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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel

Diethelm hatte dem jungen Kübler gesagt, er möge den Vetter Waldhornwirt nach der Stadt entbieten, damit er die Pferde hole. Das konnte offenbar nichts als ein versteckter Auftrag sein, der eigentlich hieß: mach, daß ich den Vetter so bald wie möglich hier habe und spreche.

Mit fröhlicher Eilfertigkeit – denn es liegt im Hilfebringen für einen Leidenden oft eine Fröhlichkeit – eilte der junge Kübler selbst nach Buchenberg, und unterwegs lächelte er oft vor sich hin, indem er überdachte, wie klug er doch sei, daß er solche vermummte Gedanken erkenne, und wie ihn Diethelm darob loben müsse. Natürlich vergaß er dabei auch nicht, wie vielen Dank ihm Diethelm dadurch schuldig werde, und das war ein Kapital, das gute Zinsen trägt. In Buchenberg war schon alles zur Ruhe gegangen; nur bei der Brandstätte, von der noch immer ein zum Ersticken übelriechender Rauch aufstieg, wandelten einige Wachthabende hin und her. Der Vetter Waldhornwirt mußte aus dem Schlaf geweckt werden, und unter Verwünschungen machte er sich endlich bereit, mit Kübler nach der Stadt zu fahren. Erst draußen vor dem Dorf hängten sie dem Pferd das Rollengeschirr um und fuhren dann mühselig und verdrossen nach der Stadt, wo sie erst gegen Morgen ankamen. Der junge Kübler zog seinem Vater die Gefängnisschlüssel unter dem Kopfkissen weg, führte den Waldhornwirt die Treppe hinauf, öffnete die Zelle Diethelms, und jetzt standen beide vor dem grimmig Fluchenden, der sie nicht alsbald erkannte. Als sie sich zu erkennen gaben, und Kübler triumphierend berichtete, daß er nach Andeutungen Diethelms den Vetter geholt habe, rieb sich Diethelm mehrmals die Stirn und fuhr dann zornig auf:

»Verfluchtes, blitzdummes Getue! Kübler, was habt Ihr gemacht? Ihr bringt mich nur in neue Ungelegenheit. Ich bin freigesprochen, alles liegt sonnenklar am Tag, und jetzt, wenn's herauskommt, und es kommt gewiß heraus, daß Ihr meinen Vetter zu mir gebracht habt, wird das wieder einen Verdacht auf mich werfen, und es geht neu ans Protokollieren, und ich kann noch Tage und Wochen da hocken müssen, und Euer Vater kann seinen Dienst verlieren. Aber mich geht's nichts an, und wenn's darauf ankommt, ich kann's nicht anders machen, ich kann's beschwören und ich tu's, daß ich Euch das nicht angelernt und nichts davon gewollt hab'.«

Der junge Kübler stand wie vom Blitz getroffen, er hatte mit Klugheit Dank und Lohn zu erwerben geglaubt und mußte sich nun ausschelten lassen und fast noch bitten, daß man ihn nicht verrate.

Diethelm rieb sich vergnügt die Hände, er war stolz auf sich, mitten aus dem Schlaf geweckt, hatte er seine Besinnung behalten und gegen zwei Menschen, deren er bedurfte, sich so gestellt, daß sie ihm dienen mußten, ohne ihn dafür irgendwie in der Hand zu haben. Es durfte niemand geben, der nicht an seine Unschuld glaubte, oder gar Grund und Beweis gegen ihn habe; dürfte das sein, so wäre ja alles mit Medard umsonst . . . Einlenkend reichte er nun dem Vetter die Hand und sagte: »Tut mir leid, daß du dir so viel unnötigen Brast machst, und Ihr habt's auch gut gemeint, Kübler, das weiß ich wohl, und ich bin auch erkenntlich dafür, wenn ich's auch nicht brauch'. Ich mein', Vetter, es wär' am besten, wir reden garnichts, ich hab' dir ja nichts zu sagen, und du kannst ruhig vor Gericht auslegen, was du weißt.«

Der junge Kübler beteuerte wiederholt seine Wohlmeinenheit, und der Vetter sagte:

»Ja, ich kann mich mit Teufels Gewalt aber nicht mehr besinnen, was Ihr zu dem Buben gesagt habt.«

»Kann mir's denken«, lachte Diethelm, »wenn du von deinem Uhlbacher Ferndigen trinkst, vergißt du leicht, daß du Frau und Kind daheim hast, geschweige was andres, und dann hast noch Kirschengeist darauf gesetzt, das tut nie gut. Laß mir aber von deinem Uhlbacher noch was übrig, bis ich heimkomm', und der Kübler muß in Buchenberg Hochzeit machen, ich zahl' alles, und da trinken wir das Faß voll aus. Ja, was hab' ich sagen wollen? Ich hab's ganz vergessen.«

»Von wegen dem Buben«, bedeutete der Vetter.

