Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Berthold Auerbach >

Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060411
projectid33f47f29
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel

Der Soldat ging nach dem Schafmarkt. Viele Hurden waren bereits leer, die noch zurückgebliebenen Schäfer hatten ihre Mäntel bereits lose zusammengerollt auf der Schulter hängen. Das Marktgewühl brauste und toste in der Ferne, hier aber war alles so still wie auf einsamer Höhe, an deren Fuß ein wildrauschender Bach über Felsen braust; nur bisweilen hörte man das klagende Blöken eines Schafes, dem ein Metzger durch einen Schnitt ins Ohr das Kennzeichen seines Eigentums gab. Die also bezeichneten Schafe duckten die Köpfe und sahen traurig und dumpf nieder, als wüßten sie, daß die Tage ihres Weidganges gezählt sind. Von einer Herde führte ein Metzger eben einen Hammel weg, und das sonst so geduldige Tier war störrig und mußte mehr gezogen und geschoben werden, als daß es ging; es kümmerte sich wenig um Bellen und Beißen des Hundes und blökte nur kläglich. Der Soldat schaute dem allen mit dumpfer Verwunderung zu; er war selber Schäfer gewesen, und doch war ihm alles das wieder neu und fast seltsam. Er sah die Hurde seines Bruders, des Schäfers Medard, und schon von fern zerrte der falbe Hund an der Kette, die am Gurt seines Herrn befestigt war, und weckte diesen aus stillem Niederschauen, so daß er aufblickend rief:

»Hast sie gefunden?«

Der Soldat nickte mit dem Kopf, und erst als er bei seinem Bruder war und den Hund gestreichelt hatte, erzählte er, wie er die Fränz allein auf dem Markt getroffen, wie sie miteinander umhergeschlendert und eben zum Tanze gehen wollten, als Diethelm dazwischen kam und ihn so sonderbar davonschickte.

Der Schäfer dagegen berichtete, wie es ihm sei, als ob die ganze Welt aus dem Leim ginge: daheim habe der Meister so nötlich getan, wie wenn alles bei ihm auf Spitz und Knopf stehe, und kaum auf den Markt gekommen, kaufe er wie besessen ein und tue, wie wenn er fragen möchte, was kostet das Schwabenländle? Er habe die Hämmel verkauft und könne den Herrn nirgends finden, um ihm das Geld zu geben. Überhaupt, erzählte er, sei der Meister seit fast einem Jahr zweierlei Mensch: bald streichle er einen wie mit Samtpfoten, bald sei er ein borstiger Igel, bald lobe er alles, bald mache man ihm garnichts recht. Die Brüder besprachen sich noch lange über das seltsame Wesen des Meisters; denn auch der Soldat hatte ehemals als Schäfer bei Diethelm gedient.

Als der Schäfer äußerte, daß Diethelm vielleicht um so größer tue, je kleiner er geworden sei und vielleicht noch einen tüchtigen Raps mache, solange man ihm traue, fuhr der Soldat dagegen los, als ob er selber beleidigt wäre, und es war noch mehr als das: denn es gilt ja garnichts mehr, wenn man gegen solch einen Mann nur so was denken darf; worauf der andre lächelnd erwiderte:

»Büble, Büble, du wirst dein Lebtag nicht gescheit; du glaubst den Leuten, was sie dir vormachen. Laß sehen, was du für Tabak hast«, schloß er und nahm dem Soldaten die Pfeife aus dem Mund und rauchte sie weiter; der Soldat sagte kein Wort dazu.

Es war ein seltsames Brüderpaar, das da beieinander saß. Medard hätte dem Alter nach der Vater Mundes sein können, aber ähnlich sahen sich die Brüder nicht. Medard hatte ein langes dürres Gesicht, das durch den zottigen Backenbart und die aufgesträubten rötlichen Augenbrauen Ähnlichkeit mit dem Schäferhund hatte, während Munde kugelrund aussah, und Angesicht und Hals von dunkelbrauner Farbe waren; er hatte kohlschwarzes Haar und kleine, in fetten Augenlidern versteckte, braune Augen, aus denen ein stilles, sanftes Gemüt sprach. Medard sah aus, als könnte er nie lachen, und Munde sah noch jetzt in seiner Betrübnis aus, als könnte Schmerz und Zorn keine Heimat in seinem Gesichtsausdruck finden.

