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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Eintritt in die Anstalt

Barops Stimme klang so treu und herzlich, daß sie jede Furcht vor ihm bannte; dagegen hätte sein Aussehen Knaben in unserem Alter allerdings Scheu einflößen können; denn er war ein riesengroßer, breitschulteriger Mann, der, wie Middendorf, das leicht ergrauende, etwas kürzer gehaltene Haar in der Mitte gescheitelt trug. Aus seinen gebräunten männlichen Zügen schauten zwei dunkle, glänzende Augen, über denen starke Brauen buschig wuchsen und ihnen das Aussehen heller Quellen gaben, die dichtes Strauchwerk beschattet. Sie blickten damals mit milder Freundlichkeit auf uns hin; später aber sollten wir auch ihre geradezu unwiderstehliche Macht kennen lernen.

Die Augen des Malers Peter Cornelius nannte ich die gewaltigsten, die mir im Leben begegneten, und ich bleibe dabei; denn aus ihnen hatte mir der Genius der Kunst vollkräftig entgegengeschaut. Die unseres Barop wirkten in ihrer Weise nicht schwächer; denn aus ihnen blickte der Charakter eines Mannes uns Knaben kaum minder gewaltig ins Antlitz. Ihnen schuldete er besonders den unbedingten Gehorsam, den jeder ihm leistete. Ich glaube, es wäre ihm gelungen, Löwen mit ihnen zu bändigen. Wenn sie in Entrüstung aufflammten, flog der Trotz auch des Kühnsten und Widerspenstigsten in Stücke. – Aber sie konnten auch heiter und aufmunternd strahlen, und wem er mit dem offenen Blicke freundlich ins Antlitz schaute, der fühlte sich geehrt und gehoben.

Ernst, durchaus natürlich, tüchtig, stark, zuverlässig, streng gerecht, frei von jeder Laune, sich immer selbst gleich, fehlte ihm keine Eigenschaft, die sein schwerer Beruf erfordert, und so kam es, daß ihm, den auch der Kleinste »Du« und einfach »Barop« rief, auch nicht eine Sekunde der ihm gebührende Respekt vorenthalten und ihm dazu von uns allen ohne Ausnahme die freiwillige Gabe der Beliebtheit, ja der Liebe entgegengebracht wurde.

In jedem Zoll – ich wiederhole es – war er ein Mann.

Schon jung hatte ihn die Überzeugung, daß die Erziehung deutscher Knaben sein wahrer Beruf sei, so tief ergriffen, daß er nicht abzuhalten gewesen war, die juristische Laufbahn, auf der er zu Halle schon ein gutes Stück fortgeschritten war, aufzugeben und sich der Pädagogik zu widmen.

Sein Vater, Justizrat in Dortmund, ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt, hatte ihn mit Enterbung bedroht, wenn er von seinem Vorhaben, die äußerlich keineswegs glänzende Stellung eines Lehrers und Miterziehers in Keilhau anzunehmen, nicht lasse; er aber war seiner Wahl treu geblieben, obgleich der Vater die Drohung zur Wahrheit gemacht und ihn verstoßen und in seinem Testament auf das Pflichtteil gesetzt hatte. Nach dem Tode des alten Herrn war der Benachteiligte von den Geschwistern freiwillig wieder in das Sohnesrecht eingesetzt worden, doch, wie er mir selbst viel später erzählte, hatte der Bruch mit dem innig geliebten Mann ihm jahrelang das Leben getrübt. Zugunsten des »Sich-selbst-Treubleibens«, das er von anderen verlangte, hatte er den Vater preisgegeben, doch war er einem unabweislichen inneren Gebote gefolgt, und die Echtheit seiner Berufung sollte sich herrlich bewähren.

Das Gelingen blieb ihm treu, seitdem er unter den schwierigsten Umständen die Leitung der Keilhauer Anstalt übernommen.

