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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Sommerfreuden und Wanderlust

Ganz anders, echt und allein keilhauerisch war das große Kriegsspiel, das wir »Bergwacht« nannten, und das zu meinen liebsten Erinnerungen aus jenen Jahren gehört.

Es bedurfte langer Vorbereitungen, und auch diese waren köstlich.

Auf der waldigen Fläche, die sich auf der Höhe des Kolm, ein Berg, der größtenteils der Anstalt gehörte, hinzieht, wurde an Sonnabendabenden im Sommer und bei ganz schönem Wetter, Bedingungen, die in Thüringen nicht allzuhäufig zusammentreffen, bis in die Nacht hinein Krieg geführt.

Die gesamte Zöglingsschar zerfiel dabei erst in drei, später in vier Abteilungen, von denen jede eine eigene Burg besaß. Nachdem zwei den beiden anderen den Krieg erklärt hatten, wurde so lange gefochten, bis von der einen Partei die Burgen der anderen erobert waren. Dies galt für vollbracht, sobald es einem Krieger gelungen war, den Fuß auf den Herd der feindlichen Feste zu stellen.

Der Kampf selbst wurde mit oben abgestumpften Stangen geführt, und als gefangen mußte sich jeder selbst erklären, den die Waffe eines Gegners berührt hatte. Dies, wenn es geschehen war, zuzugestehen, war Ehrenpflicht.

Bald nach unserem Eintritt in die Anstalt wurde, wie gesagt, um alle Kämpfer in Tätigkeit zu halten, zu den drei vorhandenen Abteilungen eine vierte gefügt, und für sie mußte natürlich eine Burg nach dem Muster der anderen erbaut werden. Sie hatte aus einer steinernen bedachten Hütte zu bestehen, in der fünfzehn bis zwanzig Knaben bequem Platz finden und rasten konnten, aus einer starken Mauer, die uns etwa bis an die Stirn deckte und die Vorderseite der Burg im Halbkreise umgab, sowie aus einem großen, altarartigen Herde, der sich in der Mitte des von der Mauer umgebenen halbrunden Platzes erhob.

Die Feste nun haben wir ganz allein erbaut. Nur unser Lehrer in den Handwerken, der Sappeur, genannt Sabüm, dessen ich zu gedenken habe, gab uns hier und da einen Wink. Es galt zuerst den Riß abstecken und die Fundamente legen, dann die Feldsteine mit Hilfe von Hebeln und eines zweiräderigen Steinwägeleins an Ort und Stelle schaffen, dann sie aufeinanderfügen und die Lücken mit Moos verstopfen, und endlich sie mit Tannenstämmen, die wir selbst schlugen, mit Erde, Moos und Zweigen bedachen.

Was war das für eine Lust!

Welch ein leidenschaftliches Aufbieten der Kraft und Geschicklichkeit muß es dabei zu sehen gegeben haben!

Wie lernten wir dabei so schnell das Lot gebrauchen, visieren, den Stein behauen, die Äxte führen. Und welche Freude, als das Werk gelungen war und wir den eigenen Bau überschauten. Vielleicht wären wir ohne den Sappeur nicht zu Rande gekommen, aber jeder glaubte, daß es ihm, wenn er wie Robinson auf eine wüste Insel verschlagen werden sollte, gelingen würde, sich eine eigene Hütte zu bauen.

Sobald diese Burg fertig war, galt es, Vorbereitungen für den bevorstehenden Kampf zu treffen. Die Wände und die Ringmauer der anderen mußten instand gesetzt und Übungen im Stangenfechten vorgenommen werden. Auch das geschah mit der frischesten Lust. Den Kopf des Gegners zu berühren, war verboten; es hat aber doch beim Kampf im dunklen Walde manche kleine Verletzung gegeben. Von größeren weiß ich nichts zu berichten.

Jede der vier Bergwachten hatte ihren Führer. Der Hauptmann der ersten war der Leiter des ganzen Spiels und führte statt der Lanze ein Napier. Ich empfand es als hohe Ehre, als diese Würde auf mich übertragen wurde. Sie hatte auch zur Folge, daß mein Porträt von dem »alten Anger« in das sogenannte Bergwachtbuch gezeichnet wurde, worin sich schon die Bildnisse all meiner Vorgänger befanden.