Medard war gerade um fünfundzwanzig Jahre älter als sein Bruder und diese beiden und noch eine Schwester, die dem alten Vater in Buchenberg haushielt, waren von neun Kindern am Leben geblieben. Als der kleine Munde so verspätet und plötzlich geboren wurde, verließ Medard unter Verwünschungen das väterliche Haus und betrat lange Jahre dessen Schwelle nicht mehr. Es war nicht Ärger wegen des Erbes – da war ja nichts zu teilen – aber Medard schämte und ärgerte sich über den nachgeborenen Bruder, daß er von seinen Eltern garnichts mehr wissen wollte; er verdingte sich weit weg und kam erst nach sechs Jahren wieder, als er aus dem Zuchthause entlassen wurde, wo er wegen einer Rauferei, in der er einen Nebenbuhler erschlagen, fünf Jahre gebüßt hatte. Es war ihm nun doch nichts übrig geblieben, als in das elterliche Haus zurückzukehren. Als er zum erstenmal wieder in des Vaters Stube trat – die Mutter war schon seit sechs Jahren gestorben, und wie der Vater sagte, an den Folgen der Verheimlichung ihrer Schwangerschaft, die sie vor dem erwachsenen Sohne verbergen wollte – da wars, als ob der kleine Munde es dem Bruder wie mit Zauber angetan hätte; er umklammerte gleich beim Eintreten seine Füße, und Medard ließ den schon ziemlich großen Bengel oft stundenlang nicht vom Arm herunter und tollte mit ihm wie närrisch umher, die ganze verhaltene Bruderliebe schien auf einmal sich zu entfalten und eine Sühne für seine früher verübte Härte zu Tage zu fördern.

Diethelm tat gerade um diese Zeit eine großartige Schäferei auf, und auf die Bitten des alten Schäferle und die Zureden seiner Frau nahm er den Medard in Dienst, der nun von Georgi bis Michaeli im freien Felde war und stets den Munde bei sich hatte und ihn mit einer Sorgfalt ohne Grenzen wartete und pflegte. Der alte Schäferle überließ ihm gern das Kind; er war mit allem zufrieden, wenn er nur hinlänglich Tabak hatte, um seine Holzpfeife in beständigem Brand zu erhalten. Medard versorgte ihn jetzt mit Tabak, während er sonst oft dürre Nußblätter hatte rauchen müssen.

Wenn Medard manchmal dachte, daß ihm das Kind sterben könnte, fühlte er alle Haare zu Berge stehen. Stundenlang konnte er in das braune Antlitz und in die dunklen Augen des Knaben schauen und sich nur ärgern, daß dieser ihn gewiß nicht so lieb habe, wie er ihn, es wenigstens nicht dartun konnte; dann konnte er aber auch stundenlang vor sich hin lächeln über eine einfältige oder kluge Bemerkung des Munde. Auf den falben Schäferhund, den Paßauf, war Medard oft eifersüchtig, denn der Knabe war mit dem Hund so zutraulich und verschwendete an ihn so viel Liebe, die doch ihm gebührte. An einer Sache hatte aber Medard stets seine ungetrübte Freude. Munde war nämlich äußerst gelehrig in der Musik. Vielleicht ist es noch ein Überbleibsel aus den verklungenen Schalmeienzeiten, daß die Schäfer in der Regel kunstfertige Pfeifer sind, und Medard war hierin noch ein besonderer Meister. Er verstand nicht nur den notwendigen Signalpfiff, der dem Paßauf als Kommando galt, er konnte auch alle Vögel des Waldes nachahmen und hatte noch dazu eine unerschöpfliche Quelle von Lieder- und Tanzweisen, in denen er trillern konnte wie ein Kanarienvogel. Er lehrte nun den Munde diese Fertigkeit, und wenn der Knabe dann vor ihm stand und den Mund spitzte und hellauf pfiff, umfaßte Medard mit beiden Händen seine Schäferschippe und bohrte sie vor Freude tief in den Boden. Im Herbst lockte Medard andre Knaben zu sich aufs Feld, damit sie mit dem Munde spielen, denn dieser kam ihm manchmal so traurig und nachsinnend vor, so verlassen wie ein Schäfchen, das von der Herde genommen ist, und das einsam in sich hinein jammert. Da deuchte es dann Medard, als ob sein Munde über alle herrsche, sie beugten sich ihm ungeheißen, und alte Sagen kamen ihm in den Sinn, wie ein Schäferknabe plötzlich zu einem König geworden und eine schöne Prinzessin im diamantenen Palast zum Ehegemahl erhielt. Er lächelte wohl über diese Sagen, er wußte ja, daß daran kein wahres Wort sei, aber Munde war gewiß zu etwas Großem geboren, wenn auch just nicht zu einem König; und dann wollte sich Medard in seinen alten Tagen das Gnadenbrot bei ihm ausbitten und unter der Stalltür stehend glücklich sein, wenn sein Bruder in der Kutsche dahinfuhr oder auf einem schönen Apfelschimmel daherritt. Was läßt sich nicht alles denken draußen bei den still weidenden Tieren! Medard erschien sich oft ganze Wochen wie verzaubert; alles, was er tat, kam ihm so vor, als wäre das nur für einstweilen, nur noch jetzt, in einer Stunde wird's anders: da kommt auf einmal ein groß' Glück. Und manchmal konnte er es garnicht fassen, daß der Munde noch so klein und jung sei und noch so lang zu wachsen habe, bis er ein großer Mann, mindestens ein reicher Graf sei. Natürlich fehlte es auch nicht an Zeiten, wo sich Medard vor die Stirn schlug und sich selber auslachte über all die Narreteien, die er im Kopfe herumtrage; er war dann froh, daß niemand davon wußte, und schlug sich alles aus dem Sinn; aber innerlich verborgen konnte er doch eine gewisse Hoffnung des Unerwarteten nicht ertöten, er wußte nicht was und wie, aber doch blieb's.

