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Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg

Berthold Auerbach: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorBerthold Auerbach
titleDie Geschichte des Diethelm von Buchenberg
publisherGesellschaft für Literatur Leuchtfeuer-Verlag Hamburg
year1925
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senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Der Schnee wirbelte um ihn her, und Diethelm fuhr durch die Nacht dahin heimwärts, seine Wangen glühten, und die Schneeflocken, die darauf fielen, konnten die Glut nicht löschen. Am ersten Berg hielt er an, öffnete den Kutschensitz, aber nicht um seinen Inhalt, verborgen vor jedem Späherauge, zu zerstreuen; er legte drei der geweihten Kerzen noch zu dem Kienholz. Er fühlte einen Stich durchs Herz, und doch bewegte ihn ein freudiger, erfindungsreicher Gedanke: diese Kerzen brennen eine volle Tag- und Nachtlänge, mit ihnen läßt sich verdachtlos etwas bewirken.

Im Schritt den Berg hinanfahrend, überdachte Diethelm sein ganzes vergangenes Leben. Er spürte ein Jucken in den Augen, als er der unsäglich vielen Freuden gedachte, die er seinen Eltern und allen seinen Angehörigen bereitet hatte; und plötzlich stand es vor ihm, daß sein Bruderskind im Elend verkomme, wenn er nicht dem Kübler zur Ansässigmachung verhelfe. Alles, was er tue, sei ja zum Guten. Und jetzt war es, als sähe er seine Fränz, wie sie unter den Menschen herumgestoßen würde, die kein Erbarmen haben, und sich selber sah er sterbenskrank und in Not und verlassen. Es muß sein ...

Heute kehrte Diethelm freiwillig auf der kalten Herberge ein. Es war ihm hier nicht mehr wie in einem verzauberten Hause zu Mute: alles hatte einen freundlichen Anschein, und das behäbige und wohlgemute Wesen des Wittes sprach es deutlich aus, daß man nach einer solchen Tat wieder frischauf leben kann. Diethelm suchte sich immer mehr einzureden, daß der böse Leumund die Wahrheit verkünde und dieser Wirt ein Brandstifter sei. So saß Diethelm in sich gekehrt und mit glänzenden Augen umschauend, als ein alter Bekannter, der Reppenberger, eintrat und seinen Glücksstern pries, daß er ihm einen Weg erspare, den er eben zu Diethelm machen wollte. Er berichtete, wie er endlich einen willigen Käufer gefunden, der den gesamten Wollvorrat zu einem Preise übernähme, bei dem für Diethelm noch ein mäßiger Gewinn sich ergab. Reppenberger hatte ein so lebendiges Mundstück und wußte es durch Weinzufuhr immer neu zu beleben, daß er garnicht merkte, wie zerstreut und stotternd Diethelm stets antwortete, wenn er nicht lautlos darein starrte, als hätte er garnichts gehört. Denn Diethelm war es in der Tat, als treibe der Teufel sein Spiel mit ihm. Kaum gibt er ihm die Kerzen in die Hand und erregt in ihm die erfindungsreichen Gedanken: da kommt die Versuchung und will alles zum leeren Possenspiel und zunichte machen. Ist darum alles Bedenken und alles innre Zagen überwunden, damit alles ein eitles Spiel um nichts sei? Das Herz, das einmal den festen Willen zur bösen Tat gefaßt, sieht leicht diese schon als in sich vollbracht an, und wie mit dämonischer Gewalt wird es immer wieder dazu gedrängt, und alle Ablenkungen erscheinen nicht als das, was sie sind, sondern als Hindernisse, die übersprungen und besiegt werden müssen. Denn das ist das unergründliche Dunkel, daß das innere Sinnen, sei es gut oder böse, alle Vorkommnisse wie eine leibliche Speise verwandelt und sich gleich macht. Was vor kurzem noch in Kämpfen und Bedenken als freier Entschluß sich darstellte, verkehrt sich in unabänderliche Notwendigkeit und wie in einen Zauberkreis gebannt, aus dem nichts mehr zu wecken vermag, erfüllt sich das Geschick.

Darum mutete diese sonst froh Kunde Diethelm jetzt mit Betrübnis an, und er knirschte innerlich vor Zorn, wie ihm die Rechtfertigung vor sich genommen war, da sonst kein anderer Ausweg blieb. Wie zum Hohn öffnete ihm jetzt die schlechte Welt einen Ausweg, den er doch nicht mehr einschlagen konnte. Einen großen Schick wollte er machen, und was soll jetzt ein kleiner Gewinn? Der spielte ihm die Möglichkeit einer völligen Rettung aus der Hand und überließ ihn fort und fort den tausend kleinen Plackereien, deren Ende garnicht abzusehen war. Darum muß geschehen, was beschlossen ist...