In den eigentlichen Sommermonaten richteten sich schon am Donnerstag aller Augen nach oben, um nach dem Wetter zu spähen. War es am Sonnabend schön, und Barop hatte die Zustimmung gegeben, so gab es großen Jubel in der Anstalt, und die Vormittagsstunden werden den Lehrern wenig Freude verursacht haben. Gleich nach Tisch sorgte jeder für seine Stange und für alles, was sonst zur Bergwacht gehörte. Unter Leitung des Hauptmanns wurden auch die Bündnisse geschlossen. Mit der Koalition, sagen wir der ersten und dritten gegen die zweite und vierte Bergwacht, sollte der Kampf beginnen und ihm ein anderer der beiden ersten gegen die letzten folgen. Aber dagegen erhob sich Einspruch, und es wurde entschieden, abzuwarten, wem der erste Sieg zufiel.

Kurz, bevor die Sonne zur Küste ging, versammelten wir uns im Hofe. Barop hielt eine kleine Ansprache, in der er uns ermahnte, wacker zu kämpfen und vor allem die Gesetze zu halten und uns willig gefangen zu geben, sobald uns die Stange des Gegners berührte. – Dabei versäumte er es nie, uns einzuschärfen, daß wir, wenn das Vaterland einmal des bewaffneten Armes seiner Söhne bedürfe, ebenso freudig in den Kampf ziehen möchten, wie jetzt zu der Bergwacht, die uns zu seiner Verteidigung geschickt machen solle.

Dann setzte sich der Zug in guter Ordnung in Bewegung, und freiwillig spannten sich vier oder sechs Zöglinge vor die Wägelein, die die Bierfässer den Kolm hinaufführten. Mit hellem Gesang stiegen wir aufwärts, und droben warteten unser schon die Frauen mit einem Imbiß. Dann verteilten sich die Streiter, die Feuer wurden auf jedem Herde entzündet, der Kriegsplan des näheren besprochen, einige zum Rekognoszieren hinausgeschickt, andere zur Verteidigung der Burg zurückbehalten.

Endlich begann der Kampf. Und was nun im Walde, was im Bereiche der Festen vor sich ging, wie könnt' ich es jemals vergessen! Kein Indianerstamm auf dem Kriegspfade spannt die Sinne schärfer an, um den Feind zu belauern, ihn zu umgehen und zu überraschen. Und das Handgemenge! Welche Freude, wenn es gelungen war, ungesehen aus dem bergenden Dickicht hervorzubrechen und von den überraschten zwei, drei, vier mit der Stange zu treffen, bevor sie an Verteidigung dachten! – And die schwere Selbstverleugnung, wenn man sich trotz der tapfersten Gegenwehr getroffen fühlte, es einzugestehen und sich als Gefangener fortführen zu lassen.

Der Wald war lebendig geworden.

Stimmen, Rufe überall und ein fünffacher Feuerschein, der das Dunkel durchbrach. Ein fünffacher; denn auch bei den Frauen, die das Abendmahl rüsteten, lohten Flammen dem reinen Himmel entgegen. Bei den Burgen war das Licht am hellsten, erscholl am lautesten das Geschrei der Kämpfer.

Schon ward eine jede belagert.

Da galt es, die für die Angreifer noch unbewachten Stellen zu erspähen und die Verteidiger zu beschäftigen, damit ein Kamerad es wagen durfte, die Mauer zu überspringen und den Fuß auf den Herd zu stellen; da mußte die Besatzung das Auge offen halten, um dies zu verhindern. Doch die Getroffenen und Gefangenen mehrten, die Zahl der Kampffähigen verminderte sich.

Und was war das?

Ein gellender Jubelruf durchschmetterte die Nachtluft.

Es war einem Streiter gelungen, ungeschlagen in die feindliche Burg zu dringen und den Fuß auf den Rand des Herdes zu setzen.

Wär' ich ein Maler, ich wollte den blondlockigen Max von Mühlen, den wir Klothilde riefen, weil er ein Buch besaß, in das seine Schwester Klothilde ihren Namen geschrieben, und weil sein weiß und rotes Gesicht so mädchenhaft hübsch war – ja, ihn wollte ich malen, wie er triumphierend die Lanze schwang und, bestrahlt vom Feuer des Herdes, auf dessen steinernem Bord sein Fuß stand: »Erobert, juchhe! Erobert!« in die Nacht hineinjauchzte. Ich bin ihm als Offizier wieder begegnet, und liest er diese Zeilen, so erinnert er sich wohl der Bergwacht, die ich meine.

