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Die Geißler

Otto von Corvin: Die Geißler - Kapitel 3
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authorOtto von Corvin
titleDie Geißler
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3. Ordentliche und außerordentliche Kirchen- und Klosterhiebe.

Ach! wie betrübt sind fromme Seelen
Allhier in diesem Jammerthal!

Die römische Kirche hatte sich anfangs gegen die Buße des Geißelns gesträubt und, wie wir in der Folge sehen werden, sogar den Beichtvätern verboten, dieselbe ihren Beichtkindern aufzuerlegen; allein gar bald erkannte sie, daß sie Unrecht habe, ein Fall, der nur sehr selten eintritt, und entdeckte, daß die Geißel ein vortrefflicher Zaum sei, womit sie den dummen Esel Volk lenken könne. Ja sie betrachtete die Geißelung bald als einen so wesentlichen Theil der Buße, daß ein vom Banne freigesprochener gar nicht anders als durch öffentlich erhaltene Schläge – die, wie sich von selbst versteht, von Pfaffen ertheilt wurden – entsündigt werden konnte.

Welch ein Triumph war es auch für die Pfaffheit, wenn ein Gewaltiger auf Erden demüthig den Rücken entblößen und sich von geweihten Händen vor allem Volk wie ein Sklave mußte behandeln lassen! Bei einem solchen Feste sah das Volk klar, daß die Pfaffen die Herren ihrer Herren waren, und das war es ja eben, was der Großpfaff wollte! Er fühlte sich ein Gott auf Erden, wenn er auf seinen Befehl die geweihte Ruthe auf dem Rücken eines widerspenstigen Königs tanzen sah.

Schon im vorigen Kapitel habe ich einige Fürsten und vornehme Personen namhaft gemacht, welche sich freiwillig der Geißelung unterzogen, unter ihnen den heiligen Ludwig, König von Frankreich, der stets eine aus fünf Ketten bestehende Geißel in einer besonderen Kapsel bei sich trug. Nun will ich aber einige Beispiele von unumschränkten Fürsten anführen, welche gezwungen wurden, die beleidigte Kirche durch öffentlich erhaltene Schläge zu versöhnen.

Julius Graf von Venaissin, einer nicht weit von Avignon gelegenen Grafschaft, hatte den Pfarrer einer Gemeinde lebendig begraben lassen, weil dieser sich geweigert hatte, den Leichnam eines armen Mannes beerdigen zu lassen, – bis nicht die gewöhnlichen Gebühren entrichtet wären. Nicht wegen der Grausamkeit dieser Handlung, aber wohl wegen Verletzung des Ansehens der Kirche in einem ihrer Diener war der Papst gegen den Grafen so ergrimmt, daß er ihn excommunicirte. Was das heißen wollte, habe ich im ersten Buche auseinandergesetzt.1. Buch S. 133, 139. Der Graf wurde wie ein Pestkranker geflohen, sowohl vom Volke wie von seinen gleich einfältigen Standesgenossen, und wollte er in dieser Welt noch eine vergnügte, ruhige Stunde genießen, mußte er sich vor »dem Babba auf Siebenspitzen« demüthigen. Er that es, und der Bann wurde von ihm genommen, nachdem er Kirchenbuße gethan hatte und vor dem Tore der Kathedral-Kirche von Avignon öffentlich durch Pfaffenhände gegeißelt worden war.

Doch der Gegeißelte war nur der Herr einer kleinen Grafschaft; ungleich größer war der Triumph, welchen die römische Kirche über den mächtigen König Heinrich II. von England feierte. Eine unvorsichtige Aeußerung desselben hatte den Tod des Erzbischofs von Canterbury, Thomas Becket, – der es übrigens vollkommen verdiente – herbeigeführt, und ganz England wurde dafür mit Bann und Interdikt belegt. Das Volk war dumm genug, deshalb bis zum Tode betrübt unglücklich zu sein, und der König beschloß es aus seiner Qual zu erlösen. Barfuß wallte er zum Grabe des nun heilig gesprochenen, ermordeten Schurken und empfing hier, demüthig zur Erde geworfen, von jedem der dort versammelten achtzig Pfaffen einige Geißelhiebe!Siehe 1. Buch S.148.

Dem mächtigen Grafen Raimund von Toulouse erging es eben so schlimm und noch schlimmer, denn sein Widerstand gegen die Anmaßung der Pfaffen kostete ihm seine Länder, die sich über einen sehr beträchtlichen Theil Südfrankreichs erstreckten. Er hatte die Kühnheit gehabt, die Albingenser zu beschützen, eine Sekte, di« in seinem Lande sehr ausgebreitet, aber von der Kirche für ketzerisch erklärt war. Innocenz III. ließ einen Kreuzzug gegen ihn predigen, und Raimund unterlag. Wollte er sein Land wiedererhalten, so mußte er zu Kreuze kriechen. Er that es. Bis auf die Lenden entkleidet erhielt er die Disciplin von der Hand des Legaten der ihn von der Thür der Kirche bis an den Altar prügelnd vor sich her trieb.

Unsern deutschen Fürsten erging es nicht besser. Die Kirchenbuße, welche Ludwig der Fromme zu Soissons und die, welche Heinrich IV. im Schloßhofe zu Canossa thun mußte, wägt eine bedeutende Anzahl Geißelhiebe auf, und die Jahrestage jener Triumphe sind im Kalender der römischen Kirche mit rother Farbe angemerkt.

Doch selbst noch nach der Reformation kam es vor, daß der König eines großen Volkes vom Papste öffentlich Schläge hinnehmen mußte, wenn auch nicht auf den höchst eigenen allerdurchlauchtigsten Rücken – sondern auf den seiner Gesandten! Dies ist allerdings die bequemste Art der Geißelung, Der auf diese Weise gezüchtigte König war Heinrich IV. von Frankreich.

Nach Heinrichs III. Ermordung kam Heinrich IV. auf den französischen Thron, aber der Bann des Papstes lag noch auf ihm. Wenn nun auch die Zeiten der Innocenze vorüber waren, so hatten die Paffen während der Ligue doch wieder den alten stinkenden Pfuhl aufgewühlt und die daraus hervorsteigenden Miasmen das Gehirn des Volkes eingenommen. Heinrich saß nicht fest auf seinem Thron, wenn ihn der Papst nicht vom Banne und von der Ketzerei absolvierte. Hierzu entschloß sich dieser endlich nach langem Zögern.

Am 17. September 1595 erschienen die Bevollmächtigten des Königs, die Herrn d' Ossat und Du Perron, in Rom vor dem Papste, um von ihm die Absolution ihres Gebieters zu empfangen. Die Psalmsänger sangen während der Ceremonie das Miserere, und der Papst schlug bei jedem Verse mit der Ruthe, die er in der Hand hielt, auf die Schulter eines der Abgesandten, denen es verstattet worden war, diese Schläge angekleidet zu empfangen. Sie waren sehr sanft und nicht einmal fühlbar; allein dem Pfaffenhochmuth war Genüge geleistet, und es konnte in den Kirchenannalen eingetragen werden, daß der Papst den König in seinen Abgeordneten gegeißelt habe.In diesen Akten heißt es: Domius papa verberabat et percutiebat humeros procuratorum, en cujus libert ipsorum, virga, quam in manibus habebat.

Die französischen Minister wollten aber nicht zugeben, daß diese demüthigende Handlung in der Absolutionsbulle erwähnt wurde, sondern verlangten, daß sie, als zur Absolution von selbst gehörend, mit Stillschweigen übergangen werden wollte. Der Papst fügte sich, aber die Pfaffen in Frankreich sorgten schon dafür, daß es überall bekannt wurde, und bald hieß es, die beiden Herren Gesandten hätten in der Kirche zu Rom, völlig entkleidet, eine schreckliche Geißelung überstehen müssen.

Noch im vorigen Jahrhundert mußte sich jeder neue Bischof von Würzburg einer seltsamen Ceremonie unterwerfen; ob dieselbe noch jetzt im Geheimen praktizirt wird, weiß ich nicht. Sobald der Bischof gewählt war und ehe er seine neue Würde angetreten hatte, mußte er, bis an die Lenden nackt, förmlich Gassen laufen. Diese Gasse wurde von Domherrn gebildet, die mit tüchtigen Ruthen bewaffnet waren und wahrscheinlich an dem bloßen Rücken ihres geistlichen Oberherrn ihren Unmuth darüber ausliehen, daß sie die Wahl nicht getroffen habe. Den Grund und Ursprung dieses seltsamen Gebrauches weiß ich nicht anzugeben.

Da ich es hier in diesem Kapitel eigentlich mehr mit den unfreiwilligen als mit den freiwilligen Prügeln zu thun habe, so gehören auch diejenigen hierher, welche Heilige an Personen austheilen, die nach ganz andern Dingen lüstern waren.

Da die Heiligen schon durch ihren Stand als Heilige auf die Keuschheit angewiesen waren, und da sie fortwährend so viel Aufhebens von den »Anfechtungen des Fleisches« machten, denen sie beständig ausgesetzt wären, so kann ich schon begreifen, daß es lüsternen Frauen darnach verlangte, den Teufel, der die Heiligen plagte, in die Hölle zu schicken. Wer den Boccaccio gelesen hat, wird sich sehr gut der Novelle erinnern, die von diesen höllischen Teufeleien handelt, und wird wissen, was unter Teufel und Hölle zu verstehen ist; für die, welche die Novelle nicht kennen, bemerke ich nur, daß lüsterne Frauen darnach trachteten, die frommen Männer zu verführen.

Von den Heiligen, welche sich verführen ließen, haben uns die Kirchenschriftsteller nichts erzählt; dies scheint die Regel gewesen zu sein, von der man nicht für nöthig hielt zu reden, denn wäre dies nicht so, so würde man auf diejenigen Fälle, wo sie widerstanden nicht so großes Gewicht gelegt haben.

So erzählt uns ein Pariser Gottesgelehrter, Claude Despence, einen Fall beispielloser Enthaltsamkeit von dem Heiligen Edmund, der nach der hier abgelegten Probe von seiner Heiligkeit Bischof von Canterbury wurde. In diesen frommen Mann verliebte sich ein junges Mädchen und suchte ihn auf alle nur mögliche Weise zum »Werk der Finsternis« zu verführen. St. Edmund widerstand ritterlich; aber endlich wurde ihm der lüsternen Jungfrau Zudringlichkeit lästig, und er beschloß, derselben auf eine oder die andere Weise ein Ende zu machen. Zu diesem Zwecke stellte er sich denn, als sei er ganz bereit, ihren Willen zu erfüllen, und bestellte sie hin zu sich auf seine Studirstube. Als sie voller Freude kam, veranlaßte er sie, sich völlig zu entkleiden, und nun ergriff er sie – zugleich aber auch eine mächtige Ruthe und bearbeitete damit den üppigen Leib dermaßen, daß die dick angeschwollenen Streifen lange Zeit darauf zu sehen waren.

