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Die gelehrte Gesellschaft

Ludwig Tieck: Die gelehrte Gesellschaft - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Funfzehnter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1796
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDie gelehrte Gesellschaft
pages22
created20131029
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ludwig Tieck.

Die gelehrte Gesellschaft.

Erzählung.

1796.

 


 

Wildberg saß angekleidet an einem Tische, und war eifrigst bemüht, eine Feder zu zerkäuen. Wer ihn sah, hätte wenigstens darauf schwören sollen, daß dieses sein angelegentliches Geschäft sei, aber im Grunde schrieb er Verse. – Es schlug drei Uhr, und ihm fehlte immer noch der Schluß seines Gedichts, und doch sollte er es um diese Zeit schon seinen guten Freunden vorlesen. Er wünschte selber nichts mehr, als daß es fertig sein möchte, aber es wollte sich ihm zum Trotz das Ende immer nicht finden lassen; denn ein Gedicht in Reimen kann man nicht so behende schließen, als eines, das in Hexametern, oder gar in einem freien Sylbenmaaße geschrieben ist.

Man sagt, daß es kein so ungeduldiges Geschöpf gebe, als einen Dichter, der sein Produkt vorlesen wolle. Einer meiner Freunde, der sich auch für einen Dichter hält, behauptet wenigstens, daß, wenn es auch keine Unsterblichkeit, keinen Nachruhm gebe, ja wenn einem selbst in der Literaturzeitung übel mitgespielt würde, das Vorlesen eines Werks in einer Gesellschaft guter Freunde alles dieses Unglück gewissermaßen vergüte. Wenn dieser Satz wahr ist, so läßt sich Wildbergs Unruhe leicht begreifen; denn eine Minute verging nach der andern, und der Schlußgedanke kam 226 immer noch nicht. Endlich steckte er sein Papier ein, fest entschlossen, entweder nur fünf Strophen seines Gedichts vorzulesen, oder unterwegs seine Phantasie noch anzustrengen.

Die Gesellschaft, zu der Wildberg eilte, bestand aus ihm und drei Freunden, die wir jetzt ganz kurz charakterisiren wollen.

Wildberg war ein Mensch, der viele Verse schrieb, und man hat schon oft behaupten wollen, diese Gattung von Leuten hätte nicht viel Charakter. Er war ein ganz guter Mensch, und seine größte Schwachheit war eben sein Hang zur Dichtkunst, und doch kamen ihm wenige Gedichte, die seinigen ausgenommen, poetisch vor. Er arbeitete sich oft ab, etwas Neues und Originelles hervorzubringen, und wenn er ausging und ihm irgend ein Gedanke einfiel, so fragte er sich gleich, ob er ihn nicht in einem Gedichte anbringen könne; denn sonst hatte er kein Interesse für ihn. – Er theilte die Menschen in zwei Klassen, in diejenigen, denen seine Gedichte gefielen, und in die, die sie schlecht fanden; den letztern traute er wenig Geschmack und auch nicht zu viel Tugend zu. Hätte man ihn dahin bringen können, kein Dichter zu sein, so wäre er gewiß ein desto besserer Mensch geworden.

Das zweite Mitglied des kleinen Klubs hieß Wandel, und war ein sehr gesetzter ernsthafter Mensch. Man hätte ihn durch nichts dahin bringen können, irgend etwas zu thun oder zu unternehmen, wovon er keinen Nutzen absehn konnte. Jeder Umgang, jeder Besuch, jedes Buch, das er las, mußte Einfluß auf ihn haben, und doch hielt er sich für so ausgebildet, daß nichts auf ihn Einfluß haben konnte. 227 Er war einer von jenen Lesern, die nur lesen um zu rezensiren; es giebt Leute, die gar nicht darauf kommen, irgend ein Kunstwerk zu genießen; ihr Vergnügen besteht bloß darin, es zu zerlegen, und zu diesen gehörte Wandel. Er hätte nie an dieser Gesellschaft Theil genommen, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, sich und andre hier bilden zu können; darum wurde bei jeder Zusammenkunft irgend etwas vorgelesen, wenn es auch noch so unbedeutend war, und er erzählte der ganzen Stadt mit wichtiger Miene von der gelehrten Gesellschaft, von der er auch ein Mitglied sei.

