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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Achtes Kapitel

Mit Aufsehen erregendem Wagengerassel fuhr Diethelm in Buchenberg ein; aber es schaute niemand nach ihm, denn eben läutete die große Glocke, die sogenannte alte Kathrin', die nur bei Sterbefällen und in Feuersgefahr allein angezogen wurde. Diethelm fühlte, wie dieser Klang ihm den Atem benahm. Wär's möglich, daß seine Frau sich ein Leid angetan? Er mußte die Leute auf der Straße für die arme Seele beten lassen und konnte nicht fragen.

»Wer ist gestorben?« fragte er, beim Wirtshause zum Waldhorn anhaltend, und er erhielt zur Antwort, daß man dem alten Küfermichel zum Verscheiden läute. Diethelm knallte mit der Peitsche. Es war nicht der Mühe wert, um den alten Mann so viel Aufhebens zu machen.

Heitern Sinnes fuhr er das Dorf hinaus nach seinem Gehöft. Im hellen Mittagsglanz lagen Haus und Scheuer und Ställe stattlich da. Das Haus mit der Giebelseite nach der Straße zugekehrt, und von den Grundmauern bis zum Dach um und um mit graugewordenen Schindeln vertäfelt, die als Wetterpanzer dienten, öffnete jetzt sozusagen seinen Mund und erhielt große Brocken; denn in dem Vorbau am Dach standen zwei Männer und zogen an der Radwinde die Wollballen herein, die von unten hinaufgeschrotet wurden. Aus dem Schornstein stieg kein mittäglicher Rauch auf, und es war nun doppelt gut, daß in der kalten Herberge vorgesorgt war. Während er den kleinen Hügel hinanfuhr, überlegte Diethelm, wie er dem keifenden Wesen der Frau begegnen solle, und es blieb schließlich dabei, daß er zu allem lächeln und geheimnisvoll tun müsse, als ob er einen großen Gewinn in der Tasche und einen noch größeren in Aussicht habe. Als er anhielt und abstieg, ließ sich niemand sehen. Diethelm führte selbst die Pferde in den Stall und schickte durch Fränz das Manteltuch der Mutter; dann ging er an der Stubentür vorbei, drin er laut weinen hörte, hinauf auf den Speicher, und als er hier mit Medard zankte, weil er die verschiedenen Sorten untereinander gelegt, erwiderte dieser trotzig, das ganze Geschäft sei eigentlich nicht seine Sache, er sei Schäfer und nicht Kaufmannsdiener. Zu jeder andern Zeit hätte Diethelm auf solche trotzige Art tapfer ausgeschirrt, heute aber brummte er nur vor sich hin: »Wart' nur, krummer Spitzbub'«, und sprach kein lautes Wort. Er wollte es vor allem vermeiden, vor den vielen ein- und ausgehenden Fremden im Hause irgend Zank laut werden zu lassen; denn es konnte dabei manches zutage kommen, was besser verborgen blieb, auch wußte er, wie große Stücke seine Frau auf den Schäfer und dessen ganze Sippschaft hielt. Als er wieder die Stiege herab kam, stand die Frau am Herd und zündete ein Feuer an. Er reichte ihr die Hand und fragte:

»Warum hast du denn bis jetzt kein Feuer angemacht?«

»Ich hab' warten wollen, bis du's selber anzündest«, erwiderte die Frau in schmollendem Ton. Diethelm stand erstarrt und biß auf die Lippen. Was meinte die Frau mit diesen Worten? Wie konnte sie ahnen, daß heute schon zum zweiten Mal ein solcher Gedanke ihm wie ein brennender Funke in die Seele fiel? Die Frau aber schien diese Worte nur unbedacht als scharfe Widerrede gesprochen zu haben; denn, ohne weiter darauf einzugehen, schalt sie die Fränz:

»Was laufst so 'rum wie ein Schlittengaul? Zieh deine Sonntagskleider aus. Es ist ja Sünd' und Schand'. Wirst doch nicht so daheim 'rumlaufen wollen? Bei rechtschaffenen Bauersleuten ist's immer so gewesen: wenn man heimkommt, zieht man seine Werktagskleider an und legt die guten ordentlich in den Schrank. Aus dem Weg! Darfst mir nichts anrühren. Fahr in der Welt herum oder zum Teufel, wohin du magst.«

Der Zorn gegen den Vater ging, wie schon so oft, auch diesmal an dem Kind aus; denn einerseits hatte Martha nicht den vollen Mut gegen ihren Mann, anderseits wußte sie, daß eine Kränkung der Fränz ihm doppelt wehe tue. Fränz wollte laut aufweinen, aber Diethelm beschwichtigte sie und sagte:

»Die Mutter hat recht, ganz recht hat sie, aber heute ist eine Ausnahme, heute kommen noch viele Leut', und da darf man nicht so verhudelt 'rumlaufen.«

»Und ich? ich kann das Aschenputtel sein?« fragte die Mutter.

