Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bret Harte >

Die Geschichte einer Mine

Bret Harte: Die Geschichte einer Mine - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorBret Harte
titleDie Geschichte einer Mine
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
translatorA. Passow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070815
projectid338395c6
Schließen

Navigation:

Erster Theil.

Erstes Kapitel.

Wer die Mine suchte.

Ein steiler Pfad führt über das Küstengebirge von Monterey. Concho war sehr müde; Concho war sehr staubig; Concho war außerordentlich mißgestimmt. Angesichts dieser unüberwindlichen Unannehmlichkeiten gab es für sein Gemüth nur einen einzigen Balsam und dieser befand sich in einer ledernen, über den Machillas seines Sattels hängenden Flasche. Concho preßte dieselbe an seine Lippen, that einen langen Zug, zog ein bitteres Gesicht und rief:

»Carajo!«

Offenbar enthielt die Flasche keinen Aguardiente, sondern war erst vor Kurzem unweit Tres Pinos in einer Schenke gefüllt worden, in der ein Irländer schlechten amerikanischen Whisky unter jenem wohllautenden, castilianischen Namen verkaufte. Dessen ungeachtet leerte Concho die Flasche fast bis zur Hälfte und ließ sie, sobald sie das gelbe, welke Aussehen seiner eigenen Wangen erhalten hatte, auf den Sattel zurückfallen. Sodann wandte er sich, neu gestärkt, rückwärts und überschaute das hinter ihm liegende Thal, aus dem er seit Mittag emporgeklommen war. Es bot ihm einen öden Anblick. Hier und dort war es zwar von Streifen urbaren Bodens eingefaßt und mit »Valdas«Falda oder Valda ist der Theil des Frauenkleides, welcher schleppenartig auf der Erde liegt; und wird auch als Bezeichnung für die letzten Ausläufer eines Hügels benutzt. von Wiesenland besäumt, doch war der größere Theil staubig, unfruchtbar und unschön. Sein Auge blieb an einer weißen Wolke haften, die am östlichen Horizonte schwebte, dabei aber so trügerisch und wesenlos war, daß sie sich gleichzeitig zu nähern und zu entfernen schien. Concho schlug an seine Stirn und blinzelte mit den heißen Augenlidern. Waren es die Sierras oder war es der verwünschte amerikanische Whisky?

Er begann abermals bergan zu reiten. Zu Zeiten verlor sich der stark abgetretene, nur halb sichtbare Pfad unter dem nackten, schwarzen Felsengestrüpp; allein seine weisheitsbegabte Mauleselin fand ihn stets wieder, bis sie schließlich, auf ein lockeres Steingeröll tretend, ausglitt und zu Boden stürzte. Vergebens bemühte sich Concho, sie aus einem Trümmerhaufen von Feldkesseln, Schmelztiegeln und Bergwerkshacken emporzuziehen. Sie beharrte in ihrer liegenden Stellung und erhob nur dann und wann den Kopf, als wolle sie mit einem prüfenden Blicke den Charakter der öden Gegend, die unter ihr lag, ergründen. Sodann bemühte sich Concho vergebens, sie mit Hilfe von Schlägen zum Aufstehen zu zwingen. Darauf versuchte er das Thier durch Schmähungen weltlicher Art zu bewegen. »Du Dieb! Du Mörder! Du schweineköpfige Bestie! Du Futter für die Hörner eines Ochsen!« rief er, aber ohne jeglichen Erfolg. Nun wandte er eine geistliche Ermahnung an. »O Judas Ischariot! Verlassest du auf diese Weise als ein Renegat und Ueberläufer deinen Herrn eine Meile vor dem Lager, wo das Abendessen unsrer wartet? Stehler des Sakramentes! Erhebe dich!«

Da Concho hiermit keine Wirkung erzielte, ward er unruhig. Hatte doch noch niemals eine Mauleselin christlicher Herkunft einen so dringenden Aufruf unbeachtet gelassen! Er sah sich daher zu einem letzten verzweiflungsvollen Versuche gezwungen.

»Ha, du Tempelschänderin! Wende dich nicht ab, sondern blicke mich an.« Er hob die Hand empor und spreizte plötzlich die Finger. »Höre, was ich dir sage, Teufelin! Ich treibe dir den bösen Geist aus. Ah, du zitterst! Sieh mich nun nur noch eine kleine Weile an, – so! Du abtrünniges Geschöpf! Ich – ich – verfluche dich, Mula!«

»Was machst du hier für einen Höllenlärm!« tönte eine rauhe Stimme vom Felsen herab.

