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Die Geschichte meines Lebens

Georg Ebers: Die Geschichte meines Lebens - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Geschichte meines Lebens
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Berlin
seriesAusgewählte Werke
volumeZehnter Band
year
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Was dem Berliner Kinde sonst Schönes an der Spree und bei der Großmutter in Dresden zuteil wurde

Im Sommer wurden wir nicht selten in den jungen Zoologischen Garten geführt und hatten besonders an der Possierlichkeit der Affen große Freude. Den Rehen und Hirschen im Zwinger und den Raubtieren im Käfig gegenüber empfand ich schon damals ein gewisses Mitleid, das sich später so sehr steigerte, daß mir dadurch mancher Besuch eines zoologischen Gartens verleidet wurde. In Keilhau fing ich einmal ein ganz junges Rehlein im Walde und freute mich sehr der schönen Beute. Es sollte mit unseren Kaninchen auferzogen werden, und ich hatte es auch schon ein gut Stück fortgetragen, als es mir plötzlich leid tat und mir einfiel, wie seine Mutter sich über seinen Verlust grämen würde. Da trug ich es zu der Stelle zurück, wo ich es gefunden, und lief spornstreichs in die Anstalt zurück. Dort verschwieg ich anfangs diese »Eselei«; denn ich schämte mich ihrer.

Landpartien waren die schönsten Vergnügungen des Sommers. Die kleinen führten in die Vororte der Residenz und bisweilen nach Charlottenburg, wo mehrere Bekannte im Sommer wohnten und unser Vormund Alexander Mendelssohn ein Landhaus mit einem herrlichen Garten besaß, in dem es nie an Kindern und Enkeln des Hausherrn fehlte, mit denen wir dann spielten. Manchmal durften wir auch mit anderen Jungen dorthin wandern. Wir bekamen dann einige Groschen, um einzukehren, und gewöhnlich brachte uns ein Kremser nach Hause. Diese Fuhrwerke fand man an der Mauer jenseits des Brandenburger Tores und in Charlottenburg am Schloß oder vor dem »türkischen Zelt« in langer Reihe; denn ein Omnibus führte noch nicht in die damals recht ländliche Nachbarstadt. Auch wenn sie für zehn und zwölf Personen eingerichtet waren, pflegten diese Fuhrwerke nur einspännig zu sein, und den Rosinanten, die die meisten zogen, dankt wohl das Verschen den Ursprung:

»Berliner Kind,
Spandauer Wind,
Charlottenburger Pferd
Sind alle drei nichts wert.«

Die Berliner Kinder waren wohl im ganzen besser als ihr Ruf, die Charlottenburger Pferde mitnichten. Die Kremser wurden nach dem Fuhrherrn benannt, der die meisten besaß, und ihr Geschäftsbetrieb beruhte schon damals auf Assoziation. Eine Einzelperson ist nämlich selten in einem solchen gefahren. Entweder nahm ihn eine Familie in Beschlag, oder man bestieg ihn und wartete geduldig, bis so viele Personen versammelt waren, daß der Kutscher es für der Mühe wert hielt, mit einem »Na, man los!« die Peitsche zu heben.

Aber derselbe Herr Kremser besaß auch hübsche Landpartiewagen, die er je nach Bedürfnis mit zwei oder vier Pferden bespannte. Zu der langangeschirrten Kremser-Quadriga gehörte sogar ein Kutscher in Jockeikostüm, der auf dem Sattelpferde ritt.

Andere Landpartien führten uns nach dem schönen Humboldtschen Tegel, nach dem Müggel- und Schlachtensee, nach Französisch-Buchholz, Treptow und Stralau. Dem berühmten Volksfest des Stralauer Fischzuges haben wir leider nie beiwohnen dürfen.

Die Krone aller Landpartien war aber die am Geburtstage der Mutter, die entweder nach den Pichelsbergen, bewaldeten Hügeln, die sich in fischreichen Teichen spiegeln, oder nach der Pfaueninsel bei Potsdam führte.

