Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectida53e036e
Schließen

Navigation:

Die Begründer der Keilhauer Anstalt und ein Blick auf die Geschichte des Instituts

Die drei Begründer unserer Anstalt: Friedrich Fröbel, Middendorf und Langethal sind mir noch wohlbekannt, und die beiden letzteren meine Lehrer gewesen.

Fröbel war entschieden »der Meister, der es ersann«.

Als wir nach Keilhau kamen, zählte er schon sechsundsechzig Jahre. Er war ein Mann von hohem Wuchs, mit einem Gesichte, das mit einem stumpfen Messer aus braunem Holz geschnitten zu sein schien.

Wegen der langen Nase, des starken Kinns und der großen Ohren, hinter die er das in der Mitte gescheitelte lange Haar strich, wäre er entschieden häßlich gewesen, hätte ihm nicht sein: »Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!« so einladend aus den hellen Augen geschaut. Man fragte überhaupt kaum danach, ob er hübsch sei oder garstig; denn seine Züge trugen so entschieden den Stempel der ihm eigenen geistigen Bedeutung, daß man bei seinem Anblick sich zuerst bewußt ward, es mit einem hervorragenden Manne zu tun zu haben.

Ich muß aber gestehen – und sein Porträt stimmt mit meinem Vorstellungsbilde zusammen –, daß sein Gesicht keineswegs den Eindruck hervorrief, als gehöre es einem Idealisten und Gemütsmenschen an, der er doch war; es erschien vielmehr vor allem klug und in schweren Kämpfen um die verschiedensten Interessen gefurcht und verwittert. – Aber seine Stimme und, wie gesagt, sein Blick hatten etwas ungemein Gewinnendes, und seine Macht über das Herz des Kindes war unbegrenzt. Mit wenigen Worten konnte er den scheusten Knaben, den er an sich zu ziehen wünschte, völlig gewinnen, und so kam es, daß man ihn, wenn er nur wenige Wochen unter uns geweilt hatte, nie über den Hof gehen sah ohne eine Schar von kleineren Zöglingen, die sich ihm an die Rockschöße gehängt hatten und ihm Hände und Arme umklammerten.

Gewöhnlich war es ihnen darum zu tun, ihn zum Erzählen zu bewegen, und wenn er sich dazu herbeiließ, strömten auch ältere herbei, und sie wurden niemals enttäuscht. Welches Feuer, welches Leben hatte dieser Greis sich bewahrt! Wir nannten ihn den »Oheim«, nie anders. Das Wort »Onkel« konnte er als »welsch«, denn es ist ja allerdings aus avunculus und oncle entstanden, nicht leiden. Bei der hohen Wertschätzung, die er der »Tante« zollte – er nannte sie neben der Mutter »den wichtigsten Erziehungsfaktor in der Familie« – mochte ihm unser »Oheim« besonders genehm sein.

Er war durchaus ein Selfmademan. Als Sohn eines Pfarrers zu Oberweißbach in Thüringen geboren, hatte er eine traurige Kindheit erlebt; denn die Mutter war früh gestorben, und er bekam bald darauf eine Stiefmutter, die ihn höchst zärtlich ans Herz zog, bis sie eigene Kinder bekam. Dann aber begann eine unsagbar traurige Zeit für den auch von dem Vater, den sein träumerisches und eckiges Wesen verdroß, zurückgestoßenen Knaben. Doch in dieser Vereinsamung erwachte sein Sinn für die Natur. Er beobachtete Pflanzen, Tiere, Mineralien, und während das junge Herz sich vergebens nach Liebe sehnte, hätte er sich gern selbst liebreich erwiesen, doch sein verschüchtertes Wesen ließ es nicht dazu kommen.

Die Seinen mögen ihn für ein recht unliebenswürdiges Kind gehalten haben, als sie ihn, der es vorzog, in stiller Zurückgezogenheit ein Tiergerippe in seine Bestandteile zu zerlegen, als mit den Eltern zu verkehren, im zehnten Jahre nach Stadt Ilm auf das Gymnasium schickten.

Der dortige Pfarrer Hoffmann, sein Onkel, beherbergte ihn. Die Schwiegermutter dieses Geistlichen, die den Hausstand führte, nahm sich seiner aufs herzlichste an und half ihm das scheue Wesen besiegen, dem er während der Vereinsamung der ersten Kinderjahre anheimgefallen war. Diese gute Frau machte ihn zuerst mit jener mütterlich weiblichen Pflegsamkeit vertraut, deren eingehendere Beobachtung ihn wie Pestalozzi zu dem Wunsche einer Reform der Jugenderziehung führte.

Im sechzehnten Jahre kam er zu einem Förster in die Lehre; doch hielt er es nicht lange bei ihm aus. Er hatte indessen im Walde einige mathematische Kenntnisse erworben und sich mit Feldmesserei beschäftigt. Mit dieser Fertigkeit und ähnlichen Arbeiten fristete er das Leben, bis er nach siebenjährigem Umherirren nach Frankfurt am Main ging, um die Anfangsgründe des Baufaches zu erlernen. Dort aber führte ihn die Schickung mit dem Pädagogen Gruner, einem Anhänger der Pestalozzischen Methode, zusammen, und dieser welterfahrene Mann rief ihm nach der ersten Unterhaltung zu:

»Sie müssen Schulmeister werden!«

Es ist mir so oft im Leben begegnet, daß ein Wort zu rechter Zeit und an der rechten Stelle genügte, um dem Schicksal eines Menschen eine neue Wendung zu geben, und das des Frankfurter Erziehers fiel als zündender Funke in die Seele Fröbels.

Vollkommen hell und deutlich sah er jetzt vor sich, was sein Beruf war.

Die unsteten Wanderjahre, in denen er, ganz auf das eigene unreife Ich gestellt, ungeliebt und kaum beachtet, von einer Stelle zur anderen gestoßen worden war, hatten in seinem warmen Herzen die Sehnsucht erweckt, andere vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Ihm, der von keiner freundlichen Hand geleitet worden war und der sich elend und mit sich selbst in Zwiespalt fühlte, hatte die Frage, wie man das junge Menschenkind zur Einigung mit sich selbst führen und zu männlicher Tüchtigkeit erziehen könne, schon längst keine Ruhe gelassen. Gruner zeigte ihm, daß ihr bereits andere den besten Teil ihrer Kräfte gewidmet, und bot ihm Gelegenheit, sich an seiner »Musterschule« als Lehrer zu versuchen.

Fröbel ergriff dieses Anerbieten mit Freuden, warf jeden Gedanken an das Baufach weit hinter sich und gab sich mit dem ihm eigenen Enthusiasmus dem neuen Berufe in einer Weise hin, die Gruner veranlaßte, »das Feuer und Leben« zu rühmen, das er in den Schülern zu erwecken verstehe. Er überließ es denn auch Fröbel, die Lehrpläne zu verfassen, die der Frankfurter Senat für die »Musterschule« verlangte, und wußte ihn zwei Jahre an seine Anstalt zu fesseln.

