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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Als Jurist in Göttingen

Auf die Universität

In den Wochen, die dem Abiturientenexamen folgten, war ich zum Nachdenken über eine ernste Frage am letzten gestimmt.

Nach einer fröhlichen Reise durch Böhmen, die im ehrwürdigen Prag den Abschluß fand, ging es zwischen Hosterwitz, Blasewitz und Dresden hin und her. In dem schönen Elbflorenz fand ich außer den anderen meist älteren Freunden den Sohn meines Onkels Brandenstein, der als österreichischer Leutnant auf Urlaub dort verweilte. Er hatte zuerst als Seemann weite Meere durchfahren und ferne Länder gesehen, dann aber in Italien die Waffen geführt und dabei eine bunte Menge von Erfahrungen gesammelt. Ich hörte ihm besonders gern zu, und mit ihm und seinen Kameraden, die sich gleichfalls frei vom Dienste in Dresden befanden, verlebte ich manchen vergnügten Abend. Diese jungen Herren betrachteten damals die Italiener, gegen die sie gekämpft, als Rebellen, während ein Vetter des Onkels, der damalige Oberst von Brandenstein, der sich gleichfalls in Dresden befand und später im Österreichisch-Französischen Kriege 1859 und in dem von 1866 zum Feldzeugmeister aufrückte, ganz anders dachte. Dieser kluge und warmherzige Soldat verstand die Italiener und ihr Streben nach Einheit und Freiheit und beurteilte sie so gerecht und darum günstig, daß er oft genug den bescheidenen Widerspruch der jüngeren Kameraden erweckte. Von dem Hasardspiele, womit diese ihre heiteren Zusammenkünfte oftmals beschlossen, hielt ich mich zurück, weil ich weder Interesse noch Neigung dafür besaß.

Auch die alten Freunde vernachlässigte ich nicht, und zog es mich nicht ins Theater, so beschloß ich den Tag im nahen Blasewitz bei der Tante. Ich werde von dem anregenden geistigen Leben zu erzählen haben, das in ihrem gastfreien Hause herrschte.

Lange hintereinander blieb ich übrigens, um der Mutter willen, nie von Hosterwitz fern. Ich war ja auch so gern bei ihr auf dem Lande! Da gingen und fuhren wir bei Tage spazieren und sprachen alles durch, was die Vergangenheit gebracht hatte und die Zukunft zu bringen verhieß.

Weil Seiffarts gerade in Hosterwitz weilten, ließ ich mir von dem damaligen Präsidenten, der auch in Göttingen studiert hatte, mit dem Verzeichnis der Vorlesungen in der Hand, einen Stundenplan für mehrere Semester aufsetzen.

Der Geograph Karl Andree, Der Verfasser der Geschichte des Welthandels und Begründer des »Globus«, den sein tüchtiger Sohn Richard, Herausgeber des bekannten Andreeschen Atlasses, heute noch redigiert. dessen erstaunliche Kenntnisfülle fast alle Gebiete der Wissenschaft umfaßte und der mir, dem so viel jüngeren, eine an Freundschaft grenzende Teilnahme schenkte, die ich redlich erwiderte, hatte mich schon mit einem andern versehen, der, wenn ich ihm gefolgt wäre, mich zu einem Wunder der Gelehrsamkeit gemacht hätte.

War ich nur wenige Tage bei der Mutter geblieben, so rief mich ganz gewiß ein Bote, und zwar gewöhnlich gleich in Begleitung des Wagens, zu der Tante zurück.

Es lag sicherlich ein gewisser Reiz in diesem Hin- und Heroszillieren und in einem Leben, das heute mit dem Behagen der Familie bei der Mutter, morgen mit der anregenden Blasewitzer Geselligkeit, übermorgen mit dem Vergnügen des heiteren jungen Volkes am Wirtshaustisch, im Theater oder anderwärts ausgefüllt war.

Aber trotz alledem zog es mich fort in die akademische Freiheit.

Nach den juristischen Kollegien trug ich geringes Verlangen, um so freudiger aber erregte mich der Gedanke, nun bald zu Füßen eines Ernst Curtius zu sitzen und mich von Waitz in das methodische Studium der Geschichte einführen zu lassen.

