Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Braune >

Die Geschichte einer Woche

Rudolf Braune: Die Geschichte einer Woche - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleDie Geschichte einer Woche
publisherVerlag Neues Leben
year1978
isbn3-88112-057-2
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171104
projectidae78daef
Schließen

Navigation:

I.

Ein Mann kommt über den ausgetretenen Feldweg, der die Vorstadt mit der Kolonie verbindet. Er ist noch jung, die Hände hat er in den Hosentaschen. Die schweren Schuhe sinken tief in den Dreck. Tagelang strömte der Regen herunter, am Nachmittag dieses Tages war die Natur ruhig geworden, die Spatzen kamen wieder heraus, die Luft riecht nach Kälte, jetzt am Abend steht sogar ein heller gelber Schein über dem Land, weit draußen, wo die kahlen Felder in einer glatten Linie den Himmel begrenzen.

Ruhig stapft der Mann dahin. Wenn er einen Schuh aus dem Boden zieht, gibt es einen glucksenden Laut. Der Mann hört nicht hin. Sein stoppliges, unrasiertes Gesicht sieht geradeaus, dorthin, wo die niedrige, plattgedrückte Siedlung sich neben das dreckige Gebäude der großen Fabrik duckt. Die ersten Häuser sind noch mehrere hundert Schritt von ihm entfernt. Schrebergärten quetschen sich eng aneinander. Ein Weg zweigt ab.

Der Mann tritt zur Seite und zieht aus der Westentasche eine Zigarette, die er mit der Zunge befeuchtet. Zwei Finger am Mützenrand, grüßt er hinunter in den Garten und zeigt seine Zigarette. Der Mann aus dem Schrebergarten sticht den Spaten in den Boden, reibt die Hände oberflächlich und reicht seine Pfeife schweigend über den Zaun. Der junge Mann zieht jetzt an seiner Zigarette.

»Merci ...«

Der andere, der einen großen, breiten Sonnenhut trägt, greift wieder nach dem Spaten und gräbt weiter. Er will heute noch sein Stück fertigbekommen. Die Kartoffeln müssen in die Erde, und der Zaun muß auch noch repariert werden. Er zieht bedächtig an der Pfeife.

Der junge Kerl ist stehengeblieben. Erstaunt sieht der Alte den Fremden an. Aus der Kolonie ist er nicht. Was mag er heute abend noch drüben wollen? Hat wahrscheinlich ein Mädel kennengelernt. Der junge Bursche bläst Ringe, er sieht lächelnd hinüber zu den Häusern der Kolonie.

»Sag mal, kriegt man da ein möbliertes Zimmer oder eine Schlafstelle?«

Der Alte stellt seinen Spaten wieder hin. »Wollt Ihr in dem Drecknest bleiben?«

»Tscha, habe Arbeit.«

»In der Bude?«

»Ja.«

»Na, hoffentlich wirst du hier alt!«

Der Junge dreht sich ihm zu. Er lacht. »Aber sicher.«

Der Alte gräbt weiter. Die dunkle Erde fällt klebrig und schwer zur Seite.

»Na, frag mal rum, Ihr werdet schon was kriegen. Die sind froh, wenn sie vermieten können. Geld brauchen sie alle.«

Der Junge legt wieder zwei Finger der rechten Hand an die Mütze und stapft weiter.

Über den schmalen hellen Fleck des Himmels rutscht von oben eine graue Wolkenhaut, und von unten, je näher der Mann der Kolonie kommt, rückt die breitrückige, speckige Fabrik vor. Der junge Arbeiter macht größere Schritte, warmer Atem zieht in langen Streifen aus seiner Nase, seine Zigarette dampft so heftig, daß er bald nur noch einen Stumpf zwischen den Zähnen hat. Es ist schwer zu sagen, wie alt er ist, er kann fünfundzwanzig, aber auch fünf Jahre älter sein. Seine Backenknochen sind deutlich sichtbar, das Kinn steht hart vor, die Haut spannt sich, er sieht gesund aus. Der kalte Abendwind verändert seine graue Gesichtsfarbe nicht, Fabrikjahre haben ihr Email aufgelegt, das kriegt keine heiße Sonne und kein kalter Wind weg.

Der oberste Knopf an seiner Jacke fehlt. Die Weste darunter ist zu sehen, sein Hals und ein Stück der Brust, denn er trägt weder Schlips noch Kragen. Das Hemd ist zurückgesteckt, aber er friert nicht.

Neugierig sieht er sich um. Die Gegend ist ihm unbekannt. Rechts und links tauchen die ersten Häuser auf, einstöckig, flachgedrückt, der Kalk bröckelt von den Wänden. Alles ist verrußt und verdreckt, durch die kleinen Fenster kommt kaum Licht, in trostloser Melancholie verblühen ein paar Blumen auf den Simsen.

Die Kolonie besitzt nur eine Straße, auf beiden Seiten stehen die Häuser, aber diese Straße hat komischerweise einen Namen. Groß steht mit blauen Buchstaben auf einem weißen Schild: Jubiläumsweg. Am Ende der Straße steht die Fabrik, klotzig und riesengroß, der Weg mündet in das riesige Haupttor. Die Fabrik wächst mit dem großen Kesselhaus und sechs langen Essen in den Himmel hinein. Verdrossen hängt Rauch darüber, die Nachtschicht ist angetreten, die Feuer gehen nie aus, Tag und Nacht wird gearbeitet, Tag und Nacht laufen die Maschinen.

Arbeiterfrauen stehen vor den Türen, sie unterhalten sich, sprechen über die Zäune hinweg und schimpfen über die herumtollenden Kinder.

Die Farbe des Himmels wird bleiern, schwer sackt er herab auf das Land. Der Fremde sieht sich um, er schreitet rasch durch die Dorfstraße, um die Kolonie bis zum Ende kennenzulernen. Neugierig sehen die Frauen ihm nach. Zwischen einzelnen Häusern zweigen kleine Seitengassen ab, die eher ausgetretene Feldwege als Straßen sind. Aus so einer Gasse stolpert ein kleiner krähender Kerl, hinter dem eine schimpfende Frau herstürzt.

»Junge«, ruft sie, »kommst du her, bleibst du stehen!«

Aber der Kleine, vielleicht vier oder fünf Jahre wird er sein, läuft weiter.

Der fremde Arbeiter lacht.

»Recht so«, ruft er, »du wirst dich doch nicht kriegen lassen, feste!«

Die Frau bleibt stehen, sie dreht sich um, ihre Augen blitzen, ja, sie hat große, zornige Augen.

»Was mischen Sie sich denn ein, der Bengel muß ins Bett.« Sie dreht sich wieder um und droht dem Kleinen, der auf der gegenüberliegenden Seite stehengeblieben ist, die Finger im Mund, mit strubbeligem Haar.

Der Fremde sieht die Frau von hinten an. Sie hat derbe, dicke Arme, ihre Ärmel sind hochgekrempelt. Der junge Arbeiter geht über die Straße zu dem Jungen hinüber, der ihn mißtrauisch betrachtet und langsam rückwärts geht.

»Du, wie heißt du denn? Komm mal her, Junge.«

Aber der läßt sich nicht betören, er hat eine sorgengefurchte Stirn, und seine Finger stecken noch immer im Mund. Im selben Augenblick, als der Arbeiter noch einen Sprung entfernt steht und schon die Hand nach dem Ausreißer ausstreckt, dreht der Kleine sich rasch um und verschwindet zwischen den Hecken der Gärten.

»Was kümmert Sie denn das? Sagen Sie mal, Sie sind wohl nicht ganz gesund? Was soll denn der Junge noch draußen, he? Den hätte ich schon längst versohlt, wenn Sie mir nicht dazwischengekommen wären ...«

Die Frau stützt ihre Hände in die Taille, erstaunt sieht der junge Kerl die schimpfende Arbeiterfrau an. Sie ist vielleicht fünfunddreißig Jahre, trägt graues Arbeitszeug, ihre weißen Arme schimmern hervor. Zornig schimpft sie, sie kann gut schimpfen, der Junge kommt gar nicht dazu, sich zu verteidigen.

»Na, aber hören Sie mal, ich wollte den Jungen bloß rüberholen ...«

»Was geht denn Sie das an?«

Sie schüttelt ihren Kopf, sie hat volles braunes Haar, nett und anmutig zu einem Bubikopf geschnitten. Ohne noch etwas zu sagen, ohne sich um ihren weggelaufenen Jungen zu kümmern, dreht sie sich um und geht mit schnellen Schritten durch den Gartenweg.

Der Arbeiter steckt seine Hände wieder in die Tasche und pfeift vor sich hin. Das war kein netter Anfang.

Er fröstelt plötzlich, ein kalter Wind kommt aus den Feldern. Das Werk ist nicht mehr weit, er sieht schon das große Tor, eine einsame Bogenlampe glimmt rosig auf. Der Himmel ist völlig überzogen, ein Hund heult entsetzlich, einsam und trostlos klingt das. Der junge Arbeiter dreht sich schnell um und schlägt seinen Kragen hoch.

Zur Linken steht ein Mann vor der Haustür und raucht seine Pfeife.

»Tag, Kollege. Kann ich hier Wohnung kriegen, ich arbeite im Betrieb.«

Der Arbeiter hat ein stoppliges Gesicht und dicke Augenbrauen. Mehr ist von ihm in der Dunkelheit nicht zu sehen. Er schweigt eine Weile, dann nimmt er die Pfeife aus dem Mund und zeigt nach rechts.

»Frage mal da drüben. Bei mir ist alles voll.«

»Danke schön.«

Das Nebenhaus besteht nur aus einem Geschoß, es brennt kein Licht, die Tür ist verschlossen. Der Arbeiter klopft. Nach einer Weile hört er Schritte, eine dünne Stimme fragt durch die Tür: »Wer ist da?«

Jetzt möchte ich mal wissen, was ich sagen soll, denkt der junge Arbeiter.

»Macht nur mal auf!«

Die Tür quietscht, ein kleiner Mädchenkopf erscheint in der Spalte.

»Was ist denn los?«

»Ist dein Vater zu Hause?«

»Vater? Wen wollen Sie denn sprechen? Herrn Maczurek?«

»Ja, den.«

»Der hat Nachtschicht.«

»Ist bei euch niemand zu Hause, ich möchte nämlich eine Schlafstelle haben. Ich arbeite im Betrieb.«

Eine Weile ist alles still. Das Mädchen sieht ihn ruhig an, auf der Straße rollt ein Wagen vorbei. Er knirscht und poltert. Man kann in der Dunkelheit kaum noch etwas sehen.

»Warten Sie mal einen Augenblick.«

Die Tür schließt sich, und er hört wieder die merkwürdigen schlurfenden Schritte des Kindes.

Auf der Straße wird es lebhaft, aus dem Betrieb rückt eine Schicht ab, sie laufen auf dem Fußsteig und auf der Fahrstraße. Beide sind allerdings nur durch kleine Erhöhungen unterschieden.

Plötzlich fällt ihm Licht in die Augen. Irgend jemand hat im Hause eine Lampe angezündet, die Tür steht offen, es ist eine Petroleumlampe, eine große grüne, bedeckt mit üppigen Schlangen- und Pflanzenornamenten. Das kleine Mädchen hält sie in der Hand.

»Kommen Sie herein!«

Der fremde Arbeiter nimmt seine Mütze herunter und bückt sich. Die Tür ist sehr niedrig.

In der Stube ist eine stickige, feuchte Luft, ein großer Tisch steht da, der füllt fast den ganzen Raum, ein grüner Kachelofen lehnt sich an die Wand, daneben hängt ein Kanarienvogelkäfig.

»Wann fangen Sie im Betrieb an?«

»Morgen.«

»In welcher Abteilung?«

Der junge Arbeiter sieht augenzwinkernd in das Kindergesicht. Er will einen Witz machen, das ist ja spaßig, wie die Kleine ihn ausfragt. Aber auf einmal wird er ernst, er muß husten, er zieht sein Taschentuch, und dann sagt er ruhig: »Im Schwefelnatronbetrieb. Eigentlich bin ich aber Schlosser.«

Die Kleine dreht sich um und stellt die Lampe auf den Tisch. Nun sieht der junge Arbeiter ihren Rücken. Sie hat einen Buckel, sie ist verwachsen und bestimmt kein Kind mehr, sie ist vielleicht so alt wie er selbst.

»Ja, wir haben oben auf dem Boden noch 'ne Bettstelle. Ist nich sehr groß. Wollen Sie sie mal sehen?«

Die Treppe knarrt, als sie hinaufsteigen. Das bucklige Mädchen geht mit der Lampe voran. Ein zweites Geschoß existiert nicht, das hat er schon auf der Straße sehen können, aber eine ziemlich dunkle und enge Bodenkammer, in der altes, verstaubtes Zeug liegt. Beim schwachen Schein der Lampe sieht er einen dreckigen gelben Kinderwagen, einen Wäschekorb, ein Bündel Draht und, schon tiefer im Dunkeln, ein Waschgestell.

»Da können Sie sich waschen. Und hier in der Ecke müßten Sie schlafen!«

Die Wand winkelt sich scharf nach rechts ab und macht einen kleinen abgetrennten Verschlag frei. Anscheinend läuft da eine Esse vorbei. Er sieht auf das Bettgestell hinunter, greift über die kalten Stäbe, rüttelt daran, es steht fest.

»Ich lege noch 'ne Matratze auf. Und eine Decke können Sie dazu kriegen. Hier ist ja die Esse, da kommt immer Wärme rauf.«

Über dem Bettgestell steht eine große, breite Dachluke offen.

Der Mond ist aufgegangen, er schwimmt hell und leise vorbei. Kalte Nachtluft weht herein. Augenblicklich merkt man noch nichts von der Wärme der Esse.

