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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Revolutionszeit

Vor der Revolution

Am 18. März, dem Tage der Berliner Straßenkämpfe, wohnten wir schon ein Jahr in der größeren Wohnung Linkstraße Nr. 7.

Von den Hausgenossen ist mir nur der Bildhauer Streichenberg, dessen Atelier sich an unseren hübschen Garten lehnte, und das Beyersche Ehepaar im Gedächtnis geblieben – dies aber mit großer Lebendigkeit. Er – der spätere General und Kommandant der Straßburg 1870 belagernden Truppen – war damals Premierleutnant. Dieser jüngere General Beyer ist nicht zu verwechseln mit seinem Kameraden Baeyer, dem späteren Leiter der mitteleuropäischen Gradmessung, dessen ich schon gedachte, und dessen Gattin meine Patin war. Er ist damals, wenn ich nicht irre, Oberst im Generalstab gewesen. Sie, eine feine, höchst liebenswürdige, besonders musikalische Frau, die der Mutter schon früher begegnet war, schloß sich ihr aufs wärmste an, und das Leben führte uns auch später mehrmals wieder zusammen. – Ihr Sohn aus erster Ehe, der jüngst verstorbene Konsul Limburger, war in Leipzig; doch der Gast ihres stillen Hauses, eine kleine Dänin, ihre Verwandte, teilte unsere Spiele im Garten und arbeitete mit an den Beeten, die man uns zur Bestellung überlassen hatte. Ich weiß nur noch, daß sie mir über alle Maßen reizend erschien und Detta Lösenör hieß.

Einzelnes über den Umgang mit ihr und den anderen neuen Bekannten, die mit uns im Garten spielten, ist mir aus dem Gedächtnis geschwunden; denn jede Begegnung aus jener Zeit wird durch die öffentlichen Ereignisse und die politische Erregung unserer Umgebung tief in den Schatten gedrängt. Auch Kinder konnten von den Dingen, die sich damals vorbereiteten, nicht unberührt bleiben; denn was man sah und hörte, bezog sich auf sie, und im Hause der Mutter kamen beide Richtungen, die einander damals so schroff gegenüberstanden, mit Ausschluß der extrem demokratischen, zu Worte.

Auch die Mehrzahl unserer konservativen Bekannten hatte zu klagen und bedauerte die Schwäche des Königs und die religiöse Korruption und heuchlerische Streberei, die der ehrliche, aber romantisch schwärmerische Glaubenseifer Friedrich Wilhelms IV. hervorgerufen hatte.

Über diesen Krebsschaden der damaligen Gesellschaft muß ich die meisten Weherufe vernommen haben, denn sie prägten sich mir am tiefsten ein. Auch Männer wie die Gepperts, Franz Kugler, H.M. Romberg, Drake, Wilcke und andere mehr, deren gemäßigte politische Gesinnung mir später bekannt wurde, hatte ich mit einstimmen hören. Königstreu waren alle, und die Mutter hing so warm an dem Hohenzollernhause, daß ich sie einen jüngeren Mann ersuchen hörte, sich zu mäßigen oder ihr Haus zu meiden, als er es in scharfen Worten für an der Zeit erklärte, den König zur Abdankung zu zwingen.

Die Mutter konnte freilich nicht hindern, daß uns ähnliche und noch schärfere Worte zu Ohren kamen.

Einen besonders tiefen Eindruck machte auf uns ein großer Herr mit starkem blondem Bart, dessen Namen ich vergaß, den wir aber gewöhnlich bei dem Bildhauer Streichenberg trafen, wenn er uns in schulfreien Stunden mit in sein großes Atelier nahm; denn dieser lebhafte, ja stürmisch leidenschaftliche Mann, dem es äußerlich wohlergehen mußte, da er immer glanzlederne Stiefel und einen großen Brillanten am Finger trug, trat vor unseren Augen mancherlei schonungslos in den Staub, wozu ich ehrerbietig aufgeblickt hatte. Ja, er erweckte Gedanken in meiner Kinderbrust, die ihr bis dahin weltenfern gelegen hatten. Meine Lippen hingen an seinem Munde, wenn er von den Rechten des Volkes sprach und seinem eigenen Beruf, der Freiheit die Wege zu bahnen, oder wenn er diejenigen verfluchte, die eine edle Nation mit dem unwürdigsten Sklavenjoche bedrückten.

Gemeinplätze wie »das Aufhängen des letzten Königs am Darm des letzten Priesters« kamen mir zuerst durch ihn zu Ohren, und wenn sie mir auch nicht gefielen, so prägten sie sich mir doch ein, weil sie mich überraschten, und weil er uns mehr als einmal aufforderte, echte Söhne unserer Zeit und keine Tyrannenknechte zu werden. In zurückhaltenderer Weise bekamen wir ähnliches auch anderwärts und in knabenhafter in der Schule zu hören.

Auch dort gab es zwei Parteien, und dennoch wurde gerade daselbst außer der Königstreue noch etwas anderes gepflegt, das man heute »Chauvinismus« nennen würde, und das doch schön war, weil es in unserer jungen Brust die vollste Rose des jungen Gemütes, den Enthusiasmus für eine große Sache, zur Blüte entfaltete.

