus dem hier die Türme, dort die Zinnen einer Burg hervorschimmern. Sie könnte groß sein oder klein; doch die graue Wand, die dem Auge verbietet, sich über ihre Höhe und Breite volle Klarheit zu schaffen, schmälert dem Wanderer, der da weiß, daß ein Gewaltiger die Burg besitzt und behauptet, mitnichten das Recht, sie für so groß und wohlbewehrt zu halten, wie es die Macht ihres Gebieters anzunehmen gestattet. Auch das nur scheinbar Erwiesene hielt ich für wertvoll, weil ein Reicher es gab, der über gewaltige Schätze verfügte.

Ich war sicher noch nicht reif für das Studium dieses großen Denkers, den ich später auch andere ungenügend vorbereitete und gefestigte Geister in Gefahr bringen sah. Es würde mir schwer fallen, den mächtigen Aufruhr zu schildern, in den Feuerbachs Schriften mein gesamtes inneres Leben in den Nachtstunden versetzten, in denen Blut und Nerven sich ohnehin für jeden kräftigen Anreiz empfänglicher zeigen. Als Jünger dieses Meisters galt es vieles auszuschneiden und zu reißen, was von Kind an mit starken Wurzeln und tausend Fasern und Zasern meinen gesamten inneren Organismus durchwachsen hatte, und solche Operation vollzieht sich nicht ohne Schmerzen.

Was ich in jenen Nachtstunden, nach Wahrheit suchend, in mir aufnahm, hätte mich lehren sollen, auf den Zusammenhang zwischen Geist und Körper zu achten. Indes war ich nie weiter entfernt davon gewesen. Es hatte sich in meiner Natur eine scharfe Teilung vollzogen. Ich war wie die Violen, die während der einen Hälfte einer vierundzwanzigstündigen Lebensstrecke sich schließen und während der anderen den Kelch dem Sonnenlichte öffnen. Bei Nacht führte ich in Kampf und Not ein wunderliches Innenleben für mich allein, bei Tage war das alles vergessen, wenn mich nicht – und wie selten geschah das – ein Gespräch darauf brachte.

Von dem ersten Schritte ins Freie an gehörte ich dem Leben, dem Korps, der Freude. Was Sonderexistenz, was Sterblichkeit oder ewige Tauer der Seele! Minervas Vogel ist eine Eule. Wie sie, so gehörten diese gelehrten Fragen in die Nacht. Sie sollten mir keinen Schatten auf das helle Tageslicht werfen. War ich dem ersten Freunde mit der blauen Mütze begegnet, hätte mir niemand unser schönes Kneiplied: »Fort mit den Grillen und Sorgen!« zuzusingen brauchen.

Zu keiner Zeit hatte sich die strotzende Daseinsfreude mächtiger in mir geregt. Wie früher, so drängte es mich auch jetzt oft genug, hell heraus zu jubeln und die ganze Welt zu begrüßen wie eine schöne Geliebte. Das Gefühl, als schwebe ich, überkam mich an jedem heiteren Tage – und welcher war es wohl nicht? Und dabei durchdrang mein ganzes Wesen die unbezähmbare Lust, dies kurze Erdenleben, das – Feuerbach hatte es bewiesen – mit dem Tode ein Ende nehmen sollte, auszunutzen und auszugenießen.

»Besser zechen eine Stunde,
Bis dich die Mänaden küssen,
Als ein Jahr mit zagem Munde
Nippen nur und kosten müssen«.

lautete der Schlußvers eines Trutzliedes, das ich damals dichtete.

So entfaltete denn der alte Übermut auch hier die Flügel, doch sollte er nicht immer ungestraft bleiben.

Die Mutter war vor der Adventzeit mit Paula nach Kolland gegangen und hatte mir, da ich die nächsten Ferien nicht zu Hause zubringen konnte, als Entschädigung die Mittel zu einer kleinen Reise in die großen deutschen Hansestädte bewilligt.

In Bremen war ich von der Familie meines Korpsbruders Mohr, dessen Vater der blühenden Stadt als Bürgermeister vorstand, freundlich aufgenommen worden, und ich hatte schöne Stunden in ihrem Kreise und im altberühmten Ratskeller einen unvergeßlichen Abend verlebt.

Aber ich wollte auch den Hafen der großen Handelsstadt sehen und die Schiffe, die über den Ozean in die weite Ferne fahren, nach der ich mich oft genug sehnte.