Die Umgegend Berlins gilt ja für trostlos; doch mit großem Unrecht. Ich habe mich später überzeugt, daß ich keineswegs nur so gern an die Pichelsberge und die Havelufer bei Potsdam zurückdenke, weil die Einbildungskraft sie, bei denen es uns vergönnt gewesen war, so köstliche Stunden in der Lenzzeit des Daseins zu verleben, mit erträumten Reizen bekleidet hatte; nein, diese Orte besitzen in der Tat eine seltene friedliche Anmut, und ziehe ich ihnen als Kind meines Jahrhunderts auch das Hochgebirge vor, so gab es doch eine Zeit, in der auch das Auge eines Künstlers ihnen den Vorzug vor den großartigen Landschaften der Alpenwelt zugeteilt hätte.

Diese galten noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts für abschreckend. Sie bedrückten die Seele durch das Übermaß ihrer Größe. Riesenberge mit dem ewigen Schnee auf den das Gewölk des Himmels überragenden Häuptern darzustellen, unternahm damals kein Maler. Ein Salvator Rosa, Poussin oder selbst der große Ruysdael hätten die Staffelei lieber an den Pichelsbergen oder in der Potsdamer Gegend aufgestellt als am Fuß des Montblanc, am Königs- oder Eibsee, in dem sich die Felsenmasse der Zugspitze – mein Tutzinger Visavis – so großartig spiegelt.

Nichts Lieblicheres als die mäßigen, schön gerundeten Höhen an diesen vegetations- und wasserreichen, friedvollen Stätten, wenn sie an schönen Sommerabenden das scheidende Licht mit goldigem Glanz, oder bei seinem Nachglühen mit zartem Rosenrot überhaucht. Unter den neueren deutschen Malern lernte mancher den Zauber auch dieser Motive wieder schätzen, unter unseren Dichtern hat besonders Fontane ihren ganzen Reiz erfaßt und ihn aufs glücklichste geschildert. Er hat auch am Ufer der Dahme vor dem Herrenhause meines Bruders Ludo, auf dessen Gut Dolgenbrodt in der Mark Brandenburg gestanden und da den Zauber der Ebene empfunden, der auf mich nirgends lebendiger wirkte als eben dort und an einem Abend bei Potsdam, als die Glockengrüße des Sakrower Kirchleins der sinkenden Sonne dankten und sie zur Wiederkehr luden.

Es war mir im Orient vergönnt, glänzendere Untergänge des Tagesgestirns zu schauen, eine harmonischere und anmutendere Farbenpracht als an märkischen Sommerabenden ist mir aber nur noch in Holland am Strande der Nordsee begegnet.

Wie könnte ich der Festtage vergessen, an denen wir, nachdem wir der Mutter unsere Verschen hergesagt und ihren Geschenktisch bewundert, den die Freunde überreich mit Blumen zu schmücken pflegten, auf die Fuhrwerke warteten, die uns aufs Land befördern sollten. Außer einem großen Landpartiewagen gab es gewöhnlich noch einige Kutschen, die uns alle samt den Familien der uns am nächsten stehenden Freunde ins Freie führten.

In frischen, hellen Sommerkleidern, den schmucksten und hübschesten, festlich gestimmt, froh und erwartungsvoll, ging es hinein in die ländliche Lust. Wie strahlten die jungen, wie zufrieden blickten die alten Gesichter, wie groß waren die Körbe mit Speis und Trank neben dem Kutscher und hinter dem Wagen!

Bald waren wir draußen, und die Vögel in den Büschen und am Wege hatten im Mai nicht froher gezwitschert und gesungen als wir bei solchen Fahrten. Auch nach Potsdam ging es nicht auf der Eisenbahn, die nun schon fertig war, sondern zu Wagen, und es gab wohl auch ein kleines Abenteuer, bis wir dorthin gelangten.