Unter ihrem Dache hatte er auch in der Nichte Friedrich Fröbels eine geliebte und für ihn und ihre künftige Stellung aufs beste geeignete Lebensgefährtin gefunden. Sie war so klein, wie er groß war, doch welche Tatkraft und welche unermüdliche Tätigkeit entfaltete die zarte, zierliche Frau, die jedem einzelnen von uns mütterliche Teilnahme erwies, die dem großen Hausstande aufs umsichtigste vorstand und dazu bei der Sorge und Pflege der vielen eigenen Söhne und Töchter gewiß nichts versäumte.

Bald sollte zu Barop und Middendorf noch ein dritter Direktor treten, der Archidiakonus Langethal, der zu den Mitbegründern der Anstalt gehörte, doch sie seit einer Reihe von Jahren verlassen hatte.

Da ich seiner mit der gleichen Wärme zu gedenken habe wie Middendorfs und Barops, wird sich in manchem Leser der Verdacht erheben, dieser Abschnitt meiner Lebenserinnerungen enthalte eine Quittung für genossenes Gutes, und Pietät und Dankbarkeit, ja vielleicht auch die Scheu, einer noch bestehenden Anstalt zu schaden, verleite mich, nur das Licht zu zeigen und die Schatten mit dem Mantel der Liebe zu bedecken.

Nun will ich zwar nicht leugnen, daß ein Knabe von elf bis fünfzehn Jahren bei denen, die in einer beinahe väterlichen Stellung über ihm stehen, die Fehler und Schwächen leicht übersieht, die dem schärferen und durch keine Rücksicht der Pietät getrübten Auge des unbefangen kritischen Beobachters bald auffallen würden; ich halte mich aber für berechtigt, was mir in jungen Jahren begegnete, und womit es mir als Knabe vertraut zu werden vergönnt war, so und nicht anders zu schildern, wie es sich mir damals ins Gedächtnis prägte. An den Gestalten der Männer Barop, Middendorf und Langethal ist mir aber auch nicht der kleinste unlautere Fleck oder irgendeine ernstere, des Tadels werte Eigenschaft oder Handlung begegnet. Endlich darf ich versichern, daß, nachdem ich mich später aus den Quellen, die mir von Johannes Barop, der Sohn unseres Direktors und heutiger Leiter der Anstalt, willig und reichlich zur Verfügung gestellt wurden, näher über ihre Persönlichkeit und Tätigkeit unterrichtet hatte, keins dieser Bilder eine wesentliche Einbuße erfuhr.

In Friedrich Fröbel, dem eigentlichen Begründer des Institutes, der noch zu wiederholten Malen monatelang unter uns lebte, lernte ich aus den eigenen Werken und der ihm gewidmeten umfangreichen Literatur einen wahrhaft genialen Idealisten kennen, der einerseits nicht freizusprechen ist von einer erstaunlichen Mißachtung oder Gleichgültigkeit gegen die materiellen Anforderungen des Lebens, und dem andererseits eine naive Selbstsucht eigen war, die ihm den Mut gab, wo es seine allerdings hohen und reinen Zwecke zu fördern galt, über andere Existenzen, auch wo es ihnen schwerlich zum besten gedeihen konnte, rücksichtslos zu verfügen. Ich habe noch mehr von ihm zu reden.

Was Middendorf in dem Kreise, in den ihn das Leben und die eigene Wahl gestellt hatte, so groß machte, kann ihm auch zum Tadel ausgelegt werden. Er, der begeistertste aller Jünger Fröbels, blieb bis ans Ende ein liebenswürdiges Kind, bei dem die Kräfte eines überreichen, poesievollen Gemütes die des sinnigen und wohlgeschulten Geistes überboten. Für jede praktische Lebensstellung wäre er wenig tauglich gewesen, für das Eingehen in das Seelenleben junger Menschenpflanzen, seine Pflege und Veredlung gab es keinen besseren Gärtner.

Ein tieferes Vertrautwerden mit dem Leben Barops und Langethals lehrte mich diese beiden Männer höher und immer höher schätzen.

