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Die Geschichte des Tom Jones / Theil V

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil V - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil V
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil V
pages175
created20080616
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Es wird zu beweisen versucht, daß der Schriftsteller besser schreibt, wenn er etwas von der Sache versteht, über die er schreibt.

Da in unserer Zeit mehrere Herren blos durch die bewunderswürdige Kraft des Himmels, ohne die geringste Beihülfe von Gelehrsamkeit (vielleicht ohne daß sie gut lesen konnten), in der gelehrten Welt ziemliches Aufsehen erregt haben, so behaupten denn auch, wie ich gehört habe, die modernen Kritiker, die Gelehrsamkeit sei überhaupt einem Schriftsteller zu nichts nütze, sie diene vielmehr nur als Fessel der natürlichen Beweglichkeit und Thätigkeit der Phantasie, die dadurch niedergedrückt und an dem hohen Fluge verhindert werde, den sie außerdem unternommen haben würde.

Diese Lehre wird gegenwärtig, wie ich fürchte, viel zu weit getrieben, denn warum sollte das Schriftstellern von allen andern Künsten sich so sehr unterscheiden? Es thut der Gewandtheit eines Tanzmeisters durchaus keinen Eintrag, daß er sich gehörig zu bewegen lernte; ebenso braucht kein Handwerksmann, wie ich glaube, sein Werkzeug ungeschickter, weil er damit umzugehen lernte. Ich für meinen Theil kann mich nicht überzeugen, daß Homer und Virgil 2 mit mehr Feuer geschrieben haben würden, wenn sie, statt vollkommene Meister der Gelehrsamkeit ihrer Zeit zu sein, so unwissend gewesen wären, als es die meisten Schriftsteller in unsern Tagen sind. Ebenso wenig glaube ich, daß die Phantasie, das Feuer und die Urtheilsschärfe Pitt's jene Reden hervorgebracht haben würden, welche in unserer Zeit den Senat Englands in der Beredtsamkeit Griechenland und Rom gleichstellten, wäre er in den Schriften des Demosthenes und Cicero nicht so wohl belesen gewesen, daß er ihren ganzen Geist in seine Reden übertragen konnte und mit ihrem Geiste auch ihre Kenntniß.

Ich verlange nun keineswegs von meinen Collegen dieselbe Masse von Gelehrsamkeit, welche nach Cicero für einen Redner nothwendig sein soll. Im Gegentheile, ich sehe es ein, der Dichter braucht eine sehr geringe Belesenheit, der Recensent noch weniger und der Politiker am allerwenigsten. Für den ersten gnügen irgend eine Anleitung zur Dichtkunst und einige unserer neuern Dichter, für den zweiten eine Anzahl Bühnenstücke und für den letztern eine Sammlung von Zeitungsblättern.

Ich verlange weiter nichts, als daß ein Mann einige Kenntniß von dem Gegenstande habe, über den er schreibt, nach dem alten Rechtsgrundsatze: quam quisque novit artem, in ea se exerceat. Damit allein kann ein Schriftsteller bisweilen recht wohl auskommen, wie ihm denn wirklich ohne dies alle übrige Gelehrsamkeit in der Welt wenig nützen wird.

Wir wollen z. B. annehmen, Homer und Virgil, Aristoteles und Cicero, Thucydides und Livius könnten zusammen gekommen sein und ihre verschiedenen Talente zusammen gethan haben, um eine Abhandlung über den Tanz zu schreiben; Jedermann wird mir beistimmen, daß sie ihre Aufgabe nicht so gut gelöset haben würden, als es irgend 3 ein ungelehrter Tanzmeister vermöchte. Wir glauben bei einer so klar vorliegenden Sache nicht viele Beispiele anführen zu müssen und so kann ich es denn auch geradezu aussprechen, daß ein Grund, warum so viele Schriftsteller die Sitten in den höhern Cirkeln so falsch geschildert haben, der ist, daß sie diese Sitten nicht kannten.

Eine solche Kenntniß ist für viele Schriftsteller freilich schwer zu erlangen. Bücher geben nur eine unvollkommne Vorstellung davon; die Bühne thut nicht viel mehr. Eine wahre Kenntniß der Welt kann nur durch Umgang erworben werden; man muß die Sitten jedes Standes sehen, wenn man sie kennen lernen will.

