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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Ein Brocken für die Kritiker.

Es könnte unserm letzten einleitenden Kapitel zufolge scheinen, als wären wir gegen jene furchtbare Menschenklasse, die man Kritiker nennt, mit weniger Rücksicht verfahren, als uns zukommt, indem dieselben von Seiten der Schriftsteller großen Respekt verlangen, und dieser ihnen auch wirklich allgemein zu Theil wird. Wir werden daher in dem gegenwärtigen die Gründe unseres Verfahrens gegen diese erhabene Corporation an den Tag legen und dieselbe sogleich aus einem Gesichtspunkte betrachten, aus dem sie vielleicht bisher noch nicht betrachtet worden ist.

Das Wort Kritik ist griechischen Ursprungs und bedeutet Urtheil. Daraus schließe ich, daß manche Personen, denen dieses Wort nur der Uebersetzung und nicht der ursprünglichen Bedeutung nach bekannt war, der Meinung gewesen sind, es bedeute Urtheil im gerichtlichen Sinne, oder Urtel, was häufig gleichbedeutend mit Verurtheilung gebraucht wird.

2 Ich bin um so mehr zu dieser Ansicht geneigt, als die Mehrzahl der Kritiker in den letzten Jahren Advocaten waren. Viele dieser Herren haben, vielleicht aus Verzweiflung, jemals auf der Bank in Westminsterhall zu erscheinen, auf den Bänken des Schauspielhauses Platz genommen, wo sie ihre Fähigkeit zum Richteramte geübt und ihr Urtheil abgegeben, d. h. ohne Erbarmen verurtheilt haben.

Die Herren würden vielleicht ganz wohl damit zufrieden sein, wenn wir es dabei bewenden ließen, sie mit einem der wichtigsten und ehrenvollsten Stände im Staate verglichen zu haben, und wenn uns daran läge, uns bei ihnen in Gunst zu setzen, so würden wir es auch thun: allein da es unsre Absicht ist, uns frei und offen gegen sie auszusprechen, so müssen wir an noch einen andern Diener der Gerechtigkeit, weit niederen Ranges erinnern, mit dem sie, in so fern als sie ihr Urtheil nicht allein aussprechen, sondern auch vollstrecken, gleichfalls einige entfernte Aehnlichkeit haben.

Aber es giebt in der That noch einen andern Gesichtspunkt, aus dem sich diese modernen Kritiker mit vollem Fug und Recht betrachten lassen; und von diesem aus erscheinen sie als gemeine Verläumder. Wenn jemand, der Anderer Charakter blos aus dem Grunde erforscht, um ihre Fehler zu entdecken und sie vor der Welt zu veröffentlichen, den Namen eines Verläumders verdient, weil er Menschen um ihren Ruf bringt; warum sollte nicht ein Kritiker, der aus der nämlichen boshaften Absicht liest, eben so füglich ein Verläumder genannt werden, da er Bücher um ihren Ruf bringt?

Kaum kann das Laster einen verworfenern Sclaven unter seinen Dienern haben, die Gesellschaft ein größeres Scheusal erzeugen und die Hölle einen ihrer würdigern und 3 willkommnern Gast aufnehmen als einen Verläumder. Ich fürchte, die Welt betrachtet dieses Ungeheuer nicht mit halb so viel Abscheu als ihm gebührt; noch mehr fürchte ich, den Grund dieser strafbaren Milde anzudeuten; und doch, gegen ihn gehalten, scheint der Dieb noch unschuldig, ja selbst die Schuld des Mörders wiegt die seinige selten auf; denn Verläumdung ist eine gefährlichere Waffe als ein Schwert, ihre Wunden sind stets unheilbar. Wirklich giebt es nur eine Art des Mordes, und zwar die niedrigste und abscheulichste von allen, die mit dem hier gerügten Laster ihrer Aehnlichkeit wegen verglichen werden kann, und das ist Vergiftung; – ein so niedriges Mittel zur Rache, und doch so abscheulich, daß einst unsere Gesetze es von allen andern Arten des Mordes durch eine besondere Strenge in der Bestrafung weise unterschieden.