Sie alle ruhen seit Jahrzehnten unter dem Rasen, und ist mir auch ihre Anstalt, der ich so viel verdanke, lieb und wert geblieben, gehören die Jahre, die ich in dem freundlichen Thüringer Gebirgstale verlebte, auch zu den schönsten meines Lebens, muß ich es mir doch schon darum versagen, für das Keilhauer Institut Propaganda zu machen, weil ich ihrem jetzigen Leiter zum letztenmal als ganz jungem Manne begegnete und ich von ihm selbst zu meinem aufrichtigen Bedauern hörte, daß er sich schon seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Rudolstädtischen wie in ganz Deutschland gezwungen sah, den Unterricht der Anstalt dem Lehrplan einer Realschule anzupassen. Er mußte sich dem fügen, um sich das Recht zu erwerben, seinen Abiturienten das Zeugnis zum einjährigen Militärdienst zu erteilen.

Ich zweifle nicht, daß er die Anstalt im Sinne seines Vaters, dem er auch äußerlich ähnlich ist, fortführt, und die herrliche, gesunde Lage kann niemand ihr nehmen; es fällt mir aber schwer, sie mir ohne die humanistische Grundlage zu denken, die sie zu unserer Zeit besaß und die durch Middendorf und Langethal eine so begeisterte und begeisternde Pflege genoß.

Das klassische Altertum, das vormals unter ihrem Dache so hochgehalten wurde, muß jetzt hinter Realien und den neueren Sprachen, auf die man das schwerste Gewicht legt, zurückstehen. Aber die Liebe zum deutschen Vaterlande, die Entfaltung deutschen Charakters und Wesens, die Fröbel als Fundament seiner Erziehungsmethode bezeichnete, hat dort zu tiefe Wurzeln gefaßt, als daß sie je ausgerottet werden könnte. Beide werden heute noch in Keilhau so emsig gepflegt wie in früheren Jahren.

Nachdem Barop uns herzlich begrüßt hatte, wurden uns Tische im Arbeitszimmer angewiesen, die unter der aufzuhebenden Platte Bücher, Schreibzeug und anderen Schulbedarf enthielten. Ludos wie mein Bett standen im nämlichen Schlafsaale. Beide waren hart genug; doch das hatte uns die gute Laune nicht verdorben, als man uns zu den anderen Knaben führte.

Fritz Heß, den man »Lampe« nannte – denn jeder Zögling bekam schnell genug einen Spitznamen – und ein Westfale von Born, die mit Martin besonders befreundet gewesen und viel größer und älter waren als wir, nahmen sich unser an. Bald spielten wir denn auch vergnügt genug mit den anderen.

Erst nach dem Abendessen kam es zu einem Konflikt, und zwar zu einem der bedeutendsten, den ich in der Anstalt erlebte.

Die Mutter hatte unsere Koffer ausgepackt und alles hübsch an die rechte Stelle gelegt; unter den Sachen, die sie uns mitgegeben, befanden sich aber auch einige, die hier zu den unerhörten Dingen gehörten. Besonderes Aufsehen erregten einige Paar Glacéhandschuhe und ein Pomadenbüchschen, das sich in unserem hübschen Ledernecessaire, ein Geschenk der Großmutter, vorfand.

Stutzerisches oder, wie man jetzt sagen würde, »gigerlisches« Wesen war aber in Keilhau verpönt, und so kam es zu Neckereien, die darin gipfelten, daß ein mit uns gleichalteriger Zögling aus einer Stadt an der Weser uns »Berliner Pomadenhengste« nannte.

Das verdroß mich, und hätte Martin mir auch nicht geraten, uns von Anfang an »nichts gefallen« zu lassen, wäre es mir doch nicht erträglich erschienen. Ein Berliner Junge ist aber schnell mit der Antwort zur Hand, und die meine wird herausfordernd genug geklungen haben und hatte den Inhalt, daß auch die Berliner Hengste auszuschlagen verständen.

Damit wäre dieser Handel nun vielleicht beglichen gewesen, wenn derselbe Junge mir nicht das Haar gestrichen hätte, um zu sehen, wie die Pomade der Berliner Hengste rieche.

