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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

An der Hochzeit des jungen Kübler mit der Bruderstochter Diethelms, die dieser reichlich ausstattete, zeigte sich, was die berittene Mannschaft zweier Dörfer verprassen kann, und noch dazu, wenn es auf fremde Kosten geht; dem Diethelm war nichts zu viel, und er ermunterte noch jeglichen zum Essen und zum Trinken. Das Faß Uhlbacher wurde richtig ausgetrunken, und Diethelm, dem der Arzt seinen Leibwein verboten hatte, machte heute eine Ausnahme und half wacker mit, denn er verband mit diesem Tage noch ein zweites Fest.

Seit acht Tagen war Munde vom Militär heimgekehrt, er war frei und hatte nur noch drei Jahre die gewöhnlichen Herbstübungen mitzumachen. Da Diethelm Schultheiß geworden war, mußte ihm Munde seinen Urlaubspaß übergeben; er wartete ab, bis Diethelm mit dem Gemeinderat auf dem Rathaus war, übergab dort das Schriftliche, ohne aufzuschauen, und nannte ihn stets »Herr Schultheiß«. Diethelm hielt gerade ein Anschreiben vom Amt in der Hand, als Munde eintrat und sprach. Von heftigem Schreck erfaßt, starrte er eine Weile hinein in das Papier, auf dem die Buchstaben seltsam ineinander krochen. Der Klang der Bruderstimme hatte Diethelm mächtig erschüttert. Die Einbildungskraft kann sich zu Leid und Freud das ganze Wesen und Gehaben eines Verstorbenen in die lebendige Erinnerung stellen, eines aber vermag sie nicht aus sich zu erwecken: es ist der Klang der Stimme des Abgeschiedenen, nur ein Ton von außen ruft ihn wach. Und wie jetzt Diethelm die Bruderstimme hörte, drang sie ihm ins Herz, so daß plötzlich alles verborgene und gewaltsam Zurückgedrängte vor ihm stand.

Diethelm faßte sich und sprach endlich, das Papier niederlegend und sich zurücklehnend:

»Was willst du jetzt anfangen, Munde?« »Ich werd' schon sehen«, antwortete Munde und grüßte soldatenmäßig. Aber Diethelm rief ihm noch nach:

»Komm zu mir ins Waldhorn, Munde, ich hab' dir was Gutes zu sagen.«

»Das Gescheiteste wär', du gäbst ihm dein' Fränz«, sagte der Schmied hinter dem Weggegangenen, »sie haben sich von je gern gehabt, und es schickt sich grad für dich, einem, der nichts hat, deine Tochter zu geben, und einen braveren und schöneren Tochtermann kannst du nicht kriegen.«

Diethelm schwieg und nahm die Gemeindeverhandlungen wieder auf. Am Mittag erzählte er seiner Frau, daß er den Munde herbestellt habe, und es sei wohl möglich, daß er seinen Vorsatz ausführe und ihm Fränz gebe. Martha war glückselig mit diesem Vorhaben und sagte, daß dann gewiß wieder alles gut werde, und daß auch die Seele des verstorbenen Medard Ruhe haben werde, wenn sein liebster Wunsch erfüllt sei. Diethelm nickte zufrieden, aber drei Tage lang ließ sich Munde nicht sehen, und Diethelm war voll Zorn gegen ihn und verbot Frau und Tochter, ein Wort »mit dem Bettelbuben« zu reden. In sich aber überdachte er, daß es wohl klüger sei, dem Munde die Fränz nicht zu geben, diese Großmut könnte leicht verdächtig erscheinen und als Gewissensangst gedeutet werden; dennoch mutete ihn der Gedanke einer Sühne in Erfüllung des Versprechens gegen den Toten tröstlich an. »Dann ist ja nichts geschehen«, sagte er sich, »als ein paar Jahre verkürzt, und das hätte sich der Medard gern gefallen lassen für das, was seinem Bruder zukommt, er hat ihn ja immer so gern gehabt.« Überdem war es Diethelm unerträglich, daß noch irgend ein Mensch außer dem altersschwachen Mann an seine Schuld glaubte. Solange noch ein solcher Mensch auf der Welt lebte, meinte er keine Ruhe zu finden.

Munde hatte seinem Vater erzählt, wie zutraulich Diethelm gegen ihn auf dem Rathaus gewesen.

»Ich weiß, was er vor hat«, sagte der alte Schäferle, »er will dir seine Fränz geben.«

»Vater, was machet Ihr?« rief Munde hochentflammt.

