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Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden

François Marie Arouet de Voltaire: Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden - Kapitel 9
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titleDie Geschichte Karls XII., Königs von Schweden
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1829
translatorAdolf Seubert
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Achtes Buch.

Karl verheiratet seine Schwester mit dem Prinzen von Hessen. Er wird in Stralsund belagert und flüchtet nach Schweden. Unternehmungen des Barons von Görtz, seines ersten Ministers. Plan einer Aussöhnung mit dem Zaren und einer Landung in England. Karl belagert Frederikshall in Norwegen. Er wird dort getötet. Sein Charakter. Görtz wird enthauptet.

Inmitten dieser Kriegsvorbereitungen verheiratete Karl seine noch übrige Schwester Ulrike Eleonore mit dem Prinzen Friedrich von Hessen-Kassel. Die Königin-Witwe, Großmutter Karls XII. und der Prinzessin, und nunmehr achtzig Jahre alt, machte am 4. April 1715 die Honneurs dieses Festes im Schlosse von Stockholm und starb bald darauf.

Der König beehrte diese Vermählung nicht mit seiner Gegenwart; er blieb in Stralsund, wo er sich damit beschäftigte, die Befestigungen dieses wichtigen von den Königen von Dänemark und Preußen bedrohten Platzes zu vollenden. Inzwischen ernannte er seinen Schwager zum Obergeneral seiner Armee in Schweden. Dieser Prinz hatte den Generalstaaten in den Kriegen gegen Frankreich gedient und galt für einen guten General, welche Eigenschaft nicht wenig dazu beitrug, daß ihm Karl XII. seine Schwester gab.

Die Unfälle folgten nun bei Karl so rasch aufeinander wie ehedem die Siege. Im Juli des nämlichen Jahres 1715 berannten die deutschen Truppen des Königs von England und diejenigen Dänemarks die feste Stadt Wismar. Zu gleicher Zeit marschierten die vereinigten Dänen und Sachsen sechsunddreißigtausend Mann stark gegen Stralsund, um es zu belagern. Die Könige von Dänemark und Preußen bohrten in der Nähe von Stralsund fünf schwedische Schiffe in den Grund. Der Zar befand sich damals mit zwanzig großen Kriegsschiffen und hundertfünfzig Transportschiffen, mit dreißigtausend Mann an Bord, auf der Ostsee. Er bedrohte Schweden mit einer Landung; bald rückte er bis an die Küste von Helsingborg vor, bald erschien er auf der Höhe von Stockholm. Ganz Schweden stand in Waffen an der Küste und erwartete alle Augenblicke die Landung. Zu gleicher Zeit verjagten die russischen Landtruppen die Schweden nach und nach aus allen festen Plätzen, welche die letzteren noch in Finnland gegen den Bottnischen Meerbusen hin besaßen. Doch dehnte der Zar seine Unternehmungen nicht weiter aus.

An der Mündung der Oder, welche Pommern in zwei Teile teilt und die, nachdem sie an Stettin vorüber ist, in die Ostsee fällt, liegt die kleine Insel Usedom. Dieser Punkt ist sehr wichtig durch seine Lage, welche den rechten und den linken Arm der Oder beherrscht. Wer Herr dieser Insel ist, hat auch die Schiffahrt auf dem Flusse in seiner Gewalt. Der König von Preußen hatte die Schweden von der Insel vertrieben und sich ihrer wie auch Stettins bemächtigt, welches er, wie er sagte, lediglich aus Friedensliebe einstweilen in Verwahrung nahm. Im Mai 1715 hatten die Schweden jedoch die Insel Usedom wieder genommen. Sie besaßen zwei Forts auf derselben, das Fort Swinemünde an demjenigen Arm der Oder, der diesen Namen trägt, und das Fort Peenemünde am anderen Flußarm. Das letztere war das bedeutendere. Zur Bewachung dieser zwei Forts und der ganzen Insel waren nur zweihundertfünfzig Pommern verfügbar, welche ein alter schwedischer Offizier namens Kuse-Slerp befehligte, dessen Namen der Aufbewahrung würdig ist.

Am 4. August ließ der König von Preußen fünfzehnhundert Fußsoldaten und achthundert Dragoner auf der Insel landen. Sie betraten die Insel auf der Seite des Forts Swinemünde, ohne daß ihnen die Landung verwehrt wurde. Der schwedische Kommandant überließ ihnen vielmehr dieses Fort als das weniger wichtige und zog sich, da er seine wenigen Leute nicht noch mehr zersplittern wollte, nach dem Schloß von Peenemünde zurück, fest entschlossen dieses aufs äußerste zu verteidigen.

Man mußte ihn daher regelrecht belagern. Zu dem Ende wurde in Stettin Artillerie eingeschifft und die preußische Abteilung noch durch tausend Fußsoldaten und vierhundert Reiter verstärkt. Am 18. August wurde die Tranchee an zwei Punkten eröffnet und das Fort mit Kanonen und Mörsern lebhaft beschossen. Während der Belagerung gelang es einem, insgeheim mit einem Briefe Karls XII. betrauten Soldaten auf der Insel zu landen und sich nach Peenemünde durchzustehlen. Er übergab dem Kommandanten den Brief, der folgende Zeilen enthielt: »Feuert nicht, bis sich der Feind am Grabenrande befindet, verteidigt Euch bis zum letzten Blutstropfen. Ich empfehle Euch Eurem guten Glück. Karl.«

Slerp las den Brief und beschloß zu gehorchen und wie ihm befohlen war, im Dienste seines Königs zu sterben. Am 22. mit Tagesanbruch stürmte der Feind. Die Belagerten eröffneten ihr Feuer nicht eher, als bis sie die Belagerer am Grabenrand erblickten und töteten ihnen eine große Menge. Aber der Graben wurde ausgefüllt, die Bresche war breit und die Zahl der Stürmenden allzu überlegen. Sie drangen an zwei Stellen zugleich in das Schloß. Der Kommandant dachte jetzt nur noch daran, sein Leben möglichst teuer zu verkaufen und dem Schreiben seines Königs zu gehorchen. Er verließ also die Bresche, wo der Feind eindrang und brachte die kleine Truppe, welche Kühnheit und Treue genug besaß, um ihm zu folgen, in der Nähe einer Bastion so unter, daß sie nicht umzingelt werden konnte. Die Feinde stürmen auf ihn los und staunen, daß er nicht um Pardon bittet. Er schlägt sich noch eine ganze Stunde und nachdem er die Hälfte seiner Leute verloren hat, wird er endlich mit seinem Leutnant und seinem Quartiermeister getötet. Die hundert Mann, welche jetzt mit einem einzigen Offizier noch übrig waren, baten um ihr Leben und wurden kriegsgefangen. In der Tasche des Kommandanten fand man den Brief seines Herrn, welcher dem König von Preußen überbracht wurde.

Während Karl die Insel Usedom und die benachbarten Inseln verlor, während Wismar auf dem Punkte stand sich zu ergeben, während er keine Flotte mehr hatte und Schweden mit einer Landung bedroht war, befand er sich selbst in der Stadt Stralsund, die von sechsunddreißigtausend Mann belagert wurde.

Stralsund, das durch die Belagerung, welche der König von Schweden dort aushielt, einen Namen in Europa erhalten hat, ist die stärkste Festung Pommerns. Sie liegt am Göllensunde zwischen der Ostsee und dem Frankensee. Vom Lande her kann man nur auf einer schmalen Straße dahin gelangen; welcher Zugang durch Schanzen verteidigt wurde, die man für unnahbar hielt. Die Festung hatte eine Garnison von neuntausend Mann und überdies den König von Schweden selbst. Die Könige von Dänemark und Preußen betrieben die Belagerung mit einer Armee von sechsunddreißigtausend Mann, die aus Preußen, Dänen und Sachsen zusammengesetzt war.

Die Ehre, Karl XII. zu belagern, war ein so drängender Beweggrund, daß man alle Hindernisse zu überwinden wußte und die Tranchee in der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober 1715 eröffnete. Zu Anfang der Belagerung sagte der König von Schweden, er begreife nicht, wie ein gut befestigter und mit einer genügenden Garnison versehener Platz genommen werden könne. Er selbst hatte im Laufe seiner früheren Eroberungen mehrere Festungen eingenommen, aber fast nie durch eine regelrechte Belagerung. Der Schrecken vor seinen Waffen hatte damals alles getan. Ueberdies beurteilte er sich nicht nach den andern und unterschätzte seine Feinde. Die Belagerer beeilten ihre Arbeiten mit einer Tätigkeit und einer Anstrengung, die durch einen eigentümlichen Glücksfall noch begünstigt wurden. Die Ostsee hat bekanntlich keine Ebbe und Flut. Die Schanze, welche die Stadt deckte und die sich auf der Westseite an einen unpassierbaren Sumpf, auf der Ostseite aber an das Meer lehnte, schien keinerlei Angriff besorgen zu dürfen. Niemand hatte darauf geachtet, daß, wenn die Westwinde mit einiger Heftigkeit bliesen, sie die Wasser der Ostsee ostwärts trieben, so daß vor der Schanze, die man durch ein unpassierbares Meer gedeckt glaubte, nur eine Wassertiefe von drei Fuß war. Zufällig fiel ein Soldat dort von der Schanze ins Meer und war höchlich erstaunt, Boden zu finden. Er erkannte, daß diese Entdeckung sein Glück machen müßte, desertierte daher und begab sich in das Quartier des Grafen Wackerbarth, Kommandanten der sächsischen Truppen, welchem er die Mitteilung machte, daß man das Meer vor der Schanze durchwaten und so ohne Mühe dort eindringen könne. Der König der Preußen säumte nicht, sich dieses Fingerzeigs zu bedienen.

Schon am folgenden Tage um Mitternacht, als noch der Westwind wehte, stieg der Oberstleutnant Koppen mit achtzehnhundert Mann ins Wasser, während zweitausend Mann auf der Straße vorrückten, die nach der Schanze führte. Die ganze preußische Artillerie setzte sich ins Feuer, und Preußen und Dänen machten auf einer andern Seite eine Demonstration.

Die Schweden glaubten die zweitausend Mann, die sie dem Anschein nach so tollkühn auf der Straße anrücken sahen, mit Leichtigkeit zurückwerfen zu können, als plötzlich Koppen mit seinen achtzehnhundert Mann von der Seeseite her in die Schanze drang. Die Schweden sahen sich umringt und überrascht und waren außer stande sich zu verteidigen. Der Posten wurde nach einem großen Blutbad genommen. Ein Teil der Besatzung flüchtete sich nach der Stadt, die Stürmenden folgten und drangen untermischt mit den Fliehenden dort ein. Zwei sächsische Offiziere und vier Soldaten waren schon auf der Zugbrücke, aber man fand noch Zeit diese aufzuziehen. Die Sachsen wurden gefangen und die Stadt war für diesmal noch gerettet.