Nun ist mir aber von Kind an nichts unerträglicher gewesen, als mich von fremder Hand, besonders am Kopfe, angefaßt zu fühlen, und bevor ich mich des selbst versah, hatte ich dem Gegner eine hellklingende Maulschelle versetzt.

Natürlich stürzte dieser sogleich auf mich los, und es wäre zu einer tüchtigen Balgerei gekommen, hätten größere Zöglinge sich nicht ins Mittel gelegt. Sie gaben mir zu wissen, daß es unter uns verpönt sei, einander ins Gesicht zu schlagen. Wenn der andere und ich etwas voneinander wollten, so sollten wir ordnungsmäßig ringen.

Das war meinem Gegner genehm, und auch ich ging dem Kampfe nicht aus dem Wege; denn ich hatte besonders kräftige Arme, eine festgebaute Brust und war von dem Berliner Turnplatze her im Ringen geübt.

Unter Leitung der Großen ging nun der Kampf los, und der Griff, auf den ich es abgesehen hatte, gelang mir. Er bestand aus einem Umklammern des Gegners über den Hüften. War dieser mir nicht sehr überlegen, und ich konnte meine ganze Kraft gebrauchen, um ihn an mich zu pressen, so war er verloren. Und auch diesmal tat der gute Griff seine Schuldigkeit, und bald genug lag mein Widersacher am Boden. Zufrieden wandte ich ihm den Rücken, er aber erhob sich und schnaufte atemlos: »Wie ein Bär, der einen erdrückt.« Auch keuchte er auf jede Frage der lachenden größeren Kameraden, die uns umstanden, immer die gleiche Antwort hervor: »Wie ein Bär.«

Ich mußte dieses im Knabenleben so gewöhnlichen Vorganges eingehender gedenken; denn er trug mir den Spitznamen ein, bei dem mich groß und klein in Keilhau bis über meinen Abgang hinaus rufen sollte. Fortan hieß ich »der Bär«, und als ich mich um vieles später als Privatdozent nach Keilhau begeben hatte, antwortete die Frau des Wirtes auf meine Frage: »Nun, Krugen, erkennst du mich noch?«

»Nach'm Kuppe (Kopfe) solltest du de Bär sin.«

Vor kurzem hatte ich die Freude, daß mich das Mitglied des österreichischen Reichsrats, Dr. Bareuther, auch ein alter Keilhauer, besuchte. Wir hatten einander seit vierzig Jahren nicht gesehen, und als er mir gegenüberstand, lautete seine erste Frage:

»Schau mich an, Bär! Wer kann ich wohl sein?«

Mein Bruder hatte den Spitznamen schon mitgebracht, und statt Ludwig nannte ihn auch hier jedermann »Ludo«. Der hübsche, heitere und behäbige Junge, der auch seinen Mann stand, wurde bald besonders beliebt, und daß die Kameraden auch mir ein wenig gut waren, sollte ich erfahren, als sie mich in meinem letzten Anstaltsjahre zum Hauptmann der ersten Bergwart, das heißt zum obersten Kriegsherrn der gesamten Zöglingschaft wählten.

Mein erster Kampf sicherte meine Stellung auf immer.

Wir dankten es wohl auch dem guten Andenken, das Martin zurückgelassen hatte, wenn wir schon am zweiten Tage in alles eingeweiht wurden, was die Zöglinge offen oder hinter dem Rücken der Lehrer trieben. Es war nichts Böses, und betraf es einen Unfug, so kann ich ihn heute noch »harmlos« nennen. Die Neuen oder Füchse wurden überhaupt nicht zurückgesetzt oder, wie auf mancher anderen Anstalt, gemißhandelt. Nur die sogenannte »Einweihung« mußte sich jeder, selbst die neu angekommenen jüngeren Lehrer, gefallen lassen. Sie wurde im Winter vorgenommen und bestand in einer Vergrabung in den Schnee und der Füllung der Taschen der Kleider, ja des Hemdes mit dieser reinlichen, aber feuchtkalten Masse. Dennoch erinnere ich mich keiner Erkältung, die dieser derbe Taufakt nach sich gezogen hätte.

