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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Diethelm ging lächelnd die Stube auf und ab, sein Kleintun hatte mehr genützt als alle Prahlerei; er blieb bei dem Steinbauer stehen, gab ihm einen derben Schlag auf den Buckel und sagte:

»Wie Steinbauer, kennst mich noch?«

»Freilich, grüß Gott. Ich hab' nur warten wollen, bis ich 'gessen hab'.«

»Ruck' ein bißle zusammen, ich will mich zu dir setzen. Fränz, da komm her.«

»Ist das die Tochter?« fragte der Steinbauer, etwas verwirrt an die Seite rückend; er erinnerte sich nicht, daß er sich mit Diethelm duzte.

»Wenn du nicht so altbacken wärst, könntest sie heiraten,« entgegnete Diethelm. Der Krebssteinbauer grinste nun gar seltsam und schwieg, er war überhaupt kein Freund vom vielen Reden und vorab beim Essen. Nur einmal wendete er sich um, und auf das Haupt Diethelms deutend, sagte er: »Auch grau geworden seit dem letzten Jahr.«

»Ja, der Esel kommt heraus«, sagte Diethelm lachend, der Steinbauer ließ sich nicht zu der doch rechtmäßig erwarteten höflichen Entgegnung herbei; er aß ruhig weiter, als hätte er nichts gesagt und nichts gehört.

Diethelm kannte die hinterhältige und selbst mit Worten karge Weise dieses Mannes wohl, und doch klammerte er sich an ihn und tat gar zutraulich. Der Steinbauer ließ sich das gefallen, aber mit einer Miene, in der der Ausdruck lag: mein Geldbeutel ist fest zu, mir schwätzt keiner einen Kreuzer heraus, wenn ich nicht mag. Als Diethelm sich einen Schoppen Batzenwein bestellte, schaute der Steinbauer nur flüchtig nach ihm um, aber er sprach kein Wort der Verwunderung und des Lobes über die Sparsamkeit Diethelms, und diesem erschien solch ein Benehmen noch saurer als der ungewohnte Halskratzer. Diese in sich vermauerte Natur des Steinbauern, der über Tun und Lassen andrer kein Wort verlor und selber tat, was ihm gutdünkte, ohne umzuschauen, was man dazu denke oder sage; diese verschlossene Sicherheit, die ihr Benehmen nicht änderte und, von hundert Augen bemerkt, dieselbe blieb wie daheim auf dem einödigen Hof, – alles das erkannte Diethelm als Gegensatz, und es reizte notwendig sein herausforderndes Gebaren zum Kampfe. Er mochte aber den Steinbauern anzapfen, wie er wollte, höchstens ein »Freilich«, ein »Jawohl« oder ein kopfschüttelndes Verneinen war aus ihm heraus zu bringen. Als Diethelm fragte, ob er auf des Steinbauern Stimme zählen könne, wenn er sich um die Abgeordnetenstelle bewerbe, ließ sich der Steinbauer endlich zu den vielen Worten herbei: »Ich wüßt' nicht, warum nicht.« Nun lachte Diethelm über das ausgesprengte Gerücht, daß er Landstand werden wolle; er denke nicht daran, bei diesen schlechten Zeiten könne man ein großes Anwesen nicht verlassen, da müsse man jede Stunde und jeden Kreuzer sparen, wenn man der rechte Mann bleiben wolle, es mögen andere Leute den Staat regieren, das gehe ihn nichts an.

Der Steinbauer wickelte gelassen das übrig gebliebene Fleisch in ein Papier und steckte es zu sich, er hob und senkte nun mehrmals seine geschlossenen Lippen, sei es zum Nachkosten des Genossenen oder dem Gehörten beistimmend.

Diethelm setzte nun noch weiter auseinander, daß er sich nicht um die öffentlichen Angelegenheiten kümmern möge, und das gilt jetzt wieder unter vielen Menschen, besonders aber bei den Bauern, als großer Ruhm. Als er aber darauf hinwies, daß er in seinem Hauswesen vielerlei zu sorgen haben, sagte der Schultheiß von Rettinghausen: »Die Kläger haben kein' Not und die Prahler kein Brot.«

