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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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In Keilhau

In die Anstalt

Keilhau – Was ein so kurzer Name doch alles in sich schließt!

Mir ruft er das reine Glück der schönsten Knabenjahre, eine Fülle von verehrten, lieben und frohen Gestalten und hundert ernste, tief ins Gemüt greifende, heitere und vergnügliche Szenen aus einem an Belehrung und Freuden reichen Lebensakte und die von der Natur so anmutig ausgestattete Bühne ins Gedächtnis zurück, auf der er sich abspielt.

Und doch hat der Name »Keilhau« einen gewalttätigen Klang, und ein Elfjähriger, der ihn hört, greift sich leicht an den Rücken und findet ihn pleonastisch, da einer der Imperative, die ihn bilden, genügt, um die Vorstellung von blauen Flecken wachzurufen. Solche tun freilich nicht weh, wenn sie im Kampfe mit guten Kameraden entstehen, und Martin hatte den kleinen Brüdern schon die beruhigende Versicherung erteilt, daß sie dort nur von solchen »Keile« oder auch »Haue« zu erwarten und es sich selbst zuzuschreiben hätten, wenn sie von beiden mehr empfangen als austeilen sollten. Er hoffe, daß wir seinem Verhalten und Spitznamen – er war statt Martin »Mortax« gerufen worden – Ehre machen würden. Weder der Direktor noch ein Lehrer legten jetzt die Hand an einen Schüler, überhaupt sollten wir Stadtpflanzen und Hätschelkinder der Mutter auf den Knien danken, daß sie uns nach Keilhau gebe.

Wir freuten uns gewiß auf die Wälder und Berge, von denen er so lebhaft erzählt hatte, aber daheim war es doch auch schön gewesen. Dort blieb ja die Mutter zurück, und das dritte Glied unseres Kleinen-Kleeblattes, die muntere, kein Spiel verderbende, willensstarke Paula, und außerdem unsere freundliche, gefällige Martha, und so mancher gute Kamerad, und Annchen Geppert und der größte Teil unseres Spielzeugs.

An das Opernhaus und die anderen Vergnügungen der Residenz dachte ich nicht; aber – aber – aber ... Wir fuhren ja vielleicht wirklich ins Glück hinein; – doch wo sollte das herkommen ohne die Mutter?

Jean Paul nennt die Wehmut ein Gemisch von Wonne und Schmerz, und etwas dergleichen war es doch wohl, das mich in den Abschiedstagen vor dem Aufbruch erfüllte und mich anhielt, besonders brav und gefällig gegen jedermann im Hause zu sein. Vielleicht wollte ich dadurch bewirken, daß man sich gern meiner erinnerte oder mich gar ein wenig vermißte. Die Mutter führte uns auch noch einmal auf den Dreifaltigkeitskirchhof zum Grabe des Vaters, und da nahm ich mir viel Gutes vor. Nur die besten Zensuren mit lauter Einsen sollten aus Keilhau nach Hause gelangen, und ich hatte mir doch schon in Berlin recht hübsche erworben.

Am Aufbruchsmorgen gab es viele Küsse und wehmütige Blicke auf alles, was da zurückblieb; als wir aber mit der Mutter im Eisenbahnwagen saßen und durch die im reichsten Frühlingsschmuck prangende Landschaft dahinbrausten, ging mir auf einmal das Herz auf, und frohe Reiselust und helle Freude auf das viele Neue, das mir bevorstand, machte jeder anderen Empfindung den Garaus.

Die ersten Weinberge, die es bei Naumburg zu sehen gab – die vom Rhein hatte ich längst vergessen – erschienen mir sehr interessant. Die Rudelsburg bei Kösen war die Ruine einer wirklichen alten Ritterburg. Nur schade, daß ich das Lied Franz Kuglers:

»An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn;
Ihre Dächer sind gefallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen,
Wolken ziehen drüber hin«,

das sich auf die liebliche Stelle der Thüringer Vorberge bezieht und dessen Dichter uns so wohl bekannt war, noch nie gehört hatte! In Keilhau sollten wir es bald singen lernen.