Etliche Tage blieb die Mutter bei uns, und da das Wetter schön war, begleitete sie uns auf die wegsamen Höhen: den Kirschberg, zu dem, wenn man den freundlichen Friedhof der Anstalt hinter sich gelassen, ein Zickzackweg hinanführt, den Kolm, an dessen Fuß sich das Oberhaus erhob und auf dessen dem Dorfe zugekehrten Abhange sich unsere sogenannten Anlagen befanden, und den Steiger, an dessen Sohle der Schaalbach entspringt und von dessen Gipfel aus man einen großen Teil der Thüringer Berge überschaut.

Wir früheren Zöglinge haben hier später einen hohen Turm als Geschenk und Denkmal für den trefflichen Barop erbauen lassen, und die Aussicht, die sich von dem über tausend Fuß hohen Steigergipfel bietet, ist von großartiger Herrlichkeit.

Schon vor der Vollendung dieses Luginsland gehörte sie zu den schönsten und umfassendsten weit und breit, und wie mit den meisten neuen Ankömmlingen hielt man es auch mit uns. Beim Aufstieg wurden uns die Augen verbunden, und als man uns das Tuch abnahm, zeigte sich dem überraschten Blick ein wundervolles Bild. Im Vordergrunde, nach links hin, erhob sich der waldige Hügel, den die stattliche Ruine der Blankenburg krönt, aus der Fülle der rötlichen mit Gips durchschossenen Hügelwellen des Rinnetals. In weiter Ferne öffnete sich das schöne laubige Bett der Saale, das die Leuchtenburg stolz überragt. Vor uns fand der Blick kaum eine Schranke; denn hinter den näheren Hügelreihen erhob sich eine Kette des Thüringer Waldes hinter der anderen, und wo der Horizont dies große Gemälde abzuschließen schien, blaute noch eine mit dem Himmel und dem Gewölk verschwimmende Bergwand, und der zarte Duftschleier, der sie umwallte, stoß mit dem Himmel und seinem Gewölk untrennbar zusammen.

Zu jeder Tages- und Jahreszeit schaute ich von dieser Stelle aus in die Ferne. Am schönsten aber war es auf dem Steiger beim Untergang der Sonne an klaren Herbsttagen, wenn die Nähe, in der die leichten Fäden des Altweibersommers schwebten, so goldig, die Ferne in so köstliche Tinten eingetaucht – vom Purpurrot bis zum glanzumsäumten schwärzlichen Veilchenblau – vor uns lag, wenn die Saale aus dem Erlengebüsch in lichtem Silberglanz hervorschimmerte und die Sonne sich in den glitzernden Scheiben der Leuchtenburg spiegelte.

Und wir waren jetzt alt genug, um die Herrlichkeit dieses Anblickes zu genießen. Mein junges Herz öffnete sich weit vor ihm, und wenn mein Auge es später verstand, den Zauber einer schönen Aussicht sich einzuprägen, und es mir gelang, ihn mit der Feder zu schildern, so war es hier, wo ich dies lernte.

Und wie viele andere köstliche Punkte gab es auf der Höhe der Keilhauer Berge und in den Tälern ringsum!

Es war auch so gut, daß die Mutter dies alles mit ansah. Sie konnte nun gleichsam bei uns sein, wenn wir ihr schrieben und ihr von unserem Leben und Treiben erzählten. Manchmal mag sie sich recht müde zur Ruhe begeben haben, so viel mußte sie mit uns umher. Aber die Lehrer und die anderen Jungen beeiferten sich, ihr gefällig zu sein. Sie hatten sie alle liebgewonnen. Noch vor wenigen Jahren wurde mir dies von dem damaligen Französischlehrer, Mr. Vaudoz, dem jetzt ergrauten Direktor der Erziehungsanstalt zu Yverdun, mit jugendlicher Wärme bestätigt. Wir bemerkten es und freuten uns daran, bis der Tag kam, an dem sie uns verließ.