Concho erbebte. War der Teufel in leibhaftiger Gestalt erschienen, um mit seiner Mauleselin auf und davon zu fliegen? Er hatte nicht den Muth, empor zu blicken.

»Komm, komm!« fuhr die Stimme fort. »Laß dein Schreien, du verwünschter, alter Schmierfink.Greaser, Schmierfink, Spitzname der Mexikaner und anderer Bewohner des spanischen Amerika. Siehst du denn nicht, daß das Thier sich die Hüfte verrenkt hat?«

Diese Nachricht erschreckte Concho zwar sehr, allein nichts desto weniger fiel ihm doch eine kleine Last vom Herzen. Es war zwar traurig, daß seine Mauleselin lahm war; allein noch weit trauriger wäre es ihm gewesen, hätte sie ihren Ruf als gute Katholikin eingebüßt.

Er wagte es, die Augen aufzuschlagen. Ein Fremder – der Kleidung und Sprache nach ein Americano – näherte sich ihm, den Felsen herabsteigend. Der Unbekannte war ein schmächtig gebauter Mann mit glattem, bräunlichem Antlitz, welches sehr gewöhnlich und nichtssagend gewesen wäre, hätte nicht das linke Auge ein schurkisches Gemüth verrathen. Schloß man dies eine Auge, so sah man ein Gesicht vor sich, dessen Ausdruck und Züge einen alltäglichen Menschen bekundeten; bedeckte man dagegen diese Züge, so sprühte und funkelte jenes Auge, wie das des Erzfeindes selbst. Offenbar hatte die Natur die nämliche Bemerkung gemacht und deshalb eine Nervlähmung ironischer Weise eintreten lassen, derzufolge das eine Ende des oberen Lides gleich einem Vorhang über das Auge herabgefallen war; dann hatte sie sich lachend ihres Werkes gefreut und ihn sich selbst überlassen, auf daß er die leichtgläubige Welt ausplündere und rupfe.

»Was thust du hier?« fragte der Fremde, nachdem er dem Mexikaner geholfen hatte, die Mauleselin aufzurichten, die hilflos hin- und herschwankte.

»Ich suche, Señor.«

Der Fremde wandte Concho das treuherzige, rechte Auge zu, während das linke mit einem unbeschreiblich höhnischen, schadenfrohen Blick die Gegend überflog.

»Was suchst du?«

»Gold und Silber, Señor – doch Silber zumeist.«

»Bist du allein?«

»Wir sind unsrer Vier!«

Der Fremde schaute umher.

»Unser Lager ist dort drüben, – eine Meile von hier,« erklärte der Mexikaner.

»Hast du Etwas gefunden?«

»Sehr viel, – von dieser Sorte.« Concho nahm aus einem seiner Sattelsäcke ein Stück grauen Eisenerzes, das stellenweise mit Pyritsternchen durchsetzt war.

Der Fremde sprach kein Wort; allein sein Auge verrieth, daß ihm ein teuflischer Gedanke durch den Sinn fuhr.

»Du bist ein Glückspilz, Freund Schmutzfink.«

»Wieso?«

»Das ist Silber!«

»Woher wissen Sie das?«

»Es ist mein Geschäft. Ich bin ein Metallurgist.«

»Und Sie können mir sagen, was silberhaltig ist und was nicht?«

»Ja! Sieh her!« Der Fremde zog aus seinem Sattelsack einen kleinen ledernen Kasten, welcher etwa ein halb Dutzend Phiolen enthielt. Eine derselben war mit dunkelblauem Papier umhüllt. Er hob dieselbe empor und zeigte sie Concho.

»Dieses Fläschchen enthält ein Silberpräparat.«

Concho's Augen funkelten, trotzdem aber schaute er den Fremden zweifelnd an.

»Schütte Wasser in deinen Tiegel.«

Concho goß den Inhalt seiner Wasserflasche in seinen Schmelztopf und reichte ihn dem Fremden. Dieser tauchte in die Phiole einen trocknen Grashalm und ließ sodann einen Tropfen von dessen Spitze ins Wasser fallen. Das Wasser blieb unverändert.