Weimar war das erste Ziel dieser Reise. Wir hatten doch schon mancherlei von unseren Klassikern vernommen, ja, ich wußte Schillers Glocke und auch einiges von Goethe auswendig, und mit welcher Verehrung hatten wir von ihnen reden hören! Jetzt sollten wir die Stätte betreten, die ihre Heimat gewesen, und als wir in sie einfuhren, überkam mich eine seltsame Empfindung. Die Häuser waren ja recht klein im Verhältnis zu denen in Berlin und Dresden, doch die Stille in den Straßen und ein anderes schwer zu definierendes Etwas erweckte in mir das Gefühl, das den Pilger überkommen mag, wenn er den Boden des Wallfahrtszieles betritt. – Wir übernachteten auch in Weimar, und zwar in einem wirklichen Gasthaus. Das war interessant; denn in Dresden wohnten wir bei der Großmutter, und wenn wir sie zu Berlin im Hotel besucht hatten, war es immer mein Wunsch gewesen, auch einmal in einem solchen zu wohnen.

Jede Einzelheit von dieser ersten, mit Bewußtsein zurückgelegten Reise ist mir gegenwärtig geblieben; ich weiß sogar noch, was wir uns zum Abendessen bestellten. Aber die Mutter hatte starken Kopfschmerz, und so bekamen wir von den Herrlichkeiten Weimars nur das Goethehaus in der Stadt und das andere im Park zu sehen. Was ich dabei empfand, kann ich nicht sagen, denn es vermischt sich zu stark mit späteren Eindrücken; ich weiß nur, daß mir besonders das letztere sehr klein vorkam. Ich hatte mir das »Goethehaus« wie das Palais des Prinzen von Preußen oder des Fürsten Radziwill in der Wilhelmstraße gedacht. Das großherzogliche Schloß kam mir dagegen vornehm und stattlich vor. Wir sahen es gut an; denn es war ja das Geburtshaus der Prinzeß von Preußen, von der Fräulein Lamperi uns so viel erzählt hatte.

Am nächsten Morgen war die Mutter wieder wohlauf. Die Eisenbahn sollte Weimar mit Rudolstadt, in dessen Nähe Keilhau liegt, erst sehr viel später verbinden, und so fuhren wir denn in einem offenem Wagen unserem Reiseziele entgegen. Es war herrliches Wetter, der Weg führte bald aufwärts, bald abwärts über wirkliche Berge, wir hatten einen Postillion, der allerlei Lieder zu blasen verstand und das runde Horn uns zu Gefallen oft genug an die Lippen führte.

Gegen Mittag hatten wir Rudolstadt erreicht.

Wie hübsch war das Saaletal in seinem grünen Frühlingsschmuck, wie traulich schmiegte sich das saubere Städtchen an den Fuß des Schloßberges, auf dessen Höhe das fürstliche Palais sich so lang hinstreckte wie ein auf dem Hügel ruhender Schäfer, der die Schafe unter sich – die kleinen weißen Häuser der Residenz – überschaut und bewacht.

Die Mutter wußte hier schon Bescheid, und Martin hatte uns dazu genaue Verhaltungsmaßregeln gegeben.

Der erste Gasthof war wohl der »Ritter« – wir hielten aber seinem Wunsche gemäß auf dem Markte, bei Curioni; denn der ältere und jüngere Wirt dieses Namens gehörten zu Keilhau und waren außerordentlich beliebt in der Anstalt. Der jüngere, den wir Husn riefen, war wohl selbst eine Zeitlang Zögling gewesen. Welcher Keilhauer Orientalist ihm diesen Spitznamen gab, der auf arabisch »das Pferd« bedeutet, weiß ich nicht zu melden. Er und sein Vater besaßen jedenfalls viele dieser edlen Tiere.

Nachdem wir uns etwas erfrischt hatten, fuhr der Wagen vor, der uns nach Keilhau bringen sollte.

