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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectida53e036e
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Äußere Lebensformen und Fröbels Kindergarten

Für unsere Manierlichkeit sorgten noch besser als der Tanzlehrer von Oberstfelder die Frauen der Direktorenfamilien, und besonders die Gattin Barops und seine Schwester, Frau von Born, die um ihrer Söhne willen, die dort erzogen wurden, sich in Keilhau niedergelassen hatte, eine prächtige und bei aller äußeren Schlichtheit so hochgebildete wie feine und warmherzige Matrone.

Auch der Umstand, daß die Töchter des Direktors und einige seinem Hause befreundete oder verwandte junge Mädchen viele unserer Unterrichtsstunden teilten, trug wesentlich dazu bei, die Sitten der jungen deutschen Waldmenschen zu sänftigen.

Ich gedachte unserer »äußeren Formen« besonders, weil sie, wie ich später erfuhr, scharfe Meinungsdivergenzen zwischen Friedrich Fröbel und Langethal hervorgerufen hatten, und weil die Argumente des ersteren so bezeichnend sind, daß ich sie der Mitteilung wert erachte.

Es konnte dem Begründer der Kindergärten, der die Forderung ausgesprochen hatte: »Wenn du mit einem sprichst, und dein Kind kommt zu dir, um dich etwas, was ihm am Herzen liegt, zu fragen, so brich das Gespräch ab, mag der mit dir Redende auch noch so hoch stehen,« und der weiter gebot, dem Kinde nicht nur Liebe, sondern auch Achtung zu schenken, nicht an Feinfühligkeit fehlen. Aber schon aus dem ersten Postulate geht hervor, daß er die Anforderungen des Gemütes hoch über gesellige Formen stellte. So wurde ihm denn in den ersten Jahren des Bestehens der Anstalt, die er damals noch selbst leitete, der Vorwurf gemacht, auf die äußere Erscheinung, das »Benehmen«, die Lebensformen der ihm anvertrauten Knaben zu wenig zu achten. Seine Erwiderung ist aufgezeichnet worden und lautet also: »Ich lege diesen Formen gar keinen Wert bei, wenn sie nicht durch das Innere bedingt und der Ausdruck des Innerlichen sind. Wo das Innere nur wahrhaft echt bis zu Leben und Tat durchgebildet ist, da wird daß Äußere sich selbst bilden und als Zugabe hinzukommen.«

Der Opponent gibt dies zu, doch behauptet er, die damalige Keilhauer Weise, die gar nicht nach der äußeren Form fragte, werde dies »Hinzukommen« in für den einzelnen vielleicht beklagenswerter Weise hinausschieben.

Darauf entgegnet Fröbel: »Freilich! Eine Birne von Wachs macht man viel schneller, und sieht so schön aus wie die am Baume, die lange braucht, um zu reifen. Aber die Wachsbirne ist nur zum Ansehen, kaum zum Anfassen, und noch viel weniger könnte sie dem Durstigen Labung, dem Kranken Erquickung geben. Leer ist sie, ein Nichts! Das Kindergemüt, sagt man, gleiche dem Wachse. Gut! Wer Wachsfrüchte mag, dem wollen wir sie gönnen. Aber man soll nur von ihnen nichts erwarten, wenn man durstig und krank ist, und was soll es mit ihnen werden, wenn Versuchungen und Prüfungen kommen? – und wem kommen sie nicht? Unsere Erziehungsprodukte sollen langsam, aber durch und durch ausreifen zu echten Menschen, in deren Innerem es an nichts fehlt; – für die Kleider mag der Schneider dann sorgen.«

Fröbel selbst war freilich recht sorglos in der Wahl der seinen. Den langen Tuchrock, in dem ich ihn immer sah, hatte der Schneider des Dorfes Gölitz verfertigt, und der alte Herr mochte dies Kleidungsstück liebhaben, weil an seinem Schoß immer ein halbes Dutzend Kinder gehangen hatte, wenn er über den Hof geschritten war. Dazu mußte es auch dauerhaft sein; aber die gutsitzenden Röcke Langethals und Barops hielten ebenso lange, und beide Männer waren der Meinung, daß der rechte Gärtner auch auf die Form der Früchte achten soll, die er zieht, weil das ausgereifte Obst von höherem Werte ist, wenn es gut aussieht. Mit den Wachsfrüchten wollten auch sie nichts zu tun haben, ja, sie kamen für sie gar nicht in Frage, weil sie in ihnen überhaupt keine Früchte sahen.