Außer dem furchtbaren Unheil, das durch Verläumdung gestiftet worden ist, und der Gemeinheit des Mittels, wodurch es vollbracht wurde, giebt es noch andere Umstände, die uns dieses Laster um so viel häßlicher erscheinen lassen: oftmals nämlich bietet sich seinem Ausbruche gar keine Veranlassung und selten ein Lohn dar, es müßte denn irgend eine schwarze teuflische Seele in dem Gedanken, einem Andern Ruin und Elend bereitet zu haben, einen Lohn sehen.

Shakspeare hat dieses Laster herrlich geschildert, indem er sagt: »wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt eine Lumperei, 's ist etwas, nichts; 's war mein, 's ist sein und 's war der Sclav von Tausenden; der aber, der mir meinen guten Namen stiehlt, nimmt mir etwas, das ihn nicht reich, mich aber wirklich arm macht!«

Mit diesem Allen wird der geneigte Leser ohne Zweifel einverstanden sein; aber vieles davon wird ihm wahrscheinlich zu streng scheinen, wenn es auf den Verläumder von 4 Büchern angewendet wird. Aber man bedenke nur, daß bei beiden dieselbe Ruchlosigkeit der Gesinnung angetroffen wird, und daß beide gleich weit entfernt sind, sich mit der Versuchung entschuldigen zu können. Auch werden wir das auf diesem Wege zugefügte Unrecht nicht als so geringfügig betrachten, wenn wir ein Buch als des Autors Sprößling, als das Kind seines Geistes ansehen.

Derjenige Leser, der seine Muse bisher im Zustande der Jungfräulichkeit verharren ließ, kann nur eine undeutliche Vorstellung von dieser Art Vaterliebe haben. Auf ihn könnten wir den empfindsamen Ausruf Macduff's parodiren: »Ach! Du hast kein Buch geschrieben.« Aber der Schriftsteller, dessen Muse geboren hat, wird das Rührende darin empfinden, wird mir vielleicht unter Thränen beistimmen (zumal wenn sein Sprößling bereits nicht mehr ist), wenn ich der Unbehaglichkeit gedenke, mit der die schwangere Muse ihre Bürde umherträgt, der Schmerzensarbeit, unter der sie gebiert, und endlich der Sorgfalt und Liebe, mit welcher der zärtliche Vater seinen Liebling nährt, bis er ihn zur Reife gebracht und in die Welt eingeführt hat.

Auch kann es keine Vaterliebe geben, die weniger auf reinem Instinkt zu beruhen scheint, und die sich so wohl mit Weltklugheit verträgt als diese. Diese Kinder können mit dem vollsten Rechte die Reichthümer ihres Vaters genannt werden; und viele derselben haben ihren Vater in seinen alten Tagen mit wahrhaft kindlicher Treue ernährt: so daß der Schriftsteller durch diese Verläumder, deren giftiger Athem seinem Buche ein frühzeitiges Ende bereitet, nicht allein in seinen Gefühlen, sondern auch in seinem Interesse auf's Tiefste verletzt werden kann.

Endlich ist der Verläumder eines Buchs in Wahrheit der Verläumder des Verfassers: denn so wie Niemand einen 5 Andern Bastard nennen kann, ohne der Mutter den Namen einer Hure beizulegen; eben so wenig kann Jemand ein Buch als ein abgeschmacktes und elendes Machwerk schildern, ohne den Verfasser einen Strohkopf zu nennen, was, wenn es auch von moralischer Seite genommen immer noch erträglicher ist, als ein Bösewicht genannt zu werden, doch vielleicht für sein weltliches Interesse von größerem Nachtheile sein kann.

Wie spaßhaft nun auch Einigen dies alles erscheinen mag, so werden doch Andere, wie ich nicht zweifle, die darin enthaltene Wahrheit fühlen und anerkennen; ja vielleicht, daß sie sogar der Meinung sind, ich habe den Gegenstand nicht mit dem erforderlichen Ernst behandelt; aber man kann ja auch lächelnd die Wahrheit reden. In der That, ein Buch boshafter oder muthwilliger Weise herabzuwürdigen, ist zum wenigsten ein sehr schlechter Dienst; und einen mürrischen und knurrenden Kritiker kann man meines Bedünkens immerhin für einen boshaften Mann halten.

