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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Wie ein Mensch aus höheren Regionen, der sich bescheidentlich herabläßt, mit niederen Erdgeborenen zu verkehren, so ging Diethelm durch Buchenberg; er hatte mit fürstlichen Personen, mit hohen Staatsmännern verkehrt, und ein Staatsanwalt – denn das war er geworden – war sein Schwiegersohn! Es dünkte ihn wie ein Traum, daß er sein einziges Kind einst einem armen

Die Verehrung im Dorf schien ihm indes doch minder bedeutend, als die in der Stadt sich dartat. Mit Martha, die er nun nicht mehr allein ließ, fuhr er oft dahin, um allerlei Hausrat zu kaufen. Er richtete sich nur notdürftig ein, da er ja bald wieder verkaufen wollte.

Alles ließ sich zu größter Beruhigung an, nur Martha war nicht aus ihrer beständigen Trauer und Kümmernis zu reißen, und wenn Diethelm sie damit abwies, sagte sie klagend:

»Ich hab' ja sonst niemand, dem ich mein Herz ausschütten kann, und mir bangt vor dem neuen Haus, wo der Medard verbrannt ist.«

Diethelm hörte sie geduldig an, aber dieses ewige Klagen machte ihn stumpf gegen die Vorhersagung der Frau, daß sie den Einzug ins Haus nicht erleben werde.

»Nur nicht prophezeien«, war seine beständige Rede, »das ist das Schlechteste, was man tun kann. Ich hab' dir versprochen, daß ich dich nie mehr allein lasse, aber du treibst mich aus dem Haus, wenn du so fortmachst.«

Martha hatte in der Tat falsch prophezeit: der Sommer ging zur Rüste, und im Herbst zog sie, abgesehen von ihrem beständigen Leid, wohlbehalten in das wochenlang durchheizte neue Haus ein, und nachdem das erste Mißbehagen überwunden, schien sie sich dessen zu freuen; zumal da Diethelm die junge Frau Kübler mit ihrem Kind während der Abwesenheit der Fränz zu sich ins Haus genommen hatte.

Nun erlaubte er sich auch allmählich, seinem Versprechen untreu zu werden, und buchstäblich hielt er es doch, wenn er wieder Tage und Nächte über Land blieb: Martha war ja nicht allein, die junge Frau mit dem Kind war bei ihr. Wenn Martha ihn dennoch an sein Versprechen gemahnte, war er ungehalten und voll Jähzorn über diese unerträgliche Sklaverei und über dieses ewige Erinnern an ein Versprechen, das er schon von selbst halte und viel lieber, wenn er nicht daran gemahnt werde. Er blieb nun mehr als gewöhnlich zu Hause, und jetzt erkannte er deutlich, was er schon oft flüchtig wahrgenommen: wenn er im lebhaften Verkehr mit Menschen, und zwar mit recht vielen war, wich das Frösteln von ihm, in der Einsamkeit aber war es immer wieder da, unabwendbar. Diethelm knirschte über diese neue Gefangenschaft, in der er sich befand, und jetzt fiel ihm das Mittel des alten Schäferle ein. Er kaufte Erlenholz und sägte tagelang, als müßte er sein Brot damit verdienen. Der stolze, in grünen Saffianpantoffeln stolzierende und alle schwere Arbeit verhöhnende Diethelm war in das Los eines armen Tagelöhners verfallen, aber er war dabei doch froh, denn er fühlte in der Tat eine lange nicht empfundene Wärme; das Holz, das, haufenweise in den Ofen gesteckt, ihn nicht von seinem Frösteln befreit hätte, erwärmte ihn jetzt bei dessen Verarbeitung. Vom Morgen bis zum Abend arbeitete er im Schuppen und lauschte dann oft selbstvergessen den wunderlichen Tönen der Säge; wie das klingt und schrillt beim ersten Einschnitt und dann zum Kern des Scheites gelangend so dumpf tönt und wieder ins Schrille, Kurzatmige übergeht am Ende des Durchschnitts. Mochte es aber klingen, wie es wollte, wohlige Wärme durchströmte den Körper. Die Leute sagten, der Diethelm sei geizig geworden, seitdem sein Reichtum gestiegen sei; er ließ sich diese Nachrede, die ihm wieder zukam, gern gefallen, denn auch im Geiz liegt ein gewisser Ruhm, da seine unbezweifelte Voraussetzung der Reichtum ist.

