Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > François Marie Arouet de Voltaire >

Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden

François Marie Arouet de Voltaire: Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/voltaire/karl7/karl7.xml
typereport
titleDie Geschichte Karls XII., Königs von Schweden
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1829
translatorAdolf Seubert
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070821
projectid0dbe2c6f
Schließen

Navigation:

Vorrede Voltaires zur Ausgabe von 1748.

Erinnern wir uns, daß nach Aristoteles die Ungläubigkeit die Grundlage aller Weisheit ist. Dieser Satz sollte ein Leitfaden für jeden sein, der die Geschichte liest, besonders die alte Geschichte.

Wie viele abgeschmackte Erzählungen, welch eine Menge von Fabeln schlagen dem gesunden Menschenverstande ins Gesicht! Nun denn, so glaubt eben nicht daran!

Es hat in Rom Könige, Konsuln, Dezemvirn gegeben, die Römer haben Karthago zerstört; Cäsar hat den Pompejus besiegt – alles das ist wahr. Wenn man euch aber erzählt, Kastor und Pollux hätten für dieses Volk gekämpft; eine Vestalin habe mit ihrem Gürtel ein auf den Sand geratenes Schiff wieder flott gemacht; ein Abgrund habe sich geschlossen, als Curtius sich hineinstürzte, so glaubt es nicht. Ihr leset überall von den Wundern, von den eingetroffenen Prophezeiungen, den wunderbaren Heilungen in den Tempeln des Aeskulap – glaubt es nicht! Aber hundert Zeugen haben das Protokoll über diese Wunder auf erzenen Tafeln unterzeichnet, die Tempel waren voll von Votivtafeln, welche die Heilungen beurkundeten. Glaubt, daß es Dummköpfe und Spitzbuben gab, die bezeugten, was sie nicht gesehen haben. Glaubt immerhin, daß fromme Leute den Priestern Aeskulaps ein Geschenk machten, wenn ihre Kinder von einer Erkältung genasen, glaubt aber ja nicht an die Wunder Aeskulaps, sie sind ebensowenig wahr, wie die des Jesuiten Xavier, dem ein Seekrebs sein Kreuz vom Grund des Meeres wieder heraufbrachte und der sich zugleich auf zwei Schiffen befunden haben will.

Aber die ägyptischen Priester waren ja alle Zauberer und Herodot bewundert ihre tiefe Wissenschaft in allen Teufelskünsten? Glaubt nicht alles, was Herodot sagt.

Ich mißtraue allem, was als Wunder auftritt. Darf ich aber die Ungläubigkeit so weit treiben, daß ich auch Tatsachen bezweifle, die zwar nicht über die Ordnung menschlicher Dinge hinausgehen, denen es aber an innerer Wahrscheinlichkeit gebricht?

So versichert Plutarch zum Beispiel, Cäsar sei ganz in Waffen in das Meer von Alexandrien gesprungen, habe dabei in der einen Hand Papiere gehalten, die er nicht naß werden lassen wollte, und sei mit der andern geschwommen. Glaubt keine Silbe von diesem Märchen des Plutarch; glaubt Cäsarn selbst, der in seinen Kommentarien kein Wort davon sagt; und seid überzeugt, daß wenn einer mit Papieren in der Hand ins Wasser springt, er sie auch naß macht.

Ihr findet in Quintus Curtius, Alexander und seine Generale seien über die Ebbe und Flut des Ozeans erstaunt gewesen, die sie nicht gekannt hätten. Glaubt es nicht!

Es ist sehr wahrscheinlich, daß Alexander im Rausche den Clitus getötet, daß er den Hephästion auf die Art geliebt hat wie Sokrates den Alkibiates, aber ist durchaus unwahrscheinlich, daß der Schüler des Aristoteles nichts von der Ebbe und Flut des Ozeans gewußt habe. Es gab Philosophen in seiner Armee; es genügte den Euphrat gesehen zu haben, der an seiner Mündung die Ebbe und Flut zeigt, um diese Erscheinung zu kennen. Alexander war in Afrika gereist, dessen Küsten vom Ozean bespült werden. Sollte sein Admiral Nearch so unwissend gewesen sein, daß ihm entging, was am Indus jedes Kind weiß? Derartige Albernheiten, die von so viel Schriftstellern nachgesprochen werden, bringen die Geschichtschreiber allzu sehr in Mißkredit.

Pater Mainburg erzählt hundert andern nach, zwei Juden hätten Leon, dem Isaurier, das Reich unter der Bedingung versprochen, daß er die Götzenbilder zertrümmere, wenn er Kaiser sein werde. Welches Interesse sollten denn diese zwei Hebräer dabei gehabt haben, daß die Christen keine Bilder verehrten? Wie konnten zwei solche arme Teufel ein Kaiserreich versprechen? Heißt es nicht den Leser durch derartige Fabeln beleidigen?