Ganz eben so machte es, wie Surius erzählt, der heilige Bernhard von Siena, nur mit dem Unterschiede, daß er nicht so hinterlistig verfuhr, und daß er gewissermaßen durch die Nothwehr gezwungen wurde, zu seiner Waffe, der Geißel, zu greifen; denn die verliebte Dame setzte seiner Keuschheit förmlich das Messer an die Kehle. Doch der gelehrte Surius mag selbst erzählen: »Eines Tages, als Bernhard ausgegangen war, um Brot zu kaufen, begegnete ihm die Frau eines Bürgers von Siena und bestellte ihn zu sich in ihr Haus. Sobald er dahineingegangen war, schloß sie die Thür ab und sagte: Wenn du jetzt nicht meine Wünsche erfüllst, so verspreche ich dir im Voraus, daß ich dich mit Schande überhäufen und sagen werde, du habest mir unanständige Dinge zugemuthet. Bernard bat in dieser so gefährlichen Lage insgeheim den Himmel, ihn nicht zu verlassen, denn er verabscheute eine solche Handlung. Der Himmel erhörte sein Gebet, und sogleich fiel ihm ein, der Frau zu sagen, daß, wenn sie es nun einmal so haben wollte, sie sich nothwendig auskleiden müßte. Das Weib machte keine Einwendungen; aber sie war kaum ausgekleidet, als Bernhard seine Geißel hervorzog und die verliebte Frau ziemlich unbarmherzig zergeißelte und damit nicht eher aufhörte, bis ihr Liebesfeuer gänzlich erloschen war. Sie liebte nachher den heiligen Mann um desto mehr und eben so sehr ihr Ehemann, als er erfuhr, wie er seine Frau behandelt hatte.«

Der heilige Bernhard, der überhaupt als junger Mann sehr schön war, hatte dergleichen Anfechtungen oftmals zurückzuweisen. Einst kehrte er bei einer Frau ein, die ihn sehr lieb gewann. In der Nacht schlich sie heimlich in Bernhards Schlafkammer. Als dieser gewahr wurde, welche Verführung heranrücke, rief er mit lauter Stimme: Mörder! Mörder! und die Wirthin lief entsetzt davon, denn das ganze Gesinde wurde wach und suchte nach dem vermeintlichen Mörder. Als man nichts fand, legten sich Alle wieder zu Bette, nur die beharrliche Wirthin nicht, welche einen zweiten und endlich einen dritten Sturm versuchte, die aber ebenso wie der erste mit dem Ausruf: Mörder! zurückgewiesen wurden.

Als ihn am andern Tage seine Gefährten um die Ursache seines Geschreis fragten, da doch kein Mörder dagewesen sei, antwortete St. Bernhard: Wahrhaftig, es sind Mörder dagewesen, denn die Wirthin hat es versucht, mir meinen höchsten Schatz zu stehlen, der nie wieder zu erlangen ist, meine Keuschheit. – Der pfalzgräfliche Hofprediger M. Hieronymus Rauscher, der diese Geschichte in seinen »Bapistischen lügen« (1562) auch erzählt, bemerkt dahinter: »Er wird etwa geschrieen haben, wie ein Dieb in einem Rosstal, unsere junge Mönch sind nicht so scheuch noch furchtsam, sie dürffens mit wagen, wenns einem so gut würde. Es saget St. Bernhardus darzu, was er wolte, es wurde gleich ein Son oder Tochter daraus, es wird vieleicht St. Bernhardus die Keuschheit mit jm die ander Welt gefüret haben, dern die jetzigen Mönche gar wenig derselbigen haben.«

Doch der Herr Hofprediger ist ein Ketzer und ihm nicht zu trauen, denn es gab noch zu seiner Zeit Mönche, die es ähnlich machten wie St. Bernhard in diesem letzten Fall. – Der Bruder Matthias von Avignon, der um 1540 lebte, hatte in Corsika, wo er sich mehrere Jahre aufgehalten, den Ruf großer Heiligkeit erlangt. Er ging später in ein piemontesisches Kloster, wo der Bruder Kapuziner sehr freundlich aufgenommen wurde. Als er einst auf dem Lande umher für dieses Kloster betteln ging, übernachtete er in dem Hause einer jungen, sehr schönen und vornehmen Dame. Diese fand Gefallen an dem Frater und stattete ihm in der Nacht einen Besuch ab. Sie war im Hemde, näherte sich seinem Bette und drang sehr innig in ihn. ihr einen Liebesdienst zu erweisen.

Der heilige Mönch war vor Erstaunen stumm, richtete sich aber eiligst auf, ergriff seine an der Wand hängende sehr harte und knotige Geißel und zerpeitschte der Dame Schultern, Rücken und Hintern so erbärmlich, daß sie sehr viele deutliche Merkmale der Lehre, welche er ihr gegeben hatte, mit sich nahm. –

Von den freiwilligen Geißelungen in den Klöstern habe ich im vorigen Kapitel nicht gesprochen, da ich in diesem hier mich fast allein mit jenen heiligen Anstalten beschäftigen muß; St. Adelgonde nennt sie freilich anders, indem er erklärt, weshalb die Klöster von den Wohnungen der andern Menschen abgesondert stehen; er sagt: »jre Wohnungen sein abgesondert von Leuten, weil sie der Welt Sch–häuser sein, dahin sie jre Sünd entlären.«

Der Verrücktheit derjenigen, welche Mönchsorden stifteten, darf man es schon zutrauen, daß sie in ihren Regeln die freiwillige Geißelung nicht übergingen, als diese einmal aufgebracht war, und so ist es denn auch in der That der Fall. In den ältesten Klosterregeln findet sich von diesem Unsinn zwar keine Spur, aber die spätern haben es meistens reichlich nachgeholt.

Wollte ich nun alle verschiedenen Mönchs- und Nonnenorden einzeln durchgehen und ihre Regeln untersuchen, dann müßte ich ein Jahr an diesem Kapitel schreiben und würde vielleicht noch nicht fertig sein. Schon St. Adelgonde, der eine große Menge Mönchsorden aufzählt, sagt: »Aber ich bedürfte wohl einer stählernen Feder, oder zum mindesten einer Feder aus St. Michaels Flügel zu St. Michael, wenn ich alle Orden beschreiben wollte, die unser heiliger Vater zu Rom der Schrift zuwider gestiftet hat.« – Ich lasse es deshalb bleiben und bemerke nun »Wie etliche inn Schneeweis, etliche inn kolschwarz, die andern inn Eselgraw, inn grasgrün, inn feurrodt, in himmelblaw, inn bund oder geschecket gekleyd gehn, die eynen eyn helle, die andern eyn trübe kapp utragen, die eyn Rauchfarb vom Fegfeur geräuchert, die ander von Requiem Todenbleych. Den einen Mönch graw wie ein Spatz, den andern hellgrau wie eyn Klosterkatz: Etliche vermengt mit schwartz und weis, wie Atzeln. Raupen und Läus, die andern Schwebelfarb und Wolffsfarb, die Dritten Eschenfarb und holzfarb, etliche in vil Röcken ober einander, die andern in eyner blosen Kutt: Etliche mit dem Hemd oberm Rock, die andern on eyn Hemd, oder mit eym pantzerhemd, oder härin hemd, oder Sanct Johanns Cameelshaut auff bloser haut: Etliche halb, etliche gantz beschoren: etliche bärtig, die andern Unbärtig und Ungeberdig: Etliche gehn barheupt, vil Barfüßig, aber all miteynander müßig: Etliche sind gantz Wüllin, etlich Leinin, etlich Schäfin, etlich Schweinin: Etlich füren Juden Ringlein auff der Brust, die andern zwei schwerter kreutzweis zum kreutzstreich darauff geschrenkt, die dritten eyn Crucifix für eyn Bottenbüchs, die Vierten zwen schlüssel. Die fünfften Sternen die sechsten kräntzlin: die sibenden Spiegel auß dem Eulenspiegel, die achten Bischofshut, die Neunten fligel, die Zehenden Thuchschären, die eylfften Kelch, die zwölfften Muscheln unnd Jacobsstäb, die Dreizehnden geysseln, die Viertzehnden schilt, und andere sonst auff der Bruft seltsam grillen, von Paternostre, Ringen und Prillen. Sehet da, die Feldzeychen sint schon ausgetheylt, es fälen nur die Federpusch, so ziehen sie hin inn Krig gerüst.«

Aus dieser Menge verschiedener Uniformen können wir schon sehen, wie zahlreich die geistliche Armee war, und daß ich gut daran thue, wenn ich nur einige der Orden als Beispiele heraushebe und einige Hauptgeißelnarren flüchtig erwähne.

Die Karmeliter hatten eine ziemlich vernünftige Regel, bis sie unter die Herrschaft der heiligen Therese kamen; dieselbe, welche den Mönchen buchstäblich die Hosen auszog und diese ihren Nonnen anzog.Erstes Buch, S. 68. In den Regeln, welche sie dem Orden gab, spielte die Selbstgeißelung eine bedeutende Rolle. Jeden Montag, Mittwoch und Freitag nach der Komplet, alle Ferien und Feiertage gaben sich die Nonnen die Disciplin und zwar mit Ruthen. Dazwischen wurde das Miserere gesungen, und gewöhnlich kam es zum Blutvergießen.

Dies war die gewöhnliche ordentliche Buße; wem sie nicht genügte und wer nach einer außerordentlichen verlangte, der mußte sich dazu die Erlaubniß einholen. Dies war sehr oft der Fall, und viele Mönche und Nonnen trieben diese Sache mit einer Art von Raserei. Einige geißelten sich, besonders während der Fastenzeit, drei bis vier Mal täglich, ja sogar während der Nacht. Einer Nonne, der Schwester Maria vom heiligen Sakrament, schien weder Ruthe noch Geißel hart genug, sie schlug sich mit einem – Kesselhaken!

An einigen Tagen mußte nach den Statuten der Superior allen Religiösen die Disciplin geben. Das war für alle ein großes Freudenfest, und mit ungeduldiger Hast entblößten sie, wenn die Reihe an sie kam, ihren Rücken.

Das Kloster zu Pastrane war eine förmliche freiwillige Marteranstalt. Eine Zelle war gleichsam das Geißelzeughaus. Hier waren alle nur möglichen Peinigungsinstrumente angehäuft, und jeder Novize hatte das Recht, sich dasjenige Folterwerkzeug auszusuchen, welches ihm für seine Buße am passendsten schien. Eine beliebte Art der Selbstquälerei war das sogenannte Ecce homo. Sie wurde gewöhnlich in Gesellschaft vorgenommen. Die bußbedürftigen Brüder stellten sich im Refectorium auf. Einer trat nun aus der Reihe heraus. Er war nackt bis zum Gürtel und sein Gesicht mit Asche bedeckt. Unter dem linken Arme schleppte er ein schweres hölzernes Kreuz, und auf dem Kopfe trug er eine Dornenkrone. In der rechten Hand hielt er die Geißel. So ging er mehrmals im Refectorium auf und nieder, peitschte sich fortwährend und sagte mit kläglichjammernder Stimme einige besonders zu dieser Gelegenheit verfaßte Gebete her. – War er fertig, dann folgten die andern Brüder.

Der Karmeliterorden hat berühmte Geißelhelden und Geißelheldinnen hervorgebracht, und ich erinnere nur an die heilige Therese und an die heilige Katharine von Cardone, von denen ich schon im Kapitel von den Heiligen weitläufiger gesprochen habe. Die Letztere, die sich auf aller nur erdenkliche Weise quälte, bediente sich zum Geißeln Ketten mit Häkchen oder einer gewöhnlichen Geißel, in welche sie Nadeln und Nägel gesteckt, oder die sie mit Dornenzweigen durchflochten hatte. Mit solchen schrecklichen Instrumenten geißelten sie sich oft zwei bis drei Stunden hintereinander.

Maria Magdalena von Pazzi, eine Karmeliter-Nonne zu Florenz, erlangte durch ihre Selbstquälerei und noch mehr durch die Folgen derselben einen guten Ruf. An diesem armen unglücklichen Mädchen kann man die traurige Wirkung der Geißelmanie am auffallendsten wahrnehmen, und wenn es mir der Raum erlaubte, so würde ich ihre in dieser Beziehung besonders lehrreiche Geschichte weitläufig hersetzen; so begnüge ich mich aber mit einigen Andeutungen.