»Schön, und was soll das kosten?«

»Fünf Mark die Woche, ist das recht?«

»Gut. Aber legt mir heute abend noch was rauf, 'ne richtige Decke und so.«

»Wird gemacht!«

»Habt Ihr noch 'ne Lampe?«

»Sie können die hier gleich oben behalten. Aber viel Petroleum ist nicht mehr drin, das müßten Sie selber kaufen. Ich will gleich die Decke holen.«

»Ach, laßt mal, ich gehe noch ein bißchen raus, da können Sie dann alles in Ordnung bringen. Aber die Adresse muß ich noch wissen?«

»Jubiläumsweg siebzehn, bei Maczurek.«

»Ich heiße Werner. August Werner.«

Das Mädchen hat helle, leicht umränderte Augen. Sie sieht ihn aufmerksam an, das Licht der Lampe fällt ihr voll ins Gesicht. Dann dreht sie sich um und geht.

August Werner betrachtet seine neue Wohnung. Er rückt eine große Kiste heran, den Waschbottich stülpt er um, stellt ihn zwischen die Mauernischen und bekommt so einen einigermaßen brauchbaren Tisch. Aus seiner Jackentasche zieht er die Abendzeitung, breitet sie über den Boden des Bottichs, nimmt aus seiner Brieftasche Papier und beginnt mit Bleistift einen kurzen Brief zu schreiben. Auf dem Umschlag steht: »An die Bezirksleitung der KPD, Polsekretariat«, der Name der Stadt und die Straße. Er liest alles noch einmal sorgfältig durch, klebt den Brief zu und steckt ihn in die Tasche.

II.

Zwei Stunden später kommt August Werner durch den Jubiläumsweg zurück. Man braucht schon eine Weile Zeit, wenn man rings um das Werk herummarschiert. Er hatte hier und da ein bißchen gehorcht, mit dem Pförtner vom Westtor über die Belegschaftsstärke gesprochen und sich dann die Felder angesehen, die ruhig und dumpf im kühlen Mondlicht dalagen. Eigentlich ist er nur hinausgegangen, damit das Mädchen sein Bett in Ordnung bringen konnte. Von Ferne schlägt der rote Atem der Stadt in den Himmel und weht über den Horizont, so weit er sehen kann. Im Werk hämmern die Maschinen, aber im Jubiläumsweg ist alles still. Durch die Fenster der kleinen Baracken schimmert das rötliche Petroleumlicht, kein Mensch läßt sich mehr auf der Straße sehen.

Selbst vor Pilsartz' Kneipe, dem einzigen »Etablissement« dieser Art in der Kolonie, treibt sich nur ein ruppiger Köter herum, der durch eine Gartentür zu kommen versucht, aber sofort verschwindet, als sich August nähert. Der junge Arbeiter ist müde geworden, er denkt daran, daß morgen früh um sechs Uhr die Plackerei anfängt.

In allen Fenstern des Maczurekschen Hauses brennt noch Licht.

Drinnen sitzen sie beim Abendessen um den großen Tisch. August bleibt überrascht stehen. Das ist ja eine große Familie.

»'n Abend.«

Maczureks essen Pellkartoffeln mit Hering. Neun Personen sitzen am Tisch, die kleine Bucklige steht am Ofen und rührt in einem Topf.

»Schwefelnatronbude, na, da könnt Ihr ja lachen.«

»Giftige Sache, was?«

»Von dreißig Mann kriegen fünfzehn immer Krankengeld.«

Die Bucklige hält ihm einen Teller hin. Darauf liegt ein grüner Hering. »Eßt noch was, das ist gerade übrig.«

»Danke schön.«

Er sucht einen Stuhl. Ja, Scheibe. Na, auf der langen Bank rücken alle noch ein bißchen zusammen.

»Ihr habt bloß Tagschicht?«

»Ja.«

»Na, Kox wird euch schon die Hammelbeine langziehen.«

»Kox ist der Meister, eigentlich heißt er Kohlschein«, erklärt ein junger Arbeiter mit einem kleinen Chaplinschnurrbart. Er hat bis jetzt noch kein Wort gesagt, nur der Alte spricht, in dem August den alten Maczurek vermutet.

»Schön dumm, wer sich das gefallen läßt.«

»Na, muckt nur auf, dann werdet ihr nicht lange in der Bude sein. Die Pinkertons sind fix hinter euch her.«

»So sind die in allen Abteilungen?«

Der alte Maczurek, mit einem struppligen Schnauzbart, sieht ihn lange an. Seine stechenden, mißtrauischen Augen stehen eng nebeneinander, von dichten Brauen überdeckt.

»Von mir erfährst du nischt.«

In der Stube wird es still, die Teller werden leer, nur Heringsgräten und Kartoffelschalen liegen noch drauf.

»Danke schön«, sagt August, steht auf und geht auf den Boden hinauf.

Der Alte hebt den Kopf, als die Schritte oben zu hören sind, sieht seine bucklige Tochter an und schneuzt.

»Da habt ihr euch einen schönen Burschen hereingeholt, will wahrscheinlich spitzeln.«

»Bist dumm. So sieht der doch nicht aus.«

»Na, was soll er schon hier erfahren? Daß du SPD-Obmann bist, wissen doch alle.«

Sie essen zu Ende und gehen in das einzige Schlafzimmer, in dem zehn Personen schlafen müssen.

Der Mond wandert weiter über die Kolonie. August schläft bald ein. Er ist müde, und morgen muß er wieder zeitig aus der Falle. Zähe, mißtrauische Bande, denkt er noch, ehe er einschläft.

So endet der Montag, an dem August Werner in die Stickstoffkolonie kam, um eine Sache zu drehen.

III.

»Macht Pause!« sagt gemütlich Philipp, der kleine dicke Werkmeister.

August sieht erstaunt, wie sich die Proleten im Arbeitsraum auf umgestülpte Kisten setzen und ihr Brot hinunterschlingen. Fünfzig Mann arbeiten hier in seiner Abteilung, alle haben die gelblich-fahlen, hageren Gesichter der Chemiearbeiter. Ihre Knochen treten unnatürlich stark hervor, als habe der dauernde Aufenthalt in dieser giftigen Luft organische Veränderungen hervorgerufen. August kennt nur den jungen Maczurek, einen schüchternen, stillen Mann. Er geht zu ihm hin.

»Sag mal, Emil, bleibt ihr in der Giftklappe sitzen, wenn ihr fressen wollt?«

Emil kaut schweigend an seiner Stulle und sieht mit wäßrigen Augen auf.

»Ihr müßt doch mindestens einen Versperraum haben! Mensch, ich bleibe nicht in dem Gestank. Wo sitzt denn bei euch der Betriebsrat?«

Ein paar Arbeiter sind aufmerksam geworden.

»Komm, bleib sitzen«, sagt ein großer, breitschultriger Kerl, dessen kleines Greisengesicht seltsam mit seinem starken Körper kontrastiert, »richtest doch nichts aus. Wer sich hier muckt, fliegt ...«

August sieht ihn einen Moment ruhig an, dann erinnert er sich, warum er hier ist, dreht sich um und geht.

»Wird sich schon die Hörner einrennen«, sagt ein Vorarbeiter höhnisch hinter ihm her. Er heißt Fritsche. Die anderen schweigen, denn Fritsche ist ein Denunziant.

August geht an den großen offenen Kesseln vorbei, in denen die Lauge kocht, holt sich sein Brot aus dem Mantel und will zur Tür hinaus. Er ist noch nicht zwei Schritte auf dem Gang, als er mit einem Koloß zusammenstößt, der ihn anbrüllt: »Wohin?«

August weiß sofort, das ist Kox. Er beißt die Zähne zusammen und sagt ruhig: »Ich kann in dem Mief nicht fressen.«

»Das Verlassen der Betriebsräume während der Arbeitszeit ist untersagt.«

»Ich will zum Betriebsrat. Das ist gegen jede gesundheitspolizeiliche Vorschrift.«

Der Werkmeister läßt ihn los, sieht ihn mit kleinen, boshaften Augen an und lacht.

»Wie lange bist du hier?«

»Seit heute.«

»Und wie lange willst du hier bleiben?«

August überlegt einen Augenblick, dann dreht er sich um und geht in den Saal zurück. Kox sieht ihm nach, er weiß nicht recht, was er zu diesem Neuen sagen soll.

August setzt sich in eine Ecke und schlingt sein Brot hinunter, dann geht die Arbeit weiter. Sie arbeiten im Akkord, die Leistung wird mit der Stoppuhr gemessen, und ein raffiniert ausgeklügeltes Prämiensystem spornt die Arbeiter zu einem rasenden Tempo an. Neben August steht am Gasofen ein junger Bursche mit einem freundlichen, offenen Gesicht, die blonden Haare hängen ihm wirr in die Stirn. August freundet sich schnell mit seinem Nebenmann an.

»Weißt du, in der Kolonie ist nischt los, sobald ich in der Stadt Arbeit kriege, haue ich hier ab.«

»Was hast du denn gelernt?«

»Karosseriebau. Geht jetzt auch faul. Wie bist du eigentlich in die elende Bruchbude gekommen?«

»Durchs Arbeitsamt«, sagt August kurz.

»Halt's Maul, Kox kommt!« zischt auf einmal der junge Kerl.

August setzt seinen Filter ein und läßt die Lauge durchlaufen. Hinter ihm steht jemand, das weiß er. Er dreht sich nicht um, er kümmert sich um nichts als um seine Arbeit, er arbeitet schneller.

Plötzlich stößt ihn sein Nebenmann an. »Kox ist weg.«

»Er hat ja gar nichts gesagt.«

»Nee, dreckig gefeixt hat er.«

»So.«

»Ich habe noch ein Hühnchen mit dem Burschen zu rupfen. Ehe ich gehe, passiert noch was.«

August lacht. Sie sehen sich an.

»Ich heiße Karl Becker.«

»Und ich August Werner.«

August streckt ihm die Hand über den Bottich entgegen, auf gute Freundschaft. Aber mit einem Schmerzenslaut fährt er zurück. Karl Becker kommt sofort zu ihm herübergelaufen, um den Bottich herum.

»Mensch, vor dem Zeug mußt du dich in acht nehmen.«

In der Lauge des Bottichs bilden sich Blasen, und ab und zu springt mit einem kleinen Knall ein Spritzer heraus. Karl reißt den Tischkasten auf und drückt Augusts Hand in eine weiße, mehlartige Masse.

»Bleib mal einen Moment so stehen.«

Auf dem Handrücken hat sich eine winzig kleine, aber sehr schmerzende Blase gebildet.

Karl zeigt auf das weiße Zeug im Tischkasten.

»Das habe ich reingelegt, im Fall, daß mal was passiert. Der offizielle Sanitätskasten ist im dritten Saal. Ehe du dort bist, kann dir die Haut schon in Fetzen herunterhängen.«

Der Schmerz läßt etwas nach. Karl wickelt einen Lappen um die wunde Stelle und klopft ihm auf die Schulter.

»Tut's noch weh?«

Sie lachen sich an. Netter Kerl, denkt August, mit dem werde ich vielleicht was anfangen können.

Drei Uhr ist Schichtwechsel. August kommt völlig durchgedreht an die frische Luft. Der blödsinnige Schwefelgestank bleibt noch stundenlang in seiner Nase, er schnappt richtig nach dem frischen Wind, der über die Siedlung geht.

Vor der Tür des Maczurekschen Hauses steht die kleine Bucklige. Sie trägt eins der vielen Maczurekschen Kinder auf dem Arm.

»Ich bringe das Essen gleich rauf.«

August hat verabredet, daß er jeden Nachmittag für fünfzig Pfennige einen Topf Zusammengekochtes bekommt. Er grüßt und geht in seine Bodenkammer. Kurz darauf kommt sie mit einem Topf Möhren, Bohnen, Kartoffelstücken.

»Hört mal, heute mittag war schon zweimal ein Mann da, der Euch sprechen wollte. So ein kleiner, dürrer.«

»Ach so«, sagt Werner, »will er wiederkommen?«

»Da bin ich schon!« Eine helle Stimme meldet sich auf der Treppe.

»Ja, das ist er.« Das bucklige Mädchen steigt die Treppe hinunter, als der Ankömmling die Bodenkammer betritt.

Der fremde Besucher sieht merkwürdig aus. Auf einer kleinen, gedrungenen Gestalt sitzt ein schmaler, zarter Kopf, ein kindliches junges Gesicht, das allerdings durch die schwarzen Bartstoppeln einer Woche ziemlich verdeckt ist.

»Tag, Genosse Werner«, sagt er.

»Tag, Rotter.«

»Wir haben deinen Brief heute morgen bekommen, jetzt bin ich schon da. Du siehst also, daß wir der Sache den nötigen Wert beilegen.«

Sie lachen.

Rotter dreht sich um.

»Dünne Wände hier, was? Gehen wir lieber raus.«

Sie steigen hinunter, gehen über die Straße, in eine Schneise hinein, die sich in den dreckigen, kalten Feldern verliert.

Rotter beginnt zu fragen.

»Welche Abteilung?«

»Schwefelnatron.«

»Mies?«

»Dunstige Sache! Jeden Tag könnte man zehn Arbeiterkorrespondenzen rausziehen – wenn man die richtigen Leute hätte.«

»Na, dazu bist du ja da!«

Die Luft vernebelt sich. Es ist kalt und windig.

»Wie ist die Belegschaft?«

»Lau.«

»Natürlich. Pinkertons und Spitzel und Vorarbeiter und Werkmeister und Feuerwehrleute und weiße Werkgemeinschaften, und wenn es sein muß, Reichsbannerrollkommandos, das haben wir dir ja schon gesagt, die sind fünf- und zehnfach gesichert. Deshalb haben sich ja bis jetzt noch nie kommunistische Arbeiter im Betrieb einnisten können. Das heißt seit neunzehnhundertvierundzwanzig! Vorher haben wir immer absolute Mehrheiten unter der Belegschaft gehabt. Die Sache mit dir ist ein Glücksfall. Nun will ich dir aber noch etwas sehr Ernstes sagen.«

Rotter ist stehengeblieben, er packt den jungen Arbeiter an der Jacke und hält ihn fest.