»Kannst dich drauf verlassen«, fuhr der alte Schäferle gelassen fort, »er will sich loskaufen.«

Munde mußte aber und abermals hören, wie unerschüttert der Vater an Diethelms Schuld glaubte, er wehrte sich mit aller Macht dagegen, aber der Vater blieb standhaft und sagte:

»Ob er Blutschuld auf sich hat, weiß ich nicht gewiß, aber so gewiß, als der Himmel über uns ist und nichts auf der Welt verborgen bleibt, hat er mit angezündet. In alten Zeiten hat ein Bruder nicht geruht, bis er für das Blut seines Bruders Rache genommen hat. Kannst du hingehen und die Tochter von dem heiraten? Nein. Weißt was, komm her«, sagte der alte Schäferle aufstehend und holte einen Rock aus dem Schrank, von jenen Kleidern, die ihm Medard zur Herbstzeit in der ersten Furcht übergeben hatte, «da, komm her, zieh den Rock an und setz den Hut auf und geh hin zum Diethelm und betracht ihn dir genau, was er macht. Du siehst dem Medard gleich, wie er vor Jahren ausgesehen hat, geh, mach's.«

Munde ließ sich nicht dazu bewegen, er faßte den weißen, rotausgeschlagenen Rock des Bruders und weinte bittere Tränen darauf, indem er dem Vater erzählte, daß auch gegen ihn Medard den Verdacht ausgesprochen, und daß er mit einem Schlag ins Gesicht von ihm geschieden sei. Dieses letzte besonders tat ihm so weh, daß er so grimmzornig von seinem Bruder auf ewig geschieden sei. Munde hatte sein weiches, sanftes Gemüt bewahrt, und er streichelte den Rock, als deckte er noch den, der ihn einst trug. Drei Tage kämpfte Munde einen schweren Kampf mit sich und dem Vater. Der Gedanke, Fränz zu besitzen, entflammte ihn; und wenn er wieder dachte, daß er ewig um den Mann sein und ihn Vater nennen solle, der vielleicht am Tode seines Bruders schuld war – die Asche des Bruders lag auf all dem großen Besitztum. Aber was kann Fränz dafür? Es ist nur eine alte Dorfgewohnheit, daß das Kind die Schande erdulden muß, die auf dem Vater ruht, und ist nicht Diethelm freigesprochen und hochgeehrt?

Am dritten Abend, als Munde das Dorf hinaufging, begegnete er Fränz, sie reichte ihm froh und innig die Willkommshand, aber es mochte seine ganze Gemütsverfassung zeigen, daß das erste, was Munde sprach, dahin lautete, er müsse ihr das Geld wiedergeben, das er, ohne zu wissen, bei ihrer Abreise aus der Hauptstadt von ihr genommen habe. Er überreichte ihr das Geld, das er in einem Papier wohlverwahrt hatte, sie empfing es mit den Worten: »Sonst hast du garnichts zu sagen?«

Die trotz aller Tändeleien und Anknüpfungen nie völlig erstorbene Liebe zu Munde erwachte in ihr, dabei die Erinnerung an jenen Schreckensabend und etwas von der Milde und Demut, die damals in ihr aufgesproßt war. Nach einer stummen Pause setzte sie daher hinzu:

»Kannst dir denken, wie hart es uns allen zu Herzen geht, daß dein Medard dabei verunglückt ist. Wir sind ja alle zu ihm gewesen, als wenn er das Kind vom Haus wär', und dein Vater hat schweres Herzeleid über uns gebracht.«

»Mein Medard hat ihm das gleiche gesagt, wie mir. Weißt wohl?«

»Und du denkst noch daran?« fragte Fränz schaudernd. In ihrem Wissen um das Geschehene fühlte sie, daß noch nicht alles gesühnt war, und auch in ihrem Herzen kämpfte nun Liebe zu Munde und Furcht vor ihm; sie setzte aber schnell hinzu:

»Mein Vater ist freigesprochen, und es darf niemand mehr so was reden und denken. Sag das deinem Vater. Es steht Zuchthaus drauf.«

»Auch aufs Denken?« fragte Munde, und Fränz erwiderte unwillig:

»Ich hab' nichts mehr mit dir zu reden, wenn du so bist. Ich glaub' an keinen Menschen mehr, weil auch du schlechte Gedanken hast. O Munde, ich könnt' mir die Augen ausweinen über dich. Ich hab' dich so gern gehabt. Jetzt darf ich's sagen, es ist ja vorbei.«