Als sich dann eine Frau von Holzhausen nach einem Manne umschaute, dem man die Fähigkeit zutrauen durfte, ihre verderbten Söhne auf den rechten Weg zurückzuführen, und Fröbel ihr empfohlen worden war, trennte er sich von Gruner und löste seine Aufgabe mit seltener Treue und wahrhaft genialem Geschick. Die auch körperlich verkommenen Kinder genasen unter seiner Leitung, und die dankbare Mutter ließ ihn von 1807 bis 1810 als Hofmeister bei ihnen. Er wählte sich Yverdun, wo Pestalozzi damals wohnte, zum Aufenthaltsort und machte sich aufs innigste mit seiner Erziehungsmethode vertraut. Im ganzen konnte er sich ihm anschließen, in einigen Punkten ging er aber, wie schon bemerkt ward, weiter als der Schweizer Reformator. Diese Jahre nannte er selbst seine »Universitätszeit als Pädagog«; sie führten ihm aber auch die Mittel zu, die in Jena begonnenen naturhistorischen Studien fortzusetzen. Zu diesem Zwecke hatte der Bedürfnislose einen Teil des Hofmeistergehaltes zurückgelegt, und es war ihm vergönnt, von 1810 bis 1812 in Göttingen besonders die astronomischen und mineralogischen Kenntnisse zu einem gewissen Abschluß zu bringen. Doch der Wunsch, sich als Pädagog wieder zu bewähren, verließ ihn nie, und als ihm 1812 eine Lehrerstelle im Plamannschen Institut zu Berlin dargeboten wurde, nahm er sie an. In den Mußestunden widmete er sich mit Vorliebe der Turnerei, und es leuchteten ihm noch in späten Jahren die Augen, wenn er von dem alten Jahn, seinem Freunde, und der politischen Erhebung Preußens erzählte.

Als der Aufruf »An mein Volk« die deutsche Jugend zum Kampfe rief, war Fröbel schon in das einunddreißigste Lebensjahr getreten, doch das hinderte ihn nicht, sein Amt aufzugeben und als einer der ersten zu den Waffen zu greifen. Mit den Lützower Jägern zog er ins Feld, und bald nach dem Ausrücken lernte er unter den Kameraden die Studenten der Theologie Langethal und Middendorf kennen. Als die jungen Freunde nach dem Pariser Frieden sich trennten, gelobten sie einander ewige Treue. Jeder verhieß feierlich, dem Rufe des andern, wenn es darauf ankam, zu folgen.

Sobald er die dunkle Uniform der schwarzen Jäger ausgezogen hatte, erhielt Fröbel eine Stellung als Kustos an der Mineraliensammlung der Berliner Universität, und er bewährte sich so gut, daß ihm von Schweden aus eine Professur für Mineralogie angeboten wurde. Aber er schlug sie aus, denn eine andere Vokation war an ihn gelangt, die abzulehnen ihm Pflicht und Neigung verboten.

Sein Bruder, Pfarrer in dem Thüringer Dorfe Griesheim an der Ilm, starb und hinterließ drei Knaben, die des Erziehers bedurften. Die Witwe wünschte nun dem Schwager Friedrich dieses Amt anzuvertrauen, und einer seiner Brüder, der als Landwirt in Osterode wohnte, zeigte sich geneigt, seine beiden Söhne gleichfalls dem heranzubildenden Kleeblatt beizugesellen. Als Fröbel im Frühling 1817 seine Stellung aufgab, bat ihn Freund Langethal, auch seinen kleinen Bruder Eduard unter die Zöglinge aufzunehmen, und so war dem begeisterten Jünger und Genossen Pestalozzis der höchste Herzenswunsch erfüllt. Er war nun Vorsteher einer eigenen Erziehungsanstalt für heranwachsende Knaben, und aus den sechs ersten Zöglingen mußten, wie er mit dem so vielen genialen Menschen eigenen festen Zutrauen auf den Stern des Gelingens hoffte, bald zwanzig und mehr werden. Dazu befanden sich unter den ihm anvertrauten Knaben trefflich begabte; denn aus dem einen wurde Julius Fröbel, der vielgewandte Gelehrte und Politiker, der auch dem Frankfurter deutschen Parlament von 1848 angehörte, aus einem andern der Jenaer Professor der Botanik Eduard Langethal.

Allein konnte der neue Anstaltsvorsteher den Unterricht nicht erteilen, doch brauchte er den Kriegskameraden Middendorf nur an das ihm gegebene Wort zu erinnern, um ihn zu bestimmen, seine schon dem Abschlusse nahen Studien in Berlin zu unterbrechen und sich ihm zuzugesellen. Auch auf Langethal hatte er es abgesehen, falls seine Hoffnung in Erfüllung gehen sollte. Er wußte, welchen Schatz er in diesem seltenen Manne für seine Zwecke gewinnen konnte.

Es herrschte große Freudigkeit in dem kleinen Griesheimer Kreise, und der Thüringer (Fröbel) bereute keinen Augenblick, seine sichere Lebensstellung aufgegeben zu haben, der Westfale (Middendorf) aber sah hier das Ideal verwirklicht, das ihm Fröbel bei manchem Wachtfeuer mit zündenden Worten in die Seele geprägt hatte.

Wie es um diese beiden bestellt war, gibt der folgende Satz aus dem Schriftchen des »ältesten Zöglings« vortrefflich wieder:

»Der Ernst des Lebens war ihnen beiden reichlich zu teil geworden; mit höherer Weihe, die eine tiefe Religiosität heiligte, kehrten sie aus dem Kampfe zurück. Der Gedanke, dem Vaterlande auch ferner bei Entbehrung und Entsagung ihre Kräfte zu weihen, war in ihnen zum festen Entschlusse geworden; und Abwege, auf welche damals so manche junge Männer gerieten, lagen ihnen fern. Nur der Jugend, der jungen Generation ihres Vaterlandes, galt ihr Wirken. Diese wollten sie in harmonischer Ausbildung des Körpers und Geistes erziehen. Auf diese Jugend übte nun jener reine vaterländische Geist einen mächtigen Einfluß aus. Wenn man sich dabei nun der großen Gewalt erinnert, die Fröbel, sobald er nur wollte, auf alle Menschen, besonders aber auf Kinder, ausüben konnte, so wird man natürlich finden, daß ein Kind, in diesen Kreis plötzlich versetzt, seine ganze Vergangenheit vergessen konnte.«

Als ich in den nämlichen, doch schon vielfach modifizierten und auf feste Grundlage gestellten Kreis aufgenommen wurde, erging es mir ähnlich. Es war nicht nur die freie Luft, der Wald, das Leben in der Natur, das den neuen Keilhauer so gewaltig fesselte, sondern der sittliche Ernst und der ideale Schwung, der das Leben weihte und erhob. Dazu kam jene »nervenerquickende« Vaterlandsliebe, die hier alles durchdrang und an die Stelle der verflachenden Philanthropie des Basedowschen Erziehungssystems getreten war.

