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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nach der Revolutionsnacht

Als wir am nächsten Morgen aufstanden, war das Schießen vorüber. Es hieß, alles sei ruhig. Die bekannte Proklamation: »An meine lieben Berliner« war auch zu uns gelangt. Die Schrecken der vergangenen Nacht schienen in der Tat die Folge eines unseligen Mißverständnisses. Der König selbst erklärte, die beiden Schüsse des Militärs, die man für das Signal zum Angriff auf das Volk gehalten hatte, wären aus Gewehren gekommen, die ein unglücklicher Zufall entladen, »gottlob, ohne irgend jemand zu treffen«.

Er schloß mit den Worten: »Hört die väterliche Stimme Eures Königs, Bewohner meines treuen und schönen Berlins, und vergeßt das Geschehene, wie ich es vergessen will und werde in meinem Herzen, um der großen Zukunft willen, die unter dem Friedenssegen Gottes für Preußen und durch Preußen für Deutschland anbrechen wird. Eure liebreiche Königin und wahrhaft treue Mutter, die sehr leidend daniederliegt, vereint ihre innigen, tränenreichen Bitten mit den meinen.«

Ein königliches Wort verbürgte außerdem die Zurückziehung der Truppen, sobald die Berliner sich zum Frieden entschließen und die Barrikaden abräumen würden.

So schien denn alles wieder gut und das Volk die versöhnliche Hand seines Herrschers ergriffen zu haben; denn der Kampf ruhte schon seit Stunden, und wir hörten, die Truppen befänden sich bereits auf dem Rückzug.

Noch hatten wir nichts von den Vorgängen der Nacht gesehen, und es war doch Sonntag, wir brauchten nicht in die Schule, und das Wetter war so schön! Hinaus hätten wir in keinem Falle gedurft, doch mein erster Blick aus dem Fenster sollte mir etwas zeigen, das jahrelang auf mich wirkte und mir noch mehrere Lustra später im Traum erschien: ein Paar Stiefel. Eine Totenbahre wurde an uns vorbeigetragen. Die Leiche, die auf ihr ruhte, war die des Tapezierermeisters Specht, der gestern sein: »Sie sollen es kriejen!« so wild und überzeugt ausgerufen hatte. Eine graue Leinwand bedeckte den stillen Mann; nur die Stiefel schauten aus ihr hervor, und aus dem einen eine blutige Zehe. Diese dahingestreckte leblose Masse und der in den Kampf eilende, kraftstrotzende, empörte Rächer seiner, wie er wähnte, abermals betrogenen Brüder bildeten eine für das Kindergemüt übermächtige Antithese. Die Stiefel mit der blutigen Zehe, das einzige, was es noch von dem gefällten Manne zu sehen gab, prägten sich mir nicht, nein, brannten sich mir ins Gedächtnis. Es war das erste Gräßliche, dem es Einlaß gewährte.

So oft ich später von dem Volke vernahm, das sich in wilder Empörung gegen seine Unterdrücker erhob, mußte ich dieses Opfers der blutigen Berliner Märznacht gedenken.

Doch dieser Tag sollte noch andere unauslöschliche Eindrücke bringen.

Von der Abreise nach Dresden konnte keine Rede sein, denn der Eisenbahnverkehr war eingestellt. Es kam auch kein Briefbote. Die Glocken, die während der ganzen Nacht die ehernen Stimmen zum Stürmen erhoben hatten, schienen nach dieser wilden Arbeit die Kraft nicht wiederzufinden, die Beter in die Kirche zu rufen. Sämtliche Gotteshäuser waren an jenem Sonntagmorgen geschlossen.

Unsere Sehnsucht ins Freie verwandelte sich in Ungeduld. Sie sollte auch gestillt werden; denn infolge der nächtlichen Schrecknisse litt die Mutter an heftigem Kopfschmerz. Wir wurden darum, nachdem unsere Bitte mehrmals unerfüllt geblieben war, mit der Weisung, sogleich zurückzukehren, entsandt, um ihr altes Mittel zu holen. Die Ringsche Apotheke, ein kleines Haus am Potsdamer Platz, war in wenigen Minuten zu erreichen, und wir besorgten mit aller Pünktlichkeit unseren Auftrag, übergaben die Arznei bei der Heimkehr der Köchin und eilten dann in die Stadt.

Es herrschte völlige Ruhe.

Am Potsdamer Tore war die Wache besetzt. Ein Zug Infanterie kam mit klingendem Spiel die Leipziger Straße herunter und schwenkte auf dem Potsdamer Platz in die Schulgartenstraße ein. Es will mir scheinen, als sei dort alles ganz wie in früheren Tagen gewesen. Die Leute, denen wir anfänglich begegneten, bestanden wohl meistenteils aus Neugierigen wie wir und waren sonntäglich gekleidet. Alles wie sonst; doch je weiter wir kamen, desto Merkwürdigeres gab es zu sehen.

