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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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Dreizehntes Kapitel

Es läßt sich kaum sagen, was in dem beiderseitigen Blick lag, als sich Diethelm und Medard am Morgen zum ersten Mal im Tageslicht begegneten, nur mit Blitzesschnelle streiften sich ihre Blicke, dann schaute jeder vor sich nieder. Medard aber war wieder schnell gefaßt, griff in die Tasche und sagte, die Messingschrauben zeigend, mit triumphierender Miene: »Da, die hab' ich heut schon geholt.«

»Vergrab sie«, sagte Diethelm und winkte dem Medard nach dem Stall und fuhr hier fort: »Du sagst doch deinem Vater nichts?«

»Nein, das ist nichts für einen Sympathiedoktor. Der Ofen muß aber heut geheizt werden, dann brennt's an einem andern Ort, da merken sie, daß die Schrauben und Kolben fehlen. Das Flugfeuer kann nicht zünden, die Dächer sind mit Schnee bedeckt. Aber Meister«, fuhr Medard fort, das Wort ging ihm schwer heraus, »wie ist's denn? wollen wir die Schaf' nicht an einen Ort tun? Ihr wisset ja wohl, die sind blitzdumm und können das Funkeln nicht leiden und laufen grad drein 'nein!«

»Das geht nicht, das könnt' den Leuten verdächtig vorkommen, es muß alles bleiben, wie es ist. Ich sag' dir's noch einmal, es muß alles bleiben, wie es ist.«

So schloß Diethelm und ging nach dem Hause. Hinter ihm drein aber steckte Medard die Zunge heraus und fluchte vor sich hin: »Du verdammter Scheinheiliger, wart', du Waisenpflegerle, popple du nur die ganze Welt an und tu', wie wenn du kein Tierle beleidigen könntest, dich hab' ich; ich halt' dich am Strick um den Hals, du sollst mir's teuer bezahlen, daß du die unschuldigen Schafe verbrennst, du sollst mir nimmer Mäh machen und nicht mucksen, wenn ich dich anguck'.« In der Seele dieses Menschen, bereit zum Verbrechen, empörte sich noch das Mitgefühl für die Tiere, die er jahrein jahraus hütete, und dieses Mitgefühl verwandelte sich in neuen giftigen Haß gegen Diethelm und dieser war ihm so erlabend, daß er sich auf die Vollführung der Tat wie auf eine Lustbarkeit freute. Diethelm aber, der nach dem Hause ging, lächelte vor sich hin; die Messingschrauben wurden zu sicheren Handhaben gegen Medard. Die Zerstörung der Feuerspritze, das war eine Tat, mit der er Medard gefangen halten konnte, er selber konnte jede Beteiligung leugnen, er konnte mindestens damit drohen, und wenn die Sache herauskam, so wälzte dieser Vorgang allen Verdacht auf Medard. Es galt nun behutsam in dem Mitwissen des Waldhornwirts und vielleicht bei einem andern festzustellen, daß und wie Medard beim Überheben der Spritze auf den Schlitten geholfen habe, und dann mußte Diethelm unter der Hand merken lassen, daß er mit Medard unzufrieden sei und ihn aus dem Haus tun wolle. Aber alles nur fein behutsam.

»Du meinst, du hast mich, und ich hab' dich im Sack«, sprach Diethelm in sich hinein und freute sich seiner klugen Benutzung der Umstände. So hegten diesen beiden Menschen, die so einig schienen, im Innersten den tiefsten Haß gegeneinander, und während sie noch gemeinsam die Tat zu vollbringen hatten und noch nicht der Beute habhaft waren, dachte ein jeder schon daran, wie er dem andern den Genuß verkümmere und ihn gefangen halte.

Unter der Tür traf Diethelm einen Boten vom Kohlenhof mit der Nachricht von Martha, daß ihr noch mancherlei geschickt werden solle, da sie die Kranke noch mehrere Tage nicht verlassen könne. Der Bote sah verwundert auf Diethelm, dem die Krankheit seiner Stieftochter garnicht zu Herzen zu gehen schien, ja in seinem Gesicht drückte sich sogar eine Freude aus, und der Bote, ein armer alter Häusler, dachte darüber nach, wie hart der Reichtum die Menschen mache, denn die Freude in dem Gesicht Diethelms konnte gewiß nur von der Aussicht auf die Erbschaft herrühren. Diethelm dachte aber an nichts weniger als an die Erbschaft, er war froh, daß seine Frau noch länger wegblieb; in der nächsten Nacht mußte die unterbrochene Vorbereitung vollführt und alles rasch zu Ende gebracht werden. Er ließ daher seiner Frau sagen, sie möge ruhig bei ihrer Tochter bleiben, da er ohnedies morgen verreise.