Aber Fröbels Einfluß sollte auch bald wie mit magnetischer Kraft den Mann anziehen, der unter Blut und Eisen ein Bündnis mit ihm geschlossen hatte und bestimmt war, dem neu errichteten Gebäude der Anstalt die rechte Festigung zu verleihen.

Ich meine Heinrich Langethal, den geliebtesten und einflußreichsten meiner Lehrer, der neben Fröbels fördernde Genialität und Middendorfs liebenswürdige Gemütstiefe als der Charakter und zugleich als der durchgebildete und vollendet geschulte Geist trat, dessen die Leitung der Anstalt so nötig bedurfte.

Es ist gestattet, an der Hand seiner Selbstbiographie und vieler anderen Dokumente dem Leben dieses seltenen Erziehers Schritt für Schritt von seiner ersten Kinderzeit an zu folgen, doch darf ich hier nur in großen Zügen das Bild des Mannes zu entwerfen versuchen, dessen Einfluß auf mein gesamtes inneres Leben bis auf den heutigen Tag ein geradezu entscheidender wurde.

Die Erinnerung an ihn macht mich geneigt, dem Worte beizupflichten, für das eine hohe Frau mich zu gewinnen versuchte – nämlich daß unser Leben weit häufiger durch den Einfluß einer hervorragenden Einzelpersönlichkeit als durch Erlebnisse, Erfahrungen oder eigene Reflexionen eine bestimmte Richtung gewinne.

Langethal ist mehrere Jahre lang mein Lehrer gewesen.

Als ich ihn kennen lernte, war er völlig erblindet, und sein Auge, das einst im Kriege hell und mutig dem Feinde entgegen, im Frieden so gewinnend denen, die er liebte, ins Antlitz geschaut haben soll, hatte den Glanz verloren. Aber seine schönen Züge waren wie verklärt von jenem heiteren Ernste, der dem Greise eigen zu sein pflegt, der – wenn auch nur mit dem Blicke des Geistes – auf ein wohl und würdig ausgefülltes Leben zurückschaut, und der den Tod nicht fürchtet, weil er weiß, daß Gott, der alles zu demjenigen Ziele führt, das seiner Natur angemessen ist, auch für ihn kein anderes bestimmte.

Seine hohe Gestalt konnte sich mit der unseres Barop messen, und seine wohllautende Stimme war von besonderer Tiefe. Es wohnte ihr, wenn er, selbst erregt, unsere jungen Seelen mit der eigenen Begeisterung zu erfüllen wünschte, eine hinreißende Macht inne. Wie eine stille Mahnung zum Guten und Hohen zog dieser Blinde, der nichts mehr zu befehlen und anzuordnen hatte, durch unser frohes und lärmendes Leben. Außer dem Unterricht erhob er auch nie die Stimme zu Gebot oder Tadel; doch folgten wir gehorsam seinen Winken. Ihn führen zu dürfen, war jedem eine Ehre und Lust. Er machte uns mit dem Homer bekannt und lehrte uns alte und neueste Geschichte. Heute noch gereicht es mir zur Freude, daß keiner von uns es sich auch nur einfallen ließ, sich bei seinem Unterricht einer Eselsbrücke oder eines Ablesezettels zu bedienen, obgleich er das Licht völlig verloren hatte und wir vor ihm übersetzen und ganze Abschnitte aus der Ilias auswendig lernen mußten. Das zu tun wäre uns so schmählich erschienen wie die Beraubung eines unbewachten Heiligtums oder die Mißhandlung eines verwundeten Helden.

Und er war ja ein solcher!

Wir wußten es aus den Berichten seiner Kriegskameraden und konnten es seinen Erzählungen aus dem Jahre 1813 entnehmen, die so lebhaft und doch so bescheiden klangen.

Wenn er den Homer erklärte oder alte Geschichte lehrte, wohnte ihm eine besondere Weihe inne; denn er gehörte zu den wenigen Auserwählten, denen die Schickung die Augen öffnete für die ganze Schönheit und Erhabenheit des griechischen Altertums und seiner Werke. – Ich habe auf der Universität manchem berühmten Interpreten der hellenischen und römischen Dichter und manchem großen Historiker gelauscht, aber keiner ließ mir so bestimmt den Eindruck des Mitlebens mit den Alten zurück wie Heinrich Langethal. Es lag auch etwas ihnen Kongeniales in seiner lauteren, hochgestimmten, nach Schönheit und Wahrheit dürstenden Seele, und dazu war er aus der Schule des berufensten Lehrers hervorgegangen.

Auch äußerlich eignete eine besondere Vornehmheit diesem hohen Greise, und doch hatte seine Wiege im Haufe eines schlichten, wenn auch wohlhäbigen Handwerkermeisters gestanden. Er war 1792 zu Erfurt geboren. Schon früh hatte ihm der verständige und für seinen Stand mit guten Kenntnissen ausgestattete Vater den Unterricht eines jüngeren Bruders, des oben erwähnten späteren Jenaer Professors, übertragen, und der Knabe war mit solchem Ernst und Geschick dabei vorgegangen, daß andere Eltern gebeten hatten, ihre Söhne an diesen Lehrstunden teilnehmen zu lassen.

Nachdem er das Gymnasium absolviert, wünschte er nach Berlin überzusiedeln; denn es bestand in Erfurt wohl noch die einst so berühmte Universität, doch war sie elend verkommen. Die Schilderung, die er von ihr entwirft, ist halb traurig, halb ergötzlich; denn sie wurde damals von dreißig Studenten besucht, für die siebzig Professoren angestellt waren. Trotzdem hatten manche Schwierigkeiten überwunden werden müssen, um ihm die Erlaubnis zu verschaffen, die Berliner Universität zu besuchen; denn das Gesetz gebot jedem Erfurter, der später Ansprüche auf ein Amt zu erheben gedachte, wenigstens zwei Jahre in der damals französischen Vaterstadt zu studieren. Allen Hindernissen zum Trotz fand er doch den Weg nach Berlin und wurde an der neu begründeten dortigen Hochschule als erster Student aus Erfurt 1811 immatrikuliert. Er wollte sich der Theologie widmen, und Neander, de Wette, Marheineke, Schleiermacher usw. mußten allerdings eine mächtige Anziehungskraft auf einen jungen Mann üben, der sich der »Gelehrsamkeit« zu widmen wünschte.

Im Kolleg des letzteren lernte er Middendorf kennen. Beiden hatte er anfänglich wenig abgewinnen können. Schleiermacher war ihm zu vermittelnd und zu wenig klar erschienen, »er macht Schleier«, und von dem jungen Westfalen hatte er bei der ersten Begegnung nur gedacht: »Ein netter Kerl«. Aber mit der Zeit lernte er den großen Theologen verstehen, und der »Lieblingslehrer« wurde auf ihn aufmerksam und zog ihn auch in sein Haus.