Man fand in dieser Schanze vierundzwanzig Kanonen, die sofort gegen Stralsund gerichtet wurden. Die Belagerung aber wurde mit dem Eifer und dem Vertrauen vorwärts betrieben, wie sie ein solcher erster Erfolg geben mußten. Man kanonierte und bombardierte die Stadt fast ohne Aufhören.

Gegenüber Stralsund liegt die Insel Rügen, welche dieser Festung als Rückwall dient und wohin die Garnison und die Bürger sich hätten zurückziehen können, wenn sie die nötigen Transportschiffe gehabt hätten. Die Insel war für Karl somit von der höchsten Wichtigkeit; er sah wohl ein, daß, wenn der Feind sich derselben bemeisterte, er zu Land und zur See eingeschlossen würde, und ihm dann allem Anschein nach keine andere Wahl bliebe, als sich unter den Trümmern von Stralsund zu begraben oder sich denselben Feinden zu ergeben, die er so lange Zeit verachtet und denen er so harte Bedingungen auferlegt hatte. Indessen hatte ihm der traurige Zustand seiner Angelegenheiten nicht erlaubt, auf Rügen eine genügende Garnison zu lassen. Es standen dort nur zweitausend Mann.

Seit drei Monaten trafen seine Feinde alle nötigen Vorkehrungen, um auf dieser schwer zugänglichen Insel zu landen. Endlich schiffte der Prinz von Anhalt, nachdem er vorher die nötige Anzahl Barken hatte erbauen lassen, am 15. November, unterstützt von einer günstigen Witterung, dort zwölftausend Mann aus. Der überall gegenwärtige König befand sich gerade auf der Insel; er suchte seine zweitausend Soldaten auf, die sich in der Nähe eines kleinen Hafens etwa drei Stunden von dem Orte, wo der Feind gelandet war, verschanzt hatten. Sofort stellte er sich an ihre Spitze und marschierte mitten in der Nacht in tiefster Stille gegen den Feind. Aber bereits hatte sich der Prinz von Anhalt mit einer Vorsicht, die damals unnötig schien, ebenfalls verschanzt. Die Offiziere, die unter ihm kommandierten, erwarteten nicht in dieser Nacht noch angegriffen zu werden und glaubten Karl XII. in Stralsund; allein der Prinz von Anhalt, der wohl wußte, wessen Karl fähig war, hatte einen tiefen Graben, an dessen jenseitigem Rande er spanische Reiter aufstellte, aufwerfen lassen, und überhaupt alle Sicherheitsmaßregeln getroffen, wie wenn er eine überlegene Armee zu bekämpfen hätte.

Um zwei Uhr morgens langte Karl, ohne das geringste Geräusch zu machen, vor dem Feinde an. Seine Soldaten riefen jetzt einander zu: »Reißt die spanischen Reiter weg!« – Diese Worte wurden von den Schildwachen gehört, die alsbald das Lager alarmierten. Der Feind trat unter die Waffen. Als der König die spanischen Reiter beseitigt hatte, sah er einen tiefen Graben vor sich. »Ach!« rief er, »ist das möglich? das habe ich nicht erwartet!« – Doch entmutigte ihn diese Ueberraschung nicht; er wußte nicht, wie viele Truppen der Gegner ausgeschifft hatte; und dieser wußte seinerseits nicht, mit welch kleiner Zahl er es zu tun hatte. Die Dunkelheit der Nacht schien Karl zu begünstigen; er faßt sofort seinen Entschluß und wirft sich, begleitet von den kühnsten und bald von allen übrigen gefolgt, in den Graben. Die spanischen Reiter, die aufgeworfene Erde, Baumstämme und Zweige, die man in der Nähe fand und die durch Flintenschüsse zufällig getöteten Soldaten selbst dienten als Faschinen. Der König, die Generale seines Gefolges, die Offiziere und die verwegensten Soldaten stiegen einander auf die Schultern. Ein Kampf entspinnt sich in dem feindlichen Lager; der schwedische Ungestüm bringt die Dänen und Preußen anfangs in Unordnung; aber die Zahlen waren zu ungleich, nach einer Viertelstunde wurden die Schweden zurückgeworfen und mußten über den Graben zurück. Der Prinz von Anhalt verfolgte sie bis in die Ebene; er wußte nicht, daß in diesem Augenblick Karl XII. selbst vor ihm floh. Dieser unglückliche König sammelte noch einmal seine Truppen auf freiem Felde, und der Kampf begann von beiden Seiten von neuem mit gleicher Hartnäckigkeit. Der Liebling des Königs, Grothusen und der General Dahldorf fielen an seiner Seite. Mitten im Kampfe schritt Karl über den Körper des letzteren, der noch atmete. Auch Düring, der ihn auf seiner Reise von der Türkei nach Stralsund allein begleitet hatte, wurde unter seinen Augen getötet.

Mitten im Handgemenge erkannte ein dänischer Leutnant, dessen Namen ich nicht habe erfahren können, Karl, hielt mit der einen Hand dessen Degen fest und faßte ihn mit der anderen an den Haaren, indem er ihm zurief: »Ergebt Euch, Sire, oder ich töte Euch.« – Karl hatte eine Pistole im Gürtel, er schoß sie mit der linken Hand auf den Offizier ab, der am anderen Tage an der Verwundung starb. Der Name König Karl, den dieser Däne ausgerufen, zog alsbald eine Menge Feinde herbei. Der König sah sich im Nu umringt und erhielt einen Flintenschuß unter der linken Brust. Dieser Schuß, den er eine Quetschung nannte, war zwei Finger tief. Der König war zu Fuß und nahe daran, getötet oder gefangen zu werden. Der Graf Poniatowski kämpfte eben in seiner Nähe. Er hatte ihm das Leben bei Pultawa gerettet, er hatte das Glück, ihn auch in diesem Gefecht auf Rügen zu retten und brachte ihn auf ein Pferd.

Die Schweden zogen sich nach einem Punkte auf der Insel zurück, der Altefähr heißt, wo sie noch ein Fort besaßen. Von da ging der König nach Stralsund hinüber und sah sich genötigt, seine tapferen Truppen zu verlassen, die ihm bei diesem Unternehmen so wacker an die Hand gegangen waren. Zwei Tage später wurden sie kriegsgefangen.

Unter diesen Gefangenen befand sich auch das unglückliche französische Regiment, welches aus den Trümmern von Hochstätt zusammengesetzt zuerst in den Dienst des Königs August und von da in den des Königs von Schweden übergetreten war. Die meisten Soldaten wurden jetzt in ein neues Regiment gesteckt, das dem Sohn des Prinzen von Anhalt gehörte, der nun ihr vierter Herr wurde. Der Kommandant dieses Wanderregiments war noch immer jener nämliche Graf von Villelongue, der zu Adrianopel sein Leben so edelmütig im Interesse Karls XII. gewagt hatte. Er wurde mit seiner Truppe gefangen genommen und nachher für so viel Dienste, Strapazen und Leiden sehr schlecht belohnt.

Nach all diesen Wundern von Tapferkeit, die nur dazu dienten, seine Kräfte zu schwächen, war der König, ungeachtet er in Stralsund eingeschlossen und auf dem Punkte war, zu erliegen, noch derselbe, wie man ihn zu Bender gesehen hatte. Er schrak vor nichts zurück: bei Tage ließ er Einschnitte und Verschanzungen hinter den Mauern anlegen, bei Nacht machte er Ausfälle. Inzwischen wurde in Stralsund Bresche gelegt, die Bomben regneten auf die Häuser, und die Hälfte der Stadt lag in Asche. Die Bürger, weit entfernt zu murren und voll Bewunderung für ihren Herrn, dessen Anstrengungen, Mäßigkeit und Mut sie in Erstaunen setzten, waren unter ihm alle zu Soldaten geworden. Sie begleiteten ihn bei den Ausfällen; sie bildeten für ihn eine zweite Garnison.

Eines Tages als der König einem Sekretär Briefe für Schweden diktierte, fiel eine Bombe auf das Haus, schlug durch das Dach und platzte neben dem Zimmer des Königs. Die Hälfte des Fußbodens ging in Stücke, das Kabinett, in welchem der König diktierte, war aber zum Teil in eine dicke Mauer eingelassen und litt deshalb nichts durch die Erschütterung, und durch ein merkwürdiges Glück flog keiner der Bombensplitter in das Kabinett, dessen Türe offen war. Beim Geräusch der Bombe und dem Krachen des Hauses, das einstürzen zu wollen schien, entfiel den Händen des Sekretärs die Feder. »Was gibt es?« sagte der König mit ruhiger Miene zu ihm; »warum schreibt Ihr nicht weiter?« – Dieser brachte nichts heraus als: »Ach, Sire, die Bombe!« – »Nun,« erwiderte der König, »was hat denn die Bombe mit dem Briefe gemein, den ich Euch diktiere? Schreibt weiter!«

Damals war ein französischer Gesandter mit dem König von Schweden in Stralsund eingeschlossen. Es war ein Colbert, Graf von Croissi, Generalleutnant der französischen Armee, Bruder des berühmten Staatsministers Marquis von Torci und Verwandter des großen Colbert, dessen Namen in Frankreich unsterblich ist. Einen Mann in die Tranchee oder auf Gesandtschaft zu Karl XII. zu schicken, war beinahe dasselbe. Der König unterhielt sich mit Croissi stundenlang an den ausgesetztesten Punkten, während Kanonenkugeln und Bomben neben und hinter ihnen Leute töteten, ohne daß der König die Gefahr bemerkte, oder der Gesandte ihn auch nur hätte ahnen lassen mögen, daß es Orte gäbe, die sich besser zur Besprechung öffentlicher Angelegenheiten eigneten. Dieser Minister tat schon vor der Belagerung sein möglichstes, um eine Vereinbarung zwischen den Königen von Schweden und Preußen herbeizuführen; aber letzterer verlangte zu viel und Karl XII. wollte gar nichts abtreten. Der Graf von Croissi hatte daher während seiner Gesandtschaft nur die Genugtuung, daß er mit diesem sonderbaren Manne in vertrautem Umgang lebte. Er schlief oft neben ihm auf dem gleichen Mantel; da er Gefahren und Strapazen mit ihm teilte, hatte er das Recht erworben, frei mit ihm sprechen zu dürfen. Karl ermutigte diese Kühnheit bei solchen, die er liebte. Er pflegte zum Grafen von Croissi zu sagen: »Veni, maledicamus de rege; kommt, wir wollen ein bißchen auf Karl XII. schimpfen!« So hat mir dieser Gesandte selbst erzählt.

