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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Diethelm hatte auf den Abend die Stadtzinkenisten zur Tanzmusik bestellt. Diese Menschen mit ihren Trompeten und Posaunen hatten ihn oft erschüttert, und nun sah er, daß es keine Engel vom Himmel, sondern nur arme Schlucker mit langgestrecktem und gewundenem Messingblech waren. Wußte er das auch schon vordem, so tat es ihm doch wohl, es so deutlich vor sich zu haben und die Zinkenisten nach seinem Gelust aufspielen zu lassen, was er ihnen angab und manchmal sogar vorpfiff. Mitten zwischen den Tänzen mußten sie ihm sogar einmal einen Choral blasen, worüber viele Leute den Kopf schüttelten und sich entsetzten; Diethelm aber ließ an den Schlußton schnell einen Tanz heften und tanzte mit seiner Martha den Siebensprung wie ein junger Bursch. Es war spät in der Nacht, und Diethelm ließ allen Gästen warmen Gewürzwein auftischen, er selber aber stand bald auf, es fehlte ihm noch jemand, und der mußte herbei; alle Welt sollte seiner Ehre voll sein, keiner ausgenommen.

Es war mondhell. In seine Wolfsschur gehüllt, ging Diethelm das Dorf hinaus nach dem Hause des alten Schäferle. Vom Waldhorn herab, das glänzend in die Nacht hineinschimmerte, klangen bisweilen noch verlorene Töne; hier war alles einsam und dunkel. Das Haus des alten Schäferle stand am Ende der sogenannten Lustgasse, die heute mit doppeltem Recht so hieß, denn der Wirbelwind tanzte gar lustig mit dem Schnee und machte sich selbst Musik dazu. Die Haustür war offen, Diethelm schritt durch den Hausflur, der zugleich Küche war, in die Stube, auch hier öffnete sich die Tür, aber niemand regte sich, nur der Paßauf kam still herangeschlichen, und Diethelm fühlte erschreckt die kalte Schnauze an seiner Hand.

»Ist niemand daheim?« rief Diethelm jetzt laut.

»Ja, freilich«, tönte eine dumpfe Stimme. Der alte Schäferle auf der Bank hinter dem Tisch rauchte einsam, und die Pfeife im Munde haltend, fuhr er fort:

»Ich weiß, warum der Diethelm kommt, aber er kann unverrichteter Sache wieder fortgehen.«

Diethelm setzte sich auf die Bank und redete dem alten Manne zu, seinen einfältigen Haß fahren zu lassen und glücklich zu sein mit den Glücklichen.

Der alte Schäferle antwortete nichts, legte die Pfeife auf den Tisch, ging nach dem Schrank, brachte einen weißeingebundenen Pack und legte ihn auf den Tisch, auf den ein schräger Mondstreif fiel.

»Wenn du das nimmst, geh' ich mit«, sagte er.

»Was ist's denn?« fragte Diethelm.

»Mach's auf.«

Diethelm öffnete und schrie laut auf, daß der Hund bellte. Er hatte einen Schädel mit halbverbrannten Haaren gefaßt. Der alte Schäferle packte ihn am Arm und rief:

»Da, leg deine Hand drauf, das ist mein Medard, da leg deine Hand drauf und schwör, daß du unschuldig bist an seinem Tode. Schwöre, schwöre, so wahr dir Gott in deiner letzten Stunde beistehen mag. Schwöre, und ich will dir Abbitte tun. Red'! Jede Minute, die du schweigst, schreit, daß du doch ein Mordbrenner bist. Medard, sprich du! Da ist dein Mund. Schwöre, Diethelm, schwöre!« ^

Diethelm war's, als ob alle Höllengeister ihn umzingelten, seine Hand war wie gelähmt, er konnte sich nicht zurückziehen von dem Totenschädel des Ermordeten, aber plötzlich stieß er auf, daß der Schädel in die Stube hinabkollerte.

»Du bist ein liederlicher Lump. Mich verhext du nicht«, schrie er und seine ganze Kraft kehrte wieder.

»Woher hast du diese Sachen? Die Überreste Medards müssen ehrlich begraben werden.«

»Nimm sie mit, wenn du kannst«, knirschte der alte Schäferle. Diethelm stand auf und sagte mit fester Stimme:

»Ich hab' dir schon einmal gesagt, ich verzeihe dir, du hast deinen ältesten Sohn verloren, ich mache deinen jüngsten glücklich. Ich verzeihe dir. Morgen ordne ich an, daß alles begraben wird; gib acht, daß sich alles wiederfindet, oder du sollst spüren, wer ich bin.«

Stark auftretend, schritt er hinaus auf die Straße, und als er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr, merkte er einen Modergeruch. Er wusch sich die Hände lange im Schnee.