Aber weit mächtiger als von Schleiermacher war er erst von Fichte, dann von Fr. August Wolf angezogen worden. Wenn er von diesem sprach, verklärten sich seine ruhigen Züge, und das blinde Auge schien sich zu erhellen. Dem großen Forscher, der seinen Schülern den Sinn für den unerschöpflichen Schatz an großen Ideen und den Schönheitszauber schärfte, den das klassische Altertum in sich schließt, dankt er sein Bestes, und wäre es ihm gestattet gewesen, der eigenen Neigung zu folgen, hätte er der Theologie den Rücken gewandt, um sich mit ganzer Kraft philologischen und archäologischen Studien zu widmen.

Die homerische Frage, die Wolf mit Goethe in Verbindung gebracht hatte, und die damals die ganze Gelehrtenwelt bewegte, hatte auch Langethal so tief ergriffen, daß er noch als Greis sich nichts Lieberes wußte, als uns auf sie hinzuweisen und uns mit den Resultaten seines Nachdenkens über die »Für« und »Wider«, die ihn an die Seite des verehrten Lehrers führten, bekannt zu machen. Den Vorlesungen über die vier ersten Gesänge der Ilias des Homer, die Usteri später herausgab, war er gefolgt, und – ich habe noch lebende Zeugen – er wußte sie alle vier von Vers zu Vers auswendig und korrigierte uns, wenn wir sie lasen oder hersagten, als hätte auch er sein Exemplar in der Hand.

Allerdings schärfte er das ohnehin vortreffliche Blindengedächtnis, indem er sich diese Gesänge wiederholentlich vorlesen ließ; doch nicht sie allein waren ihm gegenwärtig. Ich meinte, er wüßte alles auswendig, was die größten unter den griechischen Dichtern gesungen, wenn er mir erlaubte, im Freien oder in seinem Zimmer ihm vorzulesen.

Seine glückselige Heiterkeit will ich nicht vergessen, als er meinem Vortrag der Wolfschen Übersetzung der Acharner des Aristophanes folgte; aber auch mich machte es glücklich, daß er gerade mir gestatte, ihm die lieben blinden Augen zu ersetzen. So oft er mich dazu berief, trug er das Buch schon in der Seitentasche des langen Rockes, und rief er mir mit einem ausdrucksvollen Winke sein: »Komm mit, Bär!« zu, dann wußte ich schon, was mir bevorstand, und ich hätte dafür mit Freuden das schönste Spiel preisgegeben, obgleich er sich bisweilen Bücher vorlesen ließ, deren Verständnis mir keineswegs leicht ward. Ich zählte damals vierzehn und fünfzehn Jahre.

Brauch' ich zu bemerken, daß der Verkehr mit diesem Manne es war, der mir die Liebe für das Altertum ins Herz pflanzte? Sie hat mich durch das ganze Leben bis auf diesen Tag begleitet, und auch die dürre Mißhandlung der Klassiker, der ich in der Sekunda des Gymnasiums mit ausgesetzt war, vermochte sie nur auf kurze Zeit zurückzudrängen. Sie sollte übrigens schon auf der Prima neue Nahrung empfangen.

Auch Langethal führte die Erhebung des preußischen Volkes aus der Universität in den Krieg.

Erst trug das Gerücht die Kunde von dem Untergang der großen Armee auf den Eisfeldern Rußlands nach Berlin. Dann erschienen ihre Überreste, verkommen, gebrochen, zerlumpt in der Hauptstadt, und die Straßenjungen, die von den französischen Soldaten vor nicht gar langer Zeit gezwungen worden waren, ihnen die Stiefel zu putzen, riefen ihnen jetzt wenig edel – es waren ja »Straßenjungen« – mit bitterem Hohn: »He, Musje, Stiefel putzen?« entgegen.

Dann kam die Nachricht von der »Konvention« Yorcks und endlich, endlich – machte der unschlüssige König dem Zaudern und Bedenken, das wohl jedem das Blut erregte, der Droysens klassische Lebensbeschreibung des Feldmarschalls Yorck kennt, ein Ende. Es erscholl von Breslau aus der Aufruf »An mein Volk«, der wie die warme Lenzsonne das Eis zerschmolz und in den Herzen der deutschen Jugend ein Sprießen und Blühen sondergleichen erweckte.

Die Schneeglöckchen, die in jenen Märztagen des Jahres 1813 erblühten, läuteten den lang ersehnten Tag der Befreiung ein, und der Ruf: »Zu den Waffen!« fand den lautesten Widerhall in den Herzen der akademischen Jugend. Er erregte auch dem jungen, doch schon damals besonneneren Langethal die Brust und tat ihm kund, was seine Pflicht war. Doch es stellten sich ihm Schwierigkeiten entgegen; denn der aus Erfurt stammende Pfarrer Ritschel, dem er sich anvertraute, warnte ihn, an den Vater zu schreiben. Erfurt, sein Geburtsort, stand ja noch unter französischer Herrschaft, und wenn er dem Vater schriftlich seine Absicht vertraute, und der Brief ward in der »schwarzen Stube« mit anderen verdächtigen Poststücken geöffnet, so konnte es dem Manne, dessen Sohn sich zum Hochverrat, zum Kampf gegen seinen Landesherrn – das war Napoleon, der Kaiser von Frankreich – anschickte, das Leben kosten.

»Woher die Uniform nehmen, wenn der Vater nicht hilft und Sie zu den schwarzen Jägern wollen?« fragte der Pfarrer, und die Antwort lautete:

»Mein Mantelkragen gibt die Hosen, der Mantel bekommt einen roten Kragen, mein Rock ist schnell schwarz gefärbt und zur Uniform aufgestutzt, und von Waffen hab' ich schon den Hirschfänger.«

Da rief der wackere Geistliche: »So ist's recht!« und schenkte dem jungen Freunde zehn Taler.

Auch Middendorf meldete sich ungesäumt bei den Lützower Jägern und mit ihm der Sohn des Professors Bellermann, dem Jahn für die Trefflichkeit des Korps gebürgt hatte, sowie ihr gemeinsamer Freund Bauer, trotz seines zarten, wie es schien, keiner Anstrengung gewachsenen Körpers.

Wie hoch gingen damals die Wogen der Begeisterung, wie beflügelte sich jede Hoffnung!

Dazu goß Jahn frisches Öl in das ohnehin hell brennende Feuer, und mit glühenden Farben malte die begeisterte Jugend sich aus, wie das werden müsse, wenn Napoleon gestürzt und Deutschland ein unbesiegbar gewaltiges, freies, einiges Reich, und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erwacht sei, gleichviel ob unter Preußens oder Österreichs Zepter.

