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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Herbst, Winter, Ostern und Abgang

Es war nun Herbst geworden, und diese Jahreszeit, die für mich in späteren Tagen zu der schmerzensreichsten werden sollte, war mir damals vielleicht die liebste; denn in keiner turnte und spielte es sich besser, sie brachte so köstliches Obst und häufiger ward in den Anlagen das Feuer niemals entzündet; denn es kochte und briet sich lustig an kühlen Herbstnachmittagen, und auch die Backpflaumendörre bedurfte der Heizung.

Übermütiger als der Oktober sah uns kein anderer Monat.

Während seines Verlaufes wurden die Äpfel und Birnen abgenommen, und eine alte Vergünstigung gestattete den Zöglingen »zu stoppeln«, das heißt die unversehens an den abgeernteten Bäumen hängen gebliebenen Früchte für sich in Anspruch zu nehmen. Da bewährte sich denn die Schärfe unserer jungen Augen; doch bisweilen ließ sie uns auch im Stich; denn es begegnete uns auch wohl, noch unberührte mit den abgeernteten Bäumen zu verwechseln.

»Nitimur in vetitum semper cupimusque negata« Ja, das Verbotene reizt, und das Unerlaubte, es lockt uns. ist ein gutes Wort des Ovid, dessen Wahrheit ihm, als er sie an sich selbst erprobte, die Verbannung zuzog. Uns Buben brachte es zuweilen in Konflikt mit den Besitzern der Bäume, und es war nur natürlich, wenn »Fröbels Jungen« den Bauern oft genug die Galle erregten; kam es doch, trotz des strengsten Verbotes, vor, daß ihnen sogar unser Blasrohr eine Taube fortschoß, die dann auf der Anlage gebraten wurde.

Nun hat zwar der brave Gellert gesungen:

»Genieße, was dir Gott beschieden.
Entbehre gern, was du nicht hast.«

das Volk aber sagt: »Die verbotene Frucht schmeckt am besten,« und uns Keilhauern gegenüber wär' das Sprichwort im Rechte. Es muß sich auch sehr allgemein gerade auf das Verhältnis des Knaben zum Apfel beziehen; denn in Felix Dahns Selbstbiographie fand ich, daß er auf eigene Hand, um zu den Äpfeln seines Vaters zu gelangen, in München die gleiche Untat verübte, wie wir infolge der Analogie des menschlichen Denkens und Strebens im Thüringer Keilhau.

Welche Frucht die Genesis bei der Erzählung vom Sündenfall auch meint, deutschen Kindern könnte den Ungehorsam der ersten Menschen keine besser verdeutlichen als der Apfel. Mein verehrter Kollege auch auf diesem Gebiete gebrauchte nur statt unserer zugespitzten Stoßrapierklinge ein anderes Instrument, doch band er es wie wir an eine Stange, um der verbotenen Frucht habhaft zu werden. Die Keilhauer Äpfel lagen in einem Keller, und durch seinen offenen »Hals« wurde der Spieß gestoßen. Bisweilen förderte er vier und fünf Äpfel auf einmal zutage. Sie hingen dann an der Fleuretteklinge wie der Zug Enten, die der Flintenschuß des Baron Münchhausen mit dem Ladestock durchbohrte.

Wir waren allesamt redliche Jungen, und es fiel doch keinem, ja nicht einmal den Söhnen der Anstaltshäupter, ein, dem anderen dies sich Vergreifen an fremdem Eigentum übelzudeuten oder gar zu verweisen. Der Apfel und die Moral müssen doch wohl in einem ganz besonderen Verhältnis zueinander stehen!

Kaum war die letzte Frucht gepflückt, als uns ein anderes Vergnügen winkte.

Der 18. Oktober, der Gedächtnistag an die Leipziger Schlacht, wurde in Thüringen gefeiert, indem man auf den höchsten Bergspitzen Feuer entzündete; das unsere war aber stets das größte und hellste weit und breit.

Am Abend zogen wir zu dem mächtigen Scheiterhaufen hinauf, der aus Reisigwellen, Holzblöcken und Tannenzweigen bestand, und bei dessen Errichtung die älteren Zöglinge geholfen hatten. Während dann die Lohe zum Himmel aufflammte, sangen wir in heller Begeisterung Vaterlandslieder.

Die alten Lützower Jäger, die mitgeholfen hatten, Deutschland die Freiheit zu erkämpfen, leiteten den Chor und blickten feuchten Auges auf die Knaben um sich her, die sie zu künftigen Stützen und Verteidigern des Vaterlandes erzogen.

Da kam der Winter.