Wenn er manchmal einen Tag in seiner mühseligen Arbeit aussetzen wollte, kam wiederum das Frösteln über ihn, als wollte sich alles Zurückgedrängte auf einmal geltend machen: er mußte aufs neue wider Willen an die unscheinbare und doch so mühselige Arbeit, als hätte ein Zauber ihn darin festgebannt. Es half nichts andres.

Da kam ein neues Ereignis, das ihn von dieser Arbeit und seiner häuslichen Gefangenschaft befreite, ohne daß Martha zu einer Einsprache berechtigt war.

Das Schwurgericht, das man in stürmischen Zeiten verheißen hatte, wurde jetzt nach Herstellung der nötigen Bauten in der Tat eingesetzt. Der veränderten Zeitrechnung zufolge wurden aber die Geschworenen nicht nach allgemeinem Wahlrecht frei gewählt, sondern die Amtsversammlung, bestehend aus den meist gefügigen Schultheißen und einem Teil der Obmänner des Gemeindeausschusses, wählte einen sogenannten Siebenerausschuß, und dieser ernannte die Geschworenen aus der Zahl der Höchstbesteuerten und Nichtdemokraten. Eines Tages kam der Vetter Waldhornwirt hastig mit der Landeszeitung in der Hand und sagte zu Diethelm:

»Da kommt Ihr in der Zeitung, Vetter.«

»Ich? Wie?« erwiderte Diethelm, sich verfärbend, und nahm mit Zittern das Blatt in die Hand. Er las die Liste der Geschworenen, und als dritter stand sein Name. Lange starrte er darauf hin und rieb sich mehrmals die Stirn, er wollte den Schreck vergessen, den er gehabt hatte, und jetzt war es ihm doch eine Freude, sich gedruckt zu lesen; er äußerte dies aber nicht, sondern sagte nur, daß er um Dispensation bitten werde, da er in seinem Anwesen noch viel zu tun habe, und daß er auch seine Frau nicht verlassen dürfe. Martha entgegnete rasch:

»Meinetwegen kannst du's schon annehmen, im Gegenteil, mir ist's lieb, wenn du ein paar Wochen fortgehst, lieber, als wenn du alle Ritt verschwindest, wie in den Boden versunken.«

Der Vetter sagte, daß Diethelm garnicht ablehnen dürfe; man wisse nicht, was die Menschen denken könnten, wenn er sich davon losangle; das ginge ihn zwar nichts an, aber er dürfe es auch ohnedies nicht, er habe das Schwurgericht zu allen Zeiten gepriesen, und jetzt müsse er auch dabei sein.

Diethelm schäumte innerlich vor Wut. So hatte seine Freisprechung, hatten alle die hohen Ehren, die er genossen, nichts genützt; die Menschen, die so unterwürfig waren, hegten noch immer Verdacht gegen ihn, der allzeit bereit war, loszubrechen. Der erstickte Argwohn in den Gemütern glich der Flamme in einem niedergebrannten Hause, die immer wieder aufschlägt, sobald man einen Balken weghebt. Diethelm verfluchte die ganze Welt und zankte mit dem Vetter, als dieser entschuldigend sagte: er habe noch nichts gehört, von niemand, er habe nur so gemeint.