»Jähzornig bist du nicht gerade, aber ein bißchen zu offen, ein bißchen zu übereifrig, das ist sonst sehr schön und gut, aber hier nützt es gar nichts, verstehst du? Du hast die Aufgabe, hier eine feste Zelle zu organisieren, Leute, die standhalten, die sicher sind, auf die man sich verlassen kann. Du hast hier auf nichts anderes zu achten als darauf, daß die Sache dicht bleibt. Betriebszellen sind sowieso keine Juxvereine, die ihre Mitglieder offiziell werben, aber eine Zelle in der Giftgasbude, du wirst wohl wissen, was das zu bedeuten hat.«

»Jawohl!«

August sieht sich genau Rotters schmales Gesicht an, das von der langen Rede ganz rot geworden ist. Er weiß schon, was er tun muß.

Sie gehen zurück. Rotter gibt ihm noch verschiedene Anweisungen, sie sprechen lange, eingehend und ernsthaft miteinander.

Als August in seine Bodenkammer zurückkommt, steht der Eßtopf noch auf seinem Tisch. August schlingt das kalte Essen hinunter, es schmeckt ihm vorzüglich. Hinterher dreht er sich eine Zigarette, schlägt ein kleines rotbraunes Büchlein auf, das ihm Rotter mitgebracht hat, und beginnt zu lesen. Er liest bis in die Dämmerung, macht sich Licht und liest dann weiter.

So endet der Dienstag, an dem August Werner genau erklärt bekam, wie er die Sache in der Stickstoffbude drehen soll.

Am nächsten Vormittag passiert allerlei. Der Tag beginnt schon unfreundlich. Regen strömt herunter, die Dorfstraßen verwandeln sich in sumpfigen, gefährlichen Morast, und August kommt fünf Minuten zu spät. Der Portier macht eine gönnerhafte Miene und sieht ihm, auf den Absätzen wippend, lange nach.

Der Gestank in der Bude kommt dem jungen Arbeiter heute noch widerlicher vor, er überlegt sich, wie lange er das wohl noch durchhalten werde.

Karl begrüßt ihn freundlich.

»Verschlafen?«

»Tscha, ich war noch so duselig heute morgen.«

»Na, heute hast du ja den richtigen Vorarbeiter.«

»Wer ist denn das?«

»Fritsche.«

August hat den Namen noch nicht gehört, und auch als er den jungen Kerl sieht, dessen große abstehende Ohren ihm besonders auffallen, denkt er nicht an die Szene bei der gestrigen Essenspause. Aber Fritsche denkt noch daran. Mit seinen kurzen, tänzelnden Schritten kommt er von hinten auf August zu.

»Na, los, los! 's wird Zeit.«

August dreht sich langsam und erstaunt um. Auf seinem Gesicht scheint ungefähr die Frage zu stehen, ob Vorarbeiter sich hier etwa als Antreiber betätigen müssen.

»Der Abzug wird wohl unten schon vermerkt sein.«

»Das ist meine Sache, verstanden!«

August antwortet sehr laut, die umstehenden Arbeiter drehen ihre Köpfe zu ihm hin. Fritsche wippt immer noch und kaut an den Lippen. Er scheint sich etwas zu überlegen, dann geht er weg. Nach einer Weile kommt er wieder und bleibt hinter August stehen.

August muß in regelmäßigen Abständen Filter einsetzen und in der dicken, zähen Masse rühren. Ist die Lauge nicht flüssig genug, dann stoppt er einfach den Zufluß. Für jeden Griff gibt es eine bestimmte Zeitvorschrift, und gestoppt darf während der Arbeit nicht werden, da angeblich das Tempo normal sei und von einer Arbeitskraft bewältigt werden könne. Man verwendet zu dieser Beschäftigung nur unqualifizierte Arbeiter. Es gibt 0,65 Mark für die Stunde. August findet schon am ersten Tag heraus, daß dieses Tempo unmöglich acht Stunden hintereinander durchgehalten werden kann, und deshalb stoppt er einfach, wenn der Zufluß zu stark ist.

»Was ist denn das? Warum wird denn da gestoppt?«

Aha, Fritsche steht wieder da!

»Das ist ja ein bummeliger Betrieb.«

»Wieso denn? Die Geschwindigkeit ist ja viel zu groß.«

»Quatsch, die Geschwindigkeit ist richtig und sorgfältig auskalkuliert.«

August ist wütend, aber er versucht, ruhig zu antworten. »Na, dann mach du doch mal das Tempo mit!«

Fritsche tritt ganz nahe an ihn heran.

»Erstens mal, mein lieber Mann, heiße ich noch immer ›Sie‹. Ich wüßte nicht, daß ich hier Brüderschaft getrunken hätte.«

Er versucht, »fein« zu sprechen, Meister zu markieren. Die Arbeiter schneiden hinter seinem Rücken Grimassen. Glücklicherweise denkt August an Rotter, sonst würde vielleicht im nächsten Augenblick etwas durch die Luft fliegen.

»Zweitens aber will ich euch beweisen, daß ihr im richtigen Tempo arbeitet.«

Er drängt August zur Seite, legt die Stoppuhr hin und fängt an. Die Arbeiter sehen neugierig zu. Er macht dreimal drei Gänge zu je zwei Minuten und kommt tatsächlich mit der Zeit aus. Schwitzend und puterrot steht er da.

»Na, immer muß man die Sache erst vormachen.«

Die Arbeiter sehen auf August, der lächelnd danebensteht. Fritsche sieht ihn herausfordernd an.

»Na?«

»Schön und gut. Nun machen Sie mir das mal acht Stunden hintereinander vor.«

Die Arbeiter lachen laut auf. Da scheint auf einmal der Gestank aus der Bude verschwunden zu sein. Vielleicht regnet es draußen immer noch, was schadet das? Die Hauptsache: Fritsche zieht fluchend ab.

»Feixt nicht so dämlich.«

Karl Becker strahlt über das ganze Gesicht. Und als Fritsche verschwunden ist, kommt Augusts Nachbar von rechts, ein kleiner, fixer Bursche namens Emil Sommer, zu ihm herüber, knufft ihm in die Seite und zwinkert mit den Augen.

IV.

»Mensch, du gefällst mir. Komm heute abend mit zu Pilsartz, ich gebe einen aus.«

August verspricht das.

Der Ofen zischt, und in den Kesseln kocht die brodelnde Masse. Weißlich dicker Dampf füllt den Raum. Eine Schleudermaschine ächzt eintönig hin und her. Kox kommt ab und zu kontrollieren, er schnauzt. Philipp aber, der zweite Werkmeister, geht wie ein sanfter Heinrich durch die Säle. Er tut niemandem was zuleide.

In der Mittagspause kommt, obwohl das streng verboten ist, eine junge Arbeiterin aus der Photoabteilung, die sich im zweiten Stock befindet, und erzählt aufgeregt eine unerhörte Geschichte. Vor zwei Stunden sei ein junges Mädchen namens Lina Lossen an der Stanzmaschine niedergekommen, Frühgeburt. Sie liege immer noch im Waschraum, das Krankenauto sei noch nicht gekommen.

»Das ist ja toll. Und die läßt man bis zum letzten Augenblick arbeiten?«

Das Mädchen fängt an zu weinen.

»Na, eine schöne Schweinerei hier.«

»Hätte eben nicht herumhuren sollen.«

»Halt deine Schnauze!«

Eifrig wird die Geschichte besprochen. Sie nehmen sich sogar vor den anwesenden Vorarbeitern nicht in acht. Einige witzeln. August steht ruhig und bedächtig daneben.

»Wißt ihr, daß in Sowjetrußland eine schwangere Arbeiterin sechs Wochen vor der Niederkunft und sechs Wochen nachher beurlaubt wird?«

»Das gibt es bei uns ooch!«

»Ja, aber bloß vier Wochen und unter was für Schwierigkeiten. Und du siehst doch, daß es hier nicht gelangt hat. In Sowjetrußland aber ...«

»Woher weißt du denn das?«

Fritsche dreht sich hastig um.

»Ach, du bist wohl Kommunist?«

»Ich heiße immer noch ›Sie‹, wenn ich bitten darf. Im übrigen habe ich nur gesagt, was ich in einer bürgerlichen Zeitung gelesen habe, das kann man doch hoffentlich noch, was?«

»Na, du bist ja ein gerissener Hund. Erst hetzen, dann kneifen! Ich stehe meinen Mann, ich sage jedem, was ich bin. Ich bin Nationalsozialist!«

»Auch eine feine Partei.«

»Was soll denn das heißen?«

»Nischt.«

Kox schickt die junge Arbeiterin hinunter in ihre Abteilung, er wagt aber nicht zu schimpfen.

»Gott, das kann doch jedem Mädel mal passieren.«

Der große, breitschultrige Arbeiter mit dem Greisengesicht, Gustav Maasen heißt er, kann sich nicht beruhigen.

»Das ist aber doch eine Sauerei, sage ich euch. Das ist zum Kotzen, daß nicht einmal ein Krankenwagen zur Stelle ist.«

»Was macht denn da euer Betriebsrat?« fragt August.

Ein paar Arbeiter lachen.

»Guck ihn dir doch mal an.«

»Das will ich ooch.«

»Bleib lieber nicht dabei!«

»Na, hört mal, der hat doch die Aufgabe, sich darum zu kümmern.«

»So siehst du aus!«

»Hört mal, wollen wir nicht jemanden runterschicken?«

»Wen denn?«

»Na, schickt doch den feinen Herrn Werner runter, wenn's ihm solchen Spaß macht«, sagt Fritsche giftig.

»Nee, geht nicht.« Kox schiebt sich durch und winkt mit der Hand ab. »In drei Minuten ist die Pause vorbei.«

»Wieso?« August dreht sich langsam und erstaunt um. »Wenn ich in einer eiligen Angelegenheit zum Betriebsrat muß, dann scheiß ich drauf, ob die Pause zu Ende ist oder nicht. Siehe Betriebsrätegesetz.«

Alle sehen ihn an, sogar Meister und Vorarbeiter sind fassungslos, das sind ja neue Töne, die hat man lange nicht im Betrieb gehört. August hat sich hingesetzt, er packt sein Brot sorgfältig zusammen. Auf einmal drängt sich einer an ihn heran, es ist der kleine Emil Sommer.

»Also, geh runter, August, beschwere dich. Die Schwefelnatronabteilung schickt dich. Seid ihr einverstanden?«

Er dreht sich fragend zu den umstehenden Arbeitern. Einige rufen: »Ja.«

»Also, mach schon, nicht wahr, Herr Kohlschein, Sie haben doch nischt dagegen?«

Lauernd bückt sich der kleine Mann mit den schwarzen Augen zum Werkmeister. Die förmliche Anrede und das »Sie« wirken hier im Betrieb verlogen und lächerlich, aber einige der Scharfmacher verlangen das. Kox sieht den Arbeiter Sommer an, verzieht sein Gesicht spöttisch, dreht sich um und verschwindet.

»Du erreichst doch nischt bei den feinen Herrn da unten«, sagt ein junger Arbeiter geringschätzig zu August.

»Warum habt ihr sie denn dann gewählt?«

Der Gefragte weiß eine Weile nichts zu sagen, dann wird er ganz rot, beugt sich vor und zeigt auf seine Brust. »Ich nicht, das kannst du glauben, ich habe sie nicht gewählt.«

»Na, geh schon runter, August.«

August steckt sein Brot in den Mantel, dreht sich um und geht. Die Arbeiter sehen ihm aufmerksam nach.

»Fixer Bursche, was?«

»Wird nicht warm werden hier.«

»Wird sich schon noch die Hörner abrennen«, meint Fritsche.

Schweigend hören die Arbeiter zu. Das Gespräch versiegt in einigen nichtssagenden Bemerkungen. Dann pfeift die Sirene. Sie gehen wieder an ihre Maschinen. August Werner ist noch nicht zurückgekommen. Er geht langsam die Treppe hinunter, über den steingepflasterten Hof, an den Kontrolleuren vorbei, die ihm erstaunt nachsehen. Es regnet tatsächlich nicht mehr, das Pflaster glänzt naß, und ein lichter blauer Streifen kämpft sich durch die Wolken. Mitten im Hof steht, leicht, elegant, rebenüberwachsen, das Direktionsgebäude. Dieses reizende Häuschen in der Mitte des großen Hofes, umstellt von den dunkeln Mauern der Fabrik, wirkt seltsam. Sogar weiße Gardinen sind an allen Fenstern. In diesem Häuschen befindet sich auch der Betriebsrat, im zweiten Stock. Er sitzt räumlich der Direktion näher als der Belegschaft.

An der Tür hängt ein großes Schild: »Eintritt verboten, Anmeldung im Sekretariat, Zimmer 12. Sprechstunden von 4-6 Uhr nachmittags. Unterredungen während der Arbeitszeit werden nur bei dringenden Anlässen und nach vorheriger Anmeldung gewährt.«

»So siehst du aus«, murmelt August vor sich hin, klopft an die Tür von Zimmer 12 und tritt ein.

Zwei junge Mädchen sitzen an Schreibmaschinen, eine fragt nach seinen Wünschen.