Sie war 1566 in Florenz geboren und die Tochter angesehener Eltern. Schon als Mädchen von zehn Jahren war es ihre größte Lust, ihrem Körper durch Geißelhiebe oder auf andere Weise wehe zu thun. Häufig machte sie sich von den dornigen Zweigen wilder Orangen einen Kranz, wand sich denselben um die Schläfe und legte sich so ins Bette; manchmal flocht sie sich auch solche Dornenzweige um den nackten Körper. Siebzehn Jahre alt ging sie ins Kloster, und hier war es ihre größte Freude, wenn die Priorin ihr die Hände auf den Rücken binden ließ und sie in Gegenwart sämmtlicher Schwestern mit eigener Hand auf die bloßen Lenden geißelte.

Diese schon seit früher Jugend mit sich vorgenommenen Geißelungen und sonstigen Quälereien hatten ihr Nervensystem ganz und gar zerrüttet, und keine Heilige hatte so häufige Entzückungen gehabt wie sie. Während derselben hatte sie es besonders mit der Liebe zu thun und schwatzte davon das wunderlichste Zeug. Der himmlische Bräutigam erschien ihr sehr häufig, und sie sah ihn in allen möglichen Lagen. Einst blieb sie, das Kruzifix in der Hand, sechzehn Stunden lang in Betrachtungen über das Leiden Christi versunken und sah im Geiste eine der Martern nach der andern, welche er erduldet hatte. Dieser Anblick rührte sie so sehr, daß sie Ströme von Thränen vergoß und ihr Bette davon so naß wurde, als wenn es in Wasser getaucht worden wäre. Dann fiel sie in Ohnmacht und blieb, blaß wie der Tod, eine lange Zeit ohne alle Bewegung liegen.

In diese Entzückungen verfiel sie gewöhnlich, nachdem sie das Abendmahl genommen hatte, oder wenn sie sich in die Betrachtung eines heiligen Ausspruchs vertiefte. Besonders geschah das, wenn sie über ihren Lieblingstext nachdachte; dieser war: Und das Wort ward Fleisch. Einst gerieth sie dabei in eine Verzückung, welche von Abends fünf Uhr bis zum andern Morgen dauerte. Während derselben rief sie plötzlich aus: »Das ewige Wort ist in dem Schooße des Vaters unermeßlich groß; aber in Mariens Schooß ist es nur ein Pünktchen... Deine Größe ist unergründlich und Deine Weisheit unerforschlich, mein süßer, liebenswürdiger Jesus!«

Das innere Feuer drohte sie zu verzehren, und häufig schrie sie: »Es ist genug, mein Jesus! entflamme nicht stärker diese Flamme, die mich verzehret... Nicht diese Todesart ist es, die sich die Braut des gekreuzigten Gottes wünscht; sie ist mit allzuvielen Vergnügungen und Seligkeiten verbunden!«

So steigerte sich ihr Zustand von einer Stufe des Wahnsinns zur andern, und endlich bildete sie sich ein, förmlich mit Christus vermählt zu sein und sowohl von ihm, wie von ihrem Schwiegervater und dessen Adjutanten, dem heiligen Geiste, Visiten zu erhalten. Die Hysterie erreichte den höchsten Grad, und »der Geist der Unreinigkeit« blies ihr die üppigsten und wollüstigsten Phanthasien ein, so daß sie mehrmals nahe daran war, ihre Keuschheit zu verlieren. Aber die Qualen, denen sie sich nach solchen Versuchungen unterzog, waren entsetzlich. Sie ging in den Holzstall, band einen Haufen Dornengesträuch los und wälzte sich darauf so lange, bis sie am ganzen Körper blutete und der Teufel der Unzucht sie verlassen hatte. So ging es fort, bis endlich der Körper erlag und der Tod ihren Qualen ein Ende machte. Die arme Wahnsinnige wurde heilig gesprochen.

Die vielen Abarten des Cisterzienser-Ordens haben sich im Punkte der Selbstgeißelung ebenfalls sehr ausgezeichnet.

Ihre Krone ist die hochgepriesene Mutter Passidea von Siena. Von dieser Närrin habe ich schon früher erzählt, daß sie ein Vergnügen dabei fand, sich wie einen Schinken in den Rauch hängen. Im Geißeln leistete sie Dinge, die selbst den gepanzerten Dominikus in Erstaunen gesetzt haben würden. Schon in früher Jugend schlug sie sich mit eisernen Disciplinen und hörte nicht eher auf, als bis sie am ganzen Leibe zerfleischt und förmlich in ihrem Blute gebadet war. Doch das einfache Geißeln genügte ihr nicht; sie kniete während dieser heiligen Handlung auf Eis und Schnee und im Sommer auf Dornen. Besenreiser waren ihr lieblicher als Rosen und Nelken. Hatte sie sich genug zerfleischt, dann ließ sie sich auf Rücken und Lenden kochenden Essig und Salzwasser träufeln.

Die natürliche Folge dieser Handlungsweise war ebenfalls ein dem Wahnsinn nahe kommender Zustand, in welchem ihr Christus erschien. Das Blut floß aus den Wunden, er streckte ihr die Arme entgegen und rief mit zärtlicher Stimme: »Schmecke, meine Tochter, schmecke!«

Elisabeth von Genton gerieth durch das Geißeln förmlich in bacchantische Wuth, was aber die Pfaffen heilige Verzückung nannten. Am meisten raste sie, wenn sie, durch ungewöhnliche Geißelung aufgeregt, mit Gott vereinigt zu sein glaubte, den sie sich als einen schönen nackten Mann und im beständigen Bräutigamstaumel mit seiner irdischen Geliebten dachte. Dieser Zustand des Entzückens war so überschwenglich beglückend, daß sie häufig in den Ausruf ausbrach: »O Gott! o Liebe! o unendliche Liebe! o Liebe! o ihr Kreaturen! rufet doch alle mit mir: Liebe! Liebe!« – Gegen ihre Krankheit würde das gut gethan haben, was der böse Stadtrichter mit der heiligen Agnes vornahm.Pfaffenspiegel S. 58.

Ueberhaupt scheinen die Frauen noch weit mehr Vergnügen am Geißeln gefunden zu haben als die Männer; wenigstens findet man nicht, daß die letzteren durch die dadurch hervorgebrachten Wirkungen so schrecklich geplagt wurden; aber vielleicht liegt das nur darin, weil sie leichter als die Nonnen Gelegenheit hatten, Gegenmittel zu gebrauchen.

Die Abkömmlinge des Franziskanerordens haben ebenfalls berühmte Geißlerinnen aufzuweisen. Die Urbanistinnen wurden von einer französischen Prinzessin, Isabelle, Tochter Ludwigs VIII., gestiftet. Die Heiligkeit des Vaters hatte sie angesteckt, und beharrlich schlug sie alle Heirathsanträge aus. Sie wollte durchaus Jungfrau bleiben und Nonne werden. Ehe sie diesen letztern Zweck noch erreicht hatte, geißelte sie ihren zarten Körper so hart, daß das Blut herablief, und wenn sie zu müde war, um sich ordentlich wehe zu thun, ließ sie sich von andern geißeln.

Eine berühmte Geißlerin unter den Kapuzinerinnen war Maria Laurentia Longa, die Gemahlin eines neapolitanischen Ministers gewesen war. Sie bat Jedermann fußfällig, ihr doch die Wollust zu bereiten und sie gehörig mit der Ruthe zu hauen. Bis zum Rücken entblößt lag sie der Länge lang auf harter Erde und ließ sich mit einem ungeheuren Stallbesen zerhauen. Je stärker geschlagen wurde, desto verzückter wurde sie, und desto inniger glaubte sie mit Jesus vereinigt zu sein. Diese innige Vereinigung mit ihrem himmlischen Bräutigam war das Ziel des sehnlichsten Verlangens der meisten Nonnen. Viele nahmen aber freilich auch mit einer irdischen Vereinigung mit einem irdischen Liebhaber vorlieb.

Als Laurentia älter wurde, ließ diese durch den Stallbesen erzeugte Liebesbrunst etwas nach; aber Donna Maria d'Erba, Herzogin von Tremoli, durch ihr Beispiel verführt, trat in ihre Fußtapfen, und Geißel und Ruthen waren ihre Wohltäter. Laurentia starb an den Folgen der übermäßigen Kasteiungen.Von hier ab hat wegen der seit Abfassung dieses Werkes verflossenen Zeit, in der sich auch noch verschiedene neue oder unvollkommen benutzte Quellen über diesen Gegenstand vorfanden, eine Ueberarbeitung und Ergänzung stattgefunden, die da der Verfasser verstorben ist, ein ihm gesinnungsverwandter Schriftsteller besorgt hat. Anm. des Verlegers.

Die heilige Therese, unerachtet ihres beständigen Krankseins, plagte ihren Körper noch mit den schärfsten Geißeln, sie rieb sich häufig mit frischen Brennesseln, ja sie wälzte sich wohl gar nackt in den Dornen herum.

Da wir hier noch einmal auf die Heiligen zurück kommen so müssen wir auch der schönen Rosa von Lima gedenken, der ersten Blume der Heiligkeit im tropischen Amerika, Diese hatte in und unter ihrem Cilicium kleine Nadeln mit eingeheftet; sie trug täglich eine Dornenkrone, deren Stacheln sich in den Kopf bohrten, und umgürtete sich mit einer dreifachen eisernen Kette. Dafür versetzte sie der Papst Clemens X. unter die Heiligen, und am 2. August jeden Jahres wird sie gefeiert.

Der heilige Ignatius von Loyola, Stifter des Jesuitenordens, und sein Genosse Franz von Xavier, der mehr bekehrt haben soll, als die Römer und Griechen sich jemals unterwürfig gemacht hätten, peitschten sich unablässig mit eisernen Geißeln. Nicht minder Karl der Borromäer von Mailand, der vom Papst Paul V. heilig gesprochen wurde.

Der italienische Mönch Dominikus der Gepanzerte, den der Bischof Damiani als Muster hinstellte und von dem schon im zweiten Abschnitte Manches erzählt wurde, sprach die Worte der Psalmen, zu denen er den Takt mit der Geißel auf seinem Rücken schlug, nicht mit seiner schweren Zunge, sondern bloß innerlich, weil das schneller ging. Einige Jahre vor seinem Tode vertauschte er seine Geißelbesen mit Riemen, um die Schmerzen zu erhöhen.