Als wir uns zum Einsteigen anschickten, trat ein älterer Herr an uns heran, der sogleich einen bedeutenden Eindruck auf mich machte. Sein Äußeres erinnerte entschieden an Wilhelm Grimm, und wenn er kein Prediger war, so mußte er wohl auch ein Professor sein. Unter Hunderten wäre er mir ins Auge gefallen; denn sein edel geformter Kopf war von langem, in der Mitte gescheiteltem grauem Haar umwallt, seine in großem Stil geformten, wohlgebildeten, durchgeistigten Züge trugen den Stempel des gütigsten Wohlwollens, und seine Augen waren der Spiegel einer lauteren Kinderseele. Der seltene Reiz ihres sonnigen Leuchtens, wenn sein warmes Gemüt sich der Freude öffnete, oder wenn seinem sinnigen Geiste etwas recht zu deuten gelungen war, tritt mir heute, da ich dies schreibe, voll ins Gedächtnis, und sie strahlten auch froh und innig genug, als er unsere Begleiterin gewahrte. Sie kannten einander schon lange; denn die Mutter war um Martins willen einigemal in Keilhau gewesen, und wie sie den herrlichen Alten, so hatte er sie liebgewonnen. Sie nannte ihn Middendorf, und nun wußten wir, mit wem wir es zu tun hatten; denn es war uns schon viel Freundliches von diesem Mitdirektor der Anstalt zu Ohren gekommen.

Zwar war er mit dem »alten Fuchs« der Anstalt nach Rudolstadt gefahren, doch nahm er gern in unserem Wagen Platz, und das brachte ihn uns schnell genug nahe.

Kaum hatten wir die Straße mit dem Gasthof zum Ritter hinter uns gelassen, als er Schillers zu gedenken begann und uns den Berg zeigte, der seinen Namen trug, und dem er in seinem »Spaziergang« zugerufen hatte:

»Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel.«

Darauf wies er auf die Saale und Volkstädt und erzählte uns dabei von dem von Lengefeldschen Schwesternpaare, das dem Dichter so oft bis dahin entgegengegangen, und von dem Charlotte später seine Braut und Gattin geworden war. Das alles geschah in einer Weise, die nichts Lehrhaftes oder für Kinder besonders Zubereitetes hatte und doch bis auf das letzte Wort verständlich war und uns fesselte. Dazu besaß seine Stimme einen besonders tiefen Wohllaut, und dafür war mein Ohr von früh an empfänglich. Er kannte auch junges Menschenvolk von unserer Art und wußte, was ihm zusagt.

In Schaale, das erste Dorf, das wir durchfuhren, sagte er, indem er auf den Bach wies, der sich in seiner Nähe in die Saale ergießt:

»Seht, ihr Knaben, jetzt kommen wir in unser Gebiet, das Schaaltal. Diesem Wässerchen, das auf unserer Flur entspringt, dankt es den Namen, und nun wollt ihr wohl auch wissen, warum unser Dörschen Keilhau heißt?«

Darauf wies er den Bach hinauf und gab uns in knappen Zügen ein Bild seines Laufes. Wir fuhren ihm entgegen.

Das Dorf Schaale hatten wir passiert. Das mit der Kirche vor uns hieß Eichfeld, und uns zur Rechten lag ein anderes, nicht für uns sichtbares, Lichtstädt. Vor grauen Zeiten, erzählte er nun, wären die bergigen Wände und die Sohle des ganzen Tales mit dichten Eichwäldern bedeckt gewesen. Da seien aber Leute gekommen, die gewünscht hätten, Ackerland zu gewinnen. Bei Lichtstädt – damit wies er in die Gegend dieses Dorfes – hätten sie die Wälder zu lichten begonnen. Das sei aber schwer gegangen, und sie hätten dazu Keile gebraucht. Diese wären ganz oben im Tale, wo es das festeste Holz gegeben habe, hergestellt worden. In Eichfeld habe man dann die Eichen gefällt und die Stämme nach Schaale geführt, wo ihnen die Schale abgenommen worden sei, um Lohe für die Gerber an der Saale zu gewinnen und sie den Fluß herunter zu flößen. So komme denn Lichtstädt vom Lichten des Waldes, Eichfeld vom Fällen der Eichen, Schaale vom Abschälen der Schale und Keilhau vom Behauen der Keile.