In der Frühe mußte sie fort, um noch am nämlichen Abend Berlin zu erreichen. Die anderen waren noch nicht auf; nur Barop, Middendorf und einige Lehrer hatten sich früher mit uns erhoben, um Abschied von ihr zu nehmen.

Noch einige Küsse, ein kurzes Winken mit dem Tuche, und der Wagen verschwand im Dorfe.

Die anderen entfernten sich rasch.

Ludo und ich blieben allein zurück, und der Augenblick steht mir lebhaft vor der Seele, an dem wir plötzlich zu weinen begannen und so bitterlich schluchzten, als hätte es einen Abschied für die Ewigkeit gegeben. Es mag auch eine gute Weile gedauert haben, bis wir die Tränen getrocknet hatten.

Wie oft wird ein Mensch zur Sonne im Lebensbereich des anderen, und am häufigsten ist es die Mutter, der dies schöne Los zufällt.

Allzulange hat unser Trennungsschmerz kaum gedauert. Wer eine Stunde später die Knaben heim Ballspiel belauscht hätte, dem wäre, denk' ich, unter den fröhlichsten Stimmen auch die unsere begegnet.

In späterer Zeit stellten sich Sehnsucht und Heimweh nur selten ein; denn es gab für uns so viel Neues in Keilhau, und auch das längst Bekannte trat uns an Form und Inhalt verändert entgegen.

Aus der Stadt hatte man uns in jedem Sinne des Wortes in die Wälder versetzt.

Zwar waren wir in dem herrlichen Park des Tiergartens herangewachsen, aber doch nur an seinem Saume; in und mit der Natur zu leben, »Eins mit ihr zu werden«, wie Middendorf sagte, hatten wir dort mitnichten gelernt.

Ich las einmal in einem Roman Wilhelm Jensens als beglaubigte volkswirtschaftliche Notiz, daß bei einer Umfrage in einer Armenschule der Großstadt eine beträchtliche Anzahl der Schüler noch keinen Schmetterling und keinen Sonnenuntergang gesehen hatte. Zu solchen Kindern waren wir gewiß nicht zu zählen. Aber unser Verkehr mit der Natur hatte eigentlich nur aus Höflichkeitsbesuchen, die wir der hohen Frau von Zeit zu Zeit abstatten durften, bestanden. In Keilhau wurde sie uns eine traute Freundin, und es war dafür gesorgt, daß wir bald auf Du und Du mit ihr standen und in manches ihrer Geheimnisse eingeweiht wurden; denn unserem Middendorf und Barop schien keines verborgen, und Pflicht und Neigung geboten ihnen, auch uns das Ohr für ihre Sprache zu schärfen.

Die Keilhauer Spiele und Spaziergänge führten gewöhnlich auf die Berge und in den Wald, und hier waren es ältere Zöglinge, die die Stelle der Erzieher vertraten; doch geschah dies keineswegs in lehrhafter Weise. Nein, ihr eigenes Interesse an dem Bemerkenswerten in der Natur war schon so rege geworden, daß sie sich nicht enthalten konnten, auch die unerfahreneren Kameraden darauf hinzuweisen, wo es sich zeigte.

Auf die »Landpartien« von Berlin aus hatten wir zierliche Becher mitgenommen, um aus Brunnen zu trinken, jetzt lernten wir die Quellen selbst suchen und finden; und wie wohl das kristallene Naß aus der gebogenen Hand, dem Pokale des Diogenes, doch mundet!

Der alte Rechnungsrat Wellmer im Credéschen Hause zu Berlin, ein eifriger Entomologe hatte eine große Käfersammlung besessen und seine Lieblinge sorglich an langen dünnen Nadeln in sauberen Kästen, die viele Glasschränke füllten, reihenweise aufgesteckt. Es fehlte ihnen nichts als das Leben. In Keilhau fanden wir jede Insektenart des mittleren Deutschlands auf Sträuchern und im Moose, im Rasen und in Baumrinden, an Blumen und Halmen wieder, und sie lebten und gestatteten uns, ihrer Daseinsweise und Tätigkeit zu folgen. Statt sauber beschriebener Zettel nannten uns lebendige Lippen ihren Namen.