Im Waldhorn wunderten sich die Leute, wie blaß Diethelm aussah, und wie er große Gläser warmen Weines hinabstürzte, als wäre es kühles Quellwasser.

Freude und Trauer folgten sich auf dem Fuße. Am andern Tage ließ Diethelm die Überreste des Entseelten, die der Vater willig hergab, feierlich begraben, und die Menschen, die Diethelm immer als harten Mann gekannt hatten, lobten ihn sehr, weil er bei dem Begräbnis so heftig weinte.

Die volle Kraft war wieder über Diethelm gekommen, er besuchte die Brandstätte und ordnete den Bau und fuhr oft mit seinen Rappen über Land. Draußen fühlte er sich erst recht wohl. Zwar blieb es eine Widrigkeit, daß er von jedem neu Begegnenden eine Beileidsbezeugung anhören und darauf mit einer schmerzvollen Miene, oder auch mit einem Ausruf der Trauer dankend erwidern mußte; war aber dies vorüber, hatte man hin und her den Heuchlerzoll bezahlt, dann überließ man sich ohne Scheu der Freude und dem Glückwunsch. Diese immer wiederkehrende Wahrnehmung, wie lügnerisch die ganze Welt sei, da man Mitleid darlegte, wo man keines hatte und im Gegenteil fast Neid empfand, da man Klagen auspreßte, wo man Freude vermuten mußte, dieses ganze jämmerliche Possenspiel war für Diethelm fast ein Labsal. Es war ihm recht, daß die ganze Welt schlecht war und es keinen ehrlichen Menschen gibt.

Die ganze Welt verachten, das ist im Bauernrock wie in der Galauniform das beste Mittel, um nicht zur richtigen Schätzung seines eigenen Wertes zu gelangen.

Diethelm gewöhnte sich an das Bewußtsein seines Verbrechens, wie man sich an ein untilgbares körperliches Leiden gewöhnt; anfangs will sich die gesunde Kraft nicht drein fügen, immerdar eine Behinderung zu finden, nach und nach aber setzt sie sich damit zurecht. Wir sind allzumal gebrechlich und sündhaft, das lernt der Stolz der übermütigen Kraft einsehen, und es fragt sich nur noch um das Maß des notwendigen Mangels.

Während Diethelm sich draußen tummelte, war Munde daheim viel beschäftigt und viel bewegt. Er war gerade in entgegengesetzter und doch nicht unähnlicher Lage wie Diethelm. Jedermann beglückwünschte ihn zu seiner so überaus günstigen Lebenswendung, und er wollte diese gutherzige Freude der Menschen nicht dadurch stören, daß er ihnen sagte, wie tief er den gräßlichen Tod seines Bruders betraure, und da ein so schwarzer Fleck auf seinem Andenken ruhe; er glaubte, das nicht aussprechen zu dürfen, daß er, wie der Vater ihm täglich vorhielt, aus der Asche seines Bruders sich sein Glück erbaue. Munde war ein seltsamer Bräutigam: es freute ihn, daß Diethelm wieder von Auswanderern ein stattliches Bauerngut zusammenkaufte, aber wenn er Diethelm dann so im Gelde wühlen sah, war es ihm oft, als müsse er aus einer Bezauberung über alle Berge entfliehen, und ihm schauderte vor jedem Kreuzer, den er davon in die Hand nahm, als könnte er sich plötzlich in brennende Kohle verwandeln. Er half den Bau leiten. Im Frühlingstauen, das jetzt begann, wurden die Grundmauern gegraben, und es schien in der Tat, daß Diethelm nicht prahlte, wenn er sagte, daß er ein kleines Schloß baue.