»Nun wirf ein wenig Salz in das Wasser,« sagte der Fremde.

Concho gehorchte. Sofort erschien auf der Oberfläche eine weiße Wolke und dann nahm die gesammte Flüssigkeit eine milchartige Farbe an.

Concho bekreuzte sich hastig. »Mutter Gottes! das ist Zauberei!«

»Es ist Chlorsilber! Du blinder Narr!«

Mit diesem wohlfeilen Experiment noch nicht zufrieden, versetzte der Fremde den guten Concho in das höchste Erstaunen, indem er ein Stückchen Lackmuspapier mit Hilfe von salpetersaurem Salz roth färbte; und als er demselben dann wieder durch Eintauchen in das Salzwasser seine ursprüngliche Farbe zurückgab, hob er den einfältigen Mexikaner vollends aus dem Sattel.

»Sie müssen dies auch untersuchen,« sagte Concho, sein Eisenerz dem Fremden darreichend. »Wenden Sie hierbei ebenfalls das Silber und das Salz an.«

»Geduld, mein Freund!« antwortete der Fremde. »Zuerst muß man dies Erz schmelzen und sodann wird ein Stückchen abgeschabt und in diese Form gebracht – und das kann nicht umsonst geschehen, mein schmutziger Cherub! Denkst du etwa, daß unsereins seine Jugendzeit in Heidelberg und Freiburg zubringt, um seine Kenntnisse an den ersten besten Silbersucher fortzuwerfen, der ihm in den Weg kommt?«

»Wie viel wird es kosten, – he! wie viel?« forschte der Mexikaner eifrig.

»Nun, du mußt etwa hundert Dollar und die Auslagen bezahlen, wenn ich dir – – in diesem Stück Erz Silber nachweisen soll. Doch habe ich es einmal gethan, so kannst du ja mit Sicherheit auf viele Tonnen rechnen.«

»Sie sollen das Geld haben,« sagte der nunmehr erregte Mexikaner. »Sie sollen es erhalten, – von uns Vieren! Sie müssen mit mir zu unserm Lager gehen, dort werden Sie das Erz schmelzen und uns das Silber zeigen und – kurz und gut – kommen Sie mit mir,« und in fieberhafter Hast ergriff er die Hand seines Gefährten mit solcher Heftigkeit, als wolle er ihn stehenden Fußes mit sich fortziehen.

»Was gedenkst du mit deiner Mauleselin anzufangen?« fragte der Fremde.

»Heilige Mutter Gottes! Ich hatte sie vergessen! Was soll ich thun?«

»Nun, nun,« sagte der Fremde mit höhnischem Lächeln. »Sie wird sich schwerlich aus dem Staube machen; darauf gebe ich dir mein Wort. Ich habe dort oben einen Extra-Maulesel, der mein Gepäck trägt; auf dem kannst du reiten, wenn du mich in Euer Lager führen willst, und morgen magst du wieder hierherkommen, um dein Thier zu holen.«

Dem guten, ehrlichen Concho blutete das Herz bei dem Gedanken, seine müde Dienerin, die er noch vor einem Augenblick so schlecht behandelt hatte, verlassen zu müssen; doch die Liebe zum Gelde gewann die Oberhand. »Ich kehre bald wieder zu dir zurück, und zwar als ein reicher Mann, mein kleines Thierchen. Inzwischen erwarte mich hier; ich weiß ja, daß du geduldig bist. Adios, du zierlichste aller Mauleselinnen, Adios

Nach diesen Worten ergriff er den Unbekannten bei der Hand und kletterte mit ihm die felsige Anhöhe hinan, bis sie mitsammen den Gipfel erreichten. Dort hielt der Fremde eine schnelle, flüchtige Rundschau, indem er einen prüfenden Blick aus seinem schurkischen Auge in das Thal hinabsandte.

Aus diesem Grunde hat man dieser Stätte in späteren Jahren, als diese Geschichte mit der den Trägern des Katholicismus eigenen Hingebung erzählt worden ist, den Namen »La Cañada de la Visitacion del Diablo,« das heißt »Die Teufelsbesichtigungs-Schlucht« gegeben. Dieser Platz bildet gegenwärtig die Grenze eines jener berühmten mexikanischen Grundstücke, welche behufs bergwerklicher Ausnutzung von der Regierung verschenkt worden sind.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.