Croissi blieb bis zum 13. November in der Stadt; als er dann endlich vom Feind die Erlaubnis erhalten hatte, mit seiner Bagage abzuziehen, verabschiedete er sich von dem König von Schweden, der unter den Trümmern von Stralsund mit einer um zwei Dritteile zusammengeschmolzenen Garnison entschlossen war einen Sturm auszuhalten.

Zwei Tage später wurde wirklich das Hornwerk gestürmt. Die Feinde bemächtigten sich zweimal desselben und wurden zweimal wieder daraus vertrieben. Der König kämpfte dabei immer unter den Grenadieren; endlich siegte die Ueberzahl, die Stürmenden blieben Herren des Werks. Karl verweilte noch zwei Tage in der Stadt, wo man jeden Augenblick einen allgemeinen Sturm erwartete. Noch am 19. blieb er bis Mitternacht auf einem kleinen, von Bomben und Kanonenkugeln ganz zerstörten Ravelin; am Tage darauf beschworen ihn die höheren Offiziere nicht länger in einer Festung zu verharren, die nicht mehr verteidigungsfähig war. Aber der Rückzug war jetzt ebenso gefährlich geworden, wie das Verbleiben in dem Platze. Die Ostsee war mit russischen und dänischen Schiffen bedeckt; während sich im Hafen von Stralsund nur ein kleines Segel- und Ruderschiff befand. Die vielen Gefahren, welche diesen Rückzug zu einem ehrenvollen machten, bestimmten endlich Karl dazu ihn zu versuchen. In der Nacht des 20. Dezembers 1715 schiffte er sich mit nur zehn Personen ein. Man mußte erst das Eis einschlagen, womit der Hafen bedeckt war. Es brauchte mehrere Stunden mühsamer Arbeit, bis die Barke endlich frei schwimmen konnte. Die feindlichen Admirale hatten den bestimmtesten Befehl, Karl nicht aus Stralsund hinauszulassen, sondern ihn tot oder lebendig zu fangen. Zum Glück waren sie unter dem Wind und konnten so nicht an ihn kommen. Eine noch größere Gefahr lief der König, als er an der Insel Rügen, in der Nähe eines die Babrette genannten Ortes, wo die Dänen eine Batterie von zwölf Geschützen errichtet hatten, vorüber fuhr. Sie schossen auf den König. Die Matrosen arbeiteten mit Segel und Ruder, um rasch vorüber zu kommen, aber eine Kanonenkugel tötete zwei Mann an Karls Seite, und eine zweite zertrümmerte den Mast der Barke. Endlich erreichte der König zwei seiner Schiffe, die in der Ostsee kreuzten. Schon am nächsten Tage ergab sich Stralsund, die Garnison wurde kriegsgefangen. Karl landete in Istad auf Schonen und begab sich von da nach Carlskrona. Wie anders war er vor fünfzehn Jahren in einem Kriegsschiff von hundertundzwanzig Kanonen von hier ausgegangen, um dem Norden Gesetze zu geben!

Man erwartete, daß er seine Hauptstadt nach einer so langen Abwesenheit wieder sehen würde, da er ihr hier so nahe war; aber er wollte erst, wenn er neue Siege erfochten hätte, dahin zurückkehren. Er konnte sich nicht entschließen, ein Volk wieder zu sehen, das ihn liebte und das er doch unterdrücken mußte, um sich seiner Feinde zu erwehren. Nur seine Schwester wollte er sehen; er traf mit ihr am Ufer des Wettersees in Ostgotland zusammen. Von einem einzigen Diener begleitet, ging er mit Postpferden dahin und kehrte, nachdem er einen Tag mit ihr zusammen gewesen war, wieder zurück.

Von Carlskrona aus, wo er den Winter über blieb, erließ er Befehle zu neuen Aushebungen in seinem Königreich. Er glaubte, alle seine Untertanen seien nur dazu da, um ihm in den Krieg zu folgen, und hatte sie gewöhnt, es selbst zu glauben. Man reihte die jungen Leute schon mit fünfzehn Jahren ein; in manchen Dörfern blieben nur noch Greise, Kinder und Frauen; an vielen Orten sah man sogar nur Weiber das Land bebauen.

Schwieriger war es, wieder eine Flotte herzustellen. Um diesem Bedürfnisse abzuhelfen, gab man Freibriefe an Kaper, die für außerordentliche und für das Land schädliche Privilegien einige Schiffe ausrüsteten. Es waren dies die letzten Kraftanstrengungen Schwedens. Um so große Kosten bestreiten zu können, mußte man das Volk ganz ausziehen. Es gab eine Art Aussaugung, die man nicht unter dem Titel einer Steuer und Abgabe ins Leben treten ließ. Man durchsuchte alle Häuser und nahm die Hälfte der Vorräte weg, um sie in die Magazine des Königs zu bringen. Man kaufte auf seine Rechnung alles Eisen, welches sich im Lande befand, auf, bezahlte es mit Kassenscheinen und verkaufte es wieder gegen bar Geld. Wer seidene Kleider, Perücken und vergoldete Degen trug, hatte eine Steuer dafür zu entrichten. Auf die Kamine legte man eine sehr hohe Abgabe. Unter jedem anderen König hätte sich das schwerbedrückte Volk empört, aber der elendeste Bauer in Schweden wußte, daß sein Herr ein noch viel härteres und mäßigeres Leben führte als er; alle unterwarfen sich daher, ohne zu murren den Lasten, welche der König in erster Linie trug.

Die öffentliche Gefahr machte sogar, daß man alles Privatelend vergaß. Man erwartete jeden Augenblick die Landung der Russen, der Dänen, Preußen, Sachsen und selbst der Engländer in Schweden. Diese Furcht war so wohlbegründet und so stark, daß, wer Geld oder Kostbarkeiten besaß, sie in der Erde vergrub.

In der Tat war bereits eine englische Flotte in der Ostsee erschienen, deren Bestimmung man nicht kannte; und der König von Dänemark hatte das Wort des Zaren, daß die Russen in Gemeinschaft mit den Dänen im Frühjahr 1716 über Schweden herfallen würden.

Ganz Europa, welches die Geschicke Karls XII. mit Aufmerksamkeit verfolgte, war im höchsten Grade erstaunt, als dieser statt sein von so vielen Fürsten bedrohtes Land zu verteidigen, im März 1716 mit zwanzigtausend Mann gegen Norwegen aufbrach.

Seit Hannibal hatte man keinen Feldherrn mehr gesehen, der, weil er sich im eigenen Lande nicht mehr gegen seine Feinde halten konnte, den Krieg in das Herz ihrer Staaten trug. Sein Schwager, der Prinz von Hessen, begleitete ihn auf diesem Zug.

Von Schweden aus kann man nur durch ziemlich gefährliche Defileen in Norwegen eindringen; hat man diese passiert, so trifft man von Abstand zu Abstand auf Wasserlachen, welche das Meer dort zwischen den Felsen bildet. Alle Tage mußte man Brücken schlagen. Eine kleine Anzahl Dänen hätte die schwedische Armee aufhalten können, aber man hatte diesen plötzlichen Einfall nicht voraussehen können. Noch mehr erstaunte Europa, als der Zar inmitten dieser Ereignisse ruhig blieb und keine Landung in Schweden unternahm, wie er mit seinen Verbündeten ausgemacht hatte.

Der Grund dieser Untätigkeit lag in einem der größten, aber in seiner Ausführung schwierigsten Pläne, die je der menschliche Geist erfaßt hat.

Der in Franken geborene und reichsunmittelbare Freiherr, Baron Heinrich von Görtz, hatte dem König von Schweden während dessen Aufenthalt zu Bender sehr wichtige Dienste geleistet und war seitdem sein Günstling und erster Minister geworden.

Nie gab es einen geschmeidigeren und zugleich kühneren Mann, einen Mann, der im Unglück reicher an Hilfsquellen, in seinen Plänen großartiger, in ihrer Ausführung tätiger gewesen wäre. Vor keinem Projekt schreckte er zurück, vor keinem Mittel scheute er sich; er verschwendete Geschenke, Versprechungen und Schwüre, Wahrheit und Lüge.

Görtz ging von Schweden nach Frankreich, England und Holland und prüfte die Triebfedern, die er spielen lassen wollte, persönlich. Er wäre imstande gewesen, ganz Europa auf den Kopf zu stellen und er hatte auch wirklich den Plan dazu gefaßt. Was sein Herr an der Spitze einer Armee war, war er im Kabinett. Er gewann auch eine Macht über Karl XII., wie sie kein Minister vor ihm besessen hatte.

Dieser König, der schon mit zwanzig Jahren dem Grafen Piper nur Befehle gegeben hatte, empfing jetzt seine Parole vom Baron von Görtz, und war diesem Minister um so mehr ergeben, als das Unglück ihn in die Notwendigkeit versetzte, Ratschläge anderer anzuhören und Görtz ihm nur solche gab, wie sie seinem Mute genehm waren. Er bemerkte, daß unter den vielen gegen Schweden feindseligen Fürsten der Kurfürst Georg von Hannover und König von England derjenige war, den Karl am meisten haßte, weil es der einzige war, den Karl nicht verletzt hatte. Georg hatte sich unter dem Vorwande, Frieden zu stiften, in den Streit gemischt, in Wahrheit aber, um Bremen und Verden zu behalten, auf die er kein weiteres Recht hatte, als daß er sie dem König von Dänemark, dem sie selbst nicht gehörten, um einen geringen Preis abgekauft hatte.

Görtz hatte erkannt, daß der Zar im geheimen nicht zufrieden mit den Verbündeten war, die ihn verhindert hatten, sich im deutschen Reiche festzusetzen, wo dieser schon zu gefährlich gewordene Herrscher gar zu gerne festen Fuß gefaßt hätte. Wismar, die einzige Stadt, welche den Schweden noch an der deutschen Küste geblieben war, hatte sich endlich am 14. Februar 1716 den Preußen und Dänen ergeben. Diese hatten nicht einmal dulden wollen, daß die in Mecklenburg befindlichen russischen Truppen an der Belagerung teil nähmen. Dieses, seit zwei Jahren zu wiederholten Malen offenbar gewordene Mißtrauen entfremdete den Zaren den Verbündeten und verhinderte vielleicht den Untergang Schwedens. Es gibt viele Beispiele, wo verbündete Staaten von einer einzigen Macht erobert wurden, es gibt aber sehr wenige, wo ein großes Reich durch mehrere Verbündete erobert worden ist. Wenn ihre vereinigten Kräfte es niederwarfen, hoben ihre Uneinigkeiten es wieder empor.