Die florentinische Geistlichkeit bezeichnete die Selbstgeißelungen als einen Verstoß gegen die Satzungen der Kirche; Andere nahmen an dem strengen Charakter Anstoß, noch Andere, wie der Kardinal Stephan von Monte Cassino, tadelten die dazu nöthige Entblößung als anstößig. Der Bischof Damiani dagegen stützte sich auf den 150. Psalm, der im 4. Verse vorschreibt: »Lobet den Herrn mit Pauken!« Eine Pauke ist eine trockene Haut, und so lobe der den Herrn wahrhaft mit Pauken, der seinen von Fasten ausgezehrten Körper mit der Geißel bearbeite. Und wenn fünfzig Schläge gut seien, so müßten sechzig, hundert, ja tausend und mehr Schläge noch besser sein, denn es sei ungereimt, den kleinen Theil einer Sache zu billigen, aber den größeren zu verwerfen. »Was ist dein Leib!« so rief er aus, »ist er nicht ein Aas, ein Madensack, Staub und Asche? Werden die Würmer dir dafür danken, daß du ihn so sorgfältig gepflegt hast?«

Ein Franziskanermönch hatte das Gelübde gethan so lange er lebte, sich täglich dreimal zu geißeln, und zwar zum Gedächtniß der heiligen Dreieinigkeit: des Morgens für Gott den Vater, nach der Mittagsmahlzeit für Gott den Sohn und kurz vor dem Schlafengehen für den heiligen Geist. Da dies nun seine einzige Leidenschaft war, so hatte sich dadurch bei ihm eine Liebhaberei für die verschiedensten Ruthen und Prügel ausgebildet, und er hatte davon eine reichhaltige Sammlung in seiner Zelle. Allein, nachdem er diese Geißelungen eine gute Reihe von Jahren treulich vollführt hatte, verfiel er in ein garstiges Fieber und wurde dadurch unfähig, sich fürder zu geißeln. Da er fest glaubte, er würde im Unterlassungsfälle bei Gott in Ungnade fallen, so übertrug er die fromme Bearbeitung seines Rückens einem Andern. Sein Aufseher jedoch erhob Einsprache dagegen und tröstete den Kranken mit der Zusage, nach seiner Wiederherstellung solle die Geißelung vollauf nachgeholt werden. Ob er das Glück, sich wieder geißeln lassen zu können oder gar selber zu geißeln, erlebt hat, oder ob er das heilige Bußgeschäft den Engeln im Himmel hat übertragen müssen, ist uns leider nicht überliefert worden.

Sagt doch auch Paulus: »Ich kasteie meinen Leib und zähme ihn.« Aber daß er dadurch gezähmt werden müsse, ließe sich noch bezweifeln. Beim Dienste der griechischen Göttin Cybele war nach Claudianus ebenfalls der Gebrauch.

Auch in Asien und Amerika sah man im sechzehnten Jahrhundert die neubekehrten Christen in großen Mengen mit Geißeln bewaffnet zu den Prozessionen strömen, welche die Jesuiten veranstalteten. In Mexiko waren bei einem Umgange 100 000 Menschen zugegen.Jac. Greteori, Opera omnia. Ratisb. 1734–41. In Japan, in Ostindien, dem Vaterlande der Fleischabtödtung, fanden die christlichen Selbstpeiniger, wie sich erwarten ließ, gleichfalls außerordentlichen Beifall. Lieferte doch das Christenthum hierdurch den Beweis, daß es seiner Mutter, des Buddhismus, wenigstens in diesem Betrachte würdig und mehr als würdig war. Es hat den Anschein, daß viele Heiden blos aus Gefallen an solchen Kasteiungen und feierlichen Aufzügen sich taufen ließen. Loyola's Jünger verstanden die Bildungsstufe und die Neigungen der Seelen, die ihrer Hut anvertraut waren, klug zu benutzen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ordneten sie in ihren deutschen Provinzen Geißelungen unter den Soldaten an. In Salzburg, Ingolstadt, München, Dillingen, Konstanz und an vielen andern Orten wurden Geißelprozessionen gehalten. In Augsburg wurde in der Charfreitagsnacht 1548 eine feierliche Geißelprozession von Spaniern veranstaltet. Ein Streit der Katholiken und Lutheraner über die Selbstgeißelung machte, daß diese Prozessionen sich noch vervielfältigten, vielleicht weil Jeder zeigen wollte, daß er dem allmächtigen Gott durch die beste und einzig maßgebende Art von Geißelung diene. Oft wurde ein Vorgang aus der Leidensgeschichte Christi von verlarvten Personen vorgestellt.

Da es kaum einen Blödsinn oder ein Verbrechen giebt, denen man nicht unter dem Vorwande der Gottwohlgefälligkeit und Religiosität Spielraum gegeben hätte, so ist das gesammte Material, was die Geschichte in dieser Beziehung aufgespeichert hat, umfangreich genug, daß man eine ganze Bibliothek damit füllen könnte. Der Denker fühlt sich bei der Durchmusterung dieser heillosen Chronik so wehmüthig ergriffen, daß seine freudige Begeisterung für das Güte und Schöne dabei in Gefahr kommt, von einer schwarz galligen Ansicht der Dinge für immer verdrängt zu werden.

Voltaire erläutert den Begriff des Fanatismus folgendermaßen: »Man versteht heutzutage unter Fanatismus eine Art religiösen Wahnsinns, eine auf der Grundlage gewisser Lehrsätze kunstgerecht aufgebaute Verrücktheit, deren Folgen nach außen hin in der Regel weit entsetzlicher sind, als die aller sonstigen Geisteskrankheiten. Der Fanatismus steckt an wie die Blattern. Hauptträger des Ansteckungstoffes sind Bücher und öffentliche Reden. Der Fanatismus verhält sich zum Aberglauben wie das Delirium zum Fieber und wie die Wuth zum Zorne. ...

»Diese elenden Tröpfe denken fortwährend an das Beispiel Ehud's, der den König Eglon tödtete; an die Heldenthat Judith's, die dem Holofernes den Kopf abschnitt, nachdem sie mit ihm gekost und geküßt hatte; an das Meisterstück Samuels, der den König Agag in Stücke hackte, und meinen, die Aufgabe der Frömmigkeit bestehe darin, dem Beispiele dieser Messerhelden zu folgen.«Voltaire, Dictionnaire philosophique

In Spanien, wo die Geißel-Aufzüge wohl besonders durch den heiligen Vincenz (Ferrer) in Schwung gebracht worden waren, wurden sie auch gegen Heuschrecken angewandt. Der Papst sandte auf Bitten der Bewohner von Navarra den Bischof Gregor von Ostia (gest. 1044) dorthin, und dieser vertrieb das Ungeziefer durch auferlegte Fasten, Gebete, Almosen, durch Messen, die auf den verwüsteten Aeckern gelesen wurden, und durch Geißel-Prozessionen. Gewiß ebenso probat, wie heute noch manche Krankheit bei uns durch Medizin »vertrieben« wird. Ewig kann ja das Uebel nicht dauern, selbst wenn das unpassendste Mittel dagegen gebraucht wird. Und dann hat es das Mittel gethan. Denn über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung herrscht heute in den meisten Köpfen noch nicht viel mehr Klarheit als damals. Der Aberglaube verschiebt sich nur von einem Gebiet auf das andere.

Ganz kürzlich suchte ein Heuschrecken-Schwarm das Land Agone im Togo-Gebiet (Afrika) heim, so daß die Sonne verdunkelt wurde. Die Eingeborenen machten Jagd auf diese Insekten, brachten sie auf den Markt, sie wurden geröstet, gebacken und mit Wohlgefallen verspeist. Der König von Kuma jedoch hatte seinen Unterthanen verboten, Heuschrecken zu tödten, und hierdurch die Gunst der Thiere erlangt, wie er überzeugt war; denn sie waren so rücksichtsvoll, sich dort nicht auf die Felder niederzulassen. Der Beherrscher von Io hatte sich an seinen Fetisch gewandt, und der hatte den Heuschrecken »die Zähne stumpf gemacht.« Der Häuptling von Kusunta erklärte sich die Heuschrecken-Plage als Strafe für die in diesem Jahre erfolgte Tödtung so vieler Affen. Deren Brüder hatten sich an den lieben Gott mit der Bitte gewandt, die Agomanen zu bestrafen, die den Affen nicht erlauben wollten, auf deren Feldern Nahrung zu suchen. Doch wir kehren nach Europa und zu unsern lieben Geißlern zurück.

Noch aus den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts erzählt der französische Militärarzt Bertollec: Es ist im Königreiche Neapel Sitte, daß Priester, die man missionarii nennt, zuweilen im Lande umherziehen, um eine gewisse Zeit hindurch die Mission zu predigen, wie sie es nennen. In der Absicht, die Gläubigen in ihrem Glauben wieder neu zu beleben, begleiten sie ihre Reden mit gewissen Handlungen, die auf schwache Gemüther bisweilen einen lebhaften Eindruck machen. So strecken sie ihre Hände über brennende Fackeln, schlagen sich mit Geißeln, die mit eisernen Spitzen versehen sind, binden und knebeln sich. Wenn diese Mittel nicht stark genug sind, so gebieten sie, zu weinen, und die guten Leute wissen denn auch, daß sie weinen müssen, wenn der Missionar ihnen dazu das Zeichen giebt. Diese Predigten dauern jedesmal bis zum Abend, ja selbst eine Stunde in die Nacht hinein. Der geheimnißvolle Schimmer einiger Fackeln unterstützt die Handlung auf's Beste.Zeitschr. f. psychol. Aerzte, I. S. 463.

Es ist sicher, daß in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts noch gemeinschaftliche Geißelungen und blutige Prozessionen stattfanden. Von einer solchen berichtet der dänische Missionar Dr. Rosen. Er sah sie auf der Insel Madeira im Jahre 1819. Am letzten Sonntag, so erzählt er, während unserer Abwesenheit, wurde eine große Prozession abgehalten, genannt processo dos cruz, vom Franziskaner-Kloster aus durch eine öffentliche Allee. Ein schwarz gekleideter, verschleierter Trompeter eröffnete den Zug und befahl mit lauter Stimme, die Hüte abzunehmen. Dann blies er einige wilde Töne. Ihm folgten zwanzig Büßende mit blauen Kappen und vermummt; sie trugen größere und kleinere Kreuze, je nach dem Maße ihrer Sünden. Einer von ihnen erregte unser Mitleid. Sein Oberkleid war blutig, an seinen ausgebreiteten Armen war eine eiserne, über den Nacken liegende Stange gebunden, die etwa siebzig Pfund wiegen mochte. Dann kamen fünfzig Mönche in Kutten mit brennenden Wachsfackeln, dann ein Bild Christi, von Mönchen getragen, und wieder eine Schaar Mönche, dann ein Bild der Mutter Maria, ebenfalls von Mönchen begleitet, endlich Janitscharen-Musik und ein Regiment Soldaten, die Hüte in den Händen. Der, welcher im vorigen Jahre die Eisenstange trug, soll bald nach dem Umgange gestorben sein. Einige sagten, das Ganze sei nur eine Betrügerei der Mönche, und die Kreuzträger seien gemiethet. Unter den 60 000 Einwohnern der Insel sind 3000 Mönche und 1400 Nonnen (also auf 13 bis 14 Menschen ein Mönch oder eine Nonne).Magazin for Reiseatagelser, ut givet af R. Nyerup. Th. 1, Kopenhagen. 1820.

Eine nicht weniger strenge Herrschaft übten die Priester damals auf den azorischen Inseln über die frommen Bewohner aus. Sie legten ihnen oft harte Bußen auf: andern Bußen unterzogen die Leute sich freiwillig. Fasten, beschwerliche Wallfahrten und auch Geißelungen gehörten zu den gelindesten, aber auch gewöhnlichsten Bußübungen. Schmerzender war das Tragen eines Drahtnetzes ( suppliccio) mit eisernen Spitzen auf dem bloßen Leibe.John W. Webster, A Description of the Island of St. Miguel, Boston, 1822, S. 8.

Zu Buenos Ayres wurden, wie man erzählt, jährlich ein Mal Männer und Weiber zusammenberufen, um neun Tage lang, eingeschlossen in besonders dazu eingerichteten und in Zellen abgetheilten Hütten fromme Uebungen anzustellen, zu fasten und sich bis auf's Blut zu geißeln.Allgem. Kirchenztg., 1827. 28. Okt.