»Was hast du vorzudenken, was andre Leute denken können? Oder bist du schlecht genug und blasest den Leuten selber ein, daß sie mich verunehren?«

»Ihr wisset ja, wie ich zu Euch bin«, sagte der Vetter mit schelmisch bedeutungsvollem Blick. Diethelm sah das, und wieder kam ihm die Vermutung, daß der, den er sich am nächsten glaubte, schlimmen Verdacht gegen ihn hegte; aber das Klügste war doch, immer zu tun, als ob er das nicht glaube; er sagte daher:

»Wenn's nicht anders ist, nehm' ich's an. Hast recht, Vetter, es kann mir eins sein, was die Leut' denken, und ich freu mich auch, bei meinem Schwiegersohn zu sein. Weißt was, Frau? Geh mit.«

Martha verneinte, und Diethelm wiederholte seinen Vorschlag nicht. Denn wie alles in der Welt seine vielfachen Gründe hat, so ging es auch hier. Diethelm wollte nicht nur zeigen, daß er keinen Gerichtshof scheue, er wurde auch von der Öde im Hause und den ewigen Klagen seiner Frau erlöst, wenn er sich davonmachte.

Diethelm hatte bei der bald darauf folgenden Amtsversammlung die Genugtuung, vom Amtmann Niagara – der so genannt wurde, weil er im Gespräch immer ein mächtig schmetterndes Gelächter erhob – mit besonderem Ruhm erwähnt zu werden, während den andern mit Recht vorgehalten wurde, daß sie gern freie Staatseinrichtungen hätten, aber dafür keinen Tag aufwenden wollten, so daß ihnen schon jedes Wählen zu viel Mühe sei.

Diethelm sah stolz und selbstbewußt drein, und bei dem gemeinsamen Mahl, das nach der Amtsversammlung gehalten wurde, erhielt Diethelm den Ehrenplatz neben dem Amtmann Niagara und half ihm tapfer lachen. Es gab besonders viel Witzreden über diejenigen, die da gehofft hatten, daß den Geschworenen reiche Taggelder aus der Staatskasse ausgesetzt würden; der Steinbauer vor allem mußte sich viele Neckereien gefallen lassen, weil er auf sein Dispensationsgesuch einen abschlägigen Bescheid erhalten hatte. Der Angegriffene wagte es nicht, den Späßen des freundlichen Amtmanns entsprechenden Widerstand zu leisten, und ohne sich auf eine nähere Erklärung einzulassen, behauptete er, daß er doch noch frei werde.

Noch nie kam Diethelm frohgemuter nach Hause, als von der heutigen Amtsversammlung, und er wünschte sich, daß die Gerichtssitzungen nur bald beginnen möchten. Die Ehrenbezeigungen von den Beamten taten ihm gar wohl.

Als der Tag der Abreise kam, wollte Diethelm wiederum bange werden, es erschien ihm als ein gefährliches Spiel, das er mit sich treibe. Er nahm sein Gefährt nur bis Gaißlingen mit, dort gesellten sich im Eilwagen die andern Geschworenen zu ihm, der Sternwirt und der Steinbauer waren auch dabei.

Es war das erste Schwurgerichtstagen seit undenklichen Zeiten, und alle Mitwirkenden waren in feierlich gehobener Stimmung, der der Vorsitzende des Gerichthofes und der Staatsanwalt wie der Altmeister der Rechtsanwälte beredte Worte gaben. Besonders ein Wort des Vorsitzenden drang Diethelm ins Herz, denn er hatte gesagt: Ein Verbrechen, das ungesühnt in der Seele ruht, gleicht dem Brand in einem Kohlenbergwerk; man stopft es zu und will das Feuer ersticken, aber es brennt weiter, unterirdisch, ungesehen, und eine Öffnung, die sich auftut, läßt die Flamme emporschlagen.