Als dem Diethelm seine Fränz geboren war, hatte Medard dieser schon einen Ehemann bestimmt, lange bevor sie ein Wort sprechen konnte.

Munde war acht Jahre alt geworden. Es war im hohen Sommer, im Tale war abgeweidet und der Pferch begann noch nicht, Medard hatte seinen sämtlichen Schafen Schellen umgehängt, und es ging nun auf den Trieb ins hohe Waldgebirge. Das Schellengeläute währte unaufhörlich vom Morgen bis zum Abend, denn die Schafe auf der Weide fressen beständig im Gehen und stehen meist kaum so lange still, um das Gras abzuraufen; Medard war immer in wundersamer Aufregung und dachte mit schweren Sinnen, daß dies der letzte Sommer sei, in dem er den Munde bei sich hatte; zu Ostern mußte dieser bei Strafe endlich in die Schule. »Es ist vorher gegangen, es muß nachher auch gehen«, tröstete sich Medard, wenn er überlegte, wie er diese Trennung ertragen werde. An einem Mittag, an dem die Nebel nicht von Berg und Tal wichen, saß Medard am Waldrande, an dem ein schmaler Holzweg sich hinzog und vor ihm den jähen Berghang hinab, weideten die Schafe; Munde stand weiter unten, just in der Biegung des Weges in einer Brombeerhecke und erlabte sich an der saftigen Frucht. Vom Walde oben vernahm man Hacken und Knacken der Holzhauer, und das Schellengeläute war so summend, daß Medard fast in Schlaf versinken wollte. Da hörte er über sich etwas poltern, er schaute rückwärts – hatte sich ein Felsen aus seiner uralten Ruhe losgelöst? Da kommt es den Weg herab, ein in Schuß geratener, lediger, zweirädriger Karren; Medard ist ganz erstarrt, er schaut auf und schaut hinab und ruft schnell: »Munde geh beiseite, Munde, um Gottes willen lug auf!«