»Nein, es ist nicht vorbei«, rief Munde aufflammend, »ja, du hast recht, es ist schlecht, so was zu denken. Gib mir dein' Hand, komm, wir gehen zu deinem Vater, er hat mich kommen heißen. Fränz, hast du mich denn wirklich noch so gern?«

»Es kommt darauf an, wie du bist. Allem Anschein nach hast du dich verändert. Du hast doch immer so ein gutes Gemüt gehabt.«

»Und ich hab's noch, wenn du mich lieb hast, komm, Fränz, komm.«

Hand in Hand gingen beide in das Waldhorn zu Diethelm. Jede andre Empfindung wurde bei Fränz von dem Triumph überragt, daß sie den Munde hinter sich drein ziehen könne, wohin sie wolle.

»Hast dich besonnen?« fragte Diethelm nach den ersten Begrüßungen.

»Auf was?« erwiderte Munde stotternd, indem er schnell umherschaute und vor sich niederblickte. Diethelm ertrug jetzt seine Stimme schon gleichmütiger und sagte daher achselzuckend:

»Das ist dein' Sach. Ich will dir nur sagen, daß dein ... dein Medard noch vierzig Gulden Lohn bei mir stehen hat. Kannst sie jeden Tag holen, wenn du was damit anfangen willst.«

»Damit kann ich nicht weit springen. Der Herr Schultheiß hat mir ja aber auf dem Rathaus gesagt, daß er mir was Gutes mitzuteilen hat.«

»Nun? Ist denn vierzig Gulden nichts? Und zwei Jahr Zins ist auch dabei. Ich will dir's aber nur sagen, ich hab' was anders mit dir vorgehabt, aber du hast dich drei Tage besonnen, bis du zu mir kommen bist, und derweil sich der Gescheite besinnt, besinnt sich der Narr auch.«

Munde sah wohl, daß ihn Diethelm schrauben wollte; daran, daß er ihn tief zu demütigen suchte, um ihn dann vielleicht großmütig zu sich zu erheben, dachte er nicht, er sagte daher:

»Ihr wisset, was ich denk', Ihr kennet mich ja.«

»Ich kenn' dich nimmer. Du bist zwei Jahre Soldat gewesen, da wird der Mensch ein andrer.«

»Wen ich damals gern gehabt, hab' ich noch gern.«

»Das ist brav. Du hast immer ein gut Herz gehabt. Jetzt muß ich aber da Schreibereien machen. Komm morgen wieder, Munde.« Schon beim Eintritt Mundes hatte sich Fränz entfernt, und als dieser jetzt auch wegging, begleitete ihn die Mutter und sagte ihm noch auf der Treppe:

»Munde, sei nur heiter. Ich darf nichts sagen, aber glaub mir, er hat's gut mit dir vor. Komm nur morgen wieder. Es fällt kein Baum auf einen Schlag. Grüß mir deinen Vater und sag ihm, es ging' mir viel besser, aber spinnen kann ich noch nicht. Und sieh, daß du von deinem Vater ein Mittel kriegst gegen böse Träume und gegen das Frieren; darfst nicht sagen, für wen es ist.«

»Für wen ist's denn?«

»Es ist besser, wenn du's nicht weißt, dann brauchst du es nicht zu sagen.«

Munde wußte es aber jetzt, und die anfangs tröstliche Zusicherung der Frau Martha hatte einen bittern Nachgeschmack. Diethelm hatte diese Träume und fror, er war also doch schuldig; er durfte es aber jetzt nicht mehr sein, gewiß nicht am Tode Medards. Munde hatte Lust, jeden zu Boden zu schlagen, der so etwas dachte, und trotzte mit seinem Vater, der immer darauf zurückkam. Der alte Schäferle hatte bald heraus, wo sein Munde trotz seines Verbots gewesen war, und blieb dabei, daß Diethelm ihm die Fränz geben wolle und ihn nur zappeln lasse, um jeden Anschein von sich zu entfernen. Als Munde wie zufällig um ein Mittel gegen böse Träume und Frost fragte, frohlockte der alte Schäferle:

»So? Hat er auch böse Träume? So ist er doch nicht los, wenn er auch freigesprochen ist.« Der Stolz auf seine sympathetische Heilkunst verleitete ihn aber doch zu dem Zusatz: »Gegen böse Träume gibt es ein altes untrügliches Mittel:

man muß auf einem Schaffell schlafen und vor Schlafengehen Tee von Brennesselwurzel trinken, und gegen Frost gibt es nichts Besseres, als morgens vor Tag sich in Wasser waschen, das man vom Menschenblut abgenommen hat, dann drei Stunden, bevor die Sonne im Mittag steht, und drei Stunden nachher ohne Ausschnaufen Erlenholz sägen, das man im Vollmond geschlagen hat.«