Wenn Diethelm über Land fuhr, spannte ihm Munde ein, hielt ihm oft eine Stunde lang die Pferde vor dem Hause und benahm sich überhaupt wie ein Knecht, nicht aber wie der Sohn des Hauses. Darüber hatte er viel bei Fränz auszustehen, die jetzt die ganze Schärfe ihres Wesens offenbarte; sie verlangte, daß er sich gegen den Vater ganz anders stelle, der müsse unterducken und dürfe nicht mehr den Herrn spielen, das Sach' gehöre jetzt den jungen Leuten und nicht mehr den alten; wenn Munde nicht den Mut und das Geschick habe, solch ein großes Anwesen in die Hand zu bekommen, hätte er davon bleiben sollen. Es gab oft die ärgerlichsten Auftritte zwischen Munde und Fränz, und wenn dann Munde das Wasser in den Augen stand, lachte ihn Fränz schelmisch aus, faßte ihn am Kopf, küßte ihn wacker ab und sagte: »Munde, du hättest sollen ein Klosterfräulein werden, du bist so windelweich; fluch einmal recht wetterlich, ich glaub's garnicht, daß du's kannst. Sei froh, daß du nicht in Krieg 'kommen bist, du hättest keinen erschossen. Mach, fluch einmal so recht mörderlich. Ich hab' dich nachher noch einmal so lieb.« In solcher Weise zerrte Fränz ihren Munde hin und her und machte aus ihm, was sie wollte. Diethelm war oft jähzornig gegen ihn, weil er die Arbeitsleute beim Bau nicht scharf genug anhielt; nur die Mutter war stets liebreich und mild gegen ihn und erfreute ihn oft durch Vorzeigung der schönen Aussteuer, die sie für ihn und Fränz bereiten ließ.

Fränz hatte nicht nachgelassen, bis Munde einmal das Fuhrwerk für sich nahm und mit ihr eine Lustfahrt nach der Stadt machte.

Munde hatte sich nie dazu verstehen wollen. Jetzt aber ergab sich eine besondere Veranlassung; nicht Diethelm, sondern das junge Brautpaar stand Gevatter bei dem Erstgebornen des Zeugmachers Kübler in Gaißlingen.

Es war ein linder Morgen des ersten Frühlings, als Munde mit seiner Braut dahinfuhr, er hatte an die schwanke Spitze der Peitsche und die Messingrosen der Pferdezäume rote Bänder geheftet als bescheidene und doch erkenntliche Fahnen ihres bräutlichen Glückes. An seinem väterlichen Hause wollte ihm der Paßauf folgen, aber der alte Schäferle pfiff ihm zornig, und er kehrte zu ihm zurück. Munde wußte, daß sein Vater niemand mehr um sich haben wollte wie den Hund des verstorbenen Medard, mit dem er oft stundenlang sprach. Er kümmerte sich des nicht mehr und fuhr wohlgemut hinaus in den frühlingsjungen Tag. Die Sonne stand nicht am Himmel, nebelhaft verschwommene Wolken umzogen ihn, und ein leiser Duft wob über den kaum ergrünenden Feldern, daraus sich einzelne Lerchen noch zaghaft zwitschernd emporhoben, um bald wieder niederzusinken.

»Fränz, ich freu' mich doch, aber lach mich nicht aus«, sagte Munde.

»Warum?«

»Guck, ich kann mir's garnicht denken, daß das Fuhrwerk mein eigen sein soll und daheim noch so viel, ich mein' immer, es sei nur geliehen, ich bin bei euch zu Gast, und ihr könnet mich morgen fortschicken.«

»Du bist ein schrecklich guter, aber auch zum Verzweifeln weichmütiger Mensch. Du bist ein gutes Schaf, aber du mußt anders werden. Wir zwei haben unsern Alten am Bändel, er merkt wohl, was wir von ihm wissen.«

»Meinst du, er hab's wirklich 'tan?«

»Es ist brav von dir, daß du mir's jetzt ausreden willst«, sagte Fränz; »aber ich weiß es nicht von dir allein. Ich könnt' auftreten, wenn ich wollt'. Das weiß er. Und so wirst du doch nicht auf den Kopf gefallen sein, daß du nicht merkst, er hätt' uns nicht zusammengeben, wenn ihm nicht das Gewissen schlagen tät? Wir zwei sind unschuldig. Uns geht's nichts an. Drum mußt du dabei bleiben, daß er vor der Hochzeit alles Vermögen an uns abtreten muß. Es soll ihm nichts abgehen, er ist ja der Vater, aber wir sind die Meisterleut', so muß es sein. Kinder haben nichts danach zu fragen, woher die Eltern das Sach haben, in zweiter Hand ist es redlich Gut, und es muß ihm auch recht sein, daß er nichts mehr damit zu tun hat.«