Fröbels Bekehrung ließ indes auf sich warten; nachdem er sich aber vermählt hatte, trat sie um so gründlicher ein.

Die Wahl des sinnigen und gemütvollen Mannes, der keinen Wert auf äußere Lebensformen legte, war, fast möchte ich sagen »natürlicherweise«, auf eine Dame von feinen Sitten gefallen, eine Berlinerin, Witwe des Kriegsrates Hofmeister. Durch sie wurden die Augen Fröbels für jenes ästhetische und künstlerische Moment im Leben der ihm anvertrauten Knaben schnell geöffnet, auf das Langethal schon seit dem Eintritt in die Anstalt seine Aufmerksamkeit gerichtet.

So war es auch in Keilhau die Frau, die der feineren Sitte den Weg ebnen sollte.

Es war längst vor unserer Aufnahme in die Anstalt geschehen. Fröbel sprach nicht mehr von Wachsbirnen, wenn er die Zöglinge nett gekleidet und sich gut benehmen sah; ja, später war er es, der bei der Begründung der Kindergärten den umfassenden Einfluß der Wächterin und Erhalterin edler Sitte, »des Weibes«, auf die Menschheit pries und nutzbar zu machen versuchte. Die Frauen und Mütter schulden ihm so großen Dank wie die Kinder, und sie sollen ihm das Wort nicht vergessen: »Nur das Mutterherz ist der rechte Born des Kindergedeihens und des Menschheitheiles. Das Grundbedürfnis der Zeit ist es, diesen Boden für die edle Menschenblume reich auszustatten und geschickt für seine Aufgabe zu machen.«

Dem Bedürfnis, worauf in diesem Satze hingewiesen wird, entgegenzukommen, war die gesamte Arbeit seines Lebensabends gewidmet. – Unter mancherlei Sorgen und einer starken Gegnerschaft zum Trotz setzte er die beste Kraft an die Verwirklichung seiner Ideale und fand den Mut dazu in der Überzeugung, der er in dem Satze Ausdruck gab: »Nur durch die reinen Hände und vollen Herzen der Frauen und Mütter kann das Reich Gottes zur Tat und Wahrheit werden.«

Es ist mir leider versagt, hier auf die Kindergärten näher einzugehen. Sie standen ja mit Keilhau nur insofern in Verbindung, als ihr Begründer zugleich derjenige der Anstalt war. Manchmal besuchten den alten Fröbel dort Kindergärtnerinnen und Pädagogen, die sich über dies neue Institut von ihm selbst unterrichten lassen wollten. Jene nannten wir »Schakelinen«, diese nach einer naheliegenden Volksetymologie »Schakale«.

Der seltsame Name der Kindergärtnerinnen dankt indessen, wie ich später herausbekam, keinem Raubtiere, sondern einer mit schönen Gaben ausgestatteten Figur aus Jean Pauls »Levana« den Ursprung. Sie heißt Madame Jaqueline und diente dem Dichter dazu, seinen eigenen Ansichten über weibliche Erziehung Ausdruck zu geben. Fröbel hat Jean Paul mancherlei entnommen; auf die Idee des Kindergartens brachte ihn aber die eigene unglückliche Kindheit. Er wünschte die ersten fünf Lebensjahre, die für ihn eine Kette von Leiden gewesen waren, für das Kind – besonders das gleich ihm mutterlose – zu glücklichen und fruchtbringenden zu gestalten.

Mürrisches Wesen, die Rute und die strengste, beinahe grausame Gebundenheit hatten ihm die Kindheit getrübt, und nun ging sein Streben dahin, die ganze Kinderwelt möge in seinen Lieblingsruf, der der Jahnschen Turnerdevise: »Frisch, fromm, fröhlich, frei« entspricht und »Friede, Freude, Freiheit« lautet, mit Jubel einstimmen.

