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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Vierzehntes Kapitel

Im Rautenkranz in der Hauptstadt lebte indes Fränz auch nicht so vergnügt, wie sie es gehofft hatte. Das Wirtshaus war fast wie eine kleine Stadt für sich; der gepflasterte Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchens, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regelmäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offenstehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfergeschirr an den Wänden und dem übermäßig breiten Herd in der Mitte, die steinernen Treppen mit ausgelaufenen Geleisen zeigten, daß hier alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der weitläufigen Wirtsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neubackenem Brot überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Witwe, saß, nähte und sich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau kannte, als die Frau Rautenwirtin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung des Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja, die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschengeld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirtin zwei- oder dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß alles vom Morgen bis zum Abend in fester Ordnung sich hielt; denn die Knechte und Mägde, durch das Beispiel der Kinder belehrt, waren ebenfalls voll Gehorsam und Pflichterfüllung, und wer aus dem Rautenkranz sich anderswohin verdingte, konnte bei gutem Lobe zehn Dienste in einer Stunde haben. Nie hörte man einen Zank im Hause, willfährig geschah die Handreichung von einem zum andern, der Pflichtkreis eines jeden war fest abgemessen, es konnte niemand aus seiner Bahn abirren; auch wenn noch so viele Gäste da waren, bemerkte man nie eine Hast, nie aber auch war Untätigkeit.

Fränz hätte wohl kein besseres Haus finden können, um die Wirtschaftlichkeit im größern Maßstab zu erlernen, und so erschien es ihr auch anfangs; der gediegene Halt und die stetige Ordnung des Hauses nötigten ihr da eine hohe Achtung und willfährige Unterordnung ab; ja, sie griff um so freudiger zu, wenn sie daran dachte, wie daheim bei den wenigen Menschen alles so kunterbunt durcheinander ging, daß man oft nicht wußte, wann Mittag und wann Abend ist. Nach und nach fühlte sich aber Fränz wiederum beängstigt und gefesselt von dieser Hausordnung; spät schlafen gehen und früh aufstehen, den ganzen Tag arbeiten und nie eine Lustbarkeit, ja kaum vor die Tür kommen, dazu war sie nicht nach der Stadt gegangen; sie lebte ja hier wie eine Magd. Sie versuchte es, die Töchter und die Mägde zur Widerspenstigkeit aufzuhetzen, aber sie fand kein Gehör, und die Rautenwirtin hatte ein scharfes Auge auf sie. Fränz hatte dem Sohn des Sternenwirts von Mißlingen bald zu Wissen getan, daß sie hier sei; er kam auch mehrmals in der Dämmerung, wenn im Erbprinzen abgespeist war, aber mit Schrecken und Ingrimm sah Fränz, daß er fast nur Augen für die älteste Tochter der Rautenwirtin hatte und sich oft stundenlang zu der Mutter setzte, die großen Gefallen an ihm zu haben schien. Nun behandelte ihn Franz mit auf-* fälliger Mißachtung, und sie verstand es bald, mit dem ältesten Haussohn, dem Metzger, einen kleinen Liebeshandel anzuzetteln. Das dauerte aber nicht lange, und mit einem Mal war aller Verkehr abgebrochen, und Fränz erfuhr von einer vertrauten Magd, die gelauscht hatte, daß die Wirtin ihrem Sohn jede Hinneigung zu Fränz ernstlich verboten und dieser fast ohne Widerspruch nachgegeben habe. Fränz sah von da an in dem Hause nur noch ein Sklavenhaus und verwünschte alles, was darin war, den Sohn, der sich von dem Herrscherteufel, der Mutter, befehlen lasse, und vor allem diese selbst; wenn sie sie hätte vergiften können, es wäre ihr erwünscht gewesen. Nun aber blieb ihr nichts als, wo sie konnte, Unordnung und Unfrieden im Hause zu stiften und alle ihre Obliegenheiten zu vernachlässigen. Als die Wirtin sie über letzteres zur Rede stellte, erklärte Fränz voll Heftigkeit: sie keine Magd und noch viel weniger ein Sklav', sie tue, was sie wolle, dafür bezahle ihr Vater Kostgeld. Ohne ein Wort zu erwidern, ordnete die Wirtin an, daß Fränz nichts mehr im Hause zu tun habe, und daß sie nur noch eine Kostgängerin sei, bis ihr Vater sie abhole, und das je eher je lieber. Darum schrieb Fränz den Brief an ihren Vater und wollte nun nach Laune frei und ledig in der Stadt umherlaufen; die Wirtin aber erklärte, daß das nicht angehe, so lange sie bei ihr im Hause sei; sei ihr Vater da, könne sie machen, was sie wolle. Munde hatte, ohne daß es ihm Fränz zu wissen tat, doch bald erfahren, wo sie war; er kam nun auch oft in den Rautenkranz und blieb übermäßig lange bei seinem Schoppen sitzen, meist schweigsam und wenig teilnehmend an den Gesprächen um ihn her, nur seine Blicke folgten Fränz, wenn sie durch die Stube ging, und er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, wenn sie mit einem Gast freundlich tat. Fränz aber lächelte ihm nur manchmal schelmisch zu, und wenn er sie heimlich auf einen sogenannten ‹Ständerling› vor dem Hause bestellte, oder gar mit ihr zum Tanz gehen wollte, wehrte sie strenge ab, da die Wirtin sie bei dergleichen mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagen würde. Während sie auf Habhaftwerdung des Sternenwirtssohnes und dann des Haussohnes ausging, verstand sie es, Munde doch so hinzuhalten, daß er treulich wiederkam, und diese ausdauernde Liebe tat ihr einerseits wohl, andrerseits hoffte sie dadurch besonders bei dem Haussohn eine Eifersucht und eine raschere Entscheidung herbeizuführen. In der Küche und bei dem Wirtssohn scherzte sie oft über Munde und seine närrische Verliebtheit, wobei sie ihn stets ihren Knecht nannte.