Wir könnten die Zahl der Beispiele von Selbstgeißelungen der Mönche, Nonnen und andern frommen Christen noch unendlich vermehren. Allein es ist überflüssig, da die Wirkungen so ziemlich überall dieselben waren, und es den Leser nur ermüden würde. Wir wollen daher hier abbrechen und zu den Geißelungen übergehen, welche als Strafe angewandt wurden, sowohl in der Kirche überhaupt, als besonders in den Klöstern.

Die Bischöfe hatten sich schon sehr frühzeitig die Gewalt angemaßt, ihre Untergebenen wegen irgend eines Vergehens geißeln zu lassen. Beweise dafür finden wir in den Schriften der ältesten Kirchenschriftsteller, wie zum Beispiel des heiligen Augustinus. Dieser schreibt an den römischen Tribun Marcellinus Folgendes: »Laß nicht ab von dem väterlichen Eifer, den du in der Inquisition gegen die Sünder gezeigt hast, wo du so glücklich gewesen bist, nicht durch die Folter, nicht durch glühende Eisen oder Scheiterhaufen, sondern blos durch Ruthenhiebe die Geständnisse bei größeren Verbrechen herauszubringen. Dies ist die Art zu strafen, welche schon sehr häufig von den Lehrern gegen ihre Zöglinge, von den Eltern gegen ihre Kinder und oft von den Bischöfen im Gericht angewandt worden ist.«

Die »Verbrecher und Sünder«, von denen hier die Rede ist, waren die Danstiften, eine Sekte, deren Lehren von denen der herrschenden Kirche abwichen. Ich führe das nur an, um zu zeigen, wie grausam und intolerant schon in den frühesten Zeiten die christliche Kirche war. Sie beschwerte sich bitter über die Verfolgungen der Heiden; aber kaum hören diese auf, als sie auch schon selbst als Verfolgerin auftritt und die Gewalthaber anreizt, Andersdenkende mit Strenge und Grausamkeit zu zwingen, ihre Meinungen aufzugeben!

Der Bischof Cäsarius von Arles richtete sich bei den von ihm verordneten Geißelstrafen nach dem mosaischen Gesetz und ließ keinem, der etwas verschuldet hatte, mehr als neununddreißig Hiebe geben. War das Verbrechen groß, dann wurde die Strafe nach einigen Tagen wiederholt, dabei aber die Anzahl der Streiche vermindert.

Dergleichen Strafen erhielten indessen nicht nur die Sklaven oder Diener, sondern selbst geweihte Geistliche, und der Papst Gregorius der »Große« empfiehlt den Bischöfen sehr dringend, gehörigen Gebrauch von ihrer Gewalt zu machen. So schreibt er an den Bischof Baschasius über die Art und Weise, wie derselbe den Diakonus Hilarius strafen soll, welcher den Diakonus Johann gelästert hat: »Da ein solches Verbrechen nicht ohne gesetzmäßige Ahndung vorübergehen darf, so befehlen wir hiermit dem, Bischof Baschasius, den Diakonus Hilarius seines Amtes zu entsetzten, ihn öffentlich geißeln zu lassen und alsdann an einem entfernten Orte einsperren zu lassen. Denn die Bestrafung des Einen kann Vielen zur Warnung dienen.«

Es kam sogar vor, daß ein Bischof wegen eines geringeren Versehens öffentlich gegeißelt wurde. Einen Fall dieser Art erzählt Thomas de Chantpré. An der Kirche von Rheims befand sich ein sehr strenger Dechant, ein Engländer von Geburt, der jedes geringe Vergehen der übrigen Domherren auf die härteste Weise bestrafte. Zu seiner Zeit wurde der Bischof Albert von Lüttich in der Nähe der Stadt von Soldaten ermordet, und es wurde ihm ein sehr feierliches Leichenbegängniß bereitet. Bei demselben erschien auch der ehrwürdige Rothard, damals zwar noch Archidiakon von Rheims, aber bereits zum Bischof von Chalons in der Campagne erwählt, mit einem sehr zahlreichen, stattlichen Gefolge, jedoch ohne seinen bischöflichen Mantel.

Als die Leichenceremonien vorüber waren, rief der Dechant das Kapitel zusammen. Als ein jeder seinen Platz eingenommen hatte, sagte er zu Rothard: »Mir ist es doch nicht bekannt, daß du deinem Bisthum oder deinem Archidiakonat entsagt hättest?« – »Dies habe ich auch in der That nicht,« antwortete der Bischof. – »Nun,« sagte der Dechant, »so gieb der Kirche Genugtuung und schicke dich an, deinen Rücken in Gegenwart der Brüder geißeln zu lassen, denn du bist im Chor gewesen, ohne ein hochzeitlich Kleid anzuhaben.« Der Bischof, ohne ein Wort zu erwidern, entkleidete sich selbst und erduldete von dem Dechanten eine sehr nachdrückliche Geißelung. Als dieselbe vorüber war, sagte der Bischof zum Dechanten: »Ich danke Gott und seiner beleidigten Mutter, der Beschützerin der Kirche von Rheims, daß ich diese Kirche unter der Aufsicht eines solchen Mannes, wie du bist, zurücklasse.«

Schon die ältesten Klosterregeln bestimmten für verschiedene Vergehungen der Mönche die Strafe der Geißelung. Zu diesen Vergehungen gehörten Lügen, Diebstahl, Schlägerei und vor allen Dingen unerlaubter Umgang mit Frauenzimmern oder Knaben. So heißt es in den Regeln des heiligen Fructuosius Bischof von Braga: »Wenn ein Mönch Knaben oder Jünglingen nachstellt und entweder darüber, daß er sie küssen wollte oder in irgend einer andern unanständigen Handlung mit ihnen ergriffen worden ist, so daß die Sache selbst durch glaubwürdige Augenzeugen bewiesen werden kann, so soll er öffentlich geißelt werden.« Stolz und Eigensinn wurden ebenfalls als große Verbrechen betrachtet, und in denselben Regeln heißt es: »Demjenigen, der aus Stolz oder Streitsucht fortfährt, seine Fehler zu leugnen, soll eine harte Geißelung zuerkannt werden.« – Noch weit strenger ist in diesem Punkte die verbesserte Regel des heiligen Benedict; in dieser heißt es: »Wenn die Brüder, welche ihrer Fehler wegen exkommuniziert worden sind, ferner in ihrem Stolze verharren und bis auf die neunte Stunde des nächsten Tages fortfahren, sich zu weigern, dem Abte die schuldige Genugthuung zu leisten, so sollen sie bis an ihren Tod ins Gefängniß geworfen und gegeißelt werden.«

Die Regel des heiligen Fructuosius bestimmt in Bezug auf verbotenen Eingang mit dem weiblichen Geschlecht Folgendes: »Lasset den Mönch, der allein ohne Zeugen bei einem Weibe gewesen ist und vertraut mit ihr gesprochen hat, entweder zwei Tage bei Wasser und Brot curiren oder ihm zweihundert Ruthenstreiche geben.«

Hundert Hiebe werden also hier einer Mittagsmahlzeit gleichgesetzt! Das beweist, wieviel die guten Mönche auf das Essen hielten; seit alten Zeiten waren sie wegen ihrer Freßgier zum Sprüchwort geworden, und man hat eine Menge darauf bezüglicher Verschen und Bonmots. Mit einem guten Gericht konnte man einen solchen geschworenen Gourmand in eine Mausefalle locken; ein solches auszuschlagen war ihm unmöglich, selbst wenn es ihm daraus eine reiche Prügelernte erblühte.

Ein Benedictinermönch hatte Gelegenheit gefunden, sich einen ziemlichen Vorrath guten Wein und eine Menge sehr delicater Speisen zu verschaffen, was nach der Ordensregel äußerst strenge verboten war. Diese Schätze allein zu verzehren war wegen des Neides der Brüder zu gefährlich, und er fand es daher für gut, einige derselben freundschaftlich einzuladen. Den Schmaus in einer der Zellen zu halten, ging nicht gut an, und die Gesellschaft begab sich in einen der Keller des Klosters und wählte hier einen Bottich zum Tafelplatz, der etwa vier Fuß Tiefe und neun Fuß im Durchmesser haben mochte und welcher wahrscheinlich zum Zurechtmachen des Weines gebraucht wurde.

Während nun die ehrwürdigen Patres behaglich schmausend im Weinbottich saßen, vermißte der gestrenge Herr Abt mehrere Mönche. Nachdem er sie vergeblich in den Zellen und an allen Ort gesucht hatte, wo sie füglich hätten sein dürfen, fiel es ihm ein, hinab in den Keller zu steigen, wo sich die Zechenden gar bald durch die nicht genug unterdrückten Aeußerungen ihrer Fröhlichkeit verriethen. Der Abt, dem Schalle nachgehend, erlangte bald die Gewißheit, daß die Blüte seines Klosters im Weinbottich stecke, und war höchst begierig zu entdecken, was man dort treibe. Er schlich leise heran, schaute über den Rand des Fasses hinweg, und die strengen Falten verzogen sich bald zu einem lüsternen Schmunzeln und er begann sich die Lippen abzulecken.

Einer der Patres, der eben einen delikaten Bissen in den Mund steckte und dabei dankbar gen Himmel sah, entdeckte am Horizonte des Bottichs das Gesicht des Abtes. Man denke sich den Schreck des Ehrwürdigen! Der Bissen quoll ihm im Munde, und wie in der Verzückung blieb er bewegungslos sitzen, aber vor seinem innern Gesicht zogen in schrecklicher Reihenfolge Carcer, Cariren und unendliche Disciplinen vorüber. Die andern wurden bald die Verzückung ihres Confraters und den Grund derselben gewahr, und das Herz fiel ihnen in die Schuhe. Sie wünschten sich weit aus dem Bottich hinweg und lieber ins Fegefeuer.

Welcher Mönch wäre aber jemals beim Anblick von vollen Flaschen und delikaten Bissen ungerührt geblieben? Auch das Herz des Abtes wurde weich, und die Sünde der Brüder erschien ihm in diesem Augenblicke so klein. Mit sanfter, liebreich-vorwurfsvoller Stimme begann er: Warum habt ihr es mir verborgen, daß ihr ein so köstliches Mahl in Bereitschaft hattet? Wie viel Freude würde es mir gemacht haben, an eurem unschuldigen Genuß und an eurer Fröhlichkeit Theil zu nehmen. Ja noch jetzt – o laßt euch nicht stören – ja noch jetzt würde ich eure Einladung gern annehmen.« Es versteht sich von selbst, daß die von einem Erstaunen ins andere fallenden Mönche mit dieser Einladung nicht zögerten, und mit großer Behendigkeit erkletterte der Herr Abt den Rand des Bottichs und setze sich in die Mitte desselben.

Die Unerfahrenen unter den Schmausenden überließen sich ganz fröhlich dem Genuß; allein die ältern Mönche kratzten sich hinter den Ohren und prophezeiten sich nichts Gutes, als endlich Wein und andere Leckerbissen verzehrt waren. – Sie hatten darin nicht Unrecht. Am andern Tage wurden sämmtliche Mönche versammelt. Der Abt stieg von seinem Sitz und ersuchte den Prior, denselben einzunehmen, während er unter den andern Mönchen Platz nahm. Kaum war dies geschehen, so trat der Herr Abt hervor, klagte sich selbst öffentlich der Sünde an, die er am vorigen Tage begangen hatte, und verlangte, daß man ihn geißeln solle. Der Prior wandte zwar ein, daß es etwas Unerhörtes sei, einen Abt zu geißeln; allein vergebens, dieser bestand darauf und empfing die Disciplin.