Der dritte Freund hieß Birnheim. Er war der auffallendste Contrast gegen Wandel. Er hatte vielleicht in seinem Leben noch gar nicht daran gedacht, daß er eigentlich lebe, und dies irgend einmal ein Ende nehmen müsse; von dem sogenannten Werthe der Zeit hatte er gar keinen Begriff; je schneller sie ihm verging, je lieber war es ihm. Er lachte über alles, und dann am meisten, wenn Wandel zuweilen begehrte, er möchte ihm zu Gefallen nur auf eine Viertelstunde ernsthaft sein, damit er von seiner Freundschaft, oder über das Schicksal, oder etwas dem ähnlichen einen ernsthaften Diskurs führen könne. Einige Leute, die Verstand zu haben glaubten, riethen ihm, Lustspiele zu schreiben, weil er offenbar dazu geboren sein müsse; er aber war noch verständiger und unterließ es; nur der sogenannten gelehrten Gesellschaft zu Gefallen schrieb er etwas nieder, wenn die Reihe an ihn kam; aber nichts Scherzhaftes, sondern er untersuchte dann gewöhnlich auf dem Raum eines halben Bogens, welche Staatsverfassung die beste sei, in wiefern die Reformation 228 Nutzen gestiftet habe und dergleichen; er trug dann Sachen vor, die jedes Kind wußte; aber Wandel hielt diese Aufsätze seines Freundes doch in Ehren, weil er behauptete, sie wären doch das Einzige, woraus man ersehn könne, daß er doch auch einigen Verstand besitze.

Der vierte Charakter war niemand anders, als eine stille melankolische Person, mit Namen Hüftner. Er war in sich zurückgezogen, weil er in der Liebe unglücklich gewesen war; er verträumte das Leben, und so ernsthaft er auch fast beständig aussah, so wenig nahm er doch irgend etwas ernsthaft. In seinen Aufsätzen für die Gesellschaft zwang er sich immer spaßhaft zu sein, weil er sich Witz zutraute.

Bei jeder Zusammenkunft zankten die Mitglieder, weil sie einander so unähnlich waren, und jedesmal klagten sie darüber, daß in Deutschland doch eine gar zu große Aehnlichkeit der Charaktere herrsche. In keinem einzigen Satze waren sie einerlei Meinung, außer in diesem. Wildberg trat jetzt herein, duckte sich schnell in eine Ecke, und schrieb die letzten Verse seines Gedichtes nieder, weil er sie wirklich unterwegs ausgearbeitet hatte. Alle waren neugierig, und um noch länger seine Bewunderung zu genießen, fing er erst an, etwas darüber zu sagen, was er durch dieses Gedicht habe ausdrücken wollen.

Die Ueberschrift, sagte er, heißt das Meer. Ich habe nämlich fingirt, daß ich mit einigen guten Freunden oben auf einer Klippe stehe, die sich über die unermeßliche See hinüberbeugt.

Wie kamen Sie aber dazu, rief Birnheim aus, Sie waren doch wahrscheinlich auf ebner Erde, in Ihrer Stube, als Sie es schrieben.

229 Das ist nun kein Einwurf, sagte Wandel, das ist ja nichts, als eine poetische Voraussetzung, die erste Bedingung. Denn sonst könnte man ja bei jedem Gedichte etwas Aehnliches fragen.

Ich frag' es auch immer, sagte Birnheim.

Wandel. Dann müssen Sie auch keine Dichter lesen –

Birnheim. Es geschieht auch nicht –

Wandel. Wie Sie wollen; aber lassen Sie uns wenigstens hören, was unser Freund gedichtet hat. – Aber mit Ihrer Erlaubniß, lieber Wildberg, es ist mir schon oft so gegangen, daß ich in der Ankündigung eines Dichters mehr sah, hörte und empfand, als im Gedichte selbst; ich sah Sie jetzt zum Beispiel mit Ihren Freunden da oben auf der Klippe ganz deutlich stehn, wie Sie sich hinüber beugten, das Meer rauschen zu hören und sich vor seiner Gewalt entsetzten; aber es kann leicht sein, daß ich bei Ihren Gefühlen darüber nichts empfinde –

Birnheim. Weil es in der Stube par terre geschrieben ist?

