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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Ueber den ernsten Ton im Schreiben und wozu er dient.

Es dürften dem Leser in diesem außergewöhnlichen Buche keine Stellen vorkommen, an denen er weniger Vergnügen finden wird, als die, welche dem Verfasser die größte Mühe kosteten. Zu diesen möchten wohl jene Einleitungen zu rechnen sein, welche wir dem Geschichtlichen eines jeden Buches vorausgeschickt haben, und die wir bei dieser Schreibweise, mit der wir zuerst hervorgetreten sind,. für wesentlich nothwendig erachteten.

Für dieses unser Erachten einen Grund anzuführen, halten wir uns nicht gerade für verpflichtet; indem es reichlich genügt, es als eine bei Abfassung jeglichen prosaisch-komisch-epischen Werkes nothwendige Regel aufgestellt zu haben. Wer fragte wohl jemals nach den Gründen jener strengen Einheit in Zeit und Ort, welche jetzt als etwas der dramatischen Poesie Wesentliches angenommen ist? Welcher Kritiker ist wohl jemals befragt worden, warum ein Schauspiel nicht sowohl zwei Tage als einen umfassen 2 dürfe? oder warum die Zuschauer (sie müßten denn, wie Wahlmänner, kostenfrei reisen) nicht sowohl funfzig als fünf Meilen weit versetzt werden dürfen? Hat etwa irgend ein Commentator über die Grenzen des Drama, das nach einem alten Kritiker nicht mehr und nicht weniger als fünf Acte haben soll, gehörig Rechenschaft gegeben? Oder hat etwa ein jetzt Lebender zu erklären versucht, was unsere modernen Theaterrecensenten unter jenem Worte niedrig verstehen, mittelst dessen es ihnen gelungen ist, allen Humor von der Bühne zu verbannen und das Theater so langweilig wie ein Gesellschaftszimmer zu machen? In allen diesen Beziehungen scheint man einen Grundsatz unserer Gesetze angenommen zu haben, den nämlich: cuicunque in arte sua perito credendum est; denn es mag kaum begreiflich scheinen, daß jemand so anmaßend sein sollte, in Betreff einer Kunst oder Wissenschaft ohne die mindeste Begründung dogmatische Regeln aufzustellen. In solchen Fällen sind wir demnach geneigt zu schließen, daß vernünftige Gründe da sind, wenn wir sie auch unglücklicherweise nicht aufzufinden vermögen.

Gegenwärtig hat man in der That den Kritikern zuviel zugetraut und sie für Leute von tieferen Einsichten gehalten, als sie wirklich sind. Diese Höflichkeit hat sie so kühn gemacht, sich eine dictatorische Gewalt anzumaßen, was ihnen so gut gelungen ist, daß sie jetzt die Meister geworden sind und sich erdreisten, eben diesen Schriftstellern Gesetze vorzuschreiben, von deren Vorgängern sie dieselben erst entlehnten.

Der Kritiker ist, richtig betrachtet, nichts weiter als ein Abschreiber, der das Amt hat, die Regeln und Gesetze jener großen Stimmberechtigten zusammenzutragen, deren hoher Genius sie in den verschiednen Gebieten der Wissenschaft fand, in denen sie den ersten Rang einnahmen. Weiter wollten die Kritiker der Alten gar nichts sein; auch wagten sie keinen 3 Ausspruch zu thun, ohne ihn durch die Autorität desjenigen, von dem er entlehnt war, zu unterstützen.

Aber nach und nach und in Zeiten der Unwissenheit fing der Abschreiber an, sich die Gewalt seines Meisters anzumaßen und dessen Würde anzunehmen. Die Gesetze des Schreibens wurden nicht mehr auf die Erfahrung des Schriftstellers, sondern auf die Aussprüche des Kritikers gegründet. Der Abschreiber wurde der Gesetzgeber, und mit großer Entschiedenheit schrieben diejenigen Gesetze vor, deren Geschäft es ursprünglich blos war, sie abzuschreiben.

Hieraus entsprang ein augenscheinlicher und vielleicht unvermeidlicher Irrthum; denn diese Kritiker, Leute von beschränkten Fähigkeiten, verwechselten sehr gern die reine Form mit der Materie. Sie machten es, wie es ein Richter machen würde, der sich an den todten Buchstaben des Gesetzes halten und den Geist zurückweisen wollte. Geringfügige Umstände, vielleicht Nebendinge bei einem großen Schriftsteller, wurden von diesen Kritikern als sein Hauptverdienst betrachtet, und allen seinen Nachfolgern als wesentlich empfohlen. Diesen Anmaßungen verliehen Zeit und Unwissenheit, diese zwei großen Stützen des Betrugs, Autorität; und so sind denn viele Regeln zum Gutschreiben gegeben worden, die nicht im mindesten auf Wahrheit oder Natur basirt sind und die gemeiniglich zu nichts weiter dienen, als den Genius niederzubeugen und zu hemmen, gleichwie der Tanzmeister würde gehemmt worden sein, hätten die vielen vortrefflichen Abhandlungen über diese Kunst es als eine wesentliche Regel festgestellt, daß Jedermann in Ketten tanzen müßte.

Um daher allen Verdacht zu vermeiden, als wollten wir der Zukunft eine Regel aufbürden, die sich einzig und allein auf die Autorität des ipse dixit gründete – vor der wir, die Wahrheit zu sagen, nicht die tiefste Verehrung 4 hegen, – so werden wir hier auf das oben in Anspruch genommene Privilegium verzichten und dem Leser die Gründe angeben, die uns bewogen haben, jene verschiedentlichen Abschweifungen im Verlaufe dieses Werkes einzuflechten.