Einmal hatten wir bei Stimming in der Nähe des Wannsees, wo Heinrich von Kleist mit der Geliebten seines Herzens dem schmerzensreichen Dichterleben ein Ende machte, die Pferde rasten lassen und einen Imbiß genommen. Bevor wir hielten, war uns eine Schar von Handwerksburschen begegnet, und die Mutter hatte dem einen in der dankbaren Stimmung ihres Herzens einen Taler in den Hut geworfen und dabei gesagt: »Trinkt eins auf mein Wohl; es ist heut mein Geburtstag.«

Als wir gerastet und wieder ein gut Stück Weges hinter uns gelassen hatten, fanden wir die Burschen am Wege aufgestellt, und nachdem sie einen riesigen Strauß von Feldblumen, den sie indes gewunden, in den Wagen geworfen, rief einer: »Das Geburtstagskind soll leben, und Glück und Heil der schönen guten Dame!« Und die anderen und wir alle mit ihnen stimmten aus voller Brust in sein »Hoch!« ein.

Es war uns dabei zumute wie heidnischen Römern, die beim Aufbruch die allerglücklichsten Vorzeichen am Himmel und auf Erden gewahrt und vernommen.

Und auf der Pfaueninsel!

Frau Friedrich, die »Hausehre« des Fontänenmeisters, leitete dort die saubere Wirtschaft, in der sie indes keineswegs jedermann vorsetzte, was er begehrte. Die Mutter aber war ihr eine alte, durch den großen Gartendirektor Lenné, dessen Beamter ihr Mann war, eingeführte Bekannte, und wie wußte sie für uns zu sorgen! Wie anziehend erschien uns Kindern auch die niedliche und doch große Sammlung, die sie besaß. Die meisten Mitglieder des Königshauses waren oft ihre Gäste gewesen und hatten, was sie zusammengeführt, zu einem kleinen Museum erweitert; dies aber enthielt zahllose Sahnen-, Rahm- oder Schmandtöpfchen jeder Art, von jedem Metall, auch dem edelsten, von Porzellan und Glas aus allen Zeitaltern. Viele wären für jedes Gewerbemuseum eine seltene und willkommene Zierde. Die Mutter hatte ein besonders schönes japanisches Töpfchen gesteuert, das ihr Bruder ihr von dorther gesandt.

Nach dem Schmause spielte die Jugend Laufspiele, während die Alten rasteten, bis es Kaffee gab und die Bowle »angesetzt« war.

Ob auch auf der Pfaueninsel getanzt werden konnte, weiß ich nicht mehr; bei den Pichelsbergen geschah es aber gewiß, und zum Aufspielen gab es dort sogar drei Musikanten.

Und wie köstlich war es im Walde, wie vergnüglich das Rudern auf dem Wasser, wobei, wenn die Daseinslust den höchsten Grad erreicht hatte, die wehmütigsten Lieder erklangen. An Lebehochs auf die Mutter fehlte es auch hier nicht und selten an dem Gesang des gewöhnlich von Freund Seiffart dirigierten Quartettes. Vom Walde her scholl es den ersten Sternen entgegen. Oh, ich könnte noch hundert andere Einzelheiten von jenen Geburtstagen auf dem Lande berichten; nur wie wir nach Kaufe kamen, hab' ich völlig vergessen. Ich weiß nur, daß wir am nächsten Morgen voller süßer Erinnerungen erwachten.

In den Sommerferien gingen wir auch öfter auf Reisen, und zwar gewöhnlich nach Dresden, wohin des Vaters Mutter mit ihrer Tochter, unserer Tante Sophie, gezogen war, die sich dort mit dem Freiherrn Adolf von Brandenstein, einem Offizier der sächsischen Garde, vermählte, der, nachdem er die Bärenmütze und den roten Frack, die kleidsame Uniform von damals, abgelegt, die Dresdener Posthalterei übernommen hatte.

Auch dieser Besuche und der Tage, an denen die Großmutter und die Tante nach Berlin kamen, erinnere ich mich gern. Beide waren mir lieb; die lebhafte, immer zum Scherz geneigte Tante hatte ich aber besonders ins Herz geschlossen, und meine Neigung wurde erwidert. Übrigens sind diese unsere nächsten Verwandten in der früheren Kindheit nur wie recht helle Meteore durch unser Leben geflogen; dauerten doch unsere wie ihre Besuche immer nur wenige Tage, und kamen sie nach Berlin, so wohnten sie, trotz der dringendsten Einladungen der Mutter, nie bei uns, sondern immer im Hotel. Ich kann mir auch nicht denken, daß die Großmutter es je über sich gebracht hätte, bei wem es auch sei, als Logiergast vorzusprechen; denn es war ihr eine besondere Abgeschlossenheit, eine, fast möchte ich sagen kühle Zurückhaltung eigen, die sie auch, obgleich sie es wahrlich nicht an Beweisen der herzlichsten Liebe für uns fehlen ließ, hinderte, uns wie andere Großmütter zu herzen oder mit uns zu tändeln. Sie stammte aus dem vorigen Jahrhundert, und die Mutter hatte uns gelehrt, ihr bei der Begrüßung die weiße kleine Hand, die stets bis an die Finger von wehenden Spitzen bedeckt war, zu küssen und uns besonders manierlich bei ihr zu benehmen.