Wandel. Nicht grade deswegen, sondern weil alle Gemälde mehr auf meine Phantasie wirken und durch sich selbst Empfindungen in mir erregen; wenn ich aber Empfindungen hingestellt sehe, so bleibt meine Phantasie dabei ungerührt und meine ganze Seele müßig. So hat mich schon oft ein Auszug aus einem Trauerspiele, wenn ich las: nun erscheint der und der in höchster Wuth oder Traurigkeit – mehr gerührt, als das wirkliche Trauerspiel – Aber lesen Sie nur, lieber Wildberg.

230 Wildberg setzte sich nieder und las mit vielem Pathos folgendes Gedicht:

Das Meer.
1.
                Auf hoher Felsenkante,
Der Menschheit Abgesandte
Stehn wir und opfern Gott Gesang.
Ihm tönen Jubellieder
Im Namen unsrer Brüder
Für alle Pracht der Erde Dank.
 
2.
In allgewalt'ger Schaale
Dem heiligen Schicksale
Schäumt unter uns das weite Meer.
In lachend heit'rer Stille,
Im wilden Sturmgebrülle
Ist's immer heilig, groß und hehr.
 
3.
Und Gottes Bild, der Himmel,
Schaut in der Fluth Gewimmel
Mit unbewegtem Aug' hinein:
Er beugt sich freundlich nieder,
Mit blauem Glanzgefieder
Schließt er die Fluth umarmend ein.
 
4.
Wie diese regen Wellen
Gedrängt sich treibend schwellen, 231
So wallt der Menschen großes Meer:
In hoher Tugend Siege,
In schwarzer Laster Kriege
Stets groß und wundervoll und hehr.
 
5.
Drum laßt uns, gleich dem Himmel,
Ins wilde Weltgetümmel
Mit sonnenhellem Auge sehn;
Fest an der Menschheit hangen,
Die Welt mit Lieb' umfangen
Und liebend, liebend untergehn.
 
6.
Laßt länger hier uns harren,
In Meer und Himmel starren,
Bis jede Fiber fühlend schwillt;
Und segnet das Entzücken,
Das unsern trunknen Blicken,
Aus dir, Natur, geheiligt, quillt.

Er hatte geendigt und war begeistert, Wandel schüttelte mit dem Kopfe; Birnheim lachte aus vollem Halse, Hüftner weinte.

Wildberg wunderte sich über die verschiednen Wirkungen, die seine Phantasie hervorgebracht hatte. Wandel trat auf ihn zu.

Lieber Freund, fing dieser an, mich dünkt, daß sich gegen Ihr sonst vortreffliches Gedicht noch sehr vieles aussetzen ließe; die Sprache darin ist nicht korrekt, die Darstellung nicht deutlich, die Bilder sind gesucht, das 232 Ganze ist nicht poetisch klar, sondern es schillert gleichsam nur so –

Wildberg. Und das Vortreffliche?

Wandel. Läßt sich demohngeachtet nicht läugnen. – Sie hätten uns aber das Meer individueller beschreiben sollen, sich etwas darauf einlassen, daß das Wasser eins von den vier Elementen sei, die Allegorie etwas mehr vermeiden müssen; kurz –

Wildberg. Ein ganz ander Gedicht schreiben.

Wandel. Nein, das will ich grade nicht sagen; aber Ihr Genie bequemt sich zu wenig nach der Kritik.

Aber warum lachen Sie so sehr, wenn es zu fragen erlaubt ist, sagte Wildberg zu Birnheim.

Nicht über Ihr Gedicht, wahrlich nicht, antwortete Birnheim, – denn ich habe es gar nicht einmal zu Ende gehört. Es sind nur einige Erinnerungen, die sich bei mir so frisch erneuerten. Lesen Sie doch einmal gleich den Anfang.