Zwei oder dreimal wiederholte sich die wonnige Lust des Kampfes, und wurde ihm gegen Mitternacht ein Ende bereitet, dann lagerten wir uns, glühend vom Streite und geschwärzt vom Rauche der Herdflammen, auf der Waldwiese um das Feuer der Frauen. Butterbrot mit Fleisch und Käse, harte Eier und andere gute Dinge mundeten herrlich, und dabei kreisten die Becher mit schäumendem Bier. Ein Vaterlandslied und noch eins wurde gesungen, und endlich zog sich jede Bergwacht in ihre Burg zurück und streckte sich auf das Moos aus, um unter der mitgenommenen Decke zu schlafen. Nur zwei gingen als Posten wachthabend auf und nieder, um nach einer halben Stunde abgelöst zu werden, bis das zeitige Frühlicht des Sommersonntags den Osten erhellte.

Da erscholl das »Huup«, der Keilhauer Ruf, der uns, wo wir auch sein mochten, zur Anstalt zurückzwang. Ein Choral, der Rückmarsch, ein Bad im Teiche, und endlich die köstlichste Rast, wenn das Glück es fügte, auf den Heuhaufen, die noch nicht eingefahren waren. Aber auch auf dem Bette, das zu meiner eigenen Anlage gehörte, ruhte es sich gut, und man war verständig genug, uns an dem der Bergwacht folgenden Sonntag auch vom Gang in die Kirche zu dispensieren, wo wir doch nur geschlafen hätten. Dem bloßen Schein zu Gefallen pflegte Barop, der sonst streng auf den Besuch des Gotteshauses hielt, nichts von uns zu fordern.

Wird mir derjenige, der sich in die Freuden dieser Nächte hineinzuversetzen vermag, verdenken, daß mir das alternde Blut schneller durch die Adern rinnt, da ich sie mir ins Gedächtnis rufe?

Und das Bett auf dem Boden meiner eigenen Anlage?

Dies Bett, es war meine eigenste Erfindung. Seine Herstellung erregte ein gewisses Aufsehen unter den Kameraden und Lehrern; ich aber verdanke ihm viele gute Stunden.

Meine eigenen Känoe hatten es verfertigt. Es bestand aus Holz und Steinen und war mit einer dicken Moosschicht belegt, die sich am Hauptende in schräger Richtung, um den Kopf angenehm zu stützen, ein wenig erhob. Es sah anderen Betten ähnlich; die Anlagen bedürfen jedoch einer Erklärung; denn sie waren eine Keilhauer Besonderheit, eine Wohltat, die unsere Leiter den Zöglingen gewährten.

An dem der Anstalt zugewandten Abhange desselben Kolm, auf dem unsere Bergwachtburgen standen, in mittlerer Höhe des Berges, war jedem Knaben ein Stück Land angewiesen worden, worauf er erbauen, hacken, graben, pflanzen durfte, was er nur mochte. Sie vererbten sich von einem auf den anderen, und Ludos und meine hatten Martin und einem anderen Zöglinge gehört, der mit ihm die Anstalt verließ.

Was die Vorgänger dort geschaffen hatten, wollte mir indes nicht genügen. Die schöne Waldrebe, die sich um eine Tanne rankte, schonte ich, doch an Stelle eines Blumenbeetes und einer Bank, die ich vorfand, erbaute ich mit Ludo einen Herd und für mich allein das schon erwähnte Bett, das der Bruder indes natürlich mitbenutzen durfte.

Auf dem ersteren wurde mancherlei gekocht und gebraten, das Bett aber war von der erwähnten Tanne beschattet, und es ruhte sich köstlich darauf. Wie viele Stunden habe ich auf seinem weichen Moospolster verbracht, um zu lesen oder um zu träumen oder mir Dinge auszudenken, Dinge! Oh, könnt' ich mich ihrer noch genau erinnern, ganz genau, wie ich sie damals aus mir herausspann, oder wie ich sie mir entgegenwachsen und schweben zu sehen meinte – ich glaube, daß daraus Dichtungen werden würden – Epen und Märchen! ... Nur mit der Ordnung, der Folge der Begebenheiten, der »Exposition« war es übel, aber doch bunt und kraus bestellt; – indessen ...