Von 1714 an hätte der Zar eine Landung in Schweden ausführen können. Aber sei es nun, daß er sich nicht mit den Königen von Polen, England, Dänemark und Preußen, seinen mit Recht eifersüchtigen Verbündeten einigen konnte, sei es, daß er seine Truppen noch immer nicht für kriegsgewohnt genug hielt, um diese männliche Nation, deren Bauern schon die Elite der dänischen Truppen geschlagen hatten, an ihrem eigenen Herde anzugreifen, genug, er trat immer wieder von dieser Unternehmung zurück. Was ihn unter anderem auch noch zurückhielt, war der Mangel an Geld. Der Zar war einer der mächtigsten, aber wenigst reichen Herrscher der Welt. Seine Einkünfte beliefen sich damals auf nicht mehr als vierundzwanzig Millionen Livres. Er hatte Gold-, Silber-, Eisen-, Kupferminen entdeckt; aber der Nutzen, den er daraus zog, war noch gering, und ihre Ausbeutung kostspielig. Er hatte einen großen Handelsverkehr in Gang gebracht, aber der Anfang brachte ihm doch nur Hoffnungen ein. Seine neu eroberten Provinzen vermehrten seine Macht und seinen Ruhm, nicht aber seine Einkünfte. Es brauchte Zeit, bis die Wunden Livlands sich schlossen; dieses an sich reiche Land, war seit fünfzehn Jahren durch Krieg, Feuer und Schwert und Seuchen mitgenommen, entvölkert und nur erst eine Last des Siegers. Die Flotten, die der Zar unterhielt, die neuen Unternehmungen, die er alle Tage begann, erschöpften seine Finanzen. Er hatte sich zu dem schlimmen Hilfsmittel genötigt gesehen, den Wert der Münzen zu erhöhen, einem Mittel, das die Leiden eines Staats nie heilt und das besonders für ein Land nachteilig ist, welches vom Ausland mehr Waren erhält, als es diesem abgibt.

Dies waren zum Teil die Erwägungen und Tatsachen, auf welche Görtz seinen Plan einer allgemeinen Umwälzung baute. Er wagte es, dem König von Schweden den Vorschlag zu machen, seinen Frieden mit dem russischen Kaiser um jeden Preis zu erkaufen. Er machte ihn darauf aufmerksam, daß der Zar gegen die Könige von Polen und England aufgebracht sei, und gab ihm zu verstehen, daß Peter Alexjewitsch und Karl XII. zusammen imstande wären, das übrige Europa zittern zu machen.

Man konnte mit dem Zaren nicht anders Frieden schließen, als indem man ihm einen großen Teil der Provinzen im Osten und Norden der Ostsee abtrat. Aber Görtz gab dem König zu bedenken, daß, wenn er diese Provinzen abträte, die der Zar ja doch schon besitze, und die man ihm nicht wieder nehmen könne, der König sich den Ruhm erwerbe, Stanislaus wieder auf den Thron von Polen, den Sohn Jakobs II. auf den von England zu setzen und den Herzog von Holstein wieder in seine Staaten einzuführen.

Karl, dem diese großen Ideen schmeichelten, ohne daß er jedoch allzu fest auf ihr Gelingen rechnete, gab seinem Minister freien Spielraum. Görtz reiste von Schweden mit einer Vollmacht ab, die ihn zu jeder Unterhandlung ohne irgend welche Einschränkung ermächtigte, und ihn zum bevollmächtigten Minister bei all den Fürsten ernannte, mit denen er es für nötig erachten würde, in Verhandlung zu treten. Er ließ zuerst den Hof von Moskau durch den Schotten Areskins, ersten Leibarzt des Zaren und Anhänger der Partei des Prätendenten, wie dies fast alle Schotten waren, die nicht von der Gunst des englischen Hofes lebten, sondieren.

Dieser Arzt verstand es gegenüber von Fürst Mentschikoff die Wichtigkeit und Größe des Plans mit dem ganzen Feuer eines dabei interessierten Mannes geltend zu machen. Der Fürst Mentschikoff fand Gefallen an der Sache; der Zar zeigte sich damit einverstanden. Statt in Schweden zu landen, wie er es mit seinen Verbündeten verabredet hatte, ließ er seine Truppen Winterquartiere in Mecklenburg beziehen und ging selbst unter dem Vorwande dahin, die Streitigkeiten, welche sich zwischen dem Herzog von Mecklenburg und dem Adel dieses Landes erhoben hatten, beilegen zu wollen, in Wahrheit aber in Verfolgung seines Lieblingswunsches ein Fürstentum in Deutschland zu besitzen, und in der Hoffnung, den Herzog von Mecklenburg dazu zu vermögen, daß er ihm seine Herrscherwürde verkaufe.

Die Verbündeten waren aufgebracht über diesen Schritt. Sie wollten nichts von einem so furchtbaren Nachbar wissen, der, wenn er einmal deutsches Gebiet besaß, eines Tags sich zum Kaiser wählen lassen und dann die übrigen deutschen Herrscher unterdrücken konnte. Je mehr sie zürnten, desto mehr näherte sich der große Plan des Barons von Görtz seiner Verwirklichung. Er unterhandelte indessen mit allen verbündeten Fürsten, um seine geheimen Intrigen desto besser zu verbergen. Auch der Zar hielt sie sämtlich durch Erregung von Hoffnungen zum besten. Karl XII. stand indessen mit seinem Schwager, dem Prinzen von Hessen, an der Spitze von zwanzigtausend Mann in Norwegen. Dieses Land war nur durch elftausend, in mehrere Korps geteilte Dänen verteidigt, die der König und der Prinz von Hessen in Stücke hieb.

Karl rückte bis vor Christiania, die Hauptstadt dieses Reichs. Das Glück begann ihm in diesem Winkel der Erde wieder zu lächeln. Aber nie traf ein König weniger Vorkehrungen für den Unterhalt seiner Truppen. Eine dänische Armee und Flotte näherten sich zur Verteidigung Norwegens. Dem König waren eben jetzt die Lebensmittel ausgegangen, so daß er sich nach Schweden zurückziehen mußte, wo er den Erfolg der großen Entwürfe seines Ministers abwarten wollte.

Dieses Werk verlangte das tiefste Geheimnis und umfassende Vorbereitungen, zwei Dinge, die sich nicht sehr miteinander vertragen. Görtz suchte bis in die Meere Asiens nach Bundesgenossen, die, einen so widrigen Anstrich eine solche Verbindung hatte, doch für eine Landung in Schottland sehr nützlich gewesen wären und wenigstens Geld, Menschen und Schiffe nach Schweden gebracht hätten.

Vor längerer Zeit nämlich hatten Seeräuber aller Nationen, doch besonders Engländer, einen Bund untereinander geschlossen und die Meere Europas und Amerikas unsicher gemacht. Von allen Seiten endlich erbarmunglos verfolgt, hatten sie sich nach der Küste von Madagaskar, jener großen Insel an der Ostseite von Afrika zurückgezogen. Es waren verzweifelte Menschen, fast alle durch Handlungen bekannt, denen nur die Rechtmäßigkeit fehlte, um für heroisch zu gelten. Diese Leute suchten einen Fürsten, der sie unter seinen Schutz genommen hätte; aber das Völkerrecht verschloß ihnen alle Häfen der Welt.

Als sie erfuhren, daß Karl XII. nach Schweden zurückgekehrt sei, hofften sie, daß dieser kriegslustige und zum Kriege gezwungene Fürst, dem es aber an einer Flotte und an Soldaten fehlte, eine günstige Kapitulation mit ihnen abschließen würde. Sie schickten daher einen Abgeordneten an ihn, der auf einem holländischen Schiffe nach Europa kam und der dem Baron von Görtz den Vorschlag machte, man möchte ihnen den Hafen von Gothenburg öffnen, worauf sie mit sechzig mit Reichtümern beladenen Kriegsschiffen dahin kommen wollten.

Der Baron bestimmte den König den Vorschlag anzunehmen; es wurden sogar im folgenden Jahre zwei schwedische Edelleute, Cronström und Mendal abgeschickt, um das Geschäft mit den Korsaren von Madagaskar abzuschließen.

Inzwischen fand Görtz einen anständigeren und mächtigeren Bundesgenossen an dem Kardinal Alberoni, einem gewaltigen Genie, das Spanien zwar lange genug für seinen Ruhm, aber zu kurz für die Größe dieses Staats regiert hat. Der Kardinal ergriff den Plan, den Sohn Jakobs II. auf den Thron von England zu setzen, mit Feuer. Da er aber eben erst den Fuß in das Ministerium gesetzt hatte, und Spanien wieder herstellen mußte, ehe er daran denken konnte, andere Reiche umzustürzen, so sah es aus, als ob er erst in Jahren die Hand an diese große Arbeit würde legen können. Doch schon in weniger als zwei Jahren wandelte er Spanien um, gab ihm seinen Kredit in Europa zurück, veranlaßte, wie man wenigstens allgemein glaubt, daß die Türken den deutschen Kaiser angriffen und versuchte zugleich, dem Herzog von Orleans die Regentschaft von Frankreich und dem König Georg die Krone von Großbritannien zu entreißen. So gefährlich ist ein einzelner Mann, wenn er einen mächtigen Staat unumschränkt beherrscht und Geistesgröße und Mut besitzt.

Nachdem Görtz so am russischen und spanischen Hofe die ersten Funken des großen Brandes, auf den er sann, ausgestreut hatte, begab er sich im geheimen nach Frankreich und von da nach Holland, wo er mit den Anhängern des Prätendenten verkehrte.

Er unterrichtete sich aufs genaueste über ihre Mittel, ihre Zahl und die Stimmung der Unzufriedenen in England, über das Geld, das sie aufbringen, und die Truppen, die sie stellen konnten. Die Unzufriedenen verlangten nur eine Unterstützung von zehntausend Mann und glaubten mit Beihilfe dieser Truppen eine Revolution mit Erfolg durchführen zu können.

Der von Görtz instruierte schwedische Gesandte in England, Graf von Gyllenborg, hatte mehrere Zusammenkünfte mit den Häuptern der Unzufriedenen in London. Er ermutigte sie und versprach ihnen, was sie begehrten. Die Partei des Prätendenten ging sogar so weit, daß sie bedeutende Summen hergab, die Görtz in Holland in Empfang nahm. Er unterhandelte über den Ankauf mehrerer Schiffe, und kaufte in der Bretagne deren sechs nebst Waffen aller Art.