Wildberg las:

Auf hoher Felsenkante
Der Menschheit Abgesandte

Nun, was ist denn da zu lachen?

Birnheim. Und dann in der zweiten Strophe –

Wildberg.

In allgewalt'ger Schale
Dem heiligen Schicksale –

Nun, was ist denn darüber zu lachen?

Birnheim. Nichts, wenn Sie wollen, und doch möchte ich vor Lachen ersticken. – Ich sehe schon, ich muß Ihnen die ganze Geschichte erzählen.

Schon als ich noch auf der Schule war, war mir das ernsthafte Wesen meiner Mitschüler zuwider. Ich 233 machte immer heimlich kleine Komplotte, mit denen ich, ohne entdeckt zu werden, manchen lustigen Streich ausführte.

Es war jetzt die Zeit gekommen, daß ich zur Universität abgehn sollte; eine Periode, die allen Menschen sonst sehr wichtig vorkömmt, aber mir war es nur lächerlich. Unser Rektor war ein alter, ernsthafter Mann, der uns den Schritt, den wir jetzt thäten, nicht erschrecklich genug vormalen konnte; um uns vor Verführungen zu sichern, las er denen, die zur Universität abgehn wollten, ein eignes kleines, äußerst nützliches und langweiliges Kollegium, worin er uns vor tausend Sachen warnte, vor denen wir uns schon auf der Schule nicht mehr gefürchtet hatten.

Er hatte sich einige Worte angewöhnt, die er ungemein gern in seinen Reden anbrachte; so sprach er oft von der Menschheit, und suchte uns diesen Begriff und seine Wichtigkeit recht deutlich auseinanderzusetzen, er verband damit die Humanität und die Stelle des Terenz, Homo sum etc. Er wollte uns durch seine Erklärungen eine hohe Ehrfurcht vor uns selber beibringen. Um dies noch bequemer zu bewerkstelligen, flochte er damit die Idee vom Schicksal zusammen, wie es die ganze Menschheit sowohl, wie auch den einzelnen Menschen leite, ihn nicht aus den Händen lasse und dergleichen mehr.

Ich war damals sehr jung, und mir kamen diese Vorstellungen so stolz vor, daß ich nicht im mindesten daran glauben konnte. Dergleichen Ideen sind den Menschen überhaupt vielleicht fremd, und ich ging nur noch einen Schritt weiter, und fing an, darüber zu spotten.

234 Ich schilderte die Menschheit wie einen Bär, den das Schicksal an einer Kette führe und Künste machen lasse; von den Zuschauern, sagte ich, wisse man nichts, das Schicksal übe sich vielleicht nur an den hiesigen Menschen im Lenken, um eine entstehende vornehmere Welt desto besser zu regieren. Es wäre vielleicht vernünftiger, wenn nicht so oft von Schicksal und Unsterblichkeit gesprochen würde, denn man denke sich gar zu selten etwas dabei.

Ich muß meine Thorheit gestehn, ich hatte ein eignes kleines Marionettentheater erbaut und Figuren geschnitzt, mit denen ich durch Hülfe eines Freundes Stücke aus dem Stegreife aufführte. Die Marionetten wurden von oben mit Fäden regiert; der Hanswurst repräsentirte die reine Menschheit, und ohne, daß er es wußte, war er mit dem einen Beine, vermittelst eines Fadens, an eine verschleierte unförmliche Gestalt befestigt. Wenn er nun seinen guten Freunden versprach, sie im Gasthofe zu besuchen, oder wenn er Gevatter stehn sollte, und eben im Begriff war abzugehn, ward er von der unförmlichen Figur plötzlich zurückgezogen, so daß er selbst nicht wußte, woran er war. Wenn er dann ausgescholten ward, so entschuldigte er sich immer mit seinem Schicksale, und daß er keinen freien Willen habe. Nun sollte er dies wunderliche Schicksal beschreiben, er quälte sich lange und konnte es nicht; er sagte, er spüre es immer am Beine, wie es ihn ziehe. Er bat seine Freunde inständigst, ihm davon zu helfen und einen freien Willen zu verschaffen.