Er machte sich mit Schnee und Eis in unserem Gebirgstale gewöhnlich schon in der zweiten Hälfte des November fühlbar. Wir sahen ihn gern kommen; denn er brachte die Schlittenfahrten von den Bergen, das Schlittschuhlaufen, die Schneeballschlachten, die ungelenken Schneemänner und den gelenkigsten aller Sterblichen, den Tanzlehrer von Obstfelder, der uns nicht nur in die Kunst Terpsichores einführte, sondern uns auch Anstandsregeln gab, die dem Oheim Fröbel ein Greuel gewesen wären. Die älteren unter uns nannte er »Sie«, und ich erinnere mich noch, wie er uns einmal in seiner gewählten Weise zurief:

»Auch vor Damen und in Gesellschaft dürfen Sie sich schneuzen und das Taschentuch brauchen, nur – hören Sie mich! – es muß rein sein!«

Es sollte auch bald Gelegenheit geben, das Erlernte zu benützen; denn am 29. November war Barops Geburtstag, und er wurde durch ein Tänzchen nach dem Theaterspiele gefeiert.

Wer an diesen Aufführungen teilnahm, wurde mehrere Tage vorher vom Unterricht dispensiert; denn wir richteten mit Hilfe des Sappeurs die Bühne auf und malten auch die fehlenden Kulissen mit eigener Hand. Dazu wurde so lange geprobt, bis es tadellos ging.

Von meinem Eintritt in die Anstalt an bis zum letzten Jahre bin ich bei alledem tätig gewesen, und wir drei Ebers genossen des Rufes, zu den besten Schauspielern zu gehören.

Martins Leistungen hatten die unseren allerdings weit übertroffen. Von einigen seiner Hauptrollen wurde noch nach Jahren in Keilhau geredet.

Doch wir waren auch auf eine andere Art von theatralischen Darstellungen verfallen, die uns an Winterabenden recht oft nach dem Abendessen ergötzte, wenn uns nicht von einem Lehrer vorgelesen wurde, oder wenn wir Knaben uns nicht selbst abteilungsweise klassische Dramen mit verteilten Rollen vorführten. Während ich noch zu den Kleineren gehörte, bedienten wir uns, sobald die Lust, etwas aufzuführen, in uns lebendig geworden war, des großen und vollständigen Puppentheaters, das der Anstalt gehörte, später aber zogen wir vor, in eigener Person zu spielen. Es geschah in ähnlicher Weise wie auf Anregung des Laertes bei der Wasserfahrt im Wilhelm Meister. Auf Philinens Vorschlag hatten die einzelnen Mitwirkenden freilich nur Charaktere darzustellen: der eine einen pensionierten Offizier, der andere einen vazierenden Fechtmeister, sie selbst eine Tirolerin. Man sollte sich den Anschein geben, eine Gesellschaft wildfremder Menschen zu sein, die der Zufall auf einer Marktfähre zusammengeführt hatte.

Wir Jungen schrieben gleichfalls jedem eine Rolle zu, doch bestimmten wir die Handlung weit fester.

Einer von uns, der in den Ferien daheim ein Stück gesehen hatte, teilte den anderen nämlich seinen Inhalt mit. Das Ganze wurde in Szenen geteilt, nachdem jede handelnde Person, deren Charakter genau beschrieben worden war, einen Darsteller gefunden. Ihm blieb es nun überlassen, die Aufgabe, die ihm zugefallen war, mit selbstgewählten Worten und Bewegungen zu lösen, indem er den Charakter, den es ihm darzustellen oblag, wiedergab, wie er ihn faßte, und, soweit es an ihm lag, für das Fortschreiten der vorgeschriebenen Handlung sorgte.

Ich wußte mir nichts Lieberes als diese Aufführungen, und meine Mutter, die mehreren während eines ihrer Besuche beigewohnt hatte, versicherte später, daß es erstaunlich gewesen sei, wie gut wir unsere Sache gemacht und das Stück durchgeführt hätten.

Ich bin ziemlich lange die treibende Kraft bei diesem Spiele gewesen, und es fehlte unter uns nicht an begabten Mimen, vom pathetischen Heldenspieler an bis zum drolligen Komiker. Die Frauenrollen wurden natürlich auch von uns Jungen gegeben. Ludo war ein bildhübsches Mädchen, bis er zum Liebhaberfach überging. Ich bin bald Charakterspieler, bald Bonvivant und dazu fast immer der Regisseur gewesen.

Diese heiteren Improvisationen waren sicherlich geeignet, die schöpferische Tätigkeit und Schlagfertigkeit unseres Geistes zu stärken.