Als wir die Mauer- und Friedrichstraße hinter uns hatten, schlug das Herz uns schon schneller, und was wir später auf dem Wege durch diese längste Verkehrsader Berlins bis zu den Linden zu sehen bekamen, war so beschaffen, daß der bloße Gedanke daran mich heute noch erregt und den heißen Wunsch in mir wachruft, nie wieder ähnlichen Bildern zu begegnen.

Auch die Trümmer der Barrikaden und die mit Kugeln gespickten Wände am Kölnischen Rathause bekamen wir zu sehen, doch erst am folgenden Tage, und es ist wohl möglich, daß ich die Bilder vom 19. März mit denen vermenge, die sich mir erst am Zwanzigsten in die Vorstellung prägten.

Bei der Sonntagswanderung gab es hier Gräben zu durchsteigen oder zu überspringen, dort Hindernisse zu umgehen oder zu überklettern, hier staunend zu betrachten, dort von Schauder ergriffen den Blick abzuwenden.

Wut, Haß, Zerstörung hatten auf dem Gebiete, das wir durchschritten, die tollsten Orgien gefeiert und der Tod die schärfste seiner Sensen mit leidenschaftlichem Ungestüm geschwungen. Wilde Roheit und unbarmherzige Schonungslosigkeit waren beim Bau der Barren, die der Deutsche, das gute heimische Wort meidend, »Barrikaden« benannte, Bundesgenossen der klügsten Überlegung und einer geschickten Sachkunde geworden. Wenn Kunst »Können« bedeutet, so verdienten einige sicherlich Kunstwerke genannt zu werden. Ein älterer Herr, der anderen als Erklärer diente, wies uns zuerst darauf hin, mit wie gutem Verständnis des Verteidigungswesens einige Barrikaden auf der einen Seite flüchtiger, auf der anderen sorgfältiger befestigt waren. Und welches Geschick hatte sich mit der Sorgfalt verbunden! Aus diesen Sinnbildern der gräßlichsten Unordnung sah dem Beschauer doch überall eine gewisse wohl berechnete Ordnung entgegen. Jeder Graben, den man durch das aufgerissene Pflaster gezogen, hatte seinen Zweck, jede Anhäufung der aus dem Damm entfernten Steine eine besondere Bestimmung.

Doch der Laie bedurfte eines kundigen Führers, um dies zu erkennen. Ihn fesselte zunächst nur die barocke, nie gesehene Formlosigkeit bei ihrem Anblick, dann aber das viele, das ihn herzzerreißend auf das Entsetzliche wies, das hier der Mensch dem Menschen, ein Sohn der gleichen Heimatsmutter dem anderen angetan hatte.

Eine Blutlache hier, dort ein bärtiger Leichnam, den man eben aus den Trümmern hervorgezogen, hier eine von Blut gerötete, dort eine von Pulverdampf geschwärzte verlorene Waffe. Mit wie furchtbarer Kraft hatten die Kugeln das zusammengeschleppte Trümmerwerk neu in Trümmer geschlagen!