Es herrschte auch eine stille Vornehmheit in ihrer Umgebung, die uns einen gewissen Zwang auferlegte. Ich sehe noch die Reihe von großen Zimmern, in denen sie sich aufzuhalten pflegte, vor mir. Da war alles still, wenn nicht der Papagei Coco die schrille Stimme erhob. Auch ihre Gesellschafterin, ein Fräulein Raffius, sprach immer leise in ihrer Gegenwart, doch wußte sie draußen lebhaft genug mit uns zu spielen. Der alternde Diener, der seltsamerweise einem adeligen Hause entstammte und eigentlich von Wurmkessel hieß, tat seine Pflicht – ich sah ihn immer nur im Frack und mit der weißen Binde – geräuschlos wie ein Schatten. Dazu durchwehte die meisten Räume ein leiser Resedaduft, der mich ihrer zu gedenken zwingt, so oft ich dieser hübschen Blume begegne; denn bekanntlich besitzt von allen Sinnen der des Geruches die mächtigste erinnernde Kraft.

Auf dem Schoße der Großmutter hab' ich nie gesessen. Wenn wir mit ihr reden wollten, mußten wir uns an ihrer Seite niederlassen, und hielten wir ihr still, so fragte sie eingehend nach allem, was uns betraf: nach den Spielen, den Freunden, der Schule, wie es die zärtlichste Großmutter nur hätte tun können. Im Herzen war sie es auch gewiß, und wo es uns eine Freude zu bereiten galt, tat sie es mit einer Willigkeit, der die Mutter bisweilen steuern mußte. Doch wie sich nach den Menuetten und tiefen Verbeugungen ihrer Jugendzeit die ihr eigene gehaltene Art weiter ausgebildet hatte, so war ihr eine völlig ruhige Umgebung zum Bedürfnis geworden.

Diese uns Kinder anfänglich immer wieder befremdende Stille wurde indes fröhlich genug von der Tante unterbrochen, deren Lebhaftigkeit in sie hineinschmetterte wie Hörnerschall in das Schweigen des Waldes.

Ihre heitere Stimme war schon vom Vorsaal aus vernehmbar, und hatte sie die Schwelle überschritten, so flogen wir auf sie zu, und der Bann war gebrochen; denn sie, die einzige Tochter, legte sich gegenüber der zurückhaltenden Mutter keinerlei Zwang auf, küßte sie stürmisch und fragte nach ihrem Befinden, als sei sie die Mutter und jene das Kind. Ja, bisweilen nahm sie sich heraus, die alte Dame »Henriette« – so hieß sie – oder gar »Jettchen« zu nennen. Wenn dann die Großmutter auf uns wies und vorwurfsvoll ausrief: »Aber, Sophie!«, wußte die Tante sie schnell mit den muntersten Späßen zu entwaffnen.

Wenn diese beiden auch gewöhnlich fern von uns weilten, so machte ihr Dasein sich doch wieder und wieder bei uns bemerkbar, sei es durch Briefe oder Geschenke, sei es durch ihre Ankunft in Berlin, die stets Festtage für uns mit sich brachte.