»Richtig«, nahm Diethelm unbefangen auf, »besinn dich nur, du mußt doch noch wissen, daß ich dem Buben deutlich gesagt hab', der alt' Schäferle soll zu seinem Medard 'naufgehen, er müss' daheim bleiben und leide an seinem Beinbruch.« »Vom Beinbruch, ja, da erinner' ich mich, das hab' ich deutlich gehört, guck, das fällt mir jetzt ein, das ist das Wahrzeichen«, frohlockte der Vetter und rieb sich immer die linke Seite der Stirn, als weckte er ein Organ der Erinnerung.

Diethelm lächelte in sich hinein, daß der Vetter gerade dessen sich erinnerte, was er erst vor Gericht zu seinem eigenen Schrecken noch hinzugesetzt; er fuhr aber leichthin fort:

»Dann wirst du dich auch an alles andre erinnern und daß ich mein' Fränz hab' holen wollen, damit mein' Frau nicht so allein ist, wenn ihre Stieftochter stirbt; aber ich brauch' dir nichts zu sagen, du weißt alles allein und sag du's nur frei.«

So fuhr Diethelm fort und wußte nach und nach in der harmlosesten Weise dem Trompeter sein Stücklein auf Noten zu setzen, daß es eine Art hatte.

Der junge Kübler drängte zur Trennung, da es Tag zu werden begann. Diethelm reichte beiden wohlgemut die Hand, und der Vetter entschuldigte sich noch, daß er sich nicht gleich auf alles besonnen habe; der Schrecken beim Brand habe ihm alles weggescheucht, aber jetzt wisse er jedes Wort. Diethelm sah dem Vetter scharf ins Gesicht, um zu erkunden, ob ihn der ausgefeimte Schelm nicht verhöhne, aber der Vetter sah in der Tat mitleidig und treuherzig drein. Als die beiden fort waren, streckte Diethelm die Zunge hinter ihnen heraus und sprach dann in sich hinein: Neun Zehntel der Menschen sind nichts als Hunde und Papageien, sie reden und tun, wie man sie's anlernt, und schwören dann Stein und Bein, daß das aus ihnen selber käm'. Alle, die oben dran sind und über andre herrschen, verstehen nur die Kunst, die Menschen glauben zu machen, was ihnen gut dünkt, und je mehr das einer vermag, um so größer ist er und führt die Welt am Narrenseil herum.

Mit einem erhabenen Heldengefühl legte sich Diethelm abermals zum Morgenschlaf nieder. Als die Stadtzinkenisten wieder bliesen, suchte er sich zu bereden, daß das eine Musik zu seiner Unterhaltung sei, und pfiff unausgesetzt ihre Melodien nach.

Diethelm glaubte schon am heutigen Tage freigelassen zu werden, aber vergebens. Er wurde nachmittags noch einmal zum Verhör geführt, der Trompeter hatte richtig sein Stücklein getreu abgespielt, aber es war doch ein Ton darin, der Diethelm noch viel zu schaffen machte, nämlich die Kunde von seinem heftigen Weinen bei der Nachricht vom Tode der Stieftochter und seine rasche, unmotivierte Umkehr. Diethelm hatte hieran wohl gedacht und hätte dem Vetter gern Weisung gegeben, aber er wußte nicht, wie er das verdachtlos bewerkstelligen sollte, und hoffte auch, daß davon keine Rede sein würde. Anfangs schwankend, dann aber immer sicherer erklärte Diethelm, daß er den Tod seiner Stieftochter nicht sobald erwartet habe und nun heimgeeilt sei, um seine Frau nicht ganz allein zu lassen und die Fränz später holen zu lassen. Befragt, warum er dann nicht nach dem Kohlenhof gefahren sei, erklärte er zuerst: er habe sich das nicht so klar gemacht, er sei vom Schreck zu sehr ergriffen gewesen; dann aber setzte er hinzu, er habe erwartet, seine Frau sei gleich nach dem Tode heimgekehrt, und er habe sie dort trösten wollen. Weiter befragt, wie es komme, daß der Tod seiner Stieftochter ihn so furchtbar ergreife, sah er eine Weile scheu vor sich nieder, dann erhob er sein Antlitz und sagte:

»Ich hätt' nicht geglaubt, daß man mich das fragen darf, aber ich seh' schon, wer einmal, und sei er noch so unschuldig, in Verdacht steht, muß auf alles antworten. Nun denn, so sei's«, er atmete tief auf und fuhr dann fort: »So wisset denn ... ich hab' vor zweiundzwanzig Jahren mein' Stieftochter gern gehabt und hab' sie heiraten wollen, aber mein' Frau hat's nicht zugeben und hat mich lieber selbst genommen.«