Wie begeistert stimmte die ganze Klasse mit ein, wenn: »Was blasen die Trompeten? Husaren heraus! Es reitet der Feldmarschall in fliegendem Saus,« gesungen wurde.

Wie glühten uns allen und auch den Söhnen der wildesten »Roten« die Wangen bei dem Refrain: »Juchheirassassa – die Preußen sind da,« oder bei dem Strophenschluß des Liedes: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farbe«: »Ob Fels und Eiche splittern – wir werden nicht erzittern –«

Beinahe sämtliche Lieder, die wir in der Schmidtschen Schule neben den Chorälen sangen, waren Kriegs- und Soldatenlieder, die sich auf die Heldentaten der Preußen, ihrer Fürsten und Paladine bezogen.

Deutsche Vaterlands- und Freiheitslieder sollten wir erst in Keilhau kennen lernen. Sie waren wohl damals in einer Berliner Schule zu singen verboten.

Aber ich denke doch gerne dieser kriegerischen Gesänge, und sicherlich ist zu jener Zeit die Jugend keines anderen deutschen Stammes mit so warmer Begeisterung für das Vaterland, sein Fürstenhaus und den Kriegsruhm seines Volkes erfüllt gewesen wie die preußische.

Auch während des historischen Unterrichtes, der sich auf Brandenburg-Preußen bezog, glühten uns oft die Wangen, und welcher deutsche Staat hätte sich auch einer schöneren, stolzeren Geschichte zu rühmen als das unter seinen Hohenzollern aus kleinen Anfängen durch eigene Tüchtigkeit, Pflichttreue, Tapferkeit und opferwillige Vaterlandsliebe zur höchsten Macht gediehene Preußen?

Aber die Beschaffenheit des übrigen Unterrichts in der Schmidtschen Schule kann ich so wenig berichten wie über die Person ihres Leiters. Ich weiß nur noch, daß wir auch lateinische Stunden hatten, und insofern mit unter der »von oben« begünstigten Nachaußenkehr des Allerinnersten, der Religion, zu leiden hatten, als wir mit dem Auswendiglernen zahlloser, nur halbverstandener Bibelsprüche und Gesangbuchlieder, obgleich Ludo und ich uns eines guten Gedächtnisses erfreuten, die Hälfte der gesamten Arbeitszeit auszufüllen hatten.

Hier möchte ich dankbar dieses Gedächtnisses gedenken. Seine Schnelligkeit hat mir manche freie Stunde verschafft, für seine Treue bin ich aber besonders erkenntlich. Es setzt meine Kinder oft in Erstaunen, wenn ich ihnen die Gedichte, die ich vor vierzig und mehr Jahren zu lernen hatte, vom ersten bis zum letzten Verse hersagen kann. Dieser glückliche Umstand wurde durch die Mutter gefördert; denn sie ließ uns schon sehr früh deutsche und französische Gedichte lernen, und zwar nicht nur auswendig; denn sie hielt besonders auf eine verständige und geschmackvolle Rezitation.

Kier sei auch bemerkt, daß ich in jener Zeit schon manches eigene kleine Reimlein zu schmieden versuchte.

Sobald wir die Klasse hinter uns hatten, dachten wir nicht mehr an das dort Empfangene, sondern an ganz andere Dinge, die für unser Alter nichts taugten. Sie bezogen sich meistenteils auf die Politik oder besser auf die äußeren und inneren Unruhen jener Tage.

Bei Liebe hatte es nur Söhne aus guten Familien gegeben, bei Schmidt saß auf derselben Bank mit einem Grafen Waldersee und Hoym der Sohn eines Mützenmachers und Viktualienhändlers. Die verschiedensten Richtungen waren unter uns vertreten, und allerlei politische Spott- und Schmählieder drangen auch zu uns. Parodien wie die auf das Preußenlied:

»Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?
Sie kämpfen zwischen Finsternis und Licht!
Daß für die Freiheit meine Väter starben.
Das merkte ich bis heut wahrhaftig nicht,«

verstanden wir recht wohl. Auch feinere Andeutungen entgingen uns nicht; denn wer von uns hätte zum Beispiel nichts von den Lichtfreunden gehört, die damals eine Rolle unter den Berliner Liberalen spielten? Wem wäre nicht ein Sehnsuchtsruf nach Freiheit und besonders nach Preßfreiheit zu Ohren gekommen?

Wurde auch das in jenen Tagen am häufigsten wiederholte Postulat von Spaßvögeln für uns Knaben in »Freßfreiheit« verkehrt und in konservativen Kreisen als gefahrbringende Forderung, die die Ruhe der Familie zu stören und der Zügellosigkeit der Zeitungsschreiber Tür und Tor zu öffnen drohe, verdammt, so hatten wir doch von der anderen Seite gehört, daß das Recht der freien Meinungsäußerung jedem Bürger zukomme, und bessere Zustände nur durch die Macht des freien Wortes angebahnt werden könnten. Kurz, es gab kein Schlagwort aus jener bewegten Zeit, das wir Zehn- bis Zwölfjährigen nicht wenigstens oberflächlich zu deuten gewußt hätten.