Welches Vergnügen gewährten sie dazu uns und den Zuschauern, und es war gewiß nicht am kleinsten, wenn einer stecken blieb, was natürlich nicht selten vorkam. Bei den Aufführungen zu Barops Geburtstag durfte dergleichen nicht vorkommen; einmal konnte aber in Schillers Tell Rudolf der Harras nicht weiter, und da ihm nicht rechtzeitig souffliert ward, beugte er sich über den erschossenen Geßler und rief ihm, indem er sich beim Worte »Landvogt« in der Verlegenheit versprach, tiefbekümmert zu: »Herr Landrat, sind Sie denn wirklich tot?«

An vortrefflichen Requisiten fehlte es keineswegs; denn die Anstalt besaß eine große Garderobe, die uns frei zur Verfügung stand, wenn wir aufführen wollten. Das war nun während des ganzen Winters wenigstens einmal in der Woche der Fall, nur in der Adventzeit mußte alles vor den Anforderungen des nahenden Weihnachtsfestes zurückstehen.

Da galt es für die Unseren Geschenke herstellen. Die Kleineren verfertigten Papparbeiten, die Größten stellten als angehende Tischler allerlei hübsche und brauchbare Dinge her, gewöhnlich Kästchen, die in dem deutschen Keilhau seltsamerweise »Chatoullen« genannt wurden.

Ich gehörte leider nicht zu den Meistern unter den Tischlern, meinen Kasten brachte ich aber dennoch erträglich zustande; von der Hand des viel geschickteren Ludo dagegen befanden sich zwei Schatullen im Besitze der Mutter, die so sauber gearbeitet, furniert, poliert, mit Scharnieren und Schlössern versehen waren, daß sie mancher »gelernte« Schreinergeselle nicht besser herstellen konnte.

Es gehörte, wie gesagt, zu den Fröbelschen Grundsätzen, uns der »deutschen Neigung für die Arbeit der Hände« folgen und uns teils mit Hacke und Spaten (in den Anlagen), teils mit Winkelmaß, Meißel und Säge (in der Papp- und Schnitzstunde) tätig sein zu lassen.

Ein tüchtiger älterer Mann, der schon erwähnte Sappeur oder Sabûm – seinen wirklichen Namen hab' ich, glaub' ich, niemals erfahren – unterwies uns in den Fertigkeiten des Buchbinders und Schreiners. Er soll unter Napoleon als Sappeur gedient haben, in unserer Gegend sitzen geblieben sein und in Keilhau Beschäftigung gefunden haben. Er konnte alles aufs beste, was sich mit Händen herstellen läßt, und war ein vortrefflicher Lehrmeister.

Je näher Weihnachten kam, desto lebendiger ging es in den Werkstätten her, und während sonst bei der Arbeit kein Lärm gemacht werden durfte, klangen jetzt die großen Zimmer von Weihnachtsliedern wider, unter denen:

»Frisch auf nun, ihr Buben, was schlaft ihr so lang,
Die Nacht ist vergangen, die Dämm'rung bricht an,«

oder unser Berliner:

»Morgen, Kinder, wird's was geben,«

die häufigsten waren.

Weihnachtsgedanken erfüllten uns jetzt Herz und Sinn.

Es war am Heiligabend so schön zu Hause gewesen, und ich fühlte mich darum im ersten Jahre recht beklommen bei dem Gedanken, dies Fest fern von der Mutter und ohne sie feiern zu sollen. Aber nachdem wir einmal die Keilhauer Bescherung und was ihr voranging und folgte mitgemacht hatten, wußten wir nicht mehr, wo es schöner sei, dort oder daheim.

Es war auch wirklich herrlich an den Christmorgen, von denen ich zu erzählen habe.

Einmal sollte die Mutter auch dabei sein, doch war der Anlaß ihres Kommens mitnichten erfreulich.

Etwa im dritten Keilhauer Jahre hatte ich mich acht Tage vor dem Feste in der Dämmerstunde auf den Heuboden begeben, wohl um Futter für die Kaninchen zu holen. »Dabei kam es zu einem Gebalge mit meinem Begleiter, das Heu geriet mit uns ins Rutschen, und wir beide stürzten durch die Luke auf die Tenne.

Es war ein Fall, der uns leicht hätte das Leben kosten können, doch wer Kinder hat, der weiß, wie leicht der Glaube an Schutzengel entstehen konnte, die sie in besondere Obhut nehmen.

Daß wir so glimpflich davonkamen, dankten wir übrigens zunächst einem Spreuhaufen, auf den wir fielen; doch zog dieser Sturz meinem Gefährten einen inneren Schaden zu, mir aber einen Bruch beider Röhren zum Glück nur des linken Armes. Man hat in ihm auch den ersten Anlaß zu dem schweren Leiden erkennen wollen, das mir einen so großen Teil meines Lebens trübte. Doch wohl mit Unrecht; denn die Folgen hätten sich sonst früher fühlbar machen müssen.