Eine Pause entstand, der Aktuar schrieb und der Richter, betroffen von dem schmerzvollen Ton Diethelms, hielt eine Weile mit Fragen inne. Diethelm aber fühlte einen inneren Schreck, als ob man ihm ein Stück aus seinem Herzen reiße, es deuchte ihm, als schände er seine Hausehre und alle Schamhaftigkeit, da er auch dies dem Prototoll anvertraute; er hatte so sorglich seine Hausehre gewahrt, und jetzt hatte er sie preisgegeben und noch dazu mit einer gräßlichen Lüge, denn die Kohlenbäuerin war schon seit Jahren nicht mehr für ihn auf der Welt. Diethelm fühlte jetzt zum erstenmal, wie das Verbrechen keinen reinen Fleck an dem Menschen läßt, wie es alles mit sich hinabzerrt; er erhob den Blick lange nicht, es war ihm, als stände seine Frau vor ihm, und er könnte sie nicht anschauen. Hätte er erst gewußt, daß er sie auf demselben Stuhl verriet, auf dem sie ihm zuliebe ihr Gewissen geopfert!

»Das tut mir am wehesten, daß ich das hab' sagen müssen«, rief er endlich mit tiefschmerzlichem Ton. Der Richter beruhigte ihn, daß das niemand erführe, er war aber Inquirent genug, die weiche Stimmung Diethelms zu benutzen und mit veränderten Fragen noch einmal das ganze Verhör von vorn zu beginnen. Schlag auf Schlag gingen die Fragen. Der alte Schäferle war diesen Vormittag auch wieder im Verhör gewesen, und im Schmerz um den Tod seines Sohnes, den er rächen zu müssen glaubte, hatte er sich kein Gewissen daraus gemacht, seinen Angaben eine noch entschiedenere Fassung zu geben, und daß Medard geradezu die Woche bezeichnet, die Diethelm ausdrücklich zur Brandstiftung festgesetzt habe, wenn es ihm gelänge, seine Frau aus dem Hause zu bringen. Der alte Schäferle hoffte, daß es vielleicht gelingen werde, Diethelm zu einem Geständnis zu überrumpeln, wenn man ihm bestimmte Tatsachen vorhielt, und gleiches erwartete auch der Richter. Diethelm merkte bald, was vorging und war wiederum schnell gewaffnet und berief sich in den meisten Antworten einfach auf seine gestrigen Aussagen.

Nicht mehr stolz, innerlich geknickt, saß Diethelm in seinem Gefängnis; er merkte wohl, daß sich ein Punkt aufgetan, von dem er in den Grund gestürzt werden konnte. Jetzt bat er den jungen Kübler, der in der Wartung der Gefangenen seinem Vater beistand, ihm noch eine Unterredung mit dem Waldhornwirt zu verschaffen; aber der junge Kübler war dessen eingedenk, wie Diethelm ihn mit Undank angefahren und sogar gedroht hatte, ihn zu verraten; er blieb trotz aller Schmeichelworte unerbittlich, und Diethelm, dessen Furcht vor einem Mitwisser noch größer war, als die vor dem Gericht, fand sich endlich drein, alles geschehen zu lassen, wie es sich von selbst machte, ja, es gab Zeiten, in denen er so zerknirscht war, daß er die Entdeckung wünschte, nur um dieser schwebenden Qual enthoben zu werden. So zerknirscht er aber auch in der Einsamkeit des Gefängnisses war, so kampfgerüstet und fest erschien er jedesmal vor dem Richter; schon die Stimme desselben erweckte ihn zu Mut und Trotz, und bald zeigte sich, daß die ursächlichen Verbindungen zwischen allem Geschehenen nur ihm klar waren, den andern zerfiel alles zusammenhanglos.

Dies stellte sich besonders heraus, als der Amtsverweser die Fortführung der Untersuchung dem neu bestallten Richter übergab. Man hatte geglaubt, daß ein neuer, in Kriminalsachen gewiegter Mann Diethelm verblüffen und verwirren würde; aber gerade das Gegenteil war eingetreten: dem fremden Manne gegenüber, der ihn nie weich gesehen hatte, fühlte sich Diethelm doppelt stark, und bei manchen Fragen zeigte Diethelm sein Übergewicht, indem er sagte: das hab' ich im Protokoll von dem und dem Datum schon angegeben; seine Gewandtheit im Kopfrechnen kam ihm jetzt in andrer Weise zu statten. Diethelm dachte garnicht mehr an sein Verhör, er wendete es nach allen Seiten und wenn er antwortete, sprudelte er die Worte so sicher hervor, als stünden sie vor ihm geschrieben.

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