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Die Geschichte des Tom Jones / Theil III

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil III - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil III
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil III
pages184
created20080605
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Ein wunderbar langes Kapitel über das Wunderbare, das längste von allen unsern einleitenden Kapiteln.

Da wir jetzt an ein Buch gelangen, in welchem der Gang unserer Geschichte uns nöthigen wird, seltsamere und überraschendere Dinge zu erzählen, als bis jetzt vorgekommen sind, so dürfte es nicht ungeeignet sein, in dem einleitenden Kapitel etwas über sogenannte Wunderschriften zu sagen. Wir werden versuchen, zu unserm und Anderer Besten dieser Wunderbeschreibung bestimmte Grenzen zu setzen. Es ist dies auch gar sehr nöthig, da der Kritiker oder vielmehr verständige Leute überhaupt über diesen Punkt in sehr verschiedene Extreme zu verfallen pflegen; denn während einige mit Dacier bereitwillig zugeben, das Unmögliche könne gleichwohl wahrscheinlich sein, besitzen andre so geringen historischen oder poetischen Glauben, daß sie alles das weder für möglich noch für wahrscheinlich halten, was ihnen selbst noch nicht vorgekommen ist.

2 Erstens also, meine ich, darf man wohl mit Recht von jedem Schriftsteller verlangen, daß er sich in den Grenzen der Möglichkeit halte und nie vergesse, wie der Mensch unmöglich das für geschehen halten kann was unmöglich geschehen kann. Diese Ueberzeugung gab vielleicht Veranlassung zu manchen Geschichten von den alten heidnischen Göttern (denn die meisten derselben sind dichterischen Ursprungs). Der Dichter, der seiner ausschweifenden Phantasie freies Spiel zu lassen wünschte, nahm seine Zuflucht zu der Macht, deren Ausdehnung seine Leser nicht beurtheilen konnten oder die sie vielmehr für unbeschränkt hielten; deswegen konnten sie durch kein Wunder überrascht werden, das von derselben erzählt wurde. Dies ist zur Vertheidigung der Wunder Homer's angeführt worden und es ist vielleicht wirklich eine Vertheidigung, ich wollte aber, Homer hätte die von Horaz vorgeschriebene Regel gekannt, übernatürliche Kräfte so selten als möglich einzuführen. Seine Götter würden dann nicht unbedeutender Dinge wegen erschienen sein, noch sich auf eine Weise benommen haben, durch welche sie sich nicht blos jeden Anspruchs auf Ehrfurcht verlustig machten, sondern sogar ein Gegenstand der Verachtung und Verspottung wurden und die sich nur durch die Annahme rechtfertigen läßt, zu der ich mich selbst bisweilen hingezogen gefühlt habe, nämlich daß dieser herrlichste Dichter, der er sicherlich ist, die Absicht gehabt habe, den Aberglauben seiner Zeit und seines Vaterlandes lächerlich zu machen.

Doch ich halte mich so lange bei einer Lehre auf, die einem christlichen Schriftsteller von keinem Nutzen sein kann, denn da er in seine Werke die himmlischen Heerscharen nicht aufnehmen darf, die zu seinem Glauben gehören, so ist es höchst kindisch, in der heidnischen Theologie nach jenen Gottheiten zu suchen, die lange schon ihre Unsterblichkeit 3 verloren haben. Lord Shaftesbury bemerkt, es sei nichts so kalt als die Anrufung der Muse durch einen neuen Dichter; er hätte hinzusetzen können, nichts sei alberner. Ein neuer Dichter könnte eben so wohl eine Ballade anrufen oder einen Krug Bier, welches letztere sicherlich zu weit mehr Versen und Prosa begeistert hat als alles Wasser der Hippocrene.

Die einzigen übernatürlichen Mächte, die uns Neuern in irgend einer Art gestattet werden können, sind Geister, doch möchte ich jedem Schriftsteller rathen, dieselben nur äußerst sparsam und selten anzuwenden. Sie sind wie Arsenik oder andere gefährliche Stoffe in der Medizin; sie dürfen nur mit der größten Vorsicht gebraucht werden. Auch rathe ich die Anwendung von Geistern in allen den Werken oder bei allen den Schriftstellern ab, welchen ein lautes Lachen nachtheilig sein kann.