Anfänglich tat es recht weh, doch beinahe schmerzlicher noch war der Gedanke, daß es nun um die Weihnachtslust geschehen sei. Aber wie ja oft die Tage, von denen wir das wenigste erwarten, besonders Schönes bringen, so geschah es auch diesmal. Barop hatte es für seine Pflicht gehalten, die Mutter von diesem ernsten Unfall zu unterrichten, und so schnell es sich damals machen ließ, jedenfalls zwei oder drei Tage vor dem Feste, war sie bei uns. Durfte ich auch nicht mit den anderen draußen spielen, so gab es doch im Hause mit ihr und einigen Kameraden der allerherrlichsten Freuden genug.

Die Beschaffenheit des Schmerzes, den es damals zu ertragen galt, habe ich, dank einer freundlichen Einrichtung der Schickung, völlig vergessen; wie es zu Weihnachten herging, ist mir dagegen Zug für Zug im Gedächtnis geblieben, und sollte mir auch das Schicksal noch viele Lebensjahre schenken, ich wollt' es nimmer vergessen.

Erst kam die Spannung und Erregung, wenn der Leiterwagen mit den Kisten aus Rudolstadt in den Hof einfuhr, und das Spähen nach denjenigen, die für uns bestimmt sein konnten.

Am Heiligabend, an dem uns daheim die Tischglocke zum Christbaum gerufen hatte, schlug die Vorfreude die höchsten Wogen und äußerte sich in Gesang, in lebendigerem Gespräch und hie und da in einer harmlosen Balgerei.

Tann ging es mit dem festen Entschluß, früh zu erwachen, ins Bett; aber der Schlaf der Jugend ist fester als jeder Vorsatz, und plötzlich riß uns ein ungewohntes Tönen aus dem Schlafe, vielleicht aus dem Traume von der Krippe zu Bethlehem und dem strahlenden Christbaume.

War das die Stimme der Engel, die den Hirten auf dem Felde erschienen?

Es drang uns so kräftig und doch so weich ans Ohr und ins Herz, und ob wir auch wußten, woher es kam, schien es uns doch aus einer anderen Welt zu stammen. Es war ein Weihnachtschoral. Um uns so freundlich zu wecken, war das Musikkorps der Rudolstädter Hautboisten nach Keilhau berufen worden.

Schneller sind wir wohl nie aus den Betten gekommen als in der Finsternis dieses frühen Morgens, die, wie immer, nur ein Talglicht erhellte. Hurtiger wurde das Waschen selten vollendet. Es betraf den ganzen Oberkörper, und wir verrichteten es im Winter mit Wasser, von dem manchmal die Eisrinde abgeschlagen werden mußte.

Doch diesmal half keine Eile; denn vor dem gegebenen Zeichen blieb der Einlaß in den großen Saal jedem versagt.

Endlich erklang es, und als wir uns durch die weitgeöffneten Türen gedrängt hatten, welche Herrlichkeit bot sich da dem entzückten Blick und Gehör?

Der weite Raum war mit Tannengirlanden aufs reichste geschmückt. Wo sonst das Licht durch die Fenster drang, leuchteten uns Transparentbilder, die Szenen aus dem Weihnachtsevangelium darstellten, entgegen. Christbäume – Edeltannen von stattlicher Höhe und von großem Umfang, die vorgestern noch die Zierde des Waldes gewesen waren – leuchteten im Glänze der Kerzen, die sich in den roten Wangen der blanken Äpfel und auf dem goldenen und silbernen Rund der Nüsse spiegelten. Dazu klang uns das »Stille Nacht, heilige Nacht« von den Instrumenten der Hautboisten entgegen.

Kaum hatten wir uns geordnet, als ein vielstimmiger Sängerchor unsere frohbewegten Seelen mit dem Gruß der Engel »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden« an die Weihe dieses heiligsten der Morgen mahnte. Geigen und Hörner mischten sich noch einmal in die Stimmen der Sänger, dann aber, bevor noch die erste Spur der Ungeduld das Herz der Erregtesten ergreifen konnte, schwieg die Musik. Barop trat vor und rief uns mit der ihm eigenen tiefen und ernsten Stimme zu: »Jetzt seht, welche Freuden euch die Liebe der Euren bereitet.«

Da flogen Andacht und Seelenerhebung, die doch jeden ergriffen hatten, in alle Winde, und wie ein Taubenschwarm, in den der Habicht stößt, stoben unsere Reihen auseinander, und das Suchen nach dem Platze, den ein Zettel bezeichnete, begann.