Nun sind aber die Höhern unter den Sterblichen nicht wie die übrigen Menschen umsonst in Kaffeehäusern u. dergl. zu sehen, auch werden sie nicht für so und so viel die Person gezeigt. Man sieht sie nicht, wenn man nicht eine oder die andere Qualification mitbringt, z. B. hohe Geburt oder Vermögen oder, was so viel ist als beides, das ehrenwerthe Gewerbe eines Spielers. Zum Unglück für die Welt geben sich Personen, welche diese Qualificationen besitzen, selten die Mühe, als Schriftsteller aufzutreten, sondern überlassen dies Niedrigern und Aermern als ein Gewerbe, zu dem, wie viele glauben, durchaus keine Anlagen vonnöthen sind.

Daher die seltsamen Ungethüme in Spitzen und Stickereien, in Gold und Seide, mit ungeheuern Perücken und Reifröcken, die als Lords und Ladies zum großen Ergötzen der Advokaten und ihrer Schreiber im Parterre, so wie der Handwerker und ihrer Lehrjungen auf der Galerie sich auf der Bühne spreizen und eben so wenig im wirklichen Leben zu finden sind als der Centaur oder irgend ein anderes Geschöpf der bloßen Einbildung. Diese Kenntniß der höhern Stände nützt jedoch, um meinen Leser in ein Geheimniß einzuweihen, dem Schriftsteller sehr wenig, dessen Fach das 4 Lustspiel oder die Art von Roman ist, die, gleich dem vorliegenden, zu den komischen gehört.

Was Pope von den Frauen sagt, paßt vollkommen auf die meisten in diesem Stande, die in der That so ganz aus Förmlichkeit und Ziererei bestehen, daß sie eigentlich gar keinen Character haben, wenigstens keiner zum Vorscheine kommt. Ich wage die Behauptung auszusprechen, daß das vornehmste Leben das langweiligste ist und sehr wenig Witz und Unterhaltung gewährt. Die verschiedenen Berufe in niedern Kreisen bringen die große Mannichfaltigkeit humoristischer Charactere hervor, während hier, ausgenommen unter den wenigen, welche ehrgeizige Pläne verfolgen und den noch wenigern, die ein Wohlgefallen am Vergnügen finden, Alles Nichtigkeit und servile Nachahmung ist. Putz und Kartenspiel, Essen und Trinken, Verbeugen und Knixen füllen ihr Leben aus.

Es giebt zwar einige von diesem Range, über welche die Leidenschaft ihre Herrschaft ausübt und die von derselben weit über die Grenzen hinaus getrieben werden, welche die Schicklichkeit vorschreibt; unter diesen zeichnen sich die Frauen eben so sehr durch ihre edle Unerschrockenheit und eine gewisse höhere Mißachtung des Rufes vor dem schwächern Geschlechte in niedern Ständen aus, wie sich eine tugendhafte vornehme Dame durch ihr feines Gesicht von der rechtlichen Frau eines Krämers u. dergl. unterscheidet.

Es giebt keinen größern Irrthum als den, welcher allgemein unter den gemeinen Leuten herrscht, die ihre Meinung von irgend einem unwissenden Satyriker entlehnen und unsere Zeit eine ausschweifende und unmoralische nennen. Ich bin vielmehr überzeugt, daß niemals unter Personen von Stande weniger Liebesintriguen vorkamen, als eben jetzt. Unsere Frauen haben durch ihre Mütter gelernt, ihre Gedanken ausschließlich auf Ehrgeiz und Eitelkeit 5 zu richten und die Freuden der Liebe als ihrer Beachtung unwürdig zu verschmähen. Und da sie später durch die Vorsorge solcher Mütter verheirathet werden, ohne daß sie eigentlich Ehemänner haben, so überzeugen sie sich so ziemlich von der Richtigkeit jener Ansicht; sie begnügen sich deshalb in dem langweiligen übrigen Leben mit unschuldigeren, leider auch kindischeren Vergnügungen, deren bloße Nennung sich mit der Würde dieser Geschichte nicht verträgt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das characteristische Merkmal der jetzigen schönen Welt eher die Thorheit als das Laster und sie verdient kein anderes Beiwort als frivol.

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