Elfen und Feen und dergleichen Mummenschanz erwähne ich absichtlich nicht, da ich jene überraschenden Phantasien durchaus nicht beschränken möchte, für welche die Grenzen der menschlichen Natur zu eng sind, deren Werke für eine neue Schöpfung gehalten werden sollen und die folglich ein Recht haben, in ihrer eignen Schöpfung nach Gutdünken zu verfahren.

Der Mensch also ist der höchste Gegenstand (außer in sehr außergewöhnlichen Fällen), der sich der Feder unseres Geschichtsschreibers oder unsers Dichters darbietet und bei der Erzählung seiner Handlungen muß man sich sehr sorgfältig hüten, über die Fähigkeit der Macht, die man schildert, hinauszugehen.

Auch rechtfertiget die Möglichkeit allein uns noch nicht; wir müssen uns auch in den Regeln der Wahrscheinlichkeit halten. Es ist, denke ich, die Meinung des Aristoteles, oder, sollte dies nicht sein, die Ansicht irgend eines weisen 4 Mannes, dessen Autorität von eben so großem Gewicht sein wird, wenn sie eben so alt ist, »es sei keine Entschuldigung für den Dichter, der etwas Unglaubliches erzählt, daß das Erzählte wirklich geschehen.« Dies kann man in Bezug auf die Poesie wohl gelten lassen, sicherlich darf man es aber nicht auf den Geschichtschreiber ausdehnen, denn dieser muß die Dinge berichten, wie er sie findet, wenn sie auch so außerordentlich sind, daß ein nicht geringer Grad von historischem Glauben dazu gehört, um sie gelten zu lassen. Dahin gehört die erfolglose Rüstung des Xerxes, die Herodot beschreibt, und das glückliche Unternehmen Alexander's nach der Schilderung Arrians. Dahin gehört in neuerer Zeit der Sieg Heinrichs V. bei Agincourt und jener Karls XII. von Schweden bei Narwa. Alle diese Beispiele erscheinen um so erstaunlicher, je mehr man darüber nachdenkt.

Der Geschichtschreiber, der solche Thatsachen im Verlaufe der Erzählung erwähnt, der sie wohl gar zum wesentlichsten Theile derselben macht, ist nicht blos zu rechtfertigen, wenn er sie anführt, wie sie wirklich geschahen, es würde sogar unverzeihlich sein, wenn er sie unerwähnt ließe oder veränderte. Es giebt aber andere Dinge, die nicht so wichtig oder so nöthig sind und, obwohl vollkommen beglaubiget, dennoch der Vergessenheit übergeben werden können, dem ungläubigen Leser zu Gefallen, z. B. die denkwürdige Geschichte von dem Geiste Georg Villers'.

Um die Wahrheit zu sagen, der Geschichtschreiber wird, wenn er sich auf das beschränkt, was wirklich geschah, und jeden Umstand unbeachtet läßt, der, obwohl vollkommen beglaubiget, seiner Ueberzeugung nach falsch sein muß, wohl bisweilen Wunderbares, nie aber Unglaubliches zu berichten haben. Er wird oft in seinem Leser Verwunderung und Erstaunen hervorrufen, niemals aber jenen ungläubigen Unwillen, den Horaz erwähnt. Dadurch also, daß wir in 5 die Dichtung gerathen, sündigen wir meist gegen diese Regel, indem wir die Wahrscheinlichkeit aufgeben, welche der Geschichtschreiber selten oder nie verläßt, so lange er seinem Charakter treu bleibt und nicht Romanschreiber wird. Darum haben jene Geschichtschreiber, welche Staatsereignisse erzählen, einen Vortheil vor uns voraus, die wir uns auf Vorgänge im Privatleben beschränken. Die Glaubwürdigkeit des erstern wird eine lange Zeit durch das allgemeine Bekanntsein dessen unterstützt, was er erzählt, und die Staatsurkunden, nebst dem übereinstimmenden Zeugnisse vieler Schriftsteller bestätigen die Wahrheit in spätern Zeiten. So haben ein Trajan und Antonin, ein Nero und Caligula Glauben bei der Nachwelt gefunden und Niemand zweifelt daran, daß einst so gute und so schlechte Menschen ihre Mitmenschen beherrschten.