Zwei darunter, die Philosophen sind, beschließen, ihm beizustehn; sie sagen, sie kennen eine Göttin, die 235 alles möglich machen könne. Sie machen sich auf den Weg.

Diese Göttin ist Niemand anders, als die Philosophie. Sie müssen unterwegs über viele mathematische Figuren steigen, weil es ein alter Tempelwärter Plato so haben will, sie kommen in ein Land, wo man eine andre Sprache spricht, die sie auch lernen müssen, eine ganze Scene hindurch hört man nur von A plus B minus C. u. s. w.

Sie haben einen Wagen bei sich, und müssen auf diesen eine Menge unförmlicher Bedienten packen, Barbara, Celarent, Dario, Ferient und andre. – Sie kommen nun zum Tempel der Philosophie.

Die Bedienten müssen absteigen, den Tempel aufmachen, sie melden und dergleichen mehr. Die Göttin sitzt auf einem Throne und fragt was sie wollen; sie tragen Ihr Gesuch vor. Sie läßt sich von den mitgekommenen Bedienten allerhand Packete reichen, um Ihre Reden recht vernünftig einzurichten: alles ist voller Erwartung.

Sie beweißt nun weitläuftig, indem die Bedienten auf ihre Winke hin und her laufen, daß die Abgesandten der Menschheit ziemlich ohne Noth gekommen wären, denn obgleich Hanswurst mit Einem Beine an das Schicksal gebunden sei, so habe er dennoch seinen freien Willen. Die Gesandten können es nicht begreifen, sie repetirt ihren Beweis in allen Formen, die Gesandten geben ihr aus Ueberdruß Recht, und lassen sich am Ende alles in Paragraphen schreiben, um ihren unzufriednen Freund desto besser zu überführen.

Die Gesandten sind nun von dem Geschwätz der Göttin so betäubt, daß sie den Rückweg zur armen 236 simplen Menschheit gar nicht finden können; der eine verläuft sich in einem Dilemma, und sein Gefährte kann ihn anfangs gar nicht wieder finden. Nach vielen Strapazen kommen sie zurück, sie wollen Hanswurst trösten; aber dieser versteht ihre Sprache nun gar nicht; er klagt über das Bein, die Bedienten wollen ihn losmachen, die Paragraphen werden ihm vorgelesen, daß er nothwendig schon einen freien Willen haben müsse. Die Bedienten fassen ihn so ungeschickt an, daß er umfällt, er wird böse, er glaubt endlich, er sei losgebunden, will nach dem Wirthshause, das Schicksal zieht ihn zurück; er sieht in der Ferne Goldstücke liegen, er will hineilen, sie aufzuheben und wird wieder zurückgezogen. Er fällt in Verzweiflung und schimpft auf die Philosophie, die Abgesandten, und die ungeschickten Bedienten. Die Gesandten finden sich beleidigt, sie sagen, sie hätten ihm ja gesagt, daß er noch unter dem Schicksale stehe. Hanswurst erzählt, es habe ihm das Bein bald abgerissen. Die Gesandten behaupten, er habe aber demohngeachtet seinen freien Willen, er müsse nur immer das wollen, was er könne. Hanswurst wendet ein, das sei eine schlechte Kunst, es gehe ihm also, wie dem angebundenen Schweine, das auch die Erlaubniß habe, mit seinem freien Willen hinzugehn, wohin es wolle, wenn es nämlich nach dem Schlachthause grade hinlaufe; er behauptet, daß sie elende Gesandten der Menschheit wären, sie hätten seine Sache schlecht verfochten. Das Stück schloß nun mit einigen Versen.

