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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Drittes Kapitel

Wieder kehrte Diethelm mit großem Geleite in das Wirtshaus zurück. Es waren nun wirklich seine Vasallen; denn ihn umgaben alle die, denen er abgekauft hatte.

Unter dem Tore begegnete er seiner Tochter, die mit einigen Mädchen dort seiner harrte; sie fragte ihn, ob er nun mitgehe, ihr, wie er versprochen, einen Marktkram zu kaufen. Diethelm sagte, er habe keine Zeit und gab ihr zwei Kronentaler, daß sie sich selber etwas kaufe.

Mit dem Steinbauer mußte nun vor allem glatte Rechnung gemacht werden. Diethelm nahm ihn zuerst allein vor, aber er mochte reden, was er wollte, der Steinbauer blieb bei seiner Aussage, er verlangte ein Vierteil des Kaufpreises als Anzahlung und binnen acht Tagen die Unterschrift des Schäuflerdavid als Bürgen. Diethelm suchte das Ungerechte dieser Bedingungen, die garnicht festgestellt waren, darzutun; der Steinbauer verzog keine Miene und blieb dabei; selbst als Diethelm laut lachte und die Sache ins Scherzhafte ziehen wollte, blieb sein Widerpart ohne Teilnahme und war, was man so nennt, ein bestandener Bauer, der sich nicht so leicht aus seinem Schritt bringen ließ. Schnell in Zorn überspringend, schalt ihn Diethelm einen Betrüger, da er einen geringeren Kaufpreis angegeben habe, um die andern zu hintergehen. Der Steinbauer leugnete dies und behauptete, er habe zur Angabe Diethelms nur geschwiegen, er könne aber jetzt auch reden, und vielleicht mehr, als lieb sei.

»Was meinst? was?« fragte Diethelm hastig.

»Ich mein' garnichts, ich will mein Geld, und da bleibt ein jeder, wer er ist.«

»Hälst mich für ein Schuldenbäuerle?« fragte Diethelm halbzornig.

»Nein, b'hüt Gott, ich könnt' mit dir tauschen, wenn's drauf ankäm'; aber weißt: zahlen mit bar Geld, das zwingt die Welt. Du brauchst ja nur pfeifen, da hast's, und wenn ich mein' Sach' wieder an mich zieh', und das tu' ich, wenn du mich nicht bar bezahlst, ich ließ' es aber nicht dabei, ich müßt' vor's Amt damit, so hart es mich ankommt.«

Diethelm fühlte, was es heißt, sich in schwankender oder gar verzweifelter Lage zu befinden, da muß man sich so zu sagen übers Ohr hauen lassen und tun, als ob nichts geschehen wäre, nur um Aufsehen und genauere Nachforschung zu vermeiden.

»In einer Stunde hast du all dein Geld«, rief Diethelm den ihn ungerecht Bedrängenden überbietend.

»So recht«, sagte der Steinbauer, »wie viel Uhr ist jetzt? Drei? Um viere bin ich wieder da. B'hüt dich Gott und zürn' nicht.«

Die übrigen, die den zähen Steinbauer so zufrieden davon gehen sahen, waren schnell befriedigt, und Diethelm drang selber drauf, daß sie wegen 'Leben und Sterben' eine Handschrift von ihm nehmen mußten. Nun eilte er zu dem Advokat Rothmann und verlangte von ihm ein Darlehen für den Steinbauer; der Advokat beglückwünschte Diethelm zu seinen guten Einkäufen und schloß eine eiserne Geldkiste, indem er sagte: »Das sind Pflegegelder, Ihr seid ja selber Waisenpfleger und wißt, daß ich solches Geld nicht ohne gerichtliche Bürgschaft verleihen darf.« Diethelm ging um die Kiste herum wie die Katze um einen Wursthäckler und sah mit Schmerzen das alles verschließen, ohne Miau zu machen; er blieb noch eine Weile harmlos plaudernd bei dem Advokaten und tat, als ob er nie ein Anliegen gehabt hätte, mit dem er abgewiesen worden war. Er versicherte Rothmann, daß er weit davon entfernt sei, ihn aus der Abgeordnetenstelle verdrängen zu wollen, der Advokat entgegnete, daß er Diethelm Glück wünsche, wenn er als Kandidat der sich so nennenden Konservativ-Liberalen durchdringe, die Herren möchten dann einmal ihre sogenannte Möglichkeitspolitik versuchen, um zu erfahren, daß das Schlechte leichter möglich sei, als das einfach Rechte.

Diethelm zeigte sich eifrig in der Darlegung seiner Gesinnungen, und doch dachte er jetzt an nichts weniger als an dies.

Offen und versteckt laufen überall und allzeit die verschiedensten Interessen durcheinander.