Der Steinbauer hielt sich noch immer in seiner unerschütterlichen Teilnahmlosigkeit, methodisch und langsam stopfte er seine Pfeife, schlug Feuer, öffnete den Deckel und verschloß den Zündschwamm und wollte nun aufstehen. Diethelm aber hielt ihn noch fest und fragte zuerst, ob er nicht seinen Hof verkaufen wolle, sein Schwager, der Schäuflerdavid, suche so einen herrenmäßig gelegenen für einen Ausländer. Der Steinbauer sagte, daß er zwar nicht verkaufen wolle, aber wenn er ein rechtes Anbot bekäme, ließ sich davon reden. Nun hatte ihn Diethelm doch flüssiger, und indem er noch mehrmals von seinem Schwager, dem Schäuflerdavid, und ihren gemeinsamen Geschäften sprach, kam er endlich ans Ziel, zu erklären, daß er allerdings willens sei, wenn die fremden Händler nicht höher hinaufgehen, selber einzukaufen. Der Steinbauer, dem es ersichtlich Mühe machte, sein saures Dreinsehen aufzugeben, ward plötzlich freundlicher, nahm ohne Widerrede das Glas an, das ihm Diethelm einschenkte, und erklärte nun mit erstaunlicher Redseligkeit, welch einen Ausbund von Wolle und Schafen er habe, wie die alle so wolltreu seien, ein Haar dem andern gleiche und der Stapel vom besten Fluß und gleich rund sei, wie ,viel Leib' seine Schafe hätten, daß er aber doch um einen annehmbaren Preis alles verkaufe, weil er kein Geld in der Schafhalterei habe. Er legte das Zeugnis seines Schultheißen vor, darin nach einem Formular bekundet war, wo seine Schafe geweidet, und daß keine Krankheit dort und auch keine kranken darunter waren, und schloß endlich:

»Neunundneunzig Schäfer, hundert Betrüger, sagt man im Sprichwort und es ist noch mehr als wahr. Drum will ich nichts mehr davon.«

Die Umsitzenden stimmten auch in die Klagen über die Schäfer ein, und jeder hatte zu erzählen, wie man seit des Erzvaters Jakob Zeiten, um ihrer sicher zu sein, ihnen einige Schafe als Eigentum bei der Herde halten muß, wie sie diese aber zu gewöhnen wissen, daß sie den andern stets das beste Futter wegfressen, wie sie den Hund abrichten, daß er nie ein Schäferschaf beißt, wie sie immer die besten und schönsten Lämmer haben und den Mutterschafen ihre nichtsnutzigen unterschieben; kommt dann der Herr dazu, so heißt es, wie das auch bei der natürlichen Mutter sein kann: es will noch nicht recht annehmen. Allerlei Schelmenstreiche von Schäfern wurden erzählt, und das Gespräch schien sich fast ganz hierin zu verlieren, bis es Diethelm wieder auf den Handel brachte, aber er zuckte zusammen, als der Steinbauer, nachdem er das eingeschenkte Glas ausgetrunken hatte, ruhig sagte, er handle nur um bar Geld.

»Bin ich dir nicht gut?« fragte Diethelm trotzig.

»Du bist mir gut, und daß du mir's bleibst, ist bar Geld das beste«, sagte der Steinbauer und schob seine Tabakspfeife in den linken Mundwinkel, während er aus dem rechten den Rauch blies. Er sah dabei nochmal so listig aus.

»Ist dir mein Schwager, der Schäuflerdavid, auch nicht gut?« fragte Diethelm.

»Der Schäuflerdavid? freilich, der ist auch gut; wenn er sich verbürgt, kann ich bis Fastnacht mit dem Geld warten.«

Diethelm hob hastig beide Achseln, wie wenn er etwas abschütteln müsse, dann lachte er laut und sagte:

»Komm jetzt, wir wollen 'naus auf den Markt.«

Der Steinbauer zog einen ledernen Geldbeutel, der dreifach verknüpft war, bezahlte, nahm seinen hohen Schwarzdornstock, der in der Ecke lehnte, und ging mit Diethelm.

Auf dem Schafmarkt stand in einer Doppelreihe Hurde an Hurde, darin die Schafe eng zusammengedrängt teils lagen, teils standen und wiederkäuten, alle aber waren lautlos, und das allezeit blöde Dreinsehen der Schafe hatte fast noch etwas Gesteigertes. Knaben mit flüssigem Zinnober in offenen Schüsseln liefen umher und gesellten sich zu Gruppen, wo mit lautem Geschrei und heftigen Gebärden gehandelt wurde. Händler stiegen in die Hurden, zogen den Schafen die Augenlider auf und schauten nach den Zähnen, andre bezeichneten mit einer in Zinnober eingetauchten Schablone die eingekauften und zählten dabei; dort sprang eine Herde lustig aus der geöffneten Hurde, sich in der wiedergewonnenen Freiheit überstürzend, überall war buntes, lebendiges Treiben. Der Schäfer Medard kam Diethelm entgegen und sagte, daß er noch nicht verkauft, aber sicher Hoffnung habe. Nun einigte sich Diethelm schnell mit dem Steinbauern, kaufte ihm seine Zeithämmel (jährige) ab und nahm auch die Bracken dazu.