Und während sie so in Zukunftsträumen schwelgten, kam die Nachricht, Professor Lange in Breslau hätte Weib und Kind verlassen, um sich den Kämpfern zu gesellen. Ein Traum habe ihn veranlaßt, den Entschluß sogleich in die Tat umzusetzen, und die Verse, in denen er zum Ausdruck gebracht hatte, was jenes Gesicht ihm gezeigt, waren schon zur Hand, und mit hochloderndem Enthusiasmus sangen die zum Streit entschlossenen Jünglinge gemeinsam das neue Lied, das so lebhaft wiedergab, was jeder im eigenen Herzen empfand:

»Es heult der Sturm, es braust das Meer,
Heran ihr Sorgen groß und schwer,
Heran bei Wetter und Regen!
In unsern Adern jauchzt die Lust,
Wir deutschen Männer werfen die Brust
Euch keck und kühn entgegen.«

Und sie, die Jünger der Wissenschaft, deren Hand statt des Schwertes die Feder geführt, deren Arm statt der Büchse nur Bücher nach Hause getragen, stürmten mitten hinein in den brausenden Kriegslärm: »Lützows wilde, verwegene Jagd.«

Am 11. April brachen sie auf, und während der Frühling draußen und in der jungen Brust grünte und knospte, erschloß sich in den Herzen dieser drei Kämpfer für die gleiche heilige Sache auch eine neue Freundschaftsblüte; denn Langethal und Middendorf fanden ihren Fröbel. Es war in Dresden, und der Bund, der dort geschlossen wurde, sollte sich nimmer lösen, und sie hielten auch unentwegt fest an den Idealen der Jugend, bis allen dreien in hohen Jahren das Auge brach. Ein Teil der Güter, die dem Volke verheißen worden waren, als sie in den Kampf zogen, hatten sie ihm noch sieben Lustra später, 1848, zuteil werden sehen. Die Verwirklichung ihres schönsten Jugendtraumes, die Einigung Deutschlands, mitzuerleben, war ihnen nicht mehr vergönnt.

Ich muß es mir versagen, den Kriegstaten und Märschen des Lützower Korps zu folgen, die bis Aachen und Oudenarde führten; doch sei hier bemerkt, daß Langethal es bis zum Feldwebel brachte, der den Dienst eines Oberleutnants zu verrichten hatte, und daß gegen Ende des Feldzuges Middendorf mit dem Leutnant Reil abgeordnet wurde, um Blücher zu veranlassen, das Korps in die Avantgarde aufzunehmen. Der alte Heerführer tat ihnen den Willen, hatten sie doch ihre Tüchtigkeit erwiesen, als sie den Sieg an der Göhrde erfochten, wo an 2000 Franzosen gefallen waren und man ebenso viele gefangen genommen hatte. Der Anblick des Kampfplatzes war dem weichen Gemüt Middendorfs unerträglich erschienen. Er hatte diesen Feldzug poetisch gefaßt, als eine Heerfahrt gegen den Erbfeind. Nun ihm aber der Krieg mit der ganzen Gräßlichkeit seines blutigen Antlitzes in die Augen geschaut hatte, verfiel er in Schwermut, aus der er sich nur mühsam herauszuringen vermochte.

Nach dieser Schlacht waren die drei Freunde im Schloß Göhrde einquartiert worden und genossen dort schöner Rasttage nach monatelangen schweren Strapazen und großen Entbehrungen; denn es war glänzend eingerichtet, und die jungen Krieger ruhten dort auf weichen Betten und wurden vortrefflich verpflegt. Da kam es denn auch zur Aussprache über vieles, was sie einzeln erlebt und innerlich erfahren.

Sie waren gemeinsam als äußerste Vorhut gegen den dreimal stärkeren Davoust benützt und furchtbar angestrengt worden. Wie es sich im Bette schläft und an einem Tische sitzt, hatten sie völlig vergessen. Ein Nachtmarsch war dem anderen gefolgt. Das Essen hatten sie oft in den Kesseln mitgenommen und erst bei der nächsten Rast verzehrt, und das in aller Heiterkeit; denn der frohe Jugendmut ging nicht aus in den frischen, begeisterten Herzen. Gegen die Härte des Lagers auf freiem Felde half die Müdigkeit, und Gemüse zu dem zähen Kuhfleisch, das geliefert wurde, gaben die nächsten Äcker und Gärten. Es fehlte sogar nicht ganz an geistiger Nahrung; denn es wurde durch Vertauschung der Bücher eine kleine Feldbibliothek ins Leben gerufen. Später erzählte uns Langethal von der Nachtruhe in einem Graben, die verhängnisvolle Folgen nach sich ziehen sollte. Todmüde war er bei strömendem Regen vom Schlafe überwältigt worden, und erst als er erwachte, bemerkte er, daß er bis an den Hals im Wasser liege. Sein feuchtes Bett, der Graben, hatte sich während der Rast allmählich mit Wasser gefüllt, sein Schlafbedürfnis war aber so groß gewesen, daß ihn auch das steigende Naß nicht erweckt hatte. Schon am nächsten Morgen war er von einer Augenkrankheit befallen worden, als deren Folge er die spätere Blindheit betrachtete.

Am 26. August stand dem Korps eine Verbesserung der Verpflegung in Aussicht; denn vierzig Proviantwagen wurden von Davoust nach Hamburg dirigiert, und diese galt es zu nehmen. Der Handstreich gelang, die schwarzen Jäger erbeuteten unter anderem vortreffliche Zwiebacke in Menge, aber was hatte man dafür gezahlt! Theodor Körner, den edlen Sängerjüngling, dessen Lieder die Erinnerung an das Lützower Korps lebendig erhalten werden, so lange noch deutsche Knaben und Männer sein

»Du Schwert an meiner Linken«

singen und die Stimmen höher erheben werden bei dem Refrain des Lützower Jägerliedes:

»Und wenn ihr die schwarzen Gesellen fragt:
Das ist, das ist Lützows wilde, verwegene Jagd.«

Langethal sah die Leiche des Sängers von »Leier und Schwert« und des »Zriny« zuerst unter einer Eiche bei Wöbbelin – doch er sollte ihr unter anderen Umständen noch einmal begegnen. Er gedachte ihrer in seiner Selbstbiographie, und mehr als einmal hörte ich ihn seinen Besuch der Leiche Theodor Körners schildern.

Er war in Wöbbelin einquartiert worden und teilte das Zimmer mit einem Oberjäger von Behrenhorst, dem Sohne des Generalpostmeisters in Dessau, der die Schlacht bei Jena als junger Leutnant mitgemacht hatte, dann aber mit verdüstertem Gemüt heimgekehrt war. Nach dem Aufrufe »An mein Volk« hatte er sich ungesäumt als Gemeiner in das Lützower Korps einstellen lassen und es schnell zum Oberjäger gebracht. Während des Krieges war er Langethal und Middendorf öfter begegnet, doch hatte er, ein stiller, abgeschlossener, für seine Jahre überernster Mann, sich so eng an Theodor Körner geschlossen, daß er keines anderen Freundes bedurfte.