Seine Zechgenossen machten sehr lange Gesichter; allein es half nichts, sie mußten in den sauren Apfel beißen und sich ebenfalls der begangenen Sünde anklagen. Der Abt, der nun wieder seinen Sitz eingenommen hatte, ließ einen eigens dazu bestellten Mann mit einer ungeheuren Disciplin hervortreten, und jeder der leckern Väter empfing eine derbe Lection und wünschte sich wieder in den Bottich.

Ich nannte die Mönche hier Väter oder Patres. Dieser Name gab zu vielen Anspielungen Veranlassung, und schon zu alten Zeiten machte man ihn zum Gegenstand von Spottgedichten. Eins der ältesten ist folgendes von dem deutschen Satiriker Fischart:

Hört jr Barfüser, Carmelliter,
Ir Prediger und Jesuiter,
Woher kompts, das jr Vätter heiset?
Daher, das ir solchs wol erweiset:
Dieweil jr gieset Sön und Töchter
hin und wider inn Pfaffen Tröchter:
O solt han jedes Kind eyn plat
Welchs Pfaff und Mönch zum Vatter hat,
So wird die Plat gewiß nicht mehr
Sein der Geystlichkeit Gmerck und Ehr.

Ein anderes Verschen von einem gewissen Goldrich lautet eben so erbaulich:

Das geschrey geht, du solst Luthrisch sein:
Aber dein Pfarrher der sagt, Neyn,
Dann du Hurst, sagt er, gleich so wol
Als der best Bischoff, so sein soll:
Und sauffst, wie der frömmst Abt zum zeren,
Und gedenckst Gotts nicht als im schweren:
Und scheuest dich vor Heylger Schrifft
Als vor dem ärgsten Ketzergifft.
Gecht an den zeychen, kan der Hirt
Erkennen welches Schaaf nicht irrt.

Alle Mönchsstatuten durchzugehen und ihre auf das Geißeln bezüglichen Regeln auszuziehen, würde eine höchst langweilige Arbeit sein; ich begnüge mich daher damit, in der Namen- und Rangliste der Armee des lieben Pfaffengottes zu blättern und das für meinen Zweck Passende herauszunehmen, was mir gerade nahe liegt und gefällt.

Zuerst stoße ich da wieder auf die Karmeliter und die Hosenfeindin St. Therese mit ihrer Regel, die so reichlich mit Geißelverordnungen gespickt ist, daß manches Kloster, welches derselben folgte, ein eigenes Magazin für Ruthen haben mußte. Um nur einen Maßstab für die Strenge dieser Regel anzugeben, führe ich folgendes an: Erschien eine Nonne ohne Erlaubniß im Sprachzimmer, so wurde sie drei Mal vor den versammelten Nonnen gegeißelt und mußte drei Tage bei Wasser und Brot fasten. Sprach sie aber gar bei ihrem unerlaubten Erscheinen im Sprachzimmer, dann geschah folgendes: Die Nonne, welche dieses entsetzliche Verbrechen begangen hatte, mußte sich auf den Boden niederwerfen und demüthig um Vergebung flehen. Dann entblößte sie ihre Schultern und empfing die Geißel so lange und so scharf, als die Priorin es für nöthig finden würde. In dieser Lage mußte sie den Befehl abwarten, wieder aufzustehen, und war dieser endlich gegeben, sich in die ihr zugetheilte Zelle verfügen, verlor Sitz und Stimme im Kapitel und nahm die niedrigste Stelle ein. Doch damit war's noch nicht genug! Während der Mahlzeit mußte sie sich ganz nackt, nur mit einem Mäntelchen bedeckt, mitten in dem Refektorium auf die Erde legen und erhielt zur Nahrung nichts als Wasser und Brot. Während der Horen mußte sie sich vor die Thür des Chores niederwerfen, und die Schwestern schritten über sie hinweg und traten sie mit Füßen. So schrieben es die Statuten vor, und diese hatte ein Mädchen, eine Heilige verfaßt!

Die beschuhten oder graduirten Karmeliter, die sich viel mit dem Studiren beschäftigten, genossen einige Vorrechte; aber um ihnen den Gelehrtenhochmuth auszutreiben, hatte man es doch für nöthig gehalten, die Geißelstrafe bei allen nur möglichen Gelegenheiten anzuwenden. Und daß die gelehrten Herren in ihrer gelehrten Zerstreuung sehr häufig fehlten, scheint schon daraus hervorzugehen, daß eine besondere Verfügung erlassen wurde, nach welcher die Leibröcke und groben Hemden der Mönche hinten mit einem weiten Schlitz versehen wurden, damit sie die Schultern weit genug entblößen und die heilige Disziplin in gehöriger Ausdehnung empfangen konnten.

Wer ein unerlaubtes Buch las, bekam Prügel; wer bei den Horen zu früh aufstand, wer eine Speise fallen ließ, wer gegen irgend eins der vielen Ordnungsgesetze fehlte – bekam Prügel. Kurz, Prügel von allen Graden waren ihr tägliches Brot. – Am allerhärtesten wurden aber die Vergehungen mit hübschen Klosterfrauen bestraft, besonders ein mit denselben begangenes Verbrechen, welches zwar nicht genannt wird, aber in dem Orden sehr häufig vorgekommen sein muß. Schon auf den bloßen Verdacht hin, dasselbe begangen zu haben, wurde ein Mönch, ohne Hoffnung auf Milderung oder Barmherzigkeit zu haben, mit ewigem Gefängniß bestraft und zwar: um dort erbärmlich gequält zu werden, lautet der Beisatz in den Statuten. Was darunter ungefähr verstanden wird, erinnert sich der Leser vielleicht noch aus dem Kapitel von der »Möncherei.«

Die Geißel spielte in den Klöstern eine Hauptrolle, Die Schwestern gaben sich dieselbe freilich auch untereinander; aber am liebsten vollzogen sie höchsteigenhändig die Geißelung an einem jungen Frater oder Novizen. Bald wurde die obere, am liebsten aber die untere Disciplin angewendet.

Hatte eine Nonne Lust zum Geißeln, so bestellte sie einen Novizen auf seine Zelle und befriedigte ihr Verlangen. Klagte der Gepeitschte bei der Aebtissin, so wurde hier die Lektion wiederholt; aber es wird ganz ausdrücklich bemerkt, daß man dabei nicht allzustrenge verfuhr.

Oft ließen sich beide Theile – Mönche und Nonnen – zusammen discipliniren; die Nonnen vom Beichtvater und die Mönche von der Aebtissin. Fühlten sich dumme junge Leute darüber verletzt, daß die Nonnen ihr Seelenheil und ihren Körper so oft berücksichtigten und klagten, dann antwortete ihnen die Aebtissin verblümt: daß es doch gewiß weit besser sei, von einer weichen adeligen Frauenhand, als von der Hand eines rohen, gemeinen Kerls die Ruthe zu erhalten.

Die Ordensregel der Trappisten war entsetzlich strenge und im Innern ihrer Klöster erschöpfte sich die Phantasie der Mönche in Selbstquälerei. Das Geißeln spielte hier eine Hauptrolle und wurde mit einer Geißel verrichtet, die aus einem Büschel von harten, knotigen Zwirnfäden bestand, durch welche die Haut bei einigermaßen anhaltendem Gebrauch wie mit Messern zerschnitten wurde.

Nicht selten klemmte man den Kopf eines unglücklichen Novizen oder Mönchs in ein in die Thür der Zellen angebrachtes Schiebefenster, so daß er ganz wehrlos war und nicht einmal wußte, von wem er die unbarmherzigen Hiebe erhielt die ihm das Fleisch zerrissen. Sein Geschrei verhallte in dem leeren Zimmer, in welches er hineinblickte, und die Wände, welche seine Qualen sahen, waren ebenso mitleidslos wie seine Peiniger. Dieses Thürloch nannte man le trou Patri.

Die heilige Hildegardis von Köln gehörte auch dem Cisterzienserorden an, – von welchem der von La Trappe ein Ableger ist, – und war lange Zeit als Bruder Joseph in einem Mönchskloster. Hier richtete sie viel Unheil an, denn die Herren Patres fühlten in ihrer Nähe eine Beklemmung und eine Beunruhigung, welche so starke Versuchungen herbeiführte, daß dagegen weder Fasten, Aderlässe noch Geißelungen helfen wollten. Inbrünstig sangen sie alle Morgen in der Frühmette:

Mentemqus nostram comprime
Ne polluantur corpora
Per noctium phantasmate etc.Das Verschen mag sich Jeder von seinem Schulmeister übersetzen lassen. Es wird übrigens noch heutzutage in der römischkatholischen Kirche gesungen.

aber das half Alles nichts, und die heilige Hildegard mag sich oft darüber amüsirt haben, wenn ein junger Mönch die Ruthe bekam für natürliche Sünden, deren Urheberin sie eigentlich war. – Mein Gewährsmann versichert übrigens, daß in dergleichen Versuchungen häufig die Jungfrau Maria zur Hülfe kam.

Die Franziskaner waren von ihren Stiftern in Bezug auf das Geißeln auch reichlich bedacht worden, gleich wie die weiblichen Franziskaner, die Clarissinnen; allem den sich aus beiden Orden bildenden Seitenzweigen war die Regel noch nicht strenge genug, und besonders zeichneten sich durch zahlreiche Prügelmandate die Orden der männlichen und weiblichen Kapuziner aus.

Sebastian Ammann, der Ex-Prior der Kapuziner, den ich im vorigen Buche schon oftmals citirt habe, giebt eine Beschreibung davon, wie die Geißelung noch heut zu Tage in den Kapuzinerklöstern angewandt wird. Ein solches Zeugniß aus der Gegenwart darf ich mir nicht entgehen lassen und setze die bezügliche Stelle hierher: »Die Geißel ist ein Instrument, aus Eisendraht geflochten, ungefähr vier Schuhe lang; ein Theil davon, den man beim Schlagen um die Hand windet, ist einfach, derjenige aber, mit dem man auf den Leib schlägt, fünffach geflochten und an den fünf Enden gewöhnlich mit eisernen Zacken versehen. Die Geißelung geschieht bei den Kapuzinern auf zweierlei Art. Im Chore Nachts bei der Mette heben sie die Kutten auf und klopfen sich auf den bloßen Steiß, bis der Obere ein Zeichen zum Aufhören giebt. Da sie keine Hosen tragen, so geht die Scene schnell auf das Kommando vor sich. In dem Speisezimmer, wo die Geißelung beim hellen Tage im Angesichte aller Conventualen vor sich geht, pflegt sie auf folgende Weise zu geschehen. Derjenige, welchem die Strafe zu Theil wird, muß, bevor er zu Tische geht, das wollene Hemd (Schweißbletz) und die leinene Schürze (Mutande), die unter der Kutte getragen werden, ausziehen und so mit den Andern sich zum Tischgebete einstellen. Nach diesem gehen alle Uebrigen zu Tische; der Sträfling aber wirft sich auf die Kniee, legt die Geißel vor sich hin auf den Boden, faßt mit beiden Händen die Kapuze und zieht sich die Kutte über den Kopf aus, legt dieselbe vor die Brust hin, so daß der vordere Leib bedeckt, der Hintere aber ganz nackt ist. In dieser Lage hält er mit der linken Hand die Kutte und in der rechten die Geißel.