Ich will daher in dem noch übrigen Theile dieses Kapitels die Merkmale eines solchen näher anzugeben versuchen, um zu zeigen, welcher Art Kritik ich hiermit begegnen will; denn unmöglich kann man mich so verstehen, höchstens könnten es gerade die Personen, die hier gemeint sind, als behauptete ich, es gäbe keine fähigen Beurtheiler von Schriften, oder als suchte ich irgend einen jener vortrefflichen Kritiker, deren Arbeiten die gelehrte Welt so viel verdankt, aus dem Staate der Literatur auszuschließen. Zu diesen gehören Aristoteles, Horaz und Longinus unter den Alten; Dacier und Bossu unter den Franzosen, und vielleicht auch einige von unsrer Nation, die allerdings in foro literario eine richterliche Autorität auszuüben berechtigt gewesen sind.

6 Ohne aber alle die erforderlichen Eigenschaften eines Kritikers festzustellen, auf die ich an einem andern Orte hingedeutet habe, denke ich kühn der Beurtheilung eines jeden entgegen treten zu können, der das Werk, dem dieselbe gilt, gar nicht gelesen hat. Von solchen Recensenten wie diese, mögen sie nun, was sie vorbringen, selbst gerathen oder vermuthet oder aus den Berichten und Ansichten Anderer geschöpft haben, kann man füglich sagen, sie verläumden den Ruf des Buches, das sie verurtheilen.

Auch von denen möchte sich wohl das Gleiche behaupten lassen, welche, ohne sich auf die Anführung einzelner Fehler einzulassen, das Ganze in allgemeinen und herabwürdigenden Ausdrücken tadeln, als da sind: leeres, abgeschmacktes, langweiliges Gewäsch &c. &c. und namentlich durch den Gebrauch des Wortes gemein.

Ferner, wenn gleich einige Fehler in dem Werke richtig angezeigt sein können, wird es dennoch, wenn diese nicht die wesentlichsten Theile betreffen, oder wenn sie durch größere Schönheiten aufgewogen werden, vielmehr nach der Bosheit eines Verläumders als nach dem Ausspruche eines wahren Kritikers schmecken, ein strenges Urtheil über das Ganze zu fällen, blos um eines fehlerhaften Theiles willen. Dieses steht im geraden Gegensatze zu dem Ausspruche des Horaz:

Verum ubi plura nitent in carmine, non ego paucis
Offendar maculis, quas aut incuria fudit,
Hut humana parum cavit natura –

Denn, wie Martial sagt, aliter non fit, avite, liber: anders ist nie ein Buch geschrieben worden. Alle Schönheit, des Charakters sowohl als des Gesichts oder überhaupt jedes Theiles vom Menschen muß nach diesem Maßstabe beurtheilt werden. Es wäre wirklich grausam, wenn ein Werk wie 7 dieser Roman, das so viele tausend Stunden Arbeit gekostet hat, sollte verworfen werden, weil ein oder das andere Kapitel, oder einige, gerechten Tadel verdiente. Und gleichwohl ist nichts gewöhnlicher als die strengsten Urtheile über Bücher, und zwar unterstützt durch solchen Tadel, der, wenn er gegründet wäre (was er nicht immer ist), dem Ganzen keineswegs zum Verdienste gereichen würde. Im Theater namentlich wird ein einziger Ausdruck, der nicht nach dem Geschmacke der Zuhörer oder auch eines einzelnen Kritikers dieser Versammlung ist, ausgepfiffen; und wird eine Scene mißbilligend aufgenommen, so ist auch das ganze Stück gefährdet. Innerhalb so strenger Regeln wie diese zu schreiben ist eben so unmöglich, als nach den Anforderungen mürrischer Pedanten zu leben; und wenn wir nach den Gesinnungen mancher Kritiker und mancher Christen gehen wollen, so wird kein Schriftsteller erlöset werden auf dieser Welt und kein Mensch in der andern.

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