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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Einundzwanzigstes Kapitel

Nahezu zwei Monate hatte Diethelm im Gefängnis gesessen, es hatte mehrmals getaut, aber auch immer wieder frischen Schnee gelegt, und heute war ein heller, mäßig kalter, echter Schlittentag. Diethelm hatte sich gewundert, daß nicht der Vetter selber das Fuhrwerk gebracht, sondern einen Knecht mit demselben geschickt hatte. Die Rappen schienen ihren Herrn nicht mehr zu kennen, sie senkten die Köpfe, so sehr auch Diethelm sie klatschte, mit ihnen sprach und ihnen salzbestreutes Brot vorhielt, sie hatten eben jenen gejagten Brandabend noch nicht vergessen und spürten ihn noch immer. Diethelm dachte, daß alle Welt verändert sei, und gewiß waren alle Häuser verschlossen, und niemand drängte sich zu ihm und reichte ihm die Hand, nicht einmal der Vetter war gekommen, ihn abzuholen. Die Menschen sind alle falsch wie Galgenholz, sie klagen und krächzen um einen Toten, und wenn er plötzlich wiederkäme, sie wären voll Zorn auf ihn, weil er sie um ihr Mitleid betrogen. So dachte Diethelm, als er mit der Wolfsschur angetan auf dem Vordersitz saß und die Pferde lenkte, hinter ihm saßen die Mutter und Fränz. Diethelm nahm sich vor, nur noch einmal nach Buchenberg zurückzukehren, allen seine Verachtung zu zeigen und sie dadurch zu züchtigen, daß er den Ort auf ewig verließ, sie waren es nicht wert, einen Mitbürger wie ihn zu haben. Er überlegte plötzlich, daß eigentlich niemand in Buchenberg sei, bei dem es ihm der Mühe wert war, was er von ihm denke; sie sollten aber einsehen, wer er war, wenn er nicht mehr in ihrer Mitte sei. Es tat ihm nur leid, daß er nicht eine wirkliche Rache an ihnen nehmen könne, der Vetter vor allem aber sollte es büßen, seine Hypothek war gekündigt.

Während er aber noch den Rachegedanken nachhing, erhob sich in ihm plötzlich der Zweifel, ob er ihnen Folge leisten dürfe. Wohl war die ganze Welt sein Feind, aber er durfte ihr nicht zeigen, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen sei, und wenn alles stechende Blicke auf ihn richtete, so war es doch klüger, zu tun, als ob man das nicht bemerke – falsch sein gegen die falschen Menschen, daß ist das Beste, um unversehens ihnen die Gurgel zuzudrücken; aber auch das muß vorsichtig und schlau geschehen.

Hin und her warf es Diethelm in Gedanken, denn so argwöhnisch gegen sich und gegen die Welt ist ein Herz, daß Arges in sich verborgen hegt.

Eine Strecke ab von der kalten Herberge, Unterthailfingen zu, sagte Fränz:

»Vater, ich hör' Musik den Berg herauf, horchet, sie kommt näher. Was ist das?«

Auch Diethelm hörte es, das Leitseil schwankte hin und her, so zitterten seine Hände, er faßte es straff.

»Ich mein' immer,« sagte die Mutter mit verklärtem Antlitz, »es sei alles nur ein Traum gewesen. O, das wär' doch prächtig, wenn unser Haus noch stünde, und alles wär' nicht wahr.«

»Weibergeschwätz, es ist alles wahr, still!« sagte Diethelm zornig; die Kälte, die er immer innerlich spürte, fast wie einen gefrorenen Punkt, so sehr er sich äußerlich erwärmte, rann ihm wieder durch Mark und Bein. Er hielt an und trank einen mächtigen Zug Heidelbeergeist. Die Musik kam immer näher. Man sah jetzt einen großen Trupp Reiter, und einer ritt im Galopp voran auf Diethelm zu, kehrte aber bald wieder um und ordnete die Zurückgebliebenen hüben und drüben an der Straße zu Spalier.

