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Die Geißler

Otto von Corvin: Die Geißler - Kapitel 8
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authorOtto von Corvin
titleDie Geißler
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Der Hang zur Grausamkeit.

Wir wenden uns nun von diesen unschuldigeren Arten von Schlägen wieder zu jenen Streichen, die mit der Absicht ertheilt werden, am Andern eine ihm recht empfindliche, ihn demüthigende Vergewaltigung zu verüben. Oft geschieht dies nur aus falschem Gerechtigkeitsgefühle, man glaubt nur ein Vergehen strafen zu müssen und bedauert, hierzu das Mittel der Schmerzzufügung nöthig zu haben. Nicht selten jedoch schleicht sich hierbei, ja selbst wo gar kein Grund zum Strafen vorliegt, eine unreine Leidenschaft ein, die an der Verursachung fremder Schmerzen ein förmliches Labsal empfindet, und die Grausamkeit wird zu einem Gegenstande der Wollust. Der Abschnitt »Allgemeine Prügelschau« weist genug Beispiele hierfür auf, besonders von Frauen. Ja, wir sind berechtigt, anzunehmen, daß bei den Greueln, die von katholischen Priestern verübt oder begünstigt wurden, sei es nun zu Straf- oder zu angeblichen Heilzwecken, die Grausamkeits-Wollust ganz wesentlich mitspielte.

Es ist über diesen dunklen Punkt wohl schon hier und da philosophirt worden, ohne daß man ihn jedoch in ein recht klares Licht zu setzen vermocht hat. Mir will scheinen, daß das Wohlgefallen an fremden Leiden und folglich besonders an der Verursachung fremder Leiden enge zusammenhängt mit dem ganz natürlichen Streben des Einzelnen, das in ihm lebende Prinzip zu möglichst weiter Geltung zu bringen, oder anders gesagt, seine Umgebung sich zu verähnlichen. Wer darum in sich wegen der Reinheit seiner Seele eine unerschöpfliche Quelle inneren Glückes hat, der strebt aus diesem Grunde, stets Glück zu verbreiten; wem aber bei seiner inneren Zerrissenheit die Brust von seelischem Elende gleichsam zerfressen wird, der trachtet deswegen, auch Andre in möglichsten Jammer zu stürzen. Er will sich nicht allein darin sehen, er will in seiner Hölle Gesellschaft haben. Es ist ihm ein Trost, eine Erleichterung, auch Andere, und so sehr als möglich, Qual erleiden zu sehen, weil seine, wenn auch nur seelischen, Qualen ihm dadurch verhältnißmäßig geringer erscheinen.

Während daher gesunde und starke Menschen meist gutmüthig und mitfühlend sind, findet man Grausamkeit mehr als Begleiterscheinung von Schwachheit oder Krankhaftigkeit. Hier ist eine innere Leere, die vollgesogen sein will, während der Gesunde und Starke seine Gewalt nur da anwendet, wo es gilt, sich zu behaupten oder dem Unrecht entgegenzutreten. Somit giebt es denn wohl auch mehr grausame Weiber als Männer, wenngleich die weibliche Grausamkeit vor der Welt weit seltener als die der Männer entschleiert wird.

Die Thatsache, daß es ungefähr vier Mal so viel männliche als weibliche Verbrecher giebt, erklären die italienischen Gelehrten Lombroso und Ferrero aus der Beschaffenheit der weiblichen Natur. Das Weib ist schwächer als der Mann. Auf dem Lande, wo es kräftiger ist, wird denn auch der Unterschied zwischen ihm und dem Manne hinsichtlich der Verbrechen geringer. Alsdann erklären Geschlecht, Mütterlichkeit und Mitleid obige Thatsache. Das Weib hat weniger Bedürfnisse; die Liebe führt es weniger leicht zu Verbrechen als den Mann. Die Liebe beherrscht das ganze Leben des Weibes, während sie beim Manne nur zeitweise vorherrscht, aber dann ist sie desto mächtiger. Ferner steht das Weib an Geisteskraft hinter dem Manne zurück. Diese beiden Forscher erkennen mithin in der Ausbildung des Geistes keine Gewähr gegen das Verbrechen. Im Gegentheil, der Verstand entwickelt sich schneller als das sittliche Gefühl. »Welche Verbrecher würden in der That die Kinder sein, die grausamen, selbstsüchtigen, rachsüchtigen, wenn sie mehr Kraft und Verstand besäßen.«

Es gehört Erfindungskraft zum Verbrechen, und die fehlt den Frauen so sehr, daß manche nur nicht auf den Gedanken verfallen, eins zu begehen. Ferner hat das Weib weniger Laster und Leidenschaften; Trunk und Spiel beispielsweise treiben es nicht zum Verbrechen. Schließlich hat die natürliche Zuchtwahl das Weib sanfter gemacht, denn der Mann bevorzugt ein sanftmüthiges Weib.