Man muß zugeben, daß Mézerai in seinem harten, gemeinen, ungleichen Stil unter die schlecht verdauten Tatsachen, die er bringt, manche ähnliche Abgeschmacktheiten mischt; bald läßt er Heinrich V. von England, der in Paris zum König von Frankreich gekrönt wurde, deshalb an Hämorrhoiden sterben, weil er sich auf den Thron unserer Könige gesetzt habe, bald muß der heilige Michael der Johanna d'Arc erscheinen!

Ich glaube nicht einmal Augenzeugen, wenn sie mir Dinge sagen, die dem gesunden Menschenverstande widersprechen. Der Herr von Joinville, oder vielmehr derjenige, welcher seine gallische Geschichte in das Altfranzösische übersetzt hat, macht mir nicht weiß, daß die ägyptischen Emire, nachdem sie ihren Sultan ermordet, dem heiligen Ludwig, der ihr Gefangener war, die Krone anboten; das ist gerade so wahrscheinlich, als wenn man aussagte, man habe die Krone Frankreichs einem Türken angeboten. Wie kann man nur glauben, daß Mohammedaner einen Mann zu ihrem Beherrscher haben erheben wollen, der in ihren Augen ein Häuptling von Barbaren sein mußte, den sie in der Schlacht gefangen hatten, der weder ihre Gesetze noch ihre Sprache kannte und der der Erzfeind ihrer Religion war!

Ich glaube ebensowenig an dieses Märchen des Herrn von Joinville, als wenn er mir sagte, der Nil trete zu Anfang Oktober bei la Saint-Remi aus seinen Ufern. Ebensosehr bezweifle ich das Geschichtchen von dem Alten vom Berge, der bei der Nachricht von dem Kreuzzug des heiligen Ludwig zwei Mörder nach Paris schickt, um ihn zu töten, wie er aber von seiner Tugend hört, am andern Tage zwei Kuriere absendet, um Gegenbefehl zu bringen. Das schmeckt denn doch zu sehr nach einem Märchen aus Tausend und eine Nacht.

Ich sage Mézerai, dem Pater Daniel und allen Geschichtschreibern ins Gesicht, daß ich nicht glaube, daß ein Regen- und Hagelsturm Eduard III. bekehrt und Philipp von Valois den Frieden verschafft habe. Die Eroberer sind nicht so fromm und schließen nicht Frieden wegen eines Regens.

Gewiß ist nichts wahrscheinlicher als ein Verbrechen; aber es muß wenigstens nachgewiesen sein. Bei Mézerai liest man von mehr als sechzig Fürsten, denen man Gift gegeben habe; aber er beweist es nirgends und ein Gerücht darf eben nur als Gerücht angeführt werden.

Ich glaube auch Titus Livius nicht, wenn er mir sagt, der Arzt des Pyrrhus habe den Römern angeboten, seinen Herrn gegen eine Belohnung zu vergiften. Die Römer besaßen damals kaum gemünztes Geld und Pyrrhus war reich genug, um die ganze Republik zu kaufen, wenn sie sich hätte verkaufen wollen. Die Stelle eines Leibarztes des Pyrrhus war jedenfalls einträglicher als die eines Konsuls. Ich werde deshalb diese Geschichte nicht eher glauben, als bis man mir beweisen wird, daß ein Leibarzt eines unserer Könige einem Schweizer Kanton den Antrag gemacht habe, seinen Kranken gegen eine Geldbelohnung zu vergiften.

Mißtrauen wir auch allen übertriebenen Behauptungen. Daß eine zahllose persische Armee durch dreihundert Spartiaten im Engpaß von Thermopylä aufgehalten worden sein soll, gibt mir kein Aergernis; die Terraingestaltung macht die Sache wahrscheinlich. Karl XII. schlägt bei Narwa mit achttausend kriegstüchtigen Soldaten achtzigtausend schlecht bewaffnete russische Bauern; das bewundere ich und glaube es. Wenn ich aber lese, daß Simon von Montfort mit neunhundert in drei Korps geteilten Soldaten hunderttausend Mann geschlagen habe, so wiederhole ich: das glaube ich nicht! Man hält mir entgegen, es sei ein Wunder; aber wird wohl Gott dem Simon von Montfort zuliebe ein Wunder getan haben?

Ich würde auch den Kampf Karls XII. zu Bender bezweifeln, wenn er mir nicht durch mehrere glaubwürdige Augenzeugen bestätigt worden wäre und wenn nicht der Charakter Karls XII. eine derartige heroische Tollheit wahrscheinlich machte.

