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Die Geier-Wally

Wilhelmine von Hillern: Die Geier-Wally - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWilhemine von Hillern
titleDie Geier-Wally
publisherFackelverlag
year1964
correctorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20090409
modified20141105
projectid9a66ecda
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Hartes Holz

Tiefe Nacht umgab Wally, als sie die Augen wieder aufschlug; erloschen war der Feuerschein, verstummt das Geläut, in der Schlucht tief unten donnerte eintönig die Ache, und über ihrem Haupte stand hoch am Himmel ein Stern. Sie blickte zu ihm auf, lange regungslos auf dem Rücken liegend, und er schaute auf sie herab wie ein Blick der Verzeihung. Eine wunderbare Tröstung wehte durch die Nacht. Über die fiebernde Stirn strich kühlend der Wind, und sie richtete sich auf und begann ihre Gedanken zu sammeln. Es konnte nicht spät sein, der Mond war noch nicht aufgegangen. Das Feuer war also rasch gelöscht. Es mußte ja auch so sein, wo alle dabei waren und augenblicklich helfen konnten, wie hätte da ein Brand um sich greifen können! Sie wußte nicht, wie ihr war – sie prüfte sich bis auf den Grund ihrer Seele, und sie konnte sich nicht schuldig fühlen. Sie hatte es ja nur getan aus Notwehr, um die Verfolger von sich abzuhalten, indem sie ihnen etwas anderes zu tun gab! Sie wußte wohl, daß man sie nun »Mordbrennerin« nennen werde – aber war sie's? Sie erhob den Blick zu dem Stern über ihr. Es war, als spräche sie sich jetzt zum erstenmal ganz allein mit dem lieben Gott aus, und was er ihr sagte, war Versöhnung. Friedlich schaute der reine Nachthimmel auf sie nieder, diesem Himmel zulieb hatte sie's ja getan. Nur unter dieser hochgewölbten Sternenkuppel hatte ihre Brust Raum zu atmen; gefangen liegen im dumpfen Keller ohne Luft, ohne Licht, wochen-, monatelang, bis sie in das Haus des verhaßten Werbers flüchten würde und zu Spott und Schande vor ihrem Vater auf den Knien öffentlich Buße tun – das war mehr als der Tod, das war eine Unmöglichkeit!

Das Mädchen, das sechs Monate lang mutterseelenallein in der rauhen Herberge der Ferner zu Gaste war, das mit den wilden Gesellen, die dort hausen, dem Sturm, dem Hagel und Regen, die Nächte durchwacht, dessen Stirn das Feuer des Himmels geküßt, bevor es zur Erde niederzückte, das hoch in den Wolken der Donner in seiner ganzen Furchtbarkeit umtost, bevor er seine Kraft in den Lüften zerteilte, das Mädchen, das fast täglich sein Leben eingesetzt, wenn es über abgrundtiefe Felsspalten wegsprang, um eine verstiegene Geiß zu retten – das Mädchen konnte sich nicht mehr fügen in die Begriffe und die Tyrannei des kleinen Sinns, konnte sich nicht knebeln lassen wie ein Tier, mußte sich wehren auf Leben und Tod. Die Menschen hatten kein Recht mehr an sie – sie hatten sie hinausgestoßen und zur Gefährtin der Elemente gemacht; was Wunder, daß sie einen der wilden Gefährten – das Feuer – zu Hilfe rief in dem Kampfe gegen die Menschen?

Sie konnte sich das alles nicht klar machen, sie hatte nicht gelernt, über sich selbst nachzudenken, sie wußte nicht warum? Aber sie fühlte, daß Gott nicht mit ihr rechtete, daß er von seiner Höhe herab mit einem andern Maß messe als die Menschen, war ja auch ihr von ihrem Ferner herab alles so klein erschienen, was sie in der Tiefe für groß gehalten – wie mußte es erst ihm sein da droben im Himmel?! – Gott allein verstand sie – mochten sie die da unten für eine Verbrecherin halten – Gott sprach sie frei.

Da erhob sie sich und schüttelte die Last von der Seele und war wieder die alte, rüstig und zuversichtlich, stark und frei.