Herr Gott! wir haben dir wohl auch dafür, wie für so viel anderes, zu danken; aber warum darf man nur einmal jung sein, nur einmal so glückselig, so hochgetragen von den gewaltigen Schwingen einer nimmermüden Einbildungskraft, so leicht mit sich selbst zufrieden, so übervoll von Glauben, Liebe und Hoffnung, so empfänglich für jede Freude und so blind und verschlossen für und vor Sorgen, Bedenken und allem, was den Sonnenschein in der lichten Seele zu trüben oder gar auszulöschen droht?

Du liebes Bett auf meiner Anlage in Keilhau, eigentlich solltest du mich wegen eines Ausspruches des kundigen Barop aus späterer Zeit zu einer bedenklichen Selbstschau veranlassen; denn er sagte, doch wohl ohne meines moosigen Ruheplatzes zu gedenken: »Aus der Art und Weise, wie die Zöglinge ihre Anlagen benützen, und aus den Dingen, die sie darauf herstellen, kann ich mit gutem Erfolg auf ihre Sinnesart und ihre Neigungen schließen.« Aber du, liebe Bank, solltest dennoch den schönsten Platz in meinem Garten finden, wenn du mir nur in jeder Woche auf ein halbes Stündchen die Träume zurückgeben wolltest, die mich als Vierzehn- und Fünfzehnjährigen auf deinem graugrünen Polster umfingen!

Den Herd und was auf ihm bereitet wurde, verschmerze ich leichter. Es waren Kartoffeln, die wir da in Asche rösteten, waren selbstgefangene Meisen und von unseren eigenen Kaninchen erzeugte Junge, die wir an hölzernen Spießen brieten. Außerdem machten wir aus jenen vorzüglichen Thüringer Zwetschgen, die Heinrich Heines Wohlgefallen während seiner Wanderung zu Goethe so lebhaft erweckten, Backpflaumen auf einem eigens dazu hergestellten Dörrofen und kochten bisweilen Kaffee und Schokolade, wozu die sogenannten »Freßkisten« der Mutter, der Großmutter und der Tante Brandenstein in Dresden das Material geliefert hatten. Diese Liebesgaben der Unseren waren trotz der guten Anstaltskost immer höchst willkommen, und es fehlte uns selten an einem kleinen Gaumentrost von zu Hause, weil wir mit einigen Freunden in »Freßkameradschaft« getreten waren, und, was für uns und jene ankam, als Gemeingut betrachtet wurde.

Gab es auf der Anlage einen Kaninchenbraten oder dergleichen, so veranstalteten wir auch wohl einen »Schmaus«, und der Dorfschulmeister Bock lieferte dazu das Getränk, von ihm selbst verfertigten Apfelwein, der so gesund war wie sauer.

Außer den Kaninchen durften wir auch einen Ziegenbock halten, den wir von Martin geerbt hatten. Er stand im Stall eines Bauern, den wir Suckchen nannten, obgleich er eigentlich Ziener hieß. Seine Frau war ein krummes, altes Weibchen, doch hatte sie noch eine Tochter, ein hübsches Kind, das etwa im fünfzehnten Jahre starb. Als ich am Tage darauf zu unserem Bocke ging und der trauernden Mutter mein Bedauern aussprach, gab sie dem gewiß redlichen Kummer in den folgenden Worten, die mir unvergeßlich blieben, Ausdruck: »Ja, und sie war doch schon so gut wie eine schlechte Magd.«

Ich habe des Rudolstädter Schützenfestes mit seinem Volksgedränge, seinem musikalischen Lärm, seinen Karussells und den im Freien auf Rösten hergestellten vortrefflichen Bratwürsten, denen eine aufgeschnittene Semmelzeile zum Bette diente, noch nicht gedacht und manches andere Ergötzliche geflissentlich übergangen. Dennoch muß ich mich jetzt schon fragen, woher wir nur die Zeit zu all diesen Sommerfreuden nahmen.