Ein reicher Mitschüler hatte uns den Abend vor dem öffentlichen Examen zu sich eingeladen, der Wein hatte uns munter gemacht, und ich führte das beschriebene Stück auf, an dem einige ein großes Aergerniß 237 nahmen. Ich war ganz begeistert, und wurde es beim Abendessen noch mehr; es fehlte wenig, so war ich ganz betrunken; einigen andern war es eben so ergangen, und wir machten uns nun taumelnd und singend auf den Weg nach Hause. Das possenhafte Marionettenspiel steckte noch allen im Kopfe, das Wort Schicksal und Menschheit schwebte uns immer aus der Zunge. Mit meinem Direkteur trennte ich mich endlich von den übrigen, und als wir Abschied nahmen, sagten wir, wir müßten nach Hause gehn, wenn uns das Schicksal dahin führen wollte.

Es kam aber anders; eine alte Frau begegnete uns mit einer Blendlaterne, wir waren böse darüber, weil wir selber ohne Laterne gingen; um uns also alle drei in einen gleichen Zustand zu setzen, zerschlugen wir die Laterne ohne weiteres Bedenken: eine Wache ging grade vorbei, und nahm uns nach einem kurzen Wortwechsel in ihre Mitte. Weil ich von je die unnützen Fragen geliebt habe, so erkundigte ich mich, wo man uns hinbringen wollte; der eine Soldat antwortete: es wäre unser Schicksal, daß wir in die Wache wandern müßten, weil wir Unfug angerichtet hätten; einen alten Mann hätte das Schicksal auch schon dorthin gebracht, weil er auf öffentlicher Straße Tobak geraucht habe, welches verboten sei; er wolle durchaus nicht bekennen, wer er sei. Ich mußte lachen.

Wir kamen in die Wache, die ein Unterofficier kommandirte, der beinah so that, als wenn er unser Schicksal beklagte. Wir sahn uns genauer um, und entdeckten zu unserm Erstaunen unsern Rektor, der trübselig in einer Ecke saß, und still vor sich von Menschheit und 238 wunderlichen Schicksalen murmelte. Er mußte auch getrunken haben; denn er kannte uns beide nicht.

Als wir anfingen, etwas nüchterner zu werden, wollte uns der Spaß nicht mehr so recht gefallen; wir fragten zu wiederholtenmalen, ob wir denn dort bleiben müßten, morgen sei ein wichtiger Tag für uns, wir müßten fort. – Der Unteroffizier antwortete ganz kaltblütig, wenn uns das Schicksal nicht hinaus führte, so müßten wir hier bleiben. Ich kam auf eine Vermuthung. Ich drückte ihm zwei Thaler in die Hand, und wir konnten nun gehn, wohin wir wollten; der Rektor folgte unserm Beispiele, und so führte uns das Schicksal Alle ins Freie.

Die Luft machte mich und meinen Gefährten von neuem betrunken. Wir waren in einer unbekannten Straße, wir konnten uns durchaus nicht zurecht finden. Wenn uns das Schicksal nicht nach Hause bringt, sagte ich, so müssen wir die ganze Nacht herumlaufen, denn es geht Niemand mehr auf der Straße. Zum Glück fuhr ein lediger Miethswagen vorbei, für ein gutes Trinkgeld setzte er jeden vor seinem Hause ab.

Am andern Tage war das Examen. Eine glänzende Versammlung hörte zu, wie man uns unsre Kenntnisse abfrug; die Väter waren gerührt, manche schliefen; der Rektor wollte nun noch einige Bücher als Prämien austheilen, uns zur Universität Abgehende ermahnen, und mit einer kurzen rührenden Anrede entlassen. Das Gesumme von Menschen hatte mich schon etwas verwirrt gemacht; der Rektor fing seine Rede an, und sagte gerührt: wie das Schicksal die Menschheit an Fäden regiere; – aber plötzlich mußte ich und mein Freund so laut lachen, 239 daß wir die Rührung der ganzen Versammlung unterbrachen; der Rektor schloß seine Rede schnell, gab nun keine Prämien und sagte, daß wir uns selbst dies Schicksal zugezogen hätten.

Sehn Sie, das sind die Ursachen, warum ich über das Schicksal im Gedicht und über die Abgesandten der Menschheit habe lachen müssen.