Die Leichen waren schon fast alle entfernt, doch verendete Pferde hatte man liegen lassen. Eins bot einen wunderlichen und doch schrecklichen Anblick. Ich sehe es noch vor mir. Wohl beim letzten Sprung der Verzweiflung war es in den großen offenen Schrank geraten, in dem nun sein oberer Teil wie in einem Sarge ruhte, während seine Hinterbeine starr in die Luft hinausstarrten. Dicht neben ihm stand in schräger Richtung ein altes Klavier mit abgerissenem Deckel. Eine Kugel hatte die Saiten zerrissen, die sich nun wie Klematisranken aus ihm hervorzuringeln schienen. Wie in dem Kessel, in den die Hexe das Widrige zum Zaubertranke zusammengießt, fand sich auf jeder Barrikade das Hinderliche, Unbrauchbare und tausenderlei anderes, ursprünglich Nützliches vereint, das einen Raum ausfüllt und den Weg zu versperren geschickt ist. Allerlei umgestürztes Fuhrwerk, vom Omnibus bis zum Kinderwägelein, von der Kutsche bis zum Handkarren fand sich überall. An einer Stelle flatterte von der Spitze der in die Luft ragenden Deichsel eines Leiterwagens als Fahne ein buntes Tüchlein. Schränke, Kommoden, Stühle, Bretter, Latten, Bücherregale, Badewannen und Waschkübel, eiserne und hölzerne Röhren türmten sich in wildem Gehäuf zusammen und empfingen Halt durch Lumpen- und Strohsäcke, Matratzen und Wagenkissen, die man unter und zwischen sie geklemmt und gestoßen. Woher kamen die Dielen dort, wenn man sie nicht aus dem Boden eines Zimmers, die Brunnenbekleidungen, wenn man sie nicht von den damaligen Wasserspendern, den Pumpen, gerissen? Ob die Fässer und Kisten dort leer oder voll waren, man hatte schwerlich danach gefragt. Die ganzen und zersplitterten Flaschen, die man überall in Mengen gewahrte, waren wohl sicher ihres Inhaltes beraubt. Auf den Bänken dort hatten gestern noch Kinder und Spaziergänger gesessen, an den Laternenpfählen vorgestern Gasflammen oder Öllampen gebrannt. Die beschriebenen Schilder da oben hatten Kunden in Geschäfte und Wirtschaften gelockt, mit der Teppichrolle dort unten hatte vielleicht morgen ein Fußboden bekleidet werden sollen. Die Oleanderbüsche, die, wie ich es später in griechischen und algerischen Felstälern sehen sollte, aus den Wänden, in denen sie wurzelten, horizontal herauszuwachsen schienen, waren vielleicht gestern zum erstenmal in die Frühlingssonne gestellt worden. – Woher die Stroh- und Heubündel, die man überall als Füllmittel benützt sah, die Regengossen, Türflügel und Ziegel kamen, war leicht zu erraten; über die Herkunft der Pflastersteine gaben die aufgerissenen Fahrdämme Auskunft, wie aber das frische und trockene Moos, dies Kind der Wälder, mitten in der Hauptstadt den Barrikadenbauern, als sie seiner bedurften, in solcher Fülle zur Hand sein konnte, ist mir heute noch ein Rätsel. Doch die Magazine der Hauptstadt enthalten wohl alles, was den Menschen irgendwie und wann brauchbar sein könnte. Berlin schien mir ohnehin zu klein für all den in den Häusern aufgesammelten Plunder, der in jener Märznacht ins Freie geschleppt worden war.

Und das alles und was sonst noch die bunte Vielgestalt des Barrikadenkörpers bildet, war von Kugeln beschädigt, mit Staub und Erde bestreut, mit Blut und ausgegossenen Flüssigkeiten, die man wohl auf die stürmenden Soldaten gegossen hatte, besudelt. Der kindlichen Phantasie ward es leicht, sie mit kämpfenden und ringenden, schießenden und fallenden, fluchenden, stöhnenden, verröchelnden Bürgern und Kriegern zu bevölkern. Es wurde ihr auch nachgeholfen; denn überall hörten wir von den Ereignissen der Nacht, von den Heldentaten der Bürger und der Grausamkeit der Soldaten, nirgends aber, ich weiß es gewiß, von feiger Zagheit oder von einem Verrat unserer Krieger.

Es waren blutige und schreckliche Bilder, die uns da in die Vorstellung traten, und es hätte vielleicht nicht des Assessors Geppert bedurft, der uns sehr ernst ein: »Wollt ihr machen, daß ihr nach Hause kommt, Jungen!« zurief, um uns zum Heimweg zu bestimmen.

Wir hoben die Füße, doch einmal blieben wir stehen; denn in einem Brunnen in der Leipziger oder erst in der Potsdamer Straße steckte eine Kartätschenkugel im Holz der Bekleidung, und um sie her hatte eine feste Hand mit Kreide im Halbkreise geschrieben: »An meine lieben Berliner.« An der unteren Seite des Brunnens war die Ansprache des Königs an die Bürgerschaft zu sehen, die die nämliche Überschrift trug.

Und welcher Kritik wurde sie unterzogen!

Es stand aber auch darin zu lesen, eine Rotte von Bösewichtern, meist aus Fremden bestehend, habe den Zwischenfall auf dem Schloßplatz im Sinn ihrer argen Pläne durch augenscheinliche Lüge verdreht und die erhitzten Gemüter seiner treuen und lieben Berliner mit Rachegedanken um vermeintlich vergossenes Blut erfüllt. Dadurch wären sie die greulichen Urheber von Blutvergießen geworden.

Der König glaubte in der Tat an diese »Rotte von Bösewichtern« und schrieb die Revolution, die er einen »coup monté« nannte, diesen Nichtswürdigen zu. Seine Briefe an Bunsen liefern dafür den Beweis.

Unter denen aber, die seine Anrede: »An meine lieben Berliner« lasen, wußten es viele besser. Es hatte bei ihnen wahrlich keiner fremden Aufwiegler bedurft, um ihnen die Waffen in die Hand zu drücken!