Auch im Tiergarten hatten wir den Stimmen der Vögel gelauscht; den gefiederten Sängern in das Dickicht zu folgen wurde aber von der Mutter, dem Hauslehrer, der Warnungstafel, den guten Kleidern verboten. In Keilhau war es gestattet, ihnen nachzugehen bis in die Nester. Der Wald stand jedermann offen, und an unseren schlichten Joppen und festen Stiefeln war nichts zu verderben.

Schon im zweiten Jahre unterschied ich alle Stimmen der reichen Vogelfauna des Thüringer Waldes. Auch legte ich zusammen mit Ludo die Eiersammlung an, deren Vermehrung uns jedenfalls größere Freude bereitete, als der Mutter die langen Rechnungen für geflickte und erneute Hosen, an denen das Nestersuchen schuld trug. Übrigens hatte die Liebe für die gesamte beseelte Natur die Erzieher bestimmt, der Leidenschaft der Eiersammler Schranken zu setzen; denn es wurde ihnen das Versprechen abgenommen, nie das letzte Ei aus einem Neste zu nehmen, und befand sich nur eines darin, es liegen zu lassen. Wie viele Bäume haben wir erklettert, wie steile Felsen erklommen, durch wie enge Spalten wußten wir uns zu drängen, um eines seltenen Eies für unsere Sammlung habhaft zu werden! Ja, für den Besitz eines solchen setzten wir die gesunden Gliedmaßen und sogar das Leben aufs Spiel. Das gilt ja den Jungen, denen es am schönsten blüht, und vor denen es sich noch lang ausstreckt, soviel weniger als den Alten, für die es zu welken beginnt und die seinem Ende schon nahe sind!

Ich vergesse den Nachmittag nicht, an dem wir uns mit Stricken und Stangen auf den Uhuberg begaben, der seinen Namen übrigens erst Middendorf verdankte, weil er beim Einzug der Anstalt in Keilhau bemerkt hatte, daß sein felsiger Abhang einigen Uhupaaren zur Wohnung diente. Seitdem waren ihrer wohl mehr geworden, und bei einer bestimmten Spalte flogen schon seit einiger Zeit größere Nachtvögel hin und wider.

Es war noch Legezeit, und dort mußten sie nisten.

Leicht war es nicht, den jähen Abhang zu erklettern, doch es glückte, und es ließ sich von oben her in die Spalte gelangen. Damals gingen wir mit der Lust der Entdecker ans Werk, jetzt aber faltet sich mir die Stirn, wenn ich bedenke, daß diejenigen, die erst den unternehmenden Albrecht von Kalm aus dem Braunschweiger Lande, dann aber auch mich an Stricken in die Felsenspalten niedergelassen hatten, dreizehn- oder höchstens vierzehnjährige Knaben waren. Marbod, der Bruder meines Genossen, gehörte freilich zu den Stärksten von uns, und es ging an, sich wie Essenkehrer mit Händen und Füßen an die Wände der engen und rauhen Schlucht zu drängen. Dennoch will es mir jetzt noch wie ein Wunder erscheinen, daß das Wagestück ohne jeden Schaden gelang. Leider fanden wir schon ausgebrütete Junge und mußten unverrichteter Sache heimziehen. Später erlangten wir dennoch solche Eier, und ihre Form kommt der Kugelgestalt näher als die der meisten anderen Vögel.

Wir wußten, wie das Ei sämtlicher gefiederten Gäste Deutschlands gefärbt und gezeichnet ist, und die an Kästchen und kleinen Fächern reiche, aus starker Pappe verfertigte Kommode mit unserer Eiersammlung stand lange auf dem mütterlichen Boden. Als ich vor einigen Jahren nach ihrem Verbleib forschte, fand man sie nicht mehr. Auch Ludo hatte das Seine für die Sammlung getan und beklagte mit mir ihr Verschwinden.

 

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