Mir schien es wohl schön, sagen zu dürfen, was man für Recht hält, doch begriff ich nicht, wie man der Freiheit der Presse eine so hohe Bedeutung beilegen konnte. Der Vater unseres Freundes Bardua hieß zwar »Kammergerichtsrat«, er hatte aber auch das Amt eines Zensors bekleidet, und ein wie frischer, lieber Junge war doch der seine!

Unter den Kameraden befand sich auch der Sohn des Professors Hengstenberg, des Hauptes der Pietisten und protestantischen Zeloten, und von ihm hatten wir als dem finstersten aller Dunkelmänner reden und seinen Einfluß auf den König verwünschen hören. Zur Seite der Mitteltreppe an der kleinen Terrasse vor dem königlichen Schlosse standen die schönen Statuen der Rossebändiger, und man nannte sie darum den »Hengstenberg«. Diese Bezeichnung erklärte man durch den Umstand, daß, wer zum Könige zu gelangen wünschte, über den »Hengstenberg« mußte.

Auch diesen Scherz kannten wir, und doch war der Sohn des unheilbringenden Dunkelmannes ein besonders kräftiger und heiterer Knabe, den wir alle gern hatten, und dessen Vater, als ich ihn zu sehen bekam, mich in Erstaunen versetzte; denn er war ein freundlicher Kerr, der so fröhlich lachen konnte wie einer.

Das alles ließ sich schwer zusammenreimen, und da wir unter den Konservativen mehr Freunde hatten als unter den Demokraten, spielten wir gewöhnlich mit jenen und kümmerten uns wenig um die politische Gesinnung des Vaters der Kameraden. Aber es gab doch ein gegenseitiges Scheelansehen, und Zurufe wie »Treubündler«, »Pietist«, »Demokrat« oder »Lichtfreund« blieben nicht aus. Wie so häufig im Verlauf der Geschichte, so geschah es auch hier, daß gar nicht oder nur halbverstandcne Stichworte zur Fahne werden, der eine große Anhängerschaft folgt.

Prügeleien unter den Parteien kamen nicht vor. – Sie blieben indes wohl nur darum aus, weil wir Nichtdemokraten weitaus die Stärkeren waren. Doch es gärte auch unter uns, und es kam ein Tag, an dem auch ich, so jung ich war, fühlte, daß diejenigen wohl recht haben mochten, die den König schwach nannten und wünschten, daß es anders werden möge.

Das Gefühl, auf einem Vulkan zu stehen, war schon im Frühling 1847 in jedermann lebendig.

Als es 1844 hieß, der Bürgermeister Tschech habe auf den König geschossen – ich war sieben Jahre alt –, teilten wir Kinder den Abscheu und die Entrüstung der Mutter; aber wir Jungen sangen doch angesichts eines so ernsten Ereignisses das recht frivole Lied mit, das damals in aller Mund war und mit den Versen begann:

»War wohl je ein Mensch so frech
Wie der Bürgermeister Tschech? –«

Was hörten wir in jener Zeit nicht alles von den großen Erwartungen, die man auf den Kronprinzen gestellt hatte, und denen er als König so wenig gerecht zu werden verstehe! Wie oft lauschte ich still aus einem Eckchen heraus, wenn die Mutter sich über dergleichen mit Serren unterhielt, und vom Beginn des Jahres 1847 an gab es kaum ein Gespräch in Berlin, das nicht früher oder später auf die Politik und die allgemeine Unzufriedenheit oder Besorgnis geführt hätte.

Aber ich brauchte gar nicht zu horchen, um dergleichen zu hören. Auf jedem Spaziergang drang es an unser Ohr, es lag in der Luft, die Steine erzählten es einander.

Auch wir Knaben hatten von Johann Jacobys »vier Fragen« gehört, die eine Verfassung für notwendig erklärten.

Die Empörung, die auch unter unseren gemäßigten Bekannten Kassenpflugs Beförderung hervorrief, habe ich nicht vergessen, und wäre der Name dieses Mannes mir daheim auch nie zu Ohren gekommen, hätten mich Witzblätter und Karikaturen und das Reden überall mit den Gefühlen bekannt gemacht, die seine Begünstigung unter den Berlinern erweckte. Dazu gesellten sich tausend kleine Züge, Anekdoten, Begebnisse, die sämtlich auf die alles durchdringende Unzufriedenheit wiesen.