Als Diethelm das Haus verließ, traf er glücklich den Reppenberger vor demselben; durch diesen ließ er nun ein gut Teil des Eingekauften unter der Hand zu Bargeld machen, mit der Bedingung, daß nicht hier unter den Augen der Marktaufseher, sondern morgen auf dem eine Stunde entlegenen Dorfe oder, noch besser, in seiner eigenen Heimat abgeliefert werde. Bis dieses Geschäft abgemacht war, wollte sich Diethelm verborgen halten, und dazu gab es kein besseres Versteck, als der Tanzboden im Stern, wo eben die Musik aufspielte; dort würde ihn gewiß niemand suchen, und dorthin sollte Reppenberger mit dem fremden Händler kommen.

Es war, als ob doch etwas von dem Wunsche Diethelms, mit seinen zwei Rappen in den Stuben herum zu kutschieren, erfüllt wäre; denn kaum war er auf dem Tanzboden, wo sich eben in lärmender Pause die erhitzten Paare verliefen, als alles ehrerbietig vor ihm auswich, und da und dort hörte er seinen Namen wispern. Einige ältere Leute, die ihm zutranken und stolz darauf schienen, daß er das Glas annahm, fragte er nach dem Reppenberger, den er zu suchen vorgab; sogleich erboten sich mehrere Trinkgeldsbedürftige, den Reppenberger aufzusuchen. Diethelm hatte abzuwehren, so gut er konnte, und glücklicherweise erlöste ihn ein junger, modisch gekleideter Mann,

Die Welt duldete es garnicht mehr, auch wenn er es selbst gewollt hätte, daß er in niederem Bereich verweilte. Diethelm betrachtete sich selbst, um zu erkunden, was denn an ihm sei, daß ihm jeder ungefragt eine höhere Stufe anwies. Er folgte dem jungen Manne, der äußerst ehrerbietig war, die Treppe hinab, und als er eben die Klinke zur Herrenstube in der Hand hatte, hörte er einen Soldaten unter der Haustür sagen: »Komm nur.« Diethelm drehte sich um, die Stimme war ihm bekannt, und der Soldat fuhr fort:

»Tanz du nur einmal, während der Zeit wird dein Vater um ein paar tausend Gulden reicher, und ich krieg' dich immer weniger.«

»Ich weiß nicht, ob's recht ist«, sagte eine Mädchenstimme, und halb gezogen erschien Fränz auf der Schwelle mit hochglühendem Antlitz.

»Soll ich euch aufspielen?« rief Diethelm, sich umwendend. Der Soldat und Fränz ließen vor Schreck die Hände los.

Der Soldat faßte sich schnell wieder und grüßte Diethelm, dieser aber sagte:

»Du bist's? wie kommst du daher, Munde?«

»Ich hab' Urlaub genommen, und es freut mich, daß ich auch meinen alten Herrn seh'.«

»So? Willst du eine Halbe trinken?«

»Freilich.«

»Seh, da hast Geld, trink eine«, und Diethelm reichte mit diesen Worten dem über und über errötenden Soldaten einen Sechsbätzner. Der Soldat, der nicht anders erwartet zu haben schien, als Diethelm würde ihn mit zum Wein nehmen, wußte nicht, sollte er die Hand zum Faustschlag ballen oder zum Empfang der Gabe darreichen. Beides schien gleich mißlich, offene Feindseligkeit wie die beabsichtigte Demütigung vor der Geliebten; es fand sich aber noch ein Ausweg, und lächelnd sagte der Soldat:

»Dank' gehorsamst, ich will warten, bis ich einmal ein' Halbe mit Euch trink'; vorderhand hab' ich schon noch, um von meinem Geld ein Glas auf Euer Wohlsein zu trinken.«

Mit einem Gemisch seltsamer Empfindungen reichte Diethelm dem Soldaten die Hand und stand von seinem Vorhaben ab, dem Burschen auf strenge Weise zu zeigen, an welchen Platz er gehöre; diese geschickte höfliche Wendung und der Stolz, der darin lag, gefiel ihm. Das gestand sich Diethelm, aber nicht, daß er sich in diesem Augenblick selber zu sehr gedemütigt fühlte, um die Unterwürfigkeit andrer herauszufordern. Er sagte daher nichts weiter, winkte dem Soldaten einen Abschied zu und verschwand mit Fränz hinter der Tür der Herrenstube. Der Soldat ging im Hausflur auf und ab wie ein Wachtposten, und seine Gedanken gingen mit ihm hin und her: sollte er auch hinein in die Herrenstube und sich auftischen lassen? Aber wer weiß, wozu das führt? Es sind viele Fälle möglich. Der Schluß blieb jenes letzte Mittel, das Gelehrten und Ungelehrten gleich genehm ist, nämlich: vor allem und vorderhand nichts zu tun – da macht man nichts gut und nichts böse und kann getrosten Mutes und ruhigen Gewissens die kommenden Ereignisse abwarten.

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