Die erzieherischen Talente, die das Weib sicherlich besitzt, wollte er auch für den öffentlichen Unterricht verwerten.

Wie er in der Jugend, Schulter an Schulter mit Pestalozzi, heranwachsende Knaben in mütterlicher Weise zu würdigen Menschen zu erziehen versucht hatte, so wollte er jetzt den mütterlich sorgenden Zug in jedem weiblichen Wesen für den weiten Kreis der jüngeren Kinder verwerten. Was Frau heißt, sollte zur Erzieherin herangebildet, und die Stätte, an der die Kinder den ersten Unterricht erhielten, der Familienstube möglichst gleichgemacht werden. Bei dem Unterricht wünschte er den mütterlichen Ton herrschen zu sehen.

Er, in dessen ganzem Leben der Ruf des Heilands: »Lasset die Kindlein zu mir kommen!« den lebendigsten Widerhall gefunden hatte, kannte das Wesen des Kindes, und es galt, seinen Spieltrieb zu benützen, um ihm passende, künftig verwertbare Nahrung für Geist und Gemüt zuzuführen.

Der Unterricht, die Tätigkeit und die Bewegungen des Kindes durften nur an diejenigen Dinge anknüpfen, die es am lebhaftesten interessieren. Dabei sollte es fortwährend zu einer seiner Intelligenz angemessenen schöpferischen Beschäftigung angehalten werden.

War zum Beispiel die Butter zur Sprache gekommen, so wurde mit Hilfe passender Bewegungen die Kuh gemolken, die Milch in ein Gefäß getan und abgerahmt, die Sahne gebuttert, die Butter in Stücke verwandelt und endlich auf den Markt gebracht. Daran schloß sich die Zahlung, die kleine Rechnungen erforderte. War das Spiel zu Ende, so kam ein ganz anderes, vielleicht eines, das die Händchen durch Herstellung von feinem Flechtwerk aus Papierstreifen geschickt machte; denn Fröbel hatte erkannt, daß Abwechslung Erholung gewährt.

Eigentlich sollte ein Gärtchen zu jedem Kindergarten gehören, um darin die Entwicklung der Pflanzen zu beobachten, und zwar immer nur einer, zum Beispiel die der Bohne, auf einmal. Durch die Betrachtung der Wolken am Himmel wollte er die kindliche Intelligenz auf Flüsse und Meere und auf den Kreislauf der Feuchtigkeit führen. Im Herbst ließ sich an die Verpuppung der Insekten die Betrachtung ihrer Daseinsstationen anknüpfen.

In dieser Weise kann man das Kind allerdings im Spiele zu einer gewissen schöpferischen Tätigkeit anleiten, es mit dem Leben der Natur und den Anforderungen des Hauses, der Arbeit des Bauern, des Handwerkers und so weiter bekannt machen und daneben seine Fingerfertigkeit und körperliche Gewandtheit beträchtlich fördern. Es lernt spielen, gehorchen und sich den Anforderungen der Schule fügen und ist sichergestellt vor den verkehrten Anordnungen unverständiger Mütter oder Wärterinnen.

Aber auch die Frauen und Mädchen sollten durch die Kindergärten gewinnen.

Den Müttern, denen Zeit, Neigung oder Begabung verbietet, sich genügend mit dem Kinde zu beschäftigen, nimmt der Kindergarten dies ab. Die Mädchen lernen dort gleichsam in einer Vorbereitungsschule für die künftige Ehe und Mutterschaft dem Kinde geben, was ihm taugt, und, wie Fröbel sich ausdrückt, bei ihnen zu Vermittlerinnen zwischen Natur und Geist werden.

Doch auch dies aus reiner Liebe zu dem Unschuldigsten und Harmlosesten entsprungene segensreiche Unternehmen wurde unter Friedrich Wilhelm IV. in der Zeit der Reaktion, die der Erhebung von 1848 folgte, als staatsgefährlich untersagt und verfolgt.

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