»Ich möchte jemand vom Betriebsrat sprechen.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Beschwerde.«

»Das können Sie doch jetzt nicht machen!« Das junge Mädchen, hochblond, onduliert, lüftet kokett ihren Sitz, um aber im nächsten Augenblick sofort wieder zurückzusinken, denn August schlägt auf die hölzerne Barriere und brüllt: »Wollen Sie mich anmelden oder nicht?«

Ohne einen Mucks zu sagen, springt das junge Mädchen auf und verschwindet durch eine Tür. Die andere schreibt hastig. Es vergeht eine Weile, dann kommt die erste mit einem Block und Bleistift wieder. August liest: »Name, Abteilung, in welcher Sache wird Unterredung gewünscht?« Wütend füllt er die Spalten aus.

»Frollein, Sie können dem Herrn ruhig sagen, wenn ich nicht schnell vorgelassen werde, suche ich mir alleine und ohne vorherige Anmeldung den Weg ins Betriebsratszimmer.«

Mit einem entsetzten Blick verschwindet die Stenotypistin. Er hat kaum eine Minute gewartet, da öffnet sich die Tür wieder, und das Mädchen bittet ihn mitzukommen. Sie kommen durch einen Gang, nochmals durch ein Vorzimmer und dann an eine gepolsterte Tür. Das Mädchen klopft und öffnet.

»Bitte!«

August kennt eine ganze Reihe Betriebsratszimmer, aber hier geht es anscheinend besonders fein her. Ein durchgehendes Riesenfenster schließt die Seite nach der Fabrik zu ab, davor steht ein weitausladender Schreibtisch im Halbrund. Ein älterer Mann mit weißem Schnauzbart und glattrasierter Platte weist mit einer kurzen Handbewegung auf einen Stuhl. August geht über Läufer und Teppiche, alles ist gedämpft und feierlich. Ihm kommt wieder einmal das große Kotzen. Jovial reicht der Betriebsrat seine Hand über den Tisch.

»Na, worüber willst du dich denn beschweren, Kollege Werner?«

Gut auswendig gelernt, denkt August, vor fünf Minuten wolltest du mich noch nicht einmal vorlassen. Dann erzählt er rasch, was sich in der Photoabteilung zugetragen hat und daß noch immer kein Krankenauto zur Stelle sei ...

»Aber, lieber Kollege, wir haben doch sofort telephoniert, für die Verzögerung können wir doch nicht verantwortlich gemacht werden!«

»Erstens mal ist es eine Sauerei, daß die Kollegin so lange im Betrieb stehen mußte ...«

»Aber hören Sie mal!« Jetzt auf einmal vergißt der Herr Betriebsrat den kollegialen Ton.

»Dann habe ich mich noch über einige andere Spezialitäten dieser Bruchbude zu beschweren ...«

Die friedlichen, biederen Falten im Gesicht des Betriebsrates verschwinden, er sieht auf das Blatt vor sich.

»So können wir natürlich unmöglich weiter verhandeln. Sie kommen während der Arbeitszeit mit völlig unbegründeten Beschwerden ...«

»Na, dann sehen Sie vielleicht mal nach, wie heute morgen der Vorarbeiter Fritsche bei mir mit der Stoppuhr auskalkuliert hat. Er kam noch gerade so mit, und ich soll das acht Stunden lang machen, was? Sonst sind die Prämien futsch.«

»Ja, Sie müssen sich auch überlegen, daß manche Arbeiter sich eben nicht für die Gruppe Chemie eignen, da kann man nichts machen.«

»Ach, ist das die letzte Weisheit der Betriebsräte?«

»Also, lieber Kollege«, der Betriebsrat erhebt sich, »reichen Sie mir Ihre Beschwerde schriftlich ein. Stellen Sie sich mal vor, was dann passieren würde, wenn jeder Kollege hierhergerannt käme ...« Ölig kommt das Wort »Kollege« aus dem Munde des Betriebsrates, es klingt scheinheilig und verlogen. August kann dieses gleichgültige Bürokratengesicht nicht mehr sehen.

»Also, Sie wollen nicht herunterkommen und sich die Sache ansehen? Ich spreche nämlich im Namen der Schwefelnatronbelegschaft.«

»Guter Mann«, die jovialen Fältchen rutschen wieder in sein Gesicht, »was hätte ich für ein Interesse, Ihre Forderungen, falls sie berechtigt sind natürlich, nicht zu untersuchen? Ich bin seit vierzig Jahren organisiert in der SPD ...«

»Verzeihung, kann ich noch Ihren Namen erfahren, damit ich der Belegschaft genauen Bericht erstatten kann!«

»Na, das ist aber stark ...«

»Wollen also nicht? Schön.«

August dreht sich um und verläßt das Zimmer. Draußen genügt ein Wort, um von einem Schreibmaschinenmädchen den Namen zu erfahren. Er heißt Ortmayer, Betriebsratsvorsitzender, SPD-Mann.

August geht ruhig rauf. Im Arbeitssaal sieht keiner auf, als er hereinkommt. Selbst Fritsche, der ganz in der Nähe steht, tut, als bemerke er ihn nicht. August geht an seinen Platz und beginnt sofort zu arbeiten. Er arbeitet mit einem richtigen Heißhunger, er kommt sogar auf die geforderte Pflichtgeschwindigkeit. Nach einer Weile beugt sich Karl Becker herüber.

»Nu?«

»Sage allen Leuten, die einigermaßen sicher sind, sie sollen heute abend zu Pilsartz kommen, ich werde euch Bericht geben.«

Karl Becker kracht mit seinem Hebel hin und zurück. Er strahlt über das ganze Gesicht.

V.

»Een Hell.«

»Een Doppeldecker.«

Der alte Pilsartz bedient noch selbst. Zu einem Kellner reicht es in der Kolonie immer noch nicht. Die Proleten kommen gern in seine Kneipe, aber viel fällt dabei für Pilsartz nicht ab. Außerdem wohnen die meisten der Chemiearbeiter in den umliegenden Städten und kommen mit der Bahn zur Arbeit gefahren.

Klein und dick steht Pilsartz hinter der Theke, füllt, spült und kann dabei noch jedem Neueintretenden ein persönliches, begrüßendes Wort zurufen.

»Nu, Jakob, geht's deiner Frau besser?«

»Mensch, hör uff. Viel Arbeit und wenig zu fressen.«

»Bei Heinrichsbauers haben sie ja auch gepfändet.«

»Nu, mit uns können sie 's ja machen.«

»Menschenskinder, warum wehrt ihr euch denn nicht? Kniet euch doch dahinter! He, vor drei, vier Jahren, da hattet ihr noch Murx in den Knochen.«

»Sei stille, Pilsartz, Fritsche hat lange Ohren.«

Die Kneipe lacht dröhnend. Über Fritsches lange Ohren gehen viele komische Geschichten rum.

Der alte Pilsartz kommt hausväterlich und behäbig in seiner Schankschürze hinter der Theke hervor.

»Tscha, das ist lange her, seit euer nobler Vorarbeiter zum letztenmal hiergewesen ist. Der verkehrt jetzt nur noch bei feinen Leuten, dem ist der alte Pilsartz zu dreckig.«

»Mensch, weißt du, daß er heute durch den Kakao gezogen worden ist?«

»Wer?«

»Fritsche.«

»Von wem?«

Der alte Maasen reibt sein Glas hin und her und zwinkert ihm zu.

»Ja, wenn du das wüßtest! Wir haben einen Neuen! Einen duften Jungen!«

»Ein scharfer Bursche«, bestätigt Grollmann, auch ein Vorarbeiter, aber ein anständiger, ruhiger Kerl, der sich nicht als etwas Besseres dünkt.

Die Tür geht auf, ein neuer Schwung Arbeiter kommt herein.

»Karl, wo bleibt denn August?«

»Er will sich erst zu Hause umziehen.«

»So 'n feiner Pinkel ist das?«

Diejenigen, die nur schnell vor dem Abendessen einen genehmigen wollen, stellen sich an die niedrige Theke, auf der sich außer den Gläsern und den Bierhähnen noch eine Vitrine befindet, in der das Rohmaterial für »Pilsartz-Hausmacher-Schnittchen« aufbewahrt wird. Ein Stück schlechte Blutwurst, ein Klumpen Schweizer Käse, ein paar Mainzer Roller, Eier, Gürkchen und eine Dose Ölsardinen. Die meisten Gäste aber bleiben ein, zwei Stunden, manchmal auch länger, sie sitzen an blankgescheuerten Tischen, merkwürdigerweise nach Betriebsabteilungen getrennt. So kann man einen Tisch Photobetrieb, einen Tisch Schlosserei, einen Tisch mit den Arbeitern der Glyzerinabteilung und auch einen Tisch Schwefelnatron finden; letzterer ist schon voll besetzt. Fritz Braeß, ein hagerer Arbeiter mit einem faltigen Gesicht, weiß einige Neuigkeiten von jener Lina Lossen, die im Betrieb heute morgen niedergekommen ist.

»... Und ausgerechnet bei Fritsche hat sie gewohnt, in Untermiete! Aber den Mädchen im Photobetrieb geht es verdammt schlecht, sie leisten ja nicht den geringsten Widerstand gegen die Maßnahmen der Direktion ...«

»Na, ihr etwa?« Pilsartz beugt sich über den Tisch und lacht.

»Hör mal, da drüben ist ja ooch keene in der Organisation!«

»Liegt bloß an euch, klemmt euch doch dahinter! Macht mal 'ne richtige Frauenbelegschaftsversammlung.«

»Recht hat er! Und wo bleibt eure Unterstützung für die Gewerkschaftsopposition?« Alle drehen sich um, August ist unbemerkt an den Tisch getreten und in die Diskussion hineingesprungen.

»Mensch, geh mir mit den Gewerkschaften weg. Unsere Mitgliedsbeiträge können sie kassieren, aber was leisten sie für uns? Nischt, gar nischt!!«

»Du hast recht. Deshalb versucht eben die revolutionäre Gewerkschaftsopposition, die Arbeiter zu sammeln, einen revolutionären Vertrauensmännerstamm zu schaffen und die Bonzokratie nach Strich und Faden zusammenzuhauen.«

August trägt einen dunkelblauen Anzug, Kragen und Schlips. Der älteste Junge von Maczureks hat ihm heute nachmittag seine wenigen Habseligkeiten auf einem Handwagen aus der Stadt geholt.

»Mensch, August, setz dich erst mal hin.«

»Mach schnell, sonst kriegst du von meiner Lage nischt mehr«, brüllt Emil Sommer.

»Na, beruhigt euch mal, Herr Direktor, eine Flasche Wasser!«

»Was???«

»Na, glotzt nur nicht so. Ihr habt doch nischt dagegen, daß ich Sprudel trinke.«

»Was, du bist wohl Abstinenzler?« Der Tisch brüllt los. Sommer ist sogar ehrlich beleidigt.

»Nee, das bin ich nicht. Ich will mich bloß nicht besaufen.«

»Also, meine Lage trinkst du mit.«

»Ja, ja, beruhige dich nur, Emil.«

Sommer ist schon wieder halbwegs zufrieden. August stopft sich seine Pfeife und hört zu. Reihum sieht er sich die Arbeiter an, sie haben fast alle alte, verbrauchte Gesichter, obwohl der größte Teil unter vierzig ist. Er merkt, daß einige ihn aufmerksam beobachten, auch von den Nebentischen.

»Warum hat sich eigentlich der Kleene nicht krank gemeldet?« fragt Grollmann.

»Mensch, tu doch nicht so. Weißt ja, wie das ist mit dem Krankmelden.«

Vom Nebentisch beugt sich ein junger Kerl herüber. »Kennst du nicht die Geschichte vom Bornemann-Paul aus dem Betrieb A 7?«

»Nee.«

»Ihr wißt ja, wie es in A 7 zugeht, nicht wahr. Ach so, du bist neu, Kollege? Na ja, das ist so eine der giftigsten Abteilungen. Laß dich bloß nicht dahin versetzen. Schlimmer als Fremdenlegion. Die haben da nämlich einen Zinkofen stehen, und wenn du noch nicht Zinkdämpfe eingeatmet hast, dann steht dir noch was bevor. Dort schuften sie in drei Schichten ...«

»Hör mal, du, das wissen wir doch alles.«

»Halt deine Klappe, ich erzähle es dem neuen Kollegen. Und der Durchschnittsstundenlohn ist fünfundsiebzig Pfennige. Und natürlich das blöde Prämiensystem. Wenn du kein Rennpferd bist, verreckst du. In der Abteilung gibt es so jede Woche ein Dutzend Verbrennungen. Und ich sage dir, heiße Zinklauge, das ist eine feine Sache. Bis auf die Knochen geht die Brühe durch. Bornemann hatte drei Jahre in A 7 gearbeitet, und dann klappte er zusammen. Krankenhaus. Sieben Wochen blieb er dort. Dann kam er wieder in die Zinkdämpfe. Ich konnte beobachten, wie er zusehends verfiel. Schließlich stellten die Ärzte Tuberkulose fest. Und nach sechsundzwanzigwöchiger Krankheit flog er aus dem Betrieb. Vorher hatte er aber den Mist an den Hals gekriegt. Natürlich aus A 7. Als Entlassungsgrund wurde vom Vorsteher der Betriebskrankenkasse angegeben, er käme für die Chemie nicht mehr in Frage. Weißt du, wie alt er ist? Vierundzwanzig Jahre, er hat Frau und zwei Kinder. Warte mal, die Geschichte geht noch weiter. Jetzt steht er also da, am Verhungern. Na, denkt er, wozu ist die Sozialabteilung da. In der Werkszeitung schrieben sie ja immer feine Artikel, wie anständig und mildtätig und segensreich und lobenswert die Sozialabteilung ist, in schlimmen Fällen soll sie ja Abfindungssummen zahlen. Gesehen habe ich noch keine. Also, mein Bornemann rückt hin. Und weißt du, was er für 'ne Antwort kriegt? ›Seien Sie erst einmal zehn Jahre im Betrieb, dann haben Sie Aussicht, Unterstützung zu bekommen.‹ Fein, was? Jetzt lebt er von siebzehn Mark Wohlfahrtsunterstützung.«

August sieht den jungen Arbeiter aufmerksam an. »Und was sagt euer Betriebsrat dazu?«

»Ach, geh nur dahin, dann bist du verraten!«

»Und warum habt ihr ihn gewählt?«

Ehe aber einer der Arbeiter eine passende Antwort auf Pauls Frage gefunden hat, steht der alte Maczurek an einem Nebentisch auf und kommt herüber. In der Kneipe ist es still, nur die Gläser klappern, alle hören zu.