Als erriete er Diethelms Gedanken, sagte der Reppenberger jetzt:

»Guck einmal den Wirt an. Sitzt er nicht da, so unschuldig und fromm wie der heilige Feierabend, und doch weiß er, was er getan hat, und hat sein Haus angezündet und beim Brandlöschen sich einen nassen Finger gemacht und alles abgewischt, was angekreidet gewesen ist. Jetzt hat er ein neues Haus und Bargeld statt Schulden.« »Wer weiß, wie es ihm zu Mut ist«, sagte Diethelm, sich mit der Hand hin und her durch das Halstuch streifend, als wollten die Worte nicht heraus.

Der Reppenberger lachte laut und sagte:

»Hab' schon gehört, daß du fromm geworden seist, aber glaub mir, wenn alle Leute, die was Ungrades getan haben, krumm gingen, da könnt' sich ein Aufrechter ums Geld sehen lassen.«

»Ich will nichts mehr davon hören«, sagte Diethelm streng verweisend und sprach nun von dem Verkauf, zu dem er sich willfährig zeigte. Er wußte nicht recht, warum er das tat, aber so viel war ihm klar, er mußte scheinbar darauf eingehen, um nicht Verdacht auf sich zu lenken. Auf diese Rücksicht wollte er fortan alle Klugheit verwenden, und er war im Innern stolz darauf, wie weit er es bereits in der Verstellungskunst gebracht hatte. Diethelm nahm den Reppenberger mit nach Buchenberg, und da der abgehauste Mann keinen Mantel hatte, gab er ihm eine Pferdedecke, in die sich derselbe behaglich wickelte. Diethelm aber fröstelte bei dem Gedanken, daß auch er einst wie dieser einer geliehenen Pferdedecke sich erfreuen könne, und wie er Peitsche und Leitseil in die Hand nahm, sprach es in ihm: darum muß geholfen werden, so lang ich das noch festhalte.

Der Reppenberger schlief bald ein, aber Diethelm wurde von mühsamen Gedanken wach gehalten. Zum Schein verkaufen und vor den Leuten sich höchlich darob freuen, aber vor der Ablieferung noch alles in die Luft sprengen und mit der hohen Versicherungssumme sich wieder frisch flott machen – das war die Bestimmung, die endlich so fest stand, als wäre sie garnicht die Geburt seines eigenen Entschlusses; und so ruhig war er dabei, daß er die Peitsche neben sich steckte und die des Weges gewohnten Pferde laufen ließ und in Schlaf versank wie ein Kind nach dem Nachtgebet. In Unterthailfingen vor dem Wirtshaus hielten die Pferde an, und Diethelm erwachte; taumelnd schaute er auf und mußte sich besinnen, wo er war, und im ersten Augenblick erschien die weißverhüllte Gestalt neben ihm wie ein Gespenst. Im Dorf schlief alles, und niemand merkte das Anhalten eines Fuhrwerks, nur Reppenberger erwachte, als Diethelm mit einem plötzlichen Ruck im gestreckten Trab davonfuhr.

»Wenn ich nur so ein Kütschle hätt' wie du«, sagte der Reppenberger, »wenn ich meine siebzig Jahre da hüben so 'rumfahren könnt', könnten sie meinetwegen in der andern Welt mit mir machen, was sie wollen.« Und wie nun Diethelm immer weiter sein Glück preisen hörte, und wie der Reppenberger erzählte, welch ein elendes Leben er führe, empfand Diethelm immer mehr ein Wohlgefühl, daß er den Mut und den rechten Weg gefunden habe, sich eine heitere, sorgenfreie Zukunft zu sichern. Als der Reppenberger seine Pfeife gestopft hatte und jetzt Feuer schlug, fiel Diethelm im Anschauen der springenden Funken der Traum ein, den er soeben gehabt: er ging über eine große Heide, und es regnete Funken, sie flogen ihm ins Gesicht und auf den blauen Mantel, aber sie zündeten nicht, und er ging darunter hinweg, als wären es Schneeflocken, und weiter hinaus in der Ebene standen Funkensäulen und strömten auf und nieder, und plötzlich stand sein Vater vor ihm und sagte lächelnd: es regnet Gold – da hielten die Pferde an, dahin war das Traumgesicht.

Träume gelten zwar nichts, sagte sich Diethelm, aber dieser hat doch eine gute Vorbedeutung.

Am Waldhorn in Buchenberg stieg der Reppenberger ab, und lustig knallend fuhr Diethelm nach seinem Haus und erzählte der Frau, daß der gute Schick nun in diesen Tagen eintrete und alle Wolle so viel wie verkauft sei.