Die Freiheitskriege lagen weit hinter uns. Wie viel war, da es galt, den Landesfeind zu vertreiben, dem Volke verheißen worden, und wie wenig hatte man gehalten! Nach der Julirevolution 1830 war mehreren deutschen Staaten eine Verfassung verliehen worden; in Preußen hatte man nicht nur alles beim Alten gelassen, nein, die schmachvolle Zeit der Demagogenriecherei hatte begonnen und so viele edle Jugendleben geschädigt, gebrochen, vernichtet. Nicht nur überschäumende Jünglinge, nein, auch um das Vaterland hochverdiente Männer wie Ernst Moritz Arndt und Jahn, hervorragende, würdige Gelehrte wie Welcker hatten schwer unter den böslichsten Verfolgungen zu leiden. Man muß die Biographie des redlichen und arbeitsamen Germanisten Wackernagel gelesen haben, um zu glauben, daß dieser stille Forscher bis tief in das Mannesalter hinein von bitterer Verfolgung und von den gehässigsten Beeinträchtigungen heimgesucht werden konnte, weil er als Knabe – ich weiß nicht mehr, ob in der Tertia oder in der Quarta – einen Brief geschrieben hatte, in dem dargelegt worden war, welche neue Einteilung von seinem Kindskopfe für das erträumte einige Deutsche Reich erdacht worden sei.

Die Kamptz und Tambach wußten sich durch immer neue Verdächtigungen und Verurteilungen auf dem Platze zu behaupten, doch ahnten sie nicht, als sie den unscheinbaren Mecklenburger Studio Fritz Reuter vor ihr fluchwürdiges Tribunal zogen, welches Brandmal er ihrem System und ihrem Namen aufdrücken würde. Die meisten der durch jenen bübischen Mißbrauch des Amtes, jene schmähliche Mißleitung und Täuschung eines nichts weniger als böswilligen Königs ins Unglück gestürzten Jünglinge waren verdorben und gestorben oder als innerlich und äußerlich schwer geschädigte Männer aus den Kerkern entlassen worden. Welcher Kaß mußte ihre Seelen gegen die Staatsform erfüllen, die es gewagt und vermocht hatte, ihre lautere Begeisterung für eine heilige Sache, die Einheit und wohlerworbene Freiheit des Vaterlandes, so zu bestrafen! Oh, es fehlte gewiß nicht an den Unterdrückern gefährlichen Kräften unter diesen Märtyrern mit ergrauendem Haar; denn ihr feuriger Geist und hochschlagendes Herz waren es gewesen, die sie ins Verderben geführt.

Die Betrogenen aus den Freiheitskriegen, die Mißhandelten aus der Demagogenzeit hatten noch einmal zu hoffen gewagt, als der vielgerühmte Kronprinz als Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg. And welche Täuschung war wiederum über sie verhängt gewesen, welches Leid wurde ihnen von neuem zugefügt, als an Stelle des Morgenrotes der Freiheit, das sie schon wahrgenommen zu haben meinten, tieferes Dunkel und rücksichtslosere Beschränkung eintrat. Was sie für Lerchen gehalten, die den Anbruch eines helleren Tages verkünden, hatte sich als Fledermäuse und anderes Nachtgeziefer erwiesen. 3m Staate schrankenlose Willkürherrschaft, in der Kirche finsterer Glaubenszwang, und in seinem Gefolge knechtische Unterwürfigkeit,

Liebedienerei, Augendreherei und Heuchelei als Mittel für unlautere Zwecke und besonders für ein schnelleres Aufrücken im Amte, die tiefste Korruption, die der Seele.

Es waren unerträgliche Zustände, nicht bloß für den freiheitsliebenden, nein für jeden redlichen Mann und Vaterlandsfreund.

Was nun kommen sollte, mußte aber gerade die Königstreuen aufs tiefste verletzen; denn der Schaden, den die Person und das Verhalten Friedrich Wilhelms IV. den immer noch voll lebendigen monarchischen Gefühlen des preußischen Volkes zufügte, war unermeßlich. Es bedurfte der schlichten Heldengröße und väterlichen Würde eines Kaisers Wilhelm, um ihn wieder zu tilgen.

In dem Jahre, das der Revolution voranging, hatte es dazu eine traurige Mißernte gegeben, von der Hungersnot in den schlesischen Leineweberdistrikten wurden haarsträubende Dinge erzählt, und schon bevor Virchow in seiner freimütigen Schrift über den Hungertyphus unter diesen Unglücklichen die ganze Fülle ihres Elends wahrheitsgetreu dargestellt hatte, sollte auch in Berlin den Machthabern ins Bewußtsein gerufen werden, daß die Not des Volkes einer Abhilfe bedurfte.

Der König begann nun die allgemeine Unzufriedenheit deutlich zu empfinden. Am ihr und weitergehenden Forderungen zu begegnen, rief er den vereinigten Landtag zusammen.

Ich weiß noch recht wohl, wie herrlich die Mutter die Rede fand, mit der er diesen Vorläufer der preußischen Kammern eröffnete, und jene Ansprache zeigt ihn in der Tat als vortrefflichen Redner.