Aber das Kind hört nicht, und der Wagen ist schon so nahe; kommt er bei Munde an, stürzt er die Halde hinab und zerschmettert das Kind, es ist kein Stein am Wege, nichts, womit man einhalten kann. All dies Schauen, Denken, Rufen war das Werk eines Augenblickes, schon ist das zermalmende Rad nahe, Medard kann sich retten – aber das Kind! Schnell streckt Medard halb träumend, halb wissend, was er tut, den rechten Fuß weit vor, es knackt, der Karren steht still ... Die Leute, denen der Karren entronnen war, kamen mit Geschrei hinterdrein, sie fanden Medard mit zerknicktem Fuße, leblos, sie warfen schnell das Holz ab und luden Medard auf den Karren und führten ihn nach dem Dorf, wo er monatelang eingeschindelt lag. Um so lustiger aber sprang Munde um ihn her, und das erquickte den Leidenden mehr, als all die guten Tränkchen, die der alte Schäfer bereitete und mehr als die sorgsame Abwartung der Meistersfrau. Medard war nicht so großmütig, seinem Bruder nie zu sagen, was für ein Opfer er ihm gebracht. Das Kind verstand dessen Bedeutung noch nicht, und als er in spätern Jahren es erkannte, war die Tat eine längst gewohnte, wenig beherzigte, wenngleich Munde dem älteren Bruder mit kindlicher Hingebung zugetan war, und es ihm nie in den Sinn kam, eine Einsprache dagegen zu erheben, daß ihn Medard stets »Büble« hieß. Medard konnte, wenn auch mit einem lahmen Fuß, seinem Geschäft nachgehen; die Ruhe, die es mit sich brachte, war ihm nun besonders genehm. Munde war in der Schule, und Medard blickte auf die Tage, da es ihm das Kind wie mit einem Zauber angetan hatte, mit verwundertem Lächeln zurück; und doch war etwas eingetroffen, und wer wußte, was noch daraus wird. Munde lebte im Hause Diethelms wie das eigene Kind, und es war nicht anders zu vermuten, als Diethelm würde dem Munde gern seine Fränz zur Frau geben, denn Diethelm war wegen seiner Gutherzigkeit berühmt, die er allerdings zumeist nur auf seine Freundschaft und Verwandtschaft anwendete. Munde war und blieb eben der Schäferprinz, wie ihn Medard oft im stillen nannte. Bei all seiner Zärtlichkeit für das kleine Brüderchen und dessen große Hoffnungen versäumte indessen Medard doch seinen einstweiligen Vorteil nicht, er wollte für alle Fälle geborgen sein, er verstand es, wie man hier recht sagen kann, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, und zwar mit so verschlagener List, daß Diethelm das unbedingteste Vertrauen in ihn setzte, obgleich er es ihm noch manchmal vorrückte, daß er ein Sträfling sei. Medard machte sich nicht im entferntesten ein Gewissen daraus, das Vertrauen Diethelms zu mißbrauchen; denn das ist das Unergründliche in des Menschen Brust, daß oft Betrügerei neben Treuherzigkeit, Verstocktheit neben Zartsinn friedlich zu wohnen vermag. Als Munde konfirmiert war, wurde er Schäfer, aber der ältere Bruder gab seine Hoffnung noch nicht auf: Munde mußte einst die Fränz heiraten, und je mehr das Mädchen heranwuchs, um so größer wurde auch seine Liebe zu dem jungen Schäfer, immer hütete Medard den Bruder wie seinen Augapfel und diente ihm, als wäre er sein angeborener Herr. Erst als Munde Soldat werden mußte, und der Diethelm ihn nicht loskaufte, faßte Medard einen tiefen Haß gegen seinen Meister; es genügte ihm nicht mehr an den gewohnten kleinen Veruntreuungen, er wünschte sich eine gewaltige Tat, um Zorn und Rache loszulassen; nur die Meisterin tat ihm dabei leid, und wenn sie nicht wäre, sagte er oft, hätte er den Meister schon im Stall erwürgt.

Als Medard jetzt den Bericht seines Bruders hörte, sagte er nichts, sondern stieß nur den Rauch der Pfeife immer rascher heraus.

»Ich wollt'«, schloß der Soldat, »der Diethelm würde über Nacht ein armer Mann, nachher könnt' ich die Fränz ungefragt heiraten.«

»Büble, du bist ein Narr«, rief Medard, »du mußt sie haben mitsamt ihrem Geld, und mag sie noch so hoffärtig sein, und ein Nickel ist und bleibt sie; aber freilich da drüber darf man mit dir nicht reden. Wenn ich nur wüßt', wie's mit dem Meister steht; sauber ist's nicht, das glaub mir.«