»Jetzt, Hansel – was fangen wir an?« fragte sie den Geier, mit dem sie sich in Ermangelung jeder Ansprache laut zu reden gewöhnt hatte. Hansel stellte eben irgendeinem nächtlichen Gewürm nach, erwischte es und verschlang es. »Du hast recht«, sagte Wally, »unser Brot müssen wir suchen. Du hast's guat, du find'st 's überall, aber i?« Plötzlich wurde Hansel unruhig, flog auf und spähte nach etwas in der Ferne.

Da fiel es Wally ein, daß man sie nun, da das Feuer gelöscht sei, suchen könne und sie weiter müsse, so schnell wie möglich. Aber wohin? Ihr erster Gedanke war Sölden! Aber das Blut stieg ihr ins Gesicht – konnte da nicht der Joseph denken, sie liefe ihm nach? Und sollte er sie in der Schmach und Schande sehen, arm, von zu Hause entlaufen, verpönt und verschrien als »Brandstifterin«?

Nein, so sollte er sie nicht sehen, er am wenigsten, lieber laufen, soweit der Himmel blau!

Und ohne sich weiter zu besinnen, nahm sie den Geier auf die Schulter – das einzige Hab und Gut, das sie beschwerte – und ging der Richtung zu, von der sie am Morgen gekommen – nach Heiligkreuz.

Zwei Stunden war sie gegangen, ihre Füße waren wund, und sie war zum Tode erschöpft, da tauchte der Turm von Heiligkreuz in der Dunkelheit vor ihr auf, und wie das Licht in einem Leuchtturm schimmerte durch die offene Glockenstube der aufgehende Mond und zeigte der ziellosen Wanderin die Richtung.

Taumelnd vor Müdigkeit schleppte sie sich durch das schlafende Dorf der Kirche zu. Dann und wann schlug ein Hund an, wo sie mit leisem Fuß vorüberschritt. Wer sie jetzt erwischte, der mußte sie für eine Diebin halten. Sie zitterte, als wäre sie's wirklich. Was war aus der stolzen Stromminger-Wally geworden?

Hinter der Kirche war das Pfarrhaus. Neben der Tür stand eine hölzerne Bank, und von den kleinen Fenstern hing das Gestrüpp abgeblühter Bergnelken aus den hölzernen Kästchen darauf nieder. Hier wollte Wally den Tag abwarten, der Pfarrer würde sie doch wenigstens vor Mißhandlungen schützen. Sie legte sich auf die Bank, den Hansel setzte sie auf die Lehne zu ihren Häupten, und nach wenig Augenblicken forderte die Natur ihr Recht, sie schlief ein. –

»Herr meines Lebens, was ist mir da für ein Findling beschert!« klang es Wally ins Ohr, und als sie die Augen aufschlug, war es heller Tag und niemand anders als der Herr Kurat selbst stand vor ihr.

»Gelobt sei Jesus Christus«, stammelte Wally verlegen und fuhr mit den Beinen von der Bank herunter.

»In Ewigkeit, Amen! Mein Kind – wie kommst du hierher, wer bist du – und was ist das für ein seltsamer Begleiter, den du da bei dir hast – man könnte sich fast fürchten?« sagte der geistliche Herr freundlich lächelnd.

»Hochwürdig Gnaden«, sagte Wally einfach, »i hab was Schwer's auf 'm G'wissen und möcht Ihne gern beichten! I heiß Walburg und g'hör 'm Stromminger vom Höchsthof auf der Sonneplatten. I bin d'heim davong'laufen. Wißt's – i hab Händel mit 'm Gellner-Vinzenz und hab'm a Loch in 'n Kopf g'schlag'n, und dann hab i mein'm Vater d'Scheuer an'zünd't – –!«

Der Pfarrer schlug die Händ zusammen: »Gott steh uns bei – was für Geschichten! So jung und schon so bös!«

»Hochwürden – i bin sonst nit bös, g'wiß nit – i kann keiner Fliegen nix z' leid tun – aber sie hab'n mir's danach g'macht!« sagte Wally und schaute den Kurat mit ihren großen, ehrlichen Augen an, daß er ihr glauben mußte, er mochte wollen oder nicht. »Komm herein«, sagte er, »und erzähl mir, aber das Ungetüm laß draußen«; er meinte den Geier. Wally schwang den Geier in die Luft, daß er auf das Dach flog, und folgte dem Herrn in das kleine Haus. Er ließ sie in die Stube treten.