Am Morgen des Achtzehnten war ihnen Jubel und Hochruf aus dem vollen Herzen gedrungen; als sie aber gesehen oder erfahren hatten, daß auf dem Schloßplatze in die dort versammelte Menge geschossen worden war, das allerdings stark erhitzte Blut überwallte, und das so lange um gute Rechte betrogene Volk, das auch noch hingehalten worden war, als das halbe übrige Deutschland seine Forderungen schon erfüllt gesehen hatte, fühlte sich von neuem getäuscht und ertrug es nicht länger.

Wiederum muß ich mir ins Gedächtnis rufen, daß ich keine Geschichte der Berliner Revolution schreibe. Eigene Jugendeindrücke würden mir auch nicht gestatten, mir über die Beweggründe dieses merkwürdigen, schwer erklärlichen Ereignisses ein selbständiges Urteil zu bilden; ich habe mir aber in der letzten Zeit, unterstützt von diesen Dingen näherstehenden Freunden, einen nicht ganz oberflächlichen Einblick in das Geschehene verschafft, und halte ich diesen mit den eigenen Erinnerungen zusammen, so muß ich mich bei der Beantwortung der immer noch unbeantworteten und doch vielfach erörterten Frage, ob die Berliner Revolution das Ergebnis einer von weither angelegten Verschwörung oder der spontane Ausbruch der Freiheitsbegeisterung des Berliner Volkes gewesen sei, an Heinrich von Sybels Meinung schließen: »Wie mir scheint, sind beide Auffassungen gleichbegründet, da nur das Zusammenwirken beider Momente die Möglichkeit des Sieges herbeiführen konnte.«

Auch hier trifft der große Historiker sicher das Rechte. Es lag im Interesse der Polen, der französischen und anderen Männer des Umsturzes, es in Berlin zu einem blutigen Zusammenstoße kommen zu lassen, und es hielten sich in jenem Frühling viele von ihnen in der Residenz auf. Unter diesen Leuten müssen sich auch des Barrikadenbaus und der Organisation von Aufständen kundige Männer befunden haben, und es ist kaum zu bezweifeln, daß sie in der entscheidenden Stunde durch aufreizende Reden, geistige Getränke und dem Auswurf des Pöbels gegenüber vielleicht auch durch Geld das Rachegefühl, die Wut und Kampflust des Volkes zu steigern versuchten. Ja, für das alles lassen sich gewichtige Zeugnisse heranziehen. Es ist aber noch weit gewisser, und war ich auch erst ein elfjähriger Knabe, habe ich es doch trotz der warmen Königstreue der Mutter und der Umgebung, in der ich heranwuchs, miterlebt und empfunden, daß die Unzufriedenheit vor dem 18. März den höchsten Grad erreicht hatte. Sie wußte sich nicht mehr zu fassen und zu halten. Wie der Dampf eines überheizten Kessels mußte sie das Eisen sprengen.

Der König hatte das Feuer gelöscht, die Unruhestifter waren aber geschickt genug gewesen, die Ventile, die die Regierung geöffnet, mit Steinen zu belasten, und so erfolgte, trotz des rechtzeitigen Einschreitens der Heizer, die Explosion.

Wenn der Polizeipräsident von Minutoli behauptete, er habe die Stunde des Ausbruchs der Revolution vorhergewußt, und der Herr, der unsere Wolfsche Revolutionschronik mit Glossen versah, versichert: »Auch ich habe die Stunde zwei Uhr des Achtzehnten genau gewußt und Sicherheitsmaßregeln für die Königin getroffen«, Der Glossator muß also in der Lage gewesen sein, in der Nähe der hohen Frau Befehle zu erteilen. so beweist er damit keine besondere Spähergabe; denn die erste Drohung, die Bürger gegen den König zu erheben sich unterfangen hatten, stand in der Adresse, die in der Köpenicker Straße von der dort tagenden Volksversammlung aufgesetzt worden war, und sie lautete also: »Wird uns dies gewährt, wird es uns sofort gewährt, dann garantieren wir den wahren Frieden.«

Den Nachsatz mit der Verkündigung dessen, was im entgegengesetzten Falle geschehen würde, zu ergänzen, überließ man Seiner Majestät; die Versammlung hatte eben beschlossen, daß »die Friedensdemonstration der Volkswünsche« am Achtzehnten um zwei Uhr stattfinden sollte, und zwar durch mehrere tausend Bürger. Während der Übergabe der Adresse und bis zu ihrer Beantwortung sollten die Abgesandten des Volkes in aller Ruhe auf dem Schloßplatz versammelt bleiben. Was im Falle der Nichtbewilligung der oben mitgeteilten Forderungen zu geschehen habe, steht nirgends zu lesen, es unterliegt aber keinem Zweifel, daß viele der Anwesenden dann dem Glück der Waffen das weitere anvertrauen wollten. Diese Adresse enthielt ein Ultimatum, und Braß hat recht, wenn er sie und die Versammlung, aus der sie hervorging, den unmittelbaren Ausgangspunkt der Revolution heißt. – Wer ihrem Verlauf aufmerksam gefolgt war, konnte sich leicht sagen: »Am Achtzehnten mittags um zwei Uhr kommt es so oder so zur Entscheidung.«