Die Reisen dorthin waren freilich mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Die Tante hatte sich nämlich stets eines offenen Wagens bedient und lebte ernstlich der Überzeugung, daß sie in einem verschlossenen Eisenbahncoupé ersticken müßte. Da sie nun dennoch der Wohltat der schnellen Beförderung nicht entraten wollte, mußte die Großmutter, auch noch nachdem die Tochter vermählt war, eine offene Lowry für sie mieten, auf der sie sich dann stets mit der treuen Zofe Minna und mit einem ihrer Hunde, manchmal aber auch mit dem Gatten oder mit einem befreundeten Begleiter angenehm einrichtete, indem sie sich eines eigenen Lehnstuhles und anderer Bequemlichkeiten bediente. Die Bahnbeamten kannten sie und zuckten wohl manchmal die Achseln; das gute warme Herz schaute ihr aber so treu aus den Augen, und ihre immer wache Heiterkeit hatte etwas so Hinreißendes, daß ihrer Wunderlichkeit aufs willigste Vorschub geleistet wurde. Und sie war nicht arm an ähnlichen Exzentrizitäten. So war ich einmal als Primaner in den Weihnachtsferien bei ihr, und wir hatten uns zur Ruhe begeben; um ein Uhr nachts trat die Tante aber plötzlich an mein Bett, weckte mich und befahl mir, aufzustehen. Der erste rechte Schnee war bereits gefallen, und sie hatte anspannen lassen, um mit mir Schlitten zu fahren, was sie besonders liebte. Da half kein Widerstreben, und das schnelle Hinfliegen über den Schnee beim Scheine des Mondes gestaltete sich zu einem wirklichen Vergnügen. Zwischen drei und vier Uhr morgens waren wir wieder daheim angelangt.

Was die Scheu vor dem Eisenbahncoupé angeht, so gelang es ihr übrigens, sie nach dem Tode der Großmutter bis zu einem gewissen Grade zu überwinden; indes mußte die Coupétür immer für sie offen gehalten werden.

Der Winter brachte noch manches andere Vergnügen. Besonders gern gedenke ich immer wieder des Weihnachtsmarktes, der ja jetzt leider nicht mehr abgehalten werden darf. Und doch! Welcher Freudenquell war er einst für die Kinder! Wie reiche Nahrung fand da ihr junges Gemüte! Die Christbäume und Pyramiden an der Stechbahn, die bunten Waren, die Pfefferkuchen und das Spielzeug in den Buden boten keineswegs den höchsten Reiz. Anziehender erschienen schon die Jungen mit den brummenden Waldteufeln, Knarren und Fahnen; denn ihnen mußte etwas abgekauft werden, und dabei gab es immer schlechte Witze – das sind die schönsten – zu hören, und welchen Spaß bot es, den »Walddeibel« mit der eigenen kleinen Hand zu schwingen. Fror es sie beim Drehen, so fühlte man es nicht; denn es war, als brummte, wie mitten im Sommer, eine Bremsenschar um uns her.

Am ergötzlichsten erschien uns aber doch wohl das Gedränge der Großen und Kleinen, und was es dabei alles zu vernehmen, zu schauen und gelegentlich zu beantworten gab. Es war, als hätte sich die Weihnachtsfreude der Stadt hier konzentriert und erfülle wie würziger Christbaumduft den keineswegs reinen Äther.

Aber neben der hellen Lust gab es hier auch noch anderes zu empfinden. Das blasse Kind dort in der Ecke mit den bloßen Füßchen und den sechs Schäfchen von schneeweißer Watte auf den grünen Brettchen in den roten, frierenden Händen, und das andere mit den Männchen von Backpflaumen, die es auf Stäbchen gespießt.

Wie klein und blaß es doch ist! Wie beredt laden die blauen Augen zum Kaufen ein; denn nur mit Blicken preist es an, was es feil hält. Ich sehe sie beide noch vor mir. Die Kupferdreier, die sie erlösen, sollen der darbenden Mutter helfen, die Dachkammer daheim in denjenigen Wintertagen zu heizen, die die Herzen so schön erwärmen, und an denen es dennoch so kalt ist. Ihnen gegenüber schilderte uns die Mutter, wie weh der Hunger tut, und wie Mangel und Elend so schwer zu ertragen, und wir haben den Weihnachtsmarkt nie verlassen, ohne einige Schäfchen und Pflaumenmänner zu kaufen, die wir ja nur brauchen konnten, um sie weiter zu verschenken. Als ich mein Märchen »Die Nüsse« schrieb, stand mir der Berliner Weihnachtsmarkt vor Augen und das kleine, elende Mädchen, die unter all den Frohen nichts gefunden hatte als Frost, Schmerz und Angst und eine Handvoll Nüsse, und das es später dennoch so gut haben sollte, aber freilich nicht unter den Menschen, sondern unter den schönsten Engeln des Himmels.