Wo sich indessen zu der Schwäche des Weibes auch Raffinirtheit gesellt, ohne daß das Gefühl veredelt wurde, da zeigt sich mitunter eine um so teuflischere Grausamkeit. Mrs. Montague ist eine verhältnißmäßig junge und hübsche Frau, trotzdem hat sie nicht nur an ihren Kindern, sondern auch an stummen Thieren grausame Handlungen verübt. Jugend und Schönheit sind also keine Bürgen gegen Grausamkeit, und grade in jungen Müttern sind die Leidenschaften um so stärker und können sich um so leichter und furchtbarer auslassen, da die Kinder kleiner und hilfloser sind. Denn die Grausamkeit liebt Schwäche. Grade die Schwäche, welche das Mitleid des starken Mannes erregt und ihn um Schutz anfleht, stellt der herzlosen Frau Straflosigkeit in Aussicht. Es liegt in der eigenen Schwäche der Frauen begründet, daß sie vorwiegend sprachlose Thiere oder hülflose Kinder zu Opfern ihrer Leidenschaft auslesen.

Daß es weniger weibliche als männliche Verbrecher giebt, braucht nicht in erster Reihe an der mangelnden Verstandes-Ausbildung zu liegen. Dem Weibe fehlt auch mehr die Gelegenheit, es hat einen beschränkteren Wirkungskreis und endlich eine reinere, bessere Natur. Wenn aber Frauen einmal auf die Bahn des Verbrechens gerathen, so sind sie den Männern an Gewissenlosigkeit, Lasterhaftigkeit und Verhärtung des Gemüthes weit überlegen. Weibliche Gefangene sind meistens viel schwerer zu behandeln als männliche; sie sind verschmitzter, durchtriebener und rachsüchtiger. Und so dürfte es weniger Beschränktheit als grade die mehr in's Kleine und Einzelne eindringende Verschlagenheit sein, wodurch Frauen vom Verbrechen zurückgehalten werden. Denn ein Verbrechen ist gewöhnlich ein Mißgriff, etwas Thörichtes; allermeist wird die Entdeckung eines Verbrechens im Allgemeinen durch irgend eine Gedankenlosigkeit oder ein Versehen herbeigeführt. Hätte Mrs. Montague ihr Töchterchen nicht in einer höchst unvorsichtigen Weise gefesselt, so wäre die von der unmenschlichen Mutter verübte Quälerei wahrscheinlich niemals entdeckt worden.

Die Selbstbeherrschung im Interesse der Gesellschaft begreifen verständige Leute als eine Nothwendigkeit. Daher zügeln sie ihre Leidenschaften und unterdrücken ihre schlechten Triebe. Frauen dagegen, die unter dem Deckmantel irgend eines Erziehungs-Grundsatzes handeln, lassen ihrer Grausamkeit freien Lauf, und alsdann steigert sie sich in's Krankhafte. Kleine Mädchen sind oft ebenso grausam wie Knaben. Man sah Mädchen, welche Kätzchen mit Stecknadeln stachen, um zu beobachten, ob sie Schmerz fühlten – allerdings garkeine andre Handlung, als sie der vivisecirende Professor, der eine Physiologie des Schmerzes schreiben will, an zahllosen Hunden und Kaninchen verübt. Die Grausamkeit bei Kindern ist häufig nur auf ihre Unwissenheit zurückzuführen, doch wird sich in Kindern einer grausamen Mutter nicht leicht ein zarteres Mitgefühl entwickeln.