Der König selbst hatte sie früher getroffen. – Sybel stellt es außer Zweifel, daß er durch die Verhältnisse Europas, nicht durch die Drohungen oder den Zwang eines Straßenkampfes dazu genötigt worden war. Dennoch kam es zu einem solchen; denn die Feinde der Ordnung wußten aus dem schwelenden Balken des gelöschten Hauses geschickt genug eine neue Feuersbrunst zu erwecken. Aber all ihre Bemühungen wären vergebens gewesen, hätte ihnen nicht das Verhalten der Regierung seit geraumer Zeit und die Ereignisse der letzten Tage in verhängnisvoller Weise die Wege geebnet. Das Roß war außer sich geraten und hatte sich der Führung des Reiters entzogen. Einen Augenblick war es gelungen, es zu beruhigen, doch ein ungeschickter Schenkeldruck, ein Bremsenstich konnte es zu neuer, verhängnisvoller Auflehnung bringen; in Berlin aber ward es von Übelgesinnten umstanden, die es durch Tücherschwenken, Geschrei und Steinwürfe zum Äußersten reizten.

Es gibt im Leben der Menschen wie der Völker Zeiten, in denen die aufgebrachte Seele auch nach erfolgter Sühnung dem Zwischenfalle dankt, der ihr gestattet, dem lang verhaltenen Grolle Ausdruck zu geben. Und weiter: Jedes historische Ereignis ist die Summe einer langen Reihe von vorhergegangenen Begebenheiten und Taten, und es wirft sich für denjenigen, welcher an die waltende Hand einer ewigen Gerechtigkeit in der Geschichte glaubt, die Frage auf, ob nach allem, was die Leitung des preußischen Staates von den Befreiungskriegen an den Bürgern an Verheißungen gebrochen, an wohlerworbenen Rechten vorenthalten und ihnen an schwer erträglichen Schmälerungen der Freiheit auferlegt hatte, die Ereignisse der Nacht vom 18. zum 19. März nicht eine dem Vorhergegangenen entsprechendere Folge darstellten, als ein heller Jubel des Volkes und eine dankbare Bekränzung des Königs nach der ihm von politischen Ereignissen außerhalb Preußens abgerungenen Bewilligung der Konstitution und der Preßgesetze.

In der konservativen Umgebung der Mutter und bei ihr selbst blieb die Überzeugung lebendig, daß der Berliner Straßenkampf infolge einer aus langer Hand vorbereiteten Aufwiegelung des Volkes durch ausländische Agitatoren zum Ausbruch gekommen sei; ich kann aber versichern, daß es mir während meines späteren Lebens, bevor ich diesen Dingen besonders nachzudenken begann, wenn ich mich der Zeit, die dem 18. März voranging, erinnerte, immer vorkam, als hätten die damaligen Zustände den Ausbruch des Straßenkampfs jeden Augenblick zu erwarten gezwungen.

Von der Schärfe der Gegensätze, die der Revolutionsnacht in Berlin folgten, kann man sich heute schwer eine Vorstellung bilden, wie man sich auch den ganzen Umfang und die enthusiastische Macht der Empfindung der preußischen Königstreue von damals selbst in höfischen Kreisen kaum mehr voll zu vergegenwärtigen vermag. Diese Gegensätze trennten Freunde, entfremdeten lang in Liebe verbundene Familien und machten sich auch in der Schmidtschen Schule während der kurzen Zeit geltend, in der wir sie noch besuchten.

Unsere kecke Wanderung über die Barrikaden blieb, soviel ich mich erinnere, straflos. Vielleicht war sie gar nicht bemerkt worden; denn die Mutter hatte trotz heftigen Kopfwehs Vorbereitungen für die Illumination unserer ziemlich langen Fensterreihe zu treffen. Sie war übrigens nach ihrem Herzen, und eine allgemeinere sah die Stadt schwerlich wieder. Die Nichtbeachtung des Hauses wäre aber auch bei der herrschenden Stimmung den Scheiben verhängnisvoll geworden. Leider durften wir die Illumination nicht mit ansehen; ich hielt es später aber für einen besonders glücklichen Schalkstreich der Schickung, daß auch das russische Gesandtschaftspalais, das Eigentum des Selbstherrschers Nikolaus, sich genötigt sah, den Sieg der freiheitlichen Bewegung im Nachbarstaate mit hellem Lichterglanz zu begrüßen.