Von Bruder Martin und manchem Freunde wußte ich, daß das erste Semester, besonders wenn es im Korps verbracht wird, für die Wissenschaft verloren sei; ich aber wollte zeigen, daß sich ein flottes Studentenleben sehr wohl mit dem Studium vereinen ließ. Es galt nur Stoffe zu wählen, zu denen die Neigung mich hinzog.

Lebhafte Erwartung auf freie, köstliche Tage und leidenschaftliche Wißbegier trieben mich vorzeitig dem Ziele meiner Wünsche entgegen.

Die Mutter war mit mir am Abend vor dem Aufbruch nach Blasewitz gefahren, und da gab es noch ein schönes Fest im Sommerhause der Tante, bei dem der Lyriker Julius Hammer, der gemütvolle Dichter von »Schau um dich und schau in dich«, der mir ein lieber Freund werden sollte, in begeisterten gereimten Worten die Herrlichkeit der Burschenfreiheit und die edlen Schwestern Wissenschaft und Poesie feierte.

Die feurigen Reden, die bei perlendem Schaumwein mir Herz und Geist ergriffen, klangen in mir fort, als ich mich aus den Armen der Mutter und der Frau, die mich nach ihr am meisten liebte, der Tante, befreit hatte und dem ersehnten Ziel entgegenfuhr.

Das neue Gefühl der vollen Freiheit hob mir die junge Brust, und wie wollte ich sie genießen! – Wenn je die Empfindung mich beherrscht hatte, als sei ich zum Glücke geboren, so war es bei jener Fahrt.

Ganz allein legte ich sie zurück, und sie kam mir vor wie ein Flug durch ein mir neu erschlossenes, frisch grünendes Eden. So entschlief ich, und als ich erwachte und das Frühlicht mich mit Gold und Purpurglanz begrüßte, lehnte ich mich zum Fenster des Coupés heraus, und es war mir, als ob mir und mir allein die ganze herrliche Welt gehöre, die der Zug so eilig durchbrauste, und als winke mir von jeder rosigen Wolke am Himmel und von jedem Baum am Wege her eine blühende Wonne.

Was Ermüdung ist, kannte ich nicht, und als ich in Göttingen die Kneipe des Korps Saxonia noch geschlossen fand und erfuhr, daß die ersten Herren wohl erst in drei oder vier Tagen eintreffen würden, fuhr ich nach Kassel, um die in Wirklichkeit verwandelte fürstliche Gartenphantasie auf der Wilhelmshöhe zu betrachten.

Auf dem Bahnhofe fand ich einen Herrn, der mich scharf ins Auge faßte. Auch er kam mir bekannt vor. Ich nannte meinen Namen, und im nächsten Augenblick hatte er mich umarmt und geküßt. Zwei Keilhauer Freunde waren einander wieder begegnet, und mit Sonnenschein im Herzen und am blauen Himmel besichtigten wir zusammen, was das schöne Kassel an Sehenswürdigkeiten bietet.

Als es zur Trennung kommen sollte, stellte mir der liebe Kamerad – von Born war sein Name – so lebhaft vor, wie viel alte Kameraden jetzt in Westfalen lebten und wie schön sich das Wiedersehen gestalten würde, daß ich nachgab und ihm in das mir noch fremde Heimatland unseres Barop und Middendorf folgte.

So kam es, daß die der Vorbereitung für das künftige Leben angehörende Studienzeit für mich mit einer der Vergangenheit und freundlichen Erinnerungen gewidmeten Wanderung begann.

Ein frohes Wiedersehen folgte nun in der Tat auf der »roten Erde« dem andern. In Lippstadt, wo von Born mich verlassen hatte, um mich in Dortmund wieder zu treffen – dort und in Essen blieb ich einen oder zwei Tage, und es wurden schöne Erinnerungsfeste mit den Köppelmann, Delhaes, Ernst Schmidt, Schmemann und anderen von Borns und so weiter gefeiert. Wie im Rausche verflogen die Stunden.