Nach dem Tode des Dichters am 26. August ging er stumm und wie vernichtet umher. In der Nacht, die dem 27. August folgte, forderte er seinen Zimmergenossen Langethal auf, ihm zu der Leiche des Freundes zu folgen. Zuerst begaben sich nun beide in die Dorfkirche, wo die gefallenen Jäger in zwei langen schwarzen Reihen lagen. Eine feierliche Stille herrschte in dem kleinen Gotteshause, das in dieser Nacht zu einer Herberge des Todes geworden, und schweigend schauten die nächtlichen Wanderer einer Leiche nach der anderen in die jugendlichen, bleichen und starren Züge; doch den, den sie suchten, fanden sie nicht.

Langethal war es bei dieser stummen Leichenschau, als singe ihm der Tod ein tiefes, herzerschütterndes, vielstimmiges Chorlied entgegen, und es drängte ihn, für diese jungen, geknickten Menschenblüten zu beten; doch sein Begleiter ging ihm in das Stübchen des Wächters voran. Da lag der Dichter, »auf dem Antlitz die Verklärung des Engels«, an der Leiche noch manche Spur der Wut des Kampfes. Tief ergriffen schaute Langethal zu dem für das Vaterland Verbluteten nieder, während Behrenhorst neben ihm am Boden kniete und sich stumm dem Schmerz seiner Seele hingab. Lange verharrte er, sich selbst entrückt, in dieser Stellung; plötzlich aber sprang er auf, schwang die Arme hoch auf, und seiner Brust entrang sich der Ruf: »Körner, dir nach!«

Damit eilte Behrenhorst aus dem Stübchen in die Nacht hinaus, und wenige Wochen später war auch er für die heilige Sache des Vaterlandes gefallen.

In der Schlacht an der Göhrde hatten sie auch einen anderen lieben Kameraden das Leben lassen sehen, einen hübschen jungen Mann von zartem Bau und eigentümlich zurückhaltender Lebensweise.

Middendorf, dem er – er hieß Prohaska – sich vertrauensvoller genähert hatte als den anderen, fragte, da jener den Frauen und Mädchen, die ihn freundlich genug anschauten, scheu aus dem Wege ging, ob denn sein Herz noch nie schneller geschlagen, und erhielt die Antwort: »Ich habe nur eine Liebe zu vergeben, und die gehört unserem Vaterlande.«

Als die Schlacht entbrannt war, focht Middendorf dicht neben dem Kameraden. Wenn der Feind eine Salve abfeuerte, bückten sich die anderen, Prohaska aber blieb aufrecht stehen und rief, als man ihn warnte: »Nichts von Bücken! Ich mache den Franzosen keine Reverenzen!«

Wenige Minuten später sank der tapfere Streiter von einer Kugel getroffen ins Gras.

Die Freunde trugen ihn aus der Schlacht, und Prohaska – Eleonore Prohaska – war ein Mädchen gewesen.

In dem Göhrder Schlosse sprach Fröbel den Freunden von seinem Lieblingsplane, den er schon zu Göttingen ins Auge gefaßt hatte, eine Bildungsanstalt für Knaben ins Leben zu rufen, und während er ihnen seine Erziehungsideale entwickelte und dabei seines Alters von mehr als dreißig Jahren und des Aufenthaltes gedachte, den sein Vorhaben durch den Krieg erfahre, rief er, um den anderen klarzumachen, warum er dennoch zu den Waffen gegriffen:

»Wie kann ich Knaben erziehen, deren Hingabe ich fordere, wenn ich selbst nicht durch die Tat bewiesen habe, wie der Mensch durch die Hingabe an das Allgemeine handeln muß?«

Dieses Wort prägte sich den beiden Freunden tief ein und steigerte Middendorfs schwärmerische Verehrung für den älteren Kriegskameraden, dessen Erfahrungen und Ideen ihm eine neue Welt eröffnet hatten.

Der Pariser Friede und die Einreihung des Lützower Korps in die Linie führten das Kleeblatt nach Berlin und in das bürgerliche Leben zurück.

Auch dort wußte jeder den anderen häufig zu finden, bis Fröbel die sichere Stellung am Mineralogischen Kabinett im Frühling 1817 aufgab, um seine Anstalt zu begründen.

Middendorf war durch das Wort des bewunderten Freundes, er habe die »Einheit des Lebens gefunden«, bestochen worden. Es gab dem jungen Philosophen zu denken, und weil er empfand, daß er diese Einheit noch vergeblich suche, und sich unbefriedigt fühlte, hoffte er ihrer durch den Mann, der ihm alles geworden war, und in seiner Nähe teilhaftig zu werden. Und sein Wunsch ging in Erfüllung; denn als Erzieher wuchs er gleichsam in seine Devise hinein: »Klar, wahr und lebenstreu.«

Middendorf gab wenig auf, als er Fröbel folgte.

Um Langethal stand es ganz anders.

Er hatte im Bendemannschen Hause zu Charlottenburg als Hauslehrer Aufnahme und eine zweite Heimat gefunden. Mit schönem Erfolg unterrichtete er dort geistig und gemütlich trefflich begabte Kinder, die ihn schnell lieb gewannen. »Eine herrliche Familie« war es, die ihm ihre reiche Geselligkeit zu teilen gestattete, und in deren hochgebildetem Kreis er gewiß sein durfte, warme Teilnahme auch an seinen geistigen Interessen zu finden. Vor jeder äußeren Sorge gesichert, hatte er unter ihrem Dache Muße zu fleißiger Arbeit und daneben auch zum Verkehr mit den eigenen Freunden gefunden.

Im Juli 1817 bestand er das letzte Examen mit der höchsten Auszeichnung, dem selten verliehenen »sehr gut«, und eine glänzende Laufbahn stand ihm offen.

Gleich nach der so rühmlich beendigten Prüfung wurden ihm drei Predigerstellen angeboten, doch er nahm noch keine an, weil er sich nach Ruhe und stillem Wirken sehnte.

Auch von Fröbel war die Aufforderung an ihn ergangen, sich seiner jungen Anstalt zu widmen, der Langethal ja auch seinen jüngeren Bruder anvertraut hatte. Das junge Institut war um Johanni 1817 von Griesheim nach Keilhau übergesiedelt, wo der Witwe des Pfarrers Fröbel ein größerer Ökonomiehof angeboten worden war. Was sie und der Erzieher ihrer Kinder dort fanden, eignete sich wunderbar für Fröbels Zwecke und schien den Zöglingen und der Anstalt ein schönes Gedeihen zu verheißen. Es gab noch viel zu bauen und herzurichten, doch die Mittel dazu wurden beschafft, und der erste Zögling schildert in ergötzlicher Weise den Einzug in das neue Heim, die erste Einrichtung daselbst, die Entdeckung all der Schönheiten und Vorzüge, die wir als alten Besitz in Keilhau fanden, und das für Middendorf so bezeichnende Streben, auch das weniger Anmutende seinen poetischen Vorstellungen anzupassen. Die Schütztalquelle wurde von ihm unter anderem der Moosbach, die Remdaer der Silberbach getauft, und selbst die Dorfbewohner mußten sich Wandlungen an ihren altehrwürdigen Namen gefallen lassen, und es wurde zum Beispiel der Bauer Hänold Hainhold von ihm gerufen.