Die schlichte Märe aus alter Zeit war auf dem sagenreichen Thüringer Boden erwachsen, und so wenig die Erklärungen, die sie enthält, dem Etymologen genügen möchten, so sehr gefielen sie mir. Ich glaubte an sie, und wenn ich später von einer Höhe aus das Tal herunter und nach der Saale hin schaute, ließ meine Einbildungskraft mächtige Eichenwälder an den nackten oder mit Tannen beforsteten Abhängen der Berge erwachsen, sah ich die Hünengestalten der alten Thüringer mit schweren Beilen Eichen fällen, und die Keile, die man in Keilhau behauen, in die Wunden treiben, die ihnen die Axt der Niesen geschlagen.

Das Gewalttätige, das mit dem Namen Keilhau verbunden zu sein schien, war plötzlich verschwunden. Er hatte für mich Inhalt und Bedeutung gewonnen, und Middendorf uns eine gute Probe einer Grundforderung Friedrich Fröbels, des Stifters der Anstalt, gegeben, die lautet: »Das Äußerliche soll vergeistigt und innerlich gemacht werden.« Derselbe geniale Pädagog hatte gesagt: »Unsere Erziehung knüpft den Unterricht an die den Menschen, das Kind, den Zögling umgebende Außenwelt,« und auch an diesen Satz hielt sich Middendorf, als er uns schon beim ersten Zusammensein nach den Bäumen und Sträuchern am Wege fragte und sie, als wir den meisten gegenüber unsere Allwissenheit eingestehen mußten, benannte und ihre Besonderheit hervorhob.

Bei diesem Gespräche redeten wir ihn natürlich mit »Sie« an; er aber verwies uns dies freundlich und sagte, wir bildeten in Keilhau eine große Familie, und er gehöre mit zu den Vätern. Wie er uns, so sollten wir ihn »Tu« nennen, und ebenso würde es auch mit dem Barop, dem Hauptverwalter, gehalten. Das wußten wir schon, und erst mußte ich lachen, als ich den alten grauen Herrn »Du« rief. Aber er lachte mit, und bald gefiel mir das »Duzen«. Der würdige Mann dort hatte wirklich etwas Väterliches an sich, und es war mir nie vergönnt gewesen, zu einem eigenen Vater zu reden.

Endlich kamen wir in die Keilhauer Flur, einen Kessel, dessen Wände ziemlich hohe Berge bilden. Von allen Seiten wird er von solchen umkränzt, nur nach Rudolstadt hin ist er offen und gestattet dem Schaalbach, sich durch Wiesen und einige Äcker zu schlängeln. So liegt das Dörfchen da wie ein Ei in einem nach einer Seite hin geöffneten Neste, wie der Käfer im Kelch einer Blume, die eins ihrer Blätter verlor.

Von drei Seiten hat die Natur es wie mit Schutzmauern umgürtet, die den Winden wehren, in das Tal Zu dringen, und nächst dem kristallhellen, köstlichen Wasser, das in steter Bewegung von den Bergen her in die Brunnentröge fließt, dankt Keilhau wohl diesem umstand seinen erstaunlich günstigen Gesundheitszustand. In den vier und einem halben Jahre meines Aufenthalts daselbst gab es keine epidemische Krankheit unter sechzig Knaben, und am fünfzigsten Jubiläum der Anstalt, 1867, dem ich beiwohnte, konnte mitgeteilt werden, daß während des halben Jahrhunderts ihres Bestehens ein einziger Zögling gestorben sei, und den hatten die Eltern mit einem Herzleiden in die Anstalt geschickt. Man war dort nie krank, und ich hätte bei Tage keine Stunde das Bett zu hüten gehabt, wäre ich nicht einmal durch einen schweren Armbruch dazu gezwungen worden.

Von meinem Bruder Ludo, der in den ersten Lebensjahren ein sehr zartes Kind gewesen war, kann ich, wenn ich an die Stelle des Armbruches eine Brandwunde setze, das gleiche berichten.