In Essen ging es am muntersten her. Ich gab dort viel guten Wein zu trinken; denn ich Tollkopf war die Wette eingegangen, ein unbändiges Pferd um den von Lampen beleuchteten Wirtshaustisch zu reiten, und dies frevelhafte Wagnis war mir gelungen. Ich hätte noch Verwegeneres unternommen, wenn ich dazu gereizt worden wäre; denn der alte Dämon beherrschte mich völlig, und meine frohe Daseinslust riß die alten Kameraden, die, zum Teil schon in den industriellen Unternehmungen der Ihren tätig, dem Ernst des Lebens ins Antlitz zu schauen begannen, so frisch mit fort, als hätten die sorglosen Keilhauer Tage auch für sie wieder begonnen.

Bei meiner Rückkehr nach Göttingen hatte ich immer noch einige Tage bis zum eigentlichen Beginn des Semesters zu warten, doch schon auf dem Bahnhofe wurde ich von den »Sachsen« in Empfang genommen, und noch am nämlichen Tag trug ich die blaue Mütze.

In der »Schönhütte«, einem in der Weenderstraße gelegenen Hause, in dessen erstem Stock die Kneipe des Korps gelegen war, fand ich eine hübsche, doch für ernste Arbeit möglichst ungeeignete Wohnung.

Was ich von dem Leben mit gleichgestimmten jungen Männern, die dieselbe Farbe freundschaftlich und zu gleichen Grundsätzen der Ehre und Lebensführung vereint, erwartet hatte, das fand ich aufs schönste erfüllt. Von Both, ein kraftvoller, tüchtiger, wohlbegabter Mecklenburger, ward mein Leibalter, und unter den anderen Korpsbrüdern befanden sich prächtige Leute. Die meisten waren von Adel und wohl ein Drittel von etlichen zwanzig junge Edelleute aus Kurland und Livland. Doch das liebe »Blauweißblau« hob jeden Unterschied der Geburt auf. Der Vornehmste trat für den Geringsten, der Älteste für den Jüngsten ein wie für den Bruder.

Der baltische Adel zeichnet sich seit langer Zeit durch ritterliches Wesen, einen offenen Geist und wackere Gesinnung vorteilhaft aus, und unter den »kurländischen« Korpsbrüdern wurde mir mancher, besonders aber Kleist und Bolschwing, ein lieber Freund. Außerdem waren fast alle deutsche Gaue in der Saxonia vertreten. Neben mehreren Hannoveranern, unter denen ich Fleischmanns und von Bülows am liebsten gedenke, gab es den Schwaben von Varnbüler, neben dem Pommer von Lühmann den Österreicher von Hübner, neben den Hanseaten Mohr und Gildemeister den Dresdener Grahl, neben dem Mecklenburger von Both die hessischen Prinzen von Ysenburg-Büdingen. Der ältere, Bruno, ein höchst sympathischer junger Mann, ist jetzt der regierende Fürst seiner in Oberhessen gelegenen Herrschaft. Für alle empfand ich eine aufrichtige Neigung, und wir bildeten zusammen eine stattliche Schar, die sich sehen lassen konnte.

Unter den Mitkneipanten war weitaus der am höchsten begabte der damalige Graf, jetzt Fürst Otto von Stolberg-Wernigerode, der später im preußischen Staatsdienst eine hohe Stellung einnehmen sollte. Sein in jeder Hinsicht hervorragender Begleiter, Major Streccius, hatte ihm den näheren Verkehr mit mir gestattet, und mir ahnte schon damals, daß er Bedeutendes zu leisten bestimmt war.

Unter den anderen Fürstlichkeiten, die mit dem Korps verkehrten, nahm der Erbprinz Ludwig von Hessen-Darmstadt und sein Bruder Heinrich den ersten Platz ein. Beide waren heitere und liebenswürdige Herren, die froh an allem teilnahmen, was ihnen von der frischen Lust des Studenten- und Korpslebens mitzugenießen gestattet war. Der als Großherzog verstorbene ältere Bruder ist auch als Regent seines Landes mir freundlich gesinnt geblieben. Ich sollte ihm später das Glück verdanken, mit seiner zu früh dahingegangenen Gemahlin Alice, einer der hervorragendsten Frauen, die mir im Leben begegneten, in persönliche Verbindung zu treten.