Es läßt sich fast denken, sagte Wandel, aber Sie werden mir doch auch zugeben, daß in Ihrem Marionettenspiele kein rechter Menschenverstand gewesen ist.

Von Herzen gern, sagte Birnheim, wenn's weiter nichts ist.

Ich werde nie mehr, sagte Wildberg empfindlich, die lächerliche Prätension machen, daß Sie von irgend einem Gedichte gerührt werden sollen.

Hüftner saß noch immer in der Ecke und weinte, er hatte nach Birnheims frivoler Erzählung gar nicht hingehört; Wildberg näherte sich ihm jetzt mit einem zufriednen Gesichte und sagte: Sie scheinen, lieber Freund, den Sinn meines Gedichts gefaßt zu haben, es hat Sie fast zu sehr angegriffen.

Nehmen Sie's nicht übel, sagte Hüftner, daß ich meinen Empfindungen so freien Lauf lasse. –

I, es ist ja außerordentlich schmeichelhaft für mich. – Aber sagen Sie mir doch, durch welche Stelle Sie so ganz vorzüglich sind frappirt worden.

Durch die ersten beiden Verse –

Wie?

Ja, wollen Sie die Güte haben, den Anfang zu lesen, so will ich Ihnen auch sagen, wie es auf mich gewirkt hat.

240 Wildberg las:

Auf hoher Felsenkante
Der Menschheit Abgesandte
Stehn wir –

O! schon genug! rief Hüftner, das andre habe ich vor Schmerz gar nicht mehr gehört.

Wie, diese beiden unzusammenhängenden Verse haben Sie zum Weinen gebracht?

Nicht anders; aber hören Sie mir nun auch zu, damit Sie mich nicht für ganz wahnsinnig halten. – Sie wissen, daß ich vor einem halben Jahre unvermutheterweise zu einer reichen Erbschaft kam, und daß ich vorher in einer drückenden Dürftigkeit lebte. – Ich wurde, weil meine Aeltern früh gestorben waren, ohne Vermögen zu hinterlassen, von einem reichen aber äußerst wunderlichen Onkel erzogen. Der Mann vereinigte fast alle seltsamen Launen in sich, die uns sonst schon einzeln bei den Menschen auffallen. Er liebte mich außerordentlich, er fiel daher darauf, mich weder in eine Schule zu schicken, noch mir Hauslehrer zu halten, sondern er wollte mich selbst unterrichten. Er hatte mancherlei Kenntnisse, er war unermüdet, er lernte selbst mehreres wieder, was er schon längst vergessen hatte.

Vorzüglich eifrig war er, mir die französische Sprache beizubringen. Ich mußte täglich lesen und übersetzen: in einem dieser Exercitien kamen zufälligerweise die Wörter Envoyé und Ambassadeur vor; ich übersetzte beides durch Gesandte. Er las und schüttelte den Kopf, er tadelte mich, ich schlug ihm das Wörterbuch auf und behauptete, die deutsche Sprache 241 mache darin keinen solchen Unterschied. Er wunderte sich, schimpfte auf die deutsche Sprache, und zog sich nachdenkend in sein Zimmer zurück. Nach einer halben Stunde ohngefähr kam er wieder zu mir und sagte freundlich, daß es allerdings doch einen Unterschied gebe, oder wenn er auch in der Sprache nicht gegründet sei, so wolle er ihn hiermit erfunden haben. Ich solle nämlich für Envoyé Gesandter und für Ambassadeur Abgesandter setzen. Ich that es, und er machte mir es nun zur unumstößlichen Regel, diesen Unterschied auf immer beizubehalten; ich vergaß es einigemal, und es wurde mir sehr hart verwiesen; noch mehr, als ich nachher das Wort Botschafter, was richtiger war, für Ambassadeur und Abgesandter einschwärzen wollte.

Der Unterschied dieser Worte war mir am Ende so gewöhnlich und trivial, daß ich mich eben deswegen in Acht nehmen mußte, sie nicht zu verwechseln, denn mein Onkel konnte darüber Wochen lang auf mich böse sein.