»Junger Kollege, du redest ein bißchen zu hohe Töne. Wir wissen schon, warum wir unsere Leute gewählt haben.«

August merkt, daß Maczurek hier Einfluß hat. Alle sehen den alten Arbeiter, der schon seit Jahren ihr Obmann ist, aufmerksam an.

»Gestatte mal, Genosse Maczurek. Ich bezweifle nicht, daß ihr wißt, warum ihr eure Leute gewählt habt, aber ich bezweifle, daß sie sich euer Vertrauen verdienen.«

»Das ist schließlich unsere Sache.«

Aha, Maczurek versucht zu kneifen, August will ihn aber auf jeden Fall stellen. Er sieht den Alten aufmerksam an, immer fest zwischen beide Augenbrauen, auf den tief einschneidenden Sattel der Nase. Er weiß, wie suggestiv dieses Mittel ist.

»Aber höre mal, gehöre ich etwa nicht zu euch?«

»Da hat er recht«, meint Sommer.

»Du bist zu jung.«

»Genosse Maczurek, dieses Argument wendet im allgemeinen nur die Bourgeoisie gegen uns an, wir sind entweder zu jung oder zu ungebildet oder zu unerfahren oder sonst was, und wenn ich jetzt nicht Sprudel, sondern Bier bestellt hätte, dann würdest du wahrscheinlich behaupten, ich wäre besoffen ...«

Alle lachen.

»Aber ich glaube, wir sind alle zuerst einmal Proleten und müssen zusammenhalten und dürfen nicht so gehässig argumentieren. Oder glaubst du etwa«, August ist aufgestanden und ganz nahe an Maczurek herangetreten, er hört die Arbeiter heftig und erregt atmen, »glaubst du etwa, daß ich auch das nicht bin, daß ich gar nicht zu euch gehöre, daß ich so ein gesinnungsloser Bursche wie zum Beispiel – Fritsche bin, he?«

Maczurek windet sich, er sieht verlegen umher.

»Ich kenne dich ja noch gar nicht.«

»Was soll denn das heißen?«

»Na, ich will dir nichts Schlechtes nachsagen.«

»Kannst du auch nicht, lieber Kollege. Ich bin wahrscheinlich schon öfter gemaßregelt worden als ihr alle zusammen, aber eines will ich euch sagen: Euer Betrieb ist eine Saubude!«

»Also, das stimmt, nicht wahr, Maczurek?« Karl Becker dreht sich um.

»Und wenn ihr nicht euren verräterischen Bonzen nachlaufen würdet ...«

»Quatsch nicht, ich kenne Ortmayer länger als du«, grollt Maczurek herüber, der sich wieder an seinen Tisch gesetzt hat. »Er ist auch mal Arbeiter gewesen. Wir haben zusammen am selben Arbeitstisch gestanden.«

»Zugegeben, daß du ihn länger kennst, ich kenne ihn nämlich erst seit heute morgen, aber ich kenne ihn gründlicher. Vierkant müßtet ihr ihn hinauspfeffern. Jawohl, Genosse Maczurek, spring mir nicht gleich an den Hals, ich will dir auch erklären, warum. Ich bin nämlich heute morgen bei ihm gewesen ...«

»Wir haben den Kollegen Werner geschickt«, erklärt Maasen feierlich, mit nicht geringem Stolz. Dieser junge Arbeiter ist plötzlich ihr Sprecher, solche klaren, sicheren Töne haben sie lange nicht gehört.

»Wegen der Geschichte mit diesem Mädchen und wegen einer Schweinerei mit dem Vorarbeiter. Auch mit Kox bin ich schon zusammengeraten, das wird wahrscheinlich nicht zum letztenmal gewesen sein. Also, dein lieber Ortmayer wollte mich gar nicht vorlassen. Was sagst du nun?«

Ein paar Arbeiter fluchen. Maczurek stopft sich ruhig seine Pfeife, dann zeigt er ruhig zu ihm herüber. »Na, ich denke, er hat doch mit dir gesprochen!«

»Jawohl, weißt du, warum? Weil ich mit der Faust auf den Tisch geschlagen habe und mit Gewalt hineingegangen wäre, wenn er mich freiwillig nicht hereingelassen hätte!«

»So ist es richtig!«

»Aber feste.«

»Einen Moment, hört mal zu. Drinnen in seinem Zimmer war natürlich alles piekfein. Sessel und Läufer und alles. Bloß keine Arbeit. Ortmayer hat dich, Genosse Maczurek, hinter seinem Schreibtisch längst vergessen, weißt du, was über seinem Schreibtisch an der Wand hängt? Ihr könnt ja hingehen und es euch ansehen: ein Bild von Hindenburg. Jawohl.«

»Tolle Schweinerei!«

»Und das ist nun ein Sozialdemokrat!«

»Na, na«, meint Maczurek, »im Betriebsrat sitzen doch auch Christen und Dunckersche ...«

»Aber ihr habt die Mehrheit.«

August hebt die Hand. »Hört noch mal zu, das Schönste kommt noch. Ortmayer fand die Geschichte mit dem Mädchen ganz in der Ordnung, bloß über mich war er empört, daß ich heraufgekommen war. Und er wollte die Beschwerde auf keinen Fall weiterleiten.«

»Da muß ich morgen selber mal raufgehen, ich glaube nämlich nicht recht an das, was du erzählst.« Maczurek sieht finster zu August herüber.

»Ja, tue das, Genosse Maczurek. Und ich glaube, daß du deine Meinung dann auch revidieren wirst, wenn du wiederkommst.«

August hat das ganz kameradschaftlich gesagt und merkt, daß er den richtigen Ton angeschlagen hat. Alle nicken ihm zu, und Sommer schmeißt seine Runde. Sogar Maczurek rückt einen Stuhl herüber, er raucht heftig, sagt aber nichts. Nun hat August das Gespräch richtig in Fluß gebracht, die Arbeiter beginnen Vorfälle aus dem Betrieb zu erzählen, die ihnen passiert sind, Unglücksfälle, Ungerechtigkeiten, Lohnabzüge, Antreibereien, Schikanen. August läßt sie sprechen und hört aufmerksam zu, nur ab und zu wirft er ein Wort hin und lenkt geschickt die Diskussion, wie er will, bis schließlich Emil Sommer etwas sagt, bei dem alle die Ohren spitzen.

»Ich bin schon acht Jahre in dem Betrieb«, sagt er, »aber seit unser Betrieb von Kommunisten gesäubert worden ist, ist alles Klassenbewußtsein futsch. Du mußt wissen«, er dreht sich zu August, der mit unbeteiligtem Gesicht, aber aufs äußerste gespannt dasitzt, »wir hatten hier einmal eine KPD-Mehrheit im Betriebsrat gehabt. Dann sind wir alle herausgeflogen, wir haben ein paar Monate gestreikt, dann war alles aus. Was meinst du dazu?«

»Was ich meine? Haben denn die Kommunisten eure Interessen richtig vertreten?«

»Aber feste. Das waren knorke Kerle. Aber wenn heute irgendwo in einer Abteilung ein Kommunist auftaucht, dann ist er schnell verpfiffen und kriegt die Papiere. Deshalb haben auch alle Kollegen Angst, sich zu organisieren.«

»Ein klassenbewußter Arbeiter und Angst? Mensch, was sind das für Töne?«

»Ja, du hast eben keine Familie.«

»Na, dem Bornemann, von dem du vorher erzählt hast, dem hat es doch auch nichts genützt, daß er gekuscht und geschuftet hat, obwohl er am Verrecken war. Aber man braucht ja nicht gleich dem Fritsche oder dem Kox ein paar in die Fresse zu hauen. Man kann ja auch ruhig und unterirdisch arbeiten.«

Vom Nebentisch beugt sich einer herüber. »Bist du etwa KPD?«

August sieht ihn fest an. »Wenn du es genau wissen willst, klassenbewußt bin ich, ein Prolet, der sich nichts gefallen läßt, weiter nichts. Verstanden? Und wenn das einer kapiert hat, dann wird er auch wissen, wo er hingehört.«

»Aha«, sagt der Mann, aber kapiert hat er nicht. Dafür sehen sich ein paar Arbeiter aus Augusts Abteilung augenzwinkernd an. Sie sprechen noch lange über ihre Lage, über politische und wirtschaftliche Fragen, und am Schluß schlägt Karl Becker vor, daß sich alle mal ein politisches Referat anhören sollten. Von wem denn? Von August Werner natürlich.

»Ja«, sagt August, »die Sache können wir uns ja einmal überlegen.«

Dann gehen sie nach Hause. Das war ein interessanter Abend, sie beschäftigen sich noch lange damit.

August richtet es so ein, daß er mit dem alten Maczurek nach Hause gehen kann.

»Hundewetter heute, was«, fängt er das Gespräch an.

Der Alte grunzt bestätigend.

»Ich werde wahrscheinlich in eurem Loch mächtig frieren.«

Wieder ein Grunzen.

»Liest du eigentlich gern, Genosse Maczurek?«

»Früher habe ich gelesen, aber die Bücher sind ja zu teuer.«

»Nee, ich meine nicht nur Romane. Auch Theoretisches und so. Friedrich Engels oder Marx.«

»Ist ja viel zu schwer für mich.«

»Nee, es gibt auch leichte Sachen. Kennst du zum Beispiel von Friedrich Engels ›Entwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zur Tat‹?«

»Nee.«

»Das kann ich euch mal pumpen. Ganz leicht geschrieben, und Radek hat die Sache so ein bißchen für unsere Zeit weiter ausgeführt. Das steht alles in dem Buch.«

»So? Radek. Ist ja jetzt auch bei euch abgesägt.«

»Was heißt ›bei euch‹?«

»Na, mach mir nur nichts vor, du bist doch Kommunist.«

Schweigend stapfen sie nebeneinanderher. Still und kalt liegen die Koloniehäuser im Mondlicht. Fern rattert ein Zug über das Land. Während Maczurek aufschließt, sagt August noch: »Ich will dir noch 'ne Neuigkeit mitteilen. Daß Radek ausgeschlossen worden ist, wird dir dein sozialdemokratisches Blatt ausführlich mitgeteilt haben. Aber daß er seine Fehler bereut hat und wieder in der russischen kommunistischen Partei ist, das mußt du erst durch mich erfahren.«

Der Alte brummt wieder.

»Gute Nacht«, sagt August und stapft hinauf. Nach einer Weile kommt der Alte nochmals die Treppe heraufgepoltert und bringt eine dicke Decke. Er druckst ein bißchen herum und sagt schließlich: »Vielleicht kannst du sie gebrauchen.« Dann verschwindet er schnell. August lacht lautlos. So endet der Mittwoch, an dem August geschickt und vorsichtig die Sache zu drehen begonnen hat.

VI.

Hell steht der Donnerstagmorgen über dem Land. Von der nahen Stadt kann man am Rande jedes einzelne Haus sehen, die Fenster, Rauch aus den Essen. August sprudelt vergnügt im Wasser herum, er ist mit dem gestrigen Abend zufrieden. Unten sind sie schon alle fort. Nur die kleine Bucklige lächelt ihn an und gibt ihm Kaffee. Ein Haufen Kinder spielt in der Ofenecke.

»Viel Arbeit, um das Haus in Ordnung zu halten, was?«

»Es langt.«

»Seid Ihr schon mal in der Stadt gewesen?«

»Bloß zum Besuch.«

»So.«

»Bist du auch in der Partei?«

»In welcher?«

»SPD.«

»Nee. Warum fragst du? Bist du drin?«

»Nee, aber Vater.« Und nach einer Weile setzt sie hinzu, indem sie ihn aufmerksam mit ihren klugen Augen betrachtet: »Komisch, heute morgen hat Vater von dir erzählt, ganz anders als sonst, ganz freundlich, und da dachte ich, du wärst auch Sozialdemokrat.«

August ist aufgestanden, er hat schon die Mütze auf.

»Nee, Sozialdemokrat nicht, aber Sozialist ... Das ist nämlich ein Unterschied!«

Ehe er aber die Tür aufmachen kann, ist das kleine verkrüppelte Mädchen an ihm vorbeigehuscht und hält eine rote Karte, die sie anscheinend schon die ganze Zeit unter der Schürze verborgen hat, in der erhobenen rechten Hand, ihre Augen leuchten. August sieht staunend hin, es ist ein Mitgliedsbuch der Roten Hilfe. Aber die Kleine schubst ihn schon hinaus.

»Mach schnell, sonst kommst du noch zu spät. Ich weiß doch, was du bist; sage aber niemand was, daß ich in der Roten Hilfe bin, auch Vatern nicht, die machen sonst Krach!«

»Menschenskind!« kann August draußen bloß noch sagen. Dann läuft er rasch durch die Koloniestraße. Die Türen werden überall lebendig, Arbeiter kommen heraus, Mädchen laufen über den Fußweg, große Lastwagen rattern dem Werke zu. Die Hände in den Hosentaschen, marschiert August lustig vorwärts. Rotter wird zufrieden sein, denkt er. Und wie er so dahinmarschiert und vor sich hin pfeift, fällt ihm ein Mädchen auf, das etwas schräg vor ihm geht. Er muß sie schon einmal irgendwo gesehen haben. Sie hat ein zartes, schmales Gesicht und völlig aschblondes Haar. Auf einmal weiß er, woher er sie kennt. Er macht ein paar größere Schritte und ist neben ihr.