Diethelm fühlte bei diesen Worten, wie es wirklich in seinen Eingeweiden brannte, er hätte laut aufschreien mögen vor Schmerz, aber er bezwang sich. Als jetzt die Rechtsgelehrten der verschiedenen Stellungen gesprochen hatten, trat eine Pause ein. Man erwartete eine Ansprache aus der Mitte der Geschworenen. Einer stieß den andern an, er möge reden, und doch hätte jeder gern selbst gesprochen, die Pause dauerte peinlich lang, da erhob sich Diethelm. Er glaubte gerade besonders zeigen zu müssen, wie sehr er die Bedeutsamkeit der neuen Einrichtung erkenne, die Worte des Amtmanns bei der Wahlversammlung kamen ihm wohl zu statten, und hatte er sich vordem nicht gescheut, mit fremdem Geld und Gut groß zu tun, so hatte es mit einem fremden Gedanken gewiß viel weniger auf sich. Anfangs bebend, dann aber mit fester Stimme wiederholte er, in seine Weise übertragen, jene Worte; und alle standen auf, als er plötzlich stotternd abbrach und die Hände faltend mit gehaltenem Ton das Vaterunser sprach.

Bevor die Namen der Geschworenen verlesen wurden, ließ der Vorsitzende durch den Gerichtsschreiber ein ärztliches Zeugnis vortragen, das der Steinbauer beigebracht hatte und das ihn befreien sollte. Nach kurzer leiser Beratung erklärte der

Nun ging es an das Verlesen der Namen. Der Vorsitzende nahm bald rechts, bald links die Zettel auf, die ihm die beiden Schwurrichter reichten und warf sie in die Urne. Dieses Aufraffen, Ausrufen und Versenken der Namen hatte für Diethelm etwas Eigentümliches, bang Rätselvolles, es war ihm, als wäre er wie sein Name in fremde Gewalt gegeben.

Als jetzt die Namen aus der Urne gezogen wurden, ballte Diethelm bei jedem der ausgerufen wurde, die Fäuste, um keinen Schrecken zu zeigen, wenn er den seinigen hörte, aber er kam nicht. Beim Namen des Steinbauern sprachen Staatsanwalt und Verteidiger zugleich: Abgelehnt! worüber ein Lächeln in der Versammlung entstand, und der Verteidiger mit höflicher Handbewegung die Ablehnung dem Staatsanwalt überließ. Der Steinbauer schaute herausfordernd auf Diethelm, seine Mienen sagten: ich hab's gewußt, daß ich frei werde.

Die zwölf Männer waren ernannt, Diethelm war nicht unter ihnen: er atmete frei auf. Nun aber erklärte der Vorsitzende, daß er noch zwei Ersatzgeschworene auslose, und der erste Name, der jetzt erschien, war der Diethelms. Als er mit schweren Schritten nach der Geschworenbank an dem dichtgefüllten Zuhörerraum vorüberging, hörte er dort sagen: Schade, daß der nur Ersatzgeschworener ist, das wäre ein tüchtiger Obmann geworden. Diethelm schloß die Augen, als er in seinem Armstuhl saß: der Ehrenzuruf aus den Zuhörern hatte ihm sein fast stillstehendes Herz freudig bewegt. Durch ein Geräusch wurde Diethelm aus seiner inneren Versunkenheit erweckt, die Stühle rutschten und brummten, die ganze ruhige Versammlung kam plötzlich in Bewegung. Dort auf der Erhöhung, wo das Gericht saß, war es dunkel geworden, denn die Mitglieder des Gerichtshofes, hinter deren Rücken die Fenster waren, hatten sich erhoben, und nun sprach der Vorsitzende den Geschworenen mit feierlicher Stimme ihren Eid vor, und einer nach dem andern erhob die Hand und sprach: »Ich schwör' es, so wahr mir Gott helfe.« Es waren ruhige, überzeugungsfeste Stimmen, und jeder, der es hörte, wie hier die innere Wahrhaftigkeit sich laut beteuerte, mußte ergriffen und erschüttert werden; es war eine rechtsprechende Gemeinde, darin ein jeder aus Herzensgrund sein Bekenntnis aussprach, und über der ganzen Versammlung ruhte eine ernste Gehobenheit, denn die Heiligkeit des Beginnens, der Geist der Wahrhaftigkeit schwebte darüber.