Was sollte das sein? Sollte Diethelm wieder gefangen genommen werden? Wozu war dann die Musik? Die Rappen, von den Klängen erweckt, hoben die Köpfe hoch und rannten wiehernd davon. Fränz hatte das beste weitsichtige Auge, sie erkannte bald den Vetter Waldhornwirt, der nun ein wirklicher Trompeter war; auch andere Buchenberger erkannte sie, und Diethelm übergoß es wieder abwechselnd flammend heiß und schauerlich kalt.

Dort, genau an der Stelle, wo im Sommer die Deichsel gebrochen war, dort scholl Diethelm ein Trompetentusch und hundertstimmiges Hoch entgegen. Alles was in Buchenberg beritten war, und eine große Anzahl von Unterthailfingen, die sich dazu gesellt hatten, hielt Diethelm einen feierlichen sogenannten Gegenritt und holte ihn im Triumph ein. Diethelm fand nicht Worte, seiner Empfindung Luft zu machen; es bedurfte dessen aber auch nicht, denn unter beständigem Hochrufen und Trompetenblasen und Peitschenknallen setzte sich der Zug alsbald in Bewegung. Die Mutter weinte, und Fränz sah mit frohlockenden Augen drein, während Diethelm mit besonderer Sorgfalt die Rappen lenkte; es war sein einziges Denken, daß in dem Wirrwarr kein Unglück geschehe, das alle Freude in Leid verkehrte.

Wie war Diethelm plötzlich so verändert; er, der noch vor wenigen Stunden bittern Groll und Haß gegen seine Mitbürger in sich erweckt hatte.

In Unterthailfingen standen alle Leute am Fenster und auf den Straßen und grüßten. An der Gemarkung von Buchenberg hielt neben einem Schlitten der Gemeinderat und Bürgerausschuß und begrüßte Diethelm.

»Wo ist der Schultheiß?« fragte Diethelm. Der Obmann des Bürgerausschusses erwiderte, daß der Schultheiß schon vor vier Wochen gestorben sei.

Der Gemeinderatschlitten fuhr hinter dem Diethelms drein. An der Anhöhe, wo einst Diethelms Haus gestanden und jetzt nur noch verschneite Trümmer sich zeigten, bogen die Rappen plötzlich um, und Diethelm wurde an den straffen Zügeln fast vom Schlitten gerissen, aber der Vetter hatte dies wohl voraus gesehen; er war zur Seite der Rappen geritten und drängte sie auf den Dorfweg.

Nun erst im Dorf ging das Hochrufen von neuem an, die Kinder schrieen mit, und die Weiber schlugen vor Freude weinend die Hände zusammen. Am Hause des alten Schäferle wurde plötzlich der Schlitten Diethelms gestellt, der Paßauf war wie wütend an die Köpfe der Pferde hinaufgesprungen und ließ sie nicht vom Platze, bis ihm ein Reiter mit der Peitsche eines überhieb, daß er winselnd davonjagte. Drinnen in der niedern Stube, die Stirn an die Fensterscheiben gedrückt, stand der alte Schäferle. Aus seinem zerfallenen Antlitz sprach Kummer und Klage, daß man einen Mann wie Diethelm wie einen alles beglückenden Helden einholte. Diethelm sah nur einen Augenblick unwillkürlich hinüber, und Martha grüßte den so schwer betroffenen Trauernden, dieser aber blieb starr und bewegungslos. Weiter ging der Zug und ordnete sich noch einmal unter Trompeten- und Jubelschall.

Als Diethelm am Waldhorn absteigen wollte, stellte sich der Wirt neben ihn und hielt ihn auf dem Schlitten. Er hatte als diensteifriger Marschall diese Huldigungen angeordnet und verlangte nun auch deren richtigen Verlauf.

»Ihr müsset ein paar Worte reden«, lispelte er Diethelm zu und rief dann laut: »Ruhe! Stille! Der Herr Diethelm will reden.«

»Liebe Freunde und Mitbürger!« begann Diethelm, und nochmals wurde Ruhe geboten, worauf er wiederholte: »Liebe Freunde und Mitbürger! Ich danke euch von ganzem Herzen für die Ehre und Liebe, die ihr mir erweist, ich werde sie euch nie vergessen, obzwar ich sie nicht verdiene. Was hab' ich denn Großes getan? Ich bin kein Brandstifter, kein Mordbrenner, das ist alles.