Diethelm war andern Tages viel zutätiger und herablassender gegen Munde, er saß in seine Wolfsschur gehüllt am Ofen und fror heftiger als je. Er hatte mit Fränz gesprochen, und in der Art, wie sie einwilligte, den Munde zu heiraten, und dabei das unerhörte Verlangen stellte, daß der Vater bei Lebzeiten sein Besitztum ihr abtreten müsse, erkannte er nicht undeutlich, daß sie an seine Schuld glaubte. Er tat, als ob er das nicht merkte, und doch fraß es ihm das Herz ab, daß sein einziges Kind das Schlimmste von ihm dachte. Beim Eintritt Mundes war er rasch aufgestanden und schritt stolz die Stube auf und ab, dann hieß er Munde sich neben ihn setzen und fragte ihn, wie er ein großes Vermögen umwenden und zusammenhalten wollte. Als Diethelm jetzt plötzlich wieder fror, gab er ihm das Mittel an, das er vom Vater erfahren; Diethelm aber fuhr stolz auf:

»Ich bin der Diethelm. ich hab' mein Bauerngeschäft nicht aufgegeben, um Holzhacker zu werden. Ich brauch' kein Mittel.« 225 Munde beging den Unschick, mindestens die Anwendung des Mittels gegen böse Träume anzuraten, aber kaum hatte er das Wort Schaffell gesagt, als Diethelm laut aufschrie:

»Ein Hund und ein Fuchs ist dein Vater, ratet der mir das, weil er weiß, daß mir so viel hundert Schafe jämmerlich verbrannt sind. Aber wer hat dir gesagt, daß ich bös träume?«

»Niemand, ich hab' nur so davon gesprochen, weil das beim Frieren ist.«

»Bei mir nicht. Ich schlaf' wie ein neugeborenes Kind. Aber, Munde, ich will dich auch gut betten, sag's frei, was du willst«, lenkte Diethelm ein, um alles andre vergessen zu machen.

Munde brachte im glückseligen Überströmen seine Bitte um Fränz vor. Diethelm solle freier Herr bleiben, solang er lebe, er wolle nur die Fränz. Diethelm nickte zufrieden, aber plötzlich sagte er:

»Ich nehm' garnichts an, du hast nichts gesagt, es muß beim alten Brauch bleiben; dein Vater muß für dich freiwerben, eher geb' ich kein Jawort. Verlaß dich drauf.«

Das war nun aber ein schwer Stück Arbeit, den alten Schäferle zu diesem Gang zu bewegen, er ließ sich nicht erbitten, weder durch Munde, noch als Frau Martha ihn selber darum anging; er wiederholte stets: Munde könne tun, was er wolle, er selber aber bleibe davon, er tue dem zulieb nicht die Pfeife aus dem Maul und gehe auch nicht mit zur Hochzeit.

So kam in betrübter Unentschiedenheit die Hochzeit des jungen Kübler heran, aber mitten im Schmausen und Lärmen faßte Diethelm einen andern Gedanken, er überrumpelte Fränz mit ihrem unkindlichen Verlangen nach Gütertrennung, und Munde war ihm nicht nur eine Sühne für das Vergangene, sondern auch der bequemste, willfährige Tochtermann, der ihn frei schalten ließ. Er verkündete daher plötzlich die Verlobung von Fränz und Munde, und alles war voll Jubel und Lobpreis über Diethelm. Darum half er heute trotz ärztlichen Verbotes den Uhlbacher Ferndigen rein austrinken.

Als man davon sprach, daß Munde noch drei Jahre Soldat sein müsse, beklagte Diethelm, daß er nicht Landtagsabgeordneter geworden sei, er hätte nicht geruht, bis die verdammte allgemeine Wehrpflicht wieder aufgehoben und das Einsteherwesen hergestellt sei. Wer nichts habe, solle Soldat sein. Die fetten Bauern stimmten mit ein, schimpften und klagten, wie sehr sie ihre Söhne vermißten, und mitten unter Schmausen und Zechen wurde eine Eingabe an die versammelten Stände um Wiederherstellung des Einsteherwesens aufgesetzt und unterzeichnet.

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