»Du mußt dich auch besser antun. Wie gefällt dir das Manteltuch? Frau, du wirst dein' Freud' haben an dem Marktgang«, sagte Diethelm mit zutraulicher Stimme, während er klein Holz häckelte, eine Aufmerksamkeit, die er seit den ersten Jahren der Ehe nicht mehr gehabt hatte.

Der Hausfriede war nun notdürftig hergestellt, und Diethelm mußte bei Tische tun, als ob er noch nirgend gespeist habe; er würgte jeden Bissen mit Mühe hinab, und sein ganzes Heimwesen erschien ihm auf einmal so düster: wie war's draußen in der Welt so hell und so freundlich und alles so zuvorkommend, und hier mußte er immer tun, als ob er das Gnadenbrot esse. Die freie Stimmung, die er aus der Ferne mitgebracht, war plötzlich gefängnisdumpf, und als er wieder hinabkam und seine Halbkutsche sah, meinte er, er müsse gleich wieder anspannen und fort, immer weiter: auf der kalten Herberge, im Stern, in der Post, überall war's viel besser, sonniger und lustiger.

Wagen an Wagen kamen angefahren, Herden hielten unten am Wege und blökten so kläglich, und Diethelm war's wieder, als ob ihn all das neue Besitztum erdrückte; er hatte außer Medard noch zwei Schäfer in Dienst genommen, und noch hatte jeder mehr als die gewohnte Zahl vierhundert zu hüten. Aber er tat freundlich und wohlgemut, er half selber die Ballen oben auf der Luke einziehen, und einmal schrie alles laut auf, denn Diethelm hatte sich zu weit hinausgewagt, er hing frei in der Luft am Seil, es war ihm, als schwebte er über dem Abgrund: er wußte nicht, sollte er festhalten oder freiwillig hinabstürzen, daß er zerschmettere, und alles auf einmal aus sei; aber unwillkürlich hielt er fest und besonders der Geistesgegenwart und dem entschiedenen Kommando des Schäfersoldaten Munde war es zu danken, daß vor lauter Staunen über den möglichen Unfall derselbe nicht in der Tat eintraf. Die Männer unten ließen leise die Last wieder herabgleiten, und Diethelm stand schwankend auf dem Boden und fühlte, wie er aus Not und Tod plötzlich wieder ins Leben gestellt war. Die Gefahr, in der Diethelm geschwebt, hatte plötzlich wieder all die Liebe Marthas zu ihm geweckt, sie umhalste ihn laut weinend und dankte Gott für seine Rettung. Vor einer Stunde noch voll Jähzorn und giftiger Verwünschungen, verfiel sie jetzt in die ganz entgegengesetzte Stimmung, daß sie ihren Diethelm ‹verkindelte›, so daß dieser einst von solcher altmütterlichen Behandlungsart gesagt hatte: »es fehle weiter nichts, als daß ihm seine Frau noch Kindchenbrei koche.« Martha duldete es nicht mehr, daß Diethelm irgend Hand anlege; sie besorgte selber die Empfangnahme alles Eingekauften, Diethelm mußte in der Stube sitzen, und wie er draußen lärmen und rufen hörte, kam er sich vor, als wäre er im Fieber gefangen, und alles stürmte auf ihn ein, und er konnte sich nicht wehren und mußte still alles mit sich geschehen lassen.

Endlich waren die leeren Wagen abgefahren, die Herden in den weitläufigen, an das Haus angebauten Ställen untergebracht. Es war Abend, und Diethelm fühlte sich so wohl daheim, daß ihm die vergangenen Tage und das Hinaussehnen wie ein Traum erschienen. Hier allein war Friede und Glückseligkeit. Er ließ den Munde in die Stube rufen, dankte ihm für seine entschiedene Hilfe und schenkte ihm einen Kronentaler. Munde nahm zaghaft das dargebotene Geld, aber er nahm es doch, und fast stolperte er über Fränz, die am Spinnrocken saß, und verließ ohne ein Wort die Stube. Diethelm war so hingegeben, daß er fast geneigt war, seiner Frau die ganze Lage seiner Verhältnisse zu offenbaren; aber er hielt noch zeitig genug an sich und erklärte ihr nur, daß er entschlossen sei, nur noch diesmal die Handelschaft zu treiben, dann wolle er wieder hier oder anderswo sich Äcker kaufen und ruhig bauern, wie ehedem. Diese tröstliche Aussicht, die das Antlitz der Frau fast verjüngte, erfüllte Diethelm selbst mit einer heitern Gemütsruhe, und in ihm sprach's: es muß alles wieder gut werden, Gott darf eine so schöne Zukunft nicht zu Schanden werden lassen ... Eine andächtige Stille herrschte in der Stube, und Diethelm zog die Uhr auf, das war das Zeichen, daß es Zeit zum Schlafengehen sei.

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