Mit der Hilflosigkeit ihres Opfers nimmt auch die Grausamkeit einer Frau zu, sie artet zuletzt in wahre Teufelei aus. Kann es etwas Grausameres geben als die Zunge einer Frau? Wie vermag sie zu zerreißen und zu verletzen, die wunden Stellen aufzusuchen, den Charakter in Stücke und den guten Ruf in Fetzen zu reißen! Wer ist grausamer, als die schöne, geliebte Frau, die, eine Kokette vom Scheitel bis zur Sohle, sich nichts aus dem Liebhaber macht! Wie ergötzt sie sich daran, ihr Opfer bis zum Wahnsinn zu quälen, während sie die Wirkung ihrer Worte und Blicke durch die katzenartigen Augen beobachtet, bis sie glaubt, weit genug gegangen zu sein, und alsdann von ihrem herzlosen Spiel abläßt, um den Unglücklichen durch wohlberechnetes Bedauern wieder zu besänftigen! Wie strenge regiert sie über den, der sich einmal unter ihr Scepter gebeugt hat; wie läßt sie alle Grillen und Launen an ihm aus; wie leichtsinnig bricht sie sein Herz und raubt ihm dadurch den Glauben an das weibliche Geschlecht!

Frauen lieben die Macht noch mehr als Männer, obgleich sie meistens gezwungen sind, das Verlangen danach zu verdecken. Und dies unterdrückte Verlangen nach Macht ist eine Quelle von vielem Bösen.

Ein Kindermädchen in London, dessen Namen wir nicht verewigen helfen wollen, gestand, sie habe für die Tödtung von Kindern und Thieren keine anderen Beweggründe, als das seltsame, wahnsinnige Vergnügen, was sie dabei genösse. Sie war befriedigt, wenn sie die Todesqualen sehen konnte. Sie hatte ihrer vermeintlich angeborenen Neigung zu Todtschlag jahrelang vor der Entdeckung ihrer Verbrechen gefröhnt und ihr im Geheimen viele Opfer gebracht.

Eine in einem deutschen Krankenhaus angestellte Wärterin wurde ebenfalls nur von einer rücksichtslosen Neugierde getrieben, die Todesqualen der hilflos daliegenden Kranken, die ihrer Pflege anvertraut waren, mit anzusehen. Bei ihrer Verhaftung bekannte sie offen, eine große Anzahl Hospitalkranker gemordet zu haben.

A.J. Davis, ein amerikanischer Leib- und Seelen-Arzt von reicher Erfahrung und großen Verdiensten, dem ich auch die beiden eben angeführten Fälle entnehme, kennzeichnet solche grausamen oder mordsüchtigen Weiber folgendermaßen: Ihre Neigungen schlagen von klein auf leicht in Naturwidrigkeiten um. Sie sind unmäßig und unbeständig in ihren Geistesthätigkeiten. Sie haben Perioden großer Trägheit und Gleichgültigkeit, Neigung zur Ueberschätzung ihrer selbst und zu plötzlichem Trotze, üble Laune bei der geringsten Veranlassung, sind selbstsüchtig, gegen sich selbst sehr nachsichtig, dabei mißtrauisch gegen ihre Lebensgefährten und Freundinnen. Ihr Appetit wechselt, ihr Gesichtsausdruck ist kummervoll; manche sind zu Zeiten verstimmt und mürrisch. Bei alledem aber zeigen sie ein freundliches Gesicht und eine herzgewinnende Seite in ihrer Gesinnung, die nicht leicht eine Lust an Schmerzbereitungen vermuthen läßt.Davis, Der Tempel. Deutsche Uebers. v. Dr. G. v. Langsdorf Leipzig, Besser. S. 302.

Klares Verstandes-Bewußtsein mag vorhanden sein, selbst während die persönliche Willenskraft machtlos und vielleicht bewußtlos ist. Es giebt, sagt Davis, eine Art geistiger oder sittlicher Epilepsie, die, wenn sie den Menschen befällt, ihn unfähig macht, einen langsam reifenden Trieb zur Verübung von Tätlichkeiten und Verbrechen in sich zu erkennen; er verfällt hoffnungslos einem Schicksal, das er sich selbst gewoben hat. Diese Erscheinung entwickelt sich besonders bei reizbaren weiblichen Personen, aber sie kommt auch bei Männern von sonst guter Gemüthsart vor. Die höheren Gehirnwerkzeuge werden plötzlich des ihnen nöthigen Nervensaftes beraubt und wirken ganz wie bei der gewöhnlichen Fallsucht. Eine Zusammenziehung der leitenden Gefäße sperrt augenblicklich das Blut ab. Sobald es dann wieder hinzutreten kann, hört der Anfall auf.