Ihm, der aus voller Überzeugung an ein Königtum von Gottes Gnaden, an seine Berufung durch höhere Mächte glaubte, mußte jede Preisgabe einer seiner Prärogative wie ein Verrat an seiner göttlichen Mission erscheinen. Das Wort, das er in der Mitte der Ansprache in die Versammlung rief: »Ich und mein Volk, wir wollen dem Herrn dienen,« kam ihm aus dem tiefsten Herzensgrunde, und nichts konnte redlicher gemeint sein als der Satz: »Von einer Schwäche weiß ich mich gänzlich frei. Ich strebe nicht nach eitler Volksgunst! Und wer könnte das, der sich durch die Geschichte belehren läßt? Ich strebe allein danach, meine Pflicht nach bestem Wissen und nach meinem Gewissen zu erfüllen und den Dank meines Volkes zu verdienen, sollte er mir auch nimmer zuteil werden.«

Die letzten Worte klingen ahnungsvoll und beweisen, was ja auch aus hundert anderen Äußerungen hervorgeht, daß er begonnen hatte, die Wahrheit des Ausspruchs an sich selbst zu empfinden, den er, noch hoffnungsfroh und von hohen Erwartungen begrüßt, bei seiner Huldigung getan: »Die Wege der Könige sind tränenreich, wenn Geist und Herz ihrer Völker ihnen nicht hilfreich zur Sand gehen.«

Die Völker haben es damals nicht getan, und sie unterließen es zu ihrem Heile; denn der Weg, auf den die königliche Hand wies, hätte sie in Finsternis und immer unwürdigere äußere und innere Beschränkung geführt.

Der Fürst, der das Gute wollte, den aber der Himmel mit Gaben – sie waren an sich groß und schön – ausgestattet hatte, die einen Privatmann geziert und ihn vielleicht glücklich gemacht hätten, doch den Regenten eines großen Staates in schwieriger Zeit im Stich lassen mußten, ist des innigsten Mitgefühls würdig.

Unter den Berichten über die Märztage 1848 fand ich allerdings Mitteilungen, die mir die Frage nahe legten, ob ihm selbst in den für sein Andenken verhängnisvollsten Tagen die ganze Größe seines Unglücks voll ins Bewußtsein getreten war. Jedenfalls aber zwingt die spätere Umnachtung eines so reichen Geistes und die Stellung, die der scheinbar zum Höchsten und Größten Bestimmte nunmehr in der Geschichte seines glorreichen Hauses einnimmt, ihn zu den beklagenswertesten aller Kronenträger zu zählen.

Kaum hatte der König im April 1847 den vereinigten Landtag eröffnet und, um der Not der ärmeren Klassen in der Residenz zu steuern, die Verzollung des einzuführenden Mehles aufgehoben, als die erste tätliche Kundgebung der Unzufriedenheit losbrach. Der »Oktroi« war damals an allen Toren Berlins so streng gehandhabt worden, daß die Droschken, die sie passierten, anhalten mußten, um, gewöhnlich in schneller, höflicher Weise, nach Fleisch und Backwaren untersucht zu werden.

In dem Tagebuche meiner Schwester Paula besitze ich eine beinahe tägliche Berichterstattung aus jener Zeit, die sich vielfach auch auf die politischen Vorgänge bezieht; doch ist es nicht meine Aufgabe, eine Geschichte der Berliner Revolution zu schreiben. Wer diese Tag für Tag zu verfolgen wünscht, wende sich an Adolf Wolfs Ein fleißiges und eingehendes, in bezug auf das Tatsächliche zuverlässiges Werk. Doch tritt in ihm der politische Standpunkt des der Revolutionspartei zugetanen Verfassers zu stark in den Vordergrund und beeinträchtigt die Objektivität der Berichterstattung. Berliner Revolutionschronik und verwandte Schriften. Die bis dahin unerklärten Vorfälle und Handlungen sind ohnehin durch Heinrich von Sydels Historische Zeitschrift, Bd. 63, 1889, S. 428-453. kurzen, aber schwerwiegenden Essay »Aus den Berliner Märztagen 1848« klargelegt worden.

Die der Revolutionszeit geltenden Aufzeichnungen der Schwester beginnen mit der Erwähnung der sogenannten Kartoffelrevolution Es waren übertriebene Preise für die Metze Kartoffeln gefordert worden. Das empörte die kaufenden Bürger. Sie warfen die Kartoffeln in den Rinnstein und vergriffen sich an einigen Verkäuferinnen. Das zusammengelaufene Volk plünderte dann einige Bäcker- und Fleischerläden und wurde endlich vom Militär auseinandergesprengt. Ein Herr Winckler soll dabei ums Leben gekommen sein. Viele Scheiben wurden zerschlagen usw. die der Eröffnung des vereinigten Landtages – doch ohne jeden Zusammenhang mit ihm – nach zehn Tagen folgte.

Am 2l. April hatte dieser Aufstand stattgefunden, und schon unter dem 2. Mai gedenkt sie einer Aufführung im Opernhause, der Ludo und ich auch beiwohnen durften. Es war die Abschiedsvorstellung der Frau Viardot Garcia in der »Iphigenia«; doch fürchte ich, daß Paula mit Recht versichert, die große Sängerin habe vor einem undankbaren Publikum ihr Bestes gegeben, denn die Aufmerksamkeit der Anwesenden richtete sich allem voran auf den König und die Königin, die sich nach einer schweren Krankheit zum erstenmal wieder im Theater zeigte. Die Begeisterung war groß, und die Hochrufe, die sich in jedem Zwischenakte wiederholten, wollten nicht enden.