Ich war zwanzig Jahr alt geworden, mein Oheim war schwächlich, er hatte sein Testament gemacht und mir zu verstehn gegeben, daß ich sein Universalerbe sei. Die ganze Stadt wußte es ebenfalls, und ich stand daher bei allen Vätern und Müttern in einem großen Ansehn. Ich hatte mich verliebt, und zwar in die Tochter eines reichen Kaufmanns. Henriette liebte mich wieder, und die Mutter war mir sehr gewogen; ich war endlich dreist genug, mich zu erklären, und der Vater gab mir auch seine Einwilligung. Von meinem Glück berauscht, flog ich zu meinem Oheim, 242 ich will ihm alles entdecken; aber da ich bemerkte, daß er verdrüßlich ist, verschwieg ich es noch. Er frägt nach Neuigkeiten; zu meinem Unglück muß ein Ambassadeur denselben Tag angekommen sein, ich erzähle von ihm, denke dabei an Henrietten, und nenne ihn in dieser Zerstreuung Gesandten.

Der Zorn meines Oheims war unbeschreiblich; er sagte, er könne sich nicht auf einen Menschen verlassen, der ihm zu Liebe nicht einmal diese kleine Aufmerksamkeit habe; ich mußte mich von seinem Bette aus dem Zimmer entfernen. – Einige Tage darauf starb er; er hatte vorher ein andres Testament gemacht, worin er mich völlig enterbte.

Henriette weinte, ihr Vater that ganz fremd gegen mich; er verbot mir sein Haus. Ich kam hieher und lebte in der größten Dürftigkeit, bis ich vor sechs Monaten so glücklich war, ein ansehnliches Vermögen zu bekommen.

Seit vier Jahren habe ich nun nichts von Henrietten gehört; ich habe es nicht gewagt, mich nach ihr zu erkundigen, weil ich die Nachricht ihrer Verheirathung oder ihres Todes fürchtete; jetzt habe ich eine Reise nach meiner Geburtsstadt von einer Woche zur andern aufgeschoben. – Sie lasen daher kaum den Anfang Ihres Gedichts, so fiel mir all mein Unglück bei, und so träumte ich immer weiter, bis ich endlich in Thränen ausbreche.

Seltsam genug! sagte Wildberg, – aber sagen Sie mir nur zum Henker, was ein Dichter unter 243 diesen Umständen mit seiner Sprache anfangen soll? – Man möchte es ja verschwören, Verse zu machen, wenn jeder Mensch etwas anders dabei denkt. Da hat es der Maler und Bildhauer denn doch bequemer.

Am Ende, sagte Birnheim, sieht auch jeder die Farben anders.

Ich habe also, seufzte Wildberg, das Gedicht nur allein für mich geschrieben.

Und sich obenein noch etwas dazu gezwungen; sagte Birnheim.

Der Zank der gelehrten Gesellschaft würde ohnfehlbar ausgebrochen sein, wenn sie nicht auf einen Wagen aufmerksam gemacht worden wären, der vor dem gegenüberstehenden Gasthofe hielt. Ein Bedienter sprang vom Bock und half zwei Frauenzimmern heraus.

Himmel! rief Hüftner, es ist Henriette und ihre Mutter.

Er bedachte sich einen Augenblick, dann eilte er hinüber. Die Damen hatten kaum ihr Zimmer eingenommen, als Hüftner schon vor ihnen stand.

Ich übergehe die zärtliche Scene; Henriette war ihm treu geblieben, der Vater war gestorben, Mutter und Tochter waren auf der Reise zu einem Verwandten, und äußerst erfreut, den alten Liebling ihres Hauses wieder zu finden.

Unsre Gesellschaft wird zerrissen, sagte Birnheim, als er es hörte; Hüftner reist fort und will wieder in seiner Geburtsstadt wohnen.

244 Giebt es denn eine Gesellschaft? rief Wildberg erhitzt, – haben wir denn eine Gesellschaft ausgemacht? Wir wollen ein neues Mitglied annehmen, das bei dem Worte Abgesandter nießen muß, so ist seine Stelle doppelt ersetzt.

 


 








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