Schon seit mehreren Tagen erwartete Fränz ihren Vater, und als sie von allen ankommenden Fuhrleuten vernahm, welch eine unerhörte Kälte draußen sei, beklagte sie, daß ihr Vater dadurch abgehalten werden könne, sie zu holen. Gegen

»Und du wirst jetzt noch einmal so reich«, sagte Munde.

»Wieso? Hast du was gehört? Hat mein Vater verkauft?«

»Das auch, aber dein' Stiefschwester, die Kohlenhofbäuerin, liegt im Sterben, und da kriegst du alles.«

»Woher weißt das?« fragte Fränz.

»Da, der Peter von Unterthailfingen erzählt's, dein' Schwester wird schon gestorben sein.«

Während Fränz sich noch mit der Schürze die Augen abrieb, trat ein Postschaffner vor Kälte heftig trappend ein. Es war ein ehemaliger Unteroffizier, den Munde kannte; er bot ihm nun das Glas zum Trinken an, und der Schaffner sagte, sich den Bart wischend:

»Weißt auch schon, des Diethelms Haus in Buchenberg ist abgebrannt?«

»Herr Gott, unser Haus?« schrie Fränz in lauter Wehklage und stieß im Umsichschlagen die Flasche vom Tisch, die klirrend auf den Boden fiel, so daß alles im Zimmer sich nach ihr wendete. Munde sprang schnell auf und setzte die zitternde Fränz auf einen Stuhl. Der Schaffner bedauerte seine Unvorsichtigkeit, daß er nicht gewußt habe, daß das Diethelms Tochter sei. Fränz aber, leichenblaß und mit stierem Blick, wollte Näheres wissen. Der Schaffner hatte dies nur von einem andern gehört, der am Morgen durch Buchenberg gefahren war, und wußte weiter nichts, als daß kein Mensch dabei verunglückt sei, nur einen Knecht, der das Haus angezündet habe, suche man noch vergebens. Alles versammelte sich nun um Fränz und tröstete sie; ja, man wollte ihr sogar die ganze Sache ausreden, es sei vielleicht garnicht wahr und dergleichen mehr. Fränz aber war rasch entschlossen, sie wollte augenblicklich heim; sie faßte beide Hände des Munde und bat ihn, ihr zu helfen, daß sie fortkäme, sie jammerte um ihren Vater und ihre Mutter und klagte sich selber an, daß sie von ihnen fortgegangen sei, es seien gewiß alle verbrannt und man sage es ihr nicht. Die Wirtin wollte sie beruhigen und ihr solch wildes Rasen ausreden, aber Fränz stieß sie heftig von sich.