Ich erwähne dies, um zu zeigen, in wie hingebend treuer Liebe die Berliner damals noch an ihrem Königspaare hingen. Dagegen hatte die Neigung für den Prinzen von Preußen, den späteren Kaiser Wilhelm, schon eine Erschütterung erfahren. Er, der, als in der Umgebung des Königs alles schwankte, der einzige feste Mann blieb, galt für die Verkörperung des Militarismus, gegen den sich eine heftige Widersacherschaft zu erheben begann.

Die Mutter hing auch damals mit einer an Liebe grenzenden Verehrung an ihm, und wir Kinder mit ihr.

Er war uns auch vertrauter als alle anderen Mitglieder des Herrscherhauses, weil Fräulein Lamperi, die gewissermaßen zu uns gehörte, nicht aufhörte, die sympathischsten Züge von ihm und seiner hohen Gemahlin, deren Kammerfrau sie gewesen war, zu erzählen. Sie vergötterte ihn, und als sie einmal an »Kranzlers Ecke« bald nach dem 18. März ihn von einigen französisch redenden Herren schmähen hörte, rief sie ihnen ins Gesicht: »Misérables individus que vous êtes!« und machte sich aus dem Staube.

Von Friedrich Wilhelm IV. wurden gewöhnlich nur Späße, die manchmal recht witzig waren, erzählt, und wir kamen einmal in seltsamer Weise mit ihm in Berührung.

Unsere alte Köchin, Frau Marx, die sich selbst »die Marxen« nannte, war halb erblindet und wünschte in ein Stift zu treten, wozu es der Bewilligung der Majestät bedurfte. Sie hatte vor vielen Jahren bei einer früheren gräflichen Herrschaft den König als jungen Prinzen, wie sie versicherte, »buttern« gelehrt, und daraufhin wurde ihr von den Meinen ein Bittschreiben aufgesetzt. Dies reichte sie dem Könige im Schloßhof in den Wagen, und auf seine Frage, wer sie sei, versetzte sie:

»Ick bin ja de olle Marxen – Eure Majestät sin meene letzte Retirade...« Diese Geschichte ist, wie ich von einer Freundin unseres Hauses hörte, von einer Schriftstellerin in einer Erzählung für die Jugend mit verändertem Namen benutzt worden. Ich weiß nicht, wer sie ihr mitteilte, doch stammt sie – genau, wie ich sie hier wiedergab – aus meinem mütterlichen Hause. Freundin Anna Kisting, die das betreffende Bittschreiben mit verfaßte, ist erst kürzlich gestorben.

Dies Diktum wurde der Mutter von dem Adjutanten, der dann kam, um sich nach der Bittstellerin zu erkundigen, mitgeteilt, und er versicherte, Seine Majestät habe sich sehr über die wunderliche Wendung der Alten amüsiert und sie seiner Umgebung mehrfach mitgeteilt. Ihr Wunsch wurde ungesäumt erfüllt.

Ähnliche Geschichten in Fülle wüßte ich zu berichten, doch es zweifelt ja niemand an der Menschenfreundlichkeit dieses Monarchen und dem ihm eigenen Sinne für das Komische in jeder Gestalt.

Hätte er, der mit fernen Zeiten so wohl vertraut war, die eigene besser verstanden, es wäre ihm und seinen Untertanen viel Schweres erspart geblieben.

Die Erinnerung an die Märztage 1848 prägte sich mir mit unauslöschlichen Zügen in die Seele. Schönere sind mir in der Natur nicht wieder begegnet. Es war, als sei der Maimond an die Stelle seines stürmischen Vorgängers getreten. Vom dreizehnten an hörte die Sonne nicht auf, vom wolkenlosen Himmel zu scheinen, und in unserem Garten standen schon vor dem achtzehnten die Obstbäume in vollster Blüte. Im Tiergarten erschlossen sich die Knospen an Baum und Strauch, und der berauschende Duft des Faulbaumes durchwehte am Abend die laue Lenzluft. Was nicht Pflicht oder Siechtum im Hause festhielt, das strebte hinaus ins Freie. Die Gartenlokale waren am Nachmittag überfüllt, und wer dem Volke etwas zu sagen wünschte, der brauchte die Zuhörer nicht zusammenzurufen.

Und es gab viele, denen das bis an den Rand gefüllte Herz überfließen wollte; denn auch in der Brust vieler Männer war ein mächtiges Frühlingsleben und Weben erwacht.

Was an Groll und Unwillen, an Unzufriedenheit und Kummer unter dem Boden gebrütet, wagte sich hervor, und die Knospen der sehnsüchtig frohen Erwartung erschlossen sich mit jeder Stunde kräftiger und voller.