Ebenso wie einzelne Tatsachen muß man oft auch das bezweifeln, was man über die Sitten und Gebräuche fremder Völker liest. Versagen wir auch hier unsern Glauben jedem alten oder neuen Schriftsteller, der uns Dinge auftischt, welche der Natur und dem Wesen des menschlichen Herzens entgegen sind.

Die ersten Berichte über Amerika sprachen nur von Menschenfressern; es war als ob die Amerikaner die Menschen so alltäglich fräßen, wie wir die Hammel. Die richtig gestellte Tatsache beschränkt sich darauf, daß eine kleine Anzahl Gefangener, statt von den Würmern von ihren Siegern gefressen wurde.

Der neue Puffendorf (Grand dictionnaire géographique par Bruzen de la Martinière), der ebenso voll Fehler ist wie der alte, erzählt: im Jahre 1589 habe ein Engländer mit vier Frauen, die sich aus einem Schiffbruch in der Straße von Madagaskar retteten, auf einer wüsten Insel gelandet und dort so wacker gearbeitet, daß man im Jahre 1667 diese Insel (die Pines-Insel) mit zwölftausend schönen englischen Protestanten bevölkert gefunden habe.

Die Alten und ihre zahlreichen und gläubigen Nachbeter wiederholen uns unaufhörlich, in Babylon, der geordnetsten Stadt der Alten Welt, hätten sich alle Frauen und Mädchen einmal im Jahre im Tempel der Venus preisgegeben. Ich kann mir recht wohl denken, daß man zu Babylon wie anderswo sein Vergnügen für Geld haben konnte; aber ich werde mich nie davon überzeugen lassen, daß in einer Stadt, wo damals größere Ordnung und Sittlichkeit herrschte als irgendwo, alle Familienväter und Ehemänner ihre Töchter und Frauen auf einen öffentlichen Markt der Unzucht geschickt und die Gesetzgeber ein so sauberes Geschäft förmlich verordnet haben. Man druckt täglich hundert ähnliche Albernheiten über die Gebräuche der Orientalen; und für einen Reisenden wie Chardin findet man eine Menge Touristen, wie Paul Lukas, Jean Struys und den Jesuiten Avril, der täglich tausend Personen bei den Persern taufte, deren Sprache er nicht kannte; und der erzählt, die russischen Karawanen gingen in drei Monaten zwischen China und Rußland hin und her!

Ein griechischer und ein lateinischer Mönch schreiben, Mohammed II. habe die ganze Stadt Konstantinopel der Plünderung preisgegeben, habe eigenhändig die Bilder Jesu Christi zertrümmert und alle Kirchen in Moscheen verwandelt. Um diesen Eroberer noch hassenswerter zu machen, setzen sie hinzu, er habe seiner Geliebten den Janitscharen zu Gefallen den Kopf abgeschlagen und vierzehn seiner Pagen den Bauch aufgeschlitzt, um zu sehen, wer von ihnen eine Melone gegessen habe. Hundert Geschichtschreiber schreiben diese jämmerlichen Fabeln nach; die europäischen Enzyklopädien wiederholen sie. Wenn man aber die wirklichen, von Prinz Cantemir gesammelten türkischen Annalen nachliest, so findet man, wie lächerlich diese Lügen sind. Man erfährt daraus, daß, nachdem der große Mohammed II. die Hälfte von Konstantinopel mit Sturm genommen hatte, er mit der andern in Verhandlung trat und sämtliche Kirchen unversehrt ließ; daß er einen griechischen Patriarchen ernannte, dem er größere Ehre erwies, als die griechischen Kaiser seinen Vorgängern jemals erwiesen hatten. Wenn man aber nur seinen gesunden Menschenverstand fragen will, wird man auch einsehen, wie lächerlich es ist zu glauben, ein großer, gelehrter und gebildeter Herrscher wie Mohammed II. war, werde achtzehn Pagen wegen einer Melone den Bauch aufschlitzen; und wer die Sitten der Türken nur halbwegs kennt, wird die Unsinnigkeit des Gedankens einsehen, daß die Soldaten sich in die Angelegenheiten, die zwischen dem Sultan und seinen Frauen vor sich gehen, gemischt und ein Kaiser jenen zu Gefallen seiner Geliebten den Kopf abgeschnitten habe. Aber so schreibt man jetzt allerdings die meisten Geschichten.