Es ist schön, daß man dem Berliner Kinde dies harmlos bunte Vergnügen, seinem Herzen dies Praktikum in der Übung der Barmherzigkeit wieder zurückgab.

Denke ich an jene Zeit, so scheint es mir, als habe sich in den Weihnachtswochen für uns, die das Christkind ohnehin reich genug bedachte, des Schönen und Vergnüglichen beinahe zu viel zusammengedrängt; denn außer dem Weihnachtsmarkte gab es die Weihnachtsausstellung bei Kroll, in der sinnige Köpfe und geschickte Hände eine Reihe von gewaltigen Sälen diesmal in die Heimat des Winters und ein anderes Mal in das Feenreich verwandelt hatten. Da gab es nichts zu tun als zu schauen. Die Einbildungskraft kam zum Stillstand; denn was hätte sie dieser Wunderwelt hinzuzufügen vermocht? Aber der Märchenhimmel, den Ludo und ich uns erträumten, war doch schöner und echter gewesen als diese greifbare Herrlichkeit von Blech und Pappe, die vielleicht mit Schuld daran trägt, daß die übertrumpfte Phantasie des Großstadtkindes sich scheu zurückzieht und bei der Wirklichkeit sucht, was der in ländlicher Stille erwachsene Knabe sich mit eigener Kraft vor die Seele zaubert.

Aber auch im Gropiusschen Panorama und in der Fuchsschen Konditorei gab es Köstliches – hier, wie es hieß, Belustigendes, dort Belehrendes – zu sehen. Bei Gropius wurde uns die halbe Welt in prächtigen Nachbildungen, die durch die Art ihrer Auf- und Vorführung lebendige Körperlichkeit gewannen, vor Augen gestellt. In den Orient fühlte man sich dort gezaubert, in die Tropen und auf die herrlichsten Plätze der großen Städte.

Wir hatten schon durch die Briefe der Brüder unserer Mutter, die als holländische Beamte auf Java und in Japan lebten, und durch die Reisebeschreibungen, die uns vorgelesen worden waren, viel von den Wundern des Ostens gehört, und bei Gropius verstärkte sich der Ruf, den ich oft genug von unsichtbaren Lippen vernommen zu haben meinte: »In die Ferne! In den Osten!« Er ist seitdem nie wieder ganz zum Schweigen gekommen; damals aber faßte ich den Entschluß, ein Weltumsegler oder – das hatte wohl ein Buch verschuldet – ein edler Seeräuber zu werden. Auch mit dem Schicksal des Robinson wär' ich nicht unzufrieden gewesen.

Den Besuchern der Weihnachtsausstellung bei Fuchs Unter den Linden wurde nur Lustiges geboten: Berliner Witze in Bildern, die damals natürlich zum größten Teil eine politische oder satirische Färbung besaßen. Am lebhaftesten erinnere ich mich der sentimentalen gnädigen Frau, die dem Diener befiehlt, die Fliege auf dem Teebrett zu fangen und sie an die Luft zu setzen, und des gehorsamen Johanns. Dieser erwischt das Tier, trägt es zum Fenster, schaut ins Freie und befördert die Fliege dann mit den Worten: »Gnädige Frau, es regnet draußen Platz, das Würm könnte sich verkälten!« auf das Teebrett zurück.

Ähnliche Genüsse gab es im Winter die Fülle, und an manchem durften wir teilhaben; denn Rellstab, der bekannte Redakteur der Vossischen Zeitung, führte sie sehr geschickt in seinen »Weihnachtswanderungen« zusammen. Wir konnten ja lesen, und was dieser literarische Weihnachtsmann und wohlangesehene Chorführer des Berliner gebildeten Bürgertums empfahl, ließ die Mutter uns gern genießen.

 

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