Dann schickte er heimlich mehrere Offiziere nach Frankreich, unter anderen den Ritter von Folard, der dreißig Feldzüge in den französischen Heeren mitgemacht, dafür aber wenig Dank geerntet und deshalb seit einiger Zeit dem König von Schweden seine Dienste angeboten hatte, und zwar weniger aus Gewinnsucht als aus dem Wunsch unter einem Könige zu dienen, der einen so erstaunlichen Ruf besaß. Der Ritter von Folard hoffte überdies, diesem Fürsten seine neuen Ideen über Krieg und Kriegführung beizubringen. Er hatte sein ganzes Leben lang diese Kunst als Philosoph studiert und veröffentlichte seitdem seine Entdeckungen in seinen historischen Nachrichten über Polybius. Karl XII., der selbst den Krieg auf eine neue Art geführt hatte und sich in nichts durch alte Gewohnheiten leiten ließ, fand Gefallen an den Anschauungen des Ritters; er bestimmte ihn zu einem der Werkzeuge, deren er sich bei der projektierten Landung in Schottland bedienen wollte. Dieser Edelmann führte nun in Frankreich die geheimen Befehle des Barons von Görtz aus. Viele französische Offiziere und eine noch größere Zahl Irländer beteiligten sich an dieser neuen Art Verschwörung, die zu gleicher Zeit in England, in Frankreich und in Rußland angezettelt ward und deren Zweige sich im geheimen über ganz Europa verbreiteten.

Diese Vorarbeiten waren für den Baron von Görtz an sich von geringem Wert; aber es war doch schon viel, überhaupt einen Anfang gemacht zu haben. Der wichtigste Punkt, ohne dessen Lösung nichts zustande kommen konnte, war der Abschluß des Friedens zwischen dem Zaren und Karl. Hierbei gab es noch manche Schwierigkeit auszugleichen. Der russische Staatsminister Baron Ostermann hatte sich anfangs von den Anschauungen des Barons Görtz nicht hinreißen lassen; er war ebenso umsichtig, als der Minister Karls unternehmend war. Seine langsame und gemessene Politik wollte alles erst reifen lassen, während der ungeduldige Geist des anderen gleich nachdem er gesät, auch schon die Früchte einheimsen wollte. Ostermann fürchtete, der Kaiser, sein Herr, möchte von dem Glanze dieses Unternehmens geblendet, Schweden einen allzu vorteilhaften Frieden gewähren; er verzögerte daher durch seine Weitschweifigkeiten und Einwürfe den Abschluß dieser Angelegenheit.

Zum Glück für den Baron von Görtz kam der Zar zu Anfang 1717 selbst nach Holland. Seine Absicht war von da nach Frankreich zu gehen; es ging ihm nur noch ab, auch diese berühmte Nation gesehen zu haben, welche seit mehr als hundert Jahren von allen ihren Nachbarn getadelt, beneidet und nachgeahmt wird. Dort wollte er seine unersättliche Wiß- und Lernbegierde sättigen und zugleich seine politischen Zwecke betreiben.

Görtz sah den Kaiser zweimal im Haag. In diesen zwei Zusammenkünften kam er weiter, als in sechs Monaten mit den Bevollmächtigten. Alles nahm eine günstige Wendung: seine großen Pläne schienen mit einem undurchdringlichen Schleier bedeckt und er schmeichelte sich, daß Europa sie erst bei ihrer Ausführung kennen lernen würde. Er sprach übrigens im Haag nur von Frieden, und äußerte laut, daß er den König von England gerne als den Friedensstifter des Nordens betrachten möchte. Er drängte sogar scheinbar auf die Abhaltung eines Kongresses in Braunschweig, wo die Interessen Schwedens und seiner Gegner auf gütlichem Wege auseinandergesetzt werden sollten.

Der erste, der diese Intrigen durchschaute, war der Regent Frankreichs, der Herzog von Orleans. Er hatte Spione in ganz Europa. Diese Gattung Leute, die es sich zum Geschäft machen, das Geheimnis ihrer Freunde zu verkaufen, und die von Angebereien und oft sogar von Verleumdungen leben, hatten sich unter seiner Regierung in Frankreich so sehr vermehrt, daß die eine Hälfte der Nation die andere ausspionierte. Der Herzog von Orleans, der mit dem König von England persönliche Beziehungen hatte, entdeckte ihm das gegen ihn angezettelte Komplott.

Zu gleicher Zeit wurden auch die Holländer argwöhnisch gegenüber von Görtz und teilten dem englischen Gesandten ihren Verdacht mit. Während daher Görtz und Gyllenborg ihre Pläne mit Eifer verfolgten, wurden beide plötzlich verhaftet, der eine zu Deventer in Geldern, der andere in London.

Da Gyllenborg als schwedischer Gesandter das Völkerrecht verletzt hatte, indem er sich in eine Verschwörung gegen den Fürsten einließ, bei dem er beglaubigt war, so verletzte man ohne Skrupel das gleiche Recht an seiner Person. Aber man staunte, daß die Generalstaaten aus einer unerhörten Gefälligkeit für den König von England den Baron von Görtz verhaftet hatten. Sie beauftragten sogar den Grafen von Welderen ihn zu verhören. Diese Formalität war eine Beleidigung weiter, die doch zu keinem Resultat führte und sie nur in Verlegenheit brachte. Görtz fragte nämlich den Grafen von Welderen, ob er ihn kenne? – »O ja,« erwiderte der Holländer. – »Nun,« versetzte Baron von Görtz, »wenn Ihr mich kennt, so müßt Ihr wissen, daß ich gewöhnlich nur sage, was ich sagen will.« – Das Verhör wurde nicht weiter fortgesetzt: alle Minister, insbesondere aber der spanische Minister in England, Marquis von Monteleon protestierten gegen das wider die Personen von Görtz und Gyllenborg verübte Attentat. Die Holländer hatten gar keine Entschuldigung: sie hatten nicht nur ein geheiligtes Recht verletzt, indem sie den ersten Minister des Königs von Schweden verhaften ließen, der doch gegen sie nichts unternommen; sondern damit auch direkt gegen die Grundsätze jener herrlichen Freiheit gehandelt, die so viele Fremde in ihr Land lockte und die Grundlage ihrer Größe bildete.

Was den König von England betrifft, so hatte er nur nach Fug und Recht gehandelt, wenn er einen Feind gefangen setzte. Zu seiner Rechtfertigung ließ er die Briefe des Barons von Görtz und des Grafen von Gyllenborg, welche man unter den Papieren des letzteren gefunden hatte, drucken. Der König von Schweden befand sich damals in der Provinz Schonen; man brachte ihm diese gedruckten Briefe zugleich mit der Meldung von der Aufhebung seiner zwei Minister. Der König fragte lächelnd, ob man nicht auch seine eigenen Briefe gedruckt habe. Sodann befahl er, daß man den englischen Residenten in Stockholm mit seiner ganzen Familie und seinen Dienstboten festnehmen solle; dem holländischen Gesandten aber verbot er den Hof und ließ ihn beaufsichtigen. Indessen bekannte er sich weder zu den Plänen des Barons von Görtz noch sprach er sich dagegen aus. Er war zu stolz, um ein Unternehmen abzuleugnen, das er gebilligt hatte, und zu klug, um einen fast in seinem Entstehen aufgedeckten Plan zuzugestehen; er beobachtete daher gegen England und Holland nur ein verächtliches Schweigen.

Der Zar handelte anders. Da er in den Briefen von Gyllenborg und Görtz nicht genannt, sondern nur dunkel bezeichnet war, so schrieb er an den König von England einen langen Brief voll Glückwünsche wegen Entdeckung der Verschwörung und voll Versicherungen aufrichtigster Freundschaft. Der König Georg nahm seine Beteuerungen entgegen, ohne daran zu glauben, und tat, als ob er sich täuschen lasse.

Eine von Privatpersonen angezettelte Verschwörung wird erstickt, wenn man ihr auf die Spur kommt; aber eine Verschwörung von Königen erhält dadurch nur neue Kraft. Der Zar langte im Mai 1717 zu Paris an. Er beschäftigte sich nicht allein damit, die Schönheiten der Kunst und Natur zu besichtigen, die Akademien, die öffentlichen Bibliotheken, Kuriositätensammlungen und königliche Paläste zu besuchen. Er schlug dem Herzog von Orleans, als Regenten von Frankreich, einen Vertrag vor, dessen Annahme die Größe Rußlands vollendet hätte. Sein Plan war, sich mit dem König von Schweden zu verbinden, der ihm große Provinzen abtrat, den Dänen die Herrschaft der Ostsee zu entreißen, die Engländer durch einen Bürgerkrieg zu schwächen und den ganzen Handel des Nordens nach Rußland zu ziehen. Er entblödete sich sogar nicht, den König Stanislaus wieder gegen den König August zu hetzen, um, wenn das Feuer auf allen Seiten brennen würde, herbei eilen zu können, und es zu blasen oder zu löschen, wie es gerade für ihn von Vorteil wäre. In dieser Absicht trug er dem Regenten von Frankreich das Schiedsrichteramt zwischen Schweden und Rußland, sowie ein Offensiv- und Defensivbündnis mit diesen Kronen und Spanien an. Dieser Vertrag, der so natürlich und für die Völker so vorteilhaft erschien und das Gleichgewicht Europas in ihre Hand gelegt hätte, wurde von dem Herzog von Orleans nicht angenommen. Er ließ sich gerade um diese Zeit in ganz entgegengesetzte Verbindungen ein, und schloß ein Bündnis mit dem Kaiser von Deutschland und dem König Georg von England. Eine solche Wandlung in betreff des wahren Staatsinteresses war im Geiste dieser Fürsten vorgegangen, daß der Zar bereit war, sich gegen seinen alten Verbündeten, den König August zu erklären und auf die Seite seines Todfeindes Karl zu treten, während Frankreich im Begriff stand zugunsten der Deutschen und Engländer den Enkel Ludwigs XIV. zu befehden, nachdem es so lange und mit einem so großen Aufwand von Geld und Blut für ihn und gegen diese nämlichen Mächte gekämpft hatte. Alles, was der Zar auf indirektem Wege durchsetzte, war, daß der Regent seine guten Dienste geltend machte, um die Loslassung des Barons von Görtz und des Grafen von Gyllenborg zu bewirken. Ende Juni kehrte der Zar in seine Staaten zurück, nachdem er Frankreich das seltene Schauspiel eines Kaisers gegeben, der zu seiner Belehrung reiste. Aber nur zu viele Franzosen sahen nur seine ungehobelte Außenseite, die Folge seiner mangelhaften Erziehung, und verkannten den Gesetzgeber, den Schöpfer einer neuen Nation, den wahrhaft großen Mann.