Im Waldhorn war heute Diethelm besonders aufgeräumt, und als der Wirt sein Geschick lobte, das ihn immer mit unverhofftem und neuem Glück überhäufe, nickte Diethelm still. Er freute sich, daß man an den großen Gewinn glaubte, den er aus dem Verkauf seiner Vorräte mache. Das ließ gewiß nie einen Verdacht aufkommen, geschehe, was da wolle. Dennoch erzitterte Diethelm innerlich, als der Vetter Waldhornwirt erzählte: »Denk' nur, was heut geschehen ist. Wie wir heute die Spritze abheben, ist ein Rudel Schulbuben drum 'rum, der Schmied jagt sie fort, aber die sind wieder da wie die Bienen auf einem blühenden Repsfeld. Und wie jetzt der Schmied eine Peitsche nimmt und unter die Buben einhauen will, da ruft der alte Schäferle: »Laß sein, bei so etwas darf man sich nicht versündigen, und die Kinder können nichts dafür; sie hören immer davon und sehen das ganze Jahr die Spritze nicht, und da sind sie gewunderig froh, wenn sie das einmal am hellen Tag und in der Ruhe sehen.« Könnet Euch denken, Vetter, was auf die Red' für ein Geschnatter und Getrappel ist, und wo man hinguckt, hängt so ein junger Malefizbub, und mit Müh und Not werden wir fertig, ohne so einem die Finger abzutreten. Wie wir eben fortwollen, und der Schmied das Tor in der Hand hat, um zuzuschließen, da hören wir, wie die Spritze von selber zweimal pumpt, grad, als ob man's hüben und drüben heben tät. Da ruft der alte Schäferle: »Höret ihr? Eh' drei Tage vergehen, brennt's im Ort.« Der Schmied ist so bös, daß er die Tür zuschlägt und fast den alten Schäferle dazwischen klemmt. Dein Knecht, des Schäferles Medard, hat sich geschämt, daß sein alter Vater so dummes Zeug schwätzt, und ist davon, und die Schulbuben rennen durchs Dorf und schreien überall: »In drei Tagen brennt's.« Dem alten Schäferle sollte man seine dummen Prophezeiungen verbieten, aber hier fürchtet sich alles vor ihm und – sollt' man's meinen, wo man hört, glauben die Leut' alle an die Prophezeiungen, und da sind die Leut' hier noch stolz auf ihren Ort. Bei uns daheim in Letzweiler fände man keine zwei alten Weiber, die so was glauben täten, und der Ort liegt doch nicht an der Landstraß' wie Buchenberg.«

Diethelm griff aus dieser langen Mitteilung gern den letztangeregten Gegenstand auf; der alte Wettkampf, der in Spott und Neckerei überall zwischen einem Dorf und dem andern rege ist, hatte ihn schon viel erlustigt, aber keiner der anwesenden Buchenberger ging heute darauf ein, und Diethelm schien es fast, als ob er Mißtrauen errege, weil er von dem Schreckgespenst garnicht rede, er sagte daher überlenkend:

»Der alt' Schäferle hat nichts Besonderes prophezeit. Jedesmal, wenn man was an den Spritzen zu tun hat, hält man das für ein Wahrzeichen, daß eine Feuersbrunst auskommt, und da ist's am gescheitesten, man macht den Aberglauben zu Schanden und gibt doppelt acht, daß kein Unglück auskommt.«

Alles schwieg. Nur ein fremder Mann, der auf der Ofenbank saß, sagte halblaut vor sich hin:

»Abbrennen ist nicht immer ein Unglück, im Gegenteil –«

»Wer ist der Lump?« fragte Diethelm seinen Vetter, und dieser erwiderte:

»Ein fremder Spindelnhändler. Ich hätt' gute Lust und tät den Kerl die Stiege 'nabwerfen.«

»Tu's nicht«, beschwichtigte Diethelm, »das gibt ein unnötiges Geschrei in der Welt.« Er beredete nun seinen Vetter, am morgenden Tage mit ihm nach der Hauptstadt zu reisen, wohin er mit Proben seiner Wollvorräte gehen und dann seine Fränz abholen wolle, die ihm geschrieben habe, daß sie nicht mehr in der Stadt bleibe. Gerade der Waldhornwirt war ihm stets der liebste Genosse, er war halb Kamerad, halb abhängiger Untergebener, und draußen, wo man dieses letzte Verhältnis nicht kannte, war Diethelm immer besonders hoch angesehen, wenn der stattliche Waldhornwirt ihn überall mit unterwürfiger Ehrerbietung behandelte und hinter seinem Rücken sein Lob verkündete. Der Waldhornwirt war schlau genug, diese unausgesprochene Vasallenlast zu erkennen; er tat oft, als ob er sich davon losmachen wolle, um den Vetter zu allerlei Nachgibigkeiten und Vorteilen zu bewegen. Dies gelang ihm auch heute, denn Diethelm versprach eine Entschädigung für jegliche Versäumnis.