Auf dem Boden der Keilhauer Flur fesselte uns alles, und das vielleicht doppelt, weil wir es durch die Erzählung unseres Martin schon etwas kannten und das, wovon wir einiges, doch nichts Genaueres wissen, im allgemeinen interessanter erscheint als uns völlig Fremdes.

Der Tag unseres Einzuges muß wohl ein Sonntag gewesen sein; denn schon auf der Straße begegneten uns einige Bauern in langen blauen Röcken und Bauerfrauen in dunklen Tuchmänteln mit goldgestickten Rändern und kleinen schwarzen Kappen, von denen drei bis vier Fuß lange Seidenbänder auf den Rücken der Trägerinnen herabfielen. Die Mäntel vererbten sich von der Mutter auf die Tochter. Sie waren recht schwer, und doch sah ich sie später von den Bäuerinnen auch im Sommer beim Kirchgange tragen.

Was uns begegnete, kannte den alten Middendorf und grüßte ihn eifrig; von den künftigen Kameraden hatten wir noch nichts zu sehen bekommen.

Jetzt fuhren wir in die breite Dorfstraße ein. Zur Rechten lag, den ersten Häusern gegenüber, ein kleiner Teich, die Dorfpfütze genannt, auf dem Enten und Gänse schwammen, und in dessen dunkler, vielfarbig schillernder Fläche sich die Kutte des Schäfers spiegelte. Nachdem wir einige recht stattliche Gehöfte zu beiden Seiten des Weges liegen gelassen hatten, kamen wir auf den »Plan«, wo Helles Wasser in einen Steintrog plätscherte, eine Linde den Tanzplatz beschattete und uns ein nettes Saus als Schule der Dorfjugend gezeigt ward.

Etwas tiefer im Hintergrunde erhob sich auf dem Friedhofe die Kirche. Doch wir fanden nicht Zeit, uns nach ihr umzuschauen; denn schon fuhren wir in die eigentliche Anstalt ein, die das Ende des Dorfes ausmachte und aus zwei Häuserreihen und einem Platze bestand, den die breite Front eines großen Kaufes nach hinten zu abschloß.

Zu unserer Linken blieb das Backhaus, ein kleines Wohngebäude und die große Turnhalle liegen, zur Rechten das sogenannte Unterhaus mit den Wohnungen der Direktorenfamilien und den Schul» und Schlafräumen der kleineren Zöglinge, die wir »die Panzen« nannten, und unter denen sich einige erst acht- und neunjährige Knaben befanden.

Das große Haus, dem wir entgegenfuhren und vor dessen Mitteltür, zu der eine Steintreppe hinanführte, wir hielten, war das Oberhaus, unsere künftige Heimat.

Kaum hatten wir mit dem Aussteigen begonnen, als es drinnen laut wurde, und uns gleich darauf eine lärmende Heerschar die Stufen herab entgegengestürmt kam. Das waren »die Zöglinge«, und das Kerz fing mir an schneller zu schlagen.

Sie stellten sich unbefangen genug um das Rudolstädter Fuhrwerk und gafften uns an. Es siel mir auf, daß beinahe alle barhäuptig gingen. Manchen wallte das Haar lang auf den Rücken. Die Kopfbedeckungen des halben Dutzends, das solche trug, bestanden aus schwarzen Samtbaretten, mit denen sie sich in Berlin höchstens auf dem Theater oder in einem Maleratelier hätten sehen lassen dürfen. .

Es war eine derbe, gesunde und unternehmend genug aussehende Schar; doch sie wußte sich auch hübsch zu benehmen; denn diejenigen, welche die Mutter schon früher gesehen, begrüßten sie oder verneigten sich artig.

Middendorf war schnell unter die Knaben getreten, und als die einzelnen auf ihn zugeeilt kamen, ihm die Hand reichten und sich an seinen Arm hängten, sahen wir, wie lieb er ihnen sei.

Doch es blieb uns zum Beobachten nicht lange Zeit; denn schon kam Barop, der Direktor, die Treppe herunter, und rief der Mutter und uns mit tiefer, klangvoller Stimme in rein westfälischem Dialekt sein Willkommen entgegen.

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