Was der Zar im Herzog von Orleans vergeblich gesucht hatte, fand er bald darauf im Kardinal Alberoni, der in Spanien allmächtiger Minister geworden war. Alberoni wünschte nichts so sehr als die Wiedereinsetzung des Prätendenten, sowohl in seiner Eigenschaft als Minister des Spanien, welches England so mißhandelt hatte, wie als persönlicher Feind des Herzogs von Orleans, der mit England gegen Spanien verbündet war, und endlich als Priester einer Kirche, für welche der Vater des Prätendenten zu so ungelegener Zeit seine Krone verloren hatte.

Der Herzog von Ormond, den man in England ebenso liebte, wie man den Herzog von Marlborough bewunderte, hatte bei der Thronbesteigung des Königs Georg sein Vaterland verlassen und sich nach Madrid zurückgezogen. Von dort ging er nun mit Vollmachten des Königs von Spanien und des Prätendenten und in Begleitung eines anderen Engländers, namens Irnegan, eines geschickten und unternehmenden Mannes, nach Mitau in Kurland, um dort mit dem Zaren bei dessen Durchreise zusammen zu treffen. Er hielt um die Hand der Prinzessin Anna Petrowna, Tochter des Zaren, für den Sohn Jakobs II. an, da er hoffte, daß eine solche Verbindung den Zaren noch enger an die Interessen dieses unglücklichen Fürsten knüpfen würde. Allein dieser Schritt hätte die Unternehmung um ein Haar verzögert statt sie vorwärts zu bringen. Der Baron von Görtz hatte nämlich in seinen Plänen diese Prinzessin schon längst für den Herzog von Holstein bestimmt, mit dem sie sich später auch wirklich vermählte. Sobald er daher jenen Antrag des Herzogs von Ormond erfuhr, wurde er eifersüchtig darauf und schickte sich an, denselben zu durchkreuzen. Im August verließ er sein Gefängnis, ebenso Graf von Gyllenborg, ohne daß es der König von Schweden für notwendig gehalten hätte, dem König von England die mindeste Entschuldigung zu machen oder das geringste Mißfallen über das Benehmen seines Ministers kund zu geben.

Zu gleicher Zeit wurde in Stockholm auch der englische Gesandte und dessen Familie freigelassen, die man übrigens weit strenger behandelt hatte, als Gyllenborg in London behandelt worden war.

Der freigelassene Görtz war ein losgelassener Feind, den neben jenen mächtigen Beweggründen jetzt auch noch der Rachedurst vorwärts trieb. Er eilte mit Postpferden zum Zaren und seine Einflüsterungen bestimmten diesen Fürsten mehr als je. Er machte sich anheischig, in weniger als drei Monaten mit einem einzigen Bevollmächtigten Rußlands alle Hindernisse zu beseitigen, welche den Abschluß des Friedens mit Schweden noch verzögerten; dann nahm er eine geographische Karte, welche der Zar selbst gezeichnet hatte, zur Hand, zog eine Linie von Wiburg durch den Ladogasee nach dem Eismeer und erklärte, er werde seinen Herrn veranlassen, alles Land östlich dieser Linie wie auch Karelien, Ingermanland und Livland abzutreten. Dann brachte er seinen Heiratsplan zwischen der Tochter des Zaren und dem Herzog von Holstein vor und schmeichelte jenem mit der Aussicht, daß ihm der Herzog seine Staaten gegen ein Gebiet von gleichem Wert abtreten und der Zar auf diese Art ein Mitglied des deutschen Reiches werden würde, wobei er ihm von der Ferne die Kaiserkrone sehen ließ, die ihm oder einem seiner Nachkommen zufallen müsse. So schmeichelte er dem Ehrgeiz des russischen Herrschers, nahm dem Prätendenten die Tochter des Zaren weg, öffnete demselben aber dafür den Weg nach England und erreichte somit alle seine Absichten.

Der Zar bezeichnete die Insel Aland als Ort für die Besprechungen, welche sein Staatsminister Ostermann mit dem Baron von Görtz haben sollte. Man bat den Herzog von Ormond wieder zurückzukehren, um England nicht zu viel Verdacht zu geben, da der Zar mit diesem erst am Tage des Einfalls brechen wollte. Nur der Vertraute des Herzogs von Ormond, Irnegan, blieb in St. Petersburg, um die Intrige weiter zu führen. Er wohnte aber mit solcher Vorsicht in der Stadt, daß er nur bei Nacht ausging und die Minister des Zaren nie anders als in einer Verkleidung bald als Bauer bald als Tatar sah.

Sobald der Herzog von Ormond fort war, machte der Zar dem König von England begreiflich, wie gefällig er ihm dadurch gewesen war, daß er den größten Anhänger des Prätendenten fortgeschickt habe; und Baron von Görtz kehrte voll Hoffnungen nach Schweden zurück.

Er fand seinen Herrn an der Spitze von fünfunddreißigtausend Mann regulärer Truppen und die Küsten mit Milizen bedeckt. Es fehlte dem König nur an Geld; der Kredit in und außer dem Lande war erschöpft. Frankreich, das ihm in den letzten Jahren Ludwigs XIV. einige Subsidien bezahlt hatte, gab unter der Regentschaft des Herzogs von Orleans, der nach ganz entgegengesetzten Grundsätzen handelte, nichts mehr. Spanien versprach zwar, war aber noch nicht in der Lage viel bieten zu können. Der Baron von Görtz führte nun einen Plan aus, den er bereits vor seiner Reise nach Frankreich und Holland versucht hatte. Er beabsichtigte nämlich dem Kupfer den gleichen Wert zu geben, wie dem Silber, so daß ein Kupferstück vom inneren Wert eines halben Sous mit dem Münzzeichen des Fürsten vierzig Sous galt; wie man in belagerten Städten die Soldaten und Bürger schon mit ledernen Münzen bezahlt hat, bis man wieder wirkliche Münzen bekommen konnte. Solche Scheinmünzen, welche die Not erfunden hat, und denen das Vertrauen allein einen wirklichen Wert geben kann, sind Wechseln zu vergleichen, deren Scheinwert die Mittel leicht übersteigen kann, die sich in einem Staate befinden.

Derartige Hilfsmittel mögen in einem freien Lande ganz trefflich sein; sie haben schon hie und da eine Republik gerettet, aber eine Monarchie müssen sie beinahe sicher zugrunde richten; denn da es den Völkern hier bald an Vertrauen gebricht, sieht sich der Minister genötigt, der Ehrlichkeit untreu zu werden. Er vervielfältigt jene idealen Münzen über die Maßen, die Privatleute vergraben ihr Geld und die Maschine zerbricht, so daß Verwirrung und oft das größte Unglück daraus entsteht. Solches geschah auch im Königreich Schweden.

Nachdem Baron von Görtz die neuen Münzen anfangs nur in geringer Zahl in das Publikum gebracht hatte, sah er sich bald durch die Bewegung, die er nicht mehr bemeistern konnte, hingerissen, dies im Uebermaß zu tun. Alle Waren und Lebensmittel nämlich stiegen auf einen ungeheuern Preis und so war er gezwungen, die Zahl der Kupferstücke in dem gleichen Verhältnis zu vermehren. Je mehr er sie aber vermehrte, desto mehr wurden sie entwertet, und Schweden von dieser falschen Münze überschwemmt, stieß einen Schrei der Entrüstung gegen den Baron von Görtz aus. Das Volk, welches Karl XII. noch immer hoch verehrte, wagte es kaum ihn zu hassen und warf das ganze Gewicht seines Zornes auf den Minister, der als Fremder und Finanzdirektor dem öffentlichen Hasse doppelt verfiel.

Eine Steuer, die er der Geistlichkeit auferlegen wollte, machte ihn vollends zum Abscheu der Nation. Die Geistlichen, welche nur zu oft ihre Sache mit der Gottes identifizieren, nannten ihn öffentlich einen Gottesleugner, weil er Geld von ihnen wollte. Die neuen Kupferstücke zeigten die Bilder einiger Götter des Altertums; man nannte diese Geldstücke deshalb die Götter des Barons Görtz.

Zu dem öffentlichen Hasse kam noch die Eifersucht der Minister gegen ihn, die in dem Maße unversöhnlich war, als es ihr an Macht gebrach. Auch die Schwester des Königs und der Prinz, deren Gemahl, fürchteten ihn, weil er vermöge seiner Geburt dem Herzog von Holstein zugetan und imstande war, diesem eines Tags die Krone von Schweden auf das Haupt zu setzen. Niemand im Lande mochte ihn als Karl XII., allein gerade diese allgemeine Abneigung bestärkte den König nur in seiner Freundschaft zu ihm, da seine Gefühle durch Widerspruch stets zu wachsen pflegten. Er bewies dem Baron ein Vertrauen, das an Unterwürfigkeit grenzte; er ließ ihm eine unumschränkte Macht in den inneren Angelegenheiten des Landes und gab sich seiner Leitung ebenso rückhaltlos in allem hin, was die Verhandlungen mit dem Zaren betraf; insbesondere empfahl er ihm, die Besprechungen auf der Insel Aland zu einem raschen Abschluß zu führen.

Sobald daher Görtz in Stockholm die Finanzoperationen geregelt hatte, welche seine Gegenwart verlangten, reiste er ab, um mit dem Minister des Zaren das große Werk, das er begonnen, zu vollenden.

Folgendes waren die einleitenden Bedingungen dieses Bündnisses, welches die Gestalt Europas ändern sollte, wie man sie in den hinterlassenen Papieren des Barons von Görtz nach dessen Tode aufgezeichnet gefunden hat: Der Zar sollte ganz Livland sowie einen Teil von Ingermanland und Karelien behalten, das übrige aber an Schweden zurückgeben; er sollte sich mit Karl XII. dahin einigen, den König Stanislaus wieder auf den Thron von Polen zu setzen, und sich verbindlich machen, mit achtzigtausend Russen in dieses Land einzurücken, um denselben König August zu entthronen, zu dessen Gunsten er einen zehnjährigen Krieg geführt hatte. Ferner sollte er dem König die nötigen Schiffe liefern, um zehntausend Schweden nach England und dreißigtausend Mann nach Deutschland zu werfen; Peters und Karls vereinigte Streitkräfte sollten den König von England in seinen hannoverschen Staaten und besonders in Bremen und Verden angreifen; dieselben Truppen sollten den Herzog von Holstein wieder in sein Land einsetzen und den König von Preußen zu einem Vertrage zwingen, kraft welches er einen Teil dessen, was er sich angeeignet, wieder herauszugeben hätte.