Der eine hatte seinen Namen schon erspäht, ein Kurzsichtiger ging spähend von Tisch zu Tisch, und hier und an vielen Stellen rief ein Bube dem anderen zu, was sein scharfes Auge entdeckt. Auf jedem Tische stand eine Stolle, Das feine Gebäck, das der Geistlichkeit, »der Stola,« dargebracht wurde. das sächsische Christbrot, das man in Keilhau »Schüttchen« nannte, und ein großer Teller voller Nüsse und Äpfel als Gabe der Anstalt. Daneben auf dem Tische oder am Boden erwarteten uns die Kisten von daheim. Sie waren schon geöffnet, doch das Auspacken ward uns überlassen. Es war recht so; denn welche Freude bereitete es, die einzelnen Gaben herauszunehmen, auszuwickeln, zu bewundern, zu probieren und den anderen zu zeigen. Und wie hatte die Mutter zu wählen verstanden und die Großmutter und Tante zu wählen veranlaßt! And die Gaben, die sie enthielten, galten uns auch nie allein; denn für viele, die sie in der Anstalt kennen gelernt hatte, fand sich etwas dann, von dem Schlüsselhalter für das Fräulein, das in der Wirtschaft half, an, bis zur Pfeife für den wackeren Sabûm.

Dann kam die Verwertung des neuen Besitzes auf der Schlitten- und Schlittschuhbahn und bei den angekommenen Spielen.

Es waren herrliche Tage, schon weil es an ihnen keine anderen Gesichter zu sehen gab als vergnügte, und das eigene Herz keinem anderen Gefühle Raum gab als den Himmelsschwestern Liebe, Freude und Dankbarkeit.

Erhobenen Mutes traten wir in die Arbeitszeit, die nun folgte. Es war die strengste im Jahr; denn sie mußte uns an das Osterziel, den Abschluß des Schuljahres, führen. Sie wurde auch nur durch die Fastnacht mit ihrer lustigen Maskerade und mit dem großen Tanzvergnügen unterbrochen.

Allerlei Prüfungen beendeten den Unterricht. Am Palmsonntag fand die Konfirmationsfeier statt, zu der auch die Eltern vieler Eingesegneten kamen, und an der die ganze Anstalt teilnahm; denn was ihr angehörte, bekannte sich nur zu einer, der protestantischen Konfession, nicht aus Unduldsamkeit, sondern – Barop erklärte es mir später – weil es in dem rein evangelischen rudolstädtischen Ländchen schwer gefallen wäre, für die Mitglieder eines anderen Bekenntnisses Religionslehrer zu finden.

Dann kamen die Ferien.

Sie dauerten drei volle Wochen und waren die einzige Zeit, in der wir zu den unseren zurückkehren durften. Und wie vergnügt war schon der Aufbruch und die weitere Reise!

Curionis große Gesellschaftswagen führten eine Menge von uns auf die Bahn nach Weimar, und der alte, kinderfreundliche Besitzer wußte uns immer einen Spaß zu bereiten. Einmal schwebte dem Kutscher eine bewegliche Laterne über dem Hut, ein andermal hatte er die Rosselenker statt mit dem Korne, das sie nicht führen durften, um nicht mit Postillionen verwechselt zu werden und um sich bei den Chausseehäusern freie Passage zu erblasen, mit wunderlich tönenden Pfeifen ausgestattet. Aber auch wir ließen es nicht an Übermut fehlen. Und was erwartete uns alles zu Hause außer der Mutter und den Schwestern, die uns mit offenen Armen empfingen!

Martha, die wir schon als Siebzehnjährige verlassen hatten, blieb sich immer gleich in ihrer anmutig milden Weise; Paula aber änderte sich mit jedem Jahre. Als wir einmal um Ostern heimkehrten, hatte der rundliche Backfisch sich in ein schlankes Fräulein verwandelt. In den nächsten Ferien war sie schon konfirmiert worden und trug lange Kleider. Alles Knabenhafte war von ihr gewichen, und die alte Drolligkeit mischte sich seltener in die neue, gehaltene Weise.

In das Theater, dessen Besuch Martha immer Freude machte, ging sie schon damals nur gern, wenn ernste Stücke gegeben wurden. Uns machten dagegen Possen und dergleichen viel Vergnügen. Ich erinnere mich auch noch eines politischen Schwankes, den man im Konigstädtischen Theater sehr oft wiederholen mußte, und der die Bestrebungen der Revolution verspottete. Er hieß: »Eigentum ist Diebstahl, oder der Traum eines roten Republikaners.«

Das Geld war abgeschafft worden, und es wurde nur noch Tauschhandel getrieben. Der Held wollte nun etwas Wertvolles, das mir als Uhr oder dergleichen vorschwebt, losschlagen und bekam dafür einen Waschtisch und dazu noch als Kleingeld einen ausgestopften Affen heraus. Für diese Dinge erhielt er andere, bis er das letzte für etwas von Glas umtauschte, das natürlich zerbrach.