»Hallo! Was macht die kleine Wöchnerin aus der Photoabteilung?«

Erschrocken blicken sich die braunen Augen um und sehen ihn aufmerksam an.

»Du bist doch die Kollegin Rittersberg aus der Photoabteilung, nicht wahr?«

Sie nickt.

»Ich kenne dich doch noch. Ich heiße August Werner.«

Sie reicht ihm eine große, abgearbeitete Hand.

»Ich weiß, du bist beim Betriebsrat gewesen, nachdem ich euch die Geschichte mit Lina Lossen erzählt habe.«

»So, hat sich die Sache schon herumgesprochen? Na, ihr habt ja einen feinen Betriebsrat, keinen Finger hat er krumm gemacht.«

Das Mädchen kommt nahe an ihn heran, ihre Wangen glühen vor Wut. Sie sprudelt die Worte nur so heraus. Ja, die Lina wäre ihre beste Freundin gewesen, und wenn sie Urlaub bekommen hätte, dann wäre alles nicht passiert, aber die Männer seien ja zu feige, keiner habe die Klappe aufgemacht ...

»Na, gestatte mal«, meint August protestierend, »bist du etwa mit mir nicht zufrieden?«

Sie sieht ernst vor sich hin.

»Höre mal, Emma, das ist falsch, was du tust – so was könnte den Herren gut in ihren Kram passen: Zwistigkeiten zwischen männlichen und weiblichen Arbeitern. Die herrschende Klasse versteht es sehr geschickt, solche Konflikte zu inszenieren, zum Beispiel auch zwischen Betriebsarbeitern und Arbeitslosen. Aber wir dürfen nicht darauf hereinfallen. Immer vorsichtig sein, aber energisch zurückschlagen, wenn wir das können.«

»Wie meinst du das?«

»Ja, das will ich dir einmal ganz genau sagen, aber jetzt wollen wir einen Augenblick die Klappe halten, damit der Portier nischt hört.«

Sie kommen durch das Portal und lochen ihre Karten. Sie haben nur noch drei Minuten Zeit. In den vier großen Haupttoren verschwinden die Arbeitermassen. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, uniformiert wie Gefängniswärter, beobachten die Portiers die Einmarschierenden. Mit dem Trapp-trapp der Schritte über dem holprigen Steinpflaster vermischen sich die ersten harten Stöße der Maschinen und die langgezogenen Pfiffe der Sirenen. Aber vor den Toren staut sich alles einen Augenblick, um schnell noch das große, auffällige Plakat zu lesen, daß heute zum ersten Male da hängt. Auch die kleine Emma Rittersberg hebt sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. August steht hinter ihr, packt sie fest in den Hüften und hebt sie hoch. Sie läßt sich's gefallen. Beide lesen:

»Diebstähle

Trotz unserer mehrmaligen Hinweise nehmen die Diebstähle auch von scheinbar wertlosen Gegenständen in letzter Zeit wieder zu. Die Betreffenden haben ihre Stellung, ihren Urlaub, ihre Betriebsprämien, Jahresprämien und sonstige an das Dienstalter geknüpften Rechte aufs Spiel gesetzt. Wir machen erneut darauf aufmerksam, daß jeder Diebstahl, auch die Entwendung von Kleinigkeiten, zur Entlassung führen muß.

Die Verhältnisse zwingen uns, in Zukunft gegen die Entwendung von Fabrikeigentum, auch bei Gegenständen von ganz geringem Wert, schärfer als bisher einzuschreiten.

– –, den 2. November 1928

Das Direktorium«

Still lesen die Arbeiter mit mürrischen, unzufriedenen Gesichtern. Ohne etwas zu sagen, gehen sie hinein in ihren Betrieb. Einer ruft etwas.

»Blöde Dussel!«

»Da werden wohl die Spitzel wieder zu tun kriegen.«

August geht mit Emma noch ein Stück die Treppe hinauf. Dann sagt er leise zu ihr: »Schreibe mir bitte mal die Geschichte mit Lina Lossen genau auf. Aber so, daß keiner merkt, wer die Sache geschrieben hat. Wir werden sie in die Zeitung bringen.«

»In die Zeitung?«

»Ja, in unsere Arbeiterzeitung, aber niemandem etwas sagen! Kannst du es bis heute abend fertigmachen?«

»Ich weiß nicht; doch, ich will es versuchen.«

»Also, wir sehen uns heute abend wieder.«

»Kannst ja in meine Wohnung kommen. Ich wohne in der Sechs.«

August drückt ihr beim Abschied fest die Hand.

Oben in der Schwefelnatronabteilung fluchen alle über das Plakat der Direktion. Fritsche grinst hämisch.

»Wenn jetzt einer nur ein Stückchen Holz oder sonst was Wertloses aufhebt, kann er schon fliegen. Verfluchte Schweinerei.«

August begrüßt seine Kollegen, bleibt aber ruhig. Er spricht wenig und beeilt sich, mit dem Tempo mitzukommen. So schnell sollt ihr mich hier nicht rauskriegen, denkt er, als er bemerkt, wie ihn Kox und Fritsche heimlich beobachten. In der Pause macht er sich an einige heran und fragt sie, ob sie ihm nicht über diesen oder jenen Vorgang, den sie am vergangenen Abend bei Pilsartz erzählt haben, einen Bericht schreiben wollen bis morgen. Er wendet sich nur an Arbeiter, die er gut kennt und die ihm zuverlässig erscheinen, so zum Beispiel an Emil Sommer und Karl Becker. Auch der lange Maasen verspricht ihm, etwas aufzuschreiben.

»Ihr könnt ganz ruhig sein, niemand wird erfahren, wer die Berichte geschrieben hat.«

Aber kurz vor Schluß der Pause fällt ihm etwas ein. Verdammt, denkt er, jetzt habe ich eine Dummheit gemacht! Er hat morgens die letzte Nummer der kommunistischen Tageszeitung in seine Jackentasche gesteckt, und die Jacke hängt draußen in der Garderobe. So schnell er kann, ohne aufzufallen, verläßt er den Saal und geht in die Garderobe. Seine Jacke hängt noch da, die Zeitung ist nicht darin. Einen Augenblick ist er wie vor den Kopf geschlagen. Dann überlegt er, es ist ja auch möglich, daß er sie zu Hause wieder rausgelegt hat. Aber genau weiß er das nicht. Langsam geht August wieder an seine Maschine zurück, sieht Fritsche scharf an, aber der hat immer dasselbe grinsende Gesicht. Übrigens bemerkt August dabei, daß der Vorarbeiter sich heute das Hakenkreuz angesteckt hat. Na, na, Junge, denkt August, daß du nur nicht einmal eine Abreibung kriegst. Als ihm am Nachmittag wieder ein Spritzer die Hand verbrennt, beschwert er sich sehr heftig bei Fritsche.

»Da muß eben jeder selber aufpassen, wir können nicht noch für jeden eine Hebamme hinstellen«, antwortet Fritsche und dreht sich um.

August hat furchtbare Wut, aber die Sache mit der Zeitung beschäftigt ihn doch am meisten.

Er eilt nach Arbeitsschluß rasch nach Hause: Die Zeitung liegt nicht da. Auch Barbara, so heißt Maczureks verkrüppelte Tochter, fragt er, sie hat keine Zeitung gesehen. August sucht vergebens, sie bleibt verschwunden.

Am späten Nachmittag unterhält er sich eine Weile mit Maczurek und gibt ihm die versprochene Broschüre von Friedrich Engels. Bis zum Dunkelwerden schreibt er in seinem Zimmer. Mit enger, steiler Schrift macht er zwei Berichte aus dem Betrieb, den einen über das Antreiber- und Prämiensystem, den zweiten über den Betriebsrat.

Außerdem schreibt er einen Brief an Rotter.

»Lieber Genosse Rotter, die Arbeit ist sehr schwer, ich fürchte schon, ich habe eine Dummheit gemacht und bin nicht vorsichtig genug gewesen. Auf jeden Fall komme ich Sonnabendabend in die Stadt hinüber und gebe dir Bericht. Ich glaube schon einigen Einfluß zu haben, wenn die Sache auch sehr mühsam ist. Nur durch lange, zähe Arbeit, durch persönliches Beispiel und Vorbild kann man das Vertrauen der Arbeiter erringen. Immerhin, ich habe bei allem etwas Glück gehabt und glaube, daß ich bis Sonnabend so viel Berichte zusammen haben werde, daß wir eine Betriebszeitung herausgeben können.

Mit kommunistischem Gruß
August Werner.«

Draußen steigt schon die Dämmerung aus den Feldern, verspätete Wagen rasseln vorüber, im Stall eines Arbeiters gluckern Hühner. August hört leichte Schritte auf der Treppe und eine Stimme, die ihn begrüßt. Er dreht sich um. Emma Rittersberg steht vor ihm in einem einfachen blauen Straßenkleid, einen schmiegsamen Filz auf dem Kopf. Sie sieht anders aus, netter und freundlicher.

»Wie kommst du denn hier rauf?«

»Ich kenne doch Barbara.«

»So.«

»Ja. Und ich muß dir was Wichtiges sagen.«

»Ach?«

»Hier hast du erst mal meinen Bericht.«

Sie gibt ihm drei Bogen, auf denen fein säuberlich mit Tinte geschrieben ist.

»So. Und nun wollen wir noch ein bißchen spazierengehen, es wird ja schon ganz dunkel.«

Ohne weiteres zieht sie ihn heraus. Er kann gerade noch seine Mütze aufsetzen. Sie packt ihn an der Hand und läuft mit ihm auf die Straße.

»Wohin gehen wir denn?«

»Zu Frau Fritsche.«

»Zu wem?«

»Ja, zu der Frau des Vorarbeiters Fritsche, den du so gefressen hast.«

»Was soll ich denn bei der?«

»Die will dir was Wichtiges erzählen.«

»Na, das wird schön wichtig sein.« Er muß lachen.

»Nein, wirklich, du kannst es mir glauben, ich kenne Frau Fritsche schon lange, die hat eine geladene Wut auf ihren Mann. Er gibt ihr zuwenig Wirtschaftsgeld. Sie hat drei Kinder, und die erzieht sie ziemlich energisch. Ich kenne sie schon lange, ich weiß, daß man ihr trauen darf. Übrigens sollst du ja gar nichts erzählen, sie will dir etwas erzählen.«

Sie gehen wieder durch eine Schneise auf flaches Feld, die Straße geht etwas hügelan, und da steht zweck- und sinnlos eine Bank am Wege, auf der eine Frau sitzt.

»Tag, Hilde, hier, das ist August Werner, und das ist Frau Fritsche.«

August tritt nahe an die große Frau heran. Die mußt du doch kennen, denkt er, aber er weiß nicht, wo er sie hinstecken soll. Im Gegensatz zu den anderen Arbeiterfrauen scheint sie wohlgenährt, sie hat ein fülliges Gesicht, das ihn, wie er in der einbrechenden Finsternis gerade noch bemerken kann, ebenfalls genau betrachtet. Alle drei gehen noch ein Stück um die Kolonie herum, August hakt sich bei den beiden Frauen unter.

»Ich dachte, die Geschichte würde Sie vielleicht interessieren, die mir mein Mann erzählt hat«, beginnt Frau Fritsche zögernd zu sprechen. Ihre feste, klare Stimme scheint er auch schon einmal gehört zu haben. Das ist doch zu dämlich, in der Kolonie kommt ihm alles und alle bekannt vor, und nie weiß er, wo er sie hintun soll.

»Er hat nämlich gesagt, Sie wären ein Kommunist, die Betriebsleitung hätte auch schon Beweise, und Sie würden nicht mehr lange im Betrieb sein. Er hat sich mit Ortmayer in Verbindung gesetzt, und der leitet jetzt die Sache ...«

»Ortmayer, der Betriebsrat?«

»Ja.«

»Wie kommt denn der mit Ihrem Mann zusammen? Ich denke, Ihr Mann ist Nazi?«

»Ach, der weiß selber nicht, was er ist, zumindest ist er aber mit Ortmayer dick Freund.«

»So, so, das ist sehr interessant, ich danke Ihnen.«

»Bitte, bitte. Wir kennen uns ja schon.«

»Wie?« August fährt herum.

»Ja«, sie lacht, »Sie hätten beinahe von mir ein paar Ohrfeigen bekommen, als Sie mir in die Quere kamen, wie ich meinen Jungen hereinholen wollte.« Sie erzählt Emma die Geschichte.

»So, das waren Sie!« Jetzt weiß August, woher er diese behäbige, resolute Frau kennt, die ihm so gut gefällt. Er kann sich noch gut an die Geschichte erinnern, die ihm gleich passierte, als er noch nicht fünf Minuten in der Kolonie gewesen war.

»Kommen Sie doch morgen abend zu Pilsartz«, sagt er schnell, als sie in die Koloniestraße einbiegen, »und Emma, du auch. Ich soll da nämlich so was Ähnliches wie einen Vortrag über die Chemiebetriebe halten. Meine Kumpels haben mich dazu aufgefordert.«

Ja, sie will sehen. Dann verabschieden sie sich. Im Licht der großen Bogenlampe, die an der elektrischen Lichtleitung hängt, die einzige Straßenbeleuchtung der Kolonie, kann August die beiden so verschiedenen Arbeiterfrauen genau betrachten, die nach Alter, Art und Äußerem gar nicht zusammen gehören und sich doch gut zu verstehen scheinen. Das energische junge Gesicht der Emma Rittersberg drückt die zukunftsfrohe Entschlossenheit der klassenbewußten Arbeiterin aus, ihr Einfluß auf Frau Fritsche ist verständlich. Die Frauen gehen.