Am Montag den Zwanzigsten wurden wir in die Schule geschickt; sie war aber geschlossen, und das benützten wir, um in die Tiefen der Stadt vorzudringen. Dort ist mir der Anblick des von Kartätschenkugeln gespickten köllnischen Rathauses und seiner Umgebung unvergeßlich geblieben. Die Barrikaden waren schon zum größten Teil abgetragen; dafür gab es aber seltsame Kreideinschriften an den Türen verschiedener öffentlichen Gebäude.

Schon am Anfang der Leipziger Straße begegneten wir an dem Haupttore des Kriegsministeriums den Worten: » Nationaleigentum«. Anderwärts und besonders am Palais des Prinzen von Preußen stand: »Bürgergut« oder »Eigentum der ganzen Nation«. So schreibt Wolf. Was Wort »Nationaleigentum« prägte sich mir aber so fest ein, daß es an mehreren Gebäuden, und ich glaube auch am Palais des späteren Kaisers Wilhelm, gestanden haben muß.

Bei diesem schlichten Palaste, zu dessen hohem Parterrefenster Liebe und Bewunderung oft ganze Scharen treuer und dankbarer Deutscher aus allen Gauen des Vaterlandes aufblicken ließen, um das treue Antlitz des greisen Heldenkaisers zu schauen, ging es gar unruhig her. Auch wir haben unter den Gaffern gestanden und der Rede eines Studenten zugehört, der, umgeben von allerlei jüngeren und älteren Herren, von dem großen Balkon aus die Menge ansprach und einen lauten Beifallsturm erntete. Ob es derselbe wackere Bursche war, der das Volk anflehte, von seinem Vorhaben abzustehen, das Schloß des Prinzen in Asche zu legen, weil dadurch die Bibliothek gefährdet werden würde, weiß ich nicht zu sagen. Die Antwort: »Laßt den armen Jungen ihre Bücher« ist aber authentisch.

Das gleiche gilt leider von dem Berichte, daß es schwer gefallen war, das Haus des redlichen Mannes, dessen Hohenzollernblut sich gegenüber der Schwäche seines königlichen Bruders mit Recht aufgebäumt hatte, vor Zerstörung zu behüten. Er blieb auch während dieser Schreckenstage, was er immer gewesen war und bleiben sollte, ein rechter Mann und Soldat in des Wortes vornehmster und edelster Bedeutung.

Die Antwort, die nach Wolf ein ungenannter General Herrn Rellstab und anderen Bürgern, die einen neuen Ausbruch der Volkserhebung voraussagten, wenn das Militär nicht zurückgezogen würde, erteilte, gibt wie im Spiegelbilde die Gesinnung des späteren Kaisers Wilhelm wieder, und sie lautete also: »Wohl denn, wenn die ganze Stadt aufsteht, so mag sie die Schuld tragen, und uns kann kein Vorwurf treffen, auch wenn sie zur Hälfte darüber zugrunde ginge. Wir haben den König zu schirmen und das Land vor Aufruhr zu schützen. Daran werden wir Blut und Leben setzen, und wir wollen sehen, wer Sieger bleibt.«

Das sind die Worte eines Mannes und echten Soldaten. Darum klingen sie, als kämen sie aus dem Munde des damaligen Prinzen von Preußen.

Auch sein Freund, der Major von Vincke, bewährte sich in jenen verhängnisvollen Tagen. Er war es, der am Siebzehnten von seinem Gute in Schlesien nach Berlin geeilt kam, um dem Könige die volle Wahrheit zu sagen und ihm begreiflich zu machen, daß nicht nur verworfene Aufrührer, sondern der bessere Teil des Landes die Forderung stellte, die ja auch, freilich auf Grund anderer Erwägungen als der von Vincke vertretenen, bald darauf bewilligt werden sollten. Nach vielen Jahren war es mir vergönnt, in ihm die Bekanntschaft einer der sympathischsten und reinsten Männergestalten zu machen, mit denen ein freundliches Geschick mich zusammenführte.

Was wir im Schloß und in seinen von bewaffneten Bürgern und Studenten wimmelnden Höfen zu sehen und zu hören bekamen, ist so widrig und unwürdig, daß ich nicht gern daran denke. Einzelne gefallene Märzhelden wurden eben auf Bahren vorübergetragen und von den weinseligen Gesichtern bewaffneter Studenten und Bürger begrüßt. Der Lehrer, der uns unterwegs aufgefangen hatte, fand unter ihnen Universitätsfreunde, die den köstlichen Rebensaft priesen, der ihnen auf der Schloßwache gereicht worden war.