Außer einigen Tagen um Pfingsten gab es freilich von Ostern bis zu den ersten Septembertagen keine Ferien. Aber schon im August bewegte uns ein Gedanke, eine frohe Aussicht die Herzen.

Die alljährliche Herbstreise stand vor der Tür.

Nachdem wir in Reisegesellschaften geteilt worden waren und erfahren hatten, welche Lehrer uns begleiten würden, was uns außerordentlich wichtig erschien, übten wir uns die schönsten Lieder tüchtig ein, und an manchem Abend erzählte uns Barop oder Middendorf von den Gegenden, durch die wir kommen würden, von ihrer Geschichte und den Sagen, die sich an sie knüpften.

Dabei half ihnen der Lehrer Bagge, ein poetisch begabter jüngerer Geistlicher von großer äußerer Schönheit und mit einem offenen Herzen für das innere Leben der ihm anvertrauten Knaben. Er unterrichtete uns in der deutschen Sprache und Literatur, und zwar ganz vortrefflich. Vielleicht, weil er in mir eine gewisse dichterische Begabung erkannt zu haben meinte, wurde ich in geradezu auffallender Weise von ihm bevorzugt. Er würdigte mich sogar, mir seine eigenen Gedichte vorzulesen und stellte mir besondere Aufgaben im Versmachen, die er, hatte ich sie gelöst, mit mir durchging. Mein erstes größeres Gedicht, das ich aus freiem Antriebe, ohne Aufforderung des Lehrers, vollendet hatte, behandelte die zauberhaften Stalaktitengebilde der Sophienhöhle in der Fränkischen Schweiz, die wir besucht hatten. Leider ging das Heftchen, worin es stand, und das ich lange bewahrte, verloren; ich erinnere mich aber noch der folgenden Verse, die sich auf die arbeitsamen Geister beziehen, die ich als Bildner der wunderbaren Tropfsteingestalten bezeichnet hatte:

»Sie schufen Meßgewänder und einen Hochaltar
Und gossen in die Kessel der Felsen hell und klar
Geweihten Wassers Fluten, und bei der Fackel Licht
Zeigt sich auf ihrem Spiegel mein eigenes Gesicht.
Und als ich es betrachte, erscheint es mir so klein,
Mir ist, als spotte seiner der Riese dort von Stein.
Ja, lache nur, du alter, du großer Goliath!
Ich wandre gleich und singe, du bleibst an deiner Statt.«

Diese Dichtung gedachte noch manches anderen Stalaktitengebildes, doch weigert sich das Gedächtnis, mir mehr davon wiederzugeben, und es jetzt aus dem Eigenen zu ergänzen, wäre sinnlos.

Wenn Herr Bagge predigte, hätte mich nichts vom Kirchenbesuche zurückgehalten, nicht nur, weil er so schön und der erste Geistliche war, den ich mit einem Vollbarte die Kanzel beschreiten sah, sondern mehr noch, weil seine natürlichen, von Pathos freien Predigten mir wie den meisten von uns die Seele bewegten. Ich bin ihm später in Nieder-Füllbach bei Koburg in einem am Saume eines königlich belgischen herrlichen Parkes höchst poetisch gelegenen Pfarrhause als Pastor wieder begegnet und wurde aufs herzlichste von ihm aufgenommen. Leider ist er, nachdem er zu höheren Würden berufen worden war, im besten Mannesalter gestorben.

Auch ein anderer Lehrer war uns ein erwünschter Reisebegleiter. Er hieß Schaffner, und auch er mit seinem vollen schwarzen Barte war ein stattlicher Mann. Was ihn mir besonders interessant machte, war der Umstand, daß er als Student im akademischen Korps an der Wiener Revolution teilgenommen hatte und so gut zur Gitarre zu singen als zu erzählen verstand.

Für diejenigen Zöglinge, die sich den Realien widmeten, wie mein Bruder Ludo, muß er, der Mathematiker der Anstalt, ein besonders klarer und tüchtiger Lehrer gewesen sein; ich hatte nur kurze Zeit Unterricht bei ihm, und seine Wissenschaft war leider stets meine schwache Seite. Jedenfalls hatte Barop, als er ihn berief, eine glückliche Hand gehabt; denn er verstand es auch, mit uns umzugehen, und gewann, nachdem er einige Schwierigkeiten überwunden hatte, unser volles Vertrauen. Kurz vor meinem Abgang heiratete er eine jüngere Schwester der Frau Barop und gründete die Keilhau verwandte Erziehungsanstalt zu Gumperda bei Schwarza in Thüringen.