Nun besprachen die Brüder das Leben des Meisters. Diethelm war ehedem ein wohlhäbiger, still arbeitsamer Bauer gewesen, er war als Knecht nach Buchenberg gekommen und hatte die reiche Witwe, die Schwester des Schäuflerdavids, gegen den Willen ihres Bruders und ihrer ganzen Familie geheiratet. Stolz war er von je, und selbst seine vorherrschende Tugend, die ihm einen großen Namen machte, schien davon nicht frei. Damals, als Diethelm die reiche Witwe heiratete, lebten seine Eltern noch, aber sie, wie ihre andern sechs Kinder, die teils dienten, teils selber Familien gegründet hatten, lebten in äußerster Dürftigkeit. Das nahm nun schnell ein Ende, denn mit reicher Hand setzte Diethelm alle seine Angehörigen in Wohlhabenheit, und alles, was Diethelmisch hieß, stand plötzlich in Ehre und Ansehen. Hatte Diethelm im allgemeinen eine freigebige Hand, so war sie es noch besonders für einen auffälligen Zweck. Er kleidete nämlich gern die Armen, und es war seine besondere Lust, daß alles stattlich daher käme; und wurde er auch oft von solchen mißbraucht, die fremder Gabe garnicht bedurften, immer wieder fand ihn jeder bereitwillig und hilfreich. Wenn unser Meister nach Letzweiler kam, stand alles still, als erschiene ein höheres Wesen, und die Lippen bewegten sich wie zu Segenssprüchen, denn solch einen Wohltäter hatte man noch nie gesehen, und Diethelm hatte nur abzuwehren, daß ihm nicht Kinder und Greise die Hände küßten. Seine hilfreiche Mildtätigkeit war aber auch ohne Grenzen, und man fabelte allerlei über seine unermeßlichen Reichtümer: er habe ein großes Los in einer fremden Lotterie gewonnen, er habe einen Schatz gefunden und dergleichen mehr. Diethelm gefiel sich in dem Ruhm seines Reichtums und seiner Wohltätigkeit. In den besten, manneskräftigen Jahren, als er Schultheiß geworden war, fiel es ihm auf einmal ein, daß er genug gearbeitet habe. Er verpachtete daher seine Äcker und lief müßig und mit eingebildeten Krankheiten im Dorf umher; aber auch dies Leben verleidete ihm nach wenigen Jahren, zumal er mit den Pachtbeständen vielerlei Quengeleien hatte. Er wollte ändern, mochte aber nicht mehr zurück, verkaufte nun trotz heftigen Widerspruchs seiner Frau alle seine Äcker, nur die Wiesen behielt er und lebte von Zinsen. Bald aber fing er einen kleinen Kornhandel an, der nicht ohne Gewinn war, und nun ging er Tag und Nacht auf sogenannte Spekulationen aus, die ihm auch meist glückten.

Dieses Verwenden der ganzen Lebensarbeit seiner Dorfbewohner als eines bloßen Wertgegenstandes hatte schon in sich etwas Herausforderndes, Feindseliges. Der ewige Kampf zwischen den Hervorbringenden und denen, die solches mühsame Händewerk mit Reden und Schreiben zu eigenem Vorteil verwenden, ist auf dem Lande naturgemäß ein Widerstreit gegen die Kornhändler, der sich je nach den Zeitläuften zu ausgesprochenem Haß entwickelt. Das Vorhalten des Gedankens von dem großen Weltverkehr, und daß die Tätigkeitsergebnisse der ganzen Menschheit einander angehören, will bei dem, dessen Auge auf der beschränkten Stätte seiner Arbeit haften muß, nicht Eingang finden; in dieser wie in mancher andern Beziehung arbeitet die Zeit noch überall an der Erhebung zum Gedanken der großen Weltgehörigkeit.

Auch Diethelm erfuhr in seinem Tun mancherlei Haß, und statt ihn zu versöhnen, reizte er ihn noch, indem er oft laut sagte: »Ihr arbeitet euch krumm und lahm, und ich schau' zum Fenster hinaus und hab' meine grünen Saffianpantöffele an, und verdien' in einer Stunde mehr als ihr in drei Monaten.« Das war aber nicht immer der Fall, und in demselben Jahre, als Diethelm in seinem Handel eine große Schlappe erlitt, wurde er auch nicht mehr zum Schultheiß gewählt, und er begann nun das Schafhalten und den Wollhandel. Die Umgegend von Buchenberg eignete sich allerdings dazu, die Schafe ihre sieben Monate auf dem Weidgang zu erhalten, aber auch Seuchen blieben nicht aus, die empfindliche Verluste mit sich führten.

Medard war gegen seinen Herrn voll Zorn und Haß und wieder voll ergebener Abhängigkeit. Wenn er auch nun schon so viele Jahre bei ihm diente, ließ es ihn Diethelm gelegentlich doch noch immer fühlen, daß er ihn als Sträfling zu sich genommen, und behandelte ihn oft mit tyrannischer Willkür, gegen die auch nicht der leiseste Widerspruch sich erheben durfte. In der Seele des Schäfers setzte sich daher eine Bitterkeit fest, die ihn wünschen ließ, daß sein Herr einmal zu Fall kommen oder in seine Hand geraten möge.

Munde dagegen war voll aufrichtiger Liebe gegen Diethelm, der ihm dafür auch mit besonderer Freundlichkeit zugetan blieb.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.