Mit der Geschichte Karls XII. ist es nicht so. Ich kann versichern, daß, wenn je eine Geschichte den Glauben des Lesers verdient hat, es diese ist. Ich stellte sie bekanntlich nach den Memoiren von Fabrice, de Villelongue und de Fierville, sowie den Berichten vieler Augenzeugen zusammen. Da aber diese Zeugen nicht alles sehen und manchmal schlecht sehen, verfiel auch ich in manchen Irrtum, nicht in betreff der wesentlichen Tatsachen, aber bei einigen Anekdoten, die an sich ganz gleichgültig sind, an die sich aber eine kleinliche Kritik mit Genuß angeklammert hat.

Ich habe seitdem diese Geschichte nach dem militärischen Tagebuch Adlerfelts, das sehr genau ist und auf Grund dessen ich einige Tatsachen und Daten richtig stellte, verbessert.

Ich habe auch die von dem Kaplan und Beichtvater Karls, Nordberg, verfaßte Geschichte zu Rate gezogen. Dieses Werk ist allerdings übel verdaut und schlecht geschrieben; es finden sich darin zu viel kleine, dem Gegenstand eigentlich fremde Dinge, während die großen Ereignisse so schwach dargestellt sind, daß sie klein werden. Seine Geschichte ist ein Gewebe von Schreiben, Erklärungen und Bekanntmachungen, wie sie in der Regel im Namen der Könige erlassen werden, wenn dieselben im Kriege begriffen sind. Solche Dokumente dienen aber niemals dazu, die Ereignisse bis auf den Grund kennen zu lernen; weder der Militär noch der Politiker kann sie brauchen und sie langweilen den Leser. Ein Schriftsteller kann sie bisweilen zu Rate ziehen, wenn er sich über irgend einen Punkt Aufklärung verschaffen will, wie ein Architekt sich bei einem Bauwerk auch des Schuttes bedient.

Unter den Dokumenten, womit Nordberg seine unglückliche Geschichte überladen hat, finden sich sogar falsche und abgeschmackte, wie der Brief des türkischen Kaisers Achmet, den dieser Geschichtschreiber »Sultan Pascha von Gottes Gnaden« nennt.

Derselbe Nordberg läßt den König von Schweden über den König Stanislaus etwas sagen, was dieser Monarch nie gesagt hat und nie sagen konnte. Er behauptet nämlich, Karl XII. habe auf die Einwürfe des Primas erwidert, Stanislaus habe sich auf seiner italienischen Reise viele Freunde erworben. Es ist aber gewiß, daß Stanislaus niemals in Italien war, wie mir dieser Monarch selbst versichert hat. Was wäre es auch, wenn ein Pole im achtzehnten Jahrhundert zu seinem Vergnügen Italien bereiste! Derartige unnütze Dinge muß der Geschichtschreiber weglassen, und ich bin froh, daß ich die Geschichte Karls XII. möglichst kurz gehalten habe!

Nordberg hatte weder Verstand noch Geist noch Kenntnis der Welt; eben deshalb hat ihn vielleicht Karl XII. zu seinem Beichtvater gewählt. Ich weiß nicht, ob er einen guten Christen aus diesem Fürsten gemacht hat, aber sicher hat er keinen Helden aus ihn gemacht, und Karl XII. wäre unbekannt, wenn man ihn nur aus Nordberg kennte.

Vor einigen Jahren ist eine kleine Broschüre unter dem Titel: Historische und kritische Bemerkungen über die Geschichte Karl XII. von VoltaireDies ist der Titel des Werkes von La Motraye. Die Schrift Poniatowskis führt den Titel: Bemerkungen eines polnischen Edelmannes über die Geschichte Karls XII. 1741. erschienen. Dieses Werkchen ist vom Grafen Poniatowski. Es sind Antworten auf Fragen, die ich während seines letzten Aufenthalts in Paris an ihn stellte. Sein Sekretär hatte eine zweite Abschrift davon gefertigt, die in die Hände eines Buchhändlers fiel, welcher nicht säumte sie abzudrucken. Ein holländischer Korrektor nannte sie »kritisch,« um sie besser an den Mann zu bringen. Es ist dies eine der kleineren Gaunereien des Buchhandels.

Ein Bediensteter von Herrn Fabrice, La Motraye, hat gleichfalls einige Bemerkungen über diese Geschichte drucken lassen. Unter den mancherlei Irrtümern und Kleinlichkeiten dieser Kritik finden sich auch einige wichtige und nützliche Bemerkungen. Ich trug Sorge, in den letzten Ausgaben, besonders in der von 1739 davon Notiz zu nehmen; denn in Sachen der Geschichte darf man nichts versäumen und muß, wo es möglich ist, Könige und Kammerdiener zu Rate ziehen.

 Kapitel 2 >>