Die Raben, die im ersten Frühling immer so laut krächzen, flogen über den Weg hin und her, und Munde war's plötzlich, als schrien sie Rache, als wäre die ganze Welt um ihn verkehrt. Er faßte sich aber und sagte endlich, nachdem er Fränz lange hatte hinreden lassen:

»Du willst mir nur die Zunge heben. Es kann nicht sein, daß du das glaubst.«

»Ich erkenn' deine Gutheit wohl«, erwiderte Fränz, »aber wir zwei brauchen uns nichts voreinander zu verhehlen. Es hat schon mancher Ärgeres getan als mein Vater, und daß dein Medard verunglückt ist, dafür kann er nicht. Aber dabei bleiben mußt, daß wir die Meisterleut' sind, er ist mit seinem Großtun imstand und ladet den Wagen noch einmal so hoch, daß er umschmeißen muß.«

Munde hieb gewaltig auf die Pferde ein, als müßten sie ihn schnell an dem Abgrund vorüberführen, in den er plötzlich hineinsah. So hatte der alte Schäferle recht, und war vielleicht das Gräßlichste wahr?

Hätten sie nicht zu Gevatter stehen müssen, Munde wäre vielleicht gleich umgekehrt. Aus allem dem nahm seine Gemütsart eine unberechenbare Wendung.

Die Scheidekünstler wissen zu bestimmen, welche Wirkung ein Stoff auf den andern hervorbringt; welche Wirkung aber ein Wort in fremdem Gemüt verursacht, ist nicht so leicht in ein Gesetz zu fassen.

»Das freut mich, du bist nicht so stolz, wie ich 'glaubt hab'«, sagte Munde endlich.

»Warum? Wie meinst?« fragte Fränz endlich.

»Wenn du stolz wärst, hättest du mir das nicht gesagt und hättest mich bei dem Glauben gelassen, daß mir eine besondere Gnade damit geschieht, des Diethelms Tochtermann zu werden. Aber jetzt ist mir's fast lieb, daß du mir's gesagt hast. Ich seh', ich geh' dir über Vater und Mutter, und du hast mich an mir selber gern und willst nichts vor mir voraus.«

Fränz rieb sich anfangs betroffen die Stirn. Sie hatte mit ihrem losen Herausplaudern, statt dem Vater einen Fallstrick zu legen, sich selber gefesselt. Sie hatte nicht den Mut, zu tun, als ob sie alles nur im Spaß geredet, und als sie zuletzt hörte, wie gut der Munde ihre Rede auslegte, überwältigte sie diese Macht der harmlosen Treuherzigkeit. Der Munde war doch so ohne Falsch und so seelengut, daß sie ihn in diesem Augenblick mehr liebte als je, und sie gab ihm von selber einen Kuß.

Munde war ein finsterer Gevatter von garnicht bräutlicher Laune, und als ihn der Geistliche um den Namen des Täuflings fragte, gab er nicht, wie verabredet, den Diethelms an, sondern rief zitternd: »Medard!« Er bebte in der Kirche, denn er dachte, daß einst seine eigenen Kinder einen Großvater liebkosen sollten, der so Arges getan. Beim Taufschmaus schnitt es ihm anfangs in die Seele, da man ihn als glücklichen Schwiegersohn Diethelms laut pries, und der junge Kübler ihm ein Hoch ausbrachte, daß er ebenfalls ein Familienfürst werden möge, wie sein Schwäher. Nach und nach – die Huldigung hat allezeit ihren verführerischen Reiz – beschwichtigte Munde die Gewissensschreie in seinem Innern; zumal er Fränz so überaus glücklich sah. Fränz war es gewohnt, sich in den Familien der von ihrem Vater Beglückten preisen und erheben zu lassen, und wie sie Geschenke ausbreitete und alles voll Dank und Lob war, zeigte sie wirklich eine hohe Freude und Gutherzigkeit; sie suchte an sich herum, ob sie nichts mehr zum Verschenken habe, und löste ihre Korallenschnur ab. Unter all dem verworrenen Gestrüpp blühte doch in ihr die Blume wirklicher Milde und Freigebigkeit.

Im Nachhausefahren umarmte Munde seine Fränz voll Glückseligkeit, da sie sagte, wie gut sie es doch hätten, da sie so vielen Menschen Gutes tun könnten. Das war jetzt auch für Munde ein Trost, in dem er zu vergessen suchte, wie schreckenvoll alles um ihn sei.

Es sollte ihm aber nicht ganz gelingen.

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