Über den Bruder und mich war es am Einundzwanzigsten auch verhängt, Friedrich Wilhelm IV. in der Behrenstraße und dann auch unter den Linden mit einer großen schwarzrotgoldenen Binde am Arme dahinreiten zu sehen.

Aus dem Gefolge des Königs, das ihn zu Pferde begleitete, erinnere ich mich nur eines großen Mannes mit vollem schwarzen Barte, der kaum ein anderer als der Tierarzt und Märzheld Urban gewesen sein kann. Die gemalte Kaiserkrone in der Hand dieses Herrn ist mir nicht zu Gesichte gekommen, doch hat er sie nach Wolf in der Tat wenigstens anfänglich, bevor er in den Sattel stieg, getragen. Sein Name und der eines Herrn Woenger waren damals in aller Munde, doch wurden beide so schnell vergessen, wie sie unter den Berlinern »berühmt« geworden waren.

Die Bestattung der in der Revolutionsnacht Gefallenen gestaltete sich zu einer der großartigsten Kundgebungen, die Berlin bis dahin gesehen. Es war uns Knaben nur vergönnt, ihr kurze Zeit von den Linden aus zuzusehen, und doch ist mir der Gesamteindruck des Zuges, dessen Anblick uns eigentlich hatte entzogen werden sollen, im Gedächtnis geblieben.

Es war wundervolles, ja sommerlich warmes Wetter, und der Riesenzug, der die zweihundert Särge der Freiheitskämpfer zur ewigen Ruhe begleitete, nahm kein Ende. Die Estrade vor der Neuen Kirche, auf der man sie aufgestellt hatte, zu sehen, blieb uns versagt, doch muß der Anblick einen höchst eigenartigen und dazu tief ergreifenden Eindruck hervorgerufen haben.

Prediger Sydow, der die protestantische Geistlichkeit neben dem katholischen Kaplan Roland und dem Rabbiner Dr. Sachs als Redner vertrat, erzählte mir später, diese Menge von Särgen, die mit dem reichsten Blumenschmuck umgeben und von dunklem Trauerflor verschwenderisch umwallt gewesen war, habe ein Bild von erschütternder, unvergeßlicher Großartigkeit ergeben, und ich will es gern glauben.

Mir prägte dieser Leichenzug sich als eine nicht aufhörende Heerschar von Särgen und schwarzgekleideten Männern mit Fahnen und umflorten Hüten, mit Blumen, Innungszeichen und Gewerktafeln ins Gedächtnis. – Berittene Bannerträger, Herren in Talaren – die Professoren der Universität – und Studenten in festlichem Wichs mischten sich in den seltsam bunten und doch feierlichen Aufzug.

Wie viel Tränen sind diesen Särgen nachgeweint worden, die manches hoffnungsreiche, frische, von warmer Begeisterung durchglühte Jugendleben, manches stille Herz umschlossen, das freudig für den edelsten Besitz des Mannes geschlagen.

Die Bestattung im Friedrichshain, bei der vierhundert Sänger die Stimmen erhoben und ein Militärmusikkorps, das aus den Hautboisten vieler Regimenter zusammengesetzt war und gewaltige Tonmassen über die offenen Gräber der Gefallenen ergoß, muß so würdig wie großartig gewesen sein.

Aber die Gegensätze waren noch so wenig ausgeglichen, und die Zumutung, die man an den König gestellt hatte, die Gefallenen zu begrüßen, hatte in den Kreisen der Mutter solches Ärgernis erregt, daß sie sich fern von dieser großartigen und an sich voll berechtigten Leichenfeier hielten. Am schwersten erträglich erschien es, daß der König es über sich gewonnen hatte, den Leichenzug mit dem Helm in der Hand entblößten Hauptes vom Balkon des Schlosses aus an sich vorüberziehen zu lassen.

Wie diese Tat der Nachgiebigkeit auf königstreue Berliner wirkte, läßt sich schwer beschreiben. Ich habe, bei dem Berichte von Augenzeugen, Männer – auch unseren bescheidenen Kürschner – aufweinen sehen.

Wer Friedrich Wilhelm IV. kannte, der mußte allerdings wissen, daß er weder infolge aufrichtiger innerer Versöhnung, noch aus Achtung vor den gefallenen Freiheitshelden sich zu diesem äußeren Zeichen der Ehrerbietung, das die schwerste Demütigung für ihn in sich schloß, herbeigelassen hatte.

Wie wenig aufrichtig die Versöhnung war, die der König mit den Ideen, Ereignissen und Menschen aus jenen Tagen geschlossen hatte, sollte die Reaktion zeigen, die nur zu bald eintrat. Seine Gesinnung mußte sich unter neuen Formen betätigen, sie war aber auf politischem wie auf kirchlichem Gebiet die alte geblieben.

