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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Siebentes Kapitel

Vom Trompeten- und Posaunenschall erweckt, schlug Diethelm am Morgen die Augen auf; es schien ihm fast, als ob es die Stadtzinkenisten gerade auf ihn abgesehen hätten, und ihm war jetzt so schwer, als ob die ganze Last des Erkauften leibhaftig auf ihm läge: er überschaute jetzt nochmals die Zahlen in seiner roten Schreibtafel und erkannte, daß er mehr eingetan, als ins Maß will. Jetzt galt es aber mutig einzustehen. Fränz war sehr mißlaunisch, sie hatte sich in den vornehmen Kleidern doch ausnehmend gefallen und kam sich wie erniedrigt vor in der gewohnten Tracht. Sie mußte nun den Vater zu dem Kaufmann Gäbler begleiten, wo man feines blaues Tuch zu einem Mantel für die Mutter einkaufte, und von den Zureden Gäblers unterstützt, ließ sie nicht ab, bis auch für sie mehrere städtische Kleider eingekauft wurden. Gäbler war überaus freundlich und sagte, Diethelm habe mit Recht den Ruhm, daß gut mit ihm zu handeln sei und er etwas an sich verdienen lasse. Als Diethelm die Ware bezahlen wollte, lehnte Gäbler dies mit dem höflichen Beisatz ab, solche Kunden müsse man festhalten, denen stelle man Jahresrechnung, und Diethelm lächelte in sich hinein; so klein auch diese Summe war, es zeigte sich doch wieder, wie die ganze Welt ihm ihr Besitztum aufdrang und Vertrauen in ihn hatte. Warum sollte er das selbst nicht haben?

Gäbler rief Diethelm noch auf der Straße nach, daß er in den nächsten Tagen mit dem Brandschatzungskommissär nach Buchenberg käme, um alles aufzunehmen und zu versichern, und er hoffe, daß das Beispiel ihm mehr Kunden im Oberlande verschaffen solle. Diethelm hatte das eingekaufte Manteltuch im Arm, jetzt ließ er es plötzlich fallen, und als er sich danach bückte, stürzte er nach der ganzen Körperlänge auf den Boden. Fränz und der herzugeeilte Gäbler hoben ihn rasch auf, und Diethelm behauptete mit schmerzverbissenem Antlitz, daß er über einen Pflasterstein gestrauchelt sei.

Der Abschied von den Wirtsleuten hatte etwas erzwungen Heiteres, der Sternenwirt sagte noch bei der letzten Handreichung: »Es bleibt also, wie wir abgeredet.« Diethelm nickte bejahend. Mit einem besonderen Behagen legte er dann das Manteltuch in die Kutschentruhe, er konnte seiner Frau damit doch beweisen, wie er ihrer gedacht. Erst als er schon fuhrfertig oben saß, kam Fränz mit hochglühenden Wangen und verweinten Augen. Die beiden Wegfahrenden sprachen kein Wort miteinander, und Diethelm schaute immer rechts und links nach den Häusern; sein Blick haftete besonders auf jenem Täfelchen, darauf im schwarzen Felde zwei rote Hände ineinander verschlungen waren.

Erst vor der Stadt nahm Diethelm die Peitsche auf und schlug fluchend und im heftigsten Zorn auf die beiden Rappen, daß sie in wildem Trab dahinrannten. Es war ein schöner, heller Augustmorgen, die Leute am Wege arbeiteten, als wäre nicht gestern Markttag gewesen, und mancher schwere Garbenwagen, der langsam des Weges da-*

*herkam, hatte kaum Zeit, dem pfeilschnellen Gefährt auszuweichen, und mancher im Felde drohte mit dem Garbenknebel, mancher Bauer fluchte mit geballter Faust hinter Diethelm drein, denn er war beim raschen Ausweichen in einen aufgeschichteten Steinhaufen am Wege oder gar in den Weggraben gefahren und konnte nun lange nicht mehr vom Fleck, während Diethelm rasch aus den Augen verschwand. An der ersten Anhöhe begegnete Diethelm einem leeren Wagen; er hielt an und erfuhr auf die Frage: woher? daß dies der Knecht des Steinbauern war, der ihm Wolle zugeführt hatte.