Er eilte mit dem Steinbauern in das Kaufhaus, ihnen vorauf lief das Gerücht, daß Diethelm bereits Schafe eingekauft habe und auch für die Wolle die besten Preise bezahle. Diethelm war aber noch nicht zum Wolleinkauf entschlossen, er hatte diesen Gedanken nur so in leichtfertiger Prahlerei hingeworfen, um zu verdecken, wie sehr es ihm zum Verkaufen auf den Nägeln brenne; jetzt wurde ihm das Vorhaben immer genehmer, und mit seltsamem Blick betrachtete er seinen Genossen mit dem mehr als mannsgroßen Stock, mit dem schlichten Anzug und der selbstzufriedenen Miene; der wünschte wohl nicht wie er, mit Wagen und Pferd in den Stuben umherzufahren; wie weit zurück lag ihm jetzt die Zeit, wo auch er stolz sein konnte, statt daß er jetzt, um sich nicht zu verraten, stolz tun mußte.

»Hast kein Fuhrwerk bei dir?« fragte Diethelm, worauf der Steinbauer erwiderte:

»Nein, ich bin noch gut zuweg, mit dem Fahren hat's Zeit, bis ich alt bin.«

Im Kaufhause sah Diethelm, daß die verpflichteten Wollsetzer seine Schlepper (Vließe) gut aufgesetzt hatten, sie standen an guter Stelle, nicht zu hell und nicht zu dunkel; seine spanische und seine Bastardwolle durfte sich sehen lassen. Sein nächster Nachbar war der Steinbauer, der sich darüber beklagte, daß er einen schlechten Platz habe; gerade neben der Feuerspritze und dem großen Wasserfaß, die unter der Treppe standen. Diethelm stand mit übereinandergeschlagenen Armen ruhig neben seiner Lammwolle, als hastigen Schrittes der Reppenberger kam. Alles Blut schoß Diethelm zu Kopf, indem er dachte, daß er vielleicht auch einst als Unterhändler hier sich tummeln, sich abweisen und anfahren lassen müsse, während alles jetzt seine Nähe suchte und um seine Freundschaft buhlte. Diethelm war entschlossen, mindestens vom Steinbauern noch die Wolle einzukaufen. Zwar hatte er die Bürgschaft des Schwagers zu leichtfertig versprochen, aber der Steinbauer muß ihm vorderhand glauben, und dann will er noch heute all das Mitgebrachte und das Erkaufte in der Stille versilbern, es sind dann drei Monate Zeit gewonnen, es gilt Luck auf und Luck zu zu machen, bis man den rechten Schick trifft, und der kann doch nicht ewig ausbleiben. Diethelm wurde auch hier schnell handelseins mit dem Steinbauern, und als nun andere sahen, daß dieser ihm das Seinige übergab, bestürmten sie ihn ebenfalls mit Anerbietungen. Er wehrte anfangs ab; er wollte nicht weiter gehen. Aber vielleicht läßt sich gerade jetzt der rechte Schick machen, man darf ihn nicht aus der Hand lassen, mit soviel Ware läßt sich was Großes versuchen – die Hand Diethelms wurde brennend von dem öfteren Handschlag, er wußte fast gar nicht mehr, wie viel er eingekauft hatte, und der Reppenberger brachte neue und immer bessere Gelegenheiten mit Zahlungsterminen auf Ostern oder noch weiter hinaus. Wie berauscht ging Diethelm von Stapel zu Stapel und wiederum hinaus auf den Schafmarkt von Hurde zu Hurde; ihm war's, als hätte alles Besitztum der Welt gesagt: ich will dein sein, du mußt mich nehmen.