»Gott Lob und Dank!« rief die Frau die Hände ineinanderschlagend, »ich hab' dir's nicht sagen wollen, daß mir's immer gewesen ist, wie wenn die Deck' und alles, was darauf ist, mir auf dem Kopf liege.«

»Mir auch«, sagte Diethelm zutraulich, und schnell dachte er jetzt in dieser heiteren, arglosen Stimmung Vorsorge zu treffen und fuhr fort: »Ich hab' immer Bangen gehabt, es geht einmal ein Feuer aus, und der Teufel hat doch sein Spiel, und wenn auch das Haus versichert ist, was nutzt das, wenn eins von uns umkäm', und da hab' ich mir schon oft gedacht, da zu dem Fenster 'nausspringen tut man sich keinen Schaden, weil der Dunghaufen da ist.«

»Red' so was nicht; das heißt Gott versuchen«, wehrte die Frau ab, und Diethelm erklärte, daß das nur ein vorübergehender Gedanke war; innerlich aber fühlte er sich erleichtert, seiner Frau den Weg gezeigt zu haben, wenn er sie nicht vorher aus dem Hause bringen konnte; denn durch ihn allein, von keiner andern Menschenseele gekannt, sollte die Tat geschehen.

Heute machte Diethelm keinen Versuch mehr, den Inhalt des Kutschensitzes zu verstreuen, er freute sich des fallenden Schnees, der die Halbkutsche in der Scheune ließ und den Schlitten zur Verwendung brachte.

Am Morgen fühlte Diethelm noch einmal ein Bangen über seinen Vorsatz, und doch war's ihm, als hätte er jemand das Versprechen gegeben, ihn zu vollführen. Eben wollte er die geweihte Kerze in das Pfarrhaus schicken, als seine Bruderstochter aus Letzweiler ankam. Noch bevor sie ein Wort reden konnte, weinte sie laut und erklärte endlich, daß man in Gaißlingen sage, Diethelm werde ihr keine Aussteuer geben, die Hochzeit nicht stattfinden, und sie im Elend bleiben. Man konnte nicht herausbringen, woher das Gerücht gekommen war, und das Mädchen, das immer auf der Bank sitzen blieb und nicht aufstand, schwur, daß sie sich ein Leid antue, wenn das Gerücht wahr sei. Diethelm stand lange still vor dem Mädchen, betrachtete es scharf, so daß es die Augen niederschlug, und sich auf die Brust schlagend, daß es dröhnte, schwur Diethelm: »Guck, mir soll die Kerze da auf der Seele verbrennen, wenn du nicht alles von mir bekommst, wie ich's versprochen habe.«

Er ging mehrmals mit schweren Schritten die Stube auf und ab und stand wieder vor dem Mädchen still und sagte:

»Warum hast du denn ein so schlechtes Kleid an? Hast keine besseren?«

»Freilich, ich hab' ja die zwei, die Ihr mir geschenkt habt, aber ich will sie sparen.«

»Du weißt ja«, fuhr Diethelm auf, »ich kann nicht leiden, wenn eins von den Meinigen so verlumpt daherkommt. Mein' Frau muß dir von der Fränz ein andres Kleid geben. So darfst du nicht durch das Dorf. Ich will der Welt zeigen, wer ich bin.«

Wut gegen die Welt, die seinen Ehrennamen so grundlos angriff, und ein freudiger Hohn, daß er es in der Gewalt habe, Rache zu nehmen, alle bösen Nachreden zu Schanden zu machen, kochten in seinem Herzen. Er stand gerechtfertigt vor sich da, das Schlechteste zu tun; traute man ihm ja das Schlechteste zu, und niemand hatte ein Recht oder einen Grund dafür. Das Mädchen, das sich wohl

Medard kam in die Stube und berichtete die Zahl der Lämmer, die in diesen Tagen sich zahlreich eingestellt hatten, indem er dabei bemerkte, der Meister möge doch auch wieder einmal in den Stall kommen und nachschauen. Diethelm wies den Medard mit strengem Blick ab und sagte, er habe jetzt andres zu tun; als er aber dem stechenden Blick Medards begegnete, fügte er hinzu: »Ich komme gleich.« Er überdachte schnell, daß er nichts auf sich kommen lassen dürfe, was als Fahrlässigkeit gegen sein Eigentum erscheinen könne. Sonst hatte er im Winter immer seine besondere Freude an den Schafen gehabt; im Sommer sind sie auf der Weide, dem Auge entrückt, im Winter aber gibt es oft täglich Junge, und stundenlang hatte Diethelm im warmen Schafstall gesessen. Als er jetzt dahin kam, drängten sich alle Schafe auf ihn zu, so daß ihm ganz ängstlich zu Mute wurde, er zählte die Lämmer kaum und machte sich wieder davon.

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