Diethelm sprach den Eid, und wie er die Hand emporhob, fühlte er's, wie wenn eine unsichtbare Macht seine Hand faßte, er senkte sie nicht, bis er sich niedersetzte und jetzt erst eine Müdigkeit fühlte, als wären ihm die Knie zerbrochen.

Auf der Anklagebank saßen zwei junge Männer, des Komplott-Diebstahls beschuldigt Der verlesenen Anklage gemäß erschien dennoch der eine mehr als Verführer. Der Staatsanwalt begründete in scharfsinniger Weise die Anklage, seine Stimme hatte etwas zitternd Melancholisches, und dieses sowohl wie seine Beweisführungen hatten soviel Bestimmendes, daß der Nachbar Diethelms, der Schultheiß von Rettinghausen, ihm zuraunte: Die sind schuldig. Diethelm antwortete nicht. Mit eingekniffenen Lippen und weit aufgesperrten Augen betrachtete er die Angeklagten: diese finster blickenden Augen, die nur bisweilen zuckten, diese starren Züge, diese ineinander gelegten Hände, diese Gestalten mit ihrem ganzen Leben sind in fremde Gewalt gegeben. Dort hinter den Angeklagten sitzt der Landjäger, das gezückte Schwert in Händen. Wie es so gierig blinkt! Das ist das Schwert der Gerechtigkeit über den Angeklagten schwebend. Immer und immer mußte Diethelm denken, wie es diesen Menschen zu Mute sei, wie die Blicke der Anwesenden sie treffen müssen wie scharfe Schwerter; er konnte diese Gedanken nicht los werden, bis er endlich die Hände zusammenpreßte, ein Schauer durchrieselte ihn, und zum erstenmal betete er in innerster Seele voll Reue über das Geschehene. Vor seinen dreinstarrenden Augen verschwammen die Menschengestalten, nur das blanke Schwert dort an der Wand blinkte, und die Stimme des Staatsanwalts tönte. Da erklärte der Vorsitzende die Verhandlung für diesen Morgen geschlossen und beraumte eine zweite Sitzung auf Nachmittag.

Als jetzt alles sich erhob, rieb Diethelm sich lange die Stirn, und wie taumelnd verließ er den Saal und drängte sich dann hinaus, als würde er festgehalten. Erst in freier Luft fand er sich selber wieder, er trat fest auf und schaute zurück nach dem Gerichtssaal, wie ein Angelandeter dem schwankenden Schiffe nachschaut, das er eben verlassen.

Die Mehrzahl der Geschworenen hatte sich einen gemeinsamen Mittagstisch in einem ihnen genehmen Wirtshause angeordnet, und wie von selbst war Diethelm hier der Vorsitzende, zumal da die wenigen ‹Herren› unter den Geschworenen sich in einen vornehmeren Gasthof begeben hatten. Diethelm fühlte sich ganz wohlgemut: er war fest überzeugt, daß er heute alles Peinliche seiner Lage überwunden habe, und daß nichts mehr über ihn kommen könne.