Emma verabschiedet sich mit einem kameradschaftlichen Händedruck. So endet der Donnerstag, an dem die Sache sehr heftig ins Rollen und auch schon bedenklich ins Wackeln gekommen ist.

VII.

Ehe August das Haus verläßt, überlegt er sich noch einmal, was er machen soll, wenn die Kündigung kommt. Er dreht sich zu Barbara um, die hinter ihm steht.

»Höre mal, willst du mir einen Gefallen tun?«

»Was denn?«

»Wenn heute morgen ein Brief für mich kommen sollte, dann bringe ihn mir in die Frühstückspause.« Barbara will es tun.

Dann marschiert er ins Werk. Unterwegs schaut er vergebens nach Emma Rittersberg aus. Anscheinend ist sie schon vor ihm in den Betrieb gegangen. In dem Arbeitssaal von Schwefelnatron scheint etwas vorgefallen zu sein, die beängstigend schwüle Stimmung liegt über allen. August erfährt auch bald, daß ein alter Arbeiter, ein ruhiger, schon viele Jahre im Betrieb beschäftigter Prolet, dem Meister Kohlschein zweimal mit der Faust ins Gesicht geschlagen hat, weil Kox sein Arbeitsquantum – der Arbeiter steht an einer neuen Spezialmaschine – so raffiniert hochgeschraubt hat, daß der Arbeiter bei größter Anstrengung nicht die notwendigen fünfundachtzig Prozent erreichen konnte. Deshalb fielen auch die Monatsprämien weg, und der Arbeiter ging mit einem sehr niedrigen Lohn nach Hause. Heute morgen hat er Kox zur Rede gestellt, der einfach erklärte, er wüßte nicht, was sie wollten. Sie sollten sich doch nicht so anstellen. Da ist es geschehen. Kox läßt sich nicht sehen, wahrscheinlich kühlt er seine Backe.

Karl beugt sich zu August herüber. »Also heute abend acht Uhr. Ich habe schon mit Pilsartz gesprochen. Er gibt uns sein hinteres Zimmer, da sind wir ganz ungestört.«

»Und wer kommt hin?«

»Nur ganz sichere Leute, da kannst du dich auf mich verlassen. Ich habe sie alle persönlich eingeladen. Von denen verpfeift uns keiner.«

Der Gestank wird wieder unerträglich. Leise zischend steigen die Dämpfe aus dem Kessel. So muß es mal bei einer Gaskatastrophe aussehen, denkt August. Ihm wird übel. Er geht hinaus, niemand hindert ihn daran, denn Kox ist nicht da, und auch Fritsche ist nirgends zu sehen. Als er aus dem Portal tritt, um etwas frische Luft zu schöpfen, sieht er den ältesten Jungen von Maczureks, der, von einem Portier begleitet, dem Toreingang zusteuert. August weiß sofort, was das zu bedeuten hat. Er holt den Jungen ein und nimmt ihm den Brief ab.

»Du willst zu mir, was?«

Auf dem Abort liest er ihn. Kündigung für Sonnabend wegen Arbeitsmangel.

So siehst du aus, denkt er. Jetzt aber ran an den Speck, die sollen merken, daß ich im Betrieb gewesen bin.

Ja, in der Schwefelnatronabteilung geht der Kündigungswisch schnell von Hand zu Hand, alle sind sich über den politischen Charakter der Kündigung im klaren. Nach einer Weile kommt auch der alte Maczurek zu August herüber.

»Das ist Fritsche gewesen«, sagt er, »der hat dich schon von Anfang an auf dem Kieker gehabt.«

»Kann möglich sein«, antwortet August laut, »aber Ortmayer hat seine Zustimmung gegeben.«

»Ausgeschlossen!« Maczurek macht wieder ein verschlossenes, feindseliges Gesicht. »So ein Schuft ist er nicht.«

»Also, ich werde dir den Beweis liefern.«

Die Sirene schrillt zur Pause.

Um August und Maczurek sammelt sich eine große Gruppe Arbeiter.

»Ja, ich will dir beweisen, daß dein Ortmayer dahintersteckt. Aber ihr müßt still sein. Ich will mal versuchen, Fritsche zu bluffen. Und so ist nicht bloß der eine Ortmayer, so ist eure ganze ruhmreiche SPD. Korrupt und opportun bis in die Knochen, für Pöstchen und Parlamentssitze jede Arbeiterforderung verraten ...!«

»Achtung, Fritsche kommt!«

Fritsche scheint schon zu wissen, was los ist. Vorsichtig tänzelnd kommt er herein, sogar sein beständiges Grinsen läßt er heute sein. Er hat die Stirn gerunzelt und sieht mit zusammengekniffenem Mund auf August, der langsam auf ihn zukommt. Knapp vor ihm bleibt August stehen. Fritsche weicht einen Schritt zurück, die Geschichte mit Kox, von der er natürlich auch schon gehört hat, könnte sich bei ihm vielleicht wiederholen! Aber August winkt ab.

»Daß du ein Denunziant bist, hat man mir ja schon verraten, und als Nazi mußt du ja deiner eigenen proletarischen Ehre auf die Weste spucken. Aber für den Diebstahl der Zeitung, die du mir aus meiner Jacke gemaust hast, rechnen wir noch ab.«

Aufmerksam und gespannt stehen die Arbeiter im Kreise um die beiden herum. Keiner spricht.

»Was denn für eine Zeitung?« stammelt Fritsche. Er verliert sichtlich seine Beherrschung.

»Ach, das willst du mir auch noch abschwindeln? So, dann will ich dir mal was sagen. Ortmayer, der Betriebsrat unten, hat mir gesagt, daß du in meiner Jacke herumgestöbert hast, um einen Entlassungsgrund zu finden.« Gespannt beobachtet August den Vorarbeiter, der plötzlich gelb im Gesicht wird. Wutverzerrt dreht er sich im Kreise herum und brüllt: »Was, Ortmayer? Der hat ja die ganze Geschichte erst angeregt, der hat uns ja den Auftrag gegeben.«

Aber plötzlich bleibt er wieder ruhig stehen mit eingezogenem Kopf und stiert August an, der lacht, lacht, lacht, herzlich lacht. Beinahe wären ihm die Tränen vor Freude heruntergelaufen.

»Siehst du, Genosse Maczurek, das ist dein Ortmayer, das ist deine SPD, genauso sieht sie aus. Betriebsspitzel, ja, dazu sind sie gut ...«

Fritsche hört fassungslos zu, er scheint nicht ganz zu begreifen. Ihm kommt es vor, als habe er eine große Dummheit gemacht. Das beste scheint ihm, sich zu entfernen. Das tut er auch.

Maczurek steht wie vor den Kopf geschlagen da. Er kann nichts sagen. August aber benutzt die Gelegenheit, jetzt hat er ja nichts mehr zu verlieren. Er stellt sich auf eine Leiter und spricht. Er zeigt den Arbeitern, unter welchen Bedingungen sie hier schuften müssen, was sie für Betriebsräte haben, wie sie von allen Seiten bespitzelt werden. »Meine Entlassung ist nur ein kleines Glied in der Kette, und wenn die Belegschaft keinen revolutionären Widerstand organisiert, wird es euch einmal allen ebenso ergehen.« Er weist auf die Bedeutung der Chemiebetriebe hin, auf die Bedeutung für die Bourgeoisie und für einen künftigen Krieg. Er stellt ihnen die revolutionäre Leuna-Belegschaft als Beispiel hin und fordert sie auf, die kommunistische Presse zu lesen, in die KPD einzutreten, die revolutionäre Gewerkschaftsopposition zu unterstützen und diesen dumpfen, lauen Betrieb in eine revolutionäre Hochburg zu verwandeln.

Seine scharfe, begeisterte Rede macht einen großen Eindruck auf die Arbeiter. Er hält die gleiche Rede am selben Abend noch einmal in einer detaillierten Form mit Zahlen und genauen Angaben in einem Hinterzimmer in Pilsartz' Kneipe vor einem kleinen, auserwählten Kreis. Gustav Maasen ist da und natürlich der kleine Emil Sommer und Karl Becker, der die Versammlung leitet. Auch Fritz Braeß, die beiden Maczureks und sogar der Vorarbeiter Grollmann haben sich eingefunden. Außerdem sitzen drei Frauen da: Barbara, Emma Rittersberg, Frau Fritsche.

August ist noch immer etwas mißtrauisch gegen die Frau des Vorarbeiters, aber Emma versichert ihm, daß sie schon lange diese Frau kenne. Er könne sich auf sie verlassen. Auch Pilsartz, der Wirt, kommt später herein und bleibt bei ihnen sitzen.

August zeigt den Arbeitern in einfachen, leichtverständlichen Worten auf, wie ihr Betrieb schon auf Kriegsproduktion eingestellt sei, auch wenn sie heute noch ganz harmlose Sachen herstellen würden. »Ob es sich nun um Nitroglyzerin, Blausäure, Schwefelsäure, Salzsäure oder irgendwelche andere Stoffe handelt, die moderne Chemie ist heute in der Lage, aus den Verbindungen von End- und Zwischenprodukten aller Art die gefährlichsten Giftgase herzustellen. So sind zum Beispiel Chlor, Phosphor, Arsen, Schwefel- und Salzsäure gerade die Zwischenprodukte, die in Verbindung mit den Zwischenprodukten aus dem Steinkohlenteer zur Herstellung von den gefürchteten Giftgasen Grünkreuz, Blaukreuz und Gelbkreuz dienen. Besonders unheimlich ist die Tatsache, daß die gesamte Arbeiterschaft des Betriebes ihre eigene Produktion nicht kennt. Alle Produkte werden nur mit chemischen Formeln benannt. Das wißt ihr ja alles. Und ihr wißt auch, wieviel Pfennige ihr für die Antreiberei kriegt. Aber vielleicht wißt ihr nicht genau, was eure Direktoren bekommen. Ich will euch gar nichts vorschwindeln. Ich habe hier ein bürgerliches Blatt, das ihr alle kennt, den ›Dortmunder Generalanzeiger‹, der wird euch sicher unverdächtig sein. Nach seiner Angabe erhält der Direktor des Stahlwerksverbandes 180 000 RM im Jahr, sein Kollege vom Röhrenverband 150 000 RM, der Generaldirektor der ›Inag‹ sogar 400 000 RM jährlich, dazu noch 120 000 RM für Spesen, aber das sind bloß die Gehälter. Nun kommen noch bedeutend höhere Aufsichtsratsspesen und Tantiemen dazu. Eure Fritsche und Kox und Ortmayer, auf die ihr mit Recht solche Wut habt, das sind ja bloß kleine Handlanger des Großkapitals. Den einzigen Ausweg zeigt euch die kommunistische Partei.«

Aufmerksam hören die Arbeiter zu. Und nun entwickelt August die Ziele und Aufgaben der Kommunisten, erklärt ihre Taktik und weist auf das gigantische Aufbauwerk Sowjetrußlands hin. Es wird späte Nacht. Der Zigarettenrauch wölkt sich dick um die flackernde Gaslampe. Der junge Maczurek nickt schon ein. Da stellt Karl Becker die Frage, auf die August schon lange gewartet hat: »Was machen wir nun, wenn du weg bist?«

»Ich werde ab und zu herüberkommen, und dann könnt ihr mir über eure Arbeit berichten.«

»Können wir uns denn nicht in einer solchen Betriebszelle zusammenschließen, wie du sie uns geschildert hast?« meint Emil Sommer.

»Da müßt ihr Mitglieder der KPD werden.«

»Das will ich«, ertönt es von zwei Seiten. So gründet August Werner in dieser Nacht noch die Betriebszelle des Chemiewerkes. Gustav Maasen, Karl Becker, Emil Sommer, Emma Rittersberg und Barbara Maczurek treten sofort der Partei bei, die anderen wollen es sich noch überlegen. Aber der alte Maczurek gibt August sein zerrissenes SPD-Mitgliedsbuch, August könne damit machen, was er wolle. Die Sache mit Ortmayer hat ihn schwer erschüttert. Einzeln verlassen sie die Kneipe, und August bleibt schließlich mit Emma und Frau Fritsche allein zurück. In beiden Händen hält er einen Packen Arbeiterkorrespondenzen, die ihm die Arbeiter gegeben haben.

»Das wird eine feine Betriebszeitung«, sagt er.

Er hakt sich bei den Frauen unter und schafft sie nach Hause. Zuerst setzen sie Emma Rittersberg ab, und dann ist es noch ein kleines Stück bis zu Fritsches Wohnung. Erst gehen die beiden schweigsam. Dann fängt Frau Fritsche an.

»Sie können sich gar nicht denken, wie niederträchtig mein Mann zu Hause gegen mich ist.«

Aha, denkt August, jetzt geht's also los. Ihn fröstelt ein bißchen dabei.

»Ich bin ja auch bloß wegen der Kinder bei ihm geblieben.«

»So.«

»Ja. Sonst wäre ich schon längst ausgerückt, und gefallen laß ich mir von ihm nichts mehr. Denken Sie etwa, ich würde ihm sagen, wo ich jetzt gewesen bin? Keine Bohne.« Sie rückt nahe an August heran, wie um Schutz zu suchen. »Was hat man denn hier für ein Leben in der Kolonie, he? Eine Dreckerei.«

»Sehen Sie, Frau Fritsche«, antwortet August, »vielleicht kommt für uns alle noch mal eine bessere Zeit, aber sie kommt nicht von allein. Da müssen wir nachhelfen. Und dazu brauchen wir die werktätigen Frauen.«

»Ja. Die Emma hat mir schon viel erzählt. Aber wir Frauen können nicht so wie die Männer.«

»Nein, Frau Fritsche. Ohne die Arbeiterfrauen werden die Arbeiter gar nichts erreichen. Und wenn ihr euch erst mal darüber klar seid und euch in die Front einreiht, dann werdet ihr mal sehen, wieviel Kraft ihr habt.«

Sie lachen. Der Widerschein der Stadt leuchtet über den Himmel. In der Kolonie ist alles still, nur im Betrieb stoßen und dröhnen die Maschinen. Sie stehen vor Fritsches Haus und verabschieden sich.