Unter den anderen Mitkneipanten stand Alfred Lappenberg, ein junger Hamburger, schon vor dem Abschluß des Studiums und zeigte sich nur selten auf der Kneipe, und doch lag in seinem Wesen eine ruhige Gediegenheit, die mich anzog.

Noch lebhaftere Teilnahme erweckte in mir der gleichfalls ältere George Berna, ein junger, höchst eigenartig begabter Frankfurter, der sich durch die Polarfahrt, die er mit Karl Vogt unternahm, bekannt machen sollte.

Beiden bin ich im späteren Leben wieder begegnet, Lappenberg in Rom und Hamburg, Berna in seiner Heimat. Die Nachricht von seinem frühen Tode ergriff mich tief; denn er war abgerufen worden, bevor ihm das Schicksal vergönnt hatte, recht zu zeigen, zu wie hervorragenden Leistungen er befähigt gewesen wäre.

O der köstlichen Stunden, in denen wir auf der Kneipe mit offener Brust sangen und schwärmten, in der wir in die schöne Umgegend zogen, auf dem Fechtboden und der Mensur Mann gegen Mann den Mut und die Geschicklichkeit bewähren sahen und bewährten. Jeder Morgen weckte zu neuer Lust, und jeder Abend beschloß einen Festtag im Lenze, den das Sonnenlicht der Freiheit und der Zauber der Freundschaft verklärte.

Was dem deutschen Korpsstudenten an Freuden blühen konnte, genoß ich in vollen Zügen.

Den ganzen Tag vom Morgen bis Abend verbrachten wir in froher Gemeinschaft. Wenigstens mit einigen Korpsbrüdern war ich immer beisammen, bald in der Stadt, bald bei Ausflügen auf dem Lande. Den Vormittag füllte der Fechtboden aus, die Mensur auf dem Ulrici, der Frühschoppen auf der Fink, der Spaziergang um die Stadt, bei dem die Herren stets eine bestimmte Richtung, die Damen aber die entgegengesetzte innehielten, so daß man sich beim Begegnen ins Gesicht schauen mußte.

Das Mittagsmahl genossen wir zusammen in der »Krone«, bei dem jovialsten aller Wirte, dem alten Betmann, auf dessen Adreßkarte das Bild eines Bettes und eines Mannes zu sehen war. Dann kam der Kaffee auf dem Museum oder in einem Lokale vor der Stadt, das Reiten oder eine neue Paukerei; oft gab es auch einen Ausflug oder die Bewirtung der zugereisten Kartellbrüder von anderen Universitäten, bisweilen ein Kolleg und endlich die Kneipe.

An manchem Abend konnte man mich auch mit einigen Freunden auf dem »Schüttenhof« finden. Da tanzten die jungen Philister mit den kleinen Bürgermädchen und niedlichen Putzmacherinnen. Die meisten waren unbescholtene Mädchen, und wie fröhlich hab' ich sie geschwenkt, bis die Musik aus war.

Die harmlosen Vergnügen konnten meinem starken Körper nicht zum Nachteile gedeihen, ja er wäre wohl auch kräftig genug gewesen, um der Ruhestunden zu entraten, die ich ihm bei nächtlicher Arbeit entzog. In noch jüngeren Jahren, auf der Prima zu Kottbus, hatte das Schaffen während der Schlafenszeit mir kaum die Frische am Morgen getrübt. Es liegt aber einmal in der menschlichen Natur, wenn ein ungewöhnliches Mißgeschick eintritt, zurückzuschauen, um in der Vergangenheit die Ursachen und die ersten Keime zu suchen. So habe ich denn auch die meiner Erkrankung vorangehende Zeit durchmustert und bin zu dem Ergebnis gekommen, daß es mir zwar nie eingefallen war, meinen Körper zu schonen, daß aber, was ihm zustieß, weit weniger auf meine allgemeine Lebensführung, in der es mir ja Unzählige straflos gleichtaten, zurückzuführen ist, als auf akute Erkältungen, von denen namentlich die erste mit sehr heftigem Fieber verlief.

Wäre ich zu einem anderen Resultate gelangt, hätte ich meinem Sohne die glückselige Zeit, die für mich zu früh unterbrochen wurde, sicherlich nicht, wie es geschehen ist, voll auszugenießen gestattet.

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