Noch ging es nicht an, dem Wanderdrange zu folgen, der mir im Blute lag, aber die Mittel, die der Mensch zu seiner Befriedigung schuf, die gab es in Bremerhaven zu sehen, und ich führte etwas im Sinne, das mich vielleicht dem ewigen Meere, das ich noch nicht mit Bewußtsein gesehen hatte, näher bringen konnte.

Seit ich in Komptendorf den ersten Hafen erlegt und das erste Rebhuhn aus der Luft geholt hatte, war die Jagdlust nicht in mir entschlafen. Wo sich eine Gelegenheit geboten hatte, sie zu befriedigen, war ich ihr gefolgt, und von Bremerhaven aus wollte ich ein Boot nehmen, das mich dem Meere möglichst nahe bringen, und aus dem ich Kormorane und jene Seeadler mit weißen Schwänzen erlegen wollte, die die Jäger am Strande zu den besten Beutestücken zählen.

In Bremen hatte ich mir eine Doppelflinte und wessen der Weidmann sonst noch bedarf, verschafft, und auf der langen Dampfschiffahrt nach Bremerhaven ertrug ich das kalte, regnerische Dezemberwetter auf dem Deck mit aller Ruhe, wenn ich der Lust gedachte, die mir bevorstand. Einsames Pirschen war mein größtes Vergnügen, und diesmal sollte es einem mir neuen Wilde gelten.

In Bremerhaven wurde ein Architekt, mit dem ich auf dem Schiffe bekannt geworden war, mein Cicerone, und führte mich, trotz seines höheren Alters, zu allen Sehenswürdigkeiten des noch jungen und kleinen, doch höchst eigenartigen Ortes, in dem sich, was auch dem Auge begegnete, auf Handel und Seefahrt bezog. Den Verkehr am Ufer hatte ich mir lebhafter gedacht, doch welche Menge von Schiffen und Booten, Masten und Essen gab es da zu schauen!

Mein Führer zeigte und erklärte mir auch den jüngst vollendeten Leuchtturm und bestieg mit mir einen der nach Amerika bestimmten Postdampfer.

Das alles war mir neu und interessierte mich lebhaft, mein Begleiter versprach aber, mir noch Merkwürdigeres zu zeigen, wenn ich die Jagdpartie aufgeben wollte.

Leider bestand ich auf meinem Willen und segelte am nächsten Morgen bei strömendem Regen und durch wallende Nebel mit einem Boote die Wesermündung hinunter und dem Meere entgegen. Doch statt Vergnügen und Beute fand ich auf dieser Fahrt nur Übelbefinden und Nässe, und in ihrem Gefolge eine schwere Erkältung.

Denke ich an diesen Jagdzug zurück, so fühle ich mich zum anderen Male feucht wie aus dem Wasser gezogen, und im weiteren Kreise um mich her sehe ich nichts wie graue Nebel, in meiner Nähe aber eine wogende Fläche, auf der kleine wirbelnde Scheiben mit einem winzigen Springquell in der Mitte tanzen oder sich wiegen. Ich wußte, daß es der fallende Regen war, der sie hervorrief, und doch schien es mir, als wollte ihre einförmige, ruhelose Anzahl mich necken. Wie elend hatte ich mich gefühlt, und doch war ich von der offenen See noch weit genug entfernt gewesen.

Was ich sonst noch bis zur Heimkehr nach Göttingen sah und erlebte, ist kaum wert der Erwähnung. Die Erkältung, die mir von der Weser aus folgte, war mit starkem Fieber verbunden und verdarb mir die ganze Reise. Nur das Theater in Hannover brachte mir, trotz meines üblen Befindens, unvergeßliche Genüsse. Ich hörte dort den noch jungen Niemann als Ivanhoe in Templer und Jüdin und ließ mich zum ersten Male von der tief durchdachten und doch so natürlichen Kunst Marie Seebachs begeistern. Auch der Stunden, die ich dort in der königlichen Reitbahn verbrachte, gedenke ich gern. Ihren Leiter, den General Meyer, halte ich in Blasewitz bei Verwandten von ihm kennen gelernt. Mit gleicher Ruhe, Sicherheit und Anmut sah ich nie wieder die Kraft des edlen Rosses zähmen und lenken wie von diesem besten Reiter Deutschlands

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