»Auf ein Zeichen, das ihm der Obere giebt, beginnt er laut Bußpsalmen, das Miserere, De profundis und lateinische Gebete zu sprechen, und schlägt sich so lange auf den nackten Rücken über die Achseln, bis der Obere zufrieden ist und das Zeichen zum Aufhören giebt. Zwickt sich der Pönitent mit der Geißel nicht heftig genug, so läßt ihn der Guardian länger beten und zuschlagen. – Wer noch nicht alles Schamgefühl verloren hat, wie ergraute Kapuziner, der unterzieht sich dieser Operation gewiß ungerne. Daß diese schamlose Handlung Anlaß zu der naturwidrigsten Unzucht gegeben habe, könnte ich Jedem mannigfaltig beweisen, der daran zweifeln sollte.« Die Ordensregel der Augustiner war in Bezug auf die Geißelstrafe ebenfalls strenge. Zu ihnen gehörten viele Doktoren und Baccalauren, die in der Welt eine gewisse Stellung hatten und als Lehrer bei Universitäten und Schulen angestellt waren. Dies schützte sie aber nicht vor der Geißel. Sie wurden scharf beobachtet. Hatten sie eine Sünde begangen, dann wurden sie in das Kloster citirt, dem sie ursprünglich angehörten. Mancher stolze Doktor mußte, anstatt mit dem Mäntelchen und dem schwarzen Barett, in schlechtem Kleide, bis auf die Hüften entblößt, dem Prior zu Füßen liegend seine Sünden bekennen und sich eine derbe Geißelung gefallen lassen. Wer sich etwa der Strafe widersetzte, der wurde sogleich ins Gefängniß geworfen und hier doppelt derb geprügelt.

Die Dominikaner prügelten, peitschten und behandelten sich nicht besser wie Hunde – Am allerschlimmsten hatten es in allen Klöstern die Novizen. Es ist empörend, wenn man liest, wie man mit ihnen umging. Ich habe indessen in dem Kapital von der »Möncherei« schon so viel davon gesagt, daß ich es hier um so mehr für überflüssig halte, als ich in diesem Buche noch gar viele andere wichtige und interressante Dinge zu erzählen habe.

Jedes Kloster hatte zwar seine bestimmten Regeln; allein diese ließen der Willkür der Obern einen solchen Spielraum, daß die Regierungsform in einem Kloster eine durchaus despotische genannt werden muß. Wie sehr die Aebte hin und wieder diese Macht mißbrauchten, geht aus den Bestimmungen hervor, die von Zeit zu Zeit dagegen erlassen werden mußten. So fand es schon in sehr früher Zeit Cäsarius, Bischof von Arles, für nöthig, den Aebten und Prioren einzuschärfen: daß, wenn sie irgend einen Verbrecher so lange geißelten, daß er daran sterben müßte, sie eines Menschenmordes schuldig geachtet werden würden.«

St. Romuald, der uns schon bekannte Stifter der Kamaldulenser, behandelte seine Mönche auf eine so grausame Art, daß sie dadurch zur Verzweiflung gebracht wurden und ihm Rache schworen. Gar häufig wurde er nun des Nachts »vom Teufel« auf die entsetzlichste Weise durchbläut; aber man hat sehr guten Grund, zu vermuthen, daß diese prügelnden Teufel derbe Mönche waren. – Als diese Warnungen nichts halfen, da erregten die Mißhandelten einen offenen Aufstand, geißelten Romuald ganz unbarmherzig und jagten ihn endlich zum Kloster hinaus.

Es ist eine allgemein bekannte Erfahrung, daß die Weiber im allgemeinen weit grausamer sind als die Männer. Im ersten Kapitel habe ich vielfach Beweise davon beigebracht. In den Nonnenklöstern bestätigte sich diese Erfahrung gleichfalls, und ich habe davon bereits im Kapitel von der »Möncherei« geredet, wo ich auch die gräßliche Geschichte von der Karmeliternonne Therese, welche in neuer Zeit spielt, erzählt habe.Pfaffenspiegel S. 307. Mit einer andern, nicht minder entsetzlichen und in welcher das Geißeln eine Hauptrolle spielt, will ich dieses Kapitel beschließen.

Der Wundarzt Ferdinand Naumann, der in dem Dörfchen Hornstein ein, in der Nähe einer Prämonstratenser-Abtei, wohnte, hatte eine große Vorliebe für die Klöster, welche von seiner Frau getheilt wurde. Aus diesem Grunde beschlossen beide ihre jüngste Tochter Magdalena »dem Himmel« zu weihen, da die älteste große Geschicklichkeit und Neigung für die Landwirthschaft zeigte.

Der Hausfreund Baumanns war der Abt der benachbarten Abtei, und er bestärkte die Eltern noch in ihrem Entschlusse, ja verwendete sich selbst bei den Klarissinnen in der Hauptstadt für die künftige Aufnahme des Mädchens und bewirkte, daß man von ihr eine nicht so große Aussteuer verlangte. Magdalene wurde nun in allen einer Nonne dienlichen Geschicklichkeiten und auch in der Wundarzneikunst unterrichtet und meldete sich nach vollendetem sechzehnten Jahre zur Aufnahme.

Sie war ein wunderschönes Mädchen im ganzen Sinne des Wortes geworden und bezauberte alle Herzen. Es fehlte ihr daher auch nicht an Freiern, unter denen der junge Rehling die redlichsten Absichten hatte und in keiner Hinsicht zu verwerfen war. Magdalena blieb aber fest bei ihrem Entschlusse, ins Kloster zu gehen, in welchem sie durch ihre bigotte Mutter noch immer mehr bestärkt wurde.

Der Vater war wankend geworden, denn die seltsamen schmunzelnden Mienen und die höchst sonderbaren Redensarten des Beichtvaters des Klosters, wie das habgierige Benehmen der Nonnen erfüllten ihn mit bangen Besorgnissen; aber er hatte nicht Energie genug, der Mutter und den Pfaffen gegenüber fest aufzutreten.

Magdalene wurde eingekleidet und vor allen Dingen in die Mysterien des Geißelns eingeweiht, für welches das arme Mädchen bald anfing zu schwärmen. Die kleine Disciplin bestand aus 36, die große aus 300 Hieben auf Rücken und Hintern. – Das Noviziat ging zur Zufriedenheit vorüber und Magdalene that Prozeß zur Verzweiflung des jungen Rehling.

Sie sah bald allerlei Dinge, welche ihr theils gar nicht gefielen, theils sehr befremdlich vorkamen; sie durfte jedoch ihre Bemerkungen nicht laut werden lassen. Endlich kam das Fest der Himmelfahrt Maria und mit ihr die große Disciplin, die sie nur der Theorie nach und im Allgemeinen kennen gelernt hatte. – Das Zimmer, in welchem die Geißelung vorgenommen wurde, war zwar verdunkelt; allein durch die Ritzen der Fensterladen fiel Licht genug herein, um alles was vorging, ziemlich genau erkennen zu lassen. Nur mit großem Widerwillen löste die schamhafte Jungfrau ihren Gürtel und entblößte den wunderschönen untadelhaften Körper, an welchem sich die lüsternen Klosterkatzen und die Aebtissin weideten.

Sie geißelte sich indessen mit allem Eifer, bemerkte aber daß es die andern Nonnen mehr wie eine Spielerei betrieben, nur eine Nonne, Namens Griselda, übertrieb die Sache so sehr, daß das Blut über ihren Körper strömte und die Spitzen der Geißel an manchen Orten wohl einen Zoll tief in das Fleisch eingeschnitten hatten. Magdalene, welche zur Klosterapothekerin ernannt worden war, eilte ihr zur Hülfe und stellte sie in kurzer Zeit gänzlich wieder her. Sie hatte es nicht unterlassen können, Griselda aufzufordern, sich doch in der Folge nicht wieder so hart zu geißeln; allein dies kam der Aebtissin zu Ohren, welche darüber sehr ungehalten wurde, und als Magdalena sich entschuldigen wollte, sie herrisch anschrie: »Schweige Sie!«

Die Folge davon war ein erhöhter Bußeifer der Griselda. Diese fuhr nicht allein fort, sich so hart wie früher zu geißeln, sondern quälte sich auch dermaßen mit dem Cilicium – ein stachlichter Drahtgürtel, der auf dem bloßen Leibe getragen wird –, daß die Stacheln tief in das Fleisch gedrungen waren. Der herbeigeholte Wundarzt erklärte, daß nur die sorgfältigste Operation der Nonne das Leben retten könne, und nun erst verbot die Aebtissin, mit Gutbefinden des Beichtvaters, der Griselda auf das strengste, sich ferner so heftig zu geißeln.

Magdalena, der nun auch das Aderlassen und Schröpfen übertragen wurde, bemerkte bald, daß die erstere Operation mit der zweiundzwanzigjährigen Schwester Theodora fast jeden Monat vorgenommen werden mußte. Sie bemerkte dem Mädchen, daß ein so großer Blutverlust nothwendig die Wassersucht zur Folge habe, und die arme Nonne gestand ihr weinend, daß sie dies auf Befehl der Aebtissin thun müsse, um die Wallungen des Blutes und die damit verbundenen wollüstigen Träume und verbotenen Gelüste, welche Folge des häufigen Geißelns wären, zu unterdrücken, was auch immer für kurze Zeit durch das Aderlassen gelänge. Die Unterhaltung Magdalenens mit Theodora und andere ähnliche Dinge kamen der Aebtissin zu Ohren und erbitterten sowohl diese als die älteren Nonnen gegen Magdalene.

Der Pater Beichtvater hatte seine Pläne auf das schöne Mädchen nicht aufgegeben, sondern ging recht systematisch zu Werke, um zum Ziele zu gelangen. Auf seine Veranstaltung wurde sie zur Oberkrankenpflegerin des Klosters ernannt, welcher Posten sie in häufigere Berührung mit dem Pater Olympius brachte, vor dem sie indessen von einer wohlmeinenden Schwester gewarnt wurde. Dieser scheinheilige Schurke machte ihr allerlei geistliche Geschenke und erwies ihr überhaupt so viel Aufmerksamkeiten, daß die andern Nonnen neidisch wurden. Magdalene suchte sich von dem ihr übertragenen Amte loszumachen, nur um die Berührungen mit Pater Olympius zu vermeiden. Dieser erkannte sehr gut ihre Absichten und machte ihr im Beichtstuhl darüber heftige Vorwürfe, so daß sie genöthigt war, denselben zu verlassen.

Magdalene war nun bereits drei Jahre im Kloster, und die Augen waren ihr vollständig geöffnet. Mit Schaudern erkannte sie nun zu spät, daß der Weg geschlossen sei, und verfiel in tiefe Schwermuth. Häufig fand man sie seufzend und in Thränen schwimmend. Es fing ihr an Alles gleichgültig zu werden, und in ihrer Betrübniß achtete sie nicht immer auf die vorgeschriebenen Formen und beging allerlei Fehler, die mit leichten Bußen bestraft wurden, welche sie bei ihrer aufgereizten Stimmung sehr erbitterten.

Zu dieser Zeit war die Tochter eines andern Wundarztes Nonne geworden, und da sie einige Proben ihrer Geschicklichkeit abgelegt hatte, so nahm man Magdalenen ihre bisherige Stelle und fing an, sie mit großer Geringschätzung zu behandeln.

Man warf ihr die Geringfügigkeit des von ihr ins Kloster mitgebrachten Geldes vor und nannte sie ein lästiges, durchaus unnützes Geschöpf.