Karl tat, als ob seine siegreichen, von den Truppen des Zaren unterstützten Scharen bereits alles das vollbracht hätten, was man im Plane hatte. Er verlangte in stolzem Tone von dem deutschen Kaiser die Ausführung des Vertrags von Altranstädt. Der Wiener Hof jedoch würdigte das Ansinnen eines Fürsten, von dem er nichts mehr fürchten zu dürfen glaubte, kaum einer Antwort.

Der König von Polen fühlte sich weniger sicher; er sah den Sturm von allen Seiten herankommen. Der polnische Adel hatte sich gegen ihn konföderiert; und seit seiner Wiedereinsetzung mußte er seine Untertanen beständig bekämpfen oder mit ihnen verhandeln. Der Zar, sein sehr zu fürchtender Schirmherr, hatte hundert Galeeren bei Danzig und achtzigtausend Mann an der polnischen Grenze. Der ganze Norden war voll Hader und Wirrsal. Flemming, einer der argwöhnischsten Menschen, vor dem aber die Nachbarstaaten selbst alle Ursache hatten auf der Hut zu sein, mutmaßte zuerst, daß der Zar und der König von Schweden Pläne zugunsten des Königs Stanislaus gefaßt haben möchten. Er wollte denselben daher in seinem Herzogtums Zweibrücken aufheben lassen, wie man einst Jakob Sobieski in Schlesien abgefaßt hatte. Einer jener unternehmenden und unruhigen Franzosen, welche im Ausland ihr Glück zu machen suchen, hatte einige französische Abenteurer ähnlichen Schlags dem Dienste des Königs von Polen zugeführt. Er legte dem Minister Flemming einen Plan vor, wonach er sich verbindlich machte, mit dreißig entschlossenen französischen Offizieren Stanislaus in seinem Palaste aufzuheben und ihn gefangen nach Dresden zu bringen. Der Plan wurde gebilligt. Unternehmungen dieser Art waren damals nichts seltenes. Einige von der Sorte Leute, die man in Italien Bravi nennt, hatten während des letzten Kriegs zwischen Deutschland und Frankreich ähnliche Streiche verübt. Seitdem hatten es sogar mehrere nach Holland geflüchtete Franzosen gewagt, bis Versailles zu dringen, um den Dauphin zu entführen, und sich fast unter den Fenstern des Schlosses Ludwigs XIV. der Person des ersten Stallmeisters bemächtigt.

Der Abenteurer stellte demgemäß seine Leute und Relais auf, um Stanislaus festzunehmen und zu entführen. Aber die Unternehmung wurde am Tage vor der Ausführung entdeckt. Mehrere der Herren retteten sich, aber einige wurden abgefaßt. Sie durften nicht erwarten wie Kriegsgefangene behandelt zu werden, sondern wie Banditen. Allein Stanislaus, statt sie zu bestrafen, begnügte sich, ihnen einige Vorwürfe voll Herzensgüte zu machen; er gab ihnen sogar Geld, um weiter zu kommen, und bewies durch diesen Edelmut, daß sein Nebenbuhler August in der Tat alle Ursache hatte, ihn zu fürchten.

Im Oktober 1718 brach indessen Karl zum zweitenmal zur Eroberung Norwegens auf. Er hatte seine Maßregeln so gut getroffen, daß er sich in sechs Monaten dieses Reiches zu bemustern hoffte. Er wollte lieber Felsengebirge voll Schnee und Eis in der winterlichen Strenge erobern, wo die Tiere sogar in dem weniger rauhen Schweden sterben, als seine schönen deutschen Provinzen den Händen seiner Feinde entreißen. Freilich hoffte er, daß sein neues Bündnis mit dem Zaren ihn bald in den Stand setzen würde, alle diese Provinzen wieder zu nehmen, und es schmeichelte seinem Ruhme, seinem siegreichen Gegner ein Königreich abzuringen.

An der Mündung des Tistedal, unweit des Sunds zwischen den Städten Vohus und Anslo liegt die wichtige und starke Festung Frederikshall, welche man als den Schlüssel des Königreichs betrachtete. Karl begann die Belagerung im Monat Dezember. Der halb erstarrte Soldat konnte die fest gefrorene Erde kaum lockern, es war als ob die Tranchee in einem Felsen eröffnet werden müßte; aber die Schweden konnten sich der Arbeit nicht entschlagen, wenn sie an ihrer Spitze einen König sahen, der ihre Anstrengungen teilte. Niemals machte Karl Härteres durch. Seine durch achtzehnjährige mühevolle Arbeiten erprobte Konstitution hatte sich dermaßen gekräftigt, daß er mitten im Winter in Norwegen auf freiem Felde auf Stroh oder auf einem Brett, nur in seinen Mantel eingehüllt schlafen konnte, ohne daß es seine Gesundheit angriff. Viele von seinen Soldaten fielen auf ihren Posten tot vor Kälte um; aber wenn die anderen halb erfroren sahen, wie ihr König ebenso litt wie sie, wagten sie es nicht, eine Klage laut werden zu lassen. Einige Zeit vor dieser Expedition hatte er in Schonen von einer gewissen Frau Johns Dotter sprechen hören, die mehrere Monate gelebt haben sollte, ohne eine andere Nahrung zu sich genommen zu haben als Wasser. Da er sein Leben lang darauf ausgewesen war, die äußersten Härten, welche die menschliche Natur aushalten kann, zu erproben, wollte er nun auch versuchen, wie lange er den Hunger ertragen könnte, ohne zu unterliegen. Er verlebte fünf Tage, ohne zu essen und zu trinken. Am sechsten morgens ritt er zwei Stunden weit und stieg dann bei seinem Schwager, dem Prinzen von Hessen ab, wo er stark aß, ohne daß ihn die fünftägige Enthaltsamkeit entkräftet oder das starke Essen nach einem so langen Fasten beschwert hätte.

Am 11. Dezember, dem Tage des heiligen Andreas, ging er um neun Uhr abends nach der Tranchee, um dieselbe zu besichtigen. Da er die Parallele nicht so weit vorgeschritten fand wie er wünschte, schien er sehr unzufrieden. Der französische Ingenieur Mégret, welcher die Belagerungsarbeiten leitete, versicherte ihn, die Festung würde gleichwohl in acht Tagen genommen sein. »Wir wollen sehen,« erwiderte der König und fuhr fort, die Werke mit dem Ingenieur zu besichtigen. Hierbei blieb er an einer Stelle stehen, wo der gerade vorwärts führende Gang des Laufgrabens einen Winkel mit der Parallele machte. Hier kniete er auf der inneren Böschung nieder, wobei er die Ellbogen auf die Brustwehr stützte und sah eine Zeitlang den Arbeitern zu, welche die Tranchee beim Sternenschein fortsetzten.

Die geringsten Umstände sind von Wichtigkeit, wenn es sich um den Tod eines Mannes wie Karl XII. handelt. Ich muß daher betonen, daß die ganze Unterhaltung, welche so viele Schriftsteller den König mit dem Ingenieur Mégret führen lassen, durchaus erfunden ist. Was ich Sicheres über das Ereignis weiß, ist Folgendes: Der König war fast mit dem halben Körper einer dem Trancheewinkel, wo er sich befand, gerade gegenüber liegenden und auf denselben gerichteten feindlichen Batterie ausgesetzt. Es waren damals nur zwei Franzosen um ihn: sein Adjutant Siquier, ein gescheiter und tatkräftiger Kopf, der in der Türkei in seine Dienste getreten und dem Prinzen von Hessen besonders ergeben war, und jener Ingenieur Mégret. Die feindliche Artillerie beschoß sie mit Kartätschen. Der König, der sich mehr als die anderen aus der Deckung hervorwagte, war deshalb auch am meisten bloßgestellt. Einige Schritte weiter rückwärts befand sich der Graf Schwerin, welcher die Tranchee kommandierte. Der Gardekapitän Graf Posse und der Adjutant Kaulbar nahmen eben Befehle von ihm entgegen. In diesem Augenblick sahen Siquier und Mégret, wie der König von Schweden auf die Brustwehr sank und einen schweren Seufzer ausstieß. Sie sprangen hinzu, aber er war bereits tot. Eine halbpfündige Kugel hatte ihn in die rechte Schläfe getroffen und dort ein Loch gemacht, in welches man drei Finger legen konnte. Sein Kopf lag auf der Brustwehr, das linke Auge war eingesunken, das rechte ganz herausgetrieben. Im Augenblick der Verwundung war er auch schon gestorben; während er aber so plötzlich verschied, hatte er noch die Kraft gehabt, mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand an den Degengriff zu legen und befand sich noch in dieser Stellung.Das im Jahre 1746 am Leichname selbst aufgenommene Protokoll stellte fest, daß der Schuß beide Schläfen durchbohrt und dort nur eine sieben Linien lange und zwei Linien breite Wunde hervorgebracht hatte. Eine halbpfündige Kugel hätte eine ganz andere Wirkung gehabt. Als Karl XII. tot gefunden wurde, hatte er die rechte Hand am Degengriff und der Degen war zur Hälfte aus der Scheide gezogen; dieser Umstand beweist, daß der König in den Schuß sah, der ihn bedrohte und sich verteidigen wollte. Man glaubt, daß Siquier ein Werkzeug Friedrichs von Hessen, des Schwagers von Karl XII. war. Beuchot.
Es ist merkwürdig, daß die in Stockholm aufbewahrte Kleidung Karls ein offenbar von einer Kugel herrührendes Loch auf dem Rücken zeigt und die Handschuhe in einer Weise mit Blut bespritzt sind, als habe der König damit nach dem Rücken gegriffen. Hat er etwa die erste Kugel in den Rücken bekommen, danach gegriffen, sich umgewendet und dann erst die zweite in den Kopf erhalten? Anm. d. Uebers.

Bei diesem Anblick sagte Mégret, ein eigentümlicher und herzloser Mensch: »Das Stück ist aus, gehen wir zum Essen.« – Siquier eilte sofort zum Grafen Schwerin und meldete die Sache. Sie beschlossen den Soldaten den Tod zu verheimlichen, bis der Prinz von Hessen davon unterrichtet wäre. Man hüllte den König in einen grauen Mantel, Siquier setzte ihm seine Perücke und seinen Hut auf, und so trug man Karl unter dem Namen des Hauptmanns Carlberg durch die Reihen der Truppen, welche ihren toten König vorbeitragen sahen, ohne zu ahnen, daß er es sei.

Der Prinz befahl sofort, daß niemand das Lager verlassen dürfe und ließ alle Wege nach Schweden bewachen, um Zeit zu gewinnen und seine Maßregeln treffen zu können, damit die Krone auf seine Gemahlin falle und der Herzog von Holstein, der Ansprüche auf dieselbe erheben konnte, von der Regierung ausgeschlossen würde.