Da war es ganz still und friedlich. Im Alkoven stand eine rohe hölzerne Bettstelle mit zwei gemalten flammenden Herzen, die für den Herrn Kuraten die Herzen unseres Heilandes und der Jungfrau Maria bedeuteten. Über dem Bett war ein Weihwasserkesselchen von Porzellan und ein Brett mit Erbauungsbüchern. Im Zimmer waren noch mehrere Schäfte mit anderen Büchern und ein altes Schreibpult, eine braune Holzbank hinter einem großen, schweren Tisch, einige Holzstühle, ein Betschemel unter einem großen Kruzifix mit einem Kranz von Edelweiß und ein paar bunte Lithographien des Papstes und verschiedener Heiligen. Von der Decke herab hing ein Käfig mit einem Kreuzschnabel. Eine uralte Kommode mit messingenen Löwenköpfen, welche Ringe zum Aufziehen der schweren Schubladen im Maule hatten, bildete das Prachtstück. Auf dieser Kommode waren allerhand schöne Dinge. Ein Heiligenschrein mit einem geschnitzten Heiligen, ein Glaskästchen mit einem wächsernen Christuskind in rotseidener Wiege, ein gläsernes Spinnrädchen und ein vergilbter künstlicher Blumenstrauß der Art, wie sie in den Klöstern gemacht werden, in einer gelben Vase, unter einer Glasglocke. Ein Schächtelchen mit kleinen bunten Muscheln. Ein winziges Bergwerk in einer Flasche und als Mittelstück ein Krippchen aus Moos und funkelnden Glimmersteinchen mit fein geschnitzten Tier- und Menschenfigürchen. Auch an einigen schönen Tassen und Kannen fehlte es nicht neben den heiligen Gegenständen, und den Schlußstein bildeten rechts und links von der Geburt Christi zwei kristallene Salzfäßchen. Und das alles so sauber gehalten, als gäbe es keinen Staub auf der Welt. Diese Kommode mit den verschiedenen kunstreichen Dingen war der kindliche Altar, den der einsame Priester sechstausend Fuß hoch über dem Meere und über der modernen Kultur dem Gott der Schönheit errichtet hatte. Hier stand er wohl manchmal, wenn draußen der Schnee wirbelte und der Sturm an dem hölzernen Häuschen rüttelte, und blickte sinnend in die kleine niedliche gedrechselte Welt hinein, schüttelte lächelnd das Haupt und sagte: »Was doch die Menschen nicht alles machen!«

Ganz dasselbe dachte Wally, als ihr Blick im Vorbeigehen schüchtern über die wunderhaften Sächelchen glitt. Wie reich auch ihr Vater war, solche Dinge hatten sich nie in sein Haus verirrt; was hätten auch die plumpen Bauern damit anfangen sollen? In ihrem ganzen Leben hatte sie so etwas nicht gesehen, sie, der schon ein Spinnrad neben ihren Sensen und Heugabeln als der Inbegriff aller Zierlichkeit erschien! Es war ihr ordentlich zumute, als könne sie sich in diesem Stübchen nicht regen, ohne etwas zu zerbrechen, und als müsse sie hier ganz besonders manierlich sein. Sie wollte unwillkürlich an der Tür die schweren, eisenbeschlagenen Bergschuhe ausziehen, um die glatten, weißgescheuerten Dielen nicht zu verderben, aber der Herr Kurat litt es nicht, und so trat sie denn so leise auf, als sie nur konnte, und setzte sich geziemend auf das äußerste Ende der Bank, die ihr der Herr anbot. Der Geistliche ließ sein freundliches, klares Auge beobachtend auf ihr ruhen und sah, daß sie den erstaunten Blick nicht von den Zieraten auf der Kommode abwenden konnte. Der alte Herr war ein Menschenkenner. »Du möchtest dir wohl erst meine hübschen Sächelchen ansehen? Tu es, mein Kind – du hast sonst keine rechte Sammlung für die ernsten Dinge, die wir besprechen wollen.«

Und er führte Wally zu der geheimnisvollen Kommode und erklärte ihr alles und erzählte ihr, wo er es her habe.