Mein Ehrenname steht wieder rein da. Ich will hoffen, daß ihr mich einstmals ebenso mit Ehren hinaustraget, wenn man mir ein eigen Haus anmißt. Haltet fest.«

Dieser Gedanke schien Diethelm so zu übermannen, daß seine Stimme zitterte, der Vetter aber neben ihm brummte: »Wie kommen die Rüben in den Sack?« und Diethelm setzte noch hinzu:

»Ich dank' euch, ich dank' euch vieltausendmal.«

Diethelm hielt inne, aber der Vetter drängte wieder:

»Noch was, so kann's nicht aus sein, saget noch was«, und Diethelm fuhr fort:

»Viele von euch haben gehört, wessen man mich angeklagt hat, aber meine Freisprechung ist hinter verschlossenen Türen vor sich gegangen. Freut euch, daß das bald ein Ende hat, wir bekommen das Schwurgericht, wo wir selber richten und alles öffentlich.«

Diethelm hielt wieder inne und wollte absteigen, aber der Vetter ließ ihn nicht vom Platz und drängte: »Das ist nicht genug, ladet sie wenigstens zu einem Trunk ein.« Diethelm fühlte, daß er jetzt keine Schmauserei halten konnte, es war schon zu erdrückend viel an dem Geschehenen, er schloß daher: »In vier Wochen halt' ich meiner Bruders Tochter hier Hochzeit, ich lad' euch heute alle dazu ein auf meine Kosten. Nochmals sage ich euch meinen herzlichen Dank.«

Diethelm drängte den Vetter fast zu Boden, als er abstieg.

Unter den Reitern zeigte sich aber eine offenbare Mißstimmung. Es geht im großen wie im kleinen so, ein versprochener Zukunftstrunk macht eher verdrossen als lustig, wer weiß, was dann ist, wenn die versprochene Zeit kommt; man will eben trinken, wenn Gemüt und Zunge einmal dazu vorbereitet sind, heute, eben jetzt, und da hilft eine noch so sichere Vertröstung auf kommende Tage nichts.

Der Vetter sah schon, daß er etwas auf seine Kappe nehmen mußte, er war der nachträglichen Bestätigung sicher; er sagte daher jedem einzelnen, daß es bei der Hochzeitseinladung verbleibe, daß aber heute jeder ein Halbmaß Wein auf Diethelms Kosten trinken könne, er habe das nur nicht laut sagen wollen, weil er glaube, es schickt sich nicht.

Nun war doch eine mäßige Beruhigung hergestellt, und im Waldhorn ging's hoch her in Schmausen und Unterredungen. Die eine Halbmaß zog Kameraden nach, und der Vetter hätte nichts dabei verloren, wenn er die Schenkung wirklich auf seine Kappe genommen hätte. Diethelm saß indessen in der obern Stube und hielt beide Hände vors Gesicht, die Augen brannten 209 ihm, aber weinen konnte er nicht. Mitten unter dem Ehrenjubel, der ihn neu ins Leben zurückführte, konnte er den Gedanken nicht los werden, daß das ein Leichenbegängnis wäre, sein eigenes, er war scheintot, und er konnte nicht aufschreien: ihr begrabt einen Mann, der lebt, nein, ihr begrüßt unter den Lebenden einen Toten. Hirnverwirrend drang es auf ihn ein, und er meinte, er sei wahnsinnig, er hätte gerne gesprochen, um vor sich selber sicher zu werden, wie er sei, aber der Lärm war so groß und Fahren und Reiten so wild. Darum freute er sich anfangs, als er seine Rede vernahm, die so klug war, aber mitten in dieselbe sprang ihm unversehens der Todesgedanke, und wie ein fester Stern, der aus der Irre führt, erschien plötzlich die Anrufung des Schwurgerichtes. Und doch war Diethelm eigentlich froh, daß dies noch nicht eingerichtet war.

Jetzt zum ersten Mal fühlte Diethelm ganz deutlich, wie ein Scheinleben gewiß nicht minder gräßlich ist, als ein Scheintod, aber er war entschlossen, ihm mit starkem Willensmut zu trotzen.