So endet der Freitag in der Stickstoffkolonie, an dem die Sache zum Klappen gekommen ist.

VIII.

Der Wecker schnurrt. August fährt hoch. Verdammt, ist er heute verschlafen! Die rauchige durchwachte Nacht spürt er noch in allen Gliedern und vor allem im Kopfe.

»Na, höre mal, ich warte bald eine halbe Stunde darauf, daß dein elender Wecker dich wecken soll.«

»Wer ist denn das?« August fährt herum. Seine Bodenkammer hat nur eine leichte Holztür, die nicht zu verschließen geht. Jetzt steht sie aber ganz offen, und auf der Treppenstufe sitzt ein Mann. Er hat seine Beine hochgezogen, anscheinend friert er, neben ihm liegt ein großes Paket.

»Rotter, Mensch, wie kommst denn du hierher?«

»Du wirst staunen, mit einem Fahrrad!«

»Ach nee.«

»Ja. Dein dringender Hilferuf kam mir nämlich wenig verheißungsvoll vor.«

Die Augen des Parteisekretärs richten sich bei diesen Worten fest auf Werner. Es sind kühle, klare Augen, und sie verlangen eine klare Antwort. August wartet eine Weile, dann lächelt er und sagt ruhig: »Ich bin entlassen.«

Rotter steht auf und steckt seine Hände in die Taschen. Er scheint etwas sagen zu wollen, und zwar nichts Gutes. Werner aber kommt ihm zuvor.

»Aber die Zelle steht.«

»Was?«

»Ja, die Zelle ist fertig. Nun muß sie von uns nur einen Stoß kriegen, damit sie arbeitet.«

Im Hemd springt er aus dem Bett, ist mit einem Satz an seiner Jacke, nimmt einige Papiere heraus und reicht diese Rotter hin.

»Hier«, er schwenkt die Zettel hin und her, »fünf Aufnahmescheine, davon vier aus dem Betrieb.«

Rotter sieht sie sich an, sein Gesicht scheint durchaus noch nicht Zufriedenheit auszudrücken.

»Das ist ja verdächtig schnell gegangen.«

»Ach, Rotter, die Proleten hier sind über die Akkordschinderei, das Antreibersystem und vor allem über den SPD-Betriebsrat so empört, daß nur ein richtiger Stoß dazu gehört, sie ins Rollen zu bringen. Nach außen scheint alles ruhig und zufrieden, aber lerne sie erst mal richtig kennen wie ich! Wenn man sich hier dahinterklemmt und die richtigen Genossen herschickt und nicht lockerläßt, dann haben wir den Betrieb in der Hand! Ich weiß schon, was das für eine Plackerei ist. Lange, sorgfältige Kleinarbeit, ich weiß, ich weiß. Das aber kommt hier erst noch. Jetzt bringen wir die Betriebszeitung heraus. Ich habe prachtvolles Material. Und dann muß immer einer die Zelle stützen. Da ist nämlich keiner dabei, der schon einmal bei uns gewesen wäre. Fast alles junge Genossen, aber tüchtige Kerle. Ich lege meine Hand für sie ins Feuer ...«

»Na, na! Ich möchte sie mir mal ansehen. Können wir heute abend nicht eine Zellensitzung einberufen?«

»Ich habe zwar gestern schon so etwas Ähnliches gemacht, aber wir können ja ruhig die Sache versuchen. Schaden wird es nicht, im Gegenteil. Ich will übrigens heute abend schon wieder in die Stadt rüber.«

»Wegen mir – aber Genosse Werner, auf eins kannst du dich jetzt schon verlassen: Du wirst der Zelle Chemie natürlich zugeteilt!«

»Das konnte ich mir denken.«

August wäscht sich und zieht seine Sachen an. Rotter raucht unterdessen Pfeife.

»Du, ich habe hier einen Packen Flugblätter mitgebracht. Das Tarifabkommen in der Gruppe Chemie läuft demnächst ab. Vielleicht kann die Zelle durch ein paar Arbeitslose die Verteilung organisieren.«

August ruft über das Geländer hinunter: »Bärbele!«

Maczureks Tochter kommt flink heraufgelaufen.

»Hier, das ist Genosse Rotter. Der wird heute abend bei euch sprechen. Und das ist Genossin Maczurek. Aber wir machen die Versammlung nicht wieder in der Kneipe. Vielleicht geht es in der Wohnung von Maasen. Na, wollen mal sehen. Aber hier, Bärbele, kannst du dieses Paket, da sind nämlich Flugblätter drin, irgendwo verstecken? So, daß niemand ran kann?«

»Aber sicher.«

Barbara freut sich, daß sie schon etwas tun kann. Dann rechnet August mit ihr ab, begleicht seine Miete, und Barbara will dafür sorgen, daß ihr Bruder Augusts Sachen am Nachmittag in die Stadt schafft.

Rotter fährt wieder laut klingelnd auf seinem Fahrrad in die Stadt zurück. August geht in den Betrieb.

Er hat den neuen Genossen schon gesagt, sie sollen sich nicht zu sehr um ihn kümmern, damit nicht etwa einer der Pinkertons Verdacht schöpft. Er nickt ihnen nur zu.

Nach der Vesperpause tritt Fritsche an Augusts Arbeitsplatz und sagt laut, so daß es alle hören können: »Na, nun geht's wohl wieder stempeln?«

»Immer noch besser«, antwortet August gereizt, »als seinen Arbeitskollegen die Stückzeit falsch abzumessen.«

Fritsche lacht. »Na, sehen Sie, das kommt davon.«

»Wovon?«

Fritsche dreht sich um, verzieht seinen Mund zu einem höhnischen Lächeln und schlendert langsam fort. August merkt genau, daß der Kerl sich einen guten Abgang verschaffen will, ihm scheinen die Zusammenstöße mit Werner noch im Magen zu liegen. Ich kann ihm ja in die Fresse hauen, denkt August, aber was kommt dabei schon heraus? Die Werkpolizei würde mich raussetzen. Ich werde den Jungen schon noch anders kriegen. Er überlegt. Er hat schon einen Gedanken.

Im Laufe dieser Woche, die August in der Schwefelnatronabteilung zugebracht hat, ist ihm etwas aufgefallen. Zuerst prägte sich diese Beobachtung unbewußt bei ihm ein, dann dachte er genauer darüber nach, probierte die Sache aus, und heute weiß er, wie er sie verwenden kann. Wenn nämlich sein Laugenbad voll ist, er aber den Abfluß gestoppt hat, so bleibt die Masse im Bottich, der durch eine Zuleitungsröhre mit dem Laugenbad verbunden ist, völlig unbeweglich und still, sie scheint erstarrt zu sein. Im selben Augenblick aber, da er neuen Zufluß hineinläßt, bilden sich Bläschen, und das ekelhafte Zeug springt in der Luft herum. Je rascher und stärker er nun die Lauge zufließen läßt, um so rebellischer und toller geht es im Kessel zu.

Als Fritsche verschwunden ist, führt August ein langes, leises Gespräch mit Karl Becker. In den nächsten Minuten hat Karl sehr viel zu tun, merkwürdigerweise bastelt er ausgerechnet an seinem Tisch herum und kümmert sich wenig um seinen Gasofen.

Nebenan, im Saal 2, wird eine neue Maschine ausprobiert. Sie schnurrt und rattert und füllt den ganzen Saal mit Dampf. Die Arbeiter husten und spucken. Die jüngeren freuen sich auf den Sonntag, in ein paar Stunden wird wieder einmal Schluß sein. Den Alten ist es ziemlich egal.

Die Werkmeister und Ingenieure können an den Laugenbädern gut kontrollieren, ob der einzelne Arbeiter schnell oder langsam arbeitet. Über den vollen Kesseln, die abgestoppt sind, schwebt nämlich immer eine leichte, aber deutlich sichtbare Rauchschicht. Emil Sommer betrachtet schon seit einiger Zeit mit einem etwas sorgenvollen Gesicht Augusts Platz. Der Rauch steht dick darüber, und August tut nichts. Er lehnt sich über das Gitter und sieht aufmerksam in einen kleinen Taschenspiegel, den er geschickt zwischen zwei Nägeln an die Wand gepreßt hat.

»Fritsche«, flüstert Sommer zu ihm herüber.

Aber August hat schon viel eher den Vorarbeiter erblickt, der direkt auf die verräterische Rauchwolke zukommt. Er tut aber nichts, legt nur seine rechte Hand auf den Filter, im übrigen besieht er sich aufmerksam im Taschenspiegel.

Man kann schon von Fritsches Mund jedes Schimpfwort ablesen, das er gleich auf August niederprasseln lassen wird. Der Vorarbeiter hat die Fäuste geballt, und sein dreckiges, perfides Lächeln erscheint im Gesicht. Übrigens trägt er auch heute wieder das Abzeichen der Nationalsozialisten, ein riesengroßes Hakenkreuz, braun auf rotem Grund. Auch August sieht das, ohne sich umzudrehen. Sein Taschenspiegel ist wirklich sehr gut.

Ehe aber Fritsche, der sich auf dem schmalen Weg zwischen den Bottichen und den Arbeitstischen hindurchwinden muß, zu August kommt, geschieht etwas Merkwürdiges. Der Vorarbeiter steht gerade vor dem letzten Behälter, der bis obenan mit Lauge gefüllt ist, als August so, als wolle er schnell das Versäumte nachholen, rasch den Filter zieht und mit Wucht die ganze Brühe durchsausen läßt. Ehe Fritsche noch recht begreift, was hier vor sich geht, spritzt ihm aus dem Bottich ein Sprühregen von heißen Spritzern entgegen, er brüllt laut auf, an den Händen und im Gesicht schwellen die roten Flecke.

»Verdammte Schweinebande!«

Er springt zum Tisch und reißt die Lade auf. Sie ist leer. Entgeistert sieht er einen Augenblick auf Karl Becker, der ihn ganz harmlos ansieht und höflich fragt: »Soll ich aus dem dritten Saal Verbandszeug holen?«

Fritsches Stimme kreischt: »Wo ist das Mehl?«

»Was für Mehl? Ach so, mein Mehl. Ja, das ist schon lange alle. Die Direktion will ja keins in die Arbeitsräume reinlegen.«

Fritsche versteht gar nicht. Er sieht nur auf seine Hände, die ein paar tüchtige Spritzer abgekriegt haben. Und dann sieht er zu August hin.

»Das hast du Hund mit Absicht gemacht.«

»Wieso denn? Sie haben mir doch gesagt, jeder habe hier auf sich selbst aufzupassen.«

Keiner der Proleten arbeitet, alle sehen gespannt dem Verlauf der Geschichte zu, und alle freuen sich.

Da scheint es Fritsche nicht mehr auszuhalten. Mit einem Fluch dreht er sich um und saust in den Saal 3, um sich verbinden zu lassen. Er kommt an diesem Tag nicht mehr wieder. Er hat sich krank schreiben lassen. Im Schwefelnatronbetrieb aber ist lange nicht so viel gelacht worden wie an diesem Sonnabendnachmittag.

Nach Arbeitsschluß läßt sich August seinen Lohn auszahlen und bekommt die Papiere. Er verabschiedet sich von den Arbeitern seiner Abteilung und besonders von den neuen Genossen. Die Sitzung soll abends in der Wohnung von Maasen stattfinden. Zum letzten Male geht er durch das große Tor. Die Sirenen heulen hinter ihm her.

Zu Hause schüttelt ihm der alte Maczurek die Hand. Er soll sich wieder einmal sehen lassen und ihm was zu lesen mitbringen. August verspricht es. Barbara teilt ihm mit, daß seine Sachen schon in die Stadt geschafft worden seien. Als er draußen an den Schrebergärten ist, auf dem Heimweg zur Stadt, hört er hastige Schritte hinter sich. Er dreht sich um, Emma Rittersberg läuft hinter ihm her.

»Gehst du wirklich schon?«

»Ja.«

»Was willst du nun machen?«

»Stempeln.«

Er erzählt ihr die Geschichte mit Fritsche. Sie lacht herzlich.

»Aber ich werde öfter zu euren Zellensitzungen kommen!«

»Bestimmt?«

»Aber sicher.«

Diese Nachricht scheint ihr Freude zu bereiten. Sie wird rot. Emma geht noch ein Stück mit, dann verabschieden sie sich.

August geht weiter, der abendlichen Stadt zu, die groß vor ihm aus der Dämmerung wächst. Genauso ist er vor einer Woche gekommen, ohne etwas in der Tasche als eine Arbeitsbescheinigung, aber mit einem wichtigen Auftrag. Jetzt ist die Sache gedreht, zu Ende ist sie noch nicht. Jetzt geht die Arbeit erst los.

Er dreht sich noch einmal um. Der Rauch der Chemiefabrik hüllt die kleine Kolonie ein. Genauso sah das Nest vor einer Woche aus. Aber jetzt hat sich etwas verändert, eine neue Macht ist im Betrieb aufgetaucht, in der Schwefelnatronabteilung, bei den Arbeiterinnen der Photoabteilung, in den großen Sälen und Werkstätten. Diese Macht sitzt in den Herzen der Arbeiter. Und sie wird wachsen und wachsen ... Der junge Arbeiter schreitet weit aus. Er beginnt die Internationale zu pfeifen.

 << Kapitel 1 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.