Die Nachricht von der Pariser Revolution, deren Bestätigung in den letzten Februartagen nach Berlin gekommen war, hatte wie Sonnenschein und warmer Regen dies Drängen und Treiben bewirkt. Es war kein Halten mehr, und die Behörden fühlten von Tag zu Tag mehr, wie die alten Zwangmittel versagten.

Zu den Berichten aus Paris gesellte sich außerdem Nachricht auf Nachricht aus dem übrigen Deutschland, um mit immer neuen Widderstößen den alten Bau des Absolutismus zu erschüttern.

Die Pressfreiheit war noch nicht gewährt, aber die Zungen begannen sich frei, ja oft zügellos zu regen. Schon am 7. März fingen, und zwar noch bei trübem Wetter, die Versammlungen unter den Zelten an. Wir hörten nur von ihnen erzählen, denn es war uns verboten, sie aufzusuchen, aber bald brauchten wir nicht mehr so weit zu gehen, um etwas Ähnliches zu sehen. Schon seit dem Beginn der herrlichen Frühlingstage fanden wir große Menschenhaufen, die den bärtigen Rednern lauschten, die ihnen von der Revolution in Paris, von den Adressen, die man unter den Zelten, im Rathause und sonst an den König gerichtet, von dem Hin und Her der Wege, die sie gegangen, und von der Aufnahme erzählten, die sie gefunden. Sie hatten im ganzen die gleichen Forderungen enthalten: Pressfreiheit, eine aus freieren Wahlen entstandene Volksvertretung, Gleichstellung der verschiedenen religiösen Bekenntnisse bei Ausübung politischer Rechte, Geschworenengerichte und eine Vertretung des Volkes beim Deutschen Bunde.

Diese Forderungen wurden mit feurigem Eifer erörtert, und die soeben erfolgte königliche Verheißung, den Landtag wieder einzuberufen und ein Pressgesetz zu erlassen, nachdem man den Bundestag zu der gleichen Maßregel bewogen haben würde, wurde mit scharfen Worten als halbe und ungenügende Maßregel, als karge Abschlagszahlung, um Aufschub zu gewinnen, verdammt.

Am fünfzehnten waren nähere Nachrichten über die Wiener Revolution und die Flucht Metternichs nach Berlin gelangt, und auch wir erfuhren davon und hörten die Mutter und ihre Freunde mit Besorgnis fragen: »Wie wird das enden?«

Es hatte sich eine namenlose Erregung der Großen und Kleinen daheim, auf der Straße und in der Schule bemächtigt, denn es war schon Blut in der Stadt geflossen.

Am dreizehnten hatte Kavallerie in der Nähe des Schlosses die zusammengeströmte Menge mit blanker Waffe auseinandergesprengt, und Ähnliches geschah auch an den beiden nächsten Tagen. Glücklicherweise waren nur wenige zu Schaden gekommen, doch das alles und das Gerücht, das ja so gern das Schreckliche vergrößert und steigert, und der Wille so mancher Fanatiker, das Feuer der Unzufriedenheit zu schüren, hatten sich verbündet, um aus den Verwundeten Tote, aus Leichtverletzten Schwerverwundete zu machen.

Diese Übertreibungen durchliefen, Entrüstung weckend, die ganze Stadt, und die Berichterstatter fremder Blätter hatten der Erfahrung, daß Zeitungslesern das Unglaublichste oft das Willkommenste ist, zu Gefallen die Provinz und das Ausland mit ihnen unterhalten. In Wolfs Revolutionschronik finde ich diese Übertreibungen wieder, doch halte ich es für Pflicht, zu bemerken, daß ich sie in dem Exemplar, das ich benütze – es kam mir durch die Güte meines Schülers und Freundes, des Archivars Dr. Arnold, zu –, von der Hand, wie es scheint, eines höheren Beamten, der in jenen Tagen die Augen offen gehalten und sich wohl unterrichtet haben muß, in Randbemerkungen berichtigt fand. Neben dem Wolfschen Satz: »In der Stechbahn fielen die Kürassiere in die Masse ein,« schreibt der Glossator: »Mit Steinen geworfen.« An der Seite der Wolfschen Mitteilung zum 14. März: »Die Dragoner machten ohnehin von dem Vorteil ihrer Position rückhaltslosen Gebrauch, und so sind denn viele und schwere Verwundungen und infolge derselben bereits einige Todesfälle vorgekommen« steht: »Es ist niemand gefährlich verwundet worden, viel weniger getötet, obgleich Nachrichten mit vielen Details verbreitet wurden.« Wolf teilt aus der »Weserzeitung« mit: »Sechs Unglückliche wurden Mann für Mann niedergehauen, der eine, ein Handschuhmacher von Hake, mit sechs Säbelhieben am Kopf verwundet, so daß er lebensgefährlich daniederliegt.« – Dies verbessert die Glosse: »Von Hake wurde verwundet, aber so gering, daß er bald wieder in seinem Laden stand, wo er noch zu sehen ist.«

Es fällt schwer, das Vorgehen des Militärs gegen Wehrlose zu billigen; wer aber wie wir mit ansah, wie ganze Haufen von arbeitslosem Gesindel ihm heulend und johlend nachlief und entgegentrat, ihm Schimpf- und verletzende Witzworte zurief und – das sahen wir nicht selbst, doch wird es von vielen unparteiischen Berichterstattern bestätigt – an manchen Stellen Steine nach ihm warf, der wird die jungen Männer, die ein höherer Wille regierte und von denen die meisten sich bewußt waren, daß es ihnen besser anstehe, zu sterben, als sich ungestraft beschimpfen zu lassen, verstehen und sie darum zu entschuldigen suchen, wenn sie, außer sich gebracht, der Hand, die nach dem Degengriff schnellte, nicht wehrten.