Das Lärmen und Rennen um ihn her, das ferne verworrene Brausen des städtischen Marktgewühls, aus dem bisweilen einzelne Akkorde der Musik, die jetzt zum Tanz aufspielte, wie aus dem Stimmengedränge herausschlüpften, alles das machte einen sinnverwirrenden Eindruck auf Diethelm; bald lächelte er jedem, und sein Antlitz war hochgerötet, bald wurde er schlaff und verdrossen, und alles Blut wich daraus zurück. Auf einem Wollsack, nicht weit von der großen Feuerspritze, die im Hofe stand, saß er mit entblößtem Haupt und gekreuzten Beinen, und sein Auge schaute hinein in die rote Schreibtafel, in die er sich seine Einkäufe nach Sorte usw. eingezeichnet hatte, um ihn her lagen in verschiedenen Papieren Wollproben. Diethelm fuhr sich mit der Hand über das Haupt, und er meinte, er spüre es, wie ihm die Haare jetzt plötzlich grauer werden. Eben kam der Reppenberger wieder und brachte einen Mann, der eine überaus feine und haartreue Wolle habe, da sei jedes Härchen von unten bis oben gleich und alles im Vließ gewaschen. Diethelm nebelte es vor den Augen, und er ersuchte den Reppenberger, vor allem einen guten Trunk Wein herbeizuschaffen: er fühlte sich so matt, daß er auf keinem Bein mehr stehen konnte, und besonders in den Knieen spürte er eine unerhörte Müdigkeit. Er gab den Umstehenden wenig Bescheid und starrte hinein in seine Schreibtafel und sprach mit den Lippen lautlos die Zahlen vor sich hin. Vom Hauptturm der Stadtkirche bliesen eben die Stadtzinkenisten den althergebrachten Mittagschoral; sie standen auf der Westseite der Turmgalerie, und diese Posaunen und Trompeten strömten ihre langgezogenen Töne gerade zu Häupten Diethelms nieder. Er zuckte zusammen und schaute auf, als hörte er die Posaune des Jüngsten Gerichtes vom Himmel herab; er fuhr sich mit der breiten Hand langsam über das ganze Gesicht, dann schaute er hell auf, der Reppenberger rief ihn. Der herbeigebrachte Wein richtete ihn bald wieder auf, und nun galt es, die begonnene Rolle mutig fortzusetzen. Die Stadtzinkenisten bliesen eben nach einer andern Himmelsgegend, und die Klänge schwebten wie verloren über dem lauten Marktgewühl. Einmal sprach er eifrig und ganz allein mit einem fremden Händler, und es verbreitete sich rasch die Sage, daß er im Auftrage dieses, der noch gar nichts eingekauft hatte, die Händel abschließe. Diethelm merkte bald, daß sein Auftreten dem Markt eine ganz andere Wendung gegeben hatte; es kamen schon Unterhändler, die sich im Auftrage Ungenannter nach dem Wiederverkauf erkundigten. Eine Weile stockte er und gedachte, mit mäßigen Gewinn darauf einzugehen, aber der Reppenberger hatte recht; jetzt, im hohen Verkehr, wo alles im Trab geht, kann man nicht hufen und rückwärts fahren; wenn alles vorbei ist, dann läßt sich ein guter Treffer machen, dann hat man die ganze Geschichte allein in der Hand, drum jetzt nur mutig vorwärts. Und immer neue Zahlen stellten sich in die Schreibtafel Diethelms, er hatte schon dreimal die Tafel in die Tasche gesteckt und die Hand darauf gelegt mit der Versicherung, daß er sie nicht mehr heraustue, und wenn er die Sachen halb geschenkt bekäme, er gehe nicht weiter ins Wasser, als er Boden habe; aber alles schrie über seine Bescheidenheit, so ein Mann wie er könne dreimal den Markt auskaufen. Dieser Ruhm stachelte ihn immer wieder aufs neue, denn er sah, wie seine prahlerische Bescheidenheit ihm immer mehr Vertrauen an den Hals warf. Der Gedanke, wie sehr er dieses Zutrauen täuschte und vielleicht ganz betrüge, zuckte ihm wieder durch die Seele, aber jetzt fand er eine rasche Aushilfe: da ist der Steinbauer, der so heilig tut, wie ein frisch vom Himmel geflogener Engel, und ohne Widerrede gibt er einen geringeren Preis an, als er bekommt, und betrügt damit alle anderen. Aller Handel und Wandel ist auf Lug und Trug gestellt, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger; und es kann ja wohl sein, es ist so viel als sicher, daß kein Mensch einen Heller verliert. – Die Leute zeigten einander, wie zuversichtlich und froh der Diethelm dreinsah und beneideten ihn um den Haupttreffer, den er heute mache.

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