Und hierbei sehen wir uns gedrungen, eine neue Wissensader aufzudecken, die, wenn sie schon entdeckt war, doch, so viel wir uns erinnern, noch von keinem ältern oder neuern Schriftsteller bearbeitet worden ist. Diese Ader besteht in nichts Anderm als dem Contraste, der über alle Werke der Schöpfung verbreitet ist und dem wohl ein größerer Antheil bei der Entstehung der Idee aller Schönheit, in der Natur wie in der Kunst, zukommt: denn woraus ergiebt sich uns die Schönheit und Vortrefflichkeit eines Dinges, wenn nicht aus seinem Entgegengesetzten? So wird die Schönheit des Tages und des Sommers hervorgehoben durch das Grausige der Nacht und des Winters. Und ich glaube, daß, wäre es möglich, daß Jemand nur die ersten beiden gesehen hätte, er eine sehr unvollkommene Idee von deren Schönheit haben würde.

Um jedoch nicht in einen zu ernsten Ton zu fallen, läßt es sich wohl bezweifeln, daß die schönste Frau von der Welt all den Zauber ihrer Reize in den Augen eines Mannes verlieren würde, der nie eine von anderer Körperbildung gesehen hätte? Die Frauen selbst scheinen das so gut zu fühlen, daß sie alle erfinderisch darin sind, ihre Schönheit durch Folien zu heben; ja daß sie sich selbst Folien werden: denn ich habe beobachtet (zu Bath namentlich), daß sie des Morgens so häßlich als möglich zu erscheinen suchen, damit sich die Schönheit, welche sie am Abende zeigen wollen, desto vortheilhafter herausstelle.

Die meisten Künstler machen Gebrauch von diesem Geheimnisse, obschon manche derselben vielleicht nicht sehr über die Theorie nachgedacht haben. Der Juwelier weiß, daß 5 der schönste Brillant einer Folie bedarf; und der Maler erwirbt sich durch den Contrast seiner Figuren oft großen Beifall.

Ein großer Genius wird uns diesen Gegenstand völlig klar werden lassen. Ich kann ihn freilich keiner Classe gewöhnlicher Künstler beizählen, indem er ein Recht hat denen beigesellt zu werden:

Inventas qui vitam excoluere per artes.
Die durch ihre Kunst das Leben veredelt haben.

Ich meine nämlich den Erfinder jener höchst vortrefflichen Unterhaltung, der englischen Pantomime.

Diese Unterhaltung bestand aus zwei Theilen, die der Erfinder durch die Bezeichnung des ernsten und des komischen unterschied. Der ernste führte eine Anzahl heidnischer Gottheiten und Helden vor, die zuverlässig die schlechteste und langweiligste Gesellschaft bildeten, in welche die Zuhörer nur eingeführt werden konnten; und das (ein Wenigen bekanntes Geheimniß) sollte gerade so sein, um mit dem komischen Theile zu contrastiren und die Harlekinspossen desto besser hervorzuheben.

Dies war freilich wohl nicht sehr höflich; gleichwohl war die Erfindung sinnreich genug und that ihre Wirkung. Und dies wird sich sogleich deutlich ergeben, wenn wir die Worte ernst und komisch mit langweilig und langweiligst vertauschen; denn das Komische war langweiliger als irgend etwas, was man je auf der Bühne gesehen hatte, und konnte nur durch den superlativen Grad von Langweiligkeit des Ernsten gehoben werden. Denn jene Götter und Helden waren in der That so unausstehlich ernst, daß das Erscheinen Harlekins (der keineswegs mit der französischen Familie dieses Namens verwandt ist, denn er ist von weit ernsterem Wesen), auf der Bühne stets willkommen war, weil er die Zuhörer von schlechterer Gesellschaft befreite.

6 Einsichtsvolle Schriftsteller haben diese Kunst des Contrastirens allezeit mit großem Erfolge ausgeübt. Ich war erstaunt, daß Horaz diese Kunst bei Homer tadeln sollte; allein er widerspricht sich wirklich in der nächstfolgenden Zeile:

Indignor quandoque bonus dormitat Homerus,
Verum opere in longo fas est obrepere somnum.

Ich ärgere mich immer, wenn der gute Homer einmal schläft,
Doch bei einem großen Werke ist das wohl erlaubt.

Denn das ist nicht so zu verstehen, wie vielleicht manche gewollt haben, als falle ein Schriftsteller beim Schreiben wirklich in Schlaf. Es ist wahr, daß dies den Lesern nur zu leicht begegnet; aber, wäre auch das Werk so lang wie eines von Oldmiron, der Autor wird zu sehr gefesselt, als daß ihn die mindeste Schläfrigkeit überfiele. Er ist, wie Pope bemerkt:

Selbst schlaflos, um dem Leser Schlaf zu bereiten.

Diese einschläfernden Stellen sind, die Wahrheit zu sagen, künstlich eingeflochtene ernste Scenen, bestimmt, mit dem Uebrigen zu contrastiren und es mehr hervorzuheben; und so will es auch jener witzige Schriftsteller verstanden wissen, wo er seinen Lesern sagt, sie möchten versichert sein, daß er, so oft er langweilig wäre, eine Absicht dabei hätte.

In diesem Lichte also, oder vielmehr in diesem Dunkel, wünschte ich, daß der Leser diese Einleitungen betrachten möchte. Und sollte er, nach diesem Bescheide, der Meinung sein, daß er an andern Stellen dieser Erzählung Ernstes genug finden könne, so mag er diese, worin wir absichtlich langweilig zu sein bekennen, überschlagen und bei den folgenden Büchern mit dem zweiten Kapitel beginnen.

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