Als der Abgeordnete Sydow gesagt hatte: »Gleich wie das Veilchen, das im Verborgenen blüht,« fiel ihm sein Kollege Bassermann ins Wort: »Ich schließe mich in allen Stücken der Meinung des Herrn Vorredners an.«

Wir standen mitten in der Reaktion, und die Barrikadenkämpfer vom 18. März klatschten, wenn das Couplet gesungen wurde, aus dem mir die Verse erinnerlich blieben:

»Oh, welch ein süß Verlangen,
An dem Laternenpfahl
Als Märtyrer zu prangen«,

lauten Beifall.

Uns war in diesen Ferienzeiten die Politik natürlich höchst gleichgültig. Wir freuten uns des Daseins, sahen Freunde und Bekannte wieder, bekamen unsere Lieblingsgerichte zu essen, und wo es ein erlaubtes Vergnügen gab, da wurde es uns gegönnt.

Gewöhnlich begaben wir uns auch am Schluß der Ferien zu der Großmutter und Tante nach Dresden.

So vergingen die Jahre, bis die Ostern 1852 kamen und mit ihnen unsere Konfirmation und meine Trennung von Ludo, der ja eine andere Laufbahn ergreifen sollte.

Einen würdigeren Abschluß für unser letztes dauerndes Beisammensein konnte es nicht geben.

Wir hatten doppelten Konfirmationsunterricht. Erstens mit den Dorfknaben zusammen beim Pfarrer von Eichfeld, zu dem die Keilhauer als Tochterkirche gehörte, dann aber auch bei Middendorf in der Anstalt.

Leider ist mir ganz entfallen, was der Eichfelder Geistliche uns lehrte. Er hieß Meyer und war ein Junggeselle mit kohlschwarzen Haaren und einem runden Gesicht, dem die dichten Bartstoppeln, auch wenn er frisch rasiert war, ein graublaues Ansehen verliehen. Und doch hatten wir einmal von den Lippen dieses hyperbrünetten Herrn den Satz vernommen: »Als ich selbsten noch ein blonder Jüngling war.« Das »selbsten«, das darin vorkommt, war eine sprachliche Angewohnheit, die der Ehrfurcht, die wir ihm schuldeten, starken Abbruch tat; denn Pfarrer Meyer bediente sich seiner so häufig, daß wir einmal mit der Uhr in der Hand zählten, wie oft er es in einer Stunde gebraucht. Ich vergaß die Summe, doch war sie groß und hatte jedenfalls zwei Nullen. Mit Anekdoten, die sich auf ihn bezogen, könnte ich Seiten füllen. Nur der einen will ich noch als Ohrenzeuge gedenken. In einer seiner Predigten kam der Satz vor: »Wie traurig würde es selbsten für uns Menschen sein, wenn es selbsten keine Menschen mehr gäbe. Wie würde ein wildes Tier selbsten das andere verschlingen usw.«

Es versieht sich von selbst, daß der Unterricht dieses Herrn keine ernste Wirkung auf uns ausüben konnte.

Der Middendorfs ergriff uns dafür um so tiefer.

Mitten durch das Leben führte er uns zu Gott und zum Heiland und von ihm aus wieder mitten in das Leben zurück.

Wie oft herrschte nach einer dieser Stunden lautloses Schweigen, erhoben sich Lehrer und Schüler mit feuchten Augen von den Plätzen.

Später fand ich an der Hand eines erhaltenen Heftes, daß er, was er uns gab, zunächst aus dem eigenen an Erfahrungen reichen Leben, aus seinem reinen, vollen Gemüte und dem Evangelium, daneben aber vornehmlich aus den Schriften seines bevorzugten Lehrers Schleiermacher schöpfte.

Durch das Anschauen, die Betrachtung des Universums mehr mit dem Gemüte als mit dem Geiste sollten wir dahin gelangen, uns einer nahen Beziehung zu Gott und unserer Abhängigkeit von ihm bewußt zu werden, und dies Bewußtsein nannte Middendorf mit seinem Lehrer Schleiermacher » Religion«.

Aber der alte Lützower Jäger, der 1813 auf der Berliner Universität die Waffen ergriff, hatte auch zu Füßen Fichtes gesessen, und so krönte er sein System, indem er wie jener erklärte, Religion sei nicht Gefühl, sondern Erkenntnis. Wer bis zu dieser vordringe, der gelange zur Klarheit über das eigene Ich (Middendorfs innere Lebensklarheit), zu völliger Einigkeit mit sich selbst und zur wahren Heiligung seines Gemütes. Auch mit Gott und der Natur wird dieser Erkennende, der nach unserem Middendorf der wahrhaft Religiöse ist, eins werden und Antwort auf die höchsten aller Fragen finden.