Wenn wir nun bedenken, wie wenig naturgemäße Gesundheitspflege nach den heutigen Begriffen bei jenen Mönchen, Nonnen und anderen frommen Leuten in Uebung war, wie sie in engen Zellen verschlossen lebten und ihren Körper durch unmäßiges Fasten und auf alle sonstigen Arten mißhandelten, so ist hierdurch allein schon ihre Neigung zu Wahn-Ideen und allen möglichen geistigen und sittlichen Ausschreitungen erklärt. Und wie Manchen mag der unfreiwillige Hunger noch heute schon dadurch zum Verbrechen hinreißen, daß in seinem Gehirn, in Folge der mangelnden Nahrung, blutleere oder blutarme Stellen entstehen, wo nicht gedacht wird! Die Richter, deren Auskommen ihnen erlaubt, sich alle Tage angenehm satt zu essen, deren Gesetzbücher und sonstige Richtschnuren alle von satten und insofern regelrecht denkenden Menschen verfaßt wurden, wissen bloß mit dem Bewußtsein des satten Menschen zu rechnen. Und weil da eine gesetzwidrige Handlung nur aus reifer Ueberlegung und nicht aus Gedankenlosigkeit verübt werden kann, so nehmen sie das erstere – seltene Ausnahmen abgerechnet – auch bei allen Verklagten an. Sie machen es ähnlich mit dem verkümmerten Geiste des Verbrechers, wie es jenem hungernden Knaben mit seinem eingefallenen Hintern geschah, der durch Schläge in eine dem Auge wohlgefälligere Form gebracht werden sollte.

Die hoffnungslosesten Beispiele von Mordsucht, sagt Dr. Mandsley, werden offenbar in Verbindung mit Epilepsie gefunden. Bisweilen geht ein Anfall von Wahnsinn einem oder einer ganzen Reihe epileptischer Krämpfe voraus. Aber es steht noch in Zweifel, ob die dadurch erzeugte Verirrung die Form tiefer moralischer Störung mit Neigung zu Mord und Todtschlag habe. – Sehr häufig entwickelt sich unterdrückte Fallsucht zur Mordsucht. Daher sollte man bei vielen Morden sorgfältig nachforschen, ob sich Neigung zu Fallsucht, eine aura epileptica oder andere der Fallsucht verwandte Erscheinungen gezeigt haben.

Im Jahre 1869 berichteten die Zeitungen in Amerika, u. A. der »Boston Herald«, von einem Waisenmädchen, Namens Sara Maria Mc. Keering, das im Alter von kaum siebzehn Jahren in Lawrance (Massachusetts) starb, nachdem es vom siebenten Jahre an den wahnsinnigen Grausamkeiten eines wohlhabenden Bauernpaares ausgesetzt war. Diese Leute hatten das Kind aus dem Waisenhause zu Tewksbury mit der Verpflichtung übernommen, es in anständiger Weise aufzuerziehen. Nun schickte die Leitung der Anstalt einmal einen Agenten zu den so in Pflege gegebenen Kindern herum, um sich von den Fortschritten in deren Entwicklung zu überzeugen. Die Familie, die Sara genommen hatte, erklärte, diese sei nach vierjährigem Aufenthalte entlaufen. Der Beamte forschte nach und fand Sara bei einer ehrbaren Familie derselben Stadt. Das Mädchen hatte in jammervollem Zustande, die Arme blau und schwarz von roher Behandlung, bei einer Nachbar-Familie für die Nacht Schutz gesucht. Sie war krank und hilflos – ein schönes Mädchen von sechzehn Jahren, und mehrere Aerzte erklärten, sie werde unfehlbar an der Auszehrung dahinsiechen.