Nun ging dem armen Mädchen die Geduld aus. Anstatt die Vorwürfe ruhig hinzunehmen, antwortete sie heftig und mit Spott und wollte nicht schweigen, wenn die parteiische Priorin ihr den Mund verbot. Alsbald wurde der Aebtissin dies widersetzliche Betragen hinterbracht und ihr Magdalene als ein durchaus boshaftes, zänkisches und ungehorsames Geschöpf geschildert. Die Aebtissin fuhr zornig auf und schrie: »Ein solches Benehmen soll dieser Bauerndirne nicht ungestraft hingehen; man muß ihr den Nacken beugen und sie durch Zwang in die Schranken der Ordnung bringen.« Damit ließ sie Magdalene zu sich bescheiden. Diese erschien und sah, daß bereits zwei stämmige Laienschwestern bei der Aebtissin waren; eine der Mägde hatte eine große Kinderruthe in der Hand. Die Aebtissin las Magdalenen ordentlich den Text und kündigte ihr an, daß sie dafür bestraft werden solle. Die Arme weinte und bat, aber alles vergeblich. Endlich äußerte sie in ihrem Eifer, daß sie kein Kind und längst entwachsen, eine solche Züchtigung auch für eine Nonne unschicklich sei. Die Aebtissin ward immer zorniger und gebot Magdalenen, die Erde zu küssen.

Diese war sehr bereit, dem Befehl Folge zu leisten, denn sie hoffte, daß es mit dieser Strafe für dies Mal abgethan sein werde. Kaum lag sie aber auf der Erde, als sogleich eine der Laienschwestern über sie herfiel und sich auf ihren Rücken setzte, während die andere ihr Gewand aufhob und die Ruthe tüchtig gebrauchte. Als dies vorüber war, mußte Magdalene der Aebtissin die Hand küssen und sich für die gnädige Strafe bedanken. Die Nonnen standen auf der Lauer und begleiteten sie mit Hohngelächter, als Magdalene wieder in ihre Zelle ging.

Von nun an hatte die Unglückliche fortwährend von den Verfolgungen zu leiden, deren Ziel sie durch die Feindschaft der Aebtissin, Priorin und des Beichtvaters geworden war. Als sie eines Abends nicht in ihrer Zelle war und in der ihrer einzigen Freundin Crescentia gefunden wurde, schleppte man sie in den Kerker und verurtheilte sie am andern Tage durch förmlichen Kapitalbeschluß zur großen Disciplin. Doch damit war es noch nicht genug, es trafen sie noch eine Menge andere Strafen, darunter auch die Degradation von dem Nonnenrang zu dem einer Laienschwester.

Das arme gequälte Mädchen beging die Unvorsichtigkeit, einen Brief an ihre Eltern zu schreiben, in welchem sie ihnen ihre grauenvolle Lage schilderte und auf die rührendste Weise um Hülfe flehte. Der Brief wurde natürlich aufgefangen und sie gezwungen, einen andern lügenhaften abzuschicken, den ihr Pater Olympius in die Feder diktirt hatte. Für das Verrathen von Klostergeheimnissen an Laien erhielt sie abermals eine derbe Geißelung und wurde vier Wochen lang in den Thurm gesperrt, wo sie einen Tag um den andern Wasser und Brot erhielt.

Ihre Lage verschlimmerte sich, als die Aebtissin starb und ihre Hauptfeindin, die Priorin, an deren Stelle kam. Vergeblich bat Magdalene um Rückgabe des schwarzen Nonnenschleiers; sie mußte nach wie vor als Laienmagd Dienste in der Küche verrichten. Für jedes kleine Versehen erhielt sie die Ruthe, und als sie einstmals bei der Feier des Palmenfestes einen aus Blei gegossen 50 Pfund wiegenden »heiligen Geist«, weil derselbe ihr zu schwer war, fallen ließ, daß er zerbrach: erklärte dies Olympius für absichtliche Bosheit, für ein Religionsverbrechen! Die Aermste empfing in dem neben dem Refectorium gelegenen Gefängnisse eine starke Disciplin.

Um diese Zeit erhielt sie Besuch von einigen Verwandten, welche sie jedoch nur hinter der Clausur sprechen durfte. Was sie gesprochen hatte, wurde untersucht, und man erklärte sie für ein gänzlich verworfenes Geschöpf. – Die Sehnsucht nach »der Welt« wurde nun in Magdalenen immer mächtiger, und sie sann auf Flucht. Sie war auch so glücklich, das Freie zu gewinnen, aber später wurde sie ertappt und mußte wieder in das Kloster zurückkehren, obgleich ein hoher Geistlicher, den sie um Hülfe angerufen hatte, sich für sie verwandte.

Pater Olympius reizte die Aebtissien zu neuen Verfolgungen an, und Magdalene wurde endlich zum Gefängniß auf unbestimmte Zeit verurtheilt. Als man sie dorthin bringen wollte, wehrte sie sich mit der Kraft der Verzweiflung, und man mußte einen Franziskanerlaienbruder zur Hülfe rufen. – Durch diesen Widerstand erbittert, ließ ihr die Aebtissin in Gegenwart der Priorin in dem Gefängnisse auf einem Bunde Stroh abermals sehr derb die Ruthe geben.

Als einst Magdalenens Gefängniß ausgebessert werden mußte, wurde sie in ein benachbartes gebracht, in welchem die Schwester Christin nun schon dreizehn Jahre saß. Sie war zum Gerippe abgezehrt, vom Geißeln lahm und dem Wahnsinn nahe.

An Festtagen wurde Magdalene zum Abendmahl in die Kirche gelassen und mußte monatlich ein Mal dem Pater Olympius beichten. Dieser Schurke hatte seinen Verführungsplan noch immer nicht aufgegeben und drang mit unzüchtigen Anträgen in sie; allein sie schrie um Hülfe, und der Pater stellte sich, als habe er ihr nur die Disciplin geben wollen. Um wenigstens etwas für seine Sinne zu haben, befahl ihr der heilige Mann, sich zu entblößen; allein es kamen einige Schwestern herbei, bei denen er sein Betragen schlecht genug entschuldigte.

Die Einkerkerung des unglücklichen Geschöpfes hatte nun unter fortwährenden Mißhandlungen drei Jahre und acht Monate gedauert; als endlich ein Schornsteinfeger, der in der Nähe ihres Gefängnisses arbeitete und Gewimmer hörte, die Sache der Obrigkeit anzeigte. Es wurde vom betreffenden Ministerium sogleich eine Commission ernannt, welche in dem St. Klarenkloster eine Untersuchung anstellte.

Als man Magdalene ihre Freiheit ankündigte, weinte sie laut vor Freuden; allein die Aermste war so elend, daß sie sich kaum bewegen konnte. Man übergab sie sogleich dem Leibarzt des Kurfürsten und dem Hofwundarzt zu sorgfältigster Pflege.

Das von Beiden über den Zustand des armen Mädchens abgegebene Gutachten sprach sich dahin aus: daß die unaufhörlichen Geißelungen ihr die heftigsten Schmerzen zugezogen hätten, an denen sie fortwährend leide, besonders bei verhärtetem Stuhlgange, der mit Blut und Materie besprengt sei, ohne daß man dies als eine Wirkung der goldenen Ader betrachten könne. Durch die lange Einsperrung ohne alle Bewegung und durch die heftigen Schläge auf die muskulösen und tendinösen Theile der Schenkel und Füße seien diese entzündet, und da man bei ihr keine vertheilenden Mittel angewendet habe, so hätten sich dadurch diese Theile dermaßen verhärtet und zusammengezogen, daß sie gänzlich estorpirt und schwerlich Hoffnung vorhanden sei, sie wieder so weit zu heilen, daß sie ihre geraden Glieder wieder würde gebrauchen können.

Während ihrer ärztlichen Behandlung wurde Magdalene viermal verhört, und es kamen alle im Kloster verübte Schändlichkeiten an den Tag, so sehr sich auch das Pfaffengezücht schlangengleich drehte und wand. Eine Nonne Namens Paschalia, die ebenso wie Magdalene gequält worden war, sollte wahnsinnig geworden und an einem Nervenschlage gestorben sein; aber einige von den fünf Nonnen, welche den Muth hatten, die Wahrheit zu gestehen, behaupteten, sie habe sich in der Verzweiflung im Gefängnisse an ihrem Busenschleier erhängt. Daß man auf einen solchen Selbstmord von Seiten Magdalenens ebenfalls gefaßt war, ergab sich aus den Papieren der Abtei.

Obgleich alle Umstände gegen die Aebtissin und ihr Gelichter sprachen, obgleich sich über Magdalenens Bestrafung kein einziges Protokoll vorfand, – das Pfaffengezücht wußte sich doch so durchzulügen, daß es ohne Strafe davon kam, und die einzige Folge dieser Entdeckungen war eine Einschränkung der Macht der Aebtissin und genauere Beaufsichtigung des Klosters.

Magdalene sollte zeitlebens im kurfürstlichen Hospital bleiben, und wenn sie genesen würde, sollte sie Freiheit haben, auszugehen, anständige Gesellschaften zu besuchen und zu empfangen. Das Klarenkloster mußte ihr die nöthige Ausstattung und außerdem jährlich zweihundert Gulden geben.

Erst nach 5 – 6 Jahren konnte Magdalene wieder gehen, und ihr geknickter Körper erholte sich allmählig. Im Klostergefängniß hatte sie im Falle der Befreiung eine Wallfahrt nach Loretto gelobt. Diese unternahm sie nun mit Erlaubniß der Behörde; allein sie kehrte nicht mehr in ihre Heimath zurück. Im August 1778 starb sie, 45 Jahre alt, in einem Krankenspital zu Narni in Italien. –

Und nachdem in Italien die Klöster, wenigstens offiziell, nun aufgehoben worden sind, haben wir noch in jüngster Zeit im oberen Elbthale die schönsten Bußgeißelungen erlebt. Im Februar 1875 wurde dem »Trautenauer Wochenblatte« von dorther geschrieben, daß in dieser Gegend sich wenige Wochen vorher eine Nonne Namens Juliana Anastasia gezeigt hatte, die mit folgenden »sündenreinigenden und seligmachenden« Werkzeugen ausgerüstet war: einem eisernen Ringe mit Spitzen, der den reumüthigen Sündern auf den bloßen Körper gelegt wurde, einer Geißel mit fünf Riemen, an deren jedem der »besseren Empfindung« wegen einige Knoten geschürzt waren, einem Steine von der Zerstörung Jerusalems u. s. w. Die Ablaßspenderin verabfolgte die seligmachenden Geißelhiebe für den billigen Preis von zehn Kreuzern das Stück. Wer sie dutzendweise kaufte, genoß gar noch Rabatt.

In der Nähe von Arnau soll selbst ein Künstler von Beruf seine Sünden dadurch getilgt haben, daß er sich für zwei Gulden 20 Hiebe auf seinen nackten Ketzerleib von der Nonne aufbrennen ließ. Und zwar mußte sie ihm, um die Wirkung wahrscheinlicher zu machen, zehn davon auf die bloßen Fußsohlen geben, weil der Ablaß auch mit der Erhöung des Schmerzes anwachsen müsse. Auch Arnau selbst und Herrmannseifen wurden von dieser Ablaß-Händlerin heimgesucht. In Ketzelsdorf wurde sie jedoch – Undank ist der Welt Lohn – vom Nachtwächter mit sammt ihren himmlischen Werkzeugen und ihrem Steine von der Zerstörung Jerusalems in den Gemeindekotter eingesperrt – man vermuthet wegen einer die gewöhnlichen Grenzen weit überschreitenden Geistesverfassung.

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