Es waren hier die gewichtigsten Bauern eines ganzen Kreises versammelt, die sich zum Teil noch nicht persönlich kannten, sie fanden aber schnell eine Einigung und sogar ein allgemeines Gespräch; denn nichts vereinigt die Menschen so leicht wie eine Anhänglichkeit oder ein Widerspruch gegen eine Persönlichkeit. Gegen den Steinbauern, der sich bald nach seiner Erledigung heim gemacht hatte, brannte wie beim Scheibenschießen ein jeder seine Kugel los. Man erzählte sich, daß der Steinbauer das Gerücht verbreitet habe, er werde jeden unbedingt für schuldig erklären, und darum werde er stets abgelehnt werden und könne daheim ausdreschen. Diethelm fand in dem Schultheiß von Rettinghausen und in einem jungen Mann zierlichen Angesichts, es war der Gemeindeschreiber von Reindorf, fertige Beihilfe, die mit ihm die Gewissenlosigkeit und Niedrigkeit eines solchen Gebarens brandmarkten, und schon jetzt zeigte sich die unverwüstliche Ehrenhaftigkeit des Volkscharakters, die nur der rechten Erweckung bedarf: ein jeder beteuerte mit aufrichtigen Worten, daß er sich nicht um vieles von einer so schönen Ehrensache losmachen möchte, und wenn nur die Schwurgerichte besonders zur Winterszeit wären, möchten sie immer dabei sein.

Das Gespräch verlief sich nach allen Seiten, und Diethelm ärgerte sich, daß seiner Rede bei der Eröffnung des Schwurgerichtes garkeine Erwähnung geschah; er war nicht der Mann, der eine glorreich vollbrachte Tat gern unbeachtet sah. Nach Tisch hatte er indes die Genugtuung, daß sein Schwiegersohn, der als Assessor bei dem Gerichtshof war, zu ihm kam und sich zu ihm setzte; bald drängte sich eine große Menschenmenge aus allen Gegenden zu ihm, teils alte Bekannte, teils neue, die ihn wegen seiner ergreifenden Rede kennen lernen wollten. Diethelm klagte indes seinem Schwiegersohn, daß ihn die Sache doch mehr angreife, als er erwartet habe, besonders das lange ruhige Sitzen werde ihm peinlich; der Assessor getröstete ihn aus eigener Erfahrung, daß er sich schon daran gewöhnen werde, und Diethelm lächelte, als er hörte, daß er als Ersatzgeschworener nicht mit zu urteilen habe.

»So bin ich nur Vorspann für die Gefahr«, sagte Diethelm und dieses Wort setzte sich fest, und seit jener Zeit nennen die Geschworenen die Ersatzgeschworenen »den Vorspann«.

Als man am Nachmittag wieder in den Gerichtssaal kam, war die Weihe des ersten Eindrucks zwar verschwunden, aber der Ernst des Unternehmens blieb. Diethelm fühlte sich noch besonders beruhigt, da er nicht zu urteilen hatte; er lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück, er betrachtete sich den Saal, der sich in einem alten Deutschmeisterhause befand, aber aus den übereinanderpurzelnden Genien und halbnackten Kriegern an dem Deckengemälde, sowie aus den Stuckarbeiten an den Wänden konnte man nicht klug werden. So oft ein neuer Zeuge vereidigt wurde, schreckte Diethelm zusammen, dieses plötzliche, geräuschvolle Sicherheben der ganzen Versammlung machte immer von neuem einen gewaltigen Eindruck. Über die Zeugen aber war Diethelm meist sehr ungehalten; das war ein unbehilfliches Hinstellen und ein Stottern, als ob sie nicht drei Worte zusammenhängend sprechen könnten. Diethelm fühlte, daß er mit Recht eine bevorzugte Stellung in Anspruch nahm. Hätte der Vorsitzende nicht mit Milde und Klugheit und unverwüstlicher Geduld, sowie besonders durch Erfragen unverfänglicher Gegenstände, die Zeugen zum Sprechen und zur Sicherheit des Sprechens gebracht, man hätte kaum etwas erfahren.

Dem Benehmen der Angeklagten widmete Diethelm dabei eine besondere Aufmerksamkeit; bald der eine, bald der andere vergaß sich und schaute sorglos und keck darein, bis er sich oft plötzlich besann und sich faßte, und während des Zeugenverhörs schärfte sich oft der Hauptangeklagte die Lippen, indem er mit der Zunge dazwischen hin und her fuhr; dann stemmte er die Hand in die Seite, raffte sich zusammen und richtete sich auf.