Herr Vodoz, ein frischer, heiterer, kraftvoller Schweizer, mit einem wahren Lockenwald auf dem Kopfe, unser Französischlehrer, gehörte gleichfalls zu den allerbeliebtesten Führern, und das nämliche galt von Doktor Budstedt, der in den klassischen Sprachen Unterricht erteilte. Schön war er nicht; dafür verdiente er es aber, daß Langethal ihn eine »anima candida« nannte. Er besaß ein wahrhaft kindisch harmloses Gemüt, und die Heiterkeit der redlichen Seele strahlte ihm aus den kleinen hellen Augen. Aufzubrausen pflegte er bei dem geringsten Anlaß, doch war er schnell wieder versöhnt. Man konnte sich nichts Behaglicheres denken als ihn, wenn er uns mit der geliebten, stark zerkauten Zigarre im Munde etwas erzählte, dabei seiner Gewohnheit gemäß den Bart strich und nach jedem dritten Satze fröhlich aufkicherte und die Finger mit den kurz abgebissenen Nägeln betrachtete. Als Lehrer tat er, denk' ich, voll seine Schuldigkeit, doch weiß ich über seine Art und Methode nichts mehr zu berichten.

Die Reisegesellschaft, die Barop begleitete, war stolz auf diese Ehre. Middendorfs Alter gestattete ihm nur noch, die Kleinsten, die die kürzesten Märsche machten, zu führen.

Wenn der September kam, war es nichts mehr mit dem Unterricht, und am zweiten oder dritten wurden auch schon gewöhnlich die Tornister gepackt. Middendorf wollte sie »Ranzen« oder »Ränzel« genannt wissen, weil »Tornister« ein ungarisches oder türkisches Wort sei. Auch für den Wanderstab sorgte ein jeder.

Diese Reisen führten die Kleineren in den Thüringer Wald, die Fränkische Schweiz, den Harz, nach Sachsen und Böhmen, Nürnberg und Würzburg, die Größeren darüber hinaus nach Bayreuth und Regensburg bis Ulm. Die Großen in der ersten Reisegesellschaft, deren Führung Barop gewöhnlich selbst übernahm, dehnten die Wanderungen bis in die Schweiz aus.

An fast alle Stätten, die wir damals besuchten, führten mich spätere Jahre zurück, und einiger, an die sich für mein Leben bedeutsame Erinnerungen knüpfen, werde ich später zu gedenken haben. Was die empfangenen Eindrücke angeht, würde es mir nicht gelingen, sie aus dem Gedächtnis wiederzugeben, ohne sie mit späteren zu vermengen.

So weiß ich recht wohl, wie Nürnberg auf mich wirkte, und wie außerordentlich es mir gefiel. Ich spreche das auch in der Reisebeschreibung aus – aber in dem Verfasser der »Gred«, der diese köstliche Stadt oft wieder aufsuchte und sich mit dem Leben in der Zeit ihrer mittelalterlichen Blüte vertraut gemacht hatte, ist aus den kindlichen Eindrücken etwas ganz Neues geworden. Dennoch sind sie unzertrennlich von der Entstehung und dem Inhalt des Nürnberger Romans.

Die alten Reisebeschreibungshefte, die die Wanderzeit von zwei bis drei Wochen vom ersten bis zum letzten Tage behandeln, hob die Mutter auf, und sie boten mir ein gewisses Interesse, besonders weil sie bewiesen, wie geschickt unsere Führer auch bei dieser Gelegenheit Fröbels Grundsätzen gerecht zu werden verstanden.

Unsere Wanderbücher erläutern auch im einzelnen, was dieser Erzieher unter dem Worte »Einigung mit dem Leben« verstand; denn wir wurden keineswegs nur auf schöne Aussichten oder prächtige Bau- und Kunstwerke hingewiesen, sondern überall, wo bemerkenswerte öffentliche Institute oder große industrielle Anlagen der Besichtigung offen standen, zu ihnen hingeführt. Die Lehrer hatten ernstliche Sorge zu tragen, daß wir das Geschaute verstanden.