»Munde, du bist dein Lebtag gut zu mir gewesen, ich bitt' dich, Munde, guter Munde, hilf mir, daß ich fortkomm'« rief sie immer laut weinend, und Munde selber weinte mit und versprach, alles zu tun. Der Schaffner sah auf seine Uhr und sagte: durch Buchenberg gehe erst morgen wieder ein Eilwagen, in einer Stunde aber gehe ein anderer nach Gaißlingen ab, und von dort aus könne Fränz leicht nach Buchenberg kommen. Fränz eilte schnell auf ihre Kammer, holte ihre Kleider und trotz aller Einrede, daß sie doch den Abgang des Wagens im Haus abwarten möge, blieb sie nicht und ging, von Munde allein begleitet, nach dem Posthof.

Wie träge schlug hier die Uhr; Franz wollte fast vergehen vor Hast und Verzweiflung, und Munde, der sie garnicht beruhigen konnte, sagte fast unwillkürlich:

»Wenn ich nur den bösen Gedanken aus dem Kopf bringen könnt'!«

»Was? Was hast du?« fragte Fränz, ihn am Arm fassend. Munde sagte, daß es nichts sei, und er könne es nicht sagen, es sei schlecht, und sie solle es ja nicht glauben, aber er sag's ihr nicht.

Nun drang Fränz immer heftiger in ihn und schwur, ihr Leben lang ihn nicht mehr anzusehen, wenn er nicht mitteilte, was er im Sinn habe. Da sagte Munde:

»Es ist einfältig, es wäre besser gewesen, ich hätt' dir garnicht gesagt, daß ich was weiß. Aber ich seh' schon, ich komm' so nicht mehr los. Schwörst du mir, es nicht zu glauben und keinen Haß auf mich zu werfen und mich gern zu haben, wenn ich dir's sag? Nein, nein, ich kann auch so nicht, ich bring's nicht auf die Zung', nie.«

»Ich schwör' dir alles, ich bitt' dich, lieber, lieber Munde, ich hab' dich so lieb, ich bitt' dich, sag' mir's, was ist? Was weißt?«

»Es ist eigentlich dumm, du könntest meinen wunder was es wär', drum will ich's sagen, aber du darfst's nicht glauben.«

»Nein; aber sag's.«

»Mein Medard hat einmal im Rausch gesagt, dein Vater woll' das Haus anzünden. Das ist alles. Nicht wahr, du glaubst's nicht? Ich bitt' dich nur, gib mir gleich Nachricht, wie es den Meinigen geht. Wenn ich Urlaub bekomm', komm' ich morgen nach. Was hast? Warum redest denn nicht? Steh doch auf.«

»Ja, ja«, sagte Fränz wie träumend und erhob sich von der eiskalten Staffel, auf die sie sich gesetzt hatte. »So, jetzt kommen die Pferde, aber wie langsam die machen. Gott im Himmel! Ich sterb', wenn das nicht schneller geht. Munde, was hab' ich sagen wollen? Ich weiß nicht mehr. Ja, sei mir nicht bös. Wenn nur meine Eltern noch leben, dann ist alles gut. Ich hätt's nie geglaubt, daß ich so aus der Stadt weggeh', und da, Munde, da hast du auch noch Geld; das, was du gesagt hast, ist nicht gesagt und wird nie mehr gesagt. So, gottlob, nun ade«, schloß Fränz, als der Schaffner »Eingesetzt« rief.

Der Postillon blies lustig, der Wagen fuhr ab, und Munde schlug sich davongehend auf die Stirn; es kränkte ihn, daß er so unbesonnen herausgeredet und den Schmerz des Mädchens noch grausam vermehrt hatte, und jetzt merkte er erst, wie er so unbewußt Geld angenommen. Er kehrte in den Rautenkranz zurück, um noch einiges zu besorgen, das Fränz in der Eile vergessen hatte.

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