Aber das Blut war geflossen. Der Haß gegen die Soldaten, zu denen doch viele aus den Reihen des empörten Volkes einst mit Stolz selbst gehört hatten, wuchs mit verhängnisvoller Schnelligkeit und wurde von denen geschürt, die in dem Militär die eherne Mauer verabscheuten, die sich zwischen sie und die Verwirklichung ihrer sehnlichsten Wünsche stellte.

Ein Funke konnte die offene übervolle Mine zum Auffliegen bringen, ein übel gewähltes oder mißverstandenes Wort, eine unvorsichtige Handlung die Explosion zur Tatsache machen.

Die schwerste Gefahr drohte von neuen Zusammenstößen der Armee mit dem Volke, und der Besorgnis vor einem solchen verdankten die jungen und älteren Herren ihre Berufung, die uns bald überall begegneten, wo sich große Menschenmengen zusammenrotteten, und deren Aufgabe es war, zur Ruhe zu mahnen. Das Wort »Schutzbeamter« auf der weißen Binde an ihrem Arm bezeichnete ihre Stellung, der anderthalb Fuß lange weiße Stab in ihrer Hand sollte den Respekt erwecken, den das englische Volk dem Konstabler erweist. Wir sahen auch manchen uns wohlbekannten Mann unter ihnen; doch dem Volke der Berliner, das Goethe ein verwegenes nannte, zu imponieren, hält schwer, und wir sahen Schutzbeamte von Straßenjungen umschwärmt wie der Uhu, den ein Zug von kleinen Vögeln neckend umflattert. Auch Erwachsene riefen ihnen Spottnamen nach und verhöhnten den Stab, den sie »Ballkelle« und »Zahnstocher« nannten. Gehorsam wurde nur den besonders Würdigen und gelassen Auftretenden erwiesen. Im Ministerium des Innern war mit dem Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher das Institut der Schutzkommission ins Leben gerufen worden.

Auch ein großer Teil der Studentenschaft hatte sich willig gezeigt, ihr als Schutzbeamte oder Kommissarien beizutreten, und auf dem Rathause Stab und Binde empfangen.

Wie grausam die Ausübung ihres Berufes ihnen verleidet wurde, ist schwer zu beschreiben.

Nachrichten aus Österreich und Süddeutschland, wo die Sache des Volkes mit Riesenschritten dem ersehnten Ziele entgegengeführt zu werden schien, steigerten jetzt die offensive Kraft der erregten Menge von Stunde zu Stunde.

Am Nachmittag des Sechzehnten war der nur wenige hundert Schritte von unserer Wohnung entfernte Potsdamer Platz von schreienden und lauschenden Volksmassen erfüllt, die sich um den Bildhauer Streichenberg, seinen blondbärtigen Freund und andere lebhaft gestikulierende Führer scharten. Von der Stadt und der Bellevuestraße aus erhielt die Menge fortwährend Zuzug. Zur Linken des Endes dieser schönen, von knospenden Kastanienbaumreihen geschmückten Gartenstraße lag »Kemperhof«, ein Vergnügungslokal, in dem wir manchmal dem Spiel einer Musikbande in grüner Jägertracht gefolgt waren, an der Stelle der heutigen Viktoriastraße. Von daher mußten viele kommen; denn ich finde, daß dort am Sechzehnten die Versammlung stattfand, aus der dann die weit wichtigere am Morgen des Siebzehnten und ihr entscheidender Abschluß in der Köpenicker Straße hervorging.

Bei diesem beschloß man, am Nachmittag des Siebzehnten eine »Friedensdemonstration der Volkswünsche« ins Leben zu rufen, und setzte eine neue Adresse an den König auf. Sie bestimmte, daß am 18. März, um zwei Uhr, Tausende von Bürgern mit dem Abzeichen der Schutzkommissare vor das Schloß ziehen und eine Deputation mit einer Schrift, die die Hauptforderung des Volkes klar zum Ausdruck brachte, zu Seiner Majestät entsenden sollten. Was sie als dringend notwendig dem Könige darzustellen hatte, war: Zurückziehung der militärischen Macht, Organisation einer bewaffneten Bürgergarde, Gewährung der seit einem Menschenalter verbürgten unbedingten Preßfreiheit und Einberufung des vereinigten Landtages.

Ich werde auf diese Adresse zurückzukommen haben.

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