So hatte wohl auch Fröbels Versicherung, er habe » die Einigung des Lebens« gefunden, die Middendorf nach Keilhau geführt hatte, auf Fichte gewiesen. Dies Wort wird ihnen aus Gesprächen über diesen Philosophen geläufig gewesen sein. Für beide hat es keiner Erläuterung bedurft, da ihnen Fichte vertraut war.

Wir Konfirmanden kannten damals die Berliner Philosophen nur dem Namen nach, und Worte wie »Einigung mit sich selbst«, »ergreifen und erfüllen«, »innere Lebensklarheit« und so weiter, die jedem erinnerlich geblieben sein müssen, der dem Unterrichte Middendorfs folgte, erschienen uns anfänglich befremdlich; doch der Lehrer, dem alles daran lag, verstanden zu werden und uns keine Worte, sondern unserer Seele echte Besitztümer für das Leben darzureichen begehrte, ließ nicht nach, bis sie auch für den Minderbegabten den rechten Inhalt gewannen.

Dieser natürliche und kindliche Greis dozierte nie; er war nur im Sinne der Alten ein Pädagog, das heißt ein Knabenführer. Wenn sich auch philosophisch gefärbte Sätze in seinen Vortrag mischten, dienten sie ihm nur selbst zum Ausgangspunkte für Darlegungen, die ihm aus dem Gemüte kamen und den Weg in dasselbe fanden.

Er besaß eine umfassende Kenntnis der Religionen aller Völker, und jede schilderte er mit der gleichen Liebe und in dem Bestreben, uns ihre Vorzüge zu zeigen. Ich weiß noch, wie warm er die Forderung des Konfuzius lobte, den Nebenmenschen nicht zu lieben, sondern nur zu achten, und wie verständig und schön sie auch mir damals vorkam. Beim Buddhismus verweilte er am längsten, und es setzt mich jetzt in Erstaunen, wie gut er bei den Hilfsmitteln, die ihm in jener Zeit zu Gebote standen, die rührende Menschenliebe des Buddha und die tiefe Weisheit und Größe seiner Lehre erkannt hatte.

Aber er zeigte uns doch die anderen Religionen vornehmlich nur, um dadurch das Christentum und seine die Welt erneuernde und erlösende Kraft in ein helleres Licht zu stellen. Das Vorhergegangene diente ihm gleichsam zur Folie für das Bild, das er uns von der Religion unseres Heilandes und seiner Persönlichkeit in die Seele zu prägen wünschte.

Ob es ihm gelang, uns »zu voller Einigung« mit der ihm selbst so innig nahestehenden Persönlichkeit Christi zu bringen, mag dahingestellt bleiben; sie verstehen und lieben lernte er uns gewiß, und diese Liebe ist, obgleich ich auch der Meinung derer das Ohr lieh, die das Werden und Leben der Welt auf mechanische Ursachen zurückführen und die Gottheit für ein Erzeugnis des Menschengeistes halten, in meiner Seele nicht erkaltet bis auf den heutigen Tag.

Die Moral, auf die Middendorf uns hinwies, war einfach. Sein Wahlspruch hieß, wie ich schon zeigte: »Wahr, klar und lebenstreu«. Er hätte ihm aber noch beifügen sollen: »und mit einem Herzen voll Liebe«; denn das war es, was ihn vor so vielen auszeichnete, was ihn zum Christen im schönsten Sinne des Wortes machte, und er hat nichts verabsäumt, auch aus unseren jungen Herzen eine Keimstätte für jene Liebe zu machen.

Natürlich kam die Mutter, um unserer Einsegnung beizuwohnen, die erst mit den Bauernknaben, die sämtlich Lavendelblätter im Knopfloch trugen, in der Dorfkirche zu Eichfeld und dann durch Middendorf in dem Anstaltssaale zu Keilhau stattfand.

In weihevollerer Stimmung und williger bereit zu allem Guten sind wohl wenige Knaben zum erstenmal vor den Abendmahltisch getreten als wir beide damals zur Linken und Rechten der Mutter.

Soviel ich auch irrte, ganz verloren gegangen sind mir die Lehren und Ratschläge Middendorfs dennoch auf keiner Stufe des Lebens.

Nach der Konfirmation ging es mit der Mutter und Ludo in die Ferien, und drei Wochen später kehrte ich ohne den Bruder in die Anstalt zurück.