Die ganze Gemeindevertretung trat bald bei ihm ein, und der Obmann fragte Diethelm geradezu, ob es wahr sei, daß er, wie der Waldhornwirt gesagt, vom Dorf wegziehen wolle.

Diethelm gab ausweichenden Bescheid, denn er erkannte plötzlich, daß die Ehrenbezeigung nicht pure Huldigung war; man wollte ihn mit seinem Vermögen im Dorf fesseln. Der Obmann erklärte, daß man mit der Schultheißenwahl auf ihn gewartet habe, er werde einstimmig gewählt, wenn er willfahre. Diethelm machte noch einige scheinbare Widersprüche, daß er jetzt zu viel mit Ordnung seiner Angelegenheiten zu tun habe und dergleichen; auf vieles Zureden gab er indes nach, er fühlte doch erst im Dorf und sozusagen in den niederen Stuben recht deutlich das Maß seiner Größe, und ihn erquickte der Gedanke, nun ein festes Ehrenamt zu bekleiden, bei dessen jedesmaliger Benennung ihm stets klar vor Augen liegen mußte, in welchem Ansehen er stand, und wie kein Makel an ihm hafte. Er bedurfte dessen jetzt doppelt, denn seitdem er wieder ins Dorf zurückgekehrt war, fühlte er sich so bang, als ob ein Gespenst ihm auf dem Nacken sitze und ihn bei allen Ehrenbezeigungen auslache und heimlich zwicke und quäle. Und doch wollte er erst, wenn alles vergessen war und seine Fränz sich verheiratet hatte, das Dorf verlassen; vorher schien es ihm verdächtig.

Ein großer Haufe Geld, wie ihn bar das Dorf noch nie gesehen hatte, kam andern Tages an, es war die volle Versicherungssumme für die Fahrnis. Der überbringende Kaufmann Gäbler war voll Unterwürfigkeit gegen Diethelm und empfahl sich ihm zu jeglicher Vermittlung. Nun ging es an ein Abwickeln der Schulden und zwischen hinein an Übernahme der Erbschaft vom Kohlenhof, und im Waldhorn war allzeit ein reges Leben. Das Haus selbst, das in der Staatsbrandkasse versichert war, wurde erst zur Hälfte bei Beginn und zur andern Hälfte bei Vollendung des Wiederaufbaues bezahlt. Diethelm ließ schon im Winter Steine brechen und fahren und verschaffte dem Dorf und der ganzen Umgegend gesegneten Verdienst in einer sonst kühlen Zeit; aber weder er selbst noch Martha besuchten je die Brandstätte, nur Fränz war mehrmals dort gewesen. Es schien alles wohl zu gehen, nur Martha klagte viel über das Leiden in ihrer rechten Hand; die Mittel des oft herbeigerufenen Arztes verschlugen nicht, der Daumen, Zeige- und Mittelfinger waren wie abgestorben, leichenhaften Ansehens. Der Arzt behauptete, diese Finger seien durch eifriges Spinnen mit der Spindel abgetötet, und Diethelm bestätigte, daß seine Mutter oft erzählt habe, Spindeln seien giftig; aber seine Frau habe nie nachgegeben und am Rädchen spinnen lernen wollen. Er klagte nun auch, nachdem er Frau und Tochter fortgeschickt, sein eigen Leid, wie es ihm stets mitten im Körper so kalt sei, und es ihn innerlich stets friere, wenn er am Ofen sitze und fast verbrate. Der Arzt bedeutete, daß das vielleicht ein innerlicher Rheumatismus sei, und daß es sich gerade schicke, Frau Martha müsse im nächsten Sommer nach einem warmen Bade und der Herr Diethelm auch.