Nur die Lehrstunden lagen damals im argen, und Fröbel empfand, daß er einer voll ausgebildeten Kraft bedurfte, um dem Unterricht der ihm anvertrauten Knaben die rechte Gründlichkeit zu geben.

Als eine solche kannte er den Schüler F. U. Wolfs, dessen Lehrgabe sich schon im Bendemannschen Hause trefflich bewährt hatte.

»Langethal,« beschreibt ihn der erste Schüler, »war damals ein sehr stattlicher Mann von fünfundzwanzig Jahren. Auf seiner Stirne lagerte der Ernst, aber seine Gesichtszüge zeigten Herzensgüte, Milde und Wohlwollen. Der würdige Ausdruck seines ganzen Wesens wurde durch den sonoren Klang seiner Sprache« – er blieb ihr treu bis ins Greisenalter – »gehoben, und sein ganzes Benehmen zeugte von männlicher Festigkeit. Middendorf sprach mehr die Frauen, Langethal die Männer an. Middendorf gefiel, wenn man ihn sah, Langethal, wenn man ihn hörte, und das Vertrauen, das er erweckte, war nachhaltiger noch als bei Middendorf.«

Was Wunder, daß Fröbel alles aufbot, die seltene Kraft für die junge Anstalt zu gewinnen. Aber Langethal lehnte ab, wie sehr ihm dies auch von Middendorf verdacht wurde. Diesen nannte A. Diesterweg »eine Johannesnatur«, unser lieber, blinder Lehrer aber fügte hinzu: »und Fröbel war sein Christus«.

Von dem Freunde, in dem der enthusiastische junge Westfale einmal jede Mannestugend erkannt zu haben meinte und dessen Wandel ihm vorbildlich erschien, nahm er alles, auch das Unerträgliche geduldig hin, und ein »Abtrünniger« war ihm jeder, der es einmal mit Fröbel gehalten hatte und sich seinem Willen nicht widerstandslos beugte. Darum fühlte er sich durch Langethals Ablehnung verletzt. Es war diesem nämlich unter glänzenden Bedingungen für die nächste Zeit und noch glänzenderen für die Zukunft eine Hauslehrerstelle in Schlesien angeboten worden, die ihm zu der ersehnten Ruhe eine seinen Neigungen entsprechende Tätigkeit bot. Es galt, die Kinder zweier gräflich Stolbergschen Familien zu erziehen. Den Unterricht sollte er mit einem anderen Instruktor teilen, der die realen Wissenschaften, die ihm weniger lieb und vertraut waren, die jungen Grafen und mit ihnen seinen Bruder zu lehren hatte.

Er sagte zu. Bevor er aber nach Schlesien ging, wollte er die Keilhauer Freunde besuchen und den Bruder abholen, um ihn mit nach Schlesien zu nehmen. So geschah es, und die »diplomatische Kunst«, womit Fröbel den Entschluß des charakterfesten jungen Mannes zu Falle zu bringen und ihn für die eigenen Interessen zu gewinnen wußte, ist in der Tat außerordentlich. Sie erwarb dem jungen Institut, wenn der Ausdruck erlaubt ist, in der Person Langethals »das Rückgrat«.

Fröbel hatte dem erwarteten Freunde Middendorf entgegengesandt, und dieser ihm unterwegs von der Glückseligkeit erzählt, die er in der neuen Heimat und Tätigkeit gefunden. Dann waren sie in Keilhau eingezogen, und die herrliche Landschaft, die es umgibt, kann des Lobredners entbehren.

Fröbel empfing den Kriegskameraden mit aller Herzlichkeit, und das Bild der prächtigen, gesunden und frohen Knaben, die an jenem Abend am Boden lagen und dort Burgen und Schlösser mit den hölzernen Klötzen, spitzen und runden Bogen erbauten, die Fröbel nach eigener Angabe für sie hatte herstellen lassen, sagte ihm aufs lebhafteste zu. Er war gekommen, um den Bruder abzuholen, nun er ihn aber unter anderen frohen Altersgenossen so glücklich und wohl aufgehoben einen gotischen Dom als das schönste Bauwerk von allen vollenden sah, wollte es ihm beinahe unrecht scheinen, das Kind aus diesem Kreise zu reißen.

Wehmütig schaute er den Bruder an, als er ihm die »Gute Nacht« bot, und blieb dann mit Fröbel allein. Der war weniger gesprächig als sonst und ließ sich erzählen, was den Freund in Schlesien erwartete. Als er hörte, daß ein zweiter Lehrer Langethal die Hälfte der Arbeit abnehmen sollte, rief er, von lebhafter Besorgnis ergriffen:

»Du kennst ihn nicht und willst mit ihm zusammen ein Werk der Erziehung vollenden? Welchem großen Zufalle wirfst du dich da in die Arme!«

Am anderen Morgen fragte Fröbel den Freund, welches Lebensziel er sich vorgesteckt habe, und als Langethal antwortete:

»Wie die Apostel möchte ich allen Menschen nach meiner Kraft das Evangelium verkünden, um sie in innige Gemeinschaft mit dem Erlöser zu bringen,« erwiderte der andere bedenklich:

»Wenn du das willst, mußt du auch die Menschen kennen wie die Apostel. Bei jedem mußt du an sein Leben anknüpfen können, hier bei einem Bauern, dort bei einem Handwerker. Kannst du das nicht, so mache dir keine Hoffnung auf guten Erfolg. Du kommst mit deinem Wirken nicht weit.«

Wie das so klug und überzeugt klang! Und Fröbel traf damit den wunden Punkt bei dem jungen, von der heiligen Schönheit seiner Lebensaufgabe durchdrungenen Geistlichen, der allerdings die Schrift, seine Klassiker und Kirchenväter um vieles besser kannte als die Welt.

Nachdenklich gestimmt folgte er Fröbel, der ihn mit Middendorf und den Knaben auf den Steiger führte, jenen Berg, von dessen Gipfel aus sich die großartig prächtige Aussicht bietet, die ich beschrieb.

Es ist um die Zeit, wo die Sonne sich neigt und ihre köstlichsten Lichter über die Berge und Täler ergießt. Auch dem jungen, von bangen Zweifeln ergriffenen Geistlichen geht im Angesicht dieser Herrlichkeit das Herz auf, und als Fröbel sieht, was sich in ihm ereignet, ruft er ihm zu:

»Komm, Kamerad, stimme eines unserer alten Kriegslieder an!«

Und der musikalische »schwarze Jäger« von früher tut es gern, und wie fällt der Knabenchor so hell und begeistert ein!

Als er verstummt, legte sich der Arm des älteren um die Schulter des jüngeren Freundes, und mit bewegter Stimme ruft er ihm zu und weist dabei auf das im sanften Abendlicht erglühende Land ihnen zu Füßen:

»Warum willst du in der Ferne suchen, was hier so nahe liegt? Hier wird ein Werk gegründet, das sich allein aus Gottes Hand aufbauen soll. Hier gilt es unbedingte Hingabe und Selbstüberwindung.«

Dabei schaut er dem Freunde fest und als habe er für ihn das rechte Lebensziel gefunden, in die feuchten Augen und hält ihm die Rechte hin, und Langethal schlägt ein; denn er kann nicht anders.