Er fehlte mir überall.

Seine größere Besonnenheit hatte mich von mancher Torheit zurückgehalten, mein Liebesbedürfnis ein stets gegenwärtiges Ziel in ihm gefunden. Dazu war sein bloßer Anblick eine stete Mahnung gewesen, der Mutter zu gedenken. So wie mir damals mag es dem Rosse zumute sein, das zweispännig zu gehen gewohnt ist und nun den Wagen allein ziehen soll.

Einem Westfalen namens Wilhelm Flume, der jetzt ein hochgeschätzter Arzt in seiner Heimat sein soll, und mir war ein eigenes Zimmer neben dem Saale eingeräumt worden, und wir erhielten besonders den griechischen Unterricht für uns allein.

Langethal ließ uns wacker rekapitulieren und durfte uns endlich mit dem Bewußtsein entlassen, daß wenige in der Sekunda die Ilias und Anabasis leichter übersetzen und das Gelesene besser verstehen würden als wir. Wäre er mir nicht schon so herzlich lieb gewesen, in diesem Semester, das mich dem Blinden am Häufigsten vorlesen sah, hätt' ich ihn liebgewinnen müssen.

Aber Keilhau war mir doch nicht mehr, was es gewesen. Neue Verhältnisse erscheinen der Jugend stets begehrenswert, und zum erstenmal sehnte ich mich fort, obgleich ich von dem Wohin? noch nichts wußte, als daß es ein Gymnasium sein sollte.

Dennoch liebte ich die Anstalt und ihre Leiter, wenn ich mir auch erst später vergegenwärtigte, wie großen Dank ich ihnen schuldete. Jetzt steht es mir deutlich vor Augen. Es war hier und von ihnen der Grund für mein ganzes künftiges Leben gelegt worden, und wenn ich ihn zeitweilig unter den Füßen wanken fühlte, trug die Fröbelsche Methode daran keine Schuld.

Als fertige Menschen konnte die Anstalt uns nicht entlassen, die erstrebte »Einigung mit dem Leben« läßt sich eben nur auf seinem Schauplatze, der Welt, im bunten Treiben der Mitlebenden erlangen, aber Geist und Körper waren wohl und gemäß ihrer Eigenart geleitet worden, und ich durfte mich für fähig halten, auch höhere Lehren aufzunehmen. Der Charakter war freilich noch lange nicht fest genug gestählt, um jeder nahenden Versuchung zu widerstehen; ich brauchte mich indes nicht mehr vor der Gefahr zu fürchten, die Grenze je zu überschreiten, die Fröbel den in seinem Sinne »wackeren« Menschen gesteckt hatte.

In den Kenntnissen klaffte auch für meine damalige Stellung noch manche Lücke; das, was die Franzosen » justesse d'esprit« nennen, war dafür mir wie jedem Keilhauer durch die Methode unserer Erziehung bis zu einem gewissen Grade eigen geworden.

Durfte ich mich auch nicht rühmen, »eins zu sein mit der Natur«, so hatten wir doch ein schönes Freundschaftsbündnis geschlossen, und die Wahrheit des Goetheschen Wortes, daß sie das einzige Buch sei, das auf jedem Blatte einen großen Inhalt bietet, hatte ich aus eigener Erfahrung erkannt.

Ich war noch nicht vertraut mit dem Leben, doch hatte ich gelernt, wie man sich mit offenen Augen in ihm umtut.

Ein Meister in keinem Handwerk war ich geworden, doch hatte ich mit dem Kleistertopf und Messer, mit Säge, Hobel und Meißel, ja auch mit dem Beil und der Hebestange in der Hand erfahren, was das Handwerk bedeutet, und die Hände brauchen gelernt.

Zur Einigung mit Gott war ich mitnichten gelangt, doch das Vermögen und der Trieb, sein Walten in der Natur wie im Leben zu erkennen, war mir eigen geworden; denn Middendorf hatte verstanden, uns in ein rechtes Kindschaftsverhältnis mit ihm zu führen und in unseren jungen Herzen Liebe für den zu erwecken, der die reine Flamme der Nächstenliebe in der Brust der Menschheit entzündet.

Die griechischen Worte, Αληδενειν εν αγαπη die Langethal mir in das Stammbuch schrieb und die bedeuten: »Wahrhaftig sein in Liebe«, fingen an, mir so natürlich zu werden, wie der Abscheu gegen Lüge und Feigheit es mir längst geworden war.

Fest und unauslöschlich hatte sich mir die Liebe zu unserem deutschen Vaterland in die Seele geprägt, und sie lebt darin fort, froh bereit, für Deutschlands Freiheit und Größe auch das Teuerste zu opfern.

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