Als Diethelm diese Botschaft seiner Frau verkündete, sagte sie: »Der Doktor versteht mein Übel nicht, aber ich versteh's. Sei nur nicht bös, ich muß es aber doch zu einem Menschen sagen; guck, mir sind just die drei Finger abgestorben, mit denen ich meinen falschen Eid geschworen hätt', wenn ich hätt' schwören müssen.«

»Du? Wo denn?«

»Ich hätt' vor Gericht geschworen, daß nie vom Anzünden zwischen uns die Rede gewesen ist, ich hab' gemeint, ich bring' dich damit in Ungelegenheiten, wenn ich's sag.«

»Dummes Zeug, das hättst du wohl auch mit einem Eid sagen können, ich hab' noch ganz andre Sachen zu Boden geschlagen«, polterte Diethelm; als er aber das schmerzzuckende Antlitz seiner Frau sah, setzte er begütigend hinzu: »Red' dir nur nichts ein von einem falschen Eid, du hast ja garnicht geschworen, und hättest du auch, wär's auch nicht falsch gewesen, du hast ja bloß etwas verschwiegen, und wenn alle Menschen, die falsche Eide geschworen haben, tote Finger bekämen, es gäb' wenige, die eine Prise nehmen könnten.«

Martha schwieg, ein schwerer Gedanke stieg in ihr auf, den sie aber mit aller Macht bannte. Wie verwildert, wie jähzornig und bald wieder so viel alleinredend war ihr Mann!

Mehr als je standen diese Menschen in Reichtum und Überfluß, aber Kummer und Schmerz verließ sie nie – Martha konnte nichts mehr arbeiten und wurde immer trübsinniger, tagelang saß sie in sich zusammengekauert und betrachtete stieren Blickes die toten Finger an ihrer rechten Hand; nur Fränz war glücklich, zumal da sie hörte, daß man im Sommer nach dem Bad reiste, und zwar gerade nach dem Ort, wohin der Amtsverweser versetzt war.

Martha hatte insgeheim und durch dritte Hand dem alten Schäferle manche Gabe zukommen lassen, aber er wies alles zurück; er war den ganzen Tag beim Abräumen des Schuttes und suchte nach den Gebeinen seines Sohnes, von denen er nichts fand, als den halbverbrannten Schädel und ein Stück des Oberarmes.

Martha wagte es eines Abends, den verlassenen Mann aufzusuchen.

»Ich will nichts von Euch«, rief der alte Schäferle der Eintretenden entgegen.

»Aber ich will was von dir«, entgegnete Martha, »da sieh, was ich für tote Finger hab'. Du mußt mir helfen.«

Der alte Schäferle, dessen geheime Kunst aufgefordert war, die er an seinem Vater, an Freund und Feind zu üben versprochen hatte, näherte sich, wenn auch langsam, betrachtete die Hand lange, hauchte dreimal darauf und murmelte dabei unverständliche Worte. Martha bewegte schon die Finger besser auf und zu, und der Schäferle sagte:

»Der Hund da, der Paßauf, kann Euch helfen. Lasset ihn bei Euch im Bett schlafen.«

Martha wehrte sich gegen dieses Mittel, gerade der Hund des verbrannten Medard war ihr ein Schrecken, und sie dachte nicht, daß ein andrer kurzhaariger ebenso dienlich gewesen wäre; sie verstand sich eher zu den andern Mitteln, die darin bestanden, Turteltauben im Zimmer zu halten und im Neumond drei Blutstropfen aus den drei Fingern auf Baumwolle aufzufangen und solche in eine junge ab dem Wege stehende Weide einzuspunden.

In der Tat wurde Martha von nun an viel belebter und heiterer, und sie riet oft ihrem Mann, wegen seines Fröstelns den alten Schäferle zu befragen, ja, sie befragte diesen von selbst über den Fall; aber der alte Schäferle, der wußte, wem es galt, behauptete, nicht helfen zu können, bevor der Mann selber zu ihm käme. Diethelm aber wollte sich nicht dazu verstehen, und wenn ihn seine Frau über seine unruhigen Nächte ausfragte, redete er ihr ein, das viele Geld im Hause mache ihn bange; er durfte ihr ja nicht sagen, wie nicht die Sicherung seines Geldes, sondern die Wahrung seines Geheimnisses ihn oft in der Nacht aufschreckte, und wie es ihm oft war, als hörte er Peitschenknallen, Wagenrasseln, und als kämen plötzlich die Häscher, um ihn aufs neue einzufangen. Jedesmal in der Nacht, wenn der Eilwagen durch das Dorf fuhr, erwachte er; er hoffte wieder Ruhe zu finden, wenn er aus dem lärmenden Dorf weg sei und wieder auf seinem stillen Berg wohnte.

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