Was geht in diesen Menschen vor?

Mitten durchs Herz fühlte Diethelm einen Stich, als er hörte, wie die beiden Angeklagten, die doch Genossen bei der Tat gewesen, jetzt vor Gericht als die bittersten Feinde einander gegenüberstanden und sich wechselseitig anklagten.

So wären Diethelm und Medard einander gegenüber gestanden. Diethelm zuckte zusammen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er schaute frei umher und auf seine Mitgeschworenen; er erinnerte sich wo er saß.

Drei volle Tage mit doppelten Sitzungen dauerte die erste Verhandlung, und bei aller ehrenhaften Anhänglichkeit an das Gerichtsverfahren klagten die Mitgeschworenen doch auch manchmal über das fremde Leben in fremder Stadt. Sie fühlten sich unbehaglich, beständig in Sonntagskleidern und der Handarbeit ledig umher zu gehen; dennoch beteuerte jeder, daß er nicht davon sein möchte, und Diethelm hatte nur gegen die Behauptung Einsprache zu erheben, daß man die Sache zu weitläufig behandle. Der Schultheiß von Rettinghausen, der gleich anfangs sich für ein Schuldig entschieden hatte, erklärte jetzt, daß dieses genaue Erörtern einem doch erst die Augen öffne, und jene seltsame Seelenstimmung trat in vielen zu Tage, wo man bald mit Bestimmtheit ein Schuldig aussprechen möchte, bald zweifelvoll ist und wiederum ein Nichtschuldig sich herausstellen will.

Der Schultheiß erwarb sich das Lob eines gutherzigen Menschen, da er darlegte, daß man sich nicht, um zeitig zu seinem Mittagessen oder zu seinem Schoppen zu kommen, verleiten lassen dürfe, über das ganze Lebensschicksal eines Menschen rasch den Stab zu brechen.

Diethelm wurde staunend angesehen, als er sagte, ihm gehe es jetzt, wie ihm der Doktor von Gaißlingen einmal erzählt habe. Als dieser zum erstenmal von der Anatomie kam, sah er immer nichts als aufgeschnittene Menschen vor sich, und so gehe es ihm jetzt auch.

Als endlich am dritten Abend die Verhandlung geschlossen wurde und die Geschworenen sich mit den Fragen zurückzogen, war Diethelm froh, daß er nur Vorgespann gewesen war und zurückbleiben durfte. Die Geschworenen kamen bald zurück. Der Schultheiß von Rettinghausen war Obmann, er erklärte die beiden Angeklagten für schuldig.

Als die Verbrecher abgeführt wurden, machte sich Diethelm rasch davon; aber unversehens war er an den unrechten Ausgang gekommen und sah plötzlich den Landjäger mit bloßem Schwert hinter sich. Glücklicherweise klopfte ihm sein Schwiegersohn auf die Schulter und nahm ihn mit durch die Gerichtsstube.

Am andern Tage bei einer neuen Verhandlung blieb der Name Diethelm in der Urne, und der Steinbauer wurde richtig wiederum abgelehnt.

Diethelm wußte zwar nicht, was er zu Hause beginnen sollte, aber weil er auf mehrere Tage frei war, kehrte er doch heim. Verwundert sah er auf dem Wege, wie das Leben der Menschen draußen, die das nicht miterlebt haben, seinen geregelten Gang fortgeht; sie alle dachten nicht an die drohenden Gerichtsverhandlungen und wie jetzt zwei Männer auf Jahrzehnte aus der Mitte der Menschen gerissen waren.

Still und in sich gekehrt weilte Diethelm daheim, und nur abends beim Spiel war er lebendig. Die Leute wunderten sich, warum er so wenig vom Schwurgericht erzählte, er aber wollte es sich aus dem Sinn schlagen und kehrte mißmutig wiederum am zweiten Dienstag nach der Kreisstadt zurück.

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