So starb in einem Alter von sechsunddreißigundeinhalb Jahren Karl XII., König von Schweden, nachdem er durchlebt hatte, was nur das Glück Großes und was nur das Unglück Hartes enthält, ohne auch nur einen Augenblick lang durch das erstere verweichlicht oder durch das letztere erschüttert worden zu sein. Fast alle seine Handlungen, selbst die seines Privatlebens gingen weit über die Gewöhnlichkeit hinaus. Er ist vielleicht der einzige Mensch und jedenfalls bis jetzt der einzige König, dem gewisse menschliche Schwächen ferne lagen; aber er steigerte alle Heldentugenden bis zu einem Grade, daß sie ebenso gefährlich wurden wie die entgegengesetzten Laster. Seine Festigkeit wurde zum Starrsinn, führte hierdurch seine Unfälle in der Ukraine herbei und hielt ihn fünf Jahre in der Türkei zurück; seine Freigebigkeit ging in Verschwendung über und ruinierte Schweden; sein Mut steigerte sich zur Verwegenheit und wurde Ursache seines Todes; sein Gerechtigkeitssinn verleitete ihn bisweilen zur Grausamkeit, und in den letzten Jahren näherte sich die Art seiner Regierung der Tyrannei. Seine großen Eigenschaften, von denen eine einzige einen anderen Menschen hätte unsterblich machen können, gereichten seinem Lande zum Unglück. Er griff selbst nie jemand zuerst an, aber er war in seiner Rachsucht mehr unversöhnlich als klug. Er war der erste, der den Ehrgeiz besaß, Eroberer zu sein, ohne seine Staaten zu vergrößern; er wollte Reiche nur gewinnen, um sie zu verschenken. Seine Leidenschaft für den Ruhm, den Krieg und die Rache verhinderte ihn ein guter Politiker zu sein, ohne welche Eigenschaft es nie einen Eroberer gab. Vor der Schlacht und nach einem Siege war er die Bescheidenheit selbst, nach einer Niederlage voll Festigkeit; er war hart gegen andere wie gegen sich selbst, und rechnete die Mühen und das Leben seiner Untertanen für ebenso gering als sein eigenes; er war mehr einzig in seiner Art als groß, mehr bewundernswürdig als nachahmenswert. Sein Leben mag die Könige lehren, wie erhaben eine friedliche und glückliche Regierung über noch so viel Ruhm ist. Karl XII. besaß eine vorteilhafte und edle Figur, eine sehr schöne Stirne, große blaue Augen voll Milde, eine wohl geformte Nase; aber der untere Teil seines Gesichts war unangenehm und nur zu oft durch ein Lachen entstellt, das nur von den Lippen ausging, er hatte fast keinen Bart und keine Haare. Er sprach sehr wenig und antwortete häufig nur durch jenes Lachen, das ihm zur Gewohnheit geworden war. An seiner Tafel wurde das tiefste Schweigen beobachtet. Trotz der Unbeugsamkeit seines Charakters legte er jene Schüchternheit, die man falsche Scham nennt, nie ganz ab. Die Führung einer Unterhaltung hätte ihn in Verlegenheit gesetzt, weil er sich ganz nur dem Krieg und den Staatsgeschäften hingegeben und niemals die Gesellschaft kennen gelernt hatte. Bis zu seiner Mußezeit bei den Türken hatte er nur die Kommentarien Cäsars und die Geschichte Alexanders gelesen. Doch schrieb er selbst einige Bemerkungen über den Krieg und über seine Feldzüge von 1700-1709 nieder. Er gestand dies dem Ritter von Folard und sagte demselben, dieses Manuskript sei an dem Unglückstage von Pultawa verloren gegangen. Einige haben diesen Fürsten zu einem guten Mathematiker machen wollen; er besaß auch ohne Zweifel viel Scharfsinn; aber der Beweis, den man für seine Kenntnisse in der Mathematik anführt, ist nicht sehr zwingend. Er wollte nämlich den Brauch von 10 zu 10 zu zählen abändern und schlug dafür die Zahl 64 vor, weil sie zugleich einen Würfel und ein Quadrat (viermal viermal vier, achtmal acht) enthalte, durch 2 teilbar und somit zur Einheit zurückzuführen sei. Diese Idee bewies aber nur, daß er in allem das Außerordentliche und Schwierige liebte.

Was seine Religiosität betrifft, so muß man, obschon die Ansichten eines Fürsten keinen Einfluß auf diejenigen anderer Menschen üben dürfen und die Meinung eines so wenig unterrichteten Mannes wie Karl in diesen Dingen nicht maßgebend sein kann, doch auch über diesen Punkt die Neugierde derer befriedigen, welche alles, was diesen Fürsten angeht, mit besonderem Interesse verfolgen. Nun weiß ich von demjenigen, welcher mir die Hauptanhaltspunkte für diese Geschichte mitgeteilt hat, daß Karl XII. bis zum Jahr 1707 ein aufrichtiger Lutheraner war. Damals sah er zu Leipzig den berühmten Philosophen Leibniz, der frei dachte und sprach, und der seine freien Anschauungen bereits mehr als einem Fürsten eingeflößt hatte. Ich glaube jedoch nicht, daß Karl XII., wie man behauptet hat, aus der Unterredung mit diesem Philosophen, der ja nur eine Viertelstunde lang sich mit ihm zu unterhalten die Ehre hatte, eine gewisse Gleichgültigkeit gegen das Luthertum schöpfte. Fabrice aber, der sieben Jahre lang in vertrautem Umgang mit dem König lebte, versicherte mich, daß während seiner Mußezeit in der Türkei, wo Karl in verschiedene Religionen einen tieferen Einblick tat, seine Gleichgültigkeit zugenommen habe. Auch La Motraye bestätigt in seinen »Reisen« diese Angabe. Ebenso glaubt auch der Graf von Croissi, wie er mir oft wiederholte, daß dieser Fürst von seinen frühern Ansichten nur seinen Glauben an eine Vorausbestimmung bewahrt habe, eine Glaubenslehre, die seinem Mute genehm war und seine Tollheiten rechtfertigte. Der Zar hatte die gleichen Ansichten wie er über Religion und Schicksal, aber er äußerte sich öfter darüber, denn er unterhielt sich mit seinen Günstlingen gerne über alles und hatte vor Karl das Studium der Philosophie und die Gabe der Beredsamkeit voraus.

Ich kann nicht umhin, mich hier noch über eine jener Verleumdungen auszusprechen, wie man sie nur zu oft beim Tode von Fürsten äußern hörte, welche boshafte oder leichtgläubige Menschen stets gern vergiftet oder ermordet werden lassen. So hat sich damals auch in Deutschland das Gerücht verbreitet, Siquier selbst habe den König getötet. Dieser brave Offizier war lange in Verzweiflung über diese Verleumdung. Eines Tags als er mit mir darüber sprach, sagte er wörtlich: »Ich hätte allerdings den König von Schweden töten können, aber mein Respekt vor diesem Helden war so groß, daß ich es nicht gewagt hätte, auch wenn ich es wollte.«

Ich weiß wohl, daß Siquier selbst zu dieser verhängnisvollen Beschuldigung Anlaß gegeben hat und daß viele Schweden sie noch immer glauben. Er gestand mir selbst, daß er, als er zu Stockholm im hitzigen Fieber lag, geschrien habe, er habe den König von Schweden umgebracht; daß er sogar in einem Fieberanfall das Fenster geöffnet und laut um Gnade für seinen Königsmord gesteht habe. Als er aber nach seiner Genesung erfuhr, was er in der Krankheit gesagt hatte, war er nahe daran vor Schmerz zu sterben. – Ich wollte diese Geschichte nicht veröffentlichen, so lange er lebte. Kurz vor seinem Tode besuchte ich ihn noch und ich kann versichern, daß er weit entfernt Karl XII. getötet zu haben, sich lieber tausendmal für ihn hätte töten lassen. Wenn er sich eines solchen Verbrechens schuldig gemacht hätte, so wäre es doch wohl nur geschehen, um irgend einer Macht gefällig zu sein, die ihn ohne Zweifel reichlich dafür belohnt haben würde; er ist aber sehr arm in Frankreich gestorben, und hat sogar die Unterstützung seiner Freunde in Anspruch nehmen müssen. Wem diese Gründe nicht genügen, der bedenke, daß die Kugel, welche Karl XII. getroffen, nicht in eine Pistole gehen konnte, daß Siquier aber diesen verruchten Schuß nur mit einer unter seinem Rock versteckten Pistole hätte tun können.Viele behaupten noch heutigestags, daß Karl XII. das Opfer des Hasses geworden, den er seinen Untergebenen einflößte. Diese Ansicht ist nicht so unwahrscheinlich. Auch Voltaire wußte das; da er jedoch die kleinen Umstände, auf welche sich diese Meinung stützt, nicht feststellen konnte, zog er es vor, sie mit Stillschweigen zu übergehen. Man verwahrt zu Stockholm den Hut Karls XII.; und die Kleinheit des Loches, womit derselbe durchbohrt ist, bildet einen der Gründe derer, welche glauben, daß er ermordet worden sei. Condorcet und Decroix.

Nach dem Tode des Königs wurde die Belagerung von Frederickshall aufgehoben. Alles änderte sich in einem Augenblick. Die Schweden, welche der Ruhm ihres Fürsten mehr bedrückte, als erfreute, dachten nun daran, mit ihren Feinden Frieden zu schließen, im eigenen Lande aber die unumschränkte Gewalt, deren Uebermaß der Baron von Görtz sie hatte kosten lassen, wieder in die früheren Schranken zurück zu weisen. Die Stände wählten aus freien Stücken die Schwester Karls XII., Ulrike Eleonore zu ihrer Königin und zwangen sie, auf alles Erbrecht an die Krone feierlich zu verzichten, so daß sie dieselbe nur durch die Stimme der Nation erhielt. In wiederholten Schwüren versprach sie, niemals die Willkürherrschaft wieder herstellen zu wollen. Später opferte sie die Hoheit der königlichen Würde der ehelichen Liebe, indem sie die Krone ihrem Gemahl, dem Prinzen Friedrich von Hessen-Kassel, abtrat und die Stände veranlaßte diesen Prinzen zu wählen, der den Thron unter den gleichen Bedingungen bestieg. Der Baron von Görtz wurde sofort nach dem Tode Karls verhaftet und vom Senat in Stockholm verurteilt, am Fuße des Stadtgalgens enthauptet zu werden: vielleicht mehr ein Exempel der Rache als der Gerechtigkeit und jedenfalls eine grausame Beschimpfung des Andenkens eines Königs, den Schweden noch immer bewundert.

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