»Hast ein Trinkgeld bekommen?« fragte Diethelm.

»Wüßt' nicht von wem. Die Frau hat sich garnicht sehen lassen, ein Schäfer und ein Soldat haben die Ballen abgenommen.«

In einem Gemisch von Demut und Stolz sagte Diethelm, in die Tasche greifend: »Ich bin der Diethelm, bin selber Knecht gewesen und weiß, was ein Trinkgeld ist. Mein' Frau ist krank. Seh,« (da), und er warf buchstäblich das Geld auf die Straße und fuhr davon.

Diethelm schimpfte gegen Fränz über die Mutter, die ihn gewiß wieder »mit ihrem Gruchzen in der ganzen Welt verbrüllt habe«, und Fränz hatte darauf nichts zu erwidern, als daß das Verbleiben in der Stadt ja so schön gewesen sei. Trotz der Erwähnung dieses Säumnisses dachte keines von beiden daran, wie es Pflicht gewesen wäre, alsbald selbst heim zu eilen, und die Übernahme und Einräumung selbst anzuordnen, statt sie der Mutter über den Hals zu schicken. Fränz und Diethelm waren wie zwei Menschen, die, ohne es sich offen zu gestehen, daß sie ein Unrecht begangen, und doch dessen bewußt, gegen den losfahren, dessen Leiden ihnen den Spiegel ihres Tuns vorhält. Diethelm schwur, daß er nun der Mutter das Manteltuch garnicht gebe, sie habe es nicht verdient, und nur hierin beschwichtigte Fränz und deutete auf die Kränklichkeit und daraus folgendes grämliches Wesen der Mutter hin. Nun waren sie wieder beide wohlgemut, denn sie konnten jeden vorkommenden Vorwurf mit mitleidigem Achselzucken von sich weisen.

Am Waldrande in der Mitte des Weges erhob sich eine Staubwolke, und als die Fahrenden näher kamen, zeigte sich eine große Herde Schafe. Der Schäfer kannte Diethelm und sagte, daß er am Abend in Buchenberg sein werde und lobte überaus die eingekaufte Herde. Diethelm empfahl ihm, ruhigen Trieb zu halten und warf auch ihm ein Geldstück zu.

»Das ist alles unser«, sagte Diethelm dann mit triumphierender Miene zu Fränz und mit Stolz wies er weiter hinaus, wo wieder eine Herde in einer Staubwolke sich zeigte, und es war ihm, als ob nirgend Raum genug wäre, und auf allen Wegen sich sein Reichtum ausbreitete, mit dem er Hohes, Unübersehbares erobern wollte. Mit Behagen erzählte er zum hundertstenmal der Fränz, wie er vor dreißig Jahren mit dem Stab in der Hand und neun Kreuzern in der Tasche nach Buchenberg gekommen sei, und wie er jetzt auftrete und noch höher hinaus müsse. »Und alles nur für dich und die Meinigen in Letzweiler«, schloß er und redete nun Fränz ins Gewissen, daß sie den Schäfer Munde, der jetzt daheim gewiß auf sie warte, ein- für allemal aufgeben müsse. Fränz erklärte sich hierzu bereitwillig, sie spottete über die Liebschaft mit Munde als über ein Kinderspiel, nannte ihn ein an Pfennigwirtschaft gewöhntes Schäferle und sagte geradezu, daß sie nur noch in reichen Verhältnissen leben und sich nicht abplagen möge wie eine Viehmagd.