Noch am nämlichen Tage meldet ein Brief den Grafen Stolberg, daß sie sich nach einem anderen Erzieher für ihre Knaben umsehen müßten, und Fröbel und Keilhau dürfen sich Glück wünschen, denn sie haben ihren Langethal gewonnen.

Die Leitung der Anstalt ruhte von nun an mit in der Hand eines Charakters, für den Unterricht waren dazu die reichen positiven Kenntnisse und die treffliche Methode eines tüchtig geschulten Gelehrten gewonnen.

Es ging jetzt auch schnell mit dem Erblühen des neuen Instituts vorwärts. Der Ruf der frischen, gesunden Lebensweise und der tüchtigen Schulung der Zöglinge verbreitete sich weit über die Grenzen Thüringens hinaus. Auch die materiellen Schwierigkeiten, mit denen die Leiter der Anstalt nach den großen Neubauten, die nötig geworden waren, zu kämpfen hatten, wurden gehoben, als Fröbels wohlhabender Bruder in Osterode sich entschloß, an dem Werke teilzunehmen und nach Keilhau überzusiedeln. Er verstand sich auf Ökonomie und verwandelte den Bauernhof durch neue Land- und Walderwerbungen in ein ansehnliches Gut.

Als Fröbels rastloser Geist ihn in die Schweiz zog, um dort neue pädagogische Unternehmungen ins Leben zu rufen, und es sich ergab, daß man einer Kraft bedürfe, die geeignet sei, auch die wirtschaftlichen Interessen sicher zu leiten und sie nach außen hin fest zu vertreten, wurde ihr 1824 Barop gewonnen, der feste Mann, von dem ich schon sprach, und der, so hoch geachtet wie aufrichtig geliebt, das Institut leitete, so lange wir drei Brüder seine Zöglinge waren.

Er hatte im Innern vieles auf praktischere Grundlagen zu stellen und nach außen abzuwehren gefunden; denn die langen Haare mancher Zöglinge, der Umstand, daß drei Lützower Jäger, von denen der eine bei der Burschenschaftsfeier die Festrede gehalten, das Institut begründet, der andere, daß Barop wegen des Zusammenhanges mit einer burschenschaftlichen Verbindung als Demagog verfolgt worden war, und endlich die Beziehungen Fröbels zu der Schweiz und die freie, jedem Schema feindliche Erziehungsmethode der Anstalt hatten den Verdacht der Berliner Demagogenriecher erweckt, und es wurden dem Institut darum demokratische Tendenzen zugeschrieben, von denen es sich in Wahrheit stets fernhielt.

Ja, wir waren frei, insofern alles die körperliche und geistige Entwicklung Hemmende und Hinderliche fern von uns gehalten wurde, und unsere Leiter durften sich ebenso nennen, weil sie es mit männlicher Energie verstanden hatten, die Anstalt vor jedem störenden und beschränkenden Einfluß von außen her zu bewahren. Der Kleinste und Größte auf diesem gesunden Boden war frei; denn er durfte voll und ganz das sein, was er war, solange er sich in den Schranken hielt, die die bestehenden Gesetze ihm stellten. Aber Zügellosigkeit war nirgends strenger verpönt als in Keilhau, und die tiefe Religiosität seiner Direktoren Barop, Langethal und Middendorf hätte die argwöhnischen Späher in Berlin lehren können, daß man hier nie und nimmer gegen das »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist« verstoßen würde.

Es war die Zeit der schlimmsten Reaktion, die ich in Keilhau verlebte, und ich weiß jetzt, daß unsere Erzieher im preußischen Landtage auf der Linken gesessen haben würden, doch bekamen wir kein unehrerbietiges Wort über Friedrich Wilhelm IV. zu hören, und wir wurden angehalten, dem Fürsten des rudolstädtischen Ländchens, zu dem Keilhau gehörte, den schuldigen Respekt zu erweisen. Barop ist auch, trotz seiner »liberalen« Gesinnung von diesem kleinen Monarchen geschätzt, dekoriert und zum »Edukationsrate« erhoben worden.

Hundert Einzelerinnerungen und mir im Gedächtnis verbliebene Worte kann ich dahin zusammenfassen, daß unsere Erzieher freisinnige Männer von sehr gemäßigter Richtung waren, doch insofern sich allerdings »demagogischer Bestrebungen« schuldig machten, als sie das und nichts anderes für das Vaterland ersehnten, als was wir, gottlob, jetzt besitzen: seine Einigung und eine aus freien Wahlen hervorgegangene Volksvertretung all seiner Staaten in einem deutschen Reichstage. Wie hätten Langethal, Middendorf und Barop es verstanden, uns für den Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke zu begeistern, wenn es ihnen vergönnt gewesen wäre, die großen Ereignisse von 1870 und 1871 noch mitzuerleben!

Übrigens hielt man die Politik von uns fern, und das war auch schon in weiteren Kreisen bekannt geworden, als wir in die Anstalt eintraten; denn außer uns stammten die meisten Zöglinge aus königstreuen Familien. Viele waren Söhne von höheren Beamten, Offizieren und Gutsbesitzern; und da die langen Haare längst zur Ausnahme geworden waren und man sich in Keilhau so anständig wie möglich benahm, hatten sich auch viele adelige Eltern, unter denen sich Kammerherren und andere Hofbeamte befanden, entschlossen, ihre Knaben nach Keilhau zu geben.

Die großen Industriellen und Kaufherren, die ihre Söhne dem Institute anvertrauten, waren auch keine Männer des Umsturzes, und von unseren Kameraden wurden viele Offiziere in der deutschen Armee. Andere sind tüchtige Gelehrte, Geistliche und Parlamentarier, wieder andere Staatsbeamte geworden, die zum Teil hohe Stellungen bekleideten, und noch andere stehen an der Spitze großer industrieller oder kaufmännischer Unternehmungen. Von keinem einzigen vernahm ich, daß er verkommen sei - von sehr vielen, daß sie es zu etwas Hervorragendem gebracht hätten. Wo ich aber auch immer einem alten Keilhauer begegnete, fand ich in ihm die gleiche Liebe für die Anstalt wieder, sah ich die Augen heller erglänzen, wenn wir von dem alten Langethal, von Middendorf und Barop sprachen. Was man einen »Duckmäuser« oder Finsterling nennt, ist auch keiner geworden.

Jetzt noch soll die Anstalt vortrefflich sein, doch zu derjenigen Mannigfaltigkeit des Berufes, zu der der Zöglingskreis, dem ich angehörte, herangebildet wurde, kann die »Realschule« Keilhau, die sich gezwungen sah, ihre alte humanistische Grundlage zu verlassen, die ihr anvertrauten Knaben kaum mehr erziehen.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.