Wir aber, die wir uns mit Privatcharakteren beschäftigen, in die verborgensten Oerter dringen und Beispiele der Tugend und des Lasters aus Höhlen und Winkeln der Welt hervorziehen, befinden uns in einer gefährlichern Lage. Da uns nicht allgemeines Bekanntsein zur Seite steht, da wir keine Urkunden für das vorzulegen haben, was wir berichten, so müssen wir uns streng in den Grenzen nicht nur der Möglichkeit, sondern auch der Wahrscheinlichkeit halten besonders da, wo wir schildern, was ungewöhnlich gut und anmuthig ist. Schlechtigkeit und Thorheit, wenn auch noch so groß, findet leichter Glauben.

So können wir vielleicht mit geringer Gefahr die Geschichte Fishers erzählen, der lange seinen Unterhalt von dem edelmüthigen Derby erhielt, und als er eines Morgens eine bedeutende Gabe aus der Hand desselben empfangen hatte, dennoch, um in Besitz dessen zu gelangen, was noch in seines Freundes Pult zurückgeblieben war, im Temple sich verbarg, um einen Weg in die Zimmer Derby's zu 6 finden. Hier hörte er wie Derby mehrere Stunden lang bei einem Festmahle sich erfreuete, das er diesen Abend seinen Freunden gab und zu dem auch Fisher eingeladen worden war. In dieser Zeit regten sich keine freundschaftlichen, dankbaren Gedanken in ihm, die ihn von seinem Vorhaben hätten abbringen können, sondern als der Unglückliche seine Freunde hinaus begleitet hatte, trat Fisher vielmehr plötzlich aus seinem Verstecke hervor, schlich sich hinter seinen Freund und schoß ihm eine Kugel durch den Kopf. Dies wird man glauben, wenn die Gebeine Fishers längst in Staub zerfallen sind. Ja man glaubt es vielleicht, daß der Bösewicht zwei Tage darauf mit einigen jungen Damen in das Theater ging, um Hamlet zu sehen und mit unverändertem Gesichte eine der Damen, welche nicht ahnte, wie nahe sie der Person war, ausrief: »guter Gott, wenn der Mörder Derby's gegenwärtig wäre!«

Wenn ich dagegen meinem Leser erzählen wollte, daß ich einen Mann gekannt habe, der durch seinen scharfsinnigen Verstand auf einem Wege, wo ihm keine Bahn vorgezeichnet war, ein großes Vermögen erworben; daß er dies gethan, ohne im mindesten seiner Rechtlichkeit zu nahe zu treten und nicht blos ohne Verletzung eines Andern und ohne Ungerechtigkeit gegen Jemanden, sondern selbst mit dem höchsten Vortheile für den Verkehr und mit bedeutender Erhöhung des Staatseinkommens; daß er einen Theil des Ertrags seines Vermögens darauf verwendet, einen edleren Geschmack als den gewöhnlichen durch Werke zu verbreiten, in denen die höchste Würde sich mit der reinsten Einfachheit verband, und einen andern Theil ausgab, um einen höhern als den gewöhnlichen Grad der Gutherzigkeit zu zeigen, in Handlungen der Mildthätigkeit nämlich gegen Personen, deren einzige Empfehlung ihre Verdienste oder ihre Armuth waren; daß er sich unablässig bemühete, das 7 nothleidende Verdienst ausfindig zu machen und zu unterstützen, und dann, was er gethan hatte, sorgsam (vielleicht zu sorgsam) verheimlichte; daß sein Haus, sein Hausgeräthe, sein Garten, sein Tisch, seine Gastlichkeit und seine öffentliche Freigebigkeit, Alles ein Zeugniß seines Geistes und seines Herzens, reich und edel nämlich, ohne Flitterwerk oder äußerliche Prahlerei war; daß er in jeder Beziehung im Leben Tugend entfaltete; daß er fromm ergeben gegen seinen Schöpfer und treueifrig gegen seinen Fürsten, ein zärtlicher Gatte gegen seine Frau, ein liebevoller Verwandter, ein freigebiger Gönner, ein warmer, festaushaltender Freund, ein fröhlicher und kenntnißreicher Gesellschafter, nachsichtig gegen seine Dienstleute, gastlich gegen seine Nachbarn, mildthätig gegen die Armen und wohlwollend gegen die ganze Menschheit war; fügte ich dazu die Beiwörter weise, brav und jedes andere, das unsere Sprache hat, so könnte ich wohl mit Recht ausrufen:

»Wer würde mir glauben? Niemand, wahrhaftig Niemand.«

Und doch kenne ich einen Mann, der alles das ist und thut, was ich erwähnt habe. Aber ein einzelnes Beispiel (und ich kenne wirklich kein zweites) reicht nicht hin, uns zu rechtfertigen, während wir für Tausende schreiben, die niemals von der Person hörten oder von einer ihr ähnlichen. Solche rarae aves sollten dem Grabschriftschreiber oder einem Dichter überlassen werden, der sie so leicht und sorglos in ein Verschen bringt, daß der Leser ebenfalls leicht darüber hinschlüpft und kein Aergerniß daran nimmt.

Zuletzt sollten die Handlungen von der Art sein, daß sie nicht blos in den Bereich menschlichen Thuns paßten und in der Wahrscheinlichkeit begründet, sondern auch den Vollbringern und Charaktern derselben angemessen wären, denn was bei einem Menschen nur wunderbar und überraschend 8 ist, kann unwahrscheinlich oder gar unmöglich werden, wenn es von einem andern erzählt wird.

Das letztere Erforderniß ist das, was die dramatischen Kritiker Durchführung und Bewahrung des Charakters nennen; es erfordert einen außerordentlichen Grad von Urtheilskraft so wie eine sehr genaue Kenntniß der menschlichen Natur.

Ein ausgezeichneter Schriftsteller macht die treffende Bemerkung, daß der Eifer einen Menschen eben so wenig antreiben könne, in geradem Widerspruche mit sich selbst zu handeln, als ein reißender Strom ein Boot gegen seine Strömung zu tragen vermöchte. Ich behaupte, daß es für einen Mann, wenn nicht geradezu unmöglich, doch eben so unwahrscheinlich und wunderbar ist als irgend etwas, in geradem Widerspruche mit den Forderungen seines ganzen Wesens zu handeln. Was würde unglaublicher sein, als wenn man die besten Theile der Geschichte Antonin's dem Nero oder die schlechtesten Handlungen des letztern dem erstern zuschriebe? Während beide, von der rechten Person berichtet, das wahrhaft Wundersame bilden.

Die Bühnendichter sind sehr häufig in den hier angedeuteten Fehler verfallen; in den ersten vier Acten der Trauerspiele sind ihre Helden Bösewichter, während sie im fünften vortreffliche Menschen werden. Diese Veränderung hat häufig keine andere Begründung als die, daß das Stück zu Ende geht.

Mit den angedeuteten Beschränkungen darf nun wohl, meine ich, jeder Schriftsteller das Wunderbare anwenden, wie es ihm gut dünkt; ja, wenn er sich in den Grenzen des Glaubhaften hält, wird er die Aufmerksamkeit des Lesers um so mehr fesseln, ihn um so mehr bezaubern, je mehr er ihn überrascht. Wie ein Genie vom höchsten Range bemerkt: Die große Kunst aller Poesie beruht darin, 9 Wahrheit mit Dichtung zu vermischen, um das Glaubliche mit dem Ueberraschenden zu verbinden.

Denn obgleich jeder gute Schriftsteller sich in den Grenzen des Wahrscheinlichen halten wird, so müssen doch seine Charaktere und Begebenheiten keineswegs gewöhnlich und gemein sein, wie sie auf jeder Straße, in jedem Hause vorkommen und in jedem Journalblatte zu lesen sind. Auch darf es ihm nicht verwehrt sein, Personen und Ereignisse vorzuführen, welche möglicherweise den meisten seiner Leser noch nicht vorgekommen sind. Wenn der Schriftsteller die oben angegebenen Regeln streng befolgt, so hat er das Seinige gethan und darf dann einigen Glauben von seinem Leser verlangen, der sich wirklich kritischer Untreue schuldig macht, wenn er ihm nicht glaubt. Wegen Mangels eines Theiles dieses Glaubens wurde, wie ich mich erinnere, der Charakter einer jungen Dame von Stande auf der Bühne einmüthig durch ein zahlreiches Publicum von Commis u. dergl. für unnatürlich erklärt, obgleich viele Damen vom höchsten Range den Charakter ganz treu und aus dem Leben gegriffen fanden.

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