An der sogenannten kalten Herberge auf der Anhöhe standen noch drei beladene Wollwagen. Diethelm stieg ab und hörte, daß diese Fuhren für ihn seien; er ließ nun den Fuhrleuten auftischen nach Herzenslust, beschenkte die Armen und Wanderburschen, die sich wie gerufen eingestellt hatten, und gebärdete sich überhaupt, als ob er einen großen Schatz gefunden und Geld für ihn garkeinen Wert habe. Er freute sich des dankbaren Lobes von den Fuhrleuten und horchte aus dem Verschlage hinaus nach der großen Stube, denn er wußte wohl, daß die Leute dort den Ruf im Lande machen. Es war aber nicht allein dieser Ruhm, der ihn erfreute: er hatte seine Lust an der Freigebigkeit selbst; dieses Aufleben der Beschenkten

Sinnliche Naturen, das heißt solche, die mit mächtigen Trieben ausgestattet sind, neigen auch leicht zu Freigebigkeit und Wohltätigkeit: das Mitgefühl ist rasch erregbar, und jener dunkle Zusammenhang mit der Außenwelt offenbart sich in Leid und Lust. Was man die Gutherzigkeit nennt und mit Recht hoch hält, wird durch solchen Ursprung nicht aufgelöst, die Sonne freier Erkenntnis färbt die Frucht, der aus dunklem Grunde der Saft zuströmt.

Diethelm empfand eine wahre Glückseligkeit in der Anschauung und in dem Gedanken, wie viele er labte und erquickte.

Der Wein mundete vortrefflich, und da einmal aus Versehen ausgespannt war, und die Frau zu Hause gewiß kein Essen bereitet hatte, ließ es sich Diethelm, trotzdem es noch so früh am Tag war, trefflich schmecken; zankte nun die Frau daheim, so hatte er doch vorgesorgt, und der Wein gab Mut zu allem. Der Wirt äußerte in redseliger Weise seine Freude über die Einkehr Diethelms und erzählte, wie es ihn schon lang verdrossen habe, daß er immer ohne anzukehren vorbeigefahren sei. »Freilich«, setzte er hinzu, »früher hat das Haus kein Ansehen gehabt, aber jetzt, seitdem ich neu gebaut habe, besuchen mich die Herrschaften aus der Stadt.«

»Hast deswegen neugebaut?«

»Nein, ich hab' müssen, ich bin ja abgebrannt.«

»So?« sagte Diethelm und stürzte ein volles Glas hinab. »Bist versichert gewesen?«

»Darüber könnt' ich nicht klagen, der Kaufmann Gäbler auf dem Markt hat mir den Schemel unterm Tisch vergütet.«

Diethelm schwieg während der weitläufigen Erzählung von dem Brand und dem Neubau. Er hörte mißtrauisch die ganze Darlegung von der Anklage auf Brandstiftung und der vollkommenen Freisprechung von derselben, und so heiter er in das Wirtshaus eingetreten war, ebenso mißmutig verließ er dasselbe: der Mann und all seine Habe, alle die Tische, Stühle, Türen erschienen ihm so verbrecherisch, das ganze Haus so unheimlich, als spräche aus jedem Stein und Balken das Verbrechen, das es gegründet haben sollte.

Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wollte, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte.

Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich zwar nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wildgewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der Tat seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staubbedeckte Pferd gelehnt, sagte er mit zitternder Stimme: »Fränz, ich tät sterben, ich tät mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Not käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh' knietief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich soweit runterkäme – nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich niemand mehr was schenken könnt' – lieber möcht' ich gestorben sein.«

Fränz tröstete, so gut sie konnte und nannte diese Schwermut nur eine Folge des Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirtshaus festigte fast ebenso das geknickte Gemüt Diethelms, ja, er fühlte sich so frisch gestimmt, als ginge es zu einer besonderen Festlichkeit, und in seltsamer Laune schickte er nach dem Bader und ließ sich von ihm mitten in der Woche die Bartstoppeln abnehmen.

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