Wally traute sich nicht zu sprechen und sah und hörte voll Ehrerbietung. Als sie bei der Krippe als dem Besten und Letzten angekommen waren, sagte der Herr Kurat: »Siehst du, das ist Jerusalem da hinten, und das sind die Heiligen Drei Könige, die zum Christuskind wallfahrten – schau, das ist der Stern, der sie führt, und da – da liegt das Kindlein in der Krippe und ahnt noch nicht, daß es geboren ist, um zu leiden für die Sünden der Welt. Denn es kann noch nicht denken und hat keine Erinnerung mit herübergenommen aus seiner himmlischen Heimat, dieweil der Gottessohn eben nun ein rechtes Menschenkind werden mußte, wie jedes andere – sonst hätten ja die Menschen sagen können, das sei keine Kunst, so gut und geduldig zu sein, wie Jesus Christus, wenn man Gottes Sohn sei und göttliche Kraft habe, und einem solchen Vorbild könne man nicht nachahmen, wenn man ein gewöhnlicher Mensch sei. Sie sagen das auch leider jetzt noch oft genug und sündigen fort darauf hin!« Wally schaute das nette, nackte Kindlein an mit seiner Goldpapierglorie, wie es so geduldig da drin lag, und hörte die Worte des Pfarrers, und wie sie sich den strengen, finstern »Herrgott am Kreuz« als armes, hilfloses, zum Leiden geborenes Menschenkind dachte – da erbarmte sie sich seiner, und es tat ihr leid, daß sie gestern an dem Totenbett der Luckard »so grob« mit dem armen Gekreuzigten gewesen war. »Aber warum hat er sich au alles g'fallen lassen?« sagte sie unwillkürlich mehr zu sich selbst als zu dem hochwürdigen Herrn.

»Weil er den Menschen zeigen wollte, daß man nicht Böses mit Bösem vergelten und sich nicht rächen soll, denn Gott hat gesprochen: ›Mein ist die Rache!‹«

Wally wurde rot und schlug die Augen nieder.

»Jetzt komm, mein Kind«, sagte der kluge Mann, »und leg deine Beichte ab!«

»Des wird kurz bei'nand sein, Hochwürden«, sagte Wally. Und ehrlich, wie sie stets gewesen, erzählte sie ohne jede Beschönigung, wenn auch mit schüchtern gedämpfter Stimme, wie alles gegangen, und bald war dem Beichtiger der ganze Zusammenhang klar. Ein gewaltiges Lebensbild hatte sich, mit groben Zügen hingeworfen, vor ihm entrollt, und ihn jammerte des edlen jungen Bluts, das da zwischen schroffen Menschen verwilderte.

Lange saß er still und blickte sinnend vor sich hin, als Wally geendet hatte. Sein Blick haftete an einem alten zerlesenen Buch auf seinem Bücherschaft an der Wand; ein Fremder, den er gastlich aufgenommen, hatte es ihm geschenkt. Auf dem Einband stand mit Golddruck: Das Nibelungenlied.

»Herr Pfarrer«, sagte Wally, die das Nachdenkliche in seinen Zügen für den Ausdruck des Vorwurfs hielt, »'s is halt au z' viel z'samme komme, i hab halt g'rad noch den Zorn weg'n der armen Luckard im Leib g'habt, und da schlagt der au noch den Klettenmaier! Schaut's, i hab den alten Mann nit schlagen sehen könne, um alles nit, und wann's no amol so kam, i machet's g'rad wieder so; und a Mordbrennerin bin i doch nit, wann 's mich glei so heißen werd'n. Gelt'n S'? Wann ma a Haus am hellen Tag anzünd't, wo alle Leut derbei sind, da is ma kaa Brandstifter nit. I hab mir halt nimmer z' helfen g'wußt, und da hab i denkt, wann s' löschen müssen, können s' mir nit nachspringe! Und wann des a Sünd is, nachher woaß i nit, wie ma's mach'n soll auf dera Welt, wo die Leut so bös sind und ein'm alles Ung'mach antun.«

»Man soll es machen wie Jesus Christus: dulden und tragen!« sagte der Geistliche.