In neuer, verzweiflungsvoller Pein ging Diethelm wieder heimwärts. War es denn nicht, als ob plötzlich seine innersten, geheim gehaltenen Gedanken sich von unsichtbarem Munde verbreitet hätten, so daß jetzt alles im Dorf von einer Feuersbrunst sprach, an die man sonst das ganze Jahr nicht dachte? Wäre es nicht das Beste, alles zu verschieben und zu hintertreiben, bis die Prophezeiung vergessen ist? Aber wer weiß, wann die Frau wieder aus dem Hause sein wird?

Im Stall traf Diethelm den Medard, der ein großes Seil mit Karrensalbe einschmierte, und auf seine verwunderte Frage erhielt er die Antwort, daß dieses das Seil aus der Radwinde sei, das, mit Fett getränkt, als Lunte dienen müsse, um das Feuer blitzschnell in den Neubau auf den Heuboden zu leiten. Diethelm konnte nicht umhin, auch diese erfinderische Klugheit zu loben; dennoch sprach er davon, die Sache noch zu verschieben, da man an die dumme Prophezeiung glaube; Medard aber erwiderte:

»Just deswegen müssen wir gleich losschießen. Weil alle davon schwätzen, ist jeder vorsorglich und glaubt niemand dran, und geschieht jetzt was, da heißt's: das hat sein müssen, das hat kein Mensch getan, es hat sein müssen, weil's prophezeit gewesen ist.«

Wie doch alles auch seine Kehrseite hat, das erfuhr jetzt Diethelm; die Wendung, die Medard der Sache gab, war doch überaus sinnreich und fein berechnet, und doch war Diethelm schwer beklommen, schwerer als je; ihm war's als wäre die Tat nicht mehr sein, sie war in fremde Hand gegeben und mußte geschehen, sei er nun willfährig oder nicht.

Fast die ganze Nacht hindurch war Diethelm mit Medard beschäftigt, alles herzurichten. Die Mäuse liefen ohne Scheu wie toll hin und her, als ahnten sie den Untergang des Hauses. Diethelm zitterten oft die Hände, aber Medard war voll heiterer Laune, und wenn es Diethelm versäumte, lobte er sich selbst über hundert kleine Erfindungen, die er noch machte und kniff sich selbst in die Wangen. Diethelm schauderte, als Medard über die geweihten Kerzen im Kirchenton einen wild närrischen Feuersegen sprach.

Als der Morgen graute und ein lustiger Wind pfiff, entzündeten sie die Kerzen und verschlossen alles sorgfältig, daß kein Lichtschein nach außen dringe. Diethelm sagte nun, daß er verreise.

»Bis wann kommst du wieder?« fragte Medard. Betroffen sah Diethelm drein, daß ihn sein Knecht duzte, aber er hielt an sich und erwiderte:

»Bis gegen Abend.« »Drum«, erwiderte Medard, »wenn du nicht auch da bist, wenn es losgeht, zeig' ich dich an, so wahr die Lichter da brennen; oder nimm mich mit, ich will nicht allein da sein, daß alles auf mich kommt.«

Diethelm bebte vor Wut, er sah, in welche Hände er gegeben war, er griff sich hin und her am Hals, denn er fühlte, wie es ihm die Kehle zuschnürte; endlich brachte er unter Zähneklappern die Worte hervor:

»Kannst dich drauf verlassen, daß ich abends wieder da bin, da hast mein' Hand drauf.«

Kaum hatte Diethelm die Hand Medards gefaßt, als er ihm einen Stoß vor die Brust gab, daß er niederfiel, und jetzt kniete er auf ihn und band ihm mit dem Halstuch die Hände zusammen, aber Medard biß ihn in den Arm, schnell raufte Diethelm eine Hand voll Wolle aus einem daneben stehenden Sack, stopfte sie Medard in den Mund, band ihm die Füße mit Stricken zusammen, betrachtete ihn einen Augenblick mit gehobenem Fuß, als wollte er ihn zertreten und eilte hinab, alles sorgfältig hinter sich verschließend.

Vor dem Hause rief er absichtlich laut nach Medard, aber die Magd kam und half die Pferde einschirren; und so schnell wie der Wind, der den Schnee aufwirbelte, jagte Diethelm davon.

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