Sie erzählte eine traurige Geschichte von der unmenschlichen Behandlung seitens ihrer Pflegeeltern. Viele Tage lang hatte sie nichts als kalte Kartoffeln und Salz bekommen. Von großem Hunger gequält, hatte sie ein Stückchen Apfelkuchen entwendet und versteckt. Das entdeckte der Herr. Um sie zu bestrafen, führte er sie nach dem Stalle und zwang sie, von einem großen Löffel, den er ihr in den Mund preßte, noch frischen Kuh-Dünger zu essen. Bei einer andern Gelegenheit schleppte die Frau sie nach der Küche und hielt ihre Hände so lange über die glühend heißen Ofenplatten, bis sie mit Blasen bedeckt waren. Auch wurde das Mädchen einmal von der Frau gezwungen, aus einem Nachtgeschirre Urin zu trinken. Wegen eines kleinen Vergehens führte die Pflegemutter sie auf einen Dachboden, zog sie erst nackt aus, band sie dann an einen Balken fest und schlug sie mit einem Bündel von vier Stöcken so fürchterlich und so lange, bis die Stöcke ganz zerschlagen waren. Als ihre Pflegeeltern ihr mit »wieder solch einer Lektion« gedroht hatten, war sie entflohen, so wenig sie auch wußte, wo sie ein Unterkommen finden werde. Sie war so elend und in Fetzen gekleidet, daß die, welche sie zuerst beherbergten, anfangs im Zweifel waren, ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei. Die traurige Geschichte wiederholte sie auch in Gegenwart ihrer Peiniger, denen sie nun auf immer entflohen war.

In dem Krankenhause einer westamerikanischen Stadt kam ein außerhalb lebender Mann anfragen, ob er nicht ein Kind zum Auferziehen bekommen könnte. Es wurde ihm die kaum achtjährige Tochter einer Insassin des Krankenhauses gegeben. Drei Jahre darnach fuhr vor dem Hause ein Wagen vor, und ein bejammernswerthes, bleiches, entstelltes Kind wurde der Vorsteherin mit den Worten übergeben, man könne das Kind nicht länger behalten und brächte es daher zurück. Groß war das Entsetzen der armen Mutter, die noch immer im Krankenhause verweilen mußte, beim Anblick ihres Kindes in diesem Zustande. Es zeigten sich Merkmale einer langandauernden und systematisch schlechten Behandlung. Die Außenformen waren verkrüppelt und verwachsen, die kleinen Hände von rauher unablässiger Arbeit ganz schwielig und sahen eher Krallen als Kinderhänden ähnlich. Den Körper bedeckten schwarzblaue Flecke von wiederholten harten Schlägen, und der Hals zeigte die Spuren eines Strickes, an dem das Kind aufgehängt und später damit auf dem Boden herumgezogen worden war. Die Knöchel waren angeschwollen und wund durch den Strick, womit es Kopf abwärts aufgehängt gewesen war – zur Strafe! Die ganze Erzählung der Kleinen, die mit augenscheinlicher Wahrheitsliebe vorgebracht wurde, enthüllte die Thatsache, daß sie während der ganzen drei Jahre mit einer teuflischen Grausamkeit behandelt worden war. Einmal wurde sie an einem Stricke über einer Düngergrube aufgehängt, bis sie beinahe erstickt war.

Die Leute, die solche Schmerzen und Grausamkeiten verursachen, sind, wie Davis sagt, gewöhnlich als klarköpfige, eigenwillige, arbeitsame, sparsame und besonders als strenggläubige Sonntagsmucker und Kirchenlichter geachtet und als gute Nachbarn und fügsame Bürger geschätzt. Aber die Hülle, die äußerlich so rein und lieblich anzusehen, birgt etwas sehr Unreines. Natürlich sind alle solche Personen Heuchler, sowohl soziale wie religiöse.

Der Leser überdenke dies, halte es zusammen mit den im ersten Theil dieses Werkes berichteten »religiösen« Schandthaten, und er wird hier wie dort die gleiche Entartung der Menschennatur finden. Diese kann natürlich wirksam nur durch Beseitigung ihrer Ursachen, die in naturwidriger Lebens- und Nahrungsweise, in sozialen Uebelständen u.s.w. liegen, mit dauerndem Erfolge bekämpft werden. Auch wollen wir uns nicht verhehlen, daß unzählige Fälle ähnlicher Grausamkeiten gewiß heute noch unbestraft und andere ganz unentdeckt bleiben, wo die Leuchte der Menschlichkeit, getragen vom Muthe der Wahrheit, ihre Strahlen noch hinsenden muß.

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