»Wißt's, Hochwürden«, fuhr Wally heftig heraus, »wann der Herr Jesus Christus alles mit sich hat machen lassen, so hat er g'wußt, warum – der hat die Leut was lehren wollen! I wüßt aber nit, für was i 's tät, denn von mir will doch niemand nix lerne im ganzen Ötztal! Und wann i mich noch so geduldig hätt in 'n Keller sperren lass'n, 's war ganz für nix g'wesen – denn 's hätt sich niemand kei Beispiel dran g'nommen, aber mich hätt's mei Leben kost't!«

Einen Augenblick besann sich der Pfarrer, dann richtete er seine freundlichen, überschauenden Augen auf Wally und schüttelte den Kopf. »Du unbändig's Kind du, möchtest nicht mit mir auch schon wieder Streit anfangen? Sie haben dich arg verstört und aufgereizt, daß du überall Feinde und Widerspruch witterst. Komm nur zu Atem und merk, wo du bist – du bist bei einem Diener Gottes, und Gott sagt: ich bin die Liebe! Das soll dir kein bloßes Wort sein, ich will dir zeigen, daß es wahr ist! Ich will dir sagen, daß, wenn auch alle Leute dich hassen und verdammen, der liebe Gott dich doch lieb hat und dir verzeiht! Was du bist, das haben die harten Menschen, die rauhen Berge und die wilden Wetter aus dir gemacht, und das weiß der liebe Gott recht wohl, denn er sieht dir ins Herz und sieht, daß dein Herz gut und rechtschaffen ist, wie du auch gefehlt hast. Und er weiß, daß in der Wildnis keine Gartenblumen wachsen, und daß grobe Äxte kein fein Bildwerk schnitzen. Aber nun paß auf! Findet unser Herr und Meister so ein grob Schnitzwerk von besonders gutem Holz, das ihm der Mühe wert dünkt, was Besseres draus zu machen, so nimmt er wohl selber einmal das Messer und schnitzelt das verpfuschte Menschenwerk zurecht, daß noch was hübsches draus wird. Nun mein ich, du sollst recht achtgeben, daß du dein Gemüt nicht noch mehr verhärtest, denn schau, wenn unser Herrgott so ein paar Schnitt getan hat, und er findet das Holz zu hart, so verdrießt ihn die Mühe, und er wirft die Arbeit weg. Hab ja acht, mein Kind, daß dein Herz weich sei und nachgebe unter Gottes bildnerischem Finger. Wenn ein harter Druck dich unerträglich dünkt, so sei fügsam und denke, du spürst die Hand Gottes, die an dir arbeitet. Und wenn ein Schmerz dir scharf in die Seele schneidet, so denke nur, es sei Gottes Messer, das die Unebenheiten herausschneidet. Verstehst du mich?«

Wally nickte etwas unsicher mit dem Kopf.

»Nun«, sagte der alte Herr, »ich will dir's noch deutlicher machen. Was möchtest du lieber sein, ein roher Stock, mit dem man die Leute totschlagen kann, und den man, wenn er morsch wird, zerbricht und verbrennt, oder so ein feines Heiligenfigürchen, wie jenes dort, das man in ein Bildstöckchen stellt und andachtsvoll verehrt?«

Jetzt hatte Wally ihn begriffen und nickte lebhaft: »Ja freili – lieber so a Heiligenfigürl!«

»Nun, siehst du! Grobe Fäuste haben einen rohen Stock aus dir gezimmert, aber Gottes Hand kann so ein Heiligenbild aus dir schnitzen, wenn du tust, was ich dir eben sagte.«