Auch auf die Feldbestellung, den Bau der Bauernhäuser, die Wagenbespannung, die Voltstrachten und so weiter wurden wir hingewiesen.

Dies brachte uns allerdings mit dem Leben außerhalb der Schule in Zusammenhang. Es öffnete uns die Augen für Dinge, nach denen der nach der Schablone erzogene Gymnasiast kaum fragt, und die doch von so hoher Bedeutung sind für die Gesellschaft, der wir angehören.

Das materielle Leben war verständig geordnet.

Während der Rastzeit um Mittag gab es ein kaltes Frühstück, und erst am Abend wurde ein reichliches warmes Mahl genossen.

In großen Städten speisten wir in guten Hotels an der Wirtstafel und wurden, wie in Dresden, Prag und Koburg, ins Theater geführt.

Aber nicht selten übernachteten wir auch auf dem Dorfe, und dann wurden Stühle umgekehrt, gelockerte Strohbündel auf die Lehnen und über die Dielen gebreitet, und eingewickelt in den Plaid, den fast jeder über den Tornister geschnallt trug, schliefen wir, nur halb entkleidet, nach manchem köstlichen Unsinn wie im weichsten Bette.

Während des Marsches wurden gewöhnlich Wanderlieder gesungen, darunter auch ganz sinnlose, wenn es sich nur nach ihrem Takt gut marschierte. Manchmal erzählte uns einer der Lehrer unterwegs eine Geschichte. Schaffner und Bagge konnten es am besten, aber recht oft trafen wir auch andere Wanderer und ließen uns mit ihnen in ein Gespräch ein.

Bisweilen wurden Gedichte gemacht, das heißt wir reimten Knittelverse, die sich auf die Mitglieder der Reisegesellschaft mit Inbegriff der Lehrer bezogen und auch harmlosen Spott enthalten durften. Wem etwas einfiel, der gab es zum besten, und wurde es akzeptiert, so schrieb es der Protokollführer in sein Notizbuch.

Im Quartier wurde das Produkt dieser peripatetischen Reimtätigkeit zum besten gegeben, und mir sind noch Verse wie die folgenden, die bei strömendem Regen den Humor frisch erhielten, im Gedächtnis geblieben:

»Schaffner Der obenerwähnte Lehrer. mit trübem Sinn
Schreitet durch den Regen hin.
Ein Tropfen fällt ihm auf den Bart,
Wie feucht ist doch die Gegenwart!
Soll es mal feucht sein, denkt er sich.
Wär' es mir lieber innerlich.«

Wie köstlich ist die Erinnerung an dies Wandern!

Es geht langsam vorwärts zu Fuße, aber man sieht dabei nicht nur zehnmal besser als aus dem Wagen oder gar aus dem Fenster eines Eisenbahncoupés, nein, man hört und erfährt auch etwas, wenn man mit den Handwerksburschen, den Hausierern, Bürgern und Bauern redet, die desselben Weges ziehen, oder von den Wirten, Schenkmädchen und Tischgenossen, wenn man in Gasthäusern einkehrt, in denen man nach der Sitte des Landes lebt, nicht nach der internationalen Schablone unserer großen Hotels.

Wird durch das Veloziped die deutsche Wanderlust und das Wanderlied aus der Welt geschafft werden?

Und wie herrlich mundet Speise und Trank, wie schläft es sich nach den Anstrengungen des Tages!

Bei der Heimkehr in die Anstalt wurden wir froh empfangen, und was hatten die verschiedenen Reisegesellschaften, die nun wieder vereint waren, sich alles zu erzählen!

Der Unterricht begann erst wieder am ersten Oktober, und in der freien Zeit bis dahin wurde die Kirchweih des Dorfes mit vielen Kuchen und dem Tanz der Bauern, in den wir als größere uns auch zu mischen wagten, unter der Dorflinde gefeiert. Mehrere Stunden jeden Tages mußten wir aber der Reisebeschreibung für die Lieben daheim widmen. Eine jede füllte ein stattliches Heft und mußte sauber abgeschrieben werden. Das kam der Fähigkeit, Selbsterlebtes wiederzugeben, mehr zugute als ein Dutzend Aufsätze, die vorher mit dem Lehrer durchgegangen worden waren.

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