Diese Tage mit ihren mannigfachen Erregungen, ihren von Stunde zu Stunde wechselnden Nachrichten, nie vorhergesehenen Szenen und politischen Unterhaltungen und Streitigkeiten, wohin man kam und hörte, verschwammen in meiner Vorstellung zu einem wüsten Ganzen, aus dem mir, wie aus dem Leichenzuge der Märzgefallenen, alles in den Schatten drängend, die Farben schwarzrotgold entgegenschauen.

Wo sonst das ernste preußische Schwarz und Weiß zu sehen gewesen und an vielen anderen Stellen fand man sie damals, und wehe dem Knaben, der ohne eine schwarzrotgoldene Kokarde an der Mütze in die Schule gekommen wäre; der Unterricht aber begann gewiß schon vor dem Beerdigungsfeste von neuem; denn die Mutter mußte – so gebot es der Terrorismus der Mitschüler – zu Ehren der gefallenen Freiheitskämpfer unsere Kokarden mit Flor umnähen.

Das Leben in den Zwischenstunden hatte eine neue Gestalt gewonnen. Die frühere Minderzahl war zur Mehrheit geworden. Sie führte das große Wort, und manchem Sohn eines streng konservativen Mannes war verboten worden, den »Roten« ernstlich zu widersprechen. Nur seine Anhänglichkeit an den König brauchte keiner zu verbergen; denn auch die Demokraten fühlten damals noch etwas dergleichen. Ein gutes Wort für den Prinzen von Preußen führte dagegen sicher zu Händeln; wir aber scheuten sie nicht und gehörten, gottlob, zu den Stärksten. Am seinetwillen, das wußten wir, verzieh die Mutter jede Beule und jeden zerrissenen Rock.

Immerhin war dies Eindringen der Politik in die Schule und das ganze gespannte Leben in der Residenz höchst unerfreulich und mußte auf die Tauer auch schädlich auf uns unreife Knaben wirken. Da faßte die Mutter denn einen raschen Entschluß, und statt uns erst im nächsten Jahre nach Keilhau zu geben, das unser Bruder Martin Ostern verließ, um in die Prima eines preußischen Gymnasiums aufgenommen zu werden, sollten wir schon jetzt dahin kommen.

Als unser ältester Bruder heimkehrte, bestärkte er im Bunde mit dem jungen Westfalen, der aus dem Barrikadenkampf unverletzt hervorgegangen war, und einem Major von Rosenberg, dessen Neffe die Anstalt besuchte, den Entschluß der Mutter. Sie nannte ihn oft den schwersten, den sie jemals gefaßt, doch gehörte er gewiß zu den besten; denn er sollte uns den verwirrend bunten Eindrücken der Großstadt und der Verwöhnung im mütterlichen Sause entrücken und uns in eine für unser Alter möglichst angemessene Umgebung versetzen.

Mit den Ostern, die den Berliner Märztagen von 1848 folgten, schließt der erste größere Abschnitt meines Lebens.

Von der Umgebung aus, in der wir die freiheitliche Bewegung des preußischen Volkes heranwachsen und zum Aufruhr führen sahen, mußte sie uns in einem ihr wenig günstigen Lichte erscheinen.

Erst in reiferen Jahren lernte ich erkennen, daß diese Kämpfe, die ich noch sehr viel später von gewissen Seiten fluchwürdig und einen Schandflecken der preußischen Geschichte nennen hörte, vielmehr des reichsten Dankes der Nation würdig sind. Sie waren das den Himmel des Völkerglücks klärende Gewitter. In jenen herrlichen Frühlingstagen ward, gleichviel von welchen Händen – und es waren auch die edelsten und reinsten darunter – die Würde und Freiheit des öffentlichen Lebens gesät, deren wir uns jetzt erfreuen. Zertrümmerte der Blitz auch manches Schutzdach, worunter die Begünstigteren bequem gerastet, so dürfen wir doch die Ernte segnen, die für das Vaterland und all seine Söhne aus jenen Keimen an zahllosen Halmen erwuchs.

Man hat sich des Wortes »Märzerrungenschaften« mit höhnenden Lippen bedient – ich glaube aber zu wissen, daß es heute auch unter den weitersehenden Konservativen wenige gibt, die sie missen möchten. Mir und, gottlob, der Mehrzahl des deutschen Volkes würde das Leben ohne sie unerträglich erscheinen. Die Mutter lernte in späteren Jahren diese Empfindung teilen, und sie bewahrte dennoch wie wir, denen sie sie früh ins Herz gepflanzt hatte, die alte Königstreue bis an ihr spätes Ende.

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