Wally sah den Pfarrer mit großen, erstaunten Augen an, es war ihr ganz eigen zumute – vergnügt und doch zum Weinen. Nach langem Schweigen sagte sie schüchtern: »I weiß nit, wie des is, aber bei Euch ist alles anders als anderswo, Herr Pfarrer! So hat no kei Mensch mit mir g'red't! Der Herr Kurat von Sölden hat immer g'scholten und vom Teufel und unsre Sünden g'sprochen, und i hab gar nit g'wußt, was er will, denn i hab selbigerzeit no gar nix Böses 'tan gehabt. Aber Ös redet's doch mit ein'm, daß ma's verstehn kann und – i mein, wenn i bei Euch bleib'n könnt – da war's mir am wöhlsten! I wollt g'wiß Tag und Nacht arbeiten und mei Stückl Brot verdiene –!«

Der Kurator überlegte lange, dann schüttelte er traurig den Kopf: »Das geht nicht, du armes Kind. Wenn ich's noch so bedenke, es geht nicht. Wenn ich dir im Namen Gottes vergeben kann, vor den Menschen darf ich's nicht. Denn Gott sieht die Absicht, die Menschen sehen nur die Tat. Ein anderes ist der Geistliche im Beichtstuhl – ein anderes in der Gemeinde. Im Beichtstuhl ist er der Verkünder der Gnade – in der Gemeinde ist er der Vertreter des Gesetzes. Er muß die Menschen aneifern durch Wort und Beispiel, das Gesetz zu ehren und zu halten. Denke, was würden die Leute sagen, wenn der Pfarrer eine offenkundige Brandstifterin bei sich aufnähme? Würden sie's verstehen, warum ich's täte? Niemals, sie würden nur daraus schließen, daß ich die Brandstifter in Schutz nehme, und daraufhin sündigen. Und wenn wir demnächst eine recht boshafte Brandstiftung erlebten, so müßte ich mir bitter vorwerfen, daß ich den Leuten durch meine Nachsicht gegen dich Mut dazu gemacht hätte! Kannst du das einsehen und es ohne Murren hinnehmen, als die unvermeidlichen Folgen deiner Tat?«

»Ja!« sagte Wally dumpf, und ihre Augen röteten sich von verhaltenen Tränen. Dann stand sie rasch auf und sagte schroff: »So dank i schön, Herr Pfarrer, und wünsch guten Morgen.«

»He! He!« rief der Pfarrer, »gleich wieder oben 'naus? Was meinst, wär's nicht näher durch die Wand als durch die Tür? Ich ging' an deiner Stelle lieber durch die Wand!«

Wally blieb beschämt stehen und sah zu Boden. Der alte Herr ließ mit komischer Verwunderung seine Augen auf ihr ruhen: »Was wird das kosten, bis das rasche Blut gebändigt ist! Läuft man denn gleich so fort! Sag ich denn, ich wollte dich deinem Schicksal überlassen, wenn ich dich nicht bei mir im Haus behalten will? Zuerst frühstückst du mit mir, denn essen muß der Mensch, und Gott weiß, wie lang du nichts mehr gegessen hast. Dann wollen wir weiterreden.« Er ging an ein Schiebfensterchen, das nach der Küche führte, und rief der alten Magd, das Frühstück für drei zu richten. Dann setzte er sich an ein einfaches Schreibpult und schrieb der Wally ein paar Namen von Bauern auf, die er als brave Leute kannte.

»Schau, da hast du ein ganzes Verzeichnis von rechtschaffenen Männern und Frauen im Ötztal und Gurglertal«, sagte er zu Wally; »bei denen such dir einen Dienst. Hinten in den Bergen weiß man noch nichts von deinem Vergehen, und bis man's erfährt, kannst du dich schon als brave Magd bewährt haben, so daß die Leute ein Auge zudrücken. Auf mich darfst du dich nicht berufen, doch du bist groß und stark wie ein Mann, sie werden dich gern nehmen. Du kannst tüchtig arbeiten und dich nützlich machen, wenn du willst. Aber gehorchen mußt du lernen, mußt dich schicken in Brauch und Ordnung, sonst geht's nicht! Ich verlange nicht von dir, daß du zu deinem Vater zurückkehrst und dich in den Keller sperren lässest, denn das wäre eine unwürdige Strafe und würde bei dir mehr verderben als gut machen. Ich verlange auch nicht, daß du den Vinzenz aus Gehorsam gegen den Vater heiratest und dich für dein Leben unglücklich machst. Aber ich verlange von dir, daß du dein wildes Wesen im Dienste braver Leute, in vernünftiger, geregelter Tätigkeit bändigst und wieder ein brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft wirst. Versprichst du mir das?«

»I will's probier'n«, sagte Wally in ihrer unerschütterlichen Ehrlichkeit.

»Nun, das ist alles, was ich vorderhand von dir verlange, denn ich weiß wohl, daß du mit gutem Gewissen nicht mehr versprechen kannst. Aber versuche es mit redlichem Willen und denke immer, daß der liebe Gott zu hartes Holz wegwirft! – Ich will heute noch zu deinem Vater gehen und ihm ins Gewissen reden, daß er dir verzeiht und sich mit dir aussöhnt, oder dich wenigstens nicht weiter verfolgt. Gib mir bald Bericht, wo du bist, daß ich dir schreiben kann, wie die Dinge stehen.«

Die Mariann brachte das Frühstück, und der Pfarrer sprach das Morgengebet. Auch Wally faltete andächtig die Hände und bat aus tiefster Seele den lieben Gott, er möge ihr doch helfen, gut und brav zu werden; es war ihr so heiliger Ernst damit, sie wäre ja so gern gut und brav gewesen, wenn sie nur gewußt hätte, wie sie's machen sollte.

Als das Gebet zu Ende war, setzten sich alle drei, sie und der Herr Pfarrer und die Mariann, zum Frühstück. Aber kaum hatten sie begonnen, da erhob sich draußen ein Lärm: » A Geier – Schaut's da aufm Dach den Geier! – Schießt's 'n 'runter, Büx'n her!«

»Jesus, mei Hansel!« schrie Wally, sprang auf und wollte zur Tür hinaus.

»Halt!« rief der Pfarrer, »was willst du – du kannst jetzt nicht hinaus; willst du dich unnötig preisgeben, wo jeden Augenblick die Leute deines Vaters kommen können, dich zu holen?«

»Mein'n Geier lass' i nit im Stich, werd's wie's woll!« rief Wally, und mit einem Sprung war sie zur Tür hinaus.

Der Pfarrer folgte ihr kopfschüttelnd.

»Der Geier is zahm«, schrie sie den Leuten zu, »er g'hört mir, laßt'n gehen!«

»Aber so a Vieh laßt ma doch nit so 'rumfliegen«, murrten die Leute.

»Hat er euch a Schaf g'holt oder a Kind?« fragte Wally trotzig.

»Nein!«

»No also – laßt mich ung'schoren mit mei'm Vogel!« sagte das Mädchen und stand so stolz und herausfordernd da, daß die Leute sie erstaunt ansahen.

»Wally, Wally«, sagte leise der Pfarrer, »denk an das harte Holz.«

»I denk scho dran, Herr Pfarrer«, und sie winkte mit der Hand dem Geier: »Hansel, komm weiter!« Der Vogel schoß vom Dach herab, daß die Leute erschrocken zurückfuhren. Sie nahm ihn auf die Schulter und schritt auf den Pfarrer zu. »B'hüat Gott, Hochwürden«, sagte sie leise, »i dank für alles!«

»Willst nicht noch hereinkommen und fertig frühstücken?« fragte der alte Herr.

»Nein, i laß den Vogel nimmer da allein – und fort muß i ja doch – auf was soll i warten?«

»So sei Gott mit dir und alle Heiligen!« sagte der Pfarrer bekümmert, indessen die alte Mariann ihr heimlich einen Imbiß in die Tasche des faltigen Rockes stopfte.

Einen Augenblick zögerte ihr Fuß an der ihr liebgewordenen Schwelle – dann aber schritt sie still weiter durch alle die Leute durch, die ihr erstaunt nachgafften.

»Wer is denn des?«

»Des is a Hex!« hörte sie hinter sich flüstern.

»Es ist eine Fremde«